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Sarah und der fünfzehn Jahre jüngere Marc treffen sich auf einer Party und werden in Höchstgeschwindigkeit ein Paar. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Sarah, die mit ihren vierzig Jahren immer nur Kurzbeziehungen geführt hat und unangenehmen Situationen gern aus dem Weg geht, muss sich umstellen. Und lernen, mit ihrer eigenen Skepsis und den ganzen gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich aus einer Liaison mit einem so viel jüngeren Mann im Alltag ergeben, umzugehen. Marcs beharrlich unnachgiebige, aber trotzdem liebevoll verständnisvolle Art stützt sie dabei. Und zwar in kürzester Zeit, da er neben seinen vielen positiven Eigenschaften nur sehr leidlich geduldig ist. Eine Geschichte von Toleranz, Ängsten, dem übertriebenen Schönheitsselbstverständnis vieler Frauen, dem Problem mit dem Älterwerden und dem Mut, für seine eigenen Ziele zu kämpfen und auch mal unkonventionell zu sein und gegen den Strom zu schwimmen. Mal traurig, mal witzig, mal erotisch, ein Plädoyer für die Liebe.
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Seitenzahl: 698
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das Buch
Sarah ist eine hübsche Frau von vierzig Jahren, die laut Eltern und Freunden wesentlich jünger aussieht. Auf einer Tanzparty lernt sie Marc kennen. Beide verlieben sich ineinander.
Soweit alles Friede, Freude, Eierkuchen. Bis Sarah erfährt, dass Marc erst 25 ist. Im Gegensatz zu ihm hat sie gehörig an dieser Tatsache zu knabbern. Kommentare von Freunden, Bekannten und Verwandten tun ihr Übriges. Ist es richtig, was sie da macht? Kann ihre Beziehung denn überhaupt halten? Und falls ja, wird sie Marc damit womöglich die Zukunft ruinieren und vielleicht sogar seine Eltern vergraulen?
Fragen über Fragen, die plötzlich auf Sarah einstürzen. Der redegewandte und generell eher ungeduldige Marc hilft ihr mit unkonventionellen Methoden, ihre Zweifel zu überwinden. Gemeinsam starten sie einen Versuch, ihre Umwelt von sich zu überzeugen und sich ein gemeinsames glückliches Leben aufzubauen. Wenn da nicht Sarahs Probleme mit dem Älterwerden wären…
Die Autorin
Isabel Hahn ist Diplom-Mathematikerin und arbeitet als freischaffende Journalistin. Sie wohnt in der Nähe von Frankfurt. „Geliebte alte Frau“ ist ihr erster Roman.
Für meine Familie, die mich immer unterstützt hat.
Eine Geschichte aus dem Jahr 2016,
die es nie gab,
aber genauso hätte geben können.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Leise, aber eindringlich dringt die Stimme in ihr Bewusstsein. Lockt, bettelt in wunderschönem Portugiesisch, das sie eigentlich gar nicht verstehen kann. Trotzdem… Sie weiß genau, was der Sänger ihr mit seinem Lied sagen will. Die Melodie verrät Leidenschaft, verloren geglaubte Liebe, neue Hoffnung.
„Kitsch“, schießt es ihr kurz durch den Kopf. Schnell verdrängt sie den Gedanken wieder. Die Beats werden immer lauter. Jedenfalls in ihrer Wahrnehmung. Sie kann sie nicht nur hören. Sie spürt jeden Schlag. Jeder Schlag ist eine Bewegung.
„Mein Körper tanzt beinahe von alleine“, denkt sie amüsiert. Die Anspannung des anstrengenden Tages im Büro weicht allmählich von ihr, die Verkrampfungen lösen sich. Denken ist jetzt verboten, nur Empfinden zählt noch. Finger wandern auf ihrem Rücken hoch und runter, verweilen knapp oberhalb ihrer Hüfte, geben den Rhythmus an, den Rhythmus der Musik, den Rhythmus ihres Körpers. Sie lässt die Berührungen zu, sehnt sich geradezu danach. Ihre Hüfte schwingt vorwärts, seitlich, im Kreis - während ihr Tanzpartner ihren Körper zärtlich dirigiert und sie schließlich langsam in einer Hebefigur nach oben reckt.
„So müssen Drogen wirken. Ich schwebe“, jubelt sie innerlich und lässt sich von den melodiösen Klängen um sie herum wie von einer Welle mitreißen. Fühlt sich wie in einem Rausch, in dem sie mehr und mehr versinkt und der sie für den Moment der Musik verschlingt.
Sarah ist vierzig Jahre alt. Seit dem 23. Juli, vor genau einer Woche. Und nur auf dem Papier, wie sie sich sagt.
Ihre Familie weiß natürlich Bescheid, ihre Freunde und der ein oder andere Bekannte.
Hier auf der wöchentlichen Kizomba-Tanzparty weiß es keiner. Hier ist sie nur das, was sie durch ihr Tanzen von sich preisgibt: ihre Emotionen, die sie dabei auslebt, ihr Gefühl, das sich in ihren Bewegungen ausdrückt. Sobald der DJ beginnt aufzulegen. Der rationale, zwar nicht übertrieben, aber dennoch ehrgeizige Teil der freischaffenden Zeitungsjournalistin ist daheim geblieben. Sie ist begehrt, tanzt mit wesentlich jüngeren, aber auch mit vielen älteren Männern.
Es ist ihr bewusst, dass ihre Beliebtheit nicht ausschließlich an ihrem hingebungsvollen Tanzen liegt. Dass sie so häufig aufgefordert wird, hat sie nicht nur ihrem tänzerischen Talent zu verdanken. Sie ist hübsch mit ihren langen blonden Haaren, den natürlich fallenden Locken und dem ebenmäßigen Gesicht.
„Die Vierzig nimmt Dir keiner ab“, hat ihr ihre Mutter an eben diesem Geburtstag gesagt. Das schönste Geschenk, wie Sarah fand. Neben der riesigen dunklen Schokotorte, die ihr ihre Freunde auf einer für sie organisierten Überraschungsparty spendiert haben. „40 und eine Figur wie 20“, stand da drauf. Sie hat sich sehr gefreut, auch wenn ihr ursprünglich gar nicht nach Feiern zumute war. Und obwohl sie ansonsten sehr großen Wert auf eine ausgewogene, gesunde wie auch kalorienarme Ernährung aus fast ausschließlich Biolebensmitteln legt, hat sie ein großes Stück der Torte verdrückt.
„Mir geht es gut“, denkt sie. Okay, bis auf ein Pärchen, das demnächst allerdings nachziehen wird, sind alle ihrer Freunde inzwischen glücklich verheiratet, viele haben Kinder. Und sie ist Single.
„Dafür bin ich frei“, sagt sie sich energisch. Kein Partner, der will, dass sie abends zu Hause bleibt, kein Kind, das dauernd ihre Aufmerksamkeit beansprucht. Kein Grund für Trübsal.
Länger als zwei Jahre hat eine Beziehung nie bei ihr gehalten. Dann wurde ihr langweilig. Das Besondere an dem jeweiligen Ihm, das ihr am Anfang so gefallen hatte, hörte auf besonders zu sein. Es blieb nichts davon übrig. Es war Zeit zu gehen.
Sie weiß genau, dass ihre Freunde sie deswegen bedauern und ihre Eltern sich um sie sorgen.
„Gibt es denn keinen, der Dir wirklich etwas bedeutet?“, hat ihre Mutter vor kurzem erst gefragt. Und nachgeschoben: „Vielleicht suchst Du falsch… Schon als Kindergartenkind hast Du die merkwürdigsten und ausgefallensten Typen angeschleppt.“
„Ich weiß, und wenn sie mein Zimmer verwüstet haben, wieder ganz schnell heimgeschickt“, antwortete Sarah ihr lachend.
Ihr tut es ja selbst ein wenig leid, keinen Mann und somit auch kein Kind vorweisen zu können. Manchmal zumindest. Besonders bei größeren Familienfeierlichkeiten und bei Treffen mit ihren Freunden und deren Kindern. Ansonsten bedauert sie eigentlich mehr ihre Eltern als sich selbst. Sie spürt, dass die beiden gerne Enkel hätten. Und sie ist als Einzelkind die einzige, die dafür sorgen könnte.
„Wir haben doch uns“, beruhigt sich Sarah dann immer und fühlt genau, dass ihre Eltern trotz all ihrer Wünsche und Sorgen schließlich doch genauso denken und einfach nur wollen, dass ihre geliebte Tochter glücklich ist. Sie ahnt, dass ihre Eltern sie tapfer gegen alle ihre Enkel versessenen Bekannten und Verwandten verteidigen, die mit Sicherheit hinter vorgehaltener Hand über Sarah und ihren Lebenswandel tuscheln: „Wenn man auf Facebook ihre Termine anschaut, muss sie jedes Wochenende bis in die Puppen weg sein… Habt Ihr mal gesehen, wie eng man dieses Kizomba tanzt? Und das in ihrem Alter. Sie ist doch keine zwanzig mehr. Kein Wunder, dass das kein Mann länger aushält!“
Sarah beschränkt ihren Kontakt mit diesen Leuten auf ein Minimum. Sie hat auf so einen Tratsch keine Lust und ist sehr froh, dass sie in Frankfurt und damit weit genug weg wohnt von ihrem ländlichen Heimatort, einer Kleinstadt nahe dem Odenwald. Das Gerede über ihre Person hautnah mitzubekommen, wäre ihr äußerst unangenehm. Und unangenehmen Dingen geht sie gern aus dem Weg. Genauso wie peinlichen Situationen.
Sie ist im Alltag eher ein ruhiger, zurückhaltender Mensch. Und auch wenn sie meistens das tut, was sie selbst will, durchaus selbstbewusst ist und sich nicht der Mehrheit anpasst, umschifft sie in der Regel gern offene und direkte Konfrontationen. Außer gegenüber ihren Eltern. Ihnen vertraut sie, ihnen zeigt sie sich in ihrer ganzen Verletzlichkeit.
Aber selbst wenn sie hier normalerweise keine Diskussion scheut, ist sie dankbar, dass ihre Eltern ihr wegen ihrer angeblich altersuntypischen Lebensweise keine Vorhaltungen machen. Die gelegentlichen Streitereien über ihre teure und doch so kleine Wohnung und das deswegen extern angemietete Büro, das sie sich mit einem ebenfalls selbstständigen Kollegen teilt, reichen ihr. Nach Meinung ihrer Eltern sollte sie sich besser die große Dachgeschosswohnung in deren eigenem Haus ausbauen und sich dort auch ein Arbeitszimmer einrichten. Zum Tanzen könne sie doch trotzdem nach Frankfurt fahren. Abends sei der Weg schließlich locker unter vierzig Minuten zu schaffen.
Sarah hat diesen eindringlichen Vorschlag bisher immer abgelehnt. Sie ist in Frankfurt nicht nur weit genug vom Dorfklatsch entfernt, sondern eben auch dicht dran am Partyleben der Metropole. Nahe an Kizomba.
Ihren Lieblingstanz hat sie vor drei Jahren entdeckt. Vorher hatte sie hauptsächlich Salsa getanzt. Als irgendwann die Kizomba-Welle von Portugal nach Deutschland schwappte, wurde auf jeder größeren Salsaparty auch ab und zu dieser Tanz gespielt. Und dann immer häufiger. Bald gab es reine Kizomba-Partys, auf denen ausschließlich diese eindringliche, rhythmische Musik aufgelegt wurde. Diese Musik, die Sarah von Anfang an so unter die Haut ging. Direkt ins Blut, um es leidenschaftlich in Wallungen zu bringen.
Am heutigen Abend hat Sarah wieder ausgiebig getanzt. Die meisten Leute auf der Party kennt sie vom Sehen. Es ist eine andere Welt als die ihrer Familie und ihrer Freunde. Man trifft sich, teilt eine Weile Nähe und innige Bewegung und trennt sich danach wieder.
Eine Beziehung ist bislang nie daraus entstanden. Das ist aber auch nicht Sarahs vorrangiges Ziel. Ihr geht es alleine ums Tanzen.
Und um die Aufmerksamkeit, die Berührung und das „Kuscheln im Stehen“, wie ihr Vater letztens zynisch sagte.
Verliebt hat sie sich dabei nie. Wenn sie spürte, dass irgendjemand einen Tanz gar nicht mehr beenden zu wollen schien, tat sie es. Denn auch bei Kizomba war es wie bei ihren kurzen Beziehungen: Irgendwann kannte sie alle seine Figuren, irgendwann begann sie sich zu langweilen.
Wie gerade eben. Lächelnd hat sie eine Einladung zum Drink abgelehnt und ist mal kurz zum Abkühlen raus vor die Tür gegangen. Sollte der Typ erstmal jemand anderes zum Tanzen finden.
Jetzt steht sie alleine am Rand der schummrigen Tanzfläche, nippt an einer Saftschorle und schaut zu, wie sich die Paare in einer langsam wogenden Masse hin- und herschieben.
„So wirklich richtig verliebt habe ich mich eigentlich noch nie“, fällt ihr plötzlich ein. „Naja, es gibt Schlimmeres.“ Sie liebt ihre Eltern, hat einen netten, großen Freundeskreis, einen Beruf, in dem sie es immer wieder mit interessanten Menschen zu tun bekommt und der sie schon so manches Mal zu Terminen in die verschiedensten Ecken Deutschlands geführt hat, sie hat ihre zwar kleine, aber sehr schöne Wohnung in einer guten Gegend von Frankfurt – und ihr Tanzen. Ohne Frage ein spannendes Leben! Kein Grund zu jammern also.
Schon gar nicht auf einer Party samstagnachts im Club Santiago. Denn schon geht es weiter. Diesmal ist es ein angenehm großer, schlanker Mann mit dunkelbraunen Haaren und strahlend blauen Augen, der sie auffordert.
„Habe ich noch gar nicht hier gesehen“, denkt Sarah, als er sie in die Mitte der Tanzfläche führt. Und er tanzt gut. Sie spürt sofort wieder die Lust an den sinnlichen Bewegungen. Er interpretiert die Lieder genauso wie sie selbst, sie verschmelzen ziemlich schnell zu einem einzigen Körper. So wie sie es mag. Sie genießt es. Lernt jede seiner Figuren kennen, die Art, wie er führt – sanft, aber doch bestimmt. Sehr gut, aber eigentlich nichts Außergewöhnliches. Schon oft hat sie auf demselben Niveau getanzt.
Trotzdem hält sie stets die Luft an, wenn sich ein Lied dem Ende nähert. Wird er aufhören? Nein. Zum Glück nicht. Weiteratmen. Sie merkt, dass sie dabei vor lauter innerer Anspannung jedes Mal kurz stehenbleibt. Er muss sie leicht anschubsen, dann fängt sie sich wieder. Tanzt weiter.
Irgendwann weiß sie, dass er nicht vorhat, vorzeitig aufzuhören. Nicht bevor die Party endet. Auch jetzt nicht bei diesem Liedwechsel. Er lässt sie nur kurz los, schiebt sie ein Stück von sich weg, damit sie neugierig die Augen öffnet, die sie beim Tanzen immer geschlossen hält. Er lächelt sie an. Einen kleinen Moment lang. Danach holt er sie zurück in seinen Arm und führt sie in die nächste Figur. Die sie zwar schon kennt, sich aber trotzdem nicht langweilt. Kein bisschen.
Mittlerweile kann sie sogar treffsicher voraussagen, was gleich als nächstes kommt. Und sie freut sich drauf.
Viel zu früh geht das Licht an. Es ist 3 Uhr nachts. Die Party ist fertig.
Sarah hat das Gefühl, sie beide bleiben noch Minuten ineinander verschlungen stehen. Sie will den Abschied rauszögern. Will nicht, dass er geht.
„Eigentlich hatte ich vor, Dich zu einem Getränk einzuladen“, sagt er irgendwann. Mit einer schönen, warmen, nicht zu tiefen Stimme.
Da fällt ihr auf, dass sie die ganze Zeit kein Wort miteinander gesprochen haben. Nicht das übliche „Sorry, mein Fehler“, wenn der Eine den Anderen kurz behindert hat. Nicht „Tolles Lied!“ oder „Wie lange tanzt Du schon?“. Gar nichts.
„Aber jetzt hat die Bar zu“, holt er sie aus ihren Gedanken zurück.
„Verdammte Bar“, denkt sie. „Können die nicht mal bis zum Ende weiterarbeiten? Was ist denn das für ein Saftladen hier?“
„Gehst Du stattdessen mit mir morgen in den Zoo in Frankfurt? Ich bin neu hier, und das Wetter soll super werden.“
„Ja. Gern.“ Sie fühlt sich völlig vernebelt im Kopf. Hat ihr jemand was in die Schorle gemischt? Verdammte Bar… Morgen, was ist denn morgen? Sonntag, stimmt. Eigentlich war sie ja nachmittags mit Freunden verabredet, zum Grillen. Das würde sie absagen.
„Um 13.30 Uhr?“, fragt er.
Sie nickt.
„Vor dem Eingang“, er drückt sie kurz, und weg ist er.
Sie wandelt, immer noch wie benommen, zu ihrem Auto. Sie hat sich verliebt.
Sarah steht schon um 13 Uhr vor dem Eingang des Zoos in Frankfurt. Sie konnte nicht mehr länger daheim herumsitzen. Erst im Auto auf dem Rückweg von der Party fiel ihr auf, dass sie weder seinen Namen wusste, noch seine Telefonnummer kannte.
Bei den üblichen Party-Verdächtigen auf Facebook tauchte er nicht auf. Er sei neu in der Stadt, hat er gesagt. Mehr hat er nicht verraten. Was, wenn er gar nicht erscheint? Unabsichtlich, weil etwas Wichtiges dazwischengekommen ist und er ihr nicht absagen konnte. Oder ihm etwas Schreckliches passiert ist? Ein Unfall.
Ihr wird ganz flau im Magen. Oder vielleicht hat er es auch gar nicht ernst gemeint.
Die ganze Grübelei macht sie noch verrückt. „Und das lange Warten vor dem Eingang verbessert das nicht wirklich“, muss sie zugeben. Dauernd beobachtet sie sich nähernde Leute. Mittlerweile ist es schon fünf Minuten vor der verabredeten Zeit.
Da kommt ein einzelner Mann, die Haarfarbe stimmt. Sie starrt wie gebannt in seine Richtung. Nein, Fehlalarm. Er ist es nicht. Die Enttäuschung verkrampft ihren Magen. Sie hat das Gefühl, einen großen Stein verschluckt zu haben.
„Wieder nix.“ Sie seufzt leise.
„Hallo. Ich bin Marc“, hört sie. Er steht direkt hinter ihr. Und grinst.
Sie ist wohl regelrecht zusammengezuckt und hat sich ruckartig umgedreht. Und ihr Gesicht spricht Bände. Sie muss auch grinsen. „Ich bin Sarah.“
„Schön“, sagt er und nimmt sie in den Arm.
Sarah und Marc sind lange Zeit durch den Zoo geschlendert. Hand in Hand. Haben sich die Giraffen, die Elefanten und die Affen angeschaut.
Zu jedem Tier weiß er eine Geschichte. Affen finde er besonders großartig. „Meinst Du, wir sollten ihnen etwas abgeben?“, fragt er nun, während sie vor dem Gehege der Schimpansen stehen.
Erstaunt guckt sie ihn an. Erst jetzt bemerkt sie den großen Rucksack, den er auf dem Rücken trägt. Er kramt und kramt und hält dann triumphierend eine Banane in die Höhe.
Der Affe hinter den Gitterstäben lässt sich nicht lange bitten. Schnapp! Ruckzuck ist die Banane in seiner Hand.
„Schau mal, wie geschickt“, sagt Marc und legt seinen Arm um Sarahs Schultern, während der Affe die Schale entfernt.
„Was hast Du denn noch alles in Deinem Rucksack?“, will sie neugierig wissen.
„Picknick. Ich wusste nicht, was Du magst, da habe ich alles doppelt mitgebracht.“
Sie drückt ihn leicht an sich. „Das ist lieb. Aber wieso doppelt?“
„Ich bin Vegetarier“, antwortet er. „Für Dich gibt es richtige Wurst und für mich welche aus Soja und Weizen. Es ist das erste Mal seit gut fünf Jahren, dass ich echtes Fleisch gekauft habe. Und das an einem Sonntag. Im Flughafen. Also fühl Dich geschmeichelt.“ Er zieht eine Grimasse und fügt hinzu. „Wenigstens ist das Zeug aus kontrolliert biologischer Zucht.“
„Danke“, sagt sie gerührt. „Aber das hättest Du nicht gebraucht. Es muss nicht immer Wurst sein!“
Sie setzen sich auf eine große breite Steinbank im Schatten. Und Marc packt aus. Obst, eine Flasche Saft mit Pappbechern, zwei Pappteller mit Messern, Brötchen, Butter, eine Menge verschiedener Käsesorten, den angekündigten vegetarischen Aufschnitt und ein kleines bisschen echte Wurst und Schinken stellt er neben und zwischen sie.
„Ein Mini-Opfer“, neckt ihn Sarah schmunzelnd.
„Sei mal nicht unzufrieden. Besser als nix!“ Er lacht fröhlich und befördert noch vier weitere Schalen auf die Bank. „Dafür gibt es vier verschiedene Dips – und die habe ich gestern alle selbstgemacht.“
Bevor er sich selbst ein Sandwich dick mit Käse und beachtlicher Butterschicht belegt, knipst er mit seinem Handy ein Foto von Sarah, während sie sich von allen Dips etwas auf ein Brötchen streicht.
„Sie sind hervorragend“, lobt sie, nachdem sie das Brötchen mit Genuss verzehrt hat.
„Warum bist Du Vegetarier geworden?“
„Weil ich Tiere mag und zwar alle Tiere, auch Fische – aber nicht zum Essen. Eine vegane Lebensweise ist mir hingegen zu krass. Wenn sie aus ökologischen Gesichtspunkten vielleicht auch die bessere wäre. Allerdings schätze ich Käse dafür viel zu sehr. Wie Du siehst“, antwortet Marc lächelnd und kaut mit sichtbarem Appetit an seinem nächsten Brötchen, diesmal mit dick Käse und Aufstrich.
„Als ich noch daheim gelebt habe, war es echt kompliziert. Meine Mutter lag mir dauernd in den Ohren ‚Junge, der Mensch braucht Fleisch. Auf Fleisch zu verzichten, ist unnatürlich. Bei uns in der Familie hat es noch nie Vegetarier gegeben! Wieso musst Du bloß immer aus der Reihe tanzen?‘ Und sie ist Hausfrau, und ich bin Einzelkind. Sie hatte also megaviel Zeit, mich zu nerven. Als ich dann endlich in meine erste WG gezogen bin, habe ich wahrscheinlich sämtliche vegetarische Rezepte aus dem Internet nachgekocht. Erstmal mit mäßigem Erfolg und zur nicht allzu großen Freude meiner Mitbewohner!“ Er grinst schief. „Das war noch in Würzburg. Jetzt bin ich besser. Meinen neuen Mitbewohner hier in Frankfurt habe ich schon überzeugt, dass er nicht stirbt, wenn er ab und zu fleischlos isst.“
„Mitbewohner?“
„Ja, ich hab für meinen Master die Uni gewechselt. Im Wintersemester fange ich an. Bin erst ganz kurz in Frankfurt. Und hatte sofort Glück, eine tolle WG zu finden.“ Glücklich strahlt er Sarah aus seinen blauen Augen an. „Und jetzt Dich.“
Sie hat das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er hat das letzte Mal vor fünf Jahren Fleisch gekauft? Als er daheim auszog, um zu studieren? Und er fängt demnächst erst mit seinem Master an? „Wie alt bist Du denn?“, fragt sie leise. Ihr zweites, fast aufgegessenes Brötchen legt sie vorsichtig auf den Pappteller neben sich. Ihre Hand zittert.
„Fünfundzwanzig“, sagt er, „und Du?“
„Zu alt für Dich.“ Der Satz kommt wie aus der Pistole geschossen. Sie ist wie erstarrt.
„Ach, komm, dreißig ist doch nicht alt“, hört sie Marc. Und wie aus der Ferne: „Keine Sorge, ich kann mit alten Frauen umgehen.“
Er gluckst. „Hey, das war nur ein Scherz. Es ist wirklich kein Problem für mich.“ Beruhigend greift er nach ihren Händen. „Kein Grund, ganz weiß zu werden. Was hast Du denn?“
„Ich bin nicht dreißig, ich bin vierzig. Seit einer Woche“, antwortet sie fast tonlos.
Sie spürt das Rasen ihres Herzens, in ihren Ohren rauscht ein ganzer Orkan. „Wahrscheinlich bekomme ich gerade einen Herzinfarkt und breche hier auf der Stelle zusammen“, denkt sie sarkastisch, „romantisch wie bei Romeo und Julia – nur ein klein wenig anders.“
Verzweifelt guckt sie auf den Boden, traut sich nicht, ihn anzugucken. Wieso hat sie denn nicht bemerkt, dass er noch so jung ist?
„Dann ist das halt so“, sagt Marc nach einer kleinen Pause bloß.
Nun schaut Sarah ihn doch an. Für sie ist es ein Schock. Wieso für ihn nicht? Er hält unpassender Weise immer noch ihre Hände. „Was? So unbedeutend war Dir die Sache mit mir? So einfach kannst Du es als egal abtun, dass nichts draus wird?“, fährt sie ihn fassungslos an und versucht, seinen Griff abzuschütteln.
„Ich glaube, Du hast mich da gerade ziemlich missverstanden“, erwidert Marc ruhig, sie weiter hartnäckig festhaltend. „Die Sache, wie Du sie nennst, ist nicht unbedeutend für mich. Und gerade deswegen ist es eben so, wie es ist. Wir werden das Beste draus machen.“
„Aha! Das Beste! Wenn Du denkst, dass wir unverbindlich Sex und einfach ein bisschen Spaß haben, bevor Du Dir was anderes Ernsthaftes suchst, hast Du Dich geschnitten.“ Sie reißt sich los und steht hastig auf. „Ich glaube, ich geh jetzt besser.“
„Stopp!“ Auch er ist aufgesprungen. „Das Einzige, das mir egal ist, ist die Zahl, die Dein Alter ist – oder mein Alter. Wie auch immer. Mir geht es um Dich. Du bist ernsthaft für mich, ich will kein Verhältnis.“
Er beobachtet ihre Reaktion auf seine eindringlichen Worte. Belustigt hebt er eine Augenbraue. „Du kannst wieder normal weiteratmen. Sonst werde ich Dich womöglich früher los, als ich will.“ Jetzt lacht er wieder über das ganze Gesicht und schlingt die Arme um sie.
„Ich finde das überhaupt nicht lustig“, meint Sarah entschieden, nicht bereit, seine Umarmung zuzulassen. Sie schiebt ihn zwar nicht weg, steht aber immer noch stocksteif da, unfähig sich zu rühren.
„Wie schade um den guten Kram, wenn Du da anwurzelst und nichts mehr davon isst. Der hält sich nicht so lange. Oder willst Du etwa, dass ich alles allein aufesse und fürchterlich dick werde?“ Er setzt sich wieder und beißt erneut in sein vorhin eilig weggelegtes Brötchen.
Auch sie setzt sich wieder. „Wie kannst Du denn so stoisch ruhig bleiben? Du kannst doch nicht ernsthaft eine Beziehung mit mir eingehen wollen!“
„Doch! Das kann ich. Nur wenn Du mich lässt natürlich.“ Er lächelt.
Sie schaut Marc mit großen Augen an. „Du bist fünfundzwanzig. Du wirst wohl kaum viele Frauen kennengelernt haben in Deinem Alter. Wieso bist Du Dir denn so sicher, dass Du mich willst? Das ist doch bestimmt so ein Komplex bei Dir. Genau. Ein Kind-Mutter-Komplex. Oder Dir sind Gleichaltrige im Moment noch zu unreif. Aber das ändert sich irgendwann. Wenn ich schon längst alt und unansehnlich bin.“
Mit einer Handbewegung wischt sie seinen Versuch weg, sie zu unterbrechen. „Und überhaupt. Wie willst Du das Deinen Eltern erklären? Deinen Freunden? Hast Du darüber schon mal nachgedacht?“
„Psst“, Marc legt ihr seinen rechten Zeigefinger quer über die Lippen. „Hör auf mit dem Unsinn!“ Er platziert sein Brötchen auf seinem Teller und zieht Sarah sanft an sich, bis ihr Kopf auf seiner Schulter ruht. Zwei seiner Dips zwischen ihnen kippen, einer landet auf dem Boden.
„Mist!“ Vorsichtig räumt er sämtliche störende Sachen mit seiner freien Hand auf seine Seite.
„Natürlich wäre es einfacher, wenn wir in etwa gleichalt wären. Wahrscheinlich wesentlich einfacher. Und ich hätte nichts gegen ‚einfach‘. Aber ich bin mir ziemlich sicher. Es war bei uns Liebe auf den ersten Blick. Das willst Du doch nicht abstreiten? Und das gebe ich nicht auf, nur weil die Umstände schwierig sind. Es wird vielleicht schwierig für uns werden, aber nicht unmöglich. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter. Also entspann Dich.“
Er angelt sich sein restliches Brötchen. „Das einzig Wichtige ist, dass Du mich genauso liebst wie ich Dich.“ Zufrieden steckt er das noch riesige Stück komplett in den Mund.
„Aber…“
„Pscht“, sagt er mit vollem Mund. „Lasch misch auschreden! Bitte!“ Er schluckt und kramt mit Sarah im Arm ungelenk in seinem Rucksack am Boden.
„Soll ich…?“, beginnt sie.
„Nein. Du bewegst Dich nicht von mir weg!“, befiehlt er in liebevollem Ton und wischt sich den Mund an einem Taschentuch ab, das er statt der gesuchten Serviette gefunden hat.
„Zu Deinen vielen Fragen… Was Andere über uns sagen, ist mir egal. Und natürlich hatte ich schon ein paar Freundinnen. Schau mich an! Hältst Du mich etwa für zu unattraktiv?“ Er lacht und dreht sie behutsam in seine Richtung, sodass sie ihn angucken muss.
Sie lächelt zerknirscht.
Lachfältchen bilden sich um seine Augen. „Aber ich habe es nie lange ausgehalten. Das wäre Zeitverschwendung gewesen. Und ich habe nie einer gesagt, dass ich sie liebe.“ Er schaut Sarah jetzt ernst an. „Ich habe Dich gestern gesehen und wollte mit Dir zusammen sein. Gib uns eine Chance.“
Marcs Blick wird bittend. Dann kommen die Lachfältchen zurück. „Und nein, ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, wie wir das konkret hinbekommen. Wann denn, bitte? Aber ich weiß, dass wir es hinbekommen, wenn wir zusammenhalten!“
Inzwischen hat er sie auf seinen Schoß gezogen und drückt seine Stirn leicht an ihre.
Sie streicht mit zwei Fingern zart um seine Augen, fährt über diese schönen Lachfältchen, die sein Lachen noch um so viel strahlender machen, wie Sarah findet. Sie kann einfach nicht widerstehen. Sie mag ihn berühren. Dennoch versucht sie weiter, ihm ihre Zweifel klarzumachen: „Und was ist, wenn ich bald lauter hässliche Falten bekomme und Busen und Hintern aufhören, fest zu sein und meine Haare grau werden und…?“
„Moment“, ruft er, „lass mich doch nochmal länger nachdenken.“ Er grinst jetzt frech. „Weil Du vorhin etwas von unreifen jungen Frauen in meinem Alter gesagt hast… Bei Deinen Fragen weiß ich gerade nicht, wer der oder, besser gesagt, die Unreifere von uns beiden ist.“
Sie zieht ihm kräftig an den Haaren. „Ich will trotzdem eine Antwort.“
„Aua. Mmm, das Streicheln war schöner.“ Er hält ihre Hände fest. „Was soll denn sein? Nichts! Das ist der Lauf der Dinge. Wir haben uns jetzt im Ist-Zustand kennengelernt. Ab dem heutigen Tag werden wir beide altern. Gemeinsam. Und keiner von uns ahnt, wie genau wir uns verändern werden. Wer weiß? Vielleicht habe ich in fünf Jahren Geheimratsecken und in zehn Jahren eine Glatze. Verlässt Du mich dann deswegen?“
„Natürlich nicht!“ Sarah stellt sich Marc ohne Haare vor und muss wider Willen lächeln. Trotz der ganzen verkorksten, unglücklichen Situation. Mit Galgenhumor fügt sie hinzu: „In dem Fall muss iiich es mir wohl nochmal überlegen.“
„Untersteh Dich!“, er umarmt sie fest und sagt mit unschuldigem Augenaufschlag: „Aber auch, wenn ich selbstverständlich jede Deiner Falten lieben werde. Du wirst halt in Zukunft ein bisschen mehr auf Dich achten müssen, geliebte alte Frau!“
Er grinst sie erneut an und ergänzt: „Ich schlage eine vegetarische Ernährung vor. Du wirst sehen, die bewirkt wahre Wunder. Und zu Deinem unaussprechlichen Glück hast Du ja ab heute mich an Deiner Seite, der Dir verraten kann, mit welchen Lebensmitteln man alle Vitamine und Mineralstoffe bekommt, die man täglich braucht! Und womöglich wirst Du sogar bald noch ein bisschen schöner und jünger aussehen als bisher!“
Macht er sich über sie lustig? Argwöhnisch windet sie sich aus seinen Armen und guckt ihm in sein lächelndes, aber durch und durch ehrlich wirkendes Gesicht. Nein. Sie glaubt ihm seine Gefühle. Und seine ihr zwar unverständliche lockere Sicht des Ganzen steckt sie an. Sie muss lachen. „Du bist unmöglich! Du hast halt doch die Reife eines fünfundzwanzig Jahre alten Kindes! Im Übrigen ernähre ich mich genau aus diesem Grund schon seit Jahren zwar nicht vegetarisch, aber zum großen Teil Bio.“
„Na, das ist ja schon mal positiv. Ich auch. Wegen Gesundheit und Umweltschutz.“ Er strahlt sie vergnügt an. „Und was die Reife eines Kindes angeht… Pech für Dich. Da musst Du von nun ab wohl durch.“ Abwechselnd küsst er ihre Handrücken. „Das ist aber auch gar nicht so schlecht für Dich.“
„Wie meinst Du das? Weil Du mich jung hältst?“
Marc schüttelt den Kopf: „Das natürlich auch. Aber ich meinte eigentlich, dass Du dann schon mal an mir üben kannst…“ Als er ihren fragenden Blick sieht, schiebt er grinsend hinterher: „Naja, da Du ja schon so fürchterlich alt bist, müssen wir uns mit dem Kinderkriegen wohl ein bisschen beeilen. Ich hatte mein Leben mit Studium, Beruf, Familie eigentlich in einer etwas anderen Reihenfolge geplant. Aber ich bin flexibel…“
Als er merkt, dass sie sich erneut versteift und tief Luft holt, um was zu erwidern, fügt er schnell hinzu: „Nein, Du verdirbst mir nicht mein Leben. Das ist es doch, was Du sagen wolltest?“
Sarah nickt.
„Tust Du nicht! Ganz im Gegenteil! Ich bin überglücklich, Dich kennengelernt zu haben. Ich habe bisher eigentlich gar nicht über eigene Kinder nachgedacht. Aber ich glaube, jetzt möchte ich welche. Mit Dir.“ Er drückt sie wieder an sich. „Und meinetwegen können wir sofort mit der aktiven Planung anfangen.“ Er lacht leise und drückt seine Nase spielerisch in ihr Ohr.
In Sarahs Unterleib breitet sich eine große Wärme aus. Verdammt! Eher eine Hitze! Sie ist nicht nur verliebt in ihn, sie begehrt ihn auch. Und zwar unmissverständlich deutlich. „Als Du fünfzehn warst, war ich schon dreißig. Ist Dir das eigentlich klar? Wir kommen aus zwei ganz verschiedenen Lebenswelten“, versucht sie, vernünftig zu bleiben, ohne es wirklich zu wollen. Macht sie das Richtige? Müsste sie das hier nicht allmählich abbrechen? Um ihn und sich selbst zu schützen? Vor der enttäuschenden Realität? In ihrem Kopf jagt ein Gedanke den anderen. Sie stürzt von einem euphorischen Hochgefühl ins Gegenteil – und wieder zurück. Hin und her.
Währenddessen arbeitet sich Marc mit kleinen Küssen von ihrem Ohr zu ihrem Mund vor. „Da hast Du richtig gerechnet. Aber ich bin nicht mehr fünfzehn. Du brauchst also keine Angst zu haben, dass Du wegen Unzucht mit Minderjährigen verhaftet wirst, wenn Du mich jetzt endlich küsst.“
Und wie Sarah ihn küsst. Erst langsam und zurückhaltend, und als sie sich vor lauter Verlangen verbietet nachzugrübeln, immer fordernder, bis er schließlich atemlos vorschlägt, die Location zu wechseln.
„Ich wohne quasi um die Ecke mit der Bahn. Schwierig wird es nur, Dich bis dahin loszulassen…“
„Ich will aber nicht Deinen Mitbewohner treffen!“
„Ich spare mir zu fragen, warum nicht. Das ist eindeutig der falsche Zeitpunkt für Diskussionen“, erwidert Marc bestimmt und erklärt: „Felix ist sowieso nicht da. Es sind Semesterferien, und er ist seit gestern bei seinen Eltern an der Nordsee. Wir haben sturmfreie Bude.“ Genießerisch lässt er noch einmal seine Zunge um ihre kreisen. „Komm!“
Sie stopfen hastig das restliche Essen und die noch unberührte Flasche zurück in Marcs Rucksack, er steckt sich ihr Brötchenstück, das sie vorhin vor Aufregung nicht mehr runtergebracht hat, in den Mund, und dann rennen sie fast vom Zoogelände.
Sarah hat ihr Auto nicht allzu weit vom Zoo geparkt.
„Perfekt. Das ist natürlich noch besser als mit der Bahn“, meint er. Und kaum sind sie bei ihrem Mini angekommen, steigt er so schnell ein, als sei er als Sanitäter auf dem Weg zu einem Notfall, bei dem es um Leben und Tod geht.
Sarah muss schon wieder lachen. Über sie beide. Denn ihr geht es schließlich nicht viel anders.
Jetzt stehen sie vor Marcs Wohnungstür in einem Mehrfamilienhaus. Um sich die lange Parkplatzsuche zu sparen, hat Sarah ihren Kleinwagen verbotenerweise auf einer kleinen, wild bewachsenen Grünfläche abgestellt. Marc hat behauptet, nachts würden die Leute da immer parken. Gut, jetzt ist es zwar nicht nachts, aber immerhin Sonntag – und sie haben es eilig! Sehr eilig!
Durch die Fahrt ist sie zwar ein wenig aus dem rauschhaften Sog herausgerutscht, in den sie seine beharrlich knabbernden Lippen und das feste Streicheln seiner Zunge gezogen haben. Trotzdem läuft ihr bei der Erinnerung sofort ein Schauer über den Rücken.
Marc sieht es. „Alles wird gut“, sagt er behutsam und streicht ihr eine vorwitzige Haarlocke aus dem Gesicht.
„Es schüttelt mich nicht aus Angst.“ Sie küsst seine Hand, die er gerade sanft zurückziehen wollte und nimmt ihm dann ungeduldig den Schlüssel aus der anderen. „Lass uns endlich reingehen.“
„Es ist der mit dem grünen Plastikteil“, sagt er und wartet erwartungsvoll gespannt, bis sie aufgeschlossen hat. „Küss…“ Er kommt nicht mehr dazu weiterzusprechen.
Bevor die Wohnungstür mit einem Klicken ins Schloss fällt, drückt sie bereits ihren warmen weichen Mund auf seinen. Ihre Zungen treffen sich, zärtlich stupst sie seine mit ihrer an, lässt ihre von seiner führen. Es ist wie ein Tanz. Sie hat die Melodie so laut im Kopf, als ob sie tatsächlich zu hören wäre.
Er anscheinend auch. Langsam beginnt er, sich dazu zu bewegen, Sarah zu bewegen, ihre Hüften, ihren Oberkörper.
Sie hat ihre Arme fest um ihn geschlungen. Ihre Hände sind in seinem Nacken, in seinen Haaren, massieren seine Schläfen. Sie nimmt seinen Rhythmus wie selbstverständlich in sich auf, spürt denselben Takt wie er.
Seine Handflächen fahren auf ihrem Rücken auf und ab, schieben sich unter das knappe Top, das sie für den heißen Sommertag angezogen hat. Ungestüm hektisch reißen seine Finger an ihrem BH-Verschluss darunter.
„Fehlt doch die Erfahrung?“. Schelmisch lächelt sie ihn an und saugt sich an seiner Unterlippe fest.
„Mmmmh“, ist der ganze Widerspruch, zu dem Marc fähig ist, während er versucht, ihren Kuss zu erwidern und gleichzeitig mit den vielen Haken und Ösen kämpft.
Sie streicht ihm zärtlich durch die Haare, greift sich schließlich selbst an den Rücken und öffnet das widerspenstige Ding.
„Danke.“ Kurz hält er ihre Arme hinter ihrem Rücken fest, küsst sie wieder, bevor er sie freilässt. Dann wandern seine Hände langsam vor zu ihren Brüsten. Er umschließt sie, kneift zart in ihre festen Brustwarzen.
Sie stöhnt leise auf und presst ihre Hüften an seine.
Mit einer schnellen Bewegung streift er ihr Top und BH vom Körper. „Du bist so schön!“ Einen Moment schaut er sie nur an.
Ihre Brustwarzen strecken sich ihm entgegen. Ihre Hände liegen inzwischen auf seinen beiden Pobacken, der Druck ihrer Hüften wird nun von schnellen, kreisenden Bewegungen ergänzt. Sie spürt, wie ihr alles Blut in den Unterleib schießt. Vor ihren Augen tanzen blutrote Punkte.
Ihm scheint es ganz genauso zu gehen. Er reißt sie völlig unkontrolliert mit einem Ruck nach oben. Leidenschaftlich überstürzt und gierig.
Sarah kann gerade noch ihre Beine um seine Hüften schlingen, da hat er sie auch schon auf das nächststehende Möbelstück in dem kleinen Flur seiner Wohngemeinschaft abgesetzt.
Sie schüttelt ihre Sandaletten weg.
Er drückt sie jetzt fest auf den kleinen Schrank, ihr Kopf landet unangenehm angewinkelt an der Wand. Es ist ihr egal.
Sie stöhnt auf, als er beginnt, mit seinem Mund an einer ihrer Brustwarzen zu ziehen, zu saugen, zu nagen. Es schmerzt auf eine schöne Weise. Sie meint, das Verlangen brennt allmählich ein Loch in ihren Bauch. Feuchtigkeit breitet sich in ihrer Scheide aus. Sie versucht aus ihrer Lage, den Reißverschluss seiner Hose zu öffnen. Er klemmt.
„So viel zum Thema ‚Erfahrung‘“, kommentiert Marc trocken und lacht sie mit schweißüberzogenem Gesicht glücklich an. „Komm her, Du brichst Dir noch das Genick.“ Vorsichtig richtet er sie ein wenig bequemer auf. Dann öffnet er selbst seine Hose.
Sie zerrt währenddessen den Slip von ihrem Hintern unter ihrem kurzen Rock hervor. Achtlos lässt sie ihn auf den Boden fallen und fährt mit ihrer Hand in seine Hose.
„Mmmmh“, ein kehliges Stöhnen ist die Antwort. Marc reißt sich sein T-Shirt vom Körper und drückt sich fest zwischen ihre Beine.
Sarah hat inzwischen seinen erigierten Penis aus der Hose gezogen, eine Hand um ihn gelegt und schiebt nun die Vorhaut weit zurück über die Eichel. Und zieht sie wieder weit nach vorne.
Er schnappt leise nach Luft. Seine Finger schieben sich unter ihren Rock und streichen schnell vibrierend über ihre Klitoris. Mit jeder Bewegung ihrer Hand an seinem Penis fährt er dann mit seinem Finger in ihre Vagina, tastet nach dem kleinen erogenen Hügel darin.
Sie ringt geräuschvoll nach Luft. Er hat ihn. „Komm, schnell! Schnell!“
Das lässt er sich nicht zweimal sagen. Heftig dringt er in sie ein. Bis sein Glied ganz in ihr verschwindet.
Sie stützt sich mit beiden Händen ab und legt sich, so gut es geht, nach hinten.
Er hängt schräg über ihr. Sie hat das Gefühl, er berührt ihren Muttermund. Sie schreit auf. Eine Welle völlig ungehemmter Lust überkommt sie. Sie reckt sich ihm entgegen.
Aber er lässt sich plötzlich Zeit. Verweilt eine Weile dort, wo er ist. Kostet das Gefühl genüsslich aus. Schließlich beginnt er mit kräftigen schnellen Stößen.
Sie kann es kaum noch aushalten. Sie fühlt ihn überall, jeder Punkt ihres Unterleibes scheint zu vibrieren. Sie brüllt seinen Namen, krallt sich an ihm fest, geht mit in seinem Rhythmus.
Gemeinsam und laut kommen sie zum Höhepunkt. Total kraftlos hängen sie danach auf dem harten Flurschrank.
„Jetzt kennen mich auch die Nachbarn“, sagt Marc verschmitzt lächelnd, als er sich nach einer Weile langsam aufrichtet und Sarah ebenfalls hochhilft. „Und Dich auch.“
Jetzt liegt Sarah in ihrem Bett. Es ist Montagmorgen, und der Wecker hat gerade geklingelt. Schwach fällt Licht durch die wie meist leicht geöffneten Lamellen des Rollladens. Das Tageslicht hilft ihr üblicherweise beim Aufstehen.
Heute mag Sarah allerdings dennoch nicht raus aus dem Bett, auch wenn mehrere längere Texte darauf warten, von ihr geschrieben zu werden. In Gedanken kehrt sie immer wieder zum gestrigen Tag zurück. Zu ihm. Zu Marc.
Nachdem sie noch im Flur seiner Wohnung so leidenschaftlich wild übereinander hergefallen waren, hat er ihnen in der Küche erstmal Fruchtschorlen gemischt. Mit seinem Saft aus dem Rucksack und allen Säften, die er im Kühlschrank finden konnte.
„Hoffentlich sind sie noch gut. Sie sind von Felix, meinem Mitbewohner. Keine Ahnung, wie lange die schon hier rumstehen“, sagte er entschuldigend. „Er braucht sie auf jeden Fall nicht mehr, er ist zwei Wochen weg.“
Sie saßen beide lange in der Küche an einem kleinen Tisch, redeten, tranken und lachten. Um sie herum das pure Chaos. Auf Sarahs Frage, wer denn dafür verantwortlich sei, eine Koch-Gruppe vielleicht oder sein entschwundener Mitbewohner, grinste Marc schief und meinte: „Nee, nee, das war ich allein. Ich habe am Samstag gekocht… unter anderem die Dips. Und ich bin noch nicht zum Aufräumen gekommen…“
In der Tat! Das war nicht zu übersehen.
Im Geiste hat Sarah immer noch die vielen Töpfe vor Augen, die kreuz und quer um den Herd herum verteilt standen. Sie lächelt bei der Vorstellung. Von der Arbeitsplatte der altmodischen Küche im Oma-Style war kaum noch was zu erkennen gewesen. Überall Mehl, Teigreste, Undefinierbares.
Sie vergleicht es mit ihrer schicken, modernen Küche, die sie, wie sie sich jetzt selbst eingesteht, viel zu selten zum Kochen nutzt. Meist verwendet sie nur den Wasserkocher, um sich einen Tee zu machen, und ab und zu den Ofen, um Fertigpizza aufzubacken. „Immerhin eine gesunde Bio-Fertigpizza“, rechtfertigt sie sich vor sich selbst und wälzt sich von ihrer seitlichen Schlafposition gemütlich auf den Rücken, ihr Kopfkissen schön dick unter ihren Kopf gestopft.
Ihre Gedanken drehen sich weiter ums Thema „Küche und Ernährung“. Jeden Morgen bereitet sie sich ein gesundes wie leckeres Müsli zu. Mit Leinöl, Sonnenblumenkernen, Hirseflocken, Chiasamenmehl, Traubenkernmehl, einem frischen Apfel und weiteren feinen Zutaten, von denen sie gelesen hat, dass sie wichtige Inhaltsstoffe für eine glatte, faltenlose Haut und einen straffen Körper enthalten.
Im Gegensatz zu Marcs angeklungener ökologischer Korrektheit und seinem Streben nach einem intakten, vitalen Körper achtet Sarah hauptsächlich aus oberflächlich eitlen Gründen auf eine gesunde Ernährung. So gut das eben im Alltag geht.
Abends macht sie sich ein paar belegte Vollkornbrote mit Käse und auch ein bisschen Wurst, und mittags geht sie meistens essen. Unter der Woche, weil sie wenigstens einmal am Tag etwas Warmes zu sich nehmen möchte und abends zu faul ist, zum Kochlöffel zu greifen, und am Wochenende, weil ihr die Motivation fehlt, für sich alleine etwas zu kochen. Außer eben schnelle Gerichte wie Fertigpizzen, die sie sich je nach Lust und Laune zusätzlich belegt. Wirklich Kochen ist eher eine Seltenheit. Höchstens mal, wenn sie Freunde zu sich eingeladen hat.
So hat sie denn auch Marc neugierig gefragt, für wie viele Leute er am Samstag gekocht habe.
Nur für sich selbst, war seine überraschende Antwort. Er habe ein paar neue Rezepte ausprobieren wollen. Kochen sei geil, und frisch Hergestelltes einfach am besten.
Sarah lacht leise in sich hinein, als sie sich erinnert, wie er ihr eifrig die vielen Schüsseln mit verschiedenen Saucen, Salaten und weiteren Aufstrichen im vollgestopften Kühlschrank gezeigt hat. Pizzateig habe er außerdem zubereitet. Der sei aber im Gefrierfach. Und einen Schokoladenkuchen aus Dinkelmehl, der leider schiefgegangen sei. Eigentlich habe er ihn auch zum Picknick mitbringen wollen, sich dann aber wegen seiner gruseligen Optik dagegen entschieden. Sie dürfe aber trotzdem gern ein Stück probieren.
Sarah schaut rüber auf ihren Nachttisch, auf dem ein Teller mit mitgebrachten Kuchenresten steht.
Sie wollte natürlich probieren. Und obwohl es, weiß Gott, nicht so aussah, das komische braune Teiggebilde hat dennoch sehr lecker geschmeckt. Marc hat sich sehr über ihr Lob gefreut und ihr gleich was für daheim eingepackt.
Sie steckt sich einen großen Kuchenkrümel in den Mund. Schokoladengenuss pur. Der Kuchen passt irgendwie zu Marc, wie sie findet. Er scheint ihr, keine halben Sachen zu machen. Wenn schon, dann richtig. Und mit Konsequenz. Warum nur zweihundert Gramm feingeraspelte Kuvertüre reintun, wenn er genauso gut doppelt so viele dicke Brocken reinkippen kann?
Sie kichert und stellt sich sein vor lauter leidenschaftlichem Eifer strahlendes Gesicht vor, seine Lebhaftigkeit, wenn er ihr etwas voller Begeisterung erzählt.
Zum Beispiel von seinem Studium. Ursprünglich sollte es Mathematik werden, schließlich sei seine Wahl aber auf Informatik gefallen. Schon allein wegen der vielen, durchaus lukrativen Nebenjobs, die sich daraus ergeben würden. In Würzburg, wo er bis vor kurzem noch studierte, habe er sich außerdem nebenbei für Freifunk, also ein Netz aus freiem WLAN, engagiert, erklärte er ihr fröhlich. Ehrenamtlich. Das wolle er hier in Frankfurt auch wieder tun. Erste Kontakte zu anderen Freifunkern habe er schon aufgenommen. Und von Würzburg aus habe er ein kleines Unternehmen in Frankfurt gefunden, dessen Webauftritt er neugestalten solle. Nicht ehrenamtlich selbstverständlich.
Er lächelte Sarah zu und erklärte ihr, dass er mit dem Job allerdings erst ab Semesterbeginn im Oktober anfangen werde, weil er die zwei Monate bis dahin seine Freizeit genießen und Frankfurt kennenlernen wolle. Das ginge als Student ja zum Glück super ohne Auto. Weil er mit seinem Semesterticket ein halbes Jahr lang alle öffentlichen Verkehrsmittel im Rhein-Main-Verbund nutzen könne.
Sarah erfuhr weiter, dass Marc seine Programmierjobs während seines Bachelorstudiums ganz ordentlich Kohle eingebracht hätten, aber auch mindestens ein Jahr „vertrödelte Zeit“, wie es seine Eltern nennen würden. Sie unterstützten ihn dennoch mit einem monatlichen Geldbetrag. Auch jetzt in Frankfurt, wo er weit genug weg von seinem Heimatstädtchen Marktheidenfeld sei und sie ihn daher weniger häufig in seiner WG besuchen könnten, um ihm irgendwelche Vorhaltungen zu machen, wie sie es in dem nur eine gute halbe Stunde entfernten Würzburg getan haben.
Seine damalige WG, in der er vom ersten Semester an wohnte, sei zwar sehr nett gewesen, aber irgendwann habe er den Eindruck gehabt, in Würzburg alles zu kennen. Es sei ihm eng und klein vorgekommen. Und zusätzlich noch seine Eltern und ihre Kontrollbesuche im Nacken…
„Deswegen bin ich für meinen Master nach Frankfurt gekommen“, sagte er. Und jetzt wolle er richtig Gas geben und in der Regelstudienzeit von zwei Jahren fertig werden. „Weil ich das Gefühl habe, dass es Zeit wird, nicht weil meine Eltern es wollen!“ Und trotz des glücklicherweise nicht so arbeitsintensiven Programmierjobs, zu dem hoffentlich noch ein paar weitere, ebenfalls nicht allzu zeitaufwändige dazukämen. „Mal schauen! Mit ein paar interessanten, größeren Firmen in Frankfurt stehe ich bereits in Verbindung. Vielleicht läuft da was! Und im best case springt da sogar eine Arbeitsmöglichkeit für nach dem Studium heraus. Wenn alles gut geht und sie mit mir zufrieden sind. Und dann…“
Sarah hat seinen Redestrom mit dem Kommentar unterbrochen, dass sie sich Informatiker bislang immer völlig anders vorgestellt habe. Eher stumm statt so gesprächig und mitteilsam wie Marc, eher ungesund lebend statt auf seine Gesundheit achtend und auch eher unsportlich unattraktiv.
„Das ist echt die volle Breitladung an Klischees, die Du da auffährst“, Marc begann, herzlich zu lachen. „Damit ich nicht aussehe wie ein echter, dicker Informatiker, gehe ich übrigens auch ganz untypischer Weise ins Fitnessstudio. Bin ich jedenfalls zweimal die Woche, als ich noch in Würzburg wohnte. Noch etwas, um das ich mich hier in den nächsten Wochen kümmern muss. Du kennst nicht zufällig ein gutes?“
Sarah hat verneinend den Kopf geschüttelt. Erstaunlicherweise sei in ihrem ganzen Freundeskreis auch kein Einziger, der von Sportstudios begeistert sei und bei dem sie sich erkundigen könne. „Wahrscheinlich, weil kein Informatiker darunter ist…“
Während Marc erneut in munteres Lachen ausgebrochen ist, teilte sie ihm ehrlich mit, dass sie selbst dieses stereotype Herumgehampel an den Geräten hasse und sich höchstens für Fitnesskurse begeistern könne. „Dienstags und donnerstags bin ich in einer kleinen Tanzschule zum Zumba. Das reicht mir. Momentan sind leider Sommerferien. Bis fast Ende August!“
„Na, so hast Du mehr Zeit, die Du mit mir verbringen kannst“, hat er gut gelaunt erwidert und gefragt, was sie denn eigentlich beruflich tue und ob sie in Frankfurt lebe – eventuell sogar dort geboren wäre – oder nur zu den Partys herfahre. Er grinste. „Erzähl Du mal! Ich kann auch schweigen und einfach nur lauschen. So wie es sich für einen vorbildlichen Informatiker gehört.“
Sarah hat ihn nachsichtig angelächelt und geantwortet, dass sie wie er als Einzelkind aus einer Kleinstadt stamme, allerdings einer Stadt in der Nähe von Frankfurt, wo ihre Eltern immer noch leben, inzwischen als Rentner, seitdem ihr Vater sein Bauunternehmen verkauft habe. Dass sie nach ihrem Studium in Mainz in die Metropole am Main gezogen sei und dort seit fast bald zehn Jahren als freischaffende Journalistin arbeite. Für die ein oder andere größere Zeitung und außerdem für Unternehmenszeitschriften.
Sie berichtete von ihrem Tagesablauf, dem kleinen Büro, ihrem Kollegen, von ihren Reisen zu Recherchezwecken ab und an, und dass sie ihren Job möge, da sie schon immer gern geschrieben habe.
Marc hörte ihr aufmerksam zu, hakte ein und wollte immer wieder Details von alten Geschichten wissen, die sie in der Vergangenheit verfasst hatte.
So viel hat Sarah schon lange nicht mehr von sich und ihrer Arbeit geredet.
Als sie geendet hat, fragte er sie fast schüchtern, ob sie Lust habe, nochmal mit ihm zu schlafen. Jetzt gleich. Diesmal in seinem Bett. Er verspreche ihr auch, diesmal weniger wild und dafür wesentlich zärtlicher zu sein. Ohne sie wie vorhin gegen Wand und Schrank zu quetschen.
Sarah nickte lediglich, woraufhin er sie hochhob und in sein Schlafzimmer trug. Und ob wild oder nicht! Es war wieder wunderschön.
Ein Ziehen in ihrem Unterleib meldet sich, als sie daran denkt, wie er sie zwar zärtlicher, aber nicht weniger leidenschaftlich als beim ersten Mal geliebt hat. Sie hat beinahe das Gefühl, sie könne ihn jetzt noch auf und in sich spüren. Leicht fährt sie sich mit einem Finger über die glattrasierte Haut ihrer Schamlippen. Sie seufzt.
Bei dem einen Mal im Bett blieb es nicht. Nach einer kurzen Pause hatten sie beide wieder aufs Neue Lust. Als sie anschließend ausgepowert in die Kissen sanken, kuschelte sich Sarah an ihn, und sie unterhielten sich eine Weile leise. Bis sie sich wieder liebten. Unterhielten. Liebten. Unterhielten. Liebten.
So verging der restliche Abend und ein guter Teil der Nacht. Zwischendrin verspeisten sie im Bett genüsslich ihr restliches Picknick. Den von der Bank gefallenen Dip ersetzte Marc flink durch einen neuen aus dem Kühlschrank.
Irgendwann wären sie wahrscheinlich einfach nebeneinander eingeschlafen, wenn Sarah nicht plötzlich daran gedacht hätte, dass sie morgen, also heute, ja arbeiten musste. Marc wollte zwar, dass sie über Nacht bei ihm blieb und von ihm aus ins Büro fuhr, aber sie entschied sich dennoch für den vernünftigen Weg. Sie brauchte andere Klamotten als Minirock und Top, hatte keinerlei Utensilien fürs Bad dabei. Auch wenn Marc ihr heldenhaft seine eigene Zahnbürste anbot. Sie hat ihn nochmal lange geküsst und sich dann auf den Weg zu sich nach Hause gemacht.
Mist! Jetzt ist es schon 10 Uhr. Zwei Stunden hat sie im Bett vertrödelt. „Nichts wie raus aus den Federn“, denkt sie sich. „Arbeiten tut mir bestimmt gut, da vermisse ich ihn weniger.“
Denn das hatte sie bereits, als sie sich in der Nacht in ihr kaltes, leeres Bett gelegt hat und einfach nicht einschlafen konnte.
Trotzdem war es die richtige Entscheidung zu fahren. Schließlich würde sie ihn ja bald wiedersehen… Moment… Würde sie das? Er hat gar nichts gesagt, kein neues Treffen vorgeschlagen, fällt ihr jetzt ein. Hat er sie vielleicht nur ausgenutzt? Weil er scharf auf Sex war? War sie einfach auf ein paar schöne Worte hereingefallen? Auf einen Trick, um sie ins Bett zu bekommen? Es war bei uns Liebe auf den ersten Blick. Blabla.
„Ich bin so blöd…“, überlegt sie, und ihr Magen zieht sich zusammen. „Er ist fünfundzwanzig. Nie im Leben kann eine Beziehung mit ihm klappen.“ Und selbst wenn es ihm gestern tatsächlich kurzfristig ernst mit ihr gewesen sein sollte und er sie nicht bewusst hereingelegt hat… Bestimmt hat er inzwischen darüber nachgedacht und versucht nun, eine möglichst nette Absage für sie zu formulieren. Wenn er sich überhaupt noch mal meldet.
„Und ich hab mich durchvögeln lassen und es für Liebe gehalten… und deswegen nicht mal auf ein Kondom bestanden!“ Ohne die Pille zu nehmen! Und trotz der Gefahr von Aids! Aber nein, Aids hat er sicher nicht, so gesundheitsbewusst wie er ist… Und ihre Periode war gerade erst rum, zu früh der Zeitpunkt, um schwanger zu werden. Trotzdem…. was für eine unglückliche Situation!
Allmählich wird sie wütend. Auf sich, auf ihn, auf das Leben generell. Warum kann sie sich nicht wie alle Anderen in ihrem Bekanntenkreis in einen etwa gleichaltrigen Partner verlieben? Warum muss es bei ihr so kompliziert sein? Sie würde ihm nicht zeigen, wie hart sie seine Absage trifft, nimmt sie sich fest vor. Auf keinen Fall! Das hat er nicht verdient.
„Als ob ihm Deine Reaktion irgendetwas ausmachen würde“, flüstert ihr Teufelchen Zweifel ins Ohr, „Du bist ihm egal! Es war nur Sex!“
Ein Arschloch! Sich einfach das zu nehmen, worauf er gerade in dem Moment Lust hatte! Schön verpackt in verführerisch liebevolle Worte, ohne an die Konsequenzen, ohne an ihre Gefühle zu denken! Dein Alter ist mir egal! Von wegen!
„Aber ich hatte das Gefühl, es sei echt und Marc ehrlich“, tröstet die Hoffnung.
„Nie im Leben“, höhnt der Teufel. „Wie dumm muss man sein…?“
„Ach, verdammt! Hätte ich ihn doch besser nie kennengelernt“, sagt Sarah laut zu sich. Die nächste Zeit würde sie jede Kizombaparty meiden!
10.35 Uhr. Sarah schaut auf ihr Handy. Keine Nachricht, kein Anruf von ihm. Obwohl sie gestern im Bett ihre Handynummern ausgetauscht haben. Sogar Wohn- und Büroadresse hat sie ihm diktiert. Sie ist echt eine Idiotin! Was ist denn Anderes zu erwarten?
Langsam zieht sie sich an, ausgiebig geduscht hat sie noch in der Nacht. Aus dem Badezimmerspiegel blickt ihr eine verhärmte blonde Frau entgegen. „Ich sehe genauso alt aus wie ich bin. Kein Stück jünger“, findet sie missmutig und massiert trotzig die feinen Fältchen unter ihren Augen. Trotz der ganzen Bio-Lebensmittel, der Öko-Cremes ohne Schadstoffe und der die Haut nicht belastenden Öko-Schminke. Wie könnte er sich jemals so in sie verlieben?
Traurig trinkt Sarah einen Becher Kombucha, eine ihrer Wachmacher-Alternativen zum Kaffee, der ihr noch nie geschmeckt hat, und verlässt das Haus. Auf ihr Müsli hat sie keine Lust.
Kurz nach 11 statt üblicherweise um 9 Uhr ist sie im Büro.
Ihr Kollege arbeitet bereits eifrig. „Spät heute“, kommentiert er knapp ihr Erscheinen. „Bist Du gestern versackt?“
„Nee. Hab nur schlecht geschlafen“, murmelt sie und setzt sich an ihren Schreibtisch. Mal sehen. Worum soll sie sich zuerst kümmern? Da ist die Sache mit den Analphabeten in Deutschland.
Sie hat die Statistik dazu verständlich aufgearbeitet und tatsächlich einen Betroffenen gefunden, der einverstanden war, ihr seine Geschichte zu erzählen. Besser gesagt, er hat ihr bereits seine ganze Geschichte erzählt. Letzte Woche schon. Sie war nur noch nicht dazu gekommen, sie aufzuschreiben.
„Das Teil hier hing übrigens an unserer Bürotür, als ich gekommen bin“, unterbricht der Kollege ihre Gedanken und reicht ihr eine Jutetasche über den Tisch, auf der ihr Name prangt. „Keine Ahnung, wie es das Ding dahin geschafft hat. Aber auf jeden Fall steht drauf, es sei für Dich.“
Verblüfft schaut Sarah auf.
In der Tasche findet sie eine Papiertüte mit zwei Vollkorn- und einem helleren Körnerbrötchen, ein Brötchenmesser, eine Serviette, eine Minidose, in der grob abgeschnittene Butterstücke liegen oder vielmehr bei der Hitze des Vormittages aufgeweicht schwimmen und ein großes Glas Marmelade.
Außerdem ein Stück abgerissener Zettel mit schlecht leserlichen Worten. „Für Dich“, kann sie mühsam entziffern und weiter: „Weil Du bestimmt heute Morgen nach der kurzen Nacht zu müde warst, ordentlich zu frühstücken. Die Marmelade ist von meiner Mutter. Aus dem Garten meiner Eltern. Sie wird Dir schmecken. Ich mag Dich nicht stören. Meldest Du Dich, wenn Du fertiggearbeitet hast? Ich hab einen Vorschlag für heute Abend.“
Was für ein schöner Morgen! Sarah strahlt. Und was sie plötzlich für einen Hunger hat!
Gut gelaunt breitet sie zum Erstaunen ihres Kollegen die Serviette auf ihrem Schreibtisch aus, schmiert sich eines der Brötchen und beißt kräftig hinein. Die beste Marmelade, die sie je in ihrem Leben gegessen hat! Sie isst ein Brötchen nach dem anderen auf und stürzt sich voller Energie in ihre Arbeit.
Nicht ohne Marc vorher noch schnell ein „Ja, mach ich. Danke!!!!“ über WhatsApp zu schicken. Mit rotem Herz!
Es ist nach 19 Uhr, als Sarah aufhört zu schreiben. Sie hat Etliches abgearbeitet. Wesentlich mehr als bei diesem schlechten Start in den Bürotag zu erwarten gewesen wäre.
Andreas, wie ihr Kollege heißt, ist bereits gegangen.
Sie schaut in WhatsApp rein. Marc hat kurz zuvor geschrieben, obwohl er doch warten wollte, bis sie sich meldet: „Ich will so gegen 20 Uhr zu einem Spieleabend in der Uni. Hab einen Flyer von Felix am Kühlschrank entdeckt. Wenn Du`s nicht rechtzeitig schaffst, kommst Du dann nach? Ich sende Dir noch die genaue Adresse.“
Zu einem Spieleabend? In der Uni? Sie? Inmitten lauter junger Studenten? Und – schlimmer noch – lauter junger, gutaussehender Studentinnen?
Das ist sein Vorschlag für ihren gemeinsamen Abend?
„Auf gar keinen Fall!“ Sarah hat es laut vor sich hergesagt. Sie würde sich doch lächerlich dort machen! Auch wenn sie jünger aussieht, als sie in Wirklichkeit ist. Trotzdem… Nicht sooo jung!
Die Anderen würden sich fragen, was der Typ denn da für eine alte Tussi mitgeschleppt habe.
Und gespielt hat sie nicht mehr, seitdem sie ein Kind war. Naja, Jugendliche war.
„Ich komme nicht mit“, schickt sie an Marc.
„Warum nicht????“ und gefolgt von „Hast Du was Anderes vor?“ ist seine prompte Reaktion.
„Weil… Ich bin zu alt.“
„? Moment…“, schreibt er und schon klingelt ihr Telefon. „Du bist zu alt, um zu spielen? Das wird kein Kindergeburtstag! Die Anderen…“
„Das weiß ich“, unterbricht sie ihn. „Ich würde mir aber völlig fehl am Platz vorkommen unter all den jungen Leuten. Die lästern doch, wenn sie uns beide zusammen sehen…“ Pause. „Selbst dann, wenn wir so tun, als ob wir nichts miteinander hätten.“
„Ich habe nicht vor, so zu tun, als ob wir nichts miteinander hätten.“ Beim letzten Teil des Satzes äfft er erregt ihre Stimme nach. „Was für ein Unsinn, Sarah! Ich hätte es mir gleich denken können. Deswegen wolltest Du auch nicht meinen Mitbewohner kennenlernen.“
Sie schweigt.
„Hör zu“, sagt er, nun wieder in normalem Ton. „Erstens sieht man Dir die Vierzig nicht an. Die meisten Typen werden mich eher beneiden, denke ich. Und zweitens. Selbst wenn man sie Dir ansehen würde, wäre es doch auch egal. Was gehen uns denn bitteschön die Leute an? Und vor allem: Was geht die Leute unser Leben an? Gar nix! Es ist unser Leben! Wir müssen miteinander glücklich sein. Nicht die Anderen über uns.“
„Für Dich ist das einfacher, weil Du nicht den Makel hast…“
„Es gibt keinen Makel“, ruft er halb empört, halb belustigt.
„Doch! Ich sehe das Getuschel geradezu vor mir!“
„Du steigerst Dich da in was rein, Sarah! Hör doch mal auf, uns beiden das Leben schwerer zu machen als nötig!“
„Dann such Dir doch jemanden, der Dir das Leben weniger schwer macht“, fährt sie ihn beinahe an. Lässt es aber im letzten Moment sein. Stattdessen atmet sie tief durch und sagt: „Dann lass mir Zeit, mit der Situation umgehen zu lernen, und geh heute alleine hin.“
Schweigen.
„Gut, aber nur, weil ich schon fast dort bin“, erwidert er und gleich darauf: „Und Du brauchst nicht zu glauben, dass ich mich dauerhaft darauf einlasse, eine Geheimbeziehung mit Dir zu führen. Das kannst Du vergessen. Bis später!“ Mit diesen Worten legt er auf.
„Ich glaube nicht, dass es überhaupt eine dauerhafte Beziehung für uns geben wird“, meint sie leise, ordnet ihre Unterlagen und fährt nach Hause.
„Ich gehe wohl besser schlafen“, überlegt Sarah kurz nach Mitternacht. Bettfertig gemacht hat sie sich schon vor einer geraumen Weile. Und davor den ganzen Abend über auf ihr Handy geschielt, erst alle Stunde, schließlich jede halbe Stunde. Aber keine Nachricht blinkte auf. Jedenfalls keine von Marc.
Sie versuchte, sich abzulenken, in dem sie sich einen spannenden Film anschaltete und später in ihrem Lieblingsbuch blätterte. Aber irgendwie war sie bei allem nur halbherzig dabei.
„Bis später“, hat er am Telefon getönt. Das schien er ja sehr schnell vergessen zu haben. Sicher hat er eine nette Studentin kennengelernt…
„Nicht drüber nachdenken“, befiehlt sie sich streng. „Geh schlafen!“
Da klingelt es an der Tür.
„Wer ist da?“, fragt sie in den Hörer der Fernsprecheinrichtung.
„Ich bin`s.“
„Oh“, sagt sie nur und dann: „Dritter Stock rechts.“ Sie drückt auf den Türöffner.
„Ich bin total müde, will einfach nur pennen“, ist Marcs einzige Begrüßung, als er endlich die Treppen hochgestapft ist und im Halbschlaf an Sarah vorbeischlurft. „Ich bin ja auch total früh aufgestanden, weil ich Dir Frühstück bringen wollte. Gut, danach hab ich mich nochmal hingelegt. Aber trotzdem…“ Er guckt sich suchend um und tritt sich mit dem einen Fuß den Schuh vom anderen ab. Dann umgekehrt dasselbe Spiel. Nur nicht bücken. „Wo ist denn das Bad?“
„Gerade aus“, antwortet sie, völlig überrumpelt.
„Ich spül mir jetzt einfach nur den Mund aus und hau mich dann hin. Hab nicht dran gedacht, dass ich eine Zahnbürste brauche, als ich vorhin losgegangen bin.“
Im Bad gurgelt er laut und spuckt ins Waschbecken. „War ein kurzfristiger Entschluss, bei Dir zu schlafen. Bevor ich Dich heute überhaupt nicht sehe…“ Er kommt wieder raus in den Flur. „Du hast bei mir übrigens jetzt das Notwendigste, was man so zum Übernachten braucht. Habe ich heute alles besorgt. Wo ist denn Dein Bett?“
Sie steht immer noch regungslos an der inzwischen geschlossenen Haustür und guckt ihn groß an.
„Entschuldige“, er geht auf sie zu und schlingt seine Arme um sie. „Ich hab gar nicht richtig Hallo gesagt.“
„Nicht schlimm. Lass uns jetzt schlafen gehen“, Sarah hat ihre Überraschung abgeschüttelt. Längst ist sie großer Freude gewichen. Sie nimmt Marc an die Hand und führt ihn in ihr Schlafzimmer.
Er zieht sich schnell aus, steigt ins Bett und lässt sich bäuchlings auf ihre Lieblingsseite plumpsen: „Gute Nacht. Schlaf gut.“ Binnen paar Minuten ist er weggedöst. Obwohl der Raum noch hell erleuchtet ist.
Sarah legt sich neben ihn auf die andere Seite in ihr warmes, so gar nicht mehr leeres Bett. Und schaut ihm einfach nur zu. Eine ganze Weile lang. Durch und durch glücklich. Dann muss sie über sich selbst lächeln, schmiegt sich an ihn und knipst das Licht aus. Auch sie schläft auf der Stelle ein.
Fünf Minuten bevor der Wecker klingelt, wacht Sarah auf. 7.55 Uhr. Schnell stellt sie den Wecker aus.
Marc hat sich trotz der nicht zu kühl eingestellten Temperatur ihrer klimatisierten Wohnung wohlig in seine Decke eingerollt und schläft noch tief und fest.
„Wie soll man so Lust bekommen aufzustehen?“, fragt sie sich seufzend und streicht ihm vorsichtig eine kurze Haarsträhne aus der Stirn. Fährt mit einem Finger zart den störrischen Wirbel entlang, der Marc auch nach dem Kämmen immer ein wenig zerzaust aussehen lässt. So als ob er gerade aus dem Bett gekrochen sei.
„Bed-Look ist in“, hat er ihr augenzwinkernd erklärt, als sie am Sonntag bei ihm war.
Und jetzt kann sie einfach nicht widerstehen. Genießerisch vergräbt sie beide Hände in seinem braunen Haar. Es ist so weich! Trotz Wirbel! So unglaublich weich!
Er brummt.
Mist! Jetzt hat sie ihn fast aufgeweckt. Langsam zieht sie ihre Hände zurück. Dann setzt sie sich auf die Bettkante und kämmt sich mit den Händen ihr eigenes langes Haar. Eine für sie schon beinahe meditative Geste, die sie sich als Kind angewöhnt hat. Normalerweise bringt es sie zur Ruhe und hilft ihr, sich auf den Tag einzustimmen.
Jetzt will sie allerdings eher möglichst viel Zeit rausschinden, bevor sie endgültig aufsteht, muss sie sich amüsiert gestehen. Aber was sein muss, muss sein. Erneut seufzend erhebt sie sich.
Prompt wird sie am Handgelenk gepackt und zurückgezogen.
Marc blinzelt sie aus halb geöffneten Augen an. „Nicht einfach so gehen. Nicht ohne einen Kuss.“ Er hält ihren Kopf fest zwischen seinen Händen und küsst sie sanft auf die Lippen. Lässt seine auf ihren liegen. Zehn Sekunden. Zwanzig Sekunden. Schließlich gibt er sie frei, schließt lächelnd wieder die Augen und dreht sich auf den Bauch. „Jetzt kannst Du gehen.“
