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Dies ist der dritte Fall, den der Kriminalinspektor Hansjürgen Parnas zu lösen hat. Eine reihe von Einbruchdiebstählen machen der Polizei zu schaffen, ein hochgestellter Landtagsabgeordneter drängt jedoch darauf, dass die Ermittlungen von Hansjürgen Parnas geführt werden, weil der sich angeblich in jüdischen Dingen gut auskennt. Im Rahmen der Ermittlungen kommt es dann doch zu einem Mordfall. Nun ist Parnas der richtige Mann.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Rimonim
Hansjürgen Parnas dritter Fall
Roman
Von Ed Sheker
Sonderermittler
Na Herr Kleinschmidt, wie war denn der Urlaub, fragte Oberinspektor Parnas beim Eintreten seinen Assistenten Wilfried Kleinschmidt.
Ganz toll Herr Parnas. Korsika ist wirklich ein Traum. Diese Landschaft, und die Gastfreundschaft der Menschen.
Und was haben Ihre Schlangen inzwischen gemacht?
Ach Sie wissen doch, ich bin Mitglied in einem Verein der Terrarienfreunde. Einer von denen hat immer mal rein gesehen. Schlangen sind ja genügsam. Alle Woche 'ne Maus, das ist nicht so schlimm.
Ist Ihre Wohnung denn nicht langsam ein bisschen klein für die Tiere? Die wachsen doch schließlich auch.
Deswegen will ich ja auch umziehen. Im nächsten Frühjahr will ich ein Haus in der Gartenstadt mieten.
Ein ganzes Haus für einen Junggesellen? Ist das ist denn nicht gleich ein bisschen groß?
Aber ich zieh doch nicht allein dahin. Ich will doch heiraten.
Nun bin ich aber platt, Herr Kleinschmidt. Das sind ja ganz überraschende Neuigkeiten. Wen beglücken Sie denn mit Ihrer Gunst?
Ach Herr Parnas, ich bin ja schon so aufgeregt. Der David und ich wollen doch heiraten.
Der David also, ist das nicht Ihre Flamme vom letzten Jahr?
Ihnen bleibt aber auch gar nicht verborgen, Herr Parnas. Ich kenn' den David ja schon eineinhalb Jahre und jetzt wollen wir es zusammen versuchen.
Und deswegen müssen Sie gleich heiraten?
Ja, wenn schon, denn schon. Wir sind beide nicht für halbe Sachen und die Hörner haben wir uns beide schon abgestoßen.
Und die Party zum Junggesellenabschied ist auch schon geplant?
Klar doch. Aber ich glaub, das ist doch eher nichts für Sie, dabei musste Inspektor Kleinschmidt etwas kindisch in sich hinein glucksen. Wir planen nämlich eine Dragqueen-Party.
Ich glaube, das ist wohl wirklich nichts für mich. Nun aber zu was Ernsterem, nahm Parnas den Faden wieder auf. Der Bestmann hat heute Morgen schon ganz in der Frühe angerufen und gesagt, wir sollen uns bei ihm melden, wenn Sie Ihren Dienst angetreten haben. Lassen wir den Alten lieber nicht zu lange warten. Also los.
Guten Tag, meine Herren kommen Sie rein und nehmen Sie schon mal Platz. Bin gleich bei Ihnen.
Kriminalrat Dr. Bestmann ordnete noch einige Papiere, machte sich mit unlustigem Gesichtsausdruck an einer geöffneten Computerdatei zu schaffen und wandte sich denn den beiden Kriminalbeamten zu.
Also, um es kurz zu machen, Sie werden aus Ihrer Abteilung sofort und vorübergehend abgezogen.
Die Kriminalbeamten blickten erst einander und dann Kriminalrat Dr. Bestmann fragend an.
Ja, gucken Sie nur. Ich habe auch blöd aus der Wäsche geguckt als ich hörte, man will mir eines meiner Ermittlerteams so mir nichts dir nichts abziehen. Kann ich aber nichts machen, kommt von oben.
Herr Dr. Bestmann, wir verstehen gar nichts. Ein paar mehr Informationen bräuchten wir schon.
Warten Sie nur ab Herr Parnas, kommt alles noch. Sie haben doch danach diese Sache in dem Schwimmbad von den Juden bearbeitet...
… Mikwe, Herr Dr. Bestmann, eine Mikwe war das, kein Schwimmbad...
...meinetwegen. Nennen Sie es wie Sie wollen. Jedenfalls war das Ihr Fall, damals noch mit Ihrer Kollegin Schulze. Die macht sich übrigens ganz gut in der Internetkriminalität. Na ja, ein Ruhmesblatt der Abteilung war das ja nicht. Jedenfalls haben Sie den Täter nicht gefasst.
Kriminaloberinspektor Parnas blickte etwas pikiert an Dr. Bestmanns Schreibtisch vorbei und sagte lieber gar nichts.
Und dann diese Giftgeschichte, auch wieder eine Sache im Jüdischen. Man kann fast glauben, diese Leute ziehen das Unglück förmlich an sich. Das ist nun aber nicht antisemitisch gemeint, dass Sie mir das nicht falsch verstehen. Da konnten Sie ja wenigstens den Täter überführen. Diese beiden Fälle sind jedenfalls bis zum Innenminister gelangt. Der Himmel allein weiß, wieso der von diesen Fällen überhaupt Wind bekommen hat.
Was Kriminalrat Dr. Bestmann nicht wusste, war der Umstand, dass die Frau des Innenministers eine Schwester hatte und diese Schwester war mit einem Mann verheiratet, dessen Eltern in Paris lebende Juden waren. Der Schwager der Innenministergattin war auch Mitglied der Jüdischen Gemeinde, machte wegen dieser Mitgliedschaft jedoch nicht viel Aufhebens. Er hatte aber die beiden Kriminalfälle mit einem gewissen Interesse verfolgt, wusste auch, dass der ermittelnde Kriminalkommissar mit einer jungen Frau aus der Gemeinde verlobt war und er war Hansjürgen Parnas wohl auch ein oder zweimal begegnet. Jedenfalls erzählte er seiner Frau davon, die Frau Ihrer Schwester und die Schwester ihrem Mann, dem Innenminister. Der sagte nur, sie hätte ja wohl einen Vogel, nur weil der Parnas zwei Fälle im zufällig gleichen Milieu aufgeklärt hatte, würde ihn das doch nicht zu irgendwelchen Aufgaben prädestinieren. Aber die Innenministergattin drängte und nörgelte immer wieder beim Frühstückstisch und beim Abendbrot, dieser nette junge Beamte sei befähigt wie kein anderer, er kenne sich in diesem Milieu hervorragend aus und überhaupt. Sie nervte so lange, bis der Innenminister weich gekocht war. Den Ausschlag gab am Ende ein Einbruchsdiebstahl bei dem Landtagsabgeordneten Herrn Moses Philipsohn, was den Sachverhalt gewissermaßen auf eine neue, sozusagen eine politische Ebene anhob. So wandte sich der Innenminister bei der nächsten turnusmäßigen Dienstbesprechung an dem Polizeidirektor:
Also wir haben da einen jungen Polizisten von der Mordkommission, der kennt sich in diesen jüdischen Sachen wohl ganz gut aus. Sehn' Sie mal zu, ob Ihnen der nicht helfen kann. Fachkenntnis hat ja noch nie geschadet.
Der Polizeipräsident fühlte sich dem Innenminister verpflichtet, weil dieser vor nicht langer Zeit maßgeblich an dessen Beförderung beteiligt und die Sache andererseits zu unwichtig war, um auch nur eine Minute des Nachdenkens darauf verschwenden. Also wandte sich der Polizeidirektor bei der nächsten turnusmäßigen Dienstbesprechung an den Leiter der Kriminalkommissariats für Tötungsdelikte Dr. Bestmann, wobei sich der entfaltete Druck von oben nach unten zunehmend erhöhte.
Bestmann, Sie haben da einen ausgezeichnete Spezialisten in Ihrem Team, der sich bestens in diesem jüdischen Umfeld auskennt. Den will der Herr Innenminister unbedingt in der Mannschaft haben, die sich mit dieser Kunstsache befasst. Wenn der betreffende Beamte gerade einen Fall bearbeitet: abziehen. Und er soll der sich gleich nächster Tage bei mir melden.
Was bei der Innenministergattin noch ein Nörgeln war, wurde beim Polizeidirektor zu einer Bitte, bei Dr. Bestmann zu einem Ersuchen und bei Parnas zu einer dienstlichen Anordnung.
Also Parnas, keine Ahnung was dahinter steckt. Offensichtlich ist der Herr Innenminister aber zu dem klaren Ergebnis gekommen, das Sie, und nur Sie, der richtige Mann sind, einen Fall von Kunstraub aufzuklären. Ist mir rätselhaft warum.
Herr Dr. Bestmann, ich verstehe was von Mord und Totschlag, aber doch nicht von Kunst.
Weiß ich auch Parnas, weiß ich auch, hilft nun aber alles nichts. Der Innenminister will sie nun mal an dieser Stelle haben und das haben wir nicht weiter zu kommentieren. Sie und Kleinschmidt melden sich morgen bei Dienstbeginn beim Polizeipräsidenten. Und ich sage Ihnen nur eines: blamieren Sie mir nicht die Truppe. Die wollen einen Kunstsachverständigen, also kriegen einen, die wollen einen mit jüdischen Spezialkenntnissen, also kriegen Sie einen. Haben Sie mich verstanden? Keine Blöße zeigen. Sagen Sie sich immer, die anderen haben noch weniger Ahnung als Sie. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich habe zu tun.
In was sind wir denn da nun hinein geraten, Kleinschmidt, sagte Kriminaloberinspektor Parnas. Machen Sie sich bitte gleich auf die Socken und finden Sie raus, was dahinter steckt. Bis heute Abend will ich ein komplettes Dossier über diese Kunstsache von Ihnen haben. Wir sitzen dann heute noch zusammen und versuchen herauszubekommen, um was es eigentlich geht. Sagen wir mal gegen sechs in meinem Büro. Ihre Schlangen und Ihr David müssen heute mal ohne Sie zurechtkommen.
So, Herr Parnas, Einiges habe ich herausgefunden. Es scheint sich um einen Fall von Bandenkriminalität zu handeln, der an verschiedenen Orten Spuren hinterlassen hat. Die Sache ging offenbar hier in der jüdischen Gemeinde in der Bibliothek los, wo vor einigen Monaten ein wertvolles Objekt gestohlen wurde. Die Täter hatten sich Zutritt zum Archiv verschafft, in dem auch eine Sammlung seltener hebräischer Bücher liegt. Dann kamen weitere Einbrüche mit ähnlicher Vorgehensweise hinzu. Insgesamt haben wir es mit gegenwärtig sechs Einbruchsdelikten zu tun, die alle in der gleichen Weise durchgeführt wurden. Weil diese Fälle augenscheinlich zusammen hingen, wurde sie unserem Einbruchsdezernat entzogen und dann vom LKA bearbeitet. Weil das ganze natürlich auch eine politische Dimension hat, zog die Bundesanwaltschaft dann diesen Fall an sich und jetzt gibt es eine Ermittlergruppe unter Leitung unseres LKA, die dem Bundesanwalt zuarbeitet. Das sind drei Leute und mit uns fünf.
Und die können das nicht alleine klären? Das sind doch bestimmt Fachleute.
Keine Ahnung Herr Parnas. Ich hoffe nur, wir kommen da nicht in eine blöde Situation. Ich habe gleich mit dem Vorzimmer des Polizeipräsidenten Kontakt aufgenommen und da wusste man auch schon von uns. Deswegen haben die gleich ganz bereitwillig die Unterlagen heraus gerückt. Das ist das Material. Damit warf Kleinschmidt einen Stoß Akten auf den Schreibtisch von Parnas
Es handelt sich um Einbruchdiebstähle und Diebstahl von Kunstwerken und jüdischen Ritualgegenständen, fuhr Inspektor Kleinschmidt mit seinen Erklärungen fort. Im Laufe der vergangenen sechs Monate ist es zu mehreren Einbrüchen hier in der Region gekommen, bei denen den Tätern stets solche und ähnliche Gegenstände in die Hände fielen. Ich habe auch eine Liste der entwendeten Sachen, wollen Sie die gleich durchsehen oder erst später, Herr Parnas?
Später. Erstmal will ich einen allgemeinen Überblick haben.
Es handelt sich um insgesamt sechs Brüche, einer davon in unserer Jüdischen Gemeinde fuhr Kleinschmidt fort. Die übrigen sechs bei anderen Geschädigten, die teilweise einer gehobenen sozialen und finanziellen Schicht anzugehören scheinen.
Irgendwelche jüdischen Einrichtungen?
Wie gesagt, das Archiv der hiesigen jüdischen Gemeinde. Dann die Sammlung Solomon in der Alten Synagoge in Bergsteighausen und schließlich das jüdische Museum in Glockenberg.
Das sind alle? Und die privaten Geschädigten?
Herr Dr. Schmidt-Lauterberg, Rechtsanwalt, hier am Ort. Herr Moses Philipsohn in Bad Kinkelstein, Mitglied des Landtages und Frau Mechthild Gröner, Sodenhausen.
Ein Landtagsmitglied. Das hat uns gerade noch gefehlt. War da schon irgendetwas in der Presse?
Bisher noch nicht. Alle Geschädigten wollten die Sache wohl nicht so an die große Glocke hängen und den Ball flach halten.
Und jetzt sitzen wir damit an.Und wissen Sie auch, was entwendet wurde?
Sagte ich doch schon, da gibt es eine ganze Liste.
Lesen Sie mal vor.
Ein Paar Rimonim, keine Ahnung, was das ist. Ein Tass, auch keine Ahnung, vielleicht ein Schreibfehler, und muss Tassen heißen. Zwei Jadim, keinen Schimmer. Können die nicht mal was klauen, wo man weiß was das ist? Eine Krone. Da weiß ich, was das ist: Tschechische Münze. Eine Tschanukia..
Chanukkiah, das heißt Chanukkiah, mit chh, hinten im Hals, nicht mit tsch...
Meinetwegen, eine Chanukkiah, mehrere Becher, ein Buch.
Kleinschmidt, bevor ich Ihnen jetzt einen Vortrag über jüdische Kunstgegenstände halte, gehen Sie bitte mal in die Universitätsbibliothek und besorgen Sie uns erst mal das Jüdische Lexikon. Es gibt da was mit fünf Bänden ..... na los, aufschreiben, sonst haben Sie das doch gleich wieder vergessen: also Jüdisches Lexikon. Ausleihen und mitbringen. Ich kann Ihnen schon jetzt sagen, dass die damit nicht herausrücken wollen. Sagen Sie was von polizeilichen Ermittlungen und gehen Sie gleich zu Abteilungsleitung für das Ausleihwesen. Nicht lange verhandeln, sondern anfordern und notfalls mit Beschlagnahme drohen. Und dann noch was über jüdische Kunst, alles was die haben. Morgen um elf sitzen wir hier wieder, und zwar mit den Büchern. Um zehn macht die Universitätsbibliothek auf. Sehen Sie sich also noch heute Abend im Onlinekatalog an, was die sonst noch für Titel haben und schreiben Sie sich auf jeden Fall gleich die Sigel-Nummern auf, dann geht es morgen schneller.
Herr Parnas, das hätten Sie mir aber sagen, was das für Schwarten sind. Das kann ja kein Mensch auf einmal tragen. Ich musste mir eine Taxe nehmen um die ganzen Bücher hierher zu bringen. Ich hoffe, ich bekomme die Auslagen ersetzt.
Keine Sorge, Kleinschmidt, das regele ich schon, das mit der Spesenabrechnung. Haben Sie denn auch schon mal rein gesehen, während ich unterwegs war?
Natürlich jetzt weiß ich wenigstens, dass die Tassim keine Tassen sind und die Rimonim Torahaufsätze. Sogar Bilder von den Dingern habe ich gesehen.
Sehen Sie Kleinschmidt, was ich immer sage: lesen bildet.
Haggadah
Ah, da sind ja die Herren Spezialisten für das Jüdische. Mit dieser und ähnlichen spöttischen Bemerkungen wurden Parnas und Kleinschmidt von Ihren Kollegen von der Sonderkommission empfangen. Zumindest Parnas ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen und ging auf die schon anwesenden anderen Teilnehmer der Gruppe zu. Hallo, Atze, hallo Gernot, hallo Karli, begrüßte er diese. Gemeint waren damit die Kriminalbeamten Arthur Hitzfeld, Gernot Meister und Karl-Heinz Bitterfeld. Parnas und die drei Angesprochenen kannten sich noch von der Polizeischule. Immer noch bei der Truppe? Mensch Atze, Du hast Dich ja mächtig gut gehalten. Gehst Du nächstes Jahr in Rente? Arthur Hitzfeld lachte nur über diesen Scherz und sagte: Sag mal Hansjürgen, willst Du uns nicht Deine Rechte Hand vorstellen. Die Rechte Hand guckte etwas irritiert, aber Parnas sagte ungerührt: das ist Wilfried Kleinschmidt. Der steckt Euch Schnarchnasen doch allemal in den Sack. Bei der Mordkommission wird mehr verlangt als Bubis nachzulaufen, die einer Oma die Handtasche geklaut haben. Damit war das Terrain in gegenseitigem Einvernehmen abgesteckt und die Arbeit konnte beginnen. Also, was wissen wir, fragte Parnas Ihr seid ja schon länger an dem Fall. Erzählt mal, was ist denn nun eigentlich Sache? Arthur Hitzfeld schien die Truppe anzuführen und sagte: Wir haben diverse Einbrüche, alle hier in der weiteren Umgebung. Einmal Archiv der Jüdischen Gemeinde, da scheint man nur ein wertvolles Buch gesucht und gefunden zu habe. Mehr scheint nicht zu fehlen. Dann ein Einbruch in die Villa von Olaf Isenbarth, das ist dieser Industrielle, der unter anderem Mehrheitseigner der Globus-Supermärkte sein soll. Dort hat man Silbersachen mitgehen lassen, insgesamt vier Objekte aus einer Sammlung von etwa einem Dutzend. Es handelt sich um ein Paar Rimonim, das sind wohl jüdische Ritualgegenstände, zwei Torahzeiger und einen Becher. Alles uralt, kunsthistorisch von großer Bedeutung. Drittens ein Einbruch bei einer Frau Mechthild Gröner in deren Haus. Dort haben sie ein Tass mitgehen lassen, auch so ein Ritualding. Viertens ein Einbruch in die Sammlung Solomon in der Alten Synagoge Bergsteighausen. Dort haben die Einbrecher eine ganze Kollektion von silbernen Bechern mitgehen lassen. Dann ein Einbruch in das jüdische Museum Glockenberg. Kanne und Schale. Und schließlich ein Einbruch bei Moses Philipsohn, dem Landtagsabgeordneten, da haben sie eine Tschanukiah mitgehen lassen.
Chanukkiah, das heißt Chanukkiah, mit chh, hinten im Hals, nicht mit tsch... prahlte Kleinschmidt jetzt mit seinem neu erworbenen Wissen.
Meinetwegen, also eine Chanukkiah, antwortete der so Belehrte. Sieht ganz nach Auftragsarbeiten aus. Ganz gezielt um ganz bestimmte Objekte zu klauen mutmaßte Parnas. Den Eindruck haben wir auch. Die Jungs vom Einbruch haben natürlich alles aufgenommen und protokolliert, aber es gab keine verwertbaren Spuren. Die Handschrift ist aber ähnlich: Schloss aufbrechen, rein, gezielt spezielle Sachen suchen, mitnehmen und raus. Ich schlage vor, dass wir uns alle Geschädigten noch einmal vornehmen und noch einmal ganz von vorne anfangen sagte Parnas. Ihr drei vom Einbruch geht zusammen mit dem Kleinschmidt noch einmal die Tatorte durch. Ich schnüffele mal ein wenig im jüdischen Umfeld Klingt ja ganz vernünftig. Parnas, Du bist ja ein einsamer Wolf, Dich lassen wir mal ziehen und den Kleinschmidt nehmen wir und bilden zwei Zweiergruppen. Wie heißt Du überhaupt mit Vornamen, Kleinschmidt? Wilfried, antwortete Kleinschmidt Prima, uns hast Du ja schon kennen gelernt. Und mit Parnas immer noch auf respektvolle Distanz? Wir duzen uns hier jedenfalls alle. Also gut, dann machen wir eben alle auf glückliche Familie. Ich bin der Hansjürgen.
Damit war auch dieses Thema abgehakt.
Ich gehe jedenfalls erst mal in das Archiv der Jüdischen Gemeinde. Das sitzt jemand, den ich kenne.
Guten Tag, mein Name ist Kriminaloberinspektor Parnas. Ich hätte gern Herrn Silberstein gesprochen.
Herr Silberstein ist leider nicht zugegen. Kann ich Ihnen denn vielleicht helfen? Die Antwort kam von einer freundlichen Dame mittleren Alters, die Haare schon mit kleinen grauen Strähnchen, was ihr aber nicht schlecht stand.
Danke. Vielleicht. Aber sagen Sie, wann kommt Herr Silberstein denn wieder zurück?
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Er ist schon vor einigen Monaten zu seiner Tochter nach Antwerpen gefahren. Ich weiß auch nicht, ob er überhaupt zurückkommt. Darf ich fragen, was Sie von Herrn Silberstein wollen?
Ich möchte mich mit ihm über den Einbruch und über die gestohlenen Gegenstände unterhalten.
Ach so ist das. Da hätten Sie bei Herrn Silberstein aber Wunden aufgerissen, die bisher kaum verheilt sind. Diese Einbruchsgeschichte hat ihn sehr tief getroffen. Ich glaube beinahe, das ist auch der Grund, weswegen er bisher nicht wieder aus Antwerpen zurückgekommen ist.
Und Sie sind jetzt die verantwortliche Archivarin?
Ja, so zu sagen. Mein Name ist Deborah Gelbhart. Nachdem Herr Silberstein angekündigt hatte, hier eine Auszeit zu nehmen – so nannte er das, eine Auszeit nehmen, brauchte die Gemeinde jemanden, der sich um das Archiv kümmert. Das mache ich jetzt als im Rahmen einer Halbtagesbeschäftigung.
Frau Gelbhart zunächst mal wundere ich mich, dass sich das das Archiv noch immer hier unter dem Dach befindet. Schon vor längerer Zeit hatte Herr Silberstein mir erzählt, dass die Mohnheim-Stiftung einen nennenswerten Geldbetrag für ein neues Archiv spenden wollte. Davon ist ja wohl bisher nichts zu sehen.
Ja, leider. Ich habe von dieser Stiftungszusage auch nur aus zweiter Hand gehört. Herrn Silberstein habe ich vor seiner Abfahrt auch nur zwei oder dreimal gesehen. Als ich Ihn auf die Mohnheim-Sache ansprach, hat er nur unwirsch abgewunken. Ich weiß auch nicht, was dazwischen gekommen sein mag.
Das werden wir festzustellen haben. Jedenfalls ist hier eingebrochen und einige Ihrer Besitztümer sind entwendet worden.
Aber Herr Parnas, das haben ich doch alles schon einmal ihren Kollegen vom Einbruchsdezernat erzählt. Das können Sie doch alles auch in Ihren Akten finden.
Frau Gelbhart, Sie haben völlig Recht. Leider ist der Einbruch in Ihr Archiv aber nicht das einzige Delikt in diesem Zusammenhang. Auch an anderen Orten kam es zu Einbruchsdiebstählen bei den Judaica entwendet wurden. Jetzt befasst sich eine Sonderkommission damit. Und wir wollen die ganze Geschichte noch einmal von Anfang an hören. Nur dann können wir uns ein vollständiges Bild machen.
An mir soll es ja auch nicht liegen sagte Frau Gelbhard. Also noch einmal von vorn. Am 25. Januar, das war ein Montag, kam ich morgens zum Dienst. Ich fange immer gegen zehn Uhr an. Mir fiel gleich auf, dass wohl jemand die Tür des Archivs gewaltsam geöffnet haben musste, denn der Schließzylinder war offensichtlich heraus gebrochen worden und lag im Vorraum. Die Tür stand offen.
Und wie sind der oder die Täter hier ins Gebäude gekommen?
Durch das Seitenfenster bei den Toiletten im Erdgeschoss. Das Fenster ist zwar schmal, aber wenn man sich zwängt schafft man es hindurch.
Das Fenster war eingeschlagen?
Ja.
Und dann?
Dann bin ich sofort herunter zu Frau Geldmann und habe zu ihr gesagt, in das Archiv ist eingebrochen worden. Sie hat dann gleich bei der Polizei angerufen und eine viertel Stunde später waren auch schon zwei Beamte von der Polizei da.
Und mit denen sind Sie dann ins Archiv hinein.
Ja. Allein hätte ich mich auch nicht getraut. Wer weiß, ob da noch jemand auf mich lauert. Es war aber niemand mehr zu sehen.
Und was haben Sie für Feststellungen getroffen?
Zunächst mal gar keine. Alles war tadellos in Ordnung. Nichts war durchgewühlt. Unsere teuren Computer und Kopierer, alles war an seinem Platz.
Und Sie konnten nicht feststellen, dass der oder die Einbrecher etwas entwendet haben?
Nein, alles sah aus wie immer. Wir haben alles durchgesehen, aber zunächst ist uns nichts aufgefallen.
Und was passierte dann?
Dann kamen der Gemeindevorsitzende, Herr Dr. Bamberger und noch jemand von der Gemeinde. Die waren natürlich entsetzt aber auch ratlos. Die konnten sich natürlich keinen Reim auf das alles machen, weil die ja sowieso noch nie hier oben waren und die hätten auch nicht sagen können ob etwas fehlt und was.
Wer war denn die zweite Person?
Weiß ich nicht. Irgendeiner aus der Verwaltung.
So, wie ging's dann weiter?
Wir waren alle wie vor den Kopf gestoßen. Wer bricht denn eine Tür auf und stiehlt dann nichts. Und warum überhaupt. Und dann hatte Dr. Bamberger die Idee, man sollte mal Herrn Silberstein in Antwerpen anrufen. Das habe ich auch gleich gemacht und Herr Silberstein hat sich alles angehört, vor allem, dass gar keine Unordnung war, das hat ihn interessiert und schließlich hat er nur gesagt: Wo ist die Haggadah? Gehen sie sofort und sehen nach ob die Haggadah noch da ist. Ich hab aber gar nicht gewusst, was er meint, und da musste er mir erklären, dass in einem der Schränke, also genau genommen in dem grauen Stahlschrank da drüben, einige wertvolle Bücher liegen. Die war mir aber noch gar nicht aufgefallen, weil das sind ja keine Archivalien.
Und dann?
Wir also rüber zu dem Schrank und dort war die Tür auch gewaltsam geöffnet worden.
Das hätte Ihnen doch gleich auffallen müssen.
Nein. Das ist nur so ein billiges Blechding. Da können Sie mit einem Schraubenzieher ganz leicht die Tür aufhebeln und hinterher die Tür auch wieder schließen. Das sieht kein Mensch auf Anhieb.
Sie also zu dem Schrank. Und was haben Sie gefunden?
Fragen Sie lieber, was ich nicht gefunden habe. Die Haggadah nämlich, von der Herr Silberstein gesprochen hatte. In dem Schrank standen etliche Bücher, Sie können ja selbst einmal hineinsehen, große und kleine, aber alle wohl ziemlich alt. Auf den ersten Blick war gar nichts zu sehen, aber dann hat uns Herr Silberstein gesagt wo ein er Inventarverzeichnis der Bücher auf dem Computer abgelegt hat und dann haben wir alles abgeglichen. Am Ende fehlte aber nur die Haggadah.
Und was war an dieser Haggadah so besonders?
Ich habe da Buch ja nie gesehen. Herr Silberstein hat mir aber erklärt, dass es sich um eines der wenigen erhalten Exemplare der Illuminierten Stuttgarter Haggadah von 1625 handelt. Von der soll es nur noch fünf geben.
Und dies Buch stand einfach so in dem Schrank?
Nein, soweit mir Herr Silberstein berichtete, war es tadellos eingeschlagen in säurefreies Papier und in einem Archivkarton gelagert. Aber nun ist es weg.
Frau Gelbhart, das ist zunächst einmal alles ich bin aber sicher, dass mein Kollege Kleinschmidt oder ich noch mal bei Ihnen herein schauen werden. Wann sind Sie denn immer da?
Immer von zehn bis drei, montags bis donnerstags.
Frau Gelbhart, bitte geben Sie mir doch bitte noch Ihre private Handynummer und wenn Sie haben, auch Ihre Emailadresse, für den Fall, dass ich Sie dringend anrufen möchte. Für heute sind wir dann eigentlich fertig.
Guten Tag Frau Geldmann, so trifft man sich wieder.
Guten Tag Herr Inspektor. Das ist aber eine Überraschung. Was führt Sie denn zu uns?
Dienstliches Frau Geldmann, Dienstliches. Ich komme wegen dieser Einbruchsgeschichte in das Gemeindearchiv.
Aber das machen doch Ihre Kollegen vom Einbruchsdezernat, dachte ich.
Nicht mehr Frau Geldmann, damit befasst sich jetzt eine Sonderkommission. Der bin ich momentan zugeteilt.
So was aber auch. Sie wollen bestimmt Dr. Bamberger sprechen.
Ist der denn anwesend? fragte Parnas.
Nein, aber der stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde, Herr Prof. Altenburger. Der ist zuständig für alles mit Kultus und Kultur und solche Sachen. Ich werd' Sie gleich mal anmelden. Damit stand sie auf, klopfte kurz an der Tür zum Nachbarzimmer und trat dann ein.
Herr Prof. Altenburger, da ist ein Herr von der Polizei, wegen des Einbruchs.
Danke Frau Geldmann, bitten Sie den Herrn doch einfach zu mir herein.
Parnas hatte die kurze Unterhaltung verfolgt und trat nun ohne weitere Umstände in das Vorstandszimmer.
Gestatten, Parnas, Kriminalpolizei.
Angenehm, Herr Parnas, mein Name ist Altenburger. Bitte nehmen Sie doch Platz.
Herr Prof. Altenburger, um es kurz zu machen, der Einbruch in Ihr Archiv wird jetzt von einer Sonderkommission bearbeitet, die sich auch mit ähnlichen Delikten befasst, die sich in der Umgebung abgespielt haben. Wir rollen das Ganze noch einmal auf, denn die Kollegen vom Einbruchsdezernat hatten wohl bisher keinen Erfolg.
So sieht es aus, Herr Parnas. Aber wie kann ich Ihnen helfen?
Herr Prof. Altenburger zunächst fällt ja auf, dass nur ein Objekt gestohlen wurde.
Und dann auch noch das Wertvollste.
Richtig. Offenbar ein Ausnahmestück. Wie konnte es denn sein, dass ein so wertvolles Objekt relativ ungesichert einfach so im Schrank liegt?
Das will ich Ihnen erklären. Zunächst einmal, kein Mensch wusste von diesem Stück, außer dem alten Silberstein vielleicht. Das Buch muss ja schon seit Jahrzehnten da oben gelegen haben, und kein Mensch hat's mitbekommen. Außerdem war das Objekt doch hinter Schloss und Riegel, in einem Gebäude das regelmäßig von der Polizei observiert wird.
War das Buch denn versichert?
Wir haben natürlich eine spezielle Kunstversicherung. Besonders für unsere Torahrollen und das Silber. Es gibt sogar ein Inventarverzeichnis für die Versicherung und da taucht die Haggadah auch auf.
Und wie hoch war die Versicherung?
Fünf Millionen für alles pauschal, und jedes Einzelstück mit maximal einhunderttausend.
Deckt das denn den materiellen Schaden?
Ach was, nicht im Entferntesten. Die historische Haggadah hatte einen unschätzbaren ideellen Wert und einen enormen materiellen.
Aber immerhin haben Sie jetzt hunderttausend mehr in der Kasse.
Sie sind mir aber ein Komiker, Herr Parnas. Keine müde Mark mehr. Die Landesregierung wollte uns in diesem Jahr einen Sonderzuschuss für den Kindergarten geben. Kurz bevor der bewilligt wurde kam dieser Einbruch dazwischen. Und was sagt der Staatssekretär auch gleich zu uns: Na wunderbar Herr Prof. Altenburger. Das ist ja eine ebenso unerwartete wie willkommene Aufstockung Ihrer Barmittel. Angesichts der Versicherungsleistung kann die Landesregierung eine Barzuwendung in dieser Höhe politisch natürlich nicht mehr vertreten, das werden Sie sicher verstehen. Da kann einem doch die Galle hoch kommen.
Als quasi Totalschaden.
Kann man so sagen.
Und hier im Hause hat keiner eine Idee, wer, außer Herrn Silberstein, überhaupt von dem wertvollen Buch gewusst hat?
