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Die Abkürzung LGBTIQ+ für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Queer zeugt zunächst schlicht von der Vielfalt menschlichen Lebens. Doch dahinter stehen oft persönliche Lebenskrisen Einzelner ebenso wie gesellschaftliche Herausforderungen im Umgang mit Vielfalt insgesamt. All dies ist auch Alltag in der Kinder- und Jugendhilfe. Daher müssen sich die Unterstützenden und Verantwortlichen klar werden, was dieses Thema für sie bedeutet. Gemeinsam sind Frank Dieckbreder und Sandra Hildebrandt diesen Fragen nachgegangen und haben mit Mitarbeitenden aus unterschiedlichen Bereichen sowie Expert:innen aus Diakonie und Kirche nach Antworten gesucht. Sie liefern eine Hilfestellung für alle, die im Bereich Kinder- und Jugendarbeit tätig sind. Ein Buch, in dem die Autor:innen ihr bisheriges Wissen zusammentragen, Handlungsvorschläge darstellen und zum Weiterdenken und -handeln einladen. Praxisnah mit Beiträgen von Mitarbeitenden aus den Einrichtungen und Gesellschaften des freien Kinder- und Jugendhilfeträgers Diakonieverbund Schweicheln e.V., Kirche und Diakonie.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2023 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn
Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de,
unter Verwendung eines Bildes © Miller Inna, Maquiladora, KatePilko (Shutterstock)
Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim
DTP: dtp studio eckart | Jörg Eckart
Verwendete Schrift: ChaparralPro, MyriadPro
Gesamtherstellung: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln, www.ppp.eu
ISBN 978-3-7615-6915-3 E-Book
www.neukirchener-verlage.de
Vorwort der Herausgeber*innen
Liebe Leser*innen,
wenn wir gewusst hätten, worauf wir uns mit diesem Buchprojekt einlassen …, hätten wir es vermutlich trotzdem gemacht. Denn inspiriert von der Tatsache, dass uns das Thema LSBTIQ* im Rahmen unserer Arbeit im Diakonieverbund Schweicheln e. V. immer wieder begegnet, war es notwendig, sich diesem zu stellen.
Notwendig deshalb, weil es schon immer da war. Anfragen für Unterstützungsleistungen von einem und für einen Personenkreis, der sich dem LSBTIQ* zugehörig weiß. Mitarbeitende wollten sprachliche Ausgrenzungen in Arbeitsverträgen nicht länger hinnehmen. Es gab aufsteigende Konflikte, weil die Welt offenbar bunter, dadurch jedoch neben schöner auch komplexer geworden ist. Schier unendlich viele Fragen, die nicht länger am Horizont, sondern in der Gegenwart zu stellen sind. So zum Beispiel: Ist ein Spezialangebot für LSBTIQ*-Personen bereits eine Diskriminierung? Sind Mädchengruppen noch in Ordnung? Was darf ich eigentlich noch sagen? Und so weiter und so fort. Vor allem jedoch die Frage: Was machen wir jetzt auch pädagogisch?
Nein, es war nicht möglich, sich diesem Buchprojekt zu entziehen. Auch nicht, als es mitten in der Corona-Zeit begonnen werden musste und wohl auch niemand damit gerechnet hatte, was derzeit (Herbst 2022) in der Ukraine geschieht. All diese Aspekte haben die Autor*innen dieses Buches viel Kraft in ihren Arbeitskontexten gekostet. Umso dankbarer sind wir, dass es trotzdem gelungen ist, dieses Buch zusammenzutragen. Es ist zusammengetragen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und auch Schreiberfahrungen. Ein Umstand, der dieses Buch wiederum auf eine einzigartige Weise selbst bunt macht.
Zu Beginn hatten wir uns als Herausgeber*innen eine Struktur überlegt, die sich in allen Texten wiederholen sollte. Das war als Hilfestellung für Schreibende und Lesende gedacht. Doch dann zeigte sich bei einigen Texten, dass die Struktur nicht immer hilfreich war, weshalb wir sie immer dann weggelassen haben, wenn sie eben nicht passte. Gleiches gilt für die Sprachformen in Bezug auf Gender. Wo immer möglich, haben wir mit dem Genderstern oder einer allumschließenden Form (zum Beispiel Lesende) gearbeitet. Doch es gilt festzuhalten, dass sich diesbezüglich alle naslang etwas ändert – mal mehr, mal weniger einleuchtend. So haben wir letztlich akzeptiert, dass es Unterschiede gibt und diese geradezu symbolisch für das Ringen stehengelassen, das es in Bezug auf diesen Teilbereich des Themas gibt. So kommt es dann auch, dass auf dem Buchtitel ein + steht, in den Texten jedoch vielfach ein * genutzt wird.
Ein Aspekt hat sich von Beginn an durchgezogen, nämlich dass wir von einem Werkbuch sprechen. Wir hatten nicht den Anspruch, eine zumindest weitgehend abschließende oder sogar wissenschaftliche Abhandlung zu schreiben. Diesem Anspruch konnten und wollten wir uns nicht stellen. Wir haben den Büchermarkt zum Thema durchstöbert und sein Anschwellen im Verlauf unserer Buchentstehung im Blick behalten. Aus unserer Sicht herrscht diesbezüglich ein ziemlich buntes Chaos. Vieles spielt sich in den Kategorien richtig / falsch ab. Manchmal ist es mehr ein Kampf für eine Seite, denn eine Auseinandersetzung mit einem Thema. Teilweise gibt es beeindruckende Überlegungen, die uns weitergeholfen haben.
Auch in diesem Werkbuch gibt es Aspekte von richtig beziehungsweise falsch. Auch in diesem Werkbuch gibt es beeindruckende Überlegungen. Doch der Anspruch ist ein anderer. Es geht um eine Einladung, Zugänge zum Thema zu finden. Vielleicht auch Anknüpfungspunkte und Ablehnungen. Insgesamt geht es also um alles andere als die Kategorien richtig / falsch. In aller Bescheidenheit geht es darum, zu Lösungen für eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung beizutragen.
Als Herausgeber*innen bedanken wir uns bei allen Autor*innen für den Mut und die Kraft, die es bedeutet hat, sich an diesem Buch zu beteiligen. Zwischen diesen Buchdeckeln stecken Schweiß und Tränen. Nicht ausschließlich aufgrund so manchen Kampfes mit dem berühmten leeren Blatt, sondern auch aufgrund persönlicher Erfahrungen, die im Buch immer wieder deutlich werden.
Wir haben großen Respekt vor der Leistung derer, die mitgewirkt haben.
Danke!
Ein letzter Dank gilt dem Verlag. Auch hier ist es mutig, dieses Thema zuzulassen. Die Verlagsleiterin Frau Atkinson hat uns die ganze Zeit über begleitet, unterstützt und wahrlich Geduld mit uns gehabt. Danke!
Liebe Leser*innen, in diesem Buch werden Sie immer wieder angesprochen. Dies zum einen, weil wir das Buch für Sie auf den Weg gebracht haben. Zum anderen, weil Sie sich auf das Thema ebenso einlassen, wie die Autor*innen in diesem Buch. Wir sind gemeinsam unter dem Regenbogen und sehen, was aus diesem Werkbuch wird.
Hiddenhausen im November 2022
Frank Dieckbreder | Sandra Hildebrandt
Einleitung
Frank Dieckbreder – Ev. Stiftung Dialog für innovative Kinder- und Jugendhilfe und Diakonieverbund Schweicheln e. V.Chris Dimitrakopoulos – Ev. Jugendhilfe Schweicheln
Gleich zu Beginn eine Erkenntnis:
Dieses Buch ist der Versuch, sich den teils komplexen Fragestellungen rund um LSBTIQ* zu nähern.
Dabei in den Kategorien richtig / falsch oder sogar wahr / unwahr zu agieren ist jedoch, wie bereits im Vorwort skizziert, unredlich, weil es unmöglich ist.
Die Autor*innen dieses Buches haben sich aus unterschiedlichen Perspektiven Gedanken gemacht, eigene und Emotionen von Interviewpartner*innen „verarbeitet“ und all das aufgeschrieben. Herausgekommen ist Vielfalt in den Ansätzen und der Herangehensweise im Schreiben.
Selbstverständlich werden in diesen Zusammenhängen Positionen bezogen, die eine gemeinsame Basis zeigen. Niemand der Schreibenden käme zum Beispiel auf die Idee, wissentlich Menschen zu diskreditieren oder Selbstwahrnehmungen von queeren Personen infrage zu stellen. Das sind Haltungen, die in diesem Buch alle für richtig halten – nicht mehr und nicht weniger. Ein Beitrag zu den Kategorien richtig / falsch und wahr / unwahr ist es jedenfalls nicht.
Genau darin besteht der Charme des vorliegenden Buches und es unterscheidet sich dabei von anderen Büchern und Artikeln zum Thema. Während der Recherchen, die die Autor*innen angestellt haben, tauchten immer mehr Bücher und Artikel auf und erschienen zeitgleich zur Entstehung des vorliegenden Buches. Die Zeit zum Beispiel hat dem Thema eine ganze Reihe gewidmet. Der Bogen, der in der vorhandenen Literatur gespannt wird, reicht von didaktischen Überlegungen wie beim in Ungarn entstandenen und dort verbotenen Märchenbuch Märchenland für alle von Nagy (2022), über Forschungsansätze (z. B. Kenklies und Waldmann Hg., 2017), Wissenschaftskritik (z. B. Pluckerose und Lindsay, 2020), Erfahrungsberichte (z. B. Platte Hg., 2018), politische Positionen (z. B. Feddersen und Gessler, 2021), Handlungsstrategien (z. B. Perko, 2020) bis hin zu Apologien in Richtung LSBTIQ*-Lobgesang (z. B. das merkwürdig Autor*innenlose Buch Pride, 2021) oder in Richtung Abgesang (z. B. Schwarzer und Louis, 2022).
Die Autor*innen in diesem Buch hat etwas anderes interessiert und inspiriert, nämlich die lebensweltliche Dimension. Der Grund dafür ist einfach: Es geht um die Auseinandersetzung, wo und wie das Thema LSBTIQ* den Schreibenden im Alltag begegnet. Um diese Auseinandersetzung einzurahmen, wurde das Buch in vier große Themenbereiche unterteilt: nämlich Gesellschaft, Religion, Fachlichkeit und Sprache. Naturgemäß sind diese Einteilungen noch immer zu groß und ließen eigene, dann ebenfalls nicht ausreichende, Bücher zu. Allerdings entsteht allein durch diese Schwerpunktsetzung wieder ein eigener Kontext, aus dem heraus a priori Bezüge entstehen. Ebenso entstehen Bezüge sowie Erkenntnisse und Perspektiven allein durch die Unterschiedlichkeit der Autor*innen. Es lohnt sich daher sehr, die Autor*innenvorstellungen der einzelnen Beteiligten hinten im Buch zu lesen.
Die Autor*innen haben dieses Buch geschrieben, weil sie das Thema auf teils vergleichbare (zum Beispiel im Beruf), teils ganz persönliche Weise berührt. Sie haben sich darauf eingelassen, diese Bezüge zu veröffentlichen und somit zu teilen. Für Sie als Lesende ist dies ein besonderer Einblick in verschiedene Gedankenwelten und Blickrichtungen, von denen wir hoffen, dass sie Ihre eigenen Überlegungen und Wahrnehmungen bereichern.
Das Thema Gesellschaft haben wir an den Anfang gesetzt. Uns ist sehr bewusst, dass die Texte in einem Kontext entstanden sind, in dem es überhaupt möglich ist, die Debatten zu führen, die oben anhand der Literaturbeispiele aufgezeigt sind. Allerdings ist eine noch so offene Gesellschaft zum einen immer auch bedroht, wie es der Philosoph Karl Popper ausgerechnet im Jahr 1945 in seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde dargelegt hat. Zum anderen bringt eine offene Gesellschaft immer auch geschriebene und ungeschriebene Gesetze hervor, die dann, wie das Beispiel Gendersprache zeigt, zu hitzigen und teils diskreditierenden Polarisierungen führen können. Deshalb halten wir es für dringend notwendig, diese Aspekte zumindest zu reflektieren.
Das Kapitel Religion sollte ursprünglich „Religion und Kultur“ heißen. Bei der Planung und späteren Sichtung und Sortierung der Texte fiel jedoch auf, dass sich das Thema „Kultur“ als roter Faden durch das gesamte Buch zieht und eine explizite Benennung somit eher artifiziell sein würde. Aus diesem Grund haben wir uns auf die Auseinandersetzung mit Religion fokussiert und uns auf die teils schmerzhafte Beschäftigung mit der evangelischen Kirche und darin auch der Diakonie konzentriert. Getreu des Mottos eines Werkbuchs ist hier eine Anschlussmöglichkeit zum Beispiel an andere Religionen gegeben und auch gefordert. Zum jetzigen Zeitpunkt geht es uns jedoch um die „eigene Haustür“.
Die Fachlichkeit war der eigentliche Ausgangspunkt des gesamten Buches. Hier geht es um den schwierigen Aspekt, dass queere Personen zu den Adressat*innen der Arbeit in Sozialorganisationen (darin diakonische Einrichtungen) gehören und zugleich als Mitarbeitende dieser sogenannten Szene angehören. Was also ist in diesem Zusammenhang Fachlichkeit? Das beinhaltet die Frage: Wissen wir eigentlich, was wir tun, wenn wir versuchen, Personen zu unterstützen, die sich der LSBTIQ*-Community zuordnen? Auch hier gilt es, Bezug auf den Werkbuchcharakter zu nehmen. In den Artikeln reicht die Spanne von Annäherungen bis hin zu konkreten Ideen und Vorschlägen.
Das Kapitel Sprache haben wir aufgenommen, weil darin die allgemeine momentane Debatte am deutlichsten wird. Ein eigenes Kapitel Körper zum Beispiel, ein Thema, das im Buch an verschiedenen Stellen vorkommt, entpuppt sich eher als ein Aspekt, der kleine Kontexte wie Familie betrifft. Sprache hingegen schließt den Kreis zum Gesellschaftlichen sehr deutlich. Uns ist aufgefallen, dass es wesentlich zwei Aspekte zu betrachten gilt. Zum einen die teils polemische und unter dem binären Code richtig / falsch und wahr / unwahr geführte Debatte über „Gendersprech“. Zum anderen eine gewisse Sprachlosigkeit auch bei professionellen Akteur*innen, die in Doppelrollen aus Gesellschaftsteil und Profession agieren. Hierzu werden in den Kapiteln auf der Basis von Auseinandersetzungen Vorschläge aufgezeigt, die unseres Erachtens sehr hilfreich sein können.
Zurückkehrend auf die Perspektiven, die in diesem Buch zwischen den Zeilen bei Ihnen als Lesende entstehen können, ist auch der Verlag zu nennen, in dem dieses Buch erscheint. Die vier Themenbereiche, auf die hier der Fokus gelegt wird, entsprechen auch dem Verlagsprogramm des Neukirchener Verlags. Es hat seinen Grund, dass dieses Buch ausgerechnet hier erscheint.
An diesem Buch haben, wie mehrfach erwähnt, ganz unterschiedliche Personen mit unterschiedlichen Aufgaben mitgewirkt. Dies auch weit über die Autor*innen hinaus. Es handelt sich also um ein Gemeinschaftswerk, das Ihnen in seiner Vielstimmigkeit eine interessante und erhellende Lektüre bieten soll.
Gesellschaft
LSBTIQ* – eine Frage der eigenen Wahlentscheidung?
Markus Felk – Ev. Stiftung Dialog für innovative Kinder- und Jugendhilfe
Blitzlicht
Ich starte mit einem Gedankenexperiment: Menschen, die bei ihrer Geburt anhand bestimmter Merkmale als biologisch männlich bestimmt wurden, werden auf eine Insel verbannt. Auf dieser Insel leben ausschließlich biologische Männer. Diese Männer haben keinen Kontakt zu biologischen Frauen und ihnen fehlen zudem jegliche Bezüge aus der Natur (Tiere), die sie auf den Gedanken bringen könnten, dass es ein weibliches biologisches Geschlecht gäbe. Die Männer auf der Insel entwickeln eigene Kulturen und Strukturen des Zusammenlebens, bedienen sich vielleicht sogar männlicher Stereotypen heutiger Gesellschaften. Sie leben demnach völlig isoliert und abgeschottet. Was den biologischen Männern als erstes auffallen und sie auch skeptisch stimmen würde, wäre die Tatsache, dass der Nachwuchs nicht aus ihrer eigenen Population stammt, sondern stets von außen (also extern) dazukommt. Die Männer würden sich zwangsläufig die Frage stellen, wie das Leben entsteht. Dieser Frage nachzugehen wäre für die Männer von existenzieller Bedeutung. Das bedeutet, entweder muss ein Mythos als Lügengeschichte konstruiert werden und diesem Gedankenexperiment hinzugefügt werden oder aber die Männer gehen dieser Frage nach dem Entstehen des Lebens nach. Die Männer finden heraus, dass es Fortpflanzung gibt und dass es hierfür Mann und Frau benötigt, um Nachkommen zu zeugen. Die aufgebauten Strukturen und eigenen Kulturen würden dadurch von den Männern grundsätzlich infrage gestellt. An dieser Stelle lässt man die Männer entscheiden: Wollt ihr, dass alles weiterhin so bestehen bleibt und biologische Männer als Nachkommen auf die Insel gebracht werden oder wollt ihr, dass nun auch Frauen auf die Insel dürfen? Was entsteht in solch einer Gesellschaft, wenn alle bisherigen Strukturen des Zusammenlebens infrage gestellt würden?
Was bisher bekannt ist
Wenn man davon ausgeht, dass Sexualität sowie Geschlechtlichkeit eine wichtige Rolle im Leben von Menschen einnimmt, würden die biologischen Männer auf der Insel aufgrund des fehlenden weiblichen Geschlechts ausschließlich eine homosexuelle Orientierung entwickeln? Gäbe es eine Möglichkeit für die Männer, ohne Frauen eine eigene geschlechtliche Identität zu definieren? Würden die Männer ohne diesen Bezug überhaupt sagen können: Wir sind Männer?
Ausgehend von diesem Gedankenexperiment ist zunächst nur eines klar: Die biologischen Männer könnten im weitesten Sinn nur überleben, wenn weiterhin nicht vorsozialisierte Männer auf die Insel gebracht würden. Außerdem wird in diesem Gedankenexperiment fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es ein „isoliertes biologisches Geschlecht“ gäbe.
Der französische Philosoph Michel Foucault hat mit einem einschlägigen Beispiel beschrieben, dass sich die binäre Geschlechterzuordnung (Mann und Frau) ab dem 18. Jahrhundert in europäischen Gesellschaften verfestigt hat. Im sogenannten „Fall Barbin“ geht Foucault auf die dokumentierten Lebenserinnerungen von Herculine Barbin ein, die im Jahr 1838 geboren wurde. Herculine Barbin, auch genannt Alexina, wurde in einem Nonneninternat großgezogen. Ein Pfarrer meldet das Mädchen aufgrund von körperlichen Anomalien und überführt sie an Klinik und Justiz. Psychiater*innen begutachten diesen entstandenen „Fall“ und versuchen nun, das wahre Geschlecht des Kindes zu ergründen sowie die damit verbundene Frage nach der Identität von Alexina zu klären. Nach weitreichenden Untersuchungen durch Mediziner*innen und Psychiater*innen wird letztlich an Alexinas Körper im Jahr 1860 festgestellt, dass sie ein Mann sei. Daraufhin wird ihre Geschlechtszugehörigkeit offiziell geändert. Im Jahr 1869 nimmt sich Alexina (männlicher gegebener Name: Abel) das Leben, kurz nachdem sie ihre Lebenserinnerungen aufgeschrieben hat.
Michel Foucault führt zugleich auch auf, dass Hermaphroditen1 Anfang der Neuzeit und im Mittelalter eine Zweigeschlechtlichkeit zugeschrieben wurde. Außerdem hatten Hermaphroditen zu dieser Zeit die Möglichkeit, sich ein Geschlecht auszusuchen. Es war demnach eine Sache der Selbstauslegung. Das Zeitalter der Sexualität beginnt laut Foucault erst innerhalb des 18. Jahrhunderts, als sich die medizinisch-wissenschaftliche Disziplin in diesen Diskurs von Sexualität und Geschlechtlichkeit einmischt sowie die Deutungshoheit aktiv mitbestimmt.
Der von Foucault beschriebene „Fall Barbin“ zeigt aber auch eine ganz andere Tragik auf. Alexina war den Organisationen schutzlos ausgeliefert. Sie wurde nach bestimmten Kriterien eindeutig einer geschlechtlichen Kategorie zugeordnet und musste diese Entmenschlichung respektive Objektivierung über sich ergehen lassen. Ein Teil ihres Seins (weibliche Geschlechtszuordnung) wurde ihr entzogen und durch ein anderes Sein (männliche Geschlechtszuordnung) ersetzt.
Foucault würde nicht behaupten, dass die Schuld dieses tragischen Vorfalls im „Fall Barbin“ beim Pfarrer liegt. Es ist eher eine gesellschaftlich-strategische Ausrichtung2, die alle Organisationen zu der Zeit institutionell mit dominierenden Deutungshoheiten über Sexualität / Geschlechtlichkeit durchströmt. Der Pfarrer bestätigt mit seiner Meldung die aufkeimende biologisch-medizinische Deutungshoheit im 19. Jahrhundert.
Michel Foucault zeigt auch auf, dass sich Denksysteme gegenwärtiger europäischer Gesellschaften aus der Geschichte ableiten lassen. Es gibt demnach keine genuinen Wahrheiten. All das, was gesagt und gesprochen wird, folgt bestimmten Einschluss- und Ausschlusskriterien. Diese scheinbar unsichtbaren Regeln bestimmen und vordefinieren das Sprechen, Schreiben und sogar das Denken von Menschen. Bezogen auf das eingangs beschriebene Blitzlicht würde also nicht die Frage im Vordergrund stehen, ob biologisch definierte Männer sagen könnten: „Wir sind Männer“. Es ist deutlich interessanter zu ergründen, warum Menschen diese Unterscheidung (in weiblich und männlich) vornehmen und seit wann dieses Phänomen erkennbar ist. All das, was sich so selbstverständlich und alltäglich im Verhalten und Denken widerspiegelt, war nicht immer so und befindet sich stets im Wandel.
Die Philosophin Judith Butler setzt an der Theorie Foucaults an. Sie geht in ihrer Analyse der Geschlechterforschung auf das oft anzunehmende dichotome Verständnis von Kultur und Natur ein. Vom Standpunkt der Natur aus begriffen (medizinisch-biologisch), wird in der Differenz von Mann und Frau an äußeren Merkmalen festgemacht, dass es ausschließlich Männer und Frauen gibt. Gestützt wird diese These auch dahingehend, dass beispielweise bei Medikamentenentwicklung beziehungsweise deren Dosierung der biologisch männliche Stoffwechsel anders reagiert als der biologisch weibliche Stoffwechsel. Zudem wird die Fortpflanzung als Erhaltungstrieb, also als essenzielles in der Natur verankertes Prinzip vorausgesetzt, aus der sich, wie man heute sagen würde, das heterosexuelle Familienmodell ableitet. Foucault spricht hierbei auch von der Sozialisierung des Fortpflanzungsverhaltens. Demgegenüber wird Kultur als etwas bezeichnet, das sich im Rahmen dieses essentialistischen Weltbilds (als Voraussetzung) aufbaut. Völlig losgelöst voneinander sind Kultur und Natur mit diesem Verständnis dann nicht miteinander vereinbar.
Am 5. Juni 2021 hat arte auf der Plattform Youtube3 Coming-Outs von jungen queeren Menschen veröffentlicht. In der Reaktion der Eltern gegenüber ihren Kindern zeigt sich häufiger in der Perspektive der Eltern, dass ihre Kinder eine Wahl getroffen hätten. Daraufhin reagieren die Kinder häufig wütend oder auch traurig und erwidern, dass sie sich das Geschlecht und ihre sexuelle Orientierung nicht ausgesucht hätten, sondern sie so seien. Hierbei unterscheiden sich die Glaubenssätze grundlegend voneinander. Die Eltern treffen ihre Aussage: „Du hast es dir ausgesucht“ auf Grundlage des Normalitätsverständnisses einer binären Geschlechterordnung sowie einer heterosexuellen Ausrichtung. Das verleitet die Eltern zu der Schlussfolgerung, dass alles über dieses Verständnis hinaus „unnormal“ sei. Die Kinder werden also von den Eltern unbewusst pathologisiert. Auch hier würde Foucault behaupten, dass es sich wie beim Pfarrer im „Fall Barbin“ nicht um eine Schuldfrage handelt, weil die Sozialisation der Eltern vom Normalitätsverständnis einer heterosexuellen Geschlechterordnung geprägt ist.
Wie lässt sich diese Dichotomie zwischen Natur und Kultur auflösen, wenn doch beiden Aspekten gewisse Zugeständnisse unterbreitet werden müssen (Beispiel: Medikamentenentwicklung)? Zunächst muss hierfür der Naturbegriff vom Kulturbegriff abgegrenzt werden. Alles, was aus der Natur entsteht (der Mensch mit eingeschlossen), schließt ebenso die Möglichkeit mit ein, dass Menschen LSBTIQ* sind. Es gibt kein hinreichendes Kriterium dafür, dass sich cis-heteronormative Gesellschaftsideale aus der Natur ableiten ließen. Eine solche Argumentation wäre in sich absolut, da die Natur die Menschen hervorgebracht hat. Ausgehend von dieser Betrachtung wäre die binäre Geschlechterzuordnung ein Produkt der Kultur, was sich bloß dem Anschein nach aus der Natur begründet und demnach dazugedichtet ist. Bezugnehmend auf die diskurskritischen Analysen Foucaults wird Kultur in Abgrenzung zur Natur als all das auf der Welt bezeichnet, das menschengemacht ist. Wenn eine Person bei Rot über die Ampel geht und Polizist*innen darauf hinweisen, dass das nicht erlaubt sei, handelt es sich hierbei um eine kulturell einzuordnende Kategorie. Die Regel, nicht bei Rot über die Ampel zu gehen, lässt sich nicht aus der Natur ableiten. Das wäre in diesem Fall ein menschengemachtes und demnach kulturelles Phänomen.
Diese deutliche Differenz lässt sich auch aus den Outing-Gesprächen zwischen den Eltern und ihren Kindern (siehe oben) ablesen. Die queeren jungen Menschen outen sich und verdeutlichen, dass dies keine Wahl ist, sondern sie so seien. Die Eltern wiederum erwidern, dass es die Wahl des Kindes sei; als Abgrenzung einer definierten Norm (kulturell). Aus der Perspektive der queeren jungen Menschen ist es demnach eine Seinsfrage und keine Wahlfrage. Bezogen auf das Beispiel des Straßenverkehr-Regelverstoßes versetzen sich die Eltern in die Rolle von Polizist*innen. Die Eltern sehen, wie ihre Kinder bei Rot über die Straße gehen (Outing der Kinder) und sagen den Kindern entweder: „Es ist in Ordnung“ oder „Es ist nicht in Ordnung“. Die queeren jungen Menschen verstoßen gegen diese unsichtbare Norm, worauf seitens der Eltern deswegen daraus eine Wahlfrage abgeleitet wird.
! Was wir im Alltag erleben
Der diskursanalytische Blick in die Geschichte zeigt, dass sich die binäre Logik von Geschlechtern laut Foucault erst in den letzten 200 Jahren in Gesellschaften institutionell etablierte. Foucault misst den Geschlechterrollen der Jahrhunderte zuvor weniger Bedeutung zu, da von ihm im kontinental-eurasischen Kontext verschiedene, auch lokale, Phänomene von Geschlechterunterscheidungen beobachtet beziehungsweise identifiziert werden. Der Schwerpunkt der diskursanalytischen Analyse der Geschlechterrollen Foucaults bezieht sich auf die großen strategischen Linien im kontinental-eurasischen Raum, die er zu Beginn des 18. Jahrhunderts verortet. Die Geschlechtertrennung bei Toiletten ist hierfür ein prominentes Beispiel. Wie selbstverständlich gehen tagtäglich Männer auf Männertoiletten und Frauen auf Frauentoiletten. Bis zum 19. Jahrhundert gab es keine Geschlechtertrennungen bei Toiletten. In der viktorianischen Ära wurde die Geschlechtertrennung bei Toiletten eingeführt, um die Schwäche des weiblichen Geschlechts zu schützen (Penner, 2009). Der Soziologe Erving Goffman (2001) betrachtet dieses Phänomen nicht als Folge des Unterschieds zwischen den zwei Geschlechterkategorien von Mann und Frau, sondern als Mittel zur Hervorbringung dieses Unterschieds. Zur Zeit des antiken Roms gab es im öffentlichen Raum keine getrennten Toiletten. Es gab ausschließlich Gemeinschaftstoiletten.
Durch diese Toilettenordnung entsteht gegenwärtig ein potenzieller Raum von Diskriminierungserfahrungen für diejenigen Menschen, die sich den Geschlechtern nicht zuordnen können oder, von gesellschaftlichen Erwartungen ausgehend, anders zugeordnet werden. Analog hierzu ist es kein Problem, wenn im häuslichen Umfeld eine gemeinsame Toilette genutzt wird. Es kommt also stets auf den Kontext an.
Tool-Box
Es geht also darum, dabei zu unterstützen, einen gesellschaftlich-aufklärerischen Übergang zu den antiken Römer*innen mitzugestalten. Für diesen Prozess können pädagogische Fachkräfte selbst zu Diskurs-teilnehmer*innen werden. Ein klassisches Medium wäre ein Buch. Bei der Recherche von Aufklärungsbüchern für Kinder und Jugendliche fällt auf, dass stets ein cis-heteronormatives Narrativ erzählt wird, das sich deutlich auf den Akt der Fortpflanzung konzentriert. Nebenbei wird in diesen Büchern dann erwähnt, dass es auch andere Familienmodelle gibt. Hierdurch wird das Narrativ respektive Dispositiv der Sozialisierung des Fortpflanzungsverhaltens (Foucault) verstärkt.
Bei dem Aufklärungsbuch als Handlungswerkzeug sollte in kindgerechter Sprache eine philosophische Grundlegung gesetzt werden. Zu Beginn des Buches kann eine neue Schöpfungsgeschichte erzählt werden. Über die Erzählung des Evolutionsprozesses kommt der Mensch als Gattung hervor. Von Natur aus in die Wiege gelegt haben alle Menschen die Resonanzfähigkeit4, wodurch sie eine besondere Verbundenheit im Einklang mit Natur, Religionen oder anderen Menschen aufbauen können. Diese können Menschen in unverfügbaren Momenten als sogenannte Resonanzerfahrungen erleben. Das macht es möglich, dass Menschen so vielfältig sind und begründet damit auch das LSBTIQ*-Sein. Nachdem diese Beschreibung über das Menschsein dargestellt wurde, lässt sich nachfolgend in dem Aufklärungsbuch erklären, welche Familienmodelle es gibt. Liebe kann dann als Kriterium für die besondere Verbundenheit zwischen Menschen (Resonanz) als Erklärung angebracht werden. Zum Schluss ließe sich in dem Aufklärungsbuch auch anführen, wie neue Menschen auf die Welt kommen.
Als weiteres Tool könnten Rollenspiele fungieren. Pädagog*innen könnten gemeinsam mit den Adressat*innen beispielsweise in stationären Einrichtungen die getrennten Toiletten für einen gewissen Zeitraum zu Unisex-Toiletten umdeuten. Außerdem können Situationen von Diskriminierungserfahrungen von LSBTIQ*-Menschen in solchen Rollenspielen nachinszeniert werden, sodass diese anschließend gemeinsam analysiert und reflektiert werden. Durch diese Rollenspiele könnten blinde Flecke von LSBTIQ*-Diskriminierungen in (öffentlichen) Räumen gemeinsam identifiziert werden. Welche Handlungsmaßnahmen aus diesem Rollenspiel abgeleitet werden, hängt davon ab, auf welcher Handlungsebene sich diese Herausforderungen befinden (sozialpolitisch, Erziehung, individuell).
? Und jetzt …
In den Ausführungen zuvor wird deutlich, dass ein Blick in die Geschichte hilfreich ist, um heutige institutionelle Prägungen in Gesellschaften zu verstehen. Toiletten waren zum Beispiel nicht immer geschlechtergetrennt. Für gegenwärtiges und zukünftiges Handeln ist es wichtig, den eigenen Blick für Selbstverständlichkeiten in Alltagsroutinen zu hinterfragen und aktiv Teilnehmer*in von Diskursen zu werden. Wie die diskursanalytische Perspektive von Foucault zeigt, sind gegenwärtig verankerte Glaubenssätze und Moralvorstellungen in Gesellschaften temporär und haben die Eigenschaft, sich im Laufe der Zeit zu wandeln. Mit dem Aufklärungsbuch soll als Idee skizziert werden, neue Narrative zu erzählen und damit neue Standpunkte in gesellschaftliche Diskurse einzubringen. So können kleine Impulse als Lösungen gesetzt werden, um Diskriminierungen gegenüber queeren Menschen abzubauen. Ausgehend von den historisch diskursanalytischen Ausführungen mit der Perspektive von Foucault in den Kapiteln zuvor können Rollenspiele als Tool geeignet sein, damit Adressat*innen und Pädagog*innen verschiedene Denkweisen wie auch Denksysteme in der Differenz zur eigenen kennenlernen. Dies ermöglicht neue Perspektiven auf die Bewertung bestimmter Situationen von LSBTIQ*-Menschen wie Diskriminierungserfahrungen sowie auch für Menschen, die keine Berührungspunkte mit LSBTIQ* haben. Mit der diskursanalytischen Perspektive lässt sich zudem ermitteln, wann etwas warum zu einem Problem wurde und wird.
Literatur
Foucault, M. (1998). Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin. 4. Auflage. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main.
Gershenson, O., Penner, B. (Hg.) (2009): Ladies and gents: Public toilets and gender. Temple University Press.
Goffman, E. (2001). Interaktion und Geschlecht. 2. Auflage. Campus Verlag: Frankfurt / New York.
Hatzenbuehler, M. L., Keyes, K. M. (2013). Inclusive antibullying policies and reduced risk of suicide attempts in lesbian and gay youth. Journal of adolescent health.
Rosa, H. (2021). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung
