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In Reykjavík liegt der Frühling in der Luft, mit allen dazugehörigen Erwartungen. Bryndis wird durch die aufdringliche Kontaktaufnahme ihres Ex-Freundes aus dem Konzept gebracht, Regina freut sich über die langersehnte Beförderung in der Bank, Ina organisiert den schönsten Tag ihres Lebens mit Hilfe eines überkandidelten Hochzeitsprofis, und Tinna geht mit einem Mann nach Hause, der seltsame Gewohnheiten zeigt.
Doch das Leben der vier Frauen dreht sich nicht nur um die Suche nach dem richtigen Mann. Im Verlauf der turbulenten Geschichte wird ihre Freundschaft auf die Probe gestellt, werden sexuelle Orientierungen neu definiert, Prinzipien gebrochen, Selbstbilder gestärkt. Es wird viel diskutiert, über gewalttätige Männer und Muttersöhnchen, über Diäten und zu viel Alkohol, über Ehe und Karriere. Manchmal wird aus Kummer geheult, aber öfter vor Lachen geweint. Und am Ende liegen sie sich wieder in den Armen.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2016
In Reykavík liegt der Frühling in der Luft, mit allen dazugehörigen Erwartungen. Bryndis wird durch die aufdringliche Kontaktaufnahme ihres Ex-Freundes aus dem Konzept gebracht, Regina freut sich über die langersehnte Beförderung in der Bank, Ina organisiert den schönsten Tag ihres Lebens mit Hilfe eines überkandidelten Hochzeitsprofis, und Tinna geht mit dem falschen Mann nach Hause.
Doch das Leben der vier Frauen dreht sich nicht nur um die Suche nach dem richtigen Mann. Im Verlauf der turbulenten Geschichte wird ihre Freundschaft auf die Probe gestellt, werden sexuelle Orientierungen neu definiert, Prinzipien gebrochen, Selbstbilder gestärkt. Es wird viel diskutiert, über gewalttätige Männer und Muttersöhnchen, über Diäten und zu viel Alkohol, über Ehe und Karriere. Manchmal wird aus Kummer geheult, aber öfter vor Lachen geweint. Und am Ende liegen sie sich wieder in den Armen.
Björg Magnúsdóttir, geboren 1985 in Reykjavík, studierte politische Wissenschaft und lebt als Journalistin und Autorin in Reykjavík. Sie schrieb das Drehbuch für eine sechsteilige Fernsehserie, das House of Cards für Island. Schon ihr Debütroman Nicht ganz mein Typ war in Island auf Anhieb ein Riesenerfolg und stand wochenlang auf der Bestsellerliste. Als insel taschenbuch 4446 erschien der Roman im Mai 2016.
»Ein Must Read«. (Joy)
»Ziemlich authentisch und sehr, sehr witzig. Wer beim Lesen mal wieder laut loslachen möchte, wird dieses Buch lieben!«
BJÖRG MAGNÚSDÓTTIR
GANZ MEIN TYP
Roman
Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel Þessi týpa bei JPV útgáfa, Reykjavík. © Björg Magnúsdóttir 2014.
Der Verlag dankt dem Icelandic Literature Center für die Förderung der Übersetzung:
eBook Insel Verlag Berlin 2016
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4492.
Deutsche Erstausgabe
© Insel Verlag Berlin 2016
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Bryndís ringt immer noch mit ihrer Vergangenheit, obwohl sie ein paar Schritte weitergekommen ist. Wohl typisch für das Kind eines Alkoholikers. Ihr Ex-Freund, der vor eineinhalb Jahren mit ihr Schluss gemacht hat, behauptet, er hätte sich verändert. Nun startet er eine Großoffensive, um sie zurückzugewinnen. Sein erster Angriff hat sie auf dem Wohnzimmerteppich niedergestreckt.
Bin ich etwa eine blinde Taube, die von einer riesigen Faust zerquetscht wird? Oder ein verirrter Hirsch, der draußen im Wald erlegt wird, weil er nicht weiß, wohin er fliehen soll? Der sich vor lauter Panik die Beine verheddert und ein paar Stunden später im Ofen eines deutschen Försters endet? Oder was hat das zu bedeuten? Der Mann hat kein Anrecht auf meine Aufmerksamkeit, aber ich schenke sie ihm trotzdem, obwohl ich es gar nicht will.
Ich kann es nicht fassen, dass er mich so durcheinanderbringt. Warum ausgerechnet jetzt? Wo ich endlich einen halben Schritt vorangekommen bin. Mein Herz rast, und ich würde so gerne ja sagen. Ich wünsche mir so sehr … sehne mich danach … Stopp! Ich darf das nicht zulassen. Ich darf mich nicht dermaßen von ihm beeinflussen lassen. Aber ich kann mich nicht dagegen wehren.
Ich kenne mich selbst kaum mehr und käme mit einem Haufen Aasgeier, die sich vom Himmel hinabstürzten, besser zurecht. Dann wäre der Feind wenigstens sichtbar. Aber was soll man gegen einen solchen Brief ausrichten? Ich nehme den A4-Umschlag, der neben mir auf dem Boden liegt, noch einmal in die Hand. Ein Briefumschlag und ich. Seite an Seite. Von oben betrachtet sind wir zwei unbedeutende Gegenstände. Zwei winzige Gegenstände, die für den Lauf der Welt keine Rolle spielen. Oder vielleicht doch. Einer von uns ist verheult. Der andere mit salzigen Tränen verschmiert, zerknittert und feucht. Mir tut alles weh, besonders die Brust, in der sich die Pein eingenistet hat. Ich bin ein rostiger Anker auf dem Meeresgrund und kann vor lauter Meerespflanzen und Wassernixen nicht mehr klar sehen. Okay, wahrscheinlich überdramatisiere ich.
Ich öffne den Umschlag ganz vorsichtig und stelle mir vor, dass das alles nur Einbildung ist und es sich um einen belanglosen Brief mit Kontoauszügen von der Bank handelt. Wahnsinn, wie viel ein einziger Brief ändern kann. Oder auch nicht, wenn er von der Bank kommt. Ich wische die tränennassen Hände an meiner Hose ab und ziehe kräftig die Nase hoch. Aus allen meinen Körperöffnungen dringt Flüssigkeit, was mir geradezu symbolhaft erscheint.
Ich halte den Brief hoch. Der Umschlag wird von der weißen Zimmerdecke über mir eingerahmt. Warum ein Telegramm? Auf dem Umschlag ist ein schmaler, weißer Rahmen, darin das Foto vom Strand Rauðasandur. Der Rahmen verschmilzt komplett mit der weißen Zimmerdecke. Das Foto wurde im Juni aufgenommen, als alles hell und warm war. Der postkartenblaue Himmel harmoniert perfekt mit dem hellbraunen Sand. Ich mustere das Foto genauer und werde von Erinnerungen überwältigt. Von den guten. Von der Nähe. Als ich zum ersten Mal zu ihm sagte: Ich liebe dich. Das war an diesem Strand. Und er sagte: Ich möchte an keinem anderen Ort sein als hier. Mit dir. Mit mir. Damals wünschte ich mir, dieser Moment würde nie vorübergehen. Ich weiß noch, wie er mich küsste und im Arm hielt. Wie er mich überall streichelte und liebkoste. Damals war er mein Mann. Damals war noch nichts zerrüttet und kaputt. Alles voller Hoffnungen und Verheißungen. Bis sich alles änderte. Bis die Zeit diesen Moment am Rauðasandur mit Stunden und Tagen und Wochen zukleisterte, die alles zerstörten.
Er ist der einzige Mann, den ich je geliebt habe. Aber auch der Mann, der mich betrogen und mit mir Schluss gemacht hat. Und jetzt ist er der Mann, der mir eineinhalb Jahre später ein Telegramm schickt.
Meine Vergangenheit holt mich urplötzlich wieder ein. Irrungen und Wirrungen und Gefühle, von denen ich nicht weiß, ob sie noch zutreffen. Gefühle, die ich kenne, aber nach der Trennung unterdrückt habe. Es ist leichter, sich nicht mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Erinnerungen sind wie Wellen, die an den Strand rollen und mich angreifen. Mal heftiger, mal verhaltener. Ich kann mich nicht vor ihnen schützen. Ob er ahnt,was er damit anrichtet? Oder war genau das seine Absicht? Mich an die Wand zu stellen? Ich habe in der ganzen Zeit kaum an ihn gedacht. Eigentlich gar nicht … bis heute.
Ich ziehe das Telegramm aus dem Umschlag, wohlwissend, dass ich es nicht zum letzten Mal lesen werde. Ich bin labil und ein bisschen verliebt und glaube tatsächlich, dass sich etwas verändert haben könnte. Dann zwinge ich mich, die Zeilen zu betrachten, die eine nach der anderen vor meinen Augen erscheinen, je weiter ich das Telegramm herausziehe.
Liebe Bryndís,
ich kann ohne dich nicht leben. Ich will ohne dich nicht leben. Alles ist sinnlos, wenn du nicht bei mir bist. Leider habe ich 532 Tage gebraucht, um das zu kapieren. Ich habe mich verändert, und ich möchte es dir beweisen. Wenn du bereit bist, mir eine zweite Chance zu geben, komm bitte am 6. April um 21 Uhr in den Pavillon im Park Hljómskálagarður. Ich werde dort sein.
Guðmundur
Er will mich zurückhaben! Ich würde dieses Telegramm nicht als Rettungsanker bezeichnen, aber es ist … tja, was? Eine Aufforderung, mit ihm gemeinsam einen geraden Weg einzuschlagen? Mein Weg ist ziemlich geradlinig, mal abgesehen davon, dass ich immer noch nicht weiß, wie ich meine Vergangenheit verarbeiten soll. Ich war bei mehreren Meetings für Angehörige von Alkoholikern und habe dort höchst seltsame Menschen getroffen, mit denen ich nichts gemein habe. Wenn ich mich verlieben würde, würde das den Weg bestimmt verkürzen. Mit allen Nerven meines Körpers spüre ich, dass ich der Versuchung nicht widerstehen kann. Aber warum bin ich so verunsichert? Ich mache mir schon Gedanken darüber, was ich anziehen soll. Ist ein fehlerhafter Mann besser als gar keiner? Bei Guðmundur weiß ich zumindest, woran ich bin. Ich kenne seine Macken und würde klare und unmissverständliche Bedingungen stellen, bevor wir wieder zusammenkämen.
Als Reginas Stimme durch das offene Wohnzimmerfenster dringt, werde ich nervös. Sie telefoniert ganz offensichtlich mit ihrem Vater. Checkt die Lage nach der alljährlichen Florida-Reise, bei der sie es fertiggebracht hat, sich drei Wochen lang mit seiner Freundin zu streiten. Sie kam völlig erschöpft zurück. Sonnengebräunt und ausgelaugt. Die dunklen Haare leicht aufgehellt. Während ihrer Abwesenheit habe ich gemerkt, wie leer es in unserer Wohnung in der Leifsgata ohne sie ist. In der ich jetzt völlig reglos auf dem Fußboden im Wohnzimmer liege. Das Telegramm steckt wieder im Umschlag und liegt auf meinen Bauch.
»Vergiss es, darüber diskutiere ich nicht mehr.« Regina versucht gar nicht erst, leise zu reden. Sämtliche Bewohner des Großraums Reykjavík, die sie garantiert vermisst haben, bekommen ein exklusives Update.
»NEIN!« Ihre Stimme wird lauter.
»Papa, hör zu, es war ein Riesenfehler, diese Zicke mitzunehmen!«
»Ich nenne sie, wie ich will. Ich hab keinen Respekt vor dieser blöden Kuh.«
»Ja, dann ist Florida definitiv nicht groß genug für uns beide.«
»No way!«
»Bitte versuch nicht, mich zu überreden, mich bei ihr zu entschuldigen. Ich wüsste überhaupt nicht, wofür!«, sprudelt es aus ihr heraus. »Hör mal, sie war aber auch ganz schön unverschämt. Diese Frau besteht doch nur aus Fassade! Es ist lächerlich, dass du das nicht siehst.«
»Nein.«
»Ich hab keine Lust, weiter mit dir zu reden.«
»Ich leg jetzt auf.«
Die Haustür knallt zu, und ich halte die Luft an. Regina hat keine Ahnung, was sie erwartet. »Hallo?« Ihrem Ton nach zu schließen, ist sie in Gedanken noch ganz bei der zickigen Freundin ihres Vaters.
»Hi«, krächze ich nur.
»Mein Vater ist so dermaßen bescheuert!« Wie immer geht sie zuerst in die Küche und öffnet und schließt den Kühlschrank, ohne etwas herauszuholen. Ihre schnellen Schritte klingen wie der Takt einer Bass Drum.
»Er ruft mich an, um mir zu sagen, dass ich Íris anrufen und mich bei ihr entschuldigen soll. Er behauptet, sie sei am Boden zerstört. Ha, ha, ha! Das ist lächerlich. Diese Schnepfe ist gerade mal … drei Jahre älter als wir? Die gibt sich doch nur mit meinem Vater ab, um ein nettes Leben zu haben, und versucht noch nicht mal, es vor mir zu verstecken. Das ist echt nicht mein Ding, mich bei ihr zu entschuldigen!« Sie kramt herum und redet weiter, mehr mit sich selbst als mit mir.
»Der ist voll in der Midlifecrisis. Kann er nicht in einen Chor eintreten, so wie andere Leute auch? Echt unerträglich. Hab ich dir schon erzählt, dass sie bei ihm eingezogen ist? Und ihre Wohnung an Touris vermietet? Sie verdient 'nen Arsch voll Geld mit irgendwelchen Chinesen, die in Island Nordlichter sehen wollen! Wusstest du, dass die Reisebüros 12 500 Kronen für so eine dämliche Nordlicht-Tour verlangen? Ich muss ja wohl nicht erwähnen, dass man nie genau weiß, wann es überhaupt Nordlichter gibt! Und sie zahlt meinem Vater natürlich keine Miete. Ein echt cleveres Geschäftsmodell.« Reginas Stimme wird immer quengeliger, und ich muss grinsen. Sie echauffiert sich weiter über die Freundin ihres Vaters, aber ich höre nicht mehr zu. Das Einzige, was zu mir durchdringt, ist der sich nähernde Trommeltakt ihrer Adidas-Schlappen. Dann wird es still.
»Warum liegst du auf dem Boden wie eine Wasserleiche?«, ruft sie entsetzt. »Wie angespültes Treibholz? Drehen jetzt etwa alle durch?«
»Ach …« Sie kommt näher und begreift, dass etwas nicht stimmt.
»Was ist denn los?« Ihre Stimme wird weicher.
»Ach.«
»Ist jemand gestorben?«, fällt sie mit der Tür ins Haus, was nicht gerade aufbauend wäre, wenn wirklich jemand gestorben wäre.
»Nein, Regina«, antworte ich genervt. Sie lässt sich neben mir auf den Boden fallen und grapscht nach dem Umschlag auf meinem Bauch. Ich hindere sie nicht daran.
Es vergeht eine gefühlte halbe Ewigkeit. Oder eine ganze Ewigkeit. Oder vielleicht auch nur ein Menschenleben, in dem eine Familie gegründet, eine Frau geschwängert und ein Kind konfirmiert wird, in dem ein Großvater väterlicherseits stirbt und auf dem Fossvogur-Friedhof beerdigt wird, wo die Trauernden beim anschließenden Leichenschmaus mit viel zu trockener Schichttorte verköstigt werden. Aber es ist egal, dass die Torte nicht schmeckt, eigentlich wäre es sogar unpassend, wenn sie schmecken würde. Dann wird das jüngere Kind dabei fotografiert, wie es Fahrradfahren lernt, weshalb man sich später daran erinnern wird. Jemand spielt bei einem Konzert Posaune und trifft kaum einen richtigen Ton. Er wird rot, und das Video wird gelöscht, aber genau deshalb wird man sich später daran erinnern. Ein anderes Mitglied der Großfamilie, ein kauziger Onkel vielleicht, verliert sich und findet sich wieder, als er auf der Suche nach dem wahren Leben nach Bulgarien zieht. Überall auf der Welt geschieht alles Mögliche, mehr oder weniger Wichtige, während ich hier liege. Und Regina hier sitzt. Und liest.
Sie verzieht das Gesicht und sieht aus, als wäre sie stinksauer. Nach der kräftezehrenden Reise nach Tallahassee ist sie braungebrannt. Zumindest hat sie es geschafft, sich zwischen den Streits in die Sonne zu legen. Sie liest den Text sehr gründlich, und ich sehe, wie sich ihre Lippen bewegen. Langsam. Wort für Wort. Satz für Satz und Zeile für Zeile. Sie findet das Telegramm nicht ganz so spektakulär wie ich. Das hätte ich eigentlich wissen müssen. Sie wirft mir einen schnellen Blick zu und lässt das Telegramm in ihren Schoß fallen. Dann verkündet sie ihr Urteil.
»Willst du mich ver-ar-schen?«, sagt sie betont langsam und stößt den Bruchteil einer Sekunde später ein bekräftigendes »ha!« aus. Ich kann mich nicht erinnern, bei ihr jemals einen so verächtlichen Gesichtsausdruck gesehen zu haben. Sie starrt mich mit riesengroßen, fordernden Augen an. Ganz ruhig. Und fügt dann hinzu:
»Heulst du etwa deshalb? Das ist doch total lächerlich …«
»Ach …«
»Sag bloß, du willst da hingehen? Nein, Bryndís, jetzt reicht's!« Sie spuckt die Worte geradezu aus. »Das ist ein Witz. Für was hält dieser Spinner sich eigentlich? Und entschuldige mal bitte, aber du hast wegen der Trennung wirklich nicht viele Tränen vergossen! Du hast nie gesagt, dass du gerne wieder mit ihm zusammen wärst. Wir waren uns darüber einig seit … bestimmt eineinhalb Jahren, dass der Mann ein Arschloch ist!«
»Regina. Menschen können sich …«
»Nein«, fällt sie mir ins Wort.
»… ändern.«
»Nein. Menschen ändern sich nicht.«
»Woher willst du das wissen?« Es sieht nicht so aus, als würde Regina von ihrer Meinung abrücken.
»Ich weiß es einfach, glaub mir.« Sie nimmt das Telegramm wieder in die Hand und überfliegt es. Ich rühre mich nicht. Sie versucht es noch einmal.
»Bryndís.«
»Ja?«, flüstere ich.
»Weißt du noch, wie wir die ganze Nacht nach ihm gesucht haben, weil er nicht ans Telefon ging?«
»Jaaa …«
»Und weißt du noch, wie du den Typen an der Hotdog-Bude gefragt hast, ob er ihn gesehen hätte? Ihm sein Foto gezeigt hast?« Ich antworte nicht.
»Weißt du noch, wo wir ihn gefunden haben?« Ihr Gesicht wird immer empörter. Ich weiß das alles noch ganz genau, sage aber nichts.
»Weißt du noch, wie du begriffen hast, dass er sehr wohl die Waschmaschine bedienen konnte … aber drei Jahre lang vergessen hatte, es zu erwähnen?«
»Regina, hör auf!« Ich räuspere mich.
»Das ist total verrückt Bryndís. VERRÜCKT! Du erinnerst mich an meinen Vater! Partnersuche ohne jeglichen Ehrgeiz, ihr werft euch beide dem Erstbesten an den Hals!« Es vergehen ein paar Sekunden, und die Atmosphäre in der Leifsgata ist wie elektrisiert. Ich liege immer noch reglos auf dem Fußboden.
»Nichts, was du sagst, ändert etwas«, sage ich leise, wohlwissend, dass ich mit diesem Kommentar Öl ins Feuer gieße.
»Du verarschst mich, Bryndís!« Sie hält das Telegramm immer noch in der Hand. »Wie kannst du nur eine so schreckliche Memme sein?«, brüllt sie.
»Hör auf, Regina. Jetzt gehst du zu weit.« Ich merke, wie meine Stimme bricht.
»ZU WEIT?!«
»Regina, bitte.«
»Es ist total verrückt, dass dieses Telegramm noch nicht im Müll gelandet ist. Dass es solchen Einfluss auf dich hat. Dich um eineinhalb Jahre zurückwirft und zu einer jammernden Heulsuse macht! Das ist einfach verrückt. Und das ist nicht nur meine persönliche Meinung, sondern eine Tatsache!« Sie steht umständlich auf und schüttelt dabei energisch den Kopf. Regina ist auf hundertachtzig. In diesem Moment höre ich, wie das glänzende Papier zerreißt. Sie steht vor mir, schaut mich an und zerreißt das Telegramm sekundenschnell in zwei Stücke.
»NICHT!«, schreie ich verzweifelt und rappele mich auf. »REGINA!«
Es ist zu spät. Ich bin zu spät. Sie zerreißt es noch einmal und noch einmal und noch einmal. Ich stehe ihr direkt gegenüber, mit kaum mehr als drei Zentimetern Abstand. Glotze ihr ins Gesicht und frage mich, wie sie so herzlos sein kann. Sie begreift überhaupt nichts. Hat sie eigentlich jemals etwas begriffen? Die Ewigkeit läuft weiter, und Regina starrt mich trotzig an. Dann dreht sie sich abrupt um und geht ein paar Schritte zurück. Ich rühre mich nicht. Sie dreht sich wieder um und schaut mich an, als wollte sie noch etwas sagen. Ein herausfordernder Blick.
Der Vorort Grafarholt ist längst aufgewacht, schließlich wohnen hier nur Spießer. Inga wird in wenigen Minuten mit einem leckeren Café Latte sanft in die Wirklichkeit hinübergleiten. Er kommt aus dem Kaffeevollautomaten, den sie von Nóis Eltern zu Weihnachten geschenkt bekommen haben. Für die ist dieses großzügige Geschenk ein Friedensangebot. Ihren Schwiegereltern fällt es nun mal leichter, sich mit einem Geschenk zu entschuldigen als mit Worten.
»Inga?«, säuselt Nói. »Liebling?«
Ich murmele eine Entgegnung. Ich bin wach, möchte aber noch ein bisschen liegen bleiben.
»Inga? Es ist alles bereit.« Der Duft frischgebackener Croissants dringt in meine Nase.
»Bereit?« Meine Stimme ist etwas belegt.
»Nein, ich meine nur … ich hab Frühstück gemacht.« Er klingt ein wenig nervös.
»Darf ich noch ein bisschen liegen bleiben?«
»Willst du nicht aufstehen, Liebling?«, sagt Nói in einem Ton, der mir zu erkennen gibt, dass er nicht länger warten möchte. Er hantiert mit der Kaffeemaschine herum, mit diesem türkisfarbenen Monstrum.
All you need is love schallt durch die Wohnung, und Nóis Schritte nähern sich dem Schlafzimmer. Bald ist Frühling. Das merke ich an dem Licht, das durchs Fenster fällt, obwohl die Vorhänge noch zugezogen sind. Das Schlimme an dem vielen Licht ist, dass man jedes Staubkörnchen sieht. Ich räkele mich behaglich im Bett und genieße es, den ganzen Platz für mich zu haben. Dann schaue ich zur Tür. Ich will ihn sehen, wenn er in der Türöffnung erscheint. Er kommt. Mit einem strahlenden Lächeln. In Jeans und T-Shirt, die dunklen Haare verstrubbelt. Sexy und schön zugleich, was eine Seltenheit ist. Ich bleibe still liegen und betrachte ihn. Langsam kommt er zu mir, setzt sich auf die Bettkante und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.
»Guten Morgen, mein Liebling.«
»Guten Morgen.«
Ich schaue ihn lächelnd an. Vorsichtig schiebt er die Hand unter die Bettdecke und streichelt sanft über meinen Bauch nach unten, während er mir in die Augen schaut. Dann zieht er die Hand zurück, hebt die Bettdecke an, beugt sich zu mir und küsst mich ganz schnell auf die Nasenspitze. Er greift nach dem seidenen Morgenmantel und reicht ihn mir. Nothing you can do but you can learn how to be you in time. It's easy.
Als ich in den Morgenmantel schlüpfe, schaut er mich begehrlich an, und ich genieße es. Obwohl wir schon seit fünf Jahren zusammen sind, findet er es immer noch aufregend, mich im Slip zu sehen. Auch wenn es albern klingt, ist mir das wichtig.
Als ich in die Küche komme, stutze ich. Zwei Café Latte stehen bereit, beide mit Herzchen im Milchschaum. Das hat Nói bei dem Barista-Seminar gelernt, das Bestandteil des Weihnachtsgeschenks meiner Schwiegereltern war. Auf dem Küchentisch steht ein riesengroßer bunter Tulpenstrauß. Daneben liegen mehrere Zeitungen. Auf meiner Seite die Sonntagsausgabe des Morgunblaðið, weil er weiß, dass ich damit am liebsten anfange. Paprikastreifen, Weintrauben, Schokoaufstrich und eine perfekt geschnittene halbe Avocado. Das ist für mich. Mein Wochenend-Frühstück. An Wochentagen esse ich ein weichgekochtes Ei.
»Wow!« Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen. Nói rückt den Designerstuhl vom Tisch weg, und ich nehme Platz. Er setzt sich mir gegenüber.
»Bitte greif zu, solange der Kaffee noch heiß ist.«
»Das ist ja köstlich! Gibt's was zu feiern?«
»Nein.« Er zögert einen Moment. »Nur, wie sehr ich dich liebe.« Er fixiert mich und schaut mir in die Augen. Mir wird innerlich ganz warm. So soll es sein.
»Ich liebe dich auch.«
»Du kannst mit der Sonntagsausgabe anfangen.«
»Danke, Schatz. Wann bist du denn aufgestanden?«
»Vor einer Stunde.« Er lächelt. »Da ist ein interessantes Interview auf der ersten Seite.«
»Ach, ist das nicht der Typ, der diese Gletschertour-Firma gegründet hat?«, erinnere ich mich.
»Ja.« Kurze Pause. »Ich dachte, das würde dich interessieren.«
»Auf jeden Fall.«
»Schön. Es ist bestimmt spannend.«
»Ja.«
»Willst du es nicht lesen?«
»Äh, doch.«
»Warum … tust du es dann nicht?«
»Darf ich zuerst etwas essen?«
»Ja, natürlich. Ich dachte nur, du wolltest es zuerst lesen.«
»Darf ich mich nicht erst mit meinem Süßen unterhalten?«
»Doch, natürlich, Liebling. Klar doch. Natürlich.« Er springt von seinem Stuhl hoch und hantiert am Spülbecken herum. Ich beiße in eine Weintraube und beginne zu zählen. Wenn ich nur eine Weintraube esse, ohne Haut, sind das 12 Kalorien. Ich mustere den orangenen Paprikastreifen und sehe an seiner Stelle die Zahl 10. Also zusammen 22 Kalorien in meinem Bauch. Dann sind noch ungefähr 700 übrig, bis ich wieder schlafen gehe. Ich nippe an meinem Kaffee und gemahne mich, weder ein Croissant, noch Schokoaufstrich zu essen. Die Speisen passen unglaublich gut zu der lila Tischdecke, dürfen aber nicht durch meine Speiseröhre gelangen. Ich fühle mich gut, wenn ich den totalen Überblick über die Nahrung habe, die ich zu mir nehme. Plötzlich fällt mir ein, dass ich noch ein Foto machen muss.
»Wo gehst du hin?«
»Ich muss das auf Instagram posten!«
»Klar.« Er ist erleichtert. Ich hole das Handy vom Nachttisch und suche lange nach der richtigen Perspektive: die lila Tischdecke, die Blumen und die Kaffeetassen mit den Herzchen. Die Sonntagsausgabe im Hintergrund. Ich lade das Foto hoch und schreibe darunter: Perfekter Tagesbeginn;). Widme mich dann wieder meinem Kaffee, der viel zu lecker schmeckt. Morgens gestatte ich mir nur eine Tasse. Nói beobachtet mich aus dem Augenwinkel.
»Stimmt was nicht?«, frage ich vorsichtig.
»Doch.« Er zögert einen Moment. »Doch, doch.«
Ich seufze zufrieden und mache vor mir Platz für die Zeitung. Auf der ersten Doppelseite klebt ein A3-Blatt, auf das mein Name gedruckt ist: Inga Briem. Darunter ist ein Pfeil, der mir bedeutet, dass ich umblättern soll. Mein Herz schlägt schneller. Auf der nächsten Doppelseite klebt ein ebensolches Blatt mit dem Aufdruck: Du bist die Frau meines Lebens. Ein Pfeil. Ich atme tief ein und bin total gespannt. Auf der nächsten Doppelseite: Ich möchte mein Leben mit dir verbringen. Pfeil. Schnell blättere ich weiter. Willst du mich heiraten?
Ich brauche ein paar Sekunden, um es zu begreifen, blättere vor und zurück, juchze auf und blicke hoch. Nói steht am Spülbecken und starrt mich an. Unverkennbar nervös.
Das ist alles neu für Tinna. Vor kurzem hat sie ihren Traum verwirklicht und die Online-Zeitschrift P. S. gegründet. Die Arbeit ist stressig, und sie ist davon überzeugt, dass ihre Haare dabei schneller grau werden.
Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, ob es die richtige Entscheidung war, beim Nationalmuseum zu kündigen. Ich vertraue einfach darauf, dass alles leichter wird, sobald ich mehr Routine habe. Oder ist es noch genauso schwierig wie beim ersten Mal, wenn man zum dreißigsten Mal für siebenhundertvierzigtausend Kronen Anzeigen verkaufen muss? Werde ich immer noch Tippfehler in einem Text finden, den ich schon hundertmal gelesen habe? Diese verdammten Tippfehler sind lebendig, ich schwöre es. Und wenn Firmen längst überfällige Rechnungen einfach nicht bezahlen, wäre es schon verlockend, ein regelmäßiges Gehalt im öffentlichen Dienst zu bekommen.
Schluss jetzt! Vergiss nicht, was Mama gesagt hat: Positiv denken! Trotzdem ist es schwieriger, als ich dachte, und viel schwieriger, als es aussieht. So verfolge ich zum Beispiel neuerdings die Abendnachrichten auf beiden Fernsehsendern, um mich inspirieren zu lassen. Was ich vorher nur bei absoluter Notwendigkeit und mit halbem Ohr gemacht habe, wobei das vielleicht eine unverantwortliche Einstellung war. Die Nachrichten beginnen immer gleich, mit Meldungen über Finanzen, Politik und die Europäische Gemeinschaft.
Ich sehe ein vertrautes Gesicht auf dem Bildschirm und stelle lauter. Ich habe den Eindruck, als würde der Mann mit mir persönlich reden. Nur mit mir. Diesmal steht der landesbekannte Reporter in einem weißen Kittel und mit einem Haarnetz auf dem Kopf zwischen rohen Fleischteilen, offensichtlich im Ausland. Ich stelle noch ein bisschen lauter, als die Kamera sein Gesicht heranzoomt. Süß.
»Manch einer kann sich nur schwer zwischen isländischem und italienischem Lammfleisch entscheiden, dessen Einfuhr kürzlich erlaubt wurde. Eins ist jedoch sicher: Die Schlachtmethoden sind überall auf der Welt gleich, ich befinde mich nämlich hier in einem Schlachthaus in Mailand …«
Er hält ein ziemlich großes Foto von einem Lamm auf einer, wie mir scheint, italienischen Wiese in die Kamera. »Dieses Fleisch war vor fünf Tagen noch dieses Lamm. Und dann nahm das Leben seinen Lauf.«
Ich schaue den Mann gebannt an, bis zurück ins Studio geschaltet wird. »Das war Rafn Sigfússon aus Italien mit einer saftigen Meldung über die Lockerung der Importquoten in der Landwirtschaft. Doch nun zum nächsten Thema …«
Rafn ist schon lange von der Bildfläche verschwunden, aber ich habe immer noch ein Grinsen im Gesicht. Ich habe den Kerl schon länger im Visier. Er berichtet auf unge
Es gab schon fröhlichere Momente in der WG in der Leifsgata. Das Telegramm von Guðmundur hat Bryndís' Seelenleben völlig durcheinandergebracht. Reginas Verdacht, dass Bryndís noch nicht über die Trennung hinweg ist, hat sich als richtig erwiesen, und Regina will alles tun, was in ihrer Macht steht, damit das Spiel sich nicht noch einmal wiederholt.
Auf gar keinen Fall werde ich Bryndís' Abhängigkeit von diesem Arschloch gutheißen. Er drängt sich einfach mit einem scheiß Telegramm, das wer weiß wie viel kostet, in ihr Leben. Das geht gar nicht. Und was soll das mit diesem botanischen Garten? Ist der Typ etwa ein Musical-Star? Diese Taktik erinnert mich stark an den rührseligen Quatsch in diesem Film mit dem Edelweiß in Österreich, wie war das noch mal? Die Trapp-Familie! Wie hieß der Film noch mal …? Ja! Sound of Music. Die Szene, in der sich der Briefträger mit falschen Versprechungen an die älteste Tochter ranschmeißt. Auch so eine hinterlistige Schlange! Und war dieser Briefträgerfuzzi nicht Nazisympathisant? Ich gebe ja zu, dass ich ziemlich drastisch reagiert habe, aber … wie spät ist es eigentlich? Tatsache, Bryndís ist jetzt seit sechzehn Stunden in ihrem Zimmer. Ich dachte, sie würde herauskommen, wenn ich vom Joggen zurück bin. Ich werde jetzt bei ihr anklopfen.
»Bryndís«, sage ich möglichst ruhig und mit leiser Stimme. Keine Antwort. »Okay, sorry, ich, äh … ich war gestern vielleicht ein bisschen gemein.« Ich lasse die Worte einen Augenblick in der Luft schweben, bevor ich weiterspreche. »Darf ich reinkommen?«
Keine Antwort.
»Bryndís, bitte.« Ich warte einen Moment. »Ich komm jetzt rein. Ich mache die Tür auf.«
Der Boden knarrt unter meinen Laufschuhen. Ich finde meine Jugendfreundin, meine beste Freundin und Mitbewohnerin, in einem bedenklichen Zustand vor. Die Gardinen sind zugezogen, und der Frühlingssonne, die mich noch vor wenigen Minuten beim Joggen gewärmt hat, bleibt der Eintritt verwehrt. Bryndís liegt im Bett. Neben ihr ein Haufen zerknüllter Servietten mit Blumenmuster. Ihre dunkelblonden Haare waren noch nie so mausgrau.
»Ist alles in Ordnung?«, flüstere ich geradezu ehrfurchtsvoll angesichts der Atmosphäre. Sie schaut mich langsam an. Mit schwermütigem Blick. Ihr Gesicht ist von Resignation gezeichnet. Hoffentlich merkt sie nicht, wie geschockt ich bin.
»Soll ich dir ein Glas Wasser holen oder so?«
»Ja. Vielleicht. Wasser.« Ich eile in die Küche und lasse das Wasser laufen. Was ist das Problem? Die Sache liegt doch klar auf der Hand!
»Hier.« Ich reiche ihr das Glas. »Hast du Hunger?«
»Nein, eigentlich nicht«, wispert sie.
»Äh … wegen gestern …«
»Ja.« Bryndís ist kreidebleich. Ich schaue mich im Zimmer um. Sie hat die Schnipsel des Telegramms wieder zusammengelegt. Es liegt auf dem Laken neben dem Kissen. Höchst dramatisch.
»Äh …«
»Mensch, Regina, lass es einfach. Ich weiß genau, was du denkst.«
»Klar, er verhält sich total armselig …«
»Regina«, stößt sie meinen Namen flüsternd hervor.
Ich verstehe das nicht! Warum durchschaut sie Guðmundur nicht? Warum ist sie so labil? Genügt ein Telegramm, damit sie den ganzen Mist vergisst, den dieser Mann ihr angetan hat?
»Ich verstehe nicht, warum du das nicht erkennst, Bryndís.«
»Du musst mich nicht verstehen.« Sie zögert. »Du kannst nicht alles wissen. Ich hab dir immer nur … das Schlimme erzählt. Es war leichter, darüber zu sprechen.« Die Worte kommen nur stockend über ihre Lippen. »Ich hab immer solche Angst, zu viel über … das Positive zu sprechen. Ich hab solche Angst, dass dann …« Sie fängt leise an zu weinen.
»Dass dann was?«, frage ich mit angehaltenem Atem. Ich traue mich kaum, Luft zu holen, weil ich dann vielleicht nicht höre, was sie sagt. Weil dieser Moment sonst womöglich in einem großen Schlund verschwindet, in einem saugenden Abgrund, der Augenblicke stiehlt und sie zu Partikeln verquirlt. Die Sache gefällt mir gar nicht. Ich zerre mir den Pulli vom Leib und stehe im Sportshirt mit entblößtem Bauch da. Die Zeit versucht unaufhaltsam, das Sixpack aus meiner Handballzeit zunichtezumachen.
»Ich hab Angst, dass ich mich zu sehr an das Positive gewöhne … und mich zu sehr darauf verlasse …« Sie schnieft und wirkt total erschöpft. »Sobald ich glaube, dass es überhaupt etwas Positives für mich gibt, hab ich das Gefühl, dass es mir wieder entgleitet. Das Leben hat es mir bisher immer weggenommen, und ich hab Angst davor, dass das wieder passiert. Eigentlich geht es mir im Dunkeln besser. All dieses Helle und Positive ist … Ich habe es immer verloren, so kommt es mir jedenfalls vor.«
»Oh, wow. Mist. Fühlst du dich wirklich so?« Ich kratze mich schnell am Kopf, streiche mir über den verschwitzten Bauch und habe keinen blassen Schimmer, was ich sagen soll.
»Ja, Regina. Und ich erwarte nicht, dass du mich verstehst. Aber bitte sei nicht immer so aufbrausend. Das ist … furchtbar schwer für mich. Auch wenn du das lächerlich findest. Das Telegramm hat mich total durcheinandergebracht. Ich konnte nichts essen und hab überhaupt nicht geschlafen. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Vielleicht habe ich mit dieser Beziehung nie richtig abgeschlossen. Außerdem bin ich gerade dabei, mein Leben zu sortieren. Ich gehe zu diesen schrecklichen Meetings und versuche, die Alkoholabhängigkeit meines Vaters zu verarbeiten. Aber das ist schwierig, ich bin nicht auf einer Wellenlänge mit diesen Leuten da.« Sie verstummt.
»Möchtest du denn mit ihm zusammen sein?«
»Ich weiß es nicht. Ein Teil von mir bekommt dieses Telegramm und denkt: Das ist der leichte Weg. Sich wieder in Guðmundur zu verlieben und nicht über den anderen Kram nachzudenken, verstehst du? Und vielleicht ist es ja auch der richtige Weg. Vielleicht muss nicht immer alles so … schwer sein.«
Jetzt wäre es angebracht, ihr zu sagen, sie soll an die armen Kinder in Afrika und an die Zwangsprostitution in Osteuropa denken oder wo auch immer die am schlimmsten ist. Wahrscheinlich in Asien. Das Wort schwer in den richtigen globalen Zusammenhang zu stellen. Das, wovon sie redet, sind doch Peanuts. Ich verstehe diese Dramatik nicht. Aber ich halte lieber den Mund. Fürs Erste. Sonst klappt sie mir noch zusammen. Mein Handy klingelt, und ich bleibe reglos stehen, bis Bryndís mir ein Zeichen gibt, ranzugehen. Auf dem Display steht IB.
»Hallo!« Beinahe bin ich froh, aus dem Gespräch mit Bryndís gerissen zu werden.
»Zu Hause. War gerade joggen.«
»Acht Kilometer«, sage ich stolz.
»Ja, die ist auch zu Hause.«
»Morgen Abend? Jaaa, ich denke schon. Warte mal …«
»Bryndís, kommst du morgen Abend mit zum Essen nach Grafarholt? Inga lädt uns ein.«
Ich kann nicht verstehen, was Bryndís sagt, aber sie wirkt nicht gerade begeistert. Ich gehe in mein Zimmer und schließe die Tür.
»Hör zu, Inga, hier ist Land unter. Bryndís hat nämlich gestern ein Telegramm von Guðmundur bekommen …«
»Ja, so was in der Richtung. Triff mich nächste Woche im Botanischen Garten, oder nein, im Hljómskálagarður, in diesem Pavillon. Ich habe mich geändert.«
»Genau. Schöne Scheiße.«
»Ich weiß es nicht. Sie hat seitdem weder etwas gegessen noch geschlafen. Und ist ziemlich fertig. Ehrlich gesagt, habe ich sie noch nie so gesehen. Nicht so, du weißt schon.«
»Es ist ja nicht das erste Mal, dass Bryndís so ein Drama inszeniert. Ich dachte, nach gestern Abend wäre es vorbei, aber sie ist … tja, das setzt ihr ganz schön zu.«
»Nein.«
»Ja, ja, total. Du weißt doch, wie sie ist.«
»Ich komme auf jeden Fall. Was willst du kochen?«
»Kommt Tinna auch?«
»Ist Nói zu Hause?«
»Okay, super. Ja, wir haben ihn schon lange nicht mehr gesehen.«
»Genau.«
»Okay. Cool. Ich versuche, die Dramaqueen mitzuschleifen.«
»Ja, alles klar, tschüss!« Vorsichtig öffne ich die Tür und taste mich in Bryndís' Zimmer.
