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Sie kennen sich seit der Grundschule und gehen gemeinsam durch dick und dünn. Sie sind Mitte zwanzig und beruflich schon ziemlich erfolgreich, sie sind selbstbewusst und lassen sich nicht in gängige Rollenklischees drängen. Genauso engagiert, wie sie über die neuesten Schuhe von Christian Louboutin diskutieren, sprechen sie über Rassismus, die Tea Party, Diätenwahn, überholte Rollenmuster und ihre tollen Mütter.
Regina hat den angesagtesten Radiomoderator und Blogger Islands abgeschleppt, aber es ist ihre Mitbewohnerin Bryndís, die ihn am nächsten Morgen unter Protest nach Hause fährt. Die gemeinsame Freundin Inga, als Einzige in einer festen Beziehung, überkommt wegen ihrer krass eifersüchtigen Schwiegermutter immer mehr der Drang zum Single-Dasein. Die Kuratorin Tinna ist sich nicht ganz im Klaren, ob ihre neue Bekanntschaft, ein attraktiver Produktdesigner aus Island, nicht vielleicht doch schwul ist.
Aber egal, wie die Geschichten für die vier jungen Frauen ausgehen, es gibt Wichtigeres als der Wunsch nach einem Mann fürs Leben – und das ist ihre Freundschaft.
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2016
Sie kennen sich seit der Grundschule und gehen gemeinsam durch dick und dünn. Sie sind Mitte zwanzig und beruflich schon ziemlich erfolgreich, sie sind selbstbewusst und lassen sich nicht in gängige Rollenklischees drängen. Genauso engagiert, wie sie über die neuesten Schuhe von Christian Louboutin diskutieren, sprechen sie über Rassismus, die Tea Party, Diätenwahn, überholte Rollenmuster und ihre tollen Mütter. Regina hat den angesagtesten Radiomoderator und Blogger Islands abgeschleppt, aber es ist ihre Mitbewohnerin Bryndís, die ihn am nächsten Morgen unter Protest nach Hause fährt. Die gemeinsame Freundin Inga, als Einzige in einer festen Beziehung, überkommt wegen ihrer krass eifersüchtigen Schwiegermutter immer mehr der Drang zum Single-Dasein. Die Kuratorin Tinna ist sich nicht ganz im Klaren, ob ihre neue Bekanntschaft, ein attraktiver Produktdesigner aus Island, nicht vielleicht doch schwul ist. Aber egal, wie die Geschichten für die vier jungen Frauen ausgehen, es gibt Wichtigeres als den Wunsch nach einem Mann fürs Leben – und das ist ihre Freundschaft.
BJÖRG MAGNÚSDÓTTIR
NICHT GANZMEIN TYP
Roman
Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel Ekki ƥessi týpa bei JPV útgáfa, Reykjavík. © Björg Magnúsdóttir 2013.
Der Verlag dankt dem The Icelandic Literature Center für die Förderung der Übersetzung:
eBook Insel Verlag Berlin 2016
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4446.
Deutsche Erstausgabe
© Insel Verlag Berlin 2016
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Warum mache ich das eigentlich? Warum fahre ich diesen Blödmann nach Selfoss? Kann mir das mal jemand erklären? Nein, das kann keiner. Weil er mich darum gebeten hat? Mich angefleht hat und vor mir auf die Knie gefallen ist? Mal überlegen. Nein. Muss er sich von seiner im Sterben liegenden Mutter verabschieden? Von seiner Oma oder Uroma? Ein Abschied, dramatischer als jede Hollywood-Schmonzette? Heiße Tränen strömen über bleiche Wangen, und ein Gefühl, als würde einem ein Fleischmesser ins offene Herz gerammt? Nein. Geht es um Leben und Tod? Nein, keineswegs. Oder chauffiere ich ihn etwa, weil ich es ihm angeboten habe? Weil ich ganz beiläufig eingeworfen habe, dass ich ihn selbstverständlich kurz fahren könnte? Ja! Genau das habe ich gemacht, nachdem dieser Lackaffe heute Morgen in meiner Küche aus meiner Tasse getrunken hat. Ich habe ihm diese Gurkerei in die Provinz angeboten. Freiwillig. Mag ich mich nicht? Warum bestrafe ich mich? Hasse ich mich dafür? Ja! Warum übernehme ich dann diese hochnotpeinliche Mission? Ich kann es nicht beantworten. Weil er mir ein großzügiges Benzingeld offeriert hat und ich nichts Besseres zu tun habe? Nein! Weil ein Maschinengewehr gegen eine hervorstehende Vene an meiner linken Schläfe drückt, die kurz vorm Zerplatzen ist? Nein. Weil meine berufliche Zukunft von dieser Fahrt abhängt? Von wegen. Gibt es eine andere logische Erklärung dafür, dass ich meinen Sonntag daran verschwende, den Mann nach Selfoss zu fahren? SELFOSS! Einen quasi Fremden. Der mir noch nicht mal sympathisch ist. Und warum zum Teufel bleibt er so lange im Bad? Schon eine Viertelstunde. Ich mache mir gleich in die Hose, lasse mir aber natürlich nichts anmerken.
»Und, alles in Ordnung?«
Ich versuche, möglichst normal zu klingen. Freundlich und gelassen, obwohl ich mir mit meinem Gutmenschentum, das eher an Gefallsucht erinnert, furchtbar auf die Nerven gehe. Wenn er mich kennen würde, könnte er hören, dass meine Stimme unsicher klingt. Leicht gepresst und mindestens drei Tonlagen höher als unter normalen Umständen, wozu das hier nicht zählt. Verfluchter Mist!
»Äh … Ich weiß nicht«, dringt es mit halberstickter Stimme aus dem Bad.
Ich spüre, dass irgendetwas nicht so ist, wie es sein sollte. Ein unangenehmer Gedanke beschleicht mich. Kommt dieses Geräusch von der Klobürste? Bitte nicht! Ein eiskaltes Gefühl fährt mir in den Magen. Es schwillt an, durchdringt meinen gesamten Körper, und ich muss mich übergeben. Glaube ich. Falls das Geräusch von der Klobürste kommt, wird dieser Tag noch schlimmer, als er jetzt schon ist.
»Wie meinst du das, du weißt nicht?« Ich stehe jetzt ganz dicht an der Badezimmertür. Das Geräusch kommt eindeutig von der Klobürste.
Ich schaffe das nicht. Resignation überkommt mich, und ich streiche mir die Haare aus dem schwitzig-feuchten Gesicht. Dann wird mir ganz heiß, und ich reiße mir den Pulli vom Leib. Stehe mit dem Pulli im Arm da und bearbeite ihn. Stelle mir vor, dass dieser Typ der Pulli ist und drehe ihm den Hals um.
»Äh, hattet ihr schon mal Probleme beim Abziehen?«
Ich höre, dass er versucht, das ganz normal klingen zu lassen.
»Nee, nicht dass ich wüsste.« Ich warte einen Moment und lasse ihn noch ein bisschen zappeln. »Hast du ein Problem?«
Das sage ich natürlich entgegen besseren Wissens, da man Klothemen in unserer WG mit höchster Vorsicht behandeln und sich genau an die Hausregeln halten muss. Die er offenbar missachtet hat. Toilettengänge nur im Halbstundentakt und nicht zweimal kurz hintereinander abziehen.
»Na ja, nicht wirklich. Ich kann nur nicht abziehen«, sagt er halb lachend.
Ich spüre den verächtlichen Ausdruck in meinem Gesicht. Schade, dass er mich nicht sehen kann. Er sagt das, als sei es überhaupt kein Ding. Höchstens ein bisschen lächerlich. Wo bleibt sein Schamgefühl? Mir ist überhaupt nicht nach Lachen zumute.
Als er endlich die Badezimmertür öffnet, wird mir wieder schmerzlich bewusst, wie mein nächster Fahrgast aussieht. Der zerknitterte Anzug von der Stange schmeichelt ihm ebenso wenig wie das halbzugeknöpfte, rotweinbespritzte Hemd. Die Mitesser der Vergangenheit haben tiefe Löcher in seine Wangen gegraben, und er hat schon ziemlich viele Haare verloren, obwohl er noch keine dreißig ist. Charme gleich null, dafür reichlich Selbstbewusstsein. Das steigt offenbar im Gleichschritt mit dem zunehmenden Alter und der abnehmenden Haarmenge. Er hat ein aufgepumptes Ego, das er sich nicht leisten kann. Nur ist ihm das leider überhaupt nicht bewusst. Das Schlimmste ist allerdings weder seine schlechte Haut, sein Riesenego, die Tatsache, dass er unsere Toilette verstopft hat, noch sein haarloser Kopf, sondern dass ich ihn nach Selfoss fahren muss. Ich möchte nichts mit dem Mann zu tun haben, weder heute noch sonst wann. Der Typ geht mir schon seit langem auf die Nerven, oder vielmehr seine Ansichten zu diversen Themen, die er regelmäßig in seiner Radiosendung herausposaunt oder auf einer vielgelesenen Website verbreitet. Dieses Gewäsch hat Seltenheitswert. Der letzte Beitrag handelte davon, dass der Treibhauseffekt erheblich überschätzt werde, der vorletzte von der Wichtigkeit des Privatautos – oder nein, des »Familienautos« – für jedermann, in dem davor ging es um die Abschaffung von »behinderten Parkplätzen«, wie er Parkplätze für Behinderte nannte. »Die meisten, die auf behinderten Parkplätzen parken, können durchaus laufen, und man sollte ihnen keine Steuergelder in den Arsch schieben.« Das schrieb er wortwörtlich. Außerdem erklärte er seinen Lesern, warum es normal sei, dass Frauen niedrigere Gehälter bekommen als Männer, zumindest die Mütter. »Es ist nun mal eine unumstößliche Tatsache, dass Arbeitgeber knapp kalkulieren müssen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Würden Sie lieber einen Mann einstellen, der ARBEITET, oder eine Frau, die ständig mit den Kindern telefoniert und ihren Sohn zum Fußballtraining und ihre Tochter zur Geigenstunde bringt? Bleibt natürlich noch das Problem mit dem Stillen, denn Frauen, die stillen, machen häufig Pausen bei der Arbeit. Der Mann ARBEITET ausschließlich und stillt nicht andauernd.« Ein weiteres wortwörtliches Beispiel von diesem selbsternannten Guru. Alles ganz logisch. Jedenfalls für ihn.
Es handelt sich also um den klassischen isländischen Dummschwätzer, und ich frage mich, was er in diesem Haus zu suchen hat. Allerdings erinnere ich mich dunkel, dass Regina, meine Mitbewohnerin und beste Freundin seit der Grundschule, heute Morgen in mein Zimmer kam und sagte, sie gehe jetzt zur Arbeit, aber da sei ein Mann in ihrem Zimmer, um den ich mich eventuell kümmern müsse. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass dieser Mann, der soeben unser Badezimmer verlässt, Marinó Hermann höchstpersönlich ist.
»Du kannst ja mal versuchen abzuziehen, wenn du von unserem Road Trip zurück bist«, sagt er.
Wenn ich mit ihm chatten würde, hätte er garantiert ein Smiley hinter »Road Trip« gesetzt. In Gedanken schnauze ich ihn an, kann mich aber jetzt konkret zu keiner Reaktion durchringen. Was soll man dazu sagen? Unglaublich, wie die Tatsache, dass er unser Klo verstopft hat, auf einmal zu meinem Problem geworden ist. Mit dem ich mich herumschlagen muss. Was für ein Schwachkopf ist der Typ eigentlich? Warum sage ich nichts? Ich stehe einfach nur steif da.
»Kannst du das nicht machen?«, entgegne ich leise, dabei wäre ich gerne viel resoluter.
»Nee, ich hab schon alles probiert.«
Er wird langsam unverschämt.
»Ist ja nicht mein Problem, dass euer Klo kaputt ist!«
Der Mann ist offensichtlich leicht erregbar, und ich will ihn so schnell wie möglich loswerden.
»Okay«, sage ich knapp, bekomme deshalb aber sofort Gewissensbisse. »Sollen wir dann mal los?« Meine Stimme wird wieder butterweich.
»Ich warte ja nur auf dich«, erwidert er schroff.
Ich wusste, dass es sich lohnen würde, auszugehen, auch wenn ich heute diese Unterlagen fertigstellen muss. Attacke! Und der Fisch ist im Netz! Als hätte ich geahnt, dass er kommen würde. Wobei ich auch lange genug in Clubs rumgehangen und auf ihn gewartet habe. Nächtelang – möglichst unauffällig – suchend über die Tanzfläche geschaut und mir fast einen Halswirbel ausgerenkt habe, wenn ich meinte, ihn zu sehen, immer wieder enttäuscht wegen der vielen Doppelgänger, die der Mann hat. Bis gestern. Ein wohliges Gefühl durchfährt mich, wenn ich daran zurückdenke. Er ist so souverän. Von sich überzeugt. Ein Mann, der weiß, was er will. Es kribbelt in meinem Bauch und ein Stückchen tiefer. Ich kann zufrieden mit mir sein, scheißegal, dass ich heute arbeiten muss. Es ist schon fast peinlich, wie oft ich die Vorgeschichte im Geiste rekapituliere. Irgendwie hat es gefluppt. Ich bestellte gerade zwei Schnäpse, als mir jemand auf die Schulter tippte und fragte, ob ich ihm ein Bier mitbringen könne. Ein großes Carlsberg. Er. Mein Anmachspruch war zwar ziemlich dämlich, aber was spielt das jetzt für eine Rolle? Immerhin hat er bei mir übernachtet.
»Sag bloß, du hast gestern einen draufgemacht?« Der neugierige Tonfall lässt mich aufblicken.
Zum ersten Mal seit Monaten finde ich es nicht nervig, dass diese unausstehliche Kollegin versucht, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Sie ist perfekt und erinnert an die Streberin, die Reese Witherspoon in Election gespielt hat. Stöckelt auf Absätzen herum, die der Durchschnittsgröße eines dreijährigen Kindes entsprechen. Äußerst eloquent und sehr forsch. Die Haare zu einem hohen Pferdeschwanz am Hinterkopf festgetackert, der wie ein Wasserfall hinabfließt. Überall Haarklammern, um alles an seinem Platz zu halten, bis auf den Pferdeschwanz-Wasserfall, der ein bisschen unordentlich hinabwallen darf. Ihre Verpflegung bewahrt sie in Tupperdosen oder Gefrierbeuteln mit Reißverschluss auf. Meistens mit weißen Aufklebern mit Inhaltsbeschreibungen versehen. Ich mache keine Witze. Gerne Öko-Reispampe, vermutlich Gras aus dem eigenen Garten und zerrupfte Wurzeln von irgendwas Lebendigem, über das ich nicht nachdenken möchte. Kurzum die abstoßendste Mischung von Essen, oder besser gesagt Nahrung, die ich je gesehen habe. Sie wärmt das Zeug immer in der Teeküche in der Mikrowelle auf und martert uns mit einem Geruch, der an feuchte Erde in Asien erinnert. Ich war zwar noch nie da, kann mir aber vorstellen, dass es in einer finsteren Gasse auf einem schwülen Straßenmarkt in Bangkok genauso riecht. Ihr Kleidungsstil ist abscheulich, gebügelte Blüschen in XS und darüber potthässliche bunte Westen. Immer Westen. Wer trägt denn heutzutage noch Westen? Grauenhaft. Heute hat sie eine blassrosa Bluse und eine lila Häkelweste an. Wozu gibt es Westen? Ihre schützen jedenfalls nicht vor Wind und Wetter, jedenfalls nicht diese locker gehäkelten. Sie bestellt das Zeug garantiert bei irgendeinem Onlineshop in England, wo bekanntermaßen die schlecht gekleidetsten Menschen der Welt wohnen. Das Allerschlimmste ist jedoch die Victoria's Secret Love Spell-Plörre, mit der sie sich immer einsprüht. Auf der Arbeit. Sie begnügt sich nicht mit ein paar Tröpfchen am Morgen, sondern besprüht sich ständig mit dem Zeug. Das Härteste ist, wenn sie ihre asiatische Feuchterde mampft und sich gleichzeitig einsprüht. Dann streikt meine Nase. Einmal hat sie sogar mich angesprüht. Ganz schön eklig. Wir standen im Aufzug und mussten zu einem Meeting. Plötzlich kriegt sie Panik, wühlt in ihrer Tasche, und ich dachte noch, sie nimmt ein Beruhigungsmittel gegen Klaustrophobie. Aber nein, sie holt ein Plastikfläschchen mit dieser rosafarbenen Plörre heraus. Und sprüht wild drauf los. Ich stehe ahnungslos hinter ihr und kriege das Zeug direkt ins Auge. Ich hätte sie am liebsten umgebracht. Seit diesem Vorfall bemüht sie sich, den Verbrauch einzuschränken, wenn sie mich sieht. Aber ich rieche es. Permanent. Ob sie am Wochenende immer hier ist?
»Sieht man mir das etwa an?«, entgegne ich grinsend.
Ich verstecke mich hinter meinem Sarkasmus und will nicht zu viel durchblicken lassen. Zumindest nicht sofort. Dabei brenne ich darauf, es jemandem zu erzählen. Sie registriert meine stumme Aufforderung und fragt weiter.
»Nein, aber du hast noch die Schminke von gestern drauf«, erklärt sie, als hätte sie eine großartige Entdeckung in Astrophysik gemacht.
Das fällt ihr natürlich auf. Ich schnappe mir mein Handy und versuche, mich in der Rückseite zu spiegeln. Das ist zwar nicht unbedingt eine effektive Methode, um sein Aussehen zu checken, gibt aber immerhin eine Ahnung vom Gesamteindruck. Merkt sie, wie aufgekratzt ich wegen der Geschichte bin? Zugegebenermaßen bin ich überall mit Wimperntusche verschmiert. Aber wen interessiert das? Um solche Kleinigkeiten kann ich mich nun wirklich nicht kümmern.
»Und?«
Eine unbezähmbare Neugier brodelt in der Frage, die aus ihrem Mund durch den Raum schießt. Jetzt ist der richtige Moment, um die kleine, perfekte Reese Witherspoon ein bisschen leiden zu lassen. Ich fixiere sie eindringlich, hebe teilnahmslos die Augenbrauen und tue so, als wollte ich mich abwenden und weiterarbeiten. Ich spüre, wie sie zusammensackt. Mann, ist die neugierig!
»Sieht man mir das auch an?«, sage ich mit Betonung an der richtigen Stelle. Wir lachen beide über das Offensichtliche: Ich bin mit einem Typen nach Hause gegangen.
»Kenne ich ihn?«
Blitzschnell schwingt sie sich auf meinen Schreibtisch und kommt mir unangenehm nah. Die locker gehäkelte Weste ist nur zehn Zentimeter von mir entfernt, und ich kann einen hauchdünnen roten Glitzerfaden darin erkennen. Das ist das hässlichste Kleidungsstück, das ich je gesehen habe.
»Na ja, weiß nicht so genau«, antworte ich beiläufig.
»Ist er Banker?«
Anscheinend hat sie eine sorgfältig vorbereitete Frageliste in ihre Hirnrinde einprogrammiert. Ich wette darauf, dass unsere Reese gut in Actionary ist. Vor allem aber gut organisiert. Eine gut organisierte Raterin.
»Ja, aber nicht bei uns.«
Ich behalte erst mal für mich, dass er eine ziemlich bekannte Radiosendung moderiert und regelmäßig Beiträge im Internet schreibt.
»Oh, là, là!«
Ihre Zunge rotiert in ihrem Mund, und man kann ihr ansehen, dass dieses Fragespiel sie geradezu erregt. »Was ist denn eigentlich passiert?« Ihre Augen sind weit aufgerissen, und sie wartet auf eine Antwort, die ich hinauszögere. »Komm, erzähl schon!« Ich höre einen Hauch von Verzweiflung in ihrer Stimme, und gebe schließlich klein bei.
»Ich war gestern in der Stadt und stehe so an der Bar. Da kommt er und bittet mich, ihm ein Bier mitzubringen. Und ich teste eine altbewährte Masche und sage zu ihm: ›Wow, du bist echt ein heißer Typ.‹ Und er hat bei mir übernachtet.«
Ich mache ein Siegeszeichen, flüstere »Treffer!« und kriege einen Lachanfall. Unsere Reese stimmt nicht mit ein.
»Machst du Witze? Funktioniert das etwa?« Sie strahlt Verachtung aus. So schnell kann sich die Stimmung ändern.
»Was?«, blaffe ich zurück.
»Dieser Anmachspruch. Der ist total lächerlich.«
»Na ja, ist doch egal, immerhin ist er bei mir zu Hause gelandet.«
Ich gehe sofort in Verteidigungsposition und spreche mindestens doppelt so schnell wie vorher. Sie ist bestimmt der Typ, der erst mit einem Mann ausgeht, wenn sie fünf Jahre lang am 14. Februar, oder wann auch immer dieser dämliche Liebesfeiertag ist, eine Valentinskarte von ihm bekommen hat.
»Meine Güte!«, sagt sie und schnappt nach Luft.
»Ich verstehe nicht, warum dieser Anmachspruch schlechter sein soll als irgendein anderer«, behaupte ich im Brustton der Überzeugung.
»Es geht nicht um schlechter«, beeilt sie sich zu sagen. Sie wechselt die Tonlage und wird eindringlich. »Aber ich persönlich würde einem Mann, der so was zu mir sagt, eine runterhauen.«
»Wäre es dir lieber, wenn er das Schildchen an deinem Pulloverkragen rauszieht und sagt: ›Wusste ich doch! Made in Heaven‹?«
Jetzt ist es endlich so weit, dass Reese losprustet. Ich betrachte sie, wie sie mit übergeschlagenen Beinen auf meinem Schreibtisch sitzt, in ihrer locker gehäkelten Weste mit dem Glitzerfaden, und sich vor Lachen krümmt. Es ist Sonntag, und sie ist total aufgebrezelt. Warum macht sie das nur? Dabei ist sie gar nicht so unattraktiv. Sie streicht sich über die Augen und tupft die Tränen ab. Ganz vorsichtig, um das perfekte Augen-Make-up nicht zu ruinieren. Ich beschließe, der Anmach-Diskussion den letzten Schliff zu geben. »Oder der Typ, der auf eine riesengroße Mädchenrunde zugeht und fragt: ›Seid ihr etwa alleine hier, Mädels?‹« Sie kichert schon los, bevor ich den Satz beendet habe. Wirklich leicht, Leute wie sie zum Lachen zu bringen.
»Habe ich jetzt überall Wimperntusche?«, fragt sie schließlich japsend.
»Nein.«
Wie immer funktioniert es hervorragend, durch das Deklamieren von blöden Anmachsprüchen das Thema zu wechseln.
»Und was hast du heute Morgen mit ihm gemacht?«
Sie ist schon ganz rot im Gesicht, und ihre Nerven sind bis zum Zerreißen gespannt. Es ist doch nicht normal, wie sie auf die Sache anspringt. Mir schießt durch den Kopf, dass ich gar nicht weiß, ob sie jemals etwas mit einem Mann hatte. Sie wohnt alleine. Ohne Katze, müsste aber eigentlich eine haben.
»Aber das kannst du doch nicht von allen ausländischen Mitbürgern behaupten!«
Ich vermeide es, den Mann auf dem Beifahrersitz anzuschauen. Meine Hände umkrallen das Lenkrad. Marinó Hermann schafft es erstaunlich schnell, mich auf die Palme zu bringen. In meinem Kopf dreht sich alles. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, schon mal mit so einem Schwachkopf geredet zu haben.
»Doch«, sagt er herablassend, und ich sehe seinen Gesichtsausdruck vor mir, obwohl ich den Blick nicht von der Straße abwende. Ich atme tief ein und versuche, mich zu entspannen. Bis zehn zu zählen. Was mir schwerfällt.
»Selbst wenn irgendein Pole in Island so was macht, kannst du das nicht verallgemeinern.« Er lässt mich nicht ausreden.
»Warum nicht? Wie soll ich mir denn sonst ein Urteil bilden?« Seine Stimme ist etwas lauter geworden.
»Musst du unbedingt eine ganze Gruppe von Menschen verurteilen, weil du über einen von ihnen irgendwelche Geschichten gehört hast?«
Warum ist das isländische Herbstwetter eigentlich so schrecklich? Alles grau und nass. Er lacht höhnisch, und ich mache weiter.
»Du willst ja wohl auch nicht mit den isländischen Wirtschaftswikingern in England in einen Topf geschmissen werden, oder?« Ich rede viel zu laut. Bin viel zu aufgebracht. Die Sache überfordert mich.
»Das ist etwas anderes.« Er redet mit mir, als hielte er mich für blöde, und macht eine kurze Pause, bevor er weiterspricht. »Ein Kollege von mir hat bei diesen Leuten eingekauft.«
Obwohl ich immer noch nicht nach rechts schaue, sehe ich aus dem Augenwinkel, dass er eine andere Position einnimmt. Er verschränkt die Arme vor dem Brustkorb, lehnt sich zurück und stellt die Rückenlehne noch weiter nach hinten.
»Sorry, aber das erscheint mir wirklich sehr unwahrscheinlich. Du behauptest, ich könnte einfach ein paar exklusive Luxusartikel auf eine Einkaufsliste schreiben und sie einem Typen geben, der die Sachen dann klaut und mir für die Hälfte dessen, was sie im Laden kosten, verkauft?«
»Das ist kein Service für jedermann.«
Er redet mit mir wie mit einem kleinen Kind, das dumme Fragen stellt. Der Mann ist unerträglich. Ich verstehe immer noch nicht, wie er in meinem Wagen landen konnte.
»Und was hat dieser angebliche Kollege gekauft?«
»Na, Kaviar zum Beispiel. Luxusartikel eben.«
»Und wo wurde der geklaut?«
»Im Hagkaup-Supermarkt in Garðabær.«
»Aha«, sage ich, als würde es mich nicht interessieren. Er redet weiter, und seine Stimme wird dabei immer lauter und aufgebrachter.
»Diese Leute kommen mit der vielen Freiheit hier in Island nicht klar. Sie flippen aus, klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, und missbrauchen unser Sozialsystem.«
»Könntest du bitte aufhören, über ›diese Leute‹ zu reden. Das ist total abwertend. Du beschreibst das kriminelle Verhalten einzelner, nicht ganzer Gesellschaftsgruppen.«
Er hält den Mund. Stille. Ich werde nichts mehr sagen. Ich halte das aus. Gleichgewicht des Schreckens. Jetzt kommt es darauf an, was er als Nächstes sagt. Wenn er weiterlabert, gehe ich ihm womöglich an die Gurgel. Aber er schaltet einen Gang zurück.
»Und? Wohnt ihr beiden Prinzessinnen schon lange zusammen?«
Seine Stimme ist weich geworden und trieft vor Selbstvertrauen. Ich höre zum ersten Mal einen Ton heraus, bei dem ich mir vorstellen kann, dass er auf Frauen anziehend wirkt. Aber ich kann es nicht fassen, dass er Regina und mich Prinzessinnen genannt hat. Das ist einfach too much. Ich lasse ein paar Sekunden verstreichen und schaue weiter starr auf die Straße. Lockere meinen Griff ums Lenkrad ein wenig.
»Ungefähr ein halbes Jahr.«
Ich bringe es nicht fertig, ihm die Gegenfrage nach seinen häuslichen Verhältnissen zu stellen, weil ich keine Lust habe, in ein Fettnäpfchen zu treten. Es ist nämlich ziemlich wahrscheinlich, dass er bei seinen Eltern wohnt. Wer würde denn freiwillig eine Wohnung in Selfoss mieten?
»Sollen wir kurz anhalten und was essen? Ich lade dich ein«, schlägt er großspurig vor.
Ich kann den Typen nicht ausstehen. Ein rassistischer Sprücheklopfer, der mit seinen hirnrissigen Ansichten viel zu viel Einfluss hat. Na ja, Einfluss? Doch, mit dieser Radiosendung und diesen dämlichen Internetbeiträgen. Und jetzt hat Marinó Hermann auch noch Hunger. Nach den nächtlichen Leibesübungen. Bin ich froh, dass ich davon nicht aufgewacht bin.
»Tja, gute Frage.«
Hoffentlich merkt er, dass ich nicht mehr Zeit als unbedingt nötig mit ihm verbringen will. Meine zögerliche Reaktion soll ihm signalisieren, dass ich keineswegs darauf erpicht bin, anzuhalten. Er merkt es nicht.
»Ich hab Bock auf was richtig Fettiges. Wie immer nach solchen Nächten.«
Über welche Nächte spricht der Mann? Ich will mir die Antwort lieber nicht ausmalen, zumal meine Schulfreundin wohl eine ziemlich wichtige Rolle darin gespielt hat.
»Warst du schon mal in dem neuen Hamburger-Laden da hinten … wie heißt die Straße noch mal? Direkt beim Einkaufszentrum Glæsibær.«
»Grensásvegur?«, entgegne ich automatisch. Immer, wenn die Leute versuchen, sich an den Straßennamen zu erinnern, erwähnen sie das Einkaufszentrum.
»Ja!«
»Nee, welchen Laden meinst du?«
»Ich glaube, er heißt Burger – mit Stil.«
Ich lache, ohne es zu wollen. Wer gibt einem isländischen Hamburger-Laden denn bitte einen solchen Namen?
»Falls es den Laden wirklich gibt, wird da garantiert Geldwäsche betrieben«, rutscht es mir heraus. Keine Reaktion vom Beifahrersitz. Ob er einen Kater hat?
»Eigentlich hab ich keinen großen Hunger, kannst du dir nicht an der Tankstelle was zum Mitnehmen holen?«
»Sag mal, bist du immer so unfreundlich?«
Seine Schleimerei schlägt abrupt in Empörung um. Damit habe ich nicht gerechnet.
»Äh, nein … nein, ich wollte nicht …«
Marinó Hermann ist sichtlich genervt und läuft zu Hochtouren auf.
»Ich hab dich nur gefragt, ob du was essen willst, und dich nicht in ein Fünfsterne-Restaurant eingeladen«, motzt er. »Ich habe nicht vor, dich anzubaggern, falls du das denkst. Wo ich doch gerade erst mit deiner Freundin geschlafen habe! Zweimal!«
»Und die findest du bequem?«
Regina befummelt meine neuen Schuhe. Sie hält den Pfennigabsatz, der ungefähr sechs Zentimeter hoch ist, zwischen den Fingerspitzen.
»Ja«, lüge ich.
»Inga! Echt jetzt?«
»Ja, für solche Schuhe sind sie sehr bequem.«
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