Geistige Behinderung -  - E-Book

Geistige Behinderung E-Book

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Beschreibung

Geistige Behinderung hat verschiedene Ursachen und Auswirkungen. Dieses interdisziplinär verfasste Buch trägt der komplexen Problematik durch eine ausgewogene Darstellung verschiedener Aspekte Rechnung. In fundierten Beiträgen geben Ärzte, Psychologen, Pädagogen und Juristen detailliert Antwort auf Fragen der Praxis. Damit werden Grundlagen für die Erziehung, Förderung und Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung vermittelt und Perspektiven für das Leben in der Gemeinschaft aufgezeigt. Die 4. Auflage knüpft an den Erfolg der Vorauflagen an. Neu in dieser Auflage sind Kapitel zu Substanzmissbrauch, Sexualität, Aufgaben der Pflege, Problemen des Alterns sowie forensischen Fragen und Problemen.

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Seitenzahl: 935

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Geistige Behinderung hat verschiedene Ursachen und Auswirkungen. Dieses interdisziplinär verfasste Buch trägt der komplexen Problematik durch eine ausgewogene Darstellung verschiedener Aspekte Rechnung. In fundierten Beiträgen geben Ärzte, Psychologen, Pädagogen und Juristen detailliert Antwort auf Fragen der Praxis. Damit werden Grundlagen für die Erziehung, Förderung und Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung vermittelt und Perspektiven für das Leben in der Gemeinschaft aufgezeigt. Die 4. Auflage knüpft an den Erfolg der Vorauflagen an. Neu in dieser Auflage sind Kapitel zu Substanzmissbrauch, Sexualität, Aufgaben der Pflege, Problemen des Alterns sowie forensischen Fragen und Problemen.

Prof. em. Dr. Gerhard Neuhäuser leitete die Abt. Neuropädiatrie und Sozialpädiatrie, Zentrum für Kinderheilkunde, Universität Gießen. Prof. Dr. Dr. Hans-Christoph Steinhausen lehrt Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Klinische Psychologie an den Universitäten Aarhus in Aalborg (DK) und Basel. Prof. Dr. Frank Häßler ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie/Psychotherapie der Universität Rostock. Prof. Dr. Klaus Sarimski lehrt sonderpädagogische Frühförderung und allgemeine Elementarpädagogik am Institut für Sonderpädagogik der PH Heidelberg.

Gerhard Neuhäuser Hans-Christoph Steinhausen Frank Häßler Klaus Sarimski (Hrsg.)

Geistige Behinderung

Grundlagen, Erscheinungsformen und klinische Probleme, Behandlung, Rehabilitation und rechtliche Aspekte

4., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage

Verlag W. Kohlhammer

Wichtiger Hinweis

Pharmakologische Daten verändern sich fortlaufend durch klinische Erfahrung, pharmakologische Forschung und Änderung von Produktionsverfahren. Verlag und Autor haben große Sorgfalt darauf gelegt, dass alle in diesem Buch gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Eine Gewährleistung können Verlag und Autor hierfür jedoch nicht übernehmen. Daher ist jeder Benutzer angehalten, die gemachten Angaben, insbesondere in Hinsicht auf Arzneimittelnamen, enthaltene Wirkstoffe, spezifische Anwendungsbereiche und Dosierungen anhand des Medikamentenbeipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen und in eigener Verantwortung im Bereich der Patientenversorgung zu handeln. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen oder sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

4., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 2013 Alle Rechte vorbehalten © 1990/2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

Print: 978-3-17-022192-5

E-Book-Formate

pdf:

epub:

978-3-17-027588-1

mobi:

978-3-17-027589-8

Inhalt

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Vorwort

Teil A: Grundlagen

1 Epidemiologie, Risikofaktoren und PräventionGerhard Neuhäuser und Hans-Christoph Steinhausen

2 Genetische und biologische GrundlagenAlexander von Gontard

3 Psychologische Theorien geistiger BehinderungKlaus Sarimski

Teil B: Erscheinungsbilder und klinische Probleme

4 Klinische SyndromeGerhard Neuhäuser

5 Psychische Störungen und VerhaltensproblemeHans-Christoph Steinhausen, Frank Häßler und Klaus Sarimski

6 SubstanzmissbrauchFrank Häßler

7 Sexualität und sexuell abweichendes VerhaltenFrank Häßler

8 Klinische Diagnostik und FrüherkennungGerhard Neuhäuser und Hans-Christoph Steinhausen

9 Psychologische DiagnostikKlaus Sarimski

Teil C: Behandlung und Rehabilitation

10 Körperliche Störungen und ihre BehandlungJohannes Buchmann und Gerhard Neuhäuser

11 PsychopharmakotherapieFrank Häßler und Olaf Reis

12 Psychologische BehandlungenKlaus Sarimski

13 Sonderpädagogische Aufgaben und BeiträgeTheo Klauß

14 Frühförderung mit der FamilieKlaus Sarimski

15 KommunikationsförderungSusanne Wachsmuth

16 Bewegung, Spiel und SportKlaus Fischer

17 Berufliche Habilitation und RehabilitationGerd Grampp

18 Aufgaben der PflegeSamuel Elstner

19 Probleme des AltersMaximilian Buchka

20 Psychiatrische VersorgungChristian Schanze

21 SelbsthilfeTheo Frühauf

Teil D: Rechtliche Bestimmungen und Hilfen

22 Gesetzliche Grundlagen der Rehabilitation und Pflege für Menschen mit geistiger BehinderungSabine Wendt

23 BetreuungsrechtUlrich Hellmann

24 Behindertenrechtskonvention und FolgenKlaus Lachwitz

25 Forensische Fragen und ProblemeFrank Häßler

Stichwortverzeichnis

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Herausgeber

Prof. Dr. Frank Häßler

Klinik für Psychiatrie, Neurologie,

Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universitätsmedizin Rostock

Gehlsheimer Str. 20

18147 Rostock

[email protected]

Prof. Dr. Gerhard Neuhäuser

Dresdener Str. 24

35440 Linden

[email protected]

Prof. Dr. Klaus Sarimski

Institut für Sonderpädagogik

Pädagogische Hochschule Heidelberg

Keplerstr. 87

69120 Heidelberg

[email protected]

Autoren

PD Dr. Johannes Buchmann

Klinik und Poliklinik für Kinder- und

Jugendneuropsychiatrie/Psychotherapie

Universität Rostock

Postfach 10 08 88

18055 Rostock

[email protected]

Prof. Dr. Dr. Hans-Christoph Steinhausen

Forschungseinheit für Kinder- und

Jugendpsychiatrie

Psychiatrische Klinik

Universitätsklinik Aalborg

Mølleparkvej 10

DK-9000 Aalborg

[email protected]

Klinische Psychologie und Epidemiologie

Institut für Psychologie

Missionsstrasse 60/62

CH-4055 Basel

[email protected]

Universitätsklinik Kinder- und

Jugendpsychiatrischer Dienst

Neptunstrasse 60

CH-8032 Zürich

[email protected]

Prof. Dr. Maximilian Buchka

Institut für Heilpädagogik und Sozialtherapie

Fachbereich Bildungswissenschaft

Alanus Hochschule für Kunst und

Gesellschaft

Campus II, Villestraße 3

53347 Alfter bei Bonn

[email protected]

Dr. Samuel Elstner MBA

Leitender Arzt

Behandlungszentrum für psychisch kranke Menschen mit geistiger Behinderung

Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

Evangelisches Krankenhaus Königin

Elisabeth Herzberge gGmbH

Herzbergstraße 79

10365 Berlin

[email protected]

Prof. Dr. Klaus Fischer

Humanwissenschaftliche Fakultät

Universität zu Köln

Frangenheimstrasse 4 a.

50931 Köln

[email protected]

Dr. Theo Frühauf

Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.

Raiffeisenstrasse 18

35043 Marburg

[email protected]

Prof. Dr. Gerd Grampp

Fachbereich Sozialwesen

Fachhochschule Jena

Postfach 100 314

07703 Jena

[email protected]

Prof. Dr. Alexander von Gontard

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie,

Psychosomatik und Psychotherapie

Universitätsklinikum des Saarlandes

66421 Homburg

[email protected]

Ulrich Hellmann, Ass. Jur.

Pfingstweide 16

35043 Marburg

[email protected]

Prof. Dr. Theo Klauß

Institut für Sonderpädagogik

Pädagogische Hochschule Heidelberg

Keplerstr. 87

69120 Heidelberg

[email protected]

Klaus Lachwitz, Ass. jur.

Rossdorfer Str. 8

35 085 Ebsdorfergrund

Inclusion International

4 – 6 University Way

Docklands Campus

GB – London E16 2 RD

[email protected]

Dr. Olaf Reis

Klinik für Psychiatrie, Neurologie,

Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universitätsmedizin Rostock

Gehlsheimer Str. 20

18147 Rostock

[email protected]

Christian Schanze

Krankenhaus St. Camillus

Dominikus-Ringeisen-Str. 20

86513 Ursberg

[email protected]

[email protected]

Dr. phil. habil. Susanne Wachsmuth

FB Erziehungswissenschaften,

Universität Gießen

Karl-Glöckner-Str. 21 b

35394 Gießen

[email protected]

Dr. Sabine Wendt

Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.

Raiffeisenstrasse 18

35043 Marburg

[email protected]

Vorwort

Mit der Behindertenrechtskonvention (BRK), die am 26. 03. 2009 von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet wurde, haben sich für Menschen mit geistiger Behinderung neue Perspektiven ergeben. Nicht nur das seit 2002 geltende Behindertengleichstellungsgesetz wurde auf eine sichere internationale Basis gestellt, sondern auch zahlreiche Gesetze und Erlasse mussten und müssen den Forderungen der BRK angepasst werden. Für den einzelnen Menschen mit geistiger Behinderung bedeutet dies, dass sich seine Möglichkeiten bei der Selbstbestimmung und für die Teilhabe bzw. Inklusion in der Gesellschaft erweitert haben. Nach wie vor sind dabei für alle Fachleute, die begleiten, unterstützen und helfen wollen, gute interdisziplinäre Kenntnisse eine entscheidende Grundlage für erfolgreiches Handeln.

Nach Auflagen in den Jahren 1990, 1999 und 2003, die eine erfreulich positive Resonanz fanden, legen wir hiermit die vierte, vollständig überarbeitete und erweiterte Ausgabe dieses für die fachliche und interdisziplinäre Kooperation bestimmten Werkes vor. Augenfälligste Veränderungen sind die Erweiterung des Herausgeberkreises und eine größere thematische Ausgestaltung. Geblieben ist wie in den früheren Auflagen das Bemühen, zur Verständigung und Zusammenarbeit unter den verschiedenen Professionen beizutragen, weil man nur interdisziplinär der Thematik im Interesse des einzelnen Menschen mit geistiger Behinderung gerecht werden kann.

In der vorliegenden Auflage haben wir diesen Ansatz weiter ausgebaut. So wurden im Teil B, der Erscheinungsbilder und klinische Probleme darstellt, Kapitel zu Suchtgefährdung und Sexualität neu aufgenommen. Im Teil C, bei der Darstellung von Behandlung und Rehabilitation, sind aktuelle Aspekte der Pflege, Probleme des Alters und Möglichkeiten der psychiatrischen Versorgung hinzugekommen. Teil D mit rechtlichen Bestimmungen und Hilfen behandelt neu die Behindertenrechtskonvention und schließt mit einer Diskussion forensischer Fragen und Probleme.

Der Titel »Geistige Behinderung« wurde beibehalten; die kontroversen Diskussionen um eine bessere Definition halten an und einen allseits akzeptierten Vorschlag gibt es nicht. Das Handbuch ist mit seinen verschiedenen Auflagen zugleich ein Abbild von Kontinuität wie von Aktualität. Bei unveränderter Grundstruktur und interdisziplinärer Ausrichtung wurde und wird es von Fachleuten geprägt, die über einen langen Zeitraum theoretisch wie praktisch das Thema aus ihrer spezifischen Kompetenz und Sichtweise reflektiert und mitgestaltet haben. Dabei stützt sich das Handbuch sowohl auf die Mitarbeit neuer Autorinnen und Autoren, welche die Aktualität der jeweiligen Inhalte sichern helfen, als auch auf die Bereitschaft jener Autorinnen und Autoren, die bereits an früheren Auflagen mitwirkten und ihre Kapitel zeitnah überarbeiteten. Ihnen allen gilt unser Dank für eine engagierte und vertrauensvolle Mitarbeit!

Dem Verlag sowie seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern danken wir für die kontinuierliche sorgfältige Betreuung dieses Werkes, das von der grundlegenden Absicht getragen ist, über die nötige Wissensvermittlung die Entfaltungsmöglichkeiten von Menschen mit geistiger Behinderung in zahlreichen Lebensbereichen zu unterstützen und damit zu ihrer Inklusion in die Gemeinschaft beizutragen.

Linden/Aalborg-Basel-Zürich/Rostock/Heidelberg

Februar 2013

Gerhard Neuhäuser

Hans-Christoph Steinhausen

Frank Häßler

Klaus Sarimski

Teil A:Grundlagen

1 Epidemiologie, Risikofaktoren und Prävention

Gerhard Neuhäuser und Hans-Christoph Steinhausen

1.1 Definition und Aufgaben der Epidemiologie

1.2 Aspekte der Falldefinition und -identifikation

1.3 Prävalenzen im Vergleich.

1.4 Risikofaktoren.

1.4.1 Biologische Faktoren

1.4.2 Psychosoziale Faktoren

1.5 Prävention

1.5.1 Primärprävention

1.5.2 Sekundärprävention

1.5.3 Tertiärprävention und Versorgung.

Zusammenfassung.

Literatur.

1.1 Definition und Aufgaben der Epidemiologie

Die Epidemiologie beschäftigt sich mit dem Auftreten und den Ursachen von Krankheiten in Bevölkerungen. Daher geht es um die Erforschung von Häufigkeiten, Verteilungen und Ursachenzusammenhängen bei Krankheiten einschließlich psychischer Störungen. Auf dem Gebiet der geistigen Behinderung wurden seit den ersten Untersuchungen von Lewis (1929) und von Penrose (1938) vor allem international epidemiologische Daten in großem Umfang gesammelt.

Mit der Ausweitung des epidemiologischen Ansatzes von beschreibenden zu analytischen Methoden sind einfache Kausalitätsvorstellungen (z. B. Verursachung durch einen Erreger) zu komplexen Modellen über Zusammenhänge zwischen Umwelt, Ursache sowie Merkmalsträger einer Störung (z. B. einer psychischen Erkrankung) weiterentwickelt worden.

Die epidemiologischen Fragestellungen der Sozialpsychiatrie gelten auch für den Bereich der geistigen Behinderung:

Untersuchung von Häufigkeiten in verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Querschnitt und im Längsschnitt;

Studien über Arbeitsweise und Wirksamkeit von Gesundheitsdiensten mit dem Ziel ihrer Verbesserung;

Einschätzung individueller Risiken auf der Basis von Gruppenstatistiken;

Aufdeckung von Syndromen in Bevölkerungsgruppen;

Erforschung von Ursachen und ihrem Zusammenwirken.

Bei der epidemiologischen Datenerhebung sind die Reliabilität (Zuverlässigkeit, d. h. ein Maß für die Präzision der einzelnen Beurteilungen des untersuchten Parameters) und die Validität (Gültigkeit, d. h. eine Aussage über die Richtigkeit einzelner Messungen oder einer Studie) zu beachten. Als Methoden kommen vollständige Erfassungen von Populationen oder Zufallsstichproben mit deskriptiven (Korrelationsstudien, Querschnittsuntersuchungen) oder analytischen Verfahren (Fallkontrollstudien, Kohortenstudien, Interventionsstudien) in Betracht. Mit diesem Vorgehen sind unterschiedliche Aussagen möglich, was bei der Planung derartiger Untersuchungen zu berücksichtigen ist (Schlack, 2009; von Kries, 2009) und die Ergebnisse bestimmt.

Für die Epidemiologie im Bereich der geistigen Behinderung ist eine interdisziplinäre Sichtweise erforderlich, die medizinische, psychologische und soziologische Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Es geht nicht nur darum, Häufigkeitsverteilungen und -unterschiede in Bevölkerungsgruppen zu erfassen, sondern auch um Hinweise zur Ätiologie und Pathogenese, zur Beeinflussung durch präventive Maßnahmen, therapeutische und pädagogische Verfahren sowie zur Versorgung mit unterschiedlichen Modellen und Organisationsstrukturen unter Berücksichtigung der jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen.

Die Sozialepidemiologie befasst sich mit dem Beitrag bestimmter sozialer Faktoren bei der Bewältigung von Krankheiten und Behinderungen. Die geistige Behinderung bzw. eine Intelligenzminderung wird ja in vielen Bereichen auch von sozialen und soziokulturellen bzw. psychosozialen Einflüssen mitbestimmt. Diese Aspekte sind bedeutsam für Entstehungsgeschichte, Ausprägung und individuelle Lebensverläufe bei Menschen mit geistiger Behinderung und müssen deshalb auch in epidemiologischen Studien angemessen berücksichtigt werden.

1.2 Aspekte der Falldefinition und -identifikation

Die geistige Behinderung eines Menschen ist als Ergebnis des Zusammenwirkens von vielfältigen sozialen Faktoren und medizinisch beschreibbaren Störungen anzusehen. Diagnostizierbare prä-, peri- oder postnatal entstandene Schädigungen erlauben zunächst meist keine prognostische Aussage. Das Entstehen einer geistigen Behinderung hängt vielmehr vom Wechselspiel zwischen den potentiellen Fähigkeiten des betroffenen Menschen und den Anforderungen seitens seiner konkreten Umwelt ab. Geistige Behinderung ist also eine gesellschaftliche Positionszuschreibung aufgrund vermuteter oder erwiesener Funktionseinschränkungen angesichts der als wichtig erachteten sozialen Funktionen.

Wegen der Bedeutung sozialer Faktoren ergeben sich aber auch viele Möglichkeiten für erfolgversprechende Interventionen. So können negative Auswirkungen organisch bedingter Funktionseinschränkungen z. B. im intellektuell-kognitiven Bereich vermieden oder teilweise gemindert und begrenzt werden. Den pädagogisch-therapeutischen Bemühungen und Lernmöglichkeiten sowie den Lebensumständen kommt eine wichtige Bedeutung zu, wie durch den Normalisierungsgedanken und das Prinzip der Selbstbestimmung bzw. der Partizipation in den letzten Jahren mit weitgehenden Auswirkungen in der Praxis gezeigt werden konnte: Mit der Abkehr von primär defektorientierten Denkmodellen wird der Prozesscharakter bei geistiger Behinderung als sozial vermittelter Tatbestand in den Vordergrund gerückt.

Diese Betrachtung entspricht dem ursprünglich dreistufigen Behinderungsmodell der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Unterscheidung der Dimensionen Schädigung, Beeinträchtigung und Behinderung fand für Menschen mit geistiger Behinderung ihren Niederschlag in Begriffen wie »mental deficiency«, »mental retardation« oder »mental handicap«. Bei der neu entworfenen International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF, WHO 2001) werden hingegen weniger die Störungen, sondern die Möglichkeiten eines behinderten Menschen in den Vordergrund gestellt. Es geht um Aktivitäten (Activities – Umsetzung einer Aufgabe oder Aktion) und Partizipation (Participation – Einbindung in eine Lebenssituation), deren Begrenzung durch Schwierigkeiten bei der Durchführung bzw. wegen Problemen mit der Einbindung in eine Lebenssituation, vor allem geht es auch um die Erfassung von Umweltfaktoren, welche die physikalische, soziale und zuschreibende Umgebung eines Menschen definieren. Die ICF unterteilt in »Functioning« und »Disability« (mit den Komponenten Körperfunktionen, Körperstrukturen, Aktivitäten, Partizipation) und in »Contextual Factors« (mit den Komponenten Umweltsowie Persönlichkeitsfaktoren), die noch weiter zu differenzieren sind (z. B. nach Capacity – Vermögen, oder Performance – Umsetzung). Die Anwendung der ICF in der Praxis ist nicht unproblematisch, besonders für Menschen mit geistiger Behinderung (Meyer, 2004); für das Kindesalter gibt es eine eigene Version (Amorosa, 2011). Trotzdem ist mit der ICF ein wichtiger Schritt getan, um geeignete Voraussetzungen für eine nachhaltige Teilhabe zu schaffen, was auch im Sozialgesetzbuch IX von 2001 zum Ausdruck kommt und unmittelbar Konsequenzen für Menschen mit geistiger Behinderung hat. Allerdings stehen noch manche gesetzliche Änderungen an, bevor das Inklusions-Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention (2006) erreicht ist.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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