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Natur tut gut. Die Beschäftigung mit und in der Natur erhöht das Wohlbefinden. Sie regt Senior:innen beim Pflanzen von Blumen, Riechen und Betrachten von Kräutern an und lädt zum Austausch ein. Doch wie bringt man "die Natur" in Pflegeeinrichtungen? Wie lassen sich Ideen und Aktionen dauerhaft in den Pflegealltag integrieren? Wie gelingt Gartentherapie überhaupt? Und warum eignet sie sich besonders für demenziell erkrankte Bewohner:innen? Antworten auf diese Fragen finden sich in diesem liebevoll illustrierten und bebilderten Grundlagenwerk zum Thema Gartentherapie. Die Herausgeber Blank und Budliger sind langjährig in der Leitung von Pflegeeinrichtungen und im Gartenbau erfahren. Profitieren auch Sie von diesem Wissen. Nutzen Sie den "Gartentherapie-Kalender" und viele Praxisbeispiele für gartentherapeutische Maßnahmen im Jahresverlauf. Alle Aktionen wurden im Johanneshaus, das im Zentrum dieses Buches steht, erfolgreich umgesetzt.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2022
Michael Blank, Ute Budliger Hrsg.
Gemeinsam Natur erleben
So gelingt Gartentherapie im Pflegealltag
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© VINCENTZ NETWORK, Hannover 2022
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Foto Titelseite: Oliver Keller – OIKe-Art FotografieFotos Innenteil: Archiv Johanneshaus, Werner Krüper, Katrin Müller-Mauch
ISBN 978-3-7486-0512-6
Vorwort
1 Gartentherapie: Bedeutung und Umsetzung
1.1 Natur, Gartentherapie und Umwelt – netter Zusatz oder natürliche Verpflichtung?
1.1.1 Und wie ist es um die aktuelle Pflegeeinrichtungslandschaft bestellt?
1.1.2 Nicht zuletzt: Haben wir nicht auch eine Verantwortung gegenüber der Natur, der Umwelt und den Generationen nach uns?
1.1.3 Gärten und Grünflächen können und müssen eine Antwort auf den Klimawandel sein
1.2 Warum brauchen wir die Natur in Pflegeheimen?
1.2.1 Die Menschen und die Natur
1.2.2 Das Alter und die Natur
1.2.3 Das Johanneshaus und die Natur
1.2.4 Die Gartentherapie und das Johanneshaus
1.2.5 Einführung der Gartentherapie
1.2.6 Perspektiven von MitarbeiterInnen in der Gartentherapie
1.2.7 Die Umsetzung der Gartentherapie
1.3 Wie kann Gartentherapie in Pflege-einrichtungen gelingen?
1.3.1 Was braucht man dafür?
1.3.2 Wie sind Sie dabei vorgegangen?
1.3.3 Worauf kommt es bei der Vorbereitung an?
1.3.4 Was kommt nach der Planungsphase?
1.3.5 Wie werden die Aufgaben verteilt?
1.3.6 Wo gibt’s Hürden?
1.3.7 Was ist der Schlüssel zum Erfolg?
1.3.8 Möchten Sie noch etwas hinzufügen?
1.3.9 Beispiel Wochenplan: Die Gartentherapie muss fester Bestandteil des Ablaufs sein.
1.4 Die Bedeutung der Gartentherapie für Menschen in Pflegeheimen – wissenschaftliche Grundlagen
1.4.1 Was ist Gartentherapie?
1.4.2 Zur Wirksamkeit von Gartentherapie in Pflegeheimen
1.4.3 Zur Geschichte der Gartentherapie
1.4.4 Ziele und Betreuungsansätze der Gartentherapie in Pflegeheimen
1.5 Gartentherapie und die Betreuung von Demenzkranken
1.6 Das Projekt Gemeinsam Natur erleben im Johanneshaus – Planung ist alles!
1.6.1 Die Planung
1.6.2 Einführung
1.6.3 Erhaltung
1.6.4 Ausblick 2020
1.6.5 Fazit
1.6.6 Beispiel: Kursevaluation
1.7 Quiz: Wissenstransfer
2 Außenbereiche: Wirkung und Entstehung
2.1 Die Entstehung der Außenanlagen im Johanneshaus
2.2 Was bedeutet ein Therapiegarten aus anthroposophischer Sicht?
2.3 Planung von Modulen zur Gartentherapie im Johanneshaus
2.3.1 Allgemeine Anforderungen an die Bepflanzung und die Gestaltung
2.3.2 Konkrete Planung und Pflanzenauswahl
2.3.3 Außenterrasse in einem Wohnbereich
2.3.4 Innenhöfe Ernst-Zimmer-Haus (Demenzbereich)
2.3.5 Außenbereich im Ernst-Zimmer-Haus (Demenzbereich)
2.3.6 Fläche im Randbereich der Feuerwehrzufahrt
2.3.7 Aufenthaltsraum in einem Wohnbereich
2.4 Garten und Gartentherapie aus Sicht der BewohnerInnen
2.5 Aus der Anthroposophie – Die zwölf Sinne des Menschen und ihre Belebung durch die Natur in Pflegeheimen
3 Einfache Übungen für jegliche Gegebenheiten
3.1 Gartentherapieprogramme in Innen- und Außenbereich für jede Jahreszeit
3.1.1 Gartentherapie im Sommer – Pflanzen abtasten, drücken und berühren
3.1.2 Gartentherapie im Sommer – Erdbeeren umpflanzen
3.1.3 Gruppenarbeit: Gartentherapie im Sommer – Liegewiese
3.1.4 Gartentherapie im Herbst – Die Gartenbox
3.1.5 Gartentherapie im Herbst – Sauerkraut herstellen
3.1.6 Gartentherapie im Winter – Adventskränze und Türschmuck fertigen
3.2 Arbeitsgruppe: Fehler vermeiden und Fehler beheben
3.3 Anregungen für einen Gartentherapie-Jahreskalender
3.4 Gartentherapie und Corona
3.5 Herausgeber/Herausgeberin
3.6 Notizen
Die Pflege alter Menschen stellt Einrichtungen und Personal vor vielseitige Herausforderungen. Dabei geht es vor allem darum, Ansätze für den alltäglichen Ablauf der Altenpflege zu entwickeln, die sich gut in vorhandene Strukturen einfügen und dem Leben der Pflegebedürftigen nützliche Impulse geben. Einer dieser Ansätze ist die Gartentherapie, die vielfältige Möglichkeiten bietet, um Abwechslung in den Pflegealltag zu bringen und den betreuten Menschen gleichzeitig Erlebnisse zu verschaffen, die kognitiv anregend und emotional tiefgehend sind.
In diesem Buch werden die Grundlagen der Gartentherapie und ihr Verhältnis zur Pflege von SeniorInnen und insbesondere von Demenzkranken dargestellt. In den verschiedenen Beiträgen wird erläutert, wieso es wichtig ist, Natur in Pflegeeinrichtungen zu bringen, und welche Vorzüge die Gartentherapie in der Altenpflege bietet. Im Zentrum steht dabei das Johanneshaus, das seit seiner Gründung auf anthroposophischen Prinzipien basiert.
Julia von Berlepsch
Julia von Berlepsch ist Gartentherapeutin, Gartengestalterin und Heilpädagogin. Sie hat in Deutschland Lehramt studiert und wirkt seit rund zehn Jahren heilpädagogisch in der Schweiz. Im Zuge dessen sammelte sie bereits erste Erfahrungen mit Garten und Therapie, unter anderem bei der Anlage und Bewirtschaftung eines Rebberges mit Jugendlichen.
„Wenn der Garten so etwas wie der natürliche Lebensraum des Menschen ist, dann gehört das Gärtnern unzweifelhaft zur artgerechten Haltung von uns allen.“
(Niepel, 2016)
Mit diesen Worten beschreibt Andreas Niepel, Präsident der Internationalen Gesellschaft Gartentherapie, die Notwendigkeit von Garten und Natur im Leben des Menschen sehr treffend. Es liegt auf der Hand, dass es sich bei der Planung oder Umstrukturierung einer Pflegeeinrichtung um eine dringliche Verpflichtung handelt, der Natur und dem Garten möglichst viel Raum zu geben. Nichts anderes würde der nachhaltig denkenden und verantwortungsbewussten Gesellschaft entsprechen.
Außerdem sollte die Pflegeeinrichtung als Ort eine Bezugsgröße für alle Menschen sein, die dort betreut und beschäftigt werden. Dr. Fritz Neuhauser, Arzt und Mitbegründer des Curriculums für Gartentherapie in Wien, beschreibt diesen Anspruch an die Örtlichkeit besonders treffend. Denn eine Einrichtung, die sich der Pflege und Betreuung von Hilfsbedürftigen widmet – seien es akut Erkrankte, psychisch oder körperlich Behinderte oder Alternde mit all den damit einhergehenden Problematiken – sollte vor allem ein Ort sein, „um Ruhe zu finden und Anregung, Beschäftigung im besten Fall und Begegnung auf Augenhöhe. Das führt zu Vertrauen, Zugehörigkeit und Integration. Ort – das Wort kommt ja aus dem Lateinischen „hortus“ – Garten. Ein Ort, der keinen Garten hat, ist demnach auch kein Ort im eigentlichen Sinne. Eine Lokalität vielleicht, eine Dystopie jedenfalls.“ (Neuhauser, 2019)
Es herrschen immer noch viele versiegelte Flächen vor und der Natur wird nach wie vor wenig Platz eingeräumt. Aus Mangel an Flächenressourcen, vor allem im städtischen Raum, wird auf Gärten und Freiflächen verzichtet. Doch auch Dächer und Innenhöfe können mit geschickten Maßnahmen zu grünen Lungen aus- oder umgestaltet werden und so den Einbezug von Grün und Natur in den architektonischen Lebensraum gewährleisten. Auch diese Flächen können als produktive Therapiegärten genutzt werden oder man integriert mobile Hochbeete in den Betreuungsalltag. Diese bringen die Natur besonders flexibel und unkompliziert in den Innenraum.
Der Bereich der „Heilenden Architektur“ hat sich diesem Thema angenommen und stellte fest, dass PatientInnen, die den Ausblick auf Grün – einen Park oder sei es nur ein pflanzliches Element im Innenhof – genießen durften, deutlich weniger Schmerzmittel benötigten, weniger depressiv waren und im Schnitt einen Tag früher entlassen werden konnten als Patienten der Vergleichsgruppe. (Brichetti, 2019)
Nutzt man einen Innenhof als Garten, ist es natürlich grundlegend wichtig, diesen in ansprechenden Farben und mit blühenden und duftenden Pflanzen zu gestalten, um den Eindruck eines Gefängnishofs zu vermeiden. Hierauf wird im Laufe dieses Buches noch intensiv eingegangen und es wird exemplarisch erläutert, wie eine solche Umgestaltung möglich ist.
Um in diesem Bereich nachhaltig und ganzheitlich zu denken, ist es naheliegend, „zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen“, um einerseits einen wichtigen Beitrag zu Artenvielfalt und Naturschutz zu leisten und andererseits Anregung und Beobachtungsmöglichkeiten für BewohnerInnen und MitarbeiterInnen zu schaffen. Wählt man die Bepflanzung nach ökologischen Kriterien, ist es möglich, Tiere anzulocken und ihnen Nahrung und Unterschlupf zu bieten. Wird die Vegetation geschickt ausgewählt und angepflanzt, finden so das ganze Jahr hindurch Vögel, Schmetterlinge und ihre Raupen sowie andere Fluginsekten einen Lebensraum, sodass immer etwas kreucht und fleucht. Der Garten bleibt auf diese Weise stets spannend und einladend für Mensch und Getier.
Hierzu eignen sich beispielsweise verschiedene Rosenarten, deren Blüten teilweise den gesamten Sommer über erfreuen, duften und Fluginsekten als Nahrungsquelle dienen und den Winter über in Form von Hagebutten immer noch Nahrung für Vögel bieten. Für die Auswahl an Gehölzen liegt es nahe, darauf zu achten, möglichst Vogelnähr- und Nistgehölze zu wählen, zum Beispiel Feld- oder Kugelahorn, Kornelkirsche oder verschiedene Arten von Weiden, Flieder oder Linden.
Gut zugänglich, beispielsweise entlang der Wege, sollten Blumen angesiedelt werden, welche Schmetterlinge anlocken. Diese sollten sowohl zur Eiablage als auch als Futterquelle für Raupen und als Nektarlieferant für die Schmetterlinge dienen. So zum Beispiel verschiedene Nelken, Veilchen oder Lavendelsorten, aber auch Küchenkräuter- und Gemüsearten wie Bergminze, Arten von Thymian, Salbei, auch Lauch und Fenchel eignen sich. Diese dienen auch als Sinnespflanzen durch ihren spezifischen Duft und ihre besondere Haptik und zur Weiterverarbeitung in der Gartenaktivierung und Küche.
Darüber hinaus ist es lohnenswert, neben der reinen Beschäftigung mit den Pflanzen und der Beobachtung der sich regenden Natur, auch der Heilwirkung von Pflanzen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das Wissen darüber fehlt heute oft. Früher wurden die Heilkräfte der Natur viel stärker genutzt. Dieses Wissen sollte den Menschen wieder bewusst gemacht werden.
Plötzlich ist ein Garten ein Ort der tausend Möglichkeiten. Er ist Lebensraum und ökologische Nische, Anschauungsobjekt, Ort der Entspannung dient aber auch der Aktivierung, als Vorratskammer für die Küche und als Medizinschrank. Ein Mehr an Nachhaltigkeit und Ganzheitlichkeit ist kaum möglich.
Schließlich brauchen wir die Natur zum Überleben und hungern nach ihr wie nach Nahrung und Wasser. Wir sind Teil von ihr. Die Biophilie nach Wilson beschreibt dies besonders treffend: Biophilie ist die angeborene, im Erbgut des Menschen verankerte Zuneigung zum Leben in seinen vielfältigen Formen (nach Wilson, 1993).
Also zögern wir nicht, diesem großen Ganzen, dem wir doch angehören, etwas zurückzugeben! Geben wir acht, uns unseren eigenen Lebensraum weiterhin lebenswert zu gestalten! Vielleicht kehrt langsam das Bewusstsein dafür zurück, welchen Wert die Welt der Pflanzen besitzt und was sie uns geben kann. Es wäre eine so wichtige Erkenntnis in einer Zeit, die den vielen Umweltbelastungen und dem immer schneller fortschreitenden Klimawandel zu begegnen versucht. Das sollte unsere Hoffnung sein.
Problemen wie immer heftiger werdenden Wetterphänomenen, seien es Starkregen oder Dürreperioden, starke Wärmeemissionen im urbanen Raum oder verminderte Windgeschwindigkeit und damit einhergehende Luftbelastung, kann mit gut geplanten Gärten und Grünanlagen begegnet werden. Mehr Grün bedeutet mehr Abkühlung. Bäume kühlen durch Wasserverdunstung und Schattenspende und filtern die Luft. Grünflächen bieten mehr Versickerungsfläche bei Starkregenereignissen und speichern Wasser für Trockenperioden.
Der Klimawandel fordert ein Umdenken in der Planung wie auch in der Gestaltung unserer Gärten und Grünflächen. Diese wiederum bieten uns eine Chance, ihm zu begegnen. Durch eine vorausschauende Pflanzenwahl bei Bäumen, Sträuchern, Staudenbeeten oder Dach- und Fassadenbegrünungen pflanzen wir unsere „biologische Klimaanlage“.
Auch wenn die Dringlichkeit, tätig zu werden, immer größer wird, ist der Aufruf dazu allerdings keine tagesaktuelle Neuigkeit. Humboldt mahnte und plädierte schon vor 200 Jahren für mehr ökologisches Denken und Handeln. Der Naturforscher, Humanist und Visionär warnte eindringlich vor der Abholzung unserer Wälder und der Ausbeutung unseres Planeten. Seine Schriften zeugen von erschreckend viel Aktualität. Doch weist er ebenfalls darauf hin, dass Natur dem Menschen nahegebracht werden muss, damit er sich ihr zugehörig fühlt und sie schützen und bewahren will.
Was man kennt und einem Freude bereitet, versucht man auch zu schützen. Also muss der Mensch sein eigenes „Natur-Sein“ erleben und begreifen. Das wiederum ist das Kernanliegen der naturtherapeutischen und Green–Care–Aktivitäten im „Humboldtschen Geiste“. Sie sehen den engagierten Einsatz für die Natur auch als die eigene Rettung, denn die Zerstörung der Natur bedeutet Selbstzerstörung. Die Sorge um den Menschen ist unweigerlich verknüpft mit der Sorge um die Natur, denn alles greift ineinander. Nichts kann separat betrachtet werden. Alles befindet sich in einem sehr labilen Gleichgewicht.
Natur und Gärten gehören also unweigerlich in Pflegeeinrichtungen. Ein Leitsatz für deren Planung oder Umgestaltung sollte sein: Global denken und lokal handeln! Das Johanneshaus in Öschelbronn ist ein sehr gutes Vorbild dafür, wie Natur und Pflegeheim verbunden werden können. Es demonstriert überzeugend, dass es mit den vorhandenen Ressourcen – seien sie zeitlich, finanziell, infrastrukturell oder personell – sehr gut möglich ist, die BewohnerInnen, die MitarbeiterInnen und die Natur in Einklang zu bringen. Hier können BewohnerInnen und MitarbeiterInnen erleben und begreifen, welche heilende Energie freigesetzt wird, wenn mit der Natur im Einklang gelebt und gearbeitet wird.
Literatur:
Brichetti, K. ; Mechsner, F. (2019). Heilsame Architekur. Raumqualitäten erleben, verstehen und entwerfen. Transcript
Neuhauser, F. (2019). Grüße aus dem Anstaltsgarten. Green Care. Die Fachzeitschrift für natürgestützte Interaktion, 2019, 4, 26–27.
Niepel, A. (2016). Eine vielschichtige Verbindung. Neue Reihe der Ergotherapie, Reihe 9: Fachbereich Allgemeine Themen, Band 5, 26–31.
Wilson, E.O. Biophilia, in Kellert, S.R.; Wilson, E.O. (eds.), The Biophilia Hypothesis. Island Press, Washington D.C./Covelo, California 1993, p. 31.
Michael Blank
Michael Blank ist Geschäftsführer des Johanneshauses in Öschelbronn und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der Leitung von Pflegeeinrichtungen.
Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um.
(Erich Kästner)
Welch wohltuende Wirkung die Natur auf den Menschen hat, ist hinreichend bekannt, und das Zitat von Erich Kästner drückt dies mit wohlgewählten Worten und auf anschauliche Weise aus. Natur gibt uns Menschen Ruhe und Rückzugsbereiche, sie verschafft unseren Gedanken Raum und Zeit. Sie mag manchem stumm erscheinen, doch wer in sie hineinhört, empfängt Frieden in turbulenten Zeiten und Trost in schwierigen Momenten. Natur gibt dem Menschen Entspannung, sie beruhigt Geist und Körper. Frische Luft lädt ein zum Durchatmen, zum Ablegen einer drückenden Last. Sonnenlicht wärmt nicht nur den Körper, sondern verschafft der Seele Befreiung und öffnet uns für die Dinge um uns herum.
Die Wirkung, die die Natur auf uns hat, wird sicherlich jeder von uns ein wenig anders beschreiben. Denn jeder Mensch hat seinen eigenen Weg zu ihr. Für den einen ist es ein Spaziergang im heimischen Wald, für den anderen ein Blick auf die heranfließenden Wellen am Meer. Für wieder einen anderen ist es die Arbeit im heimischen Garten oder die Pflege einer Zimmerpflanze, die nach langer Krankheit wieder zu früherer Kraft gekommen ist. Es gibt so viele Wege zur Natur, wie es Menschen gibt, und keiner ist besser oder schlechter. Wichtig ist nur, dass man ihn geht und so das Wirken der Natur spürt und ihre Wohltaten empfängt.
Leider machen wir es aber der Natur, uns selbst und der Gesellschaft, in der wir leben, nicht einfach. Weite Bereiche unseres Lebens sind geprägt vom Grau des Betons. Wir verbringen unser Leben in Städten fern der Natur, wohnen in Häusern mit ein wenig Grün und schenken den wirklichen Grundlagen unserer Existenz nur wenig Beachtung. Dies kann nicht guttun und viele Menschen spüren, dass ihnen etwas fehlt, können aber nicht sagen, was es ist. Doch dies zu beantworten ist einfach: Es ist die Natur, die uns unter anderem Ruhe und Trost spendet.
Gerade für all diejenigen, die sich in schwierigen Lebensumständen befinden, für kranke und vor allem für ältere Menschen ist Natur ein Lebenselixier, das ihnen hilft, ihr Leben zu meistern. In besonderer Weise gilt dies für Menschen, die das langsame Verschwinden ihrer früheren Kräfte verspüren und deren Selbstwertgefühl darunter leidet. Auch wenn man sich als älterer Mensch noch großer Energie erfreut, so ist doch klar, dass dies nicht auf Dauer so bleiben wird. Diese Erkenntnis zehrt an der noch vorhandenen Kraft und trübt den Blick auf das Jetzt.
Menschen in Altenheimen und in der Altenpflege brauchen viel Kraft zur Bewältigung der Herausforderungen, die sich ihnen stellen. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die nicht nur unter leichten Gebrechen leiden, sondern die von einer oder mehreren schweren Erkrankungen geplagt sind. Auch trifft dies auf Menschen zu, die unter Demenz leiden und deren Leben sich damit grundlegend verändert hat.
Bedenkt man den Effekt, den die Natur auf Menschen hat, erscheint es verwerflich, diese Wirkung gerade jenen vorzuenthalten, die davon am meisten profitieren könnten. Denn gerade in Pflegeeinrichtungen und Altenheimen und um sie herum gibt es oft weniger Natur als in ohnehin naturfernen Umgebungen. Das Johanneshaus befindet sich in einer glücklichen Lage, da es am Rande des Ortes Öschelbronn in einer wunderschönen Umgebung liegt und so von der Nähe zur Natur profitiert. Es genügt, aus dem Fenster zu blicken oder vor die Tür zu treten, um im Grünen zu sein, frische Luft zu atmen und die Weite der Landschaft zu genießen.
Doch auch im Johanneshaus leben viele Menschen, die nicht mehr die Kraft zum eigenständigen Gang in die Natur haben. Hier gilt es, die Voraussetzungen zu schaffen, dass jede/jeder BewohnerIn genau den Weg zur Natur gehen kann, der seinen oder ihren Interessen, aber insbesondere den eigenen Kräften und Möglichkeiten entspricht. Dies gilt auch für die an Demenz erkrankten BewohnerInnen im Ernst-Zimmer-Haus, die aufgrund ihrer speziellen Situation eine intensive Betreuung benötigen. Es stellt sich die Aufgabe, diesen Menschen einen Weg zu eröffnen, der es ihnen erlaubt, Natur auf ihre Weise zu erleben und zu genießen.
Wie in anderen Altenheimen auch steht die Pflege im Mittelpunkt der Tätigkeit der MitarbeiterInnen im Johanneshaus, denn es gilt, allen BewohnerInnen entsprechend ihres Gesundheitszustands eine optimale Versorgung zu bieten. Hier hat sich erwiesen, dass gerade die Beschäftigung mit Natur, der Aufenthalt im Garten und der Gang durch den Park für viele BewohnerInnen ein wesentlicher Grund ist, weshalb sie sich im Johanneshaus wohlfühlen.
Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie Natur den Menschen im Johanneshaus und vor allem all jenen, die nicht mehr aus eigener Kraft in den Garten oder in den Park gehen können, nahegebracht werden kann. In der Literatur findet sich hierfür der Begriff Gartentherapie, die alle Methoden umfasst, Menschen das Erleben von Natur nahezubringen. Dabei geht es darum, ALLEN BewohnerInnen die Chance zu geben, z. B. das Werden und Vergehen von Natur direkt und unmittelbar erleben zu können.
Es geht darum, dabei zu sein, wenn z. B. Samen ausgesät werden und man sehen kann, wie sich die Pflanzen entwickeln. Zum direkten Erlebnis von Natur gehört es aber auch, dabei zu sein, wenn die Früchte gärtnerischer Arbeit geerntet und auf verschiedenste Weise weiterverarbeitet werden. Zu denken ist hier an Blumengestecke, an deren Anblick sich viele und vor allem auch jene erfreuen, die selbst mit fremder Hilfe nicht mehr in den Garten gehen können, oder an die Herstellung von Sauerkraut.
Bei der Beschäftigung mit der Natur und deren Einbeziehung in das Leben der BewohnerInnen und den Alltag der Pflege geht es vor allem darum, Menschen die Schönheit der Natur in all ihrer Vielfalt nahezubringen. Der zentrale Impuls ist die Schaffung einer engen Verbindung zwischen den Menschen und der Natur, um ihre Schönheit zu bewundern und ihre wohltuende Wirkung auf Körper und Geist aktiv zu erleben.
Welche Tätigkeiten für die jeweiligen BewohnerInnen geeignet sind, hängt davon ab, welche Körperhaltungen sie einnehmen können.
Zum Beispiel:
Eintopfen – im Sitzen
Blumen pflanzen – in der Hocke
Pflege am Hochbeet – beim Beugen
Unkraut zupfen – beim Knien
Im Gewächshaus Ordnung machen – im Stehen
Giessen mit dem Schlauch – beim Gehen
Der Umgang mit Arbeitsgeräten bietet Fördermöglichkeiten der praktischen Fähigkeiten:
Gegenstände anheben, tragen und bewegen,
feinmotorischer Handgebrauch,
aufnehmen, ergreifen, handhaben und loslassen.
Die Betreuung der BewohnerInnen ist zwangsläufig mit Mühen und gewissen Anstrengungen verbunden. Die Pflegekräfte klagen darüber, dass ihnen zu wenig Zeit zur Verfügung steht. Hinzu kommen steigende Anforderungen in der Pflege, die sich aus vielfältigen Entwicklungen wie etwa auch der Coronakrise ergeben.
Der Gedanke, den Pflegekräften nun noch ein weiteres Aufgabenfeld zu übertragen, mag deshalb bei manchen Beschäftigten zunächst auf wenig Verständnis oder Gegenliebe stoßen. Stattdessen werden sie auf die bereits bestehende Überlastung des Personals und die begrenzten zur Verfügung stehenden Mittel verweisen. All dem ist zunächst schwer zu widersprechen, dennoch werden sie nach der Implementierung der Gartentherapie in ihren Einrichtungen sehr schnell feststellen, dass der Nutzen für BewohnerInnen und MitarbeiterInnen die Kosten mehr als rechtfertigt und sich das Arbeitsklima signifikant verbessert. Dies äußert sich zum Beispiel im Rückgang von Krankmeldungen oder einer einfach besseren Mitarbeiterzufriedenheit.
Die Erfahrungen am Johanneshaus zeigen sehr deutlich, welche Vorzüge eine enge Einbindung der Natur in das Leben der BewohnerInnen und in den Alltag der Pflege bringt. Deutlich erkennbar ist dabei die verbesserte Ausgeglichenheit, die sich in der Zufriedenheit der BewohnerInnen widerspiegelt. Die Angebote, die in den vergangenen Monaten entwickelt wurden, haben deutlich gezeigt, dass damit zusätzliche Betreuungsansätze für die Pflege geschaffen werden konnten. Dazu gehört der gemeinsame Spaziergang im Park und auch der Aufenthalt von Patienten im Garten. Körperliche Aktivitäten, ob zu Fuß, mit dem Rollator oder im Rollstuhl, sind gerade für kranke Menschen wichtig, denn sie stärken den Körper und aktivieren den Stoffwechsel. Viele BewohnerInnen verbringen, wenn das Wetter dies erlaubt, viele Stunden in Garten und Park, nutzen die zahlreichen Sitzgelegenheiten und erfreuen sich an den zahlreichen Pflanzen und Tieren, die dort zu beobachten sind. Hieraus entwickelten sich unzählige Gespräche über Natur und über die eigenen Erlebnisse mit der Natur, beispielsweise in Form des Gartens, den man früher sein Eigen nannte.
Pflege- und Betreuungspersonen begleiten sämtliche Gartenaktivitäten und fördern das Interesse, Sozialverhalten und die Erlebnisfähigkeit der BewohnerInnen. Neue und wiedererkennbare Dinge stimulieren die Aufmerksamkeit der Beteiligten – insbesondere auch bei demenziell veränderten Menschen.
Bei vielen BewohnerInnen weckte dies Erinnerungen an frühere Zeiten und so mancher kann sich aufgrund dieser Erfahrungen auch an der Pflege des Gartens beteiligen. Es zeigte sich, dass viele Menschen, die heute im Johanneshaus wohnen, früher einen eigenen Garten hatten und über beträchtliche Kenntnisse zu allen damit verbundenen Fragen verfügen. Themen wie die Saisonalität der Natur, das Wissen über die Eigenschaften und Eigenheiten einzelner Pflanzen sowie deren Verwendung gehören hierzu und es ist beeindruckend zu sehen, welcher Schatz an Erfahrungen hier oft im Verborgenen liegt.
Dies stimuliert nicht nur die Beschäftigung mit der Natur, sondern wirkt geistig inspirierend und aktivierend. Es zeigte sich, dass sich dies förderlich auf die Zufriedenheit und die Aktivitäten vieler BewohnerInnen auswirkte. Es ist immer wieder erfreulich, dies mit eigenen Augen zu erleben, insbesondere bei BewohnerInnen, die vor ihrem Einzug ins Johanneshaus keinen eigenen Garten oder nur wenig Kontakt zur Natur hatten.
Die Einbeziehung von Natur sorgt auch für mehr Abwechslung im Alltag der Pflegekräfte, die den von ihnen Betreuten nicht nur neue Beschäftigungsangebote machen konnten, sondern vielfach auch selbst dazulernen und neue Erfahrungen sammeln. Für viele Pflegekräfte, die stark durch die alltäglichen Abläufe der Arbeit im Johanneshaus geprägt sind, erweist sich dies als wohltuend und sie geben durchweg positive Rückmeldungen.
