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Herbert Nerz war Schwetzingens grüner Daumen. So wurde der Gärtnermeister, langjährige Stadtrat und Naturfreund gern von Freunden und Kollegen genannt. "Du mit doine Bäähm!", hieß es oft. Als der Mann 2022 im Alter von 84 Jahren starb, hinterließ er seinen Söhnen getippte Lebenserinnerungen, die - aufgearbeitet - dieses Buch ergeben haben. Es erzählt von Herbert Nerz` Jugendjahren, der Übernahme und dem Ausbau des heimischen Garten-Betriebs und von seiner großen Reiselust, die ihn immer wieder länger ins Ausland führte. In Holland etwa lernte er seine erste Ehefrau kennen. Es ist die Geschichte eines ganz "normalen" Mannes, der den Mut hatte, auch mal aus gesellschaftlichen Normen auszubrechen, um seine Träume zu verwirklichen. Und der dabei trotzdem die Tradition hochhielt. Lesenswert für alle, die vielleicht einen Anstoß brauchen, um sich zu trauen, "ihr Leben" zu leben. Und interessant natürlich für alle Schwetzinger, die das Urgestein - engagiert in Politik und Gesellschaft - ihrer Stadt kannten und schätzten.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Das Buch:
Herbert Nerz war Schwetzingens grüner Daumen. So wurde der Gärtnermeister, langjährige Stadtrat und Naturfreund gern von Freunden und Kollegen genannt. „Du mit doine Bäähm!“, hieß es oft. Als der Mann 2022 im Alter von 84 Jahren starb, hinterließ er seinen Söhnen getippte Lebenserinnerungen, die – aufgearbeitet – dieses Buch ergeben haben. Es erzählt von Herbert Nerz` Jugendjahren, der Übernahme und dem Ausbau des heimischen Garten-Betriebs und von seiner großen Reiselust, die ihn immer wieder länger ins Ausland führte. In Holland etwa lernte er seine erste Ehefrau kennen.
Es ist die Geschichte eines ganz „normalen" Mannes, der den Mut hatte, auch mal aus gesellschaftlichen Normen auszubrechen, um seine Träume zu verwirklichen. Und der dabei trotzdem die Tradition hochhielt. Lesenswert für alle, die vielleicht einen Anstoß brauchen, um sich zu trauen, „ihr Leben“ zu leben. Und interessant natürlich für alle Schwetzinger, die das Urgestein – engagiert in Politik und Gesellschaft – ihrer Stadt kannten und schätzten.
Die Autorin:
Isabel Hahn hat lange Zeit als freie Journalistin und Redakteurin einer Tageszeitung gearbeitet. Mit ihrer „Schreibwerkstatt Hahn“ ist sie nun darauf spezialisiert, Geschichten von Menschen für Menschen aufzuschreiben. Frei nach dem Motto: „Ihnen fehlen die Worte. Ich finde sie für Sie.“
Herbert Nerz – seiner Zeit weit voraus
„Du mit doine Bäähm!“ Diesen Ausspruch musste sich Stadtrat und Gärtnermeister Herbert Nerz wohl des Öfteren anhören. „Er war schon Grüner, bevor man von den Grünen Notiz genommen hat. Er war der Zeit weit voraus“, schreibt Harald Fischer, ehemaliger Vorsitzender der Schwetzinger FDP, im Memorandum für den Pflanzenfreund. Die FDP, in die Herbert Nerz 1978 eintrat, ehrte ihn 2004 für seine Treue und sein Engagement mit der Theodor-Heuss-Plakette. 2011 erhielt er die Ehrennadel des Gemeindetags Baden-Württemberg, 2018 die Verdienstmedaille der Stadt Schwetzingen.
Von 1980 bis 2018 saß der grüne Daumen Schwetzingens, wie Herbert Nerz in seinem Geburtsort gern genannt wurde, am Gemeinderatstisch; 28 Jahre lang mit einer Pause von zwei Legislaturperioden. 2004 kämpfte er für die alten Kastanien auf dem Schwetzinger Schlossplatz, die er trotz 2500 Unterschriften nicht retten konnte. Er war jedoch keiner, der sich von Rückschlägen entmutigen ließ, nein, er ärgerte sich kurz – und pflanzte die Nachfolgerbäumchen. Zu tun, gab es immer etwas für ihn. Auch lang nach der Rente kümmerte er sich noch um „seine“ Stadt und um die Menschen darüber hinaus. Besonders hervorzuheben sind dabei seine Verdienste um Schwetzingens Städtepartnerschaften und das Schwetzinger Waisenhaus in Sri Lanka, bei dem er ehrenamtlich die Außenanlage gestaltete und das er mehrmals besuchte.
Herbert Nerz war ein echter Tausendsassa, überall dabei und ein jedem bekannt, offen für Modernes und doch die Tradition nicht vergessend, hart arbeitend, aber nie die Freizeit vernachlässigend. Überhaupt: Freiheitliches Denken stand ganz vorn bei seinen Entscheidungen. Er wollte stets Neues erfahren und sich selbst fortentwickeln. Um fit zu bleiben, trieb er Sport (30 Goldene Sportabzeichen), und mit viel Freude engagierte er sich im Gesangsverein Liederkranz. Reisen war seine große Leidenschaft, an bekannte Orte ebenso wie in fremde, exotische Gefilde.
Als seine Söhne Joachim und Rüdiger noch zuhause bei ihm und seiner ersten Frau Gretha lebten, liebte es Herbert Nerz, mit ihnen etwas zu unternehmen. Auch später hatte er einen guten Draht zu ihnen, wenngleich er sich mit seiner zweiten Ehefrau Isolde inzwischen ein eigenes schönes Leben aufgebaut hatte. Während Corona wütete, setzte er sich hin und schrieb die Erlebnisse seit seinem 18. Lebensjahr auf. So wie sie ihm gerade einfielen. Sohn Rüdiger hatte nach des Vaters Tod die Idee, aus „Herbert`s Papers“ ein richtiges Büchlein zu machen – und dieses halten Sie, lieber Leser, liebe Leserin, nun in Ihren Händen. Bis ins Jahr 2000 ist Herbert Nerz mit seinen Lebenserinnerungen gekommen. Ob alle Daten darin stimmen, ließ sich leider nicht immer exakt nachprüfen, aber das ist bei einem Urlaub oder einem Ausflug auch gar nicht so wichtig, wie ich finde. Viel schwerer wiegt, was Herbert Nerz mit seinen Aufzeichnungen mitteilen wollte: dass man nie stillstehen darf, um seine Ziele zu erreichen. Und das hat er meines Erachtens geschafft!
Isabel Hahn, November 2023
1956
Was machte ein junger Mann 1956 in seiner Freizeit, die sehr begrenzt war und deswegen eigentlich nur samstagsabends stattfinden konnte? Und natürlich bloß dann, wenn die lange Clementine-Bassermann-Straße vor der heimischen Scheuer, dem Haus und dem Gelände bereits ordentlich gefegt war, was meist nur mit Hilfe von Kumpel Erich und anderen Freunde fix gelang. Nun, er – respektive ich, Herbert Nerz, damals gerade 18 Lenze zählend – versuchte, sich, so oft es ging, geschickt von den elterlichen, gefühlt nie enden wollenden Arbeitsaufträgen loszueisen. Eine Idee beispielsweise war, mit Schulfreunden, die Väter im Männergesangsverein Liederkranz hatten, das Singen zu versuchen.
Der Liederkranz, gegründet 1860, war zu dieser Zeit in Schwetzingen ein sehr renommierter und altehrwürdiger Verein. Mit gestandenen Respektspersonen. Handwerksmeister, Brauereibesitzer, Rechtsanwälte oder Möbelhändler etwa, sogar mehrere Stadträte gehörten dazu. Alles stadtbekannte Namen wie Dr. Eberhardt, Bassermann, Rupp, Hassler, Thienhaus, Allgeier oder Kleinschmitt. Klar, dass man da bei Neuankömmlingen auf gute familiäre Herkunft achtete. Bei unserer Truppe stellte das zum Glück kein Problem dar. Ein Fürsprecher reichte den Alten, und mit Heinrich Hepp, Walter Frey, Gerhard Rausch oder Manfred Hilbert, um nur einige zu nennen, hatten wir sogar gleich mehrere schwergewichtige Schwetzinger Namen im Angebot.
Also ging es von nun an donnerstagabends um 20.30 Uhr zur Singstunde. Bis zu dieser Zeit waren fast alle noch bei der Arbeit – etwas, das die junge Generation heutzutage gar nicht mehr kennt und erst recht nicht akzeptieren würde. Aber zurück zu meinem gelungenen musikalischen Fluchtversuch. Er brachte mir wochentags immerhin einen Abend ohne Rosenkohl-Putzen oder das Waschen von zentnerweise Sellerie.
Dabei blieb es allerdings leider auch. Denn ein weiteres Ausweichmanöver scheiterte. Nur einmal schaffte ich es mit Freund Erich zum Turnverein 1864. Dann strichen mir Hugo und Gertrud, meine lieben Eltern, das turnstündliche Vergnügen. Noch ein zusätzlicher freier Abend unter der Woche wäre quasi Volksverrat, zumindest jedoch eine gehörige Familienschande gewesen. So bin ich erst mit über 40 wieder zum Sport gekommen, auf Anregung meines Arztes Dr. Voll: jeden Montagabend mit Hündin Donald zehn Kilometer durch den Wald und regelmäßiges Training bei besagtem Turnverein, was mir 30 Jahre später übrigens 30 Goldene Sportabzeichen einbrachte.
Aber ich schweife erneut ab. 1956 war mir als Lehrling in der heimischen Gärtnerei das Taschengeld doch etwas arg zu knapp. Flugs besserte ich mir die fünf 5 DM auf, indem ich – nebenher und weder abgesprochen noch erlaubt – Salat und Gemüse aus dem Betrieb Nerz an diverse Hotels und Gaststätten verkaufte. Meine Eltern erfuhren nie davon.
Trotz all der erkämpften und – zugegeben – ein bisschen ergaunerten Vorteile, meinem Führerschein, der vielen guten Freunde und auch Freundinnen wollte ich mehr. Ich wollte raus aus dem elterlichen Mühlrad zu Hause. Dem gewohnten, stets gleich vor sich hinplätschernden Alltag mit der dauernden Arbeit. Weg aus dem bürgerlichen Kleinklein der Heimatstadt. In einer Fachzeitschrift fand ich die Anzeige „Gärtnergeselle für Samenfirma in Schweden gesucht“. Mit 18 überlegt man da nicht groß. Kurze Zeit später – nach fast fluchtartigem Abschied daheim – stand ich also mit Rucksack und Gitarre als Anhalter an der Autobahn. Ziel: die Firma Olsens Enke in Malmö. Erst dort, angelangt in der skandinavischen Stadt, wurde mir bewusst, dass ich ja kein Wort Schwedisch sprach. Aber ich hatte Glück im Unglück: Olsens Enkes Meister Hans war ein ausgewanderter Deutscher und nahm mich die erste Zeit unter seine Fittiche. Zum Dank lernte ich wie der Teufel: nachts per Wörterbuch im Bett und tags durch Umsetzung von Theorie in gärtnerische Praxis. Jetzt konnte es endlich kommen: mein erstes Jahr in Freiheit und das Abenteuer meines Lebens.
Schweden 1956 – 1957
Es war eine lehrreiche und eine interessante Zeit in Schweden, eine Zeit der Selbstfindung. Nach meiner unorthodoxen Anfahrt per Anhalter – danach hatte ich mich heimlich auf eine Fähre geschmuggelt, war mit der Bahn gefahren und ein Stück gewandert – kam ich erschöpft, aber glücklich bei Olsens Enke an. Quartier bezog ich auf dem betriebseigenen Bauernhof direkt neben der Firma. Außer dem Pächterehepaar wohnten dort noch drei Praktikanten: der Finne Andy, eine Gärtnerin aus der Schweiz und eine Deutsche. Jeder der Drei hatte ein einfaches Zimmer im ersten Obergeschoss des Hauses. Nach Feierabend (diesen gab es hier tatsächlich im Gegensatz zu daheim) spielten wir im Garten Federball oder studierten schwedische Lektüre. Bei der Arbeit hingegen sah ich das Trio nur höchst selten.
Und tja, die Arbeit mit all ihren sprachlichen Hürden. In der Schule Englisch und ein wenig Französisch gelernt fühlte ich mich zunächst noch stark und für alles gerüstet. Hej, ich hatte es bis hierher geschafft! Ich war der Größte und mit 18 natürlich fast schon so etwas wie allwissend! Ein großer Fehler, diese Überheblichkeit, wie ich sogleich merken musste. Denn direkt in den ersten Arbeitsstunden kam das böse Erwachen: Ich verstand kein Wort. Alle redeten auf mich ein, und ich versuchte, irgendwie mit Händen und Füßen klarzukommen. Mir schwirrte der Kopf.
Gott sei Dank half mir Meister Hans aus Hamburg für den Anfang; mit der Mahnung, so schnell wie möglich Schwedisch zu lernen. Also büffelte ich ab sofort täglich 20 Vokabeln. Ich schrieb sie auf einen Zettel, den ich dann dutzende Male bei der Arbeit aus der Tasche zog und durchlas. Auf diese Weise kamen jede Woche 100 neue Wörter hinzu. Doch das reichte mir nicht, wollte ich doch recht bald ganze Sätze verstehen.
Wie schon erwähnt, blätterte ich somit auch des Nachts im Wörterbuch und versuchte, das durch den Schlaf Gebrachte im Alltag anzuwenden. Schließlich waren es aber Gottesdienstbesuche, die meinen Wortschatz, mein Hörverständnis und insbesondere meine Aussprache stark voranbrachten. Denn wie von zuhause gewohnt, war ich jeden Sonntag in eine nahgelegene kleine Kirche gegangen und hatte gemerkt, dass der Pfarrer ein ganz anderes Schwedisch sprach als die Kollegen auf der Arbeit, in etwa vergleichbar mit Hochdeutsch zu Dialekt. Dieselben Wörter zwar, aber völlig anders ausgesprochen – und für mich äußerst lehrreich. Im Nachhinein bedauere ich es sehr, dem Pfarrer für diesen kostenfreien Zusatzunterricht nie gedankt zu haben.
Je mehr ich die heimische Sprache konnte, desto mehr genoss ich meine neu gewonnene Freiheit. Eine Einladung zur Jugendstunde nahm ich da doch gerne an. Unter gleichaltrigen und weltoffenen Teenies war ich schnell zuhause und bekam hier das echte schwedische Leben mit. Ich lernte neue Lieder und machte mir fremde Gewohnheiten zu eigen. Gewohnheiten wie das Pfeiferauchen, dem die jungen Leute in Schweden frönten. Klar, dass ich das auch ausprobieren musste! Oder das abendliche Baden in der Ostsee. Letzteres hatte mich zunächst schockiert, Usus war dabei nämlich, dass alle Mädels und Jungs nackt ins Wasser sprangen. Eine ziemliche Überwindung im ersten Moment!
Am schönsten waren die vielen Ausflüge und Wanderungen, die ich allein oder in der Gruppe unternehmen konnte. Und natürlich zu zweit mit meiner Freundin Annlies Anderson, einer hübsche Friseurtochter aus Malmö. Bei meinen Touren lernte ich die typischen Familien Schwedens kennen. Gastfreundschaft war hier großgeschrieben, auch wenn ich des Öfteren im Waschkeller übernachten musste. Aber der Reisende ist dankbar, wenn er des Abends überhaupt sein Haupt irgendwo im Haus betten darf. Um mobiler zu sein – ich wohnte schließlich ein Stückchen vor der Stadt –, kaufte ich mir mein erstes Moped. Ein gebrauchtes Teil, was nicht schlimm war. Denn streikte der alte Motor, konnte ich ihn gut selbst reparieren. Von den alten Maschinen in der fernen deutschen Heimat war ich dies gewohnt.
Faszinierend war der schwedische „Midsommar“, eine Nacht ohne Nacht sozusagen. Das muss man im Norden erlebt haben, wie ich finde. Ursprünglich wurde Mittsommer am 24. Juni gefeiert, heute liegt der Festtag zwischen dem 20. und 26 Juni. An jedem Ort wird im Uhrzeigersinn um einen Maibaum getanzt, gesungen und gelacht, mit bunten Blumenkränzen in den Haaren. Wir damals hockten im Folkets Park in Malmö (eröffnet 1893 und damit der älteste Volkspark in Schweden, wenn nicht auf der ganzen Welt) gemeinsam mit lauter fremden Menschen an einem von vielen Tischen. Um uns herum vier bis sechs verschiedene Musikkapellen. Ständig sprang man auf, tanzte und wechselte den Tisch.
Morgens beim Abschied fiel mir plötzlich ein, vor lauter Vergnügen meinen Fotoapparat am ersten Tisch, an dem ich gesessen hatte, vergessen zu haben. Doch welch ein Wunder! Nach sieben Stunden lag er immer noch dort. Auch mein Fahrrad stand die ganze Zeit über unverschlossen da. In Deutschland schon damals ein unvorstellbarer Gedanke! Aber es war kein Zufall, dass nichts gestohlen wurde. Nein, dasselbe geschah dutzende Male am Hafen, wenn mein finnischer Kollege Andy und ich sonntags und manchmal auch samstags nach Kopenhagen übersetzten, um zu bummeln und günstig Carlsberg zu trinken. Unsere Räder lehnten bei der Rückkehr jedes Mal friedlich am Kai.
An manchen Samstagen verdiente ich mir mit Nebenarbeiten zusätzlich gutes Geld. Zum Beispiel, indem ich Draht für neue Erbsensorten auf den Feldern spannte, oder durch das Sortenbestimmen bei Bohnen, Melonen, Kürbissen und anderen Neuzüchtungen im
