Genisa - Ed Sheker - E-Book

Genisa E-Book

Ed Sheker

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Beschreibung

Wieder einmal steht der Kriminalinspektor Jürgen Parnas vor deinen Mordfall. Das Mordopfer wird in der Genisa einer jüdischen Gemeinde Gefunden, dem Aufbewahrungsort für unbrauchbar gewordene religiöse Bücher. Die Aufklärung dieses Mordfalls wird auch dieses mal wieder erzählt von einem alten bekannten des Inspektors, dem Buchhändler Nathan Korn

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Genisa

Hansjürgen Parnas vierter Fall

Ein Kriminalfall

Von Ed Sheker

Berachot

So, wie er sich seit einiger Zeit zur Gewohnheit gemacht hatte, traf Hansjürgen Parnas schon eine reichliche Viertelstunde vor Beginn des Gottesdienstes in der Synagoge ein. Die Sicherheitsleute an der Eingangstür kannten ihn inzwischen und behelligten ihn schon seit Längerem nicht mehr mit Frage, wer er sei, was er wolle, ob er einen Ausweis habe und so weiter, wie es in den meisten Synagogen in Deutschland, zumal in den größeren, üblich geworden war. Nach dem Anschlag von 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und seit dem letzten GazaKrieg, waren diese Kontrollen noch einmal deutlich verschärft worden.

Parnas legte seinen Mantel an der Garderobe ab und begab sich in den Synagogenraum, wo schon sechs oder acht Männer verstreut saßen und in ihren Siddurim lasen.Wie üblich begrüßte er alle Anwesenden persönlich mit Handschlag. Bei allen murmelte er ein freundliches Schabbat Schalom, bei einem jungen Mann, der ein glühender Anhänger der Mei'rBewegung war, ersetzte er den Gruß durch ein ebenso freundliches Gut Schabbes. Wie an jedem Schabbat wurde er von einem älteren Perser mit einem herzlichen Schabbat Schalom Kommissar begrüßt, und so mit den guten Wünschen aller Anwesenden gerüstet nahm er seinen Platz in der vorletzten Reihe der rechten Männerabteilung der Synagoge ein. Nach einigen Hin und Her und der Auflage, den doppelten Preis zu zahlen, der für Gemeindemitglieder galt, konnte er Rabbiner und Gemeindeverwaltung sogar dazu überreden, ihm diesen festen Platz mit Namensschild zuzubilligen. Das kleine Messingschild war auf der Klappe montiert, die zugleich als Ablage für die benötigten Bücher sowie als Deckel für das darunter liegende Fach diente. In diesem bewahrten die meisten Beter ihre Gebetbücher auf, die Männer auch ihren Tallit, Süßigkeiten, Taschentücher und dergleichen mehr. In dem Fach von Parnas fehlte der Tallit natürlich, weil er kein Jude war..

Der Schammes der Synagoge, Benjamin Korn, war noch damit beschäftigt, die Siddurim im Bücherregal zu ordnen. Er hatte es aufgegeben, die Beter dahin gehend zu erziehen, dass sie ihre Siddurim oder die anderen fallweise benötigten Gebetbücher wieder dorthin zurück stellten, wo sie diese entnommen hatten. Auch die ausgeliehenen Tallisim mussten immer ordentlich zusammen gelegt werden. Korn blickte kurz zu Parnas hin und nickte kurz, aber nicht unfreundlich zu ihm hin. Die meisten Beter wussten natürlich von seiner kriminellen Vergangenheit und es gab viel Diskussion und Gerede, als sich der Gemeindevorstand auf Drängen des Rabbiners entschloss, diesen reuigen Sündern mit Aufgaben zu betrauen, die so viel Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit verlangten. Die Gemeinde wurde aber nicht enttäuscht und manche Beter sagten sogar, einen so guten und pflichtbewussten Schammes habe man noch nie gehabt. Bisher wurde dieses Amt immer ehrenamtlich und umschichtig von verschiedenen Herren ausgefüllt und das allein war schon eine Garantie dafür, dass die meisten Dinge nicht funktionierten.

Nachdem Parnas eine Weile gesessen und sich gesammelt hatte trafen nach und nach weitere Beter ein, mit Ihnen der Rabbiner, der Vorbeter, aber auch regelmäßige Besucher der Synagoge und Gäste. Mit einigem Geräusch nahm schließlich eine Schulklasse samt Lehrer fast ein Dutzend Plätze in der Männerabteilung in Anspruch und etwas weniger Mädchen in der Frauenabteilung. Es war wohl eine neunte Klasse die im Schulfach Ethik etwas über die Religionen erfahren sollten. Morgen wären sie wahrscheinlich in der evangelischen Kirchen und am kommenden Freitag in der Moschee gegenüber dem Hauptbahnhof. Solche Besuche kamen häufiger vor.

Bald kam auch einer der Nachbarn von Parnas und setzte sich auf dem Platz neben ihm. Es war ein schon ziemlich betagter Pole, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebte und angeblich früher mehrere Haushaltswarengeschäfte besessen haben sollte, diese aber noch rechtzeitig abgestoßen hatte, bevor der stationäre Einzelhandel dem Großmarkt und dem Internethandel weichen musste. Nun lebte er von seinem auskömmlichen Vermögen in einer eigenen Wohnung und wurde von einer Rumänin betreut, die seinen Haushalt sowie andere, mehr persönliche Verrichtungen erledigte. Diese kam als Touristin nach Deutschland und musste das Land hin und wieder verlassen, um nach Mann und Kind in Rumänien zu sehen. Für diese Zeit sorgte sie selbst für Ersatz aus ihrer zahlreichen Familie und so war allen Beteiligten bestens gedient.

Gut Schabbes Herr Parnas. Wie geht es Euch.

Gut Schabbes Herr Davidovitsch, baruch haschem

Baruch haschen, jom jom, Herr Parnas. So lange man noch kann laufen und denken, muss man sein zufrieden. Ich hoffe nur dass mir nicht eines Tages so geht wie meinen Freund Jitzchak Rosenberg. Aber den haben Sie wohl nicht mehr gekannt?

 Nein, leider nicht, Herr Davidovitsch. Was plagt denn Ihren alten Bekannten?

 Oj, groisses Unheil. Hat gehabt einen Schlaganfall zwei Jahre zurick und liegt nun im Spital. Kann nicht reden, und denken wohl auch nicht. Hab ihn besucht einmal im Spital. Bricht einem das Herz. Das Mensch ist nicht mehr als ein Stück Fleisch mit Oigen.

 Ja Herr Davidovitsch, man muss dankbar sein.

 Sagen Sie, Herr Parnas, wer ist diese Mensch links in der zweiten Reihe? Hab ihn gesehen noch nie.

 Weiß ich nicht, ein Gast vielleicht?

 Sehen Sie doch nur, die Zizes kommen unter seiner Jacke vor, und der  schwarze Borsalino, ist gewiss einer von diesen Me'irLeuten. Werden auch immer mehr.

 Aber der Rabbiner ist doch auch von Me'ir.

 Ja, ja ist guter Mann. Aber einer ist genug. Müssen nicht noch mehr werden und unseren Minhag ruinieren. Sagt auch Dr. Orenstein.

 Dr. Orenstein, der Anwalt?

 Ja der. Ist ja auch etwas meschigge, aber da hat er recht.

Nun begann Nachum Blaustein mit den Berachot vor dem Morgengebet. Der Vorbeter hatte es mit der Stimme und um Entlastung gebeten. Deswegen hatte der Synagogenvorstand beschlossen, der Vorbeter solle nur Mussaf beten und für die anderen Aufgaben würde man schon Ersatz finden. Nachum  Blaustein fing also an, und das dieser Teil des Gebetes auch nicht mit besonderen Melodien geschmückt war, konnte eigentlich auch ein wenig geübter Beter hier einspringen. Nachum war mit seinen Eltern aus Odessa nach Deutschland gekommen und hatte hier beschlossen, ein religiös geprägtes Leben zu führen, was bei seinen Eltern auf Anerkennung aber auch auf Kritik stieß. Inzwischen war Nachum mit einer sehr frommen Frau verheiratet, die ebenfalls russische Wurzeln hatte und bei Ihren Eltern mit ähnlichen Vorbehalten zu kämpfen hatte wie ihr Ehemann.

Langsam trafen mehr und mehr Menschen zum Gebet ein und Parnas musste daran zurück denken, wie sehr es ihn befremdet hatte, dass bei Beginn des Gottesdienstes die Betern nicht wenigstens halbwegs vollzählig zur Stelle waren, sondern ganz gemächlich und ohne Hast nacheinander eintrafen. Als gebürtigem Deutschen und darüber hinaus als Beamten fiel es ihm schwer, diese Einstellung zu verstehen und zu akzeptieren, aber im Laufe der Zeit hatte er sich daran gewöhnt. Ihm selbst wäre es nie in den Sinn gekommen, irgendwann verspätet zum Gottesdienst zu erscheinen und er hatte es sich zur Regel gemacht, immer schon rechtzeitig in der Synagoge zu erscheinen.

Jetzt tauchte der dicke Aron Levy auf, der ehemalige Gemeidevorsitzende. Das war ungewöhnlich, denn entweder kam Levy gar nicht zum Gottesdienst oder erst kurz vor dessen Ende.

 Herr Parnas, was macht den der Levy so früh hier. Hat seine Frau ihn aus dem Bett geworfen?

 Keine Ahnung Herr Davidovitsch. Vielleicht will er Kaddisch sagen?

 Kaddisch? Für wen denn? Hat gesagt doch noch nie die letzten Jahre. Ich glaube kann auch gar nicht.

Levy zwängte seinen voluminösen Körper in die Bankreihe, in der er seinen Platz hatte und der jetzt von einem arglosen Fremden belegt war.

Levy blieb eine Weile vor dem Fremden stehen, fixierte diesen mit unbarmherzigen Blick, bis dieser sich seiner Missetat bewusst wurde und eine Plätze weiter nach links rückte. Das nützte ihm leider auch nicht viel, weil bald darauf Jona Nissim kam, der diesen Platz gekauft hatte und sich nicht auf das Fixieren mit Blicken verließ, sondern dem Fremdling durch einige freundliche aber unmissverständliche Worte klar machte, dass er, Nissim diesen Platz zu beanspruchen haben. Nissim warf Levy einen kurzen Blick zu, grüßte kaum merklich mit Kopfnicken, warf sich seinen Tallit über und vertiefte sich alsbald in das heilige Schrifttum. Konkret war das Die Börsenwoche, die er kurz zuvor am Kiosk gekauft hatte, Schabbat hin, Schabbat her. Dann legte er die Bibel des Kapitalismus kurz zur Seite, griff sich in die Innentasche seines Anzuges und stellte sein Mobiltelefon stumm. Nie hätte er sich der Peinlichkeit ausgesetzt, mit läutendem Telefon die missbilligenden Blicke der anderen Beter auf sich zu ziehen. Man weiß schließlich, was sich gehört. Mittlerweile hatte sich die Synagoge ein wenig gefüllt, so dass man am Ende der Berachot einen Minjan zusammen hatte. Von nicht allen Anwesenden wusste man sicher, dass sie auch tatsächlich halachisch jüdischen waren. Wenn aber die erforderliche Zahl von zehn verlässlich jüdischen Männern erreicht war, rief der Schammes kurz in die Beterschaft jesh minjan und nun wussten alle, das genügend Männer für ein ordnungsgemäßes Gemeinschaftsgebet anwesend waren

Die Berachot gingen zu Ende und zwei Beter sagten das Kaddischgebet. Levy gehörte nicht dazu.

Pesuke de Simra

Der junge Mann, der bisher vorgebetet hatte verließ seinen Platz und ein anderer Herr nahm diesen ein. Es war Zachari Kahane, der seine Wurzeln in fernen Irak hatte und schon seit vielen Jahren in Deutschland lebte. Er gehörte zu den nahöstlichen Gewürzhändlern, die es in Deutschland mit geschicktem Handel und Wandel zu allerlei Wohlstand gebracht hatten und den sefardischen Teil der Beterschaft ausmachten. Kahane war freundlich im Umgang mit jedermann und wegen seines verbindlichen Wesens eigentlich mit niemandem verfeindet. Zugleich war er zurückhaltend und hatte Freunde nur bei den Gemeindemitgliedern, die aus einem ähnlichen aramäischirakischpersischen Milieu kamen. Kahane verfügte über eine angenehme Stimme, die mit den Jahren seines Lebens allerdings etwas gelitten hatte. Seine Frau kam selten in die Synagoge, zwei Söhne lebten inzwischen in New York. Bis zum AschrejGebet hatte sich die Zahl der Gottesdienstbesucher inzwischen deutlich erhöht und nun belebte sich langsam auch die Empore, auf der bislang außer den Schülerinnen nur drei Damen Platz genommen hatte, nämlich eine sehr orthodoxe Dame, die man nie mit irgend jemandem hatte sprechen sehen, ferne eine junge Konvertitin die sich in jeder Hinsicht um ein Verhalten bemühte, das nicht den geringsten Anlass zu Beanstandungen führte sowie eine Frau mittleren Alters, die sich seit drei Jahren auf eine Konversion vorbereitete, jedoch keine Aussicht hatte, diese jemals zu vollziehen, da sie mit einem nichtjüdischen Mann verheiratet war. Dieser hatte mit den Ambitionen seiner Frau reinweg gar nichts im Sinn und weigerte sich beharrlich, die Eskapaden seiner Frau zu unterstützen. Jetzt tauchte auch  Dr. Orenstein in Begleitung seines Schwiegersohns auf, der für zwei Wochen mit seiner Frau und vier Kindern Quartier bei seinen Schwiegereltern bezogen hatte. Beide nahmen in der ersten Reihe auf der linken Seite Platz. In der ersten saßen immer die Gemeindevorstände und höheren Amtsträger dem Gemeinde, weswegen diese Reihe häufig leer blieb. Der Besuch von Tochter und Schwiegersohn  bedeutete einerseits Freude im Hause Orenstein, andererseits war dieser Besuch natürlich auch mit Prüfungen verbunden. Die resultierten daraus, das Dr. Orensteins Schwiegersohn, ein gewisser Daniel, geborener Petersen, ganz besonders fromm daher kam. Petersen hatte, das war unschwer zu erraten, einen nichtjüdischen Vater, aber eine jüdische Mutter. Nach der Geburt von Daniel einigten sich die Eheleute Petersen auf den Biblischen Namen Daniel für ihren Sohn, ein Name, der sowohl zu einem jüdischen wie zu einem christlichen Hintergrund passte. Noch während seiner Schulzeit in Köln emanzipierte sich Daniel von seinem Vater und suchte Anschluss in der Jugendgruppe der Kölner Gemeinde. Was anfangs wie ein Protest gegenüber dem leicht autoritären Vater wirkte, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu Daniels unumstößlicher Gewissheit, nur im religiösen Judentum seine Bestimmung zu finden. Während des Studiums lernte er die älteste der Orensteinschen Töchter kennen und die beiden jungen Leute beschlossen, einen traditionellen jüdischen Haushalt zu gründen. Dies bedeutete große Freunde um Hause Orenstein und großen Schmerz im Hause Petersen, aber letztere mussten sich am Ende damit abfinden, dass ihr Sohn nicht mehr von Ihrem Tisch essen und keinesfalls mehr mit ihnen Weihnachten feiern würde. Besonders schmerzte es sie, dass der Sohn nach vollzogener Hochzeit den von ihm als problematisch empfundenen Namen Petersen ablegte und als gemeinsamen Ehenamen den Namen Orenstein an nahm. Das klang ohne Frage viel jüdischer und enthob den jungen Mann der Notwendigkeit,  allen möglichen Leuten zu erklären, er sein kein Konvertit, sondern ein gebürtiger Jude.

Aber auch für die Eheleuten Orenstein ergaben sich aus der Heirat mancherlei Misshelligheiten, weil die jungen Leute bezüglich der  religiösen Gebote einen viel strengeren Standard anlegten, als es im Hause der Schwiegereltern üblich war. Dieses war zwar koscher geführt, aber doch bitte nicht SO koscher. Man könne ja schließlich auch alles übertreiben. Die jungen Orensteins bestanden jedoch unmissverständlich beim Fleisch auf einer bestimmten Schechitah und bei Milch, Quark, Schokolade und Gebäck hartnäckig auf Chalav Israel. Während Dr. Orenstein, obwohl im Synagogenvorstand, nur unregelmäßig in die Synagoge kam, war sein Erscheinen während des Aufenthaltes seiner Tochter nebst Schwiegersohn und Enkeln mandatorisch und so waren die alten Orensteins am Ende des Besuches doch irgendwie froh, wenn Gäste wieder abfuhren. Diese wohnten übrigens inzwischen nicht mehr Köln, sondern waren nach Antwerpen gezogen, wo sie nach eigenem Bekunden bedeutend mehr Jüdischkeit zu erwarten hatten, als irgendwo  in Deutschland. In Antwerpen schloss sich Daniel einer Gruppe von Litwischen Juden an, was sie im überwiegend chassidische geprägten Antwerpen ein wenig zu Außenseitern machte,

Während Dr. Orenstein noch damit beschäftigt war, seinen Tallit umzulegen, seinen Siddur aufzuschlagen, seine wenigen Nachbarn zu grüßen, mit denen er noch auf Grußfuß stand, hatte sich sein Schwiegersohn bereits tief ins Gebet versenkt und schien keine Einflüsse von außen mehr wahrzunehmen. Dies war schon an seinem heftigen Schokeln und an seinem über die Stirn gezogenen Tallit unschwer zu erkennen.

In der Reihe hinter Dr. Orenstein hatte der alte alte Kaleb Ismael Platz genommen, der Dr. Orenstein in herzlicher Abneigung verbunden war. Die beiden hatten sich früher einmal ihrer gegenseitigen Wertschätzung versichert, sich sogar das Du angeboten hatte, dann aber Dr. Orenstein wegen irgend eines nichtiges Streits vor aller Ohren verkündet, Herr Ismael sei eine zwielichtige Gestalt und er, Orenstein, müsse seine Freundschaft zu jenem gründlich überprüfen. Das ließ Ismael natürlich nicht auf sich sitzen und erzählte jedem der es hören oder nicht hören wollte, Dr. Orenstein sei komplett meschugge und er wolle mit diesem nie wieder zu tun haben. Seine Abneigung gegen jenen ging sogar so weit, dass er dessen Hilfe barsch zurück wies, als er nach langem Fasten am Jom Kippur einen Schwächeanfall erlitt und sich nur mit Mühe an der Lehne seines Sitzes festhalten konnte.

Neben Ismael saß Professor Weinstein, ein ehemaliger Apotheker und Hochschullehrer, der in der Gemeinde großes Ansehen besaß, sich aber von jedem Gemeindeamt konsequent fern hielt, was seiner Beliebtheit nur förderlich war. Diese Beliebtheit hätte fraglos einen Rückgang um die Hälfte erfahren, hätte er sich in die Niederungen der Gemeindepolitik begeben. In Ihrer Abneigung gegen Dr. Orenstein waren sie sich jedoch einig und der mehr als zweieinhalbstündige Gottesdienst am Schabbat bot genügend Gelegenheit sich vieldeutige Blicke zu zuwerfen, wenn Orenstein liturgisch tätig wurde, sei es beim Lesen der Haftarah oder beim Aushebender Torahrollen. Bei solchen Anlässen, wenn Dr. Orenstein außer Hörweite war, äußerten sie wohl auch bissige Kommentare oder ironische Bemerkungen über den Rechtsanwalt mit seinen schlecht sitzenden Anzügen. Die Anwesenheit des Schwiegersohns ließ derartige Bemerkungen unangebracht erscheinen und so unterblieben diese natürlich.

Der Vortrag der Pesuke de Simra durch Zachari Kahane war melodisch und angenehm. Die schöne Stimme des ehrenamtlich tätigen Vorbeters verrieten Kenntnis der Liturgie und und musikalische Feingefühl. Auch wenn manche Details vielen Betern ungewohnt oder fremd erschienen, konnte sich doch keiner der Inbrunst der Gebete entziehen.

Schacharit

Nachdem Kahane geendigt hatte stand nachfolgend schon der nächste ErsatzChasan bereit, das Gebet fortzusetzen. Dieses war niemand sonst, als Dr. Orenstein, der zielstrebig zum Vorbeterpult schritt. Kaum hatte er mit seinem Teil des Gebets, dem Schochen ad begonnen, als sich, wie auf ein Kommando, fünf oder sechs Herren von ihren Plätzen erhoben und dem Ausgang zustrebten. Dabei ließen sie es auch pejorativen Bemerkungen nicht fehlen, die halblaut von ihnen ausgestoßen wurden. Dergleichen könne und wolle man sich nicht antun, wer sagt dem Heini endlich, dass er den Minjan nicht mit seinem Gequäke quälen soll?, das ist je schlimmer als eine Katze, dem man auf den Schwanz tritt, das waren die Kommentare, die wiederum bei anderen Anwesenden auf Kritik stießen, die sich in Bemerkungen wie eine Schande, wie man diesen Mann behandelt, man muss anerkennen, dass er sein Bestes versucht, er hilft der Gemeinde schon seit vielen Jahren äußersten. Welche der beiden Parteien nun auch die Oberhand behielt, Dr. Orenstein ließ sich durch die Kritik, die ihm unmöglich verborgen bleiben konnte, nicht im geringsten irritieren und setzte sein wenig melodiöses Gebet fort. Seine Unterstützer ergaben sich unterdessen voller Hingebung dem Davenen und die anderen versammelten sich im Foyer, um über die Fraktionen zu diskutieren, die sich mutmaßlich bei der nächsten Gemeindewahl bilden würden, oder Spekulationen darüber anzustellen, ob der Gemeindevorsitzende tatsächlich komplett ehrenamtlich arbeite. Letzteres könne man sich kaum vorstellen, irgendwie würde der seinen Reibach schon machen.

Unterdessen füllte sich die Synagoge mehr und mehr. Die Frauen verschwanden überwiegend alle auf der Empore. Die Männer gingen meistens in den Synagogenraum, wo sie nun nicht zielstrebig auf den von ihnen beanspruchten Platz zusteuerten sondern erst einmal ihre Runde zu Freunden und Bekannten drehten. Hier ein Schabbat Schalom, hier ein ma nischma, dort ein endlich wieder Schabbes oder ach herrje, der Orenstein betet schon wieder vor. Einige Herren gingen aber gar nicht in den Synagogenraum sondern schlossen sich gleich der Gruppe der Partisanen an, die den Raum verlassen hatten, als Dr. Orenstein mit dem Gebet anfing. Nun wurden bald andere Themen erörtert ob man z.B. gehört habe, Schmulinski, der mit seiner Familie in die USA ausgewandert sei, wäre dort bitter enttäuscht worden und sei jetzt praktisch bankrott, dass Herschel Rubin mit einer unheilbaren Krankheit geschlagen sei und auf den Tod warte, was sofort zu Mutmaßungen darüber führte, ob er wohl die Gemeinde, den KKL oder die Me'irBewegung mit seinem Erbe bedenken werden, weil es doch keine Verwandten gebe. Dem wurde nun von zwei Teilnehmern der Runde vehement widersprochen. Es gebe zwei Neffen, von denen einer in Israel der andere in Brasilien lebe, die würden sicher erben. Das allerdings wurde von einem anderen Herrn, der in diesen Dingen wohl spezielle Kenntnisse besaß, sofort in Frage gestellt, insofern diese Neffen nur solche entferntesten Grades seien, das hätte ihm der alte Rubin selbst einmal gesagt und außerdem hätten Neffen gar keinen Anspruch auf das Erbe. Anspruch nicht, aber vererben kann er es denen doch, sagte ein anderer. Meine Herren, das ist ganz unjüdisch wir sollten lieber ein KrankenMischeberach sagen lassen und für seine Gesundung beten.

Schließlich sagte Ernesto Mannheim, ein Enkel des seinerzeit berühmten Tenors an der Mailänder Scala, er glaube die fangen jetzt gleich mit den Torahlesung an. Dann hätten sie den Orenstein ja auch hinter sich. So begab sich dann die ganze Truppe in den Synagogenraum, wo Dr. Orenstein gerade mit den Gebeten zum Ausheben der Torah begonnen hatte und sich außer ihm selbst der Rabbiner und die Gabbajim auf dem Duchan eingefunden hatten. Irgend einer aus dieser Gruppe nuschelte noch, na denn Rest werden wir wohl noch überstehen, da wurde der Torahschrein geöffnet, eine Torahrolle herausgenommen und, begleitet vom Gesang der Beter, in einer Prozession durch die Synagoge und zur Bimah getragen. Dort wurde sie schon vom Baal Kore erwartet, der die Rolle im Empfang nahm und auf das Pult legte. Orenstein begab sich nunmehr zurück zu seinen Platz, wo er von seinem Schwiegersohn bereits erwartet wurde. Auf dem Wege dorthin wurde er von einigen Betern gegrüßt, mit denen er auch einen schlaffen Händedruck austauschte. Er nahm alsdann Platz und rührte sich, erkennbar erschöpft, bis zum Ende des Gottesdienstes nicht mehr von der Stelle.

Als Baal Kore fungierte heute Chajim Ephraim, einem frommen Menschen, der sich durch seine stille und zurückhaltende Art nur Freunde gemacht hatte und dessen Kompetenz und Präzision bei Vorlesen des heiligen Textes allgemein hoch angesehen war. Verheiratet war er mit einer schüchternen Frau, die auf den Namen Chava hörte in der Synagoge höchsten einmal zu den Hohen Feiertagen auftauchte. Die wenigen Damen, die ihre Bekanntschaft gemacht hatten, bewahrten über diese Treffen das gleiche Stillschweigen wie Chava auch, was daran lag dass diese Damen schon tot waren. Dies hatte seine Ursache in dem Umstand, dass Chana Ephraim Leiterin der Frauenabteilung der Chevra Kadischa war und sich der Tahara, der Waschung und letzten Einkleidung der ihr anvertrauten Toten mit größter Inbrunst und Selbstlosigkeit hingab.  

Die Lesung vollzog sich in der üblichen Ordnung und fast alle bis dahin in der Synagoge Erschienenen waren im Betraum anwesend, mancher von Ihnen wohl auch in der Hoffnung, er würde zu Torah aufgerufen werden. Es war ein kurzer Wochenabschnitt, die sieben Abteilungen waren rasch gelesen und es folgte noch die Prophetenlesung durch den Maftir, wozu Pinchas Korach aufgerufen wurde, eines der älteren Gemeindemitglieder, der die Lesung routiniert und souverän meisterte. Dann wurde die Torah wieder eingehoben und der Rabbiner begab sich zum Pult vor dem Duchan, um seine Predigt zu halten. Das war für eine beträchtliche Zahl von Betern das willkommene Signal, sich erneut im Foyer zu versammeln um dort ihr Schwätzchen fortzusetzen. Im benachbarten Gemeindesaal hatte inzwischen das Küchenmädchen damit angefangen alles für den Kiddusch aufzubauen. Dabei wurde sie von zwei, drei Frauen aus der Gemeinde unterstützt, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlten und ihren Teil zum Gelingen des Schabbat beitragen wollten. Leider verhallten Aufrufe des Gemeidevorstands, sich dieser gemeinnützigen Tätigkeit anzuschließen, meist ungehört. Einige neugierige Herren spähten in den Saal, wurde aber von den anwesenden Damen alsbald verscheucht. Als nach einigen Minuten jemand aus dem Synagogenraum kam uns den Fahnenflüchtigen zur rief, der Rabbiner sei nun mit seiner Predigt fertig, begaben sich diese zurück und kamen noch gerade rechtzeitig, um die letzten Worte des vom Vorbeter gesprochenen Kaddisch zu hören und sich dem MussafGebet anzuschließen.

Mussaf

Inzwischen hatten sich weitere Gemeindemitglieder eingefunden, aber auch etliche Personen, die der Gemeinde zwar nicht angehörten, an den Veranstaltungen und insbesondere an den Kidduschim doch gern teilnahmen. Man sah den stellvertretenden Vorsitzenden des Synagogenvorstands, Herr Abraham Grünwald (kam selten, und wenn  meist zu spät, war aber als Baal Tokea, als Schofarbläser zu Rosch Haschanah, traditionell gesetzt