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Klaus Schmidt trifft als Gerichtsreferendar am Amtsgericht in Gemünd/Eifel eine Kollegin, in die er als Jurastudent in München verliebt war. Sie hatte damals die Beziehung beendet. Sie ist Jüdin. Sie entdecken ihre Liebe neu. Gemeinsam fahren sie nach Buchenwald. Die letzten Nachrichten ihrer Eltern stammen aus diesem Konzentrationslager. Klaus erfährt dort, dass viele KZ-Insassen von Buchenwald zur Vergasung in den Osten transportiert worden sind. ,Arbeiteten' die Vernichtungslager nicht schnell genug, ,halfen' Erschießungskommandos der SS nach, in den Wäldern an der Bahnstrecke. Sein Vater, im Krieg Eisenbahnbeamter in Lublin, könnte solche Transporte zum Vernichtungslager Sobibor über das Wochenende auf ein Abstellgleis geleitet haben, weil die SS von samstags bis montags keine Erschießungen vornahm. Ihre Eltern könnten in einem solchen Transport gewesen sein. Nach einem Aufenthalt in Weimar, die Stadt liegt vor den Toren Buchenwalds, spricht er mir ihr über die Möglichkeit, dass ihre Eltern durch seinen Vater umgekommen sein können. Sie trennt sich von ihm.
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Seitenzahl: 57
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Hans Scholten
Gemünd
Roman
Copyright 2017© Hans Scholten
Alle Rechte vorbehalten
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Cover-Gestaltung: Gudrun Bröckerhoff
Inhaltsverzeichnis
Einstieg
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
Klaus Schmidt trifft als Gerichtsreferendar am Amtsgericht in Gemünd/Eifel eine Kollegin, in die er als Jurastudent in München verliebt war. Sie hatte damals die Beziehung beendet. Sie ist Jüdin.
Sie entdecken ihre Liebe neu. Gemeinsam fahren sie nach Buchenwald. Die letzten Nachrichten ihrer Eltern stammen aus diesem Konzentrationslager.
Klaus erfährt dort, dass viele KZ-Insassen von Buchenwald zur Vergasung in den Osten transportiert worden sind. ,Arbeiteten’ die Vernichtungslager nicht schnell genug, ,halfen’ Erschießungskommandos der SS in den Wäldern an der Bahnstrecke nach.
Sein Vater, im Krieg Eisenbahnbeamter in Lublin, könnte solche Transporte zum Vernichtungslager Sobibor über das Wochenende auf ein Abstellgleis geleitet haben, weil die SS von samstags bis montags keine Erschießungen vornahm. Ihre Eltern könnten in einem solchen Transport gewesen sein.
Nach einem Aufenthalt in Weimar, die Stadt liegt vor den Toren Buchenwalds, spricht er mit ihr über die Möglichkeit, dass ihre Eltern durch seinen Vater umgekommen sein könnten. Sie trennt sich von ihm.
- 1 -
Als er Ruth Hirschberg durch die Türe des Unterrichtsraumes für Gerichtsreferendare im Amtsgericht von Gemünd treten sah, erstarrte er. Ihr Blick streifte ihn flüchtig. Ein kaum merklicher Ruck durchfuhr sie. Dann ging sie auf einen Platz in einer vorderen Sitzreihe zu.
Klaus Schmidt betrachtete von seinem Stuhl mehrere Reihen hinter ihr das dunkle zusammen gebundene Haar. In München hatte sie noch eine Pagenfrisur getragen, als er dort in juristischen Vorlesungen der Universität neben ihr gesessen hatte.
Der Direktor des Amtsgerichts erklärte, warum man 25 Referendare des Oberlandesgerichtes Köln zu einem Fortbildungskursus in Sachen Zwangsvollstreckung und Strafprozessordnung zusammengefasst habe. Die meisten Referendare kannten sich in diesen Fächern nicht aus, da dies keine Schwerpunkte der Ausbildung an den Universitäten seien. Gemünd habe man als Ausbildungsort gewählt, weil es ein großes Amtsgericht mit sieben Richtern besitze, die Stadt sehr idyllisch, von Bergen, Wäldern, Seen umgeben, die gesamte Eifel überhaupt sehr schön und geeignet sei, jungen Juristen die Juristerei schmackhaft zu machen.
Er stellte zwei Amtsrichter vor. Sie würden die Ausbildung übernehmen, der eine in Zwangsvollstreckung, der andere in Strafprozessordnung. Dann entließ er die Referendare für diesen Tag, damit sie sich in ihren Privatquartieren einrichten und die Stadt in Augenschein nehmen könnten.
Klaus Schmidt versuchte, in die Nähe von Ruth zu gelangen, als man sich dem Ausgang zuwandte. Schließlich auf dem Flur ging er neben ihr.
„Bist du es oder bist du es nicht?“, fragte er.
Sie wandte ihm den Kopf zu. Ihr Blick war ängstlich. Sie hatte diesen Augenblick erwartet.
„Ich bin es“, antwortete sie lächelnd.
„Du lebtest doch in München. Bist du nach Nordrhein-Westfalen gezogen?“
„Ich wohne seit einiger Zeit in Bonn.“
„Ach!“
„Meine Tante wurde dorthin versetzt.“
„Die Zeit mit dir in München war sehr schön. Ich habe noch viel daran denken müssen. Plötzlich war es aus.“
Ihr Gesicht versteinerte sich. Nach wenigen Schritten sagte er: „Jetzt sind wir für zwei Monate hier wieder zusammen. Was machen wir?“
„Wir müssen sehen, dass wir über die Runden kommen.“
In einer Gruppe vor dem Amtsgericht zusammenstehend, kamen die Referendare überein, sich am Nachmittag im Freibad zu treffen.
Ruth saß inmitten mehrerer Kursteilnehmer im Schatten eines Baumes, als er die Badeanstalt betrat.
Er streifte seine Kleider ab und setzte sich in Badehose dazu.
„Schön hier“, sagte er und blickte sich um.
„Finden wir auch“, antwortete einer. „Wir fragen uns, was wir hier in den zwei Monaten machen, Urlaub oder Jurisprudenz“.
Man sprach darüber, wo man herkomme. In Gummersbach, Aachen, Jülich war man zu Hause. Einer wohnte in Duisburg.
„Und Sie?“, fragte jemand und blickte Klaus Schmidt an.
„Aus Krefeld.“
„Und Sie hat es von München nach Bonn verschlagen?“, wurde Ruth gefragt.
Sie nickte.
„Gefiel es Ihnen in München nicht mehr?“
Ruth lächelte verunsichert.
„Ich wohne bei meiner Tante. Sie wurde nach Bonn versetzt.“
„Zur Bundesregierung?“
Sie nickte.
Einige der Männer beteiligten sich an einem Fußballspiel, das auf dem Rasen in der Nähe mit bloßen Füßen geführt wurde. Irgendwann war er mit Ruth alleine.
„Die Zeit nach München hat mir zu schaffen gemacht.“ Er versuchte zu lächeln.
„Ich kann dir das alles nicht erklären“, antwortete sie.
„Ich hatte damals gedacht, wir seien verliebt.“
Ihre Blicke trafen sich kurz.
„Hat dir die Trennung nichts ausgemacht?“, fragte er.
Sie holte tief Atem. „Wie soll ich dir darauf eine Antwort geben?“
„Steckt eine Frau das einfach so weg?“
Nach einer Weile antwortete sie: „Natürlich nicht. Lass uns nicht mehr darüber sprechen.“
Am Abend fand er keinen Schlaf. Ein Sommersemester lang hatte er sich mit ihr fast täglich getroffen. Sie waren Vertraute gewesen. Eines Tages hatte sich ihr Verhalten geändert. Sie wich ihm aus. Ihm wurde klar, dass sie die Beziehung beenden wollte. Nach Abschluss des Sommersemesters war er von München fortgegangen. Er hatte sich an der Universität Köln eingeschrieben.
- 2 -
Wenn er an Ruth dachte, kam ihm der Gedanke an die Kammerspiele, die Opernaufführungen im Prinzregententheater, die er mit ihr besucht hatte, an den Englischen Garten, in dem er mit ihr spazieren gegangen war, an München-Schwabing, wo beide gewohnt hatten.
In der Universität befand sie sich stets in Begleitung von anderen Studentinnen. Sie trug keine Schminke. Ihre Kleidung war schlicht. Vielleicht fiel es deshalb auf, welch schöne Frau sie war.
Wenige Tage nach Beginn des Sommersemesters im Mai hatte sie mit ihren Freundinnen plötzlich in der Vorlesung neben ihm gesessen.
Als er aufblickte, traf ihn ein freundliches Lächeln. Er versenkte sich schnell wieder in seine Unterlagen. Der Professor dozierte über Strafrecht. Es ging um die Schuldfähigkeit von SS-Soldaten, die an Erschießungen von Juden in Osteuropa teilgenommen hatten. Die meisten Soldaten hatten sich auf Befehlsnotstand berufen. Sie hatten behauptet, man hätte sie selbst liquidiert, wenn sie den Befehl zur Erschießung verweigert hätten. Vielen, die um Versetzung in andere Einheiten gebeten hatten, war dies jedoch ohne Benachteiligung ermöglicht worden. Der Professor vertrat die Ansicht, dass wohl nur in Ausnahmefällen Befehlsnotstand vorgelegen haben könne. Ob die Teilnahme an Erschießungen in solchen Ausnahmefällen schuldhaft sei oder der drohende Tod als Entschuldigungsgrund gelten könne, fragte der Professor die Zuhörer.
Bei den Zuhörern hob sich keine Hand.
„Eine solche Reaktion erlebe ich in den Vorlesungen immer wieder“, fuhr der Professor fort. „Keiner will dazu Stellung nehmen. Wohl jeder fragt sich, ob er nicht in einer solchen Lage zunächst seine Haut gerettet hätte. Unsere christliche Nächstenliebe reicht nicht soweit, dass wir unser Leben für einen anderen geben würden. Keiner will das öffentlich eingestehen.“
„Was würdest du tun?“, wurde Ruth von ihrer Freundin gefragt.
Ruth antwortete nicht. Sie blickte vor sich auf das Pult.
