Der Roman Mikwemord an einem russisch-jüdischen Oligarchen nimmt seinen Anfang in der Mikwe, dem Ritualbad, einer fiktiven jüdischen Gemeinde in Deutschland. Der mit der Aufklärung des Mordes befasste Inspektor Hansjürgen Parnas entdeckt während seiner Arbeit seine eigene, ihm bisher verborgene jüdische Abstammung. Der Kurzroman Mikwemord ist der erste aus einer Reiher weiterer, in denen Inspektor Parnas Verbrechen im jüdischen Umfeld aufzuklären hat.
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Mikwemord
Ein Kriminalfall
Von Ed Sheker
Ich bin ja nicht so besonders fromm und selbst bin ich in einer Mikwe nur ein rundes Dutzend Mal gewesen. Damals war ich noch ein junger Mann und durchlebte eine religiöse Phase. Das legte sich jedoch später und seit vielen Jahrzehnten habe ich keine Mikwe mehr von innen gesehen. Als ich davon erfuhr, dass jemand in einer Mikwe umgebracht worden sei, empfand ich das jedoch schon gleich als geschmacklos. Es gibt eben Dinge, die gehören sich nicht, und dazu gehört ohne Frage, einen Menschen in einer Mikwe umzubringen. Aber vielleicht sollte ich die Geschichte von Beginn an erzählen.
Als Ezra den Toten fand, bot sich ihm ein unschönes Bild. Der massige Körper schwamm, das Gesicht nach unten, die Arme nach vorne ausgestreckt, im klaren Wasser der Mikwe. Der Haarschopf, die behaarten Schultern und die Gesäßbacken erhoben sich wie kleine spärlich bewachsene Inseln über die Wasseroberfläche, welches sich sanft kräuselte. Kleine Wellen umspielten den Körper, dazu hörte man das leise Plätschern, welches durch die Wasseraufbereitungsanlage der Mikwe erzeugt wurde. Abgesehen von dem hässlichen rotbraunen Fleck am Hinterkopf und dem leicht rosa verfärbten Wasser wirkte die Szene durchaus friedlich. Alle Lampen in der Mikwe brannten, ein Stapel Wäsche, eine Hose, ein Hemd sowie Zizith, die mal wieder hätten gewaschen werden dürfen, lagen säuberlich auf der Bank einer kleinen Garderobennische gestapelt, ein Paar Straßenschuhe standen im Vorraum der Mikwe. In der Duschkabine lag noch ein Stück Seife mit etwas frischem Schaum auf der Oberfläche und das Duschbecken sowie die Wände der Dusche waren nass.
So fand mein alter Bekannter, Ezra Rabinovitch, der Hausmeister der Synagoge die Mikwe gegen zehn Uhr vor. Er wollte dort nach dem Rechten zu sehen, wie dies zu seinen täglichen Pflichten gehörte. Als er den Vorraum der Mikwe betrat, fand er diesen hell erleuchtet, was auf einen Benutzer schließen ließ. Deswegen rief er laut Hallo, um niemanden zu erschrecken und um diesem die Gelegenheit zu geben, sich zu bedecken. Da niemand antwortete, glaubte Rabinovitch, der letzte Besucher habe einfach versäumt, das Licht auszuschalten. Als er den Raum mit dem Tauchbecken betrat, bekam er keinen geringen Schrecken, als er den unbekleideten Körper reglos im Wasser schwimmen sah. Rasch verließ er den Raum, verschloss die Tür und musste sich in dem angrenzenden Lagerraum der Synagoge erst einmal auf einen Stuhl setzen um sich zu sammeln. Er grübelte hin und her was nun zu tun sei und war von nicht geringer Sorge erfüllt, jede seiner Handlungen könne ihm zum Nachteil ausgelegt werden. Zunächst musste er nachdenken: gleich die Polizei rufen – dann würde er sich dem Vorwurf des Gemeindevorsitzenden, der nicht sein allerbester Freund war aussetzen, er habe die Gemeinde durch übereiltes Handel geschadet und seine Kompetenzen überschritten. Erst die Gemeindeverwaltung anrufen? Aber wen? Der Verwaltungsleiter Daniel Löser war ohnehin meistens nicht zu erreichen und wenn es kritisch wurde, versuchte er sowieso, sich vor jeder Verantwortung drücken. Vielleicht den Rabbiner anrufen? Aber der hätte bestimmt irgendwelche Vorschläge, die mit den Vorstellungen der Polizei oder der Strafverfolgungsbehörden nicht unbedingt übereinstimmten. Der Rabbiner kam sowieso immer mit der Halacha und war der Meinung, diese stehe über dem Recht des Landes, in welches es ihn verschlagen hatte. Also griff Ezra erst einmal zu seinem Handy und rief mich an, wohl weil er meinte, mich könne man eigentlich immer um Rat fragen und weil ich angeblich auch einen ganz guten Draht zu verschiedenen Gremienmitgliedern hätte. Ezra ruft mich übrigens fast täglich mit irgendeinem kleinen oder größeren Problem an.
Hallo Nathan, hier ist Ezra, wie geht es Ihnen? Begrüßte mich Ezra
Er spricht mich immer mit „Sie“ und dem Vornahmen an. Das ist wohl seine Art, mir den Respekt zu erweisen, den er für angebracht hält, weil ich um einige Jahre älter bin, als er es ist. Diese Angewohnheit hat er wohl aus seiner russischen Heimat mitgebracht.
Hallo Ezra, baruch Haschem, wie geht es Dir?
Baruch Haschem. Ich hoffe, ich störe Sie nicht?
Nein du störst nicht.
Darf ich Sie in einer schwierigen Frage um Rat fragen?
Natürlich darfst Du das, was ist denn heute Dein Problem?
Sie wissen doch, dass wir die neue Wasseraufbereitungsanlage in der Mikwe installiert haben.
Ja, natürlich, ist die schon defekt?
Nein, die arbeitet einwandfrei, vielleicht müsste man die Filter wieder einmal wechseln. Soll ich die Wartungsfirma rufen?
Ja, natürlich, ruf die Wartungsfirma. Aber mach es bitte kurz ich habe zu tun, was hast Du denn für ein Problem?
Also ich selbst habe eigentlich kein Problem. Aber in der Mikwe scheint eine Leiche zu schwimmen.
Sagtest Du eine Leiche?
Ja, eine Männerleiche. Was soll ich denn nun machen?
Ich empfahl ihm, er solle sofort die Polizei anrufen und denen sagen, dass in der Mikwe eine Leiche schwimmt. Er solle niemanden herein lassen und nichts anfassen. Ich würde den Vorstand informieren und sei in zehn Minuten bei ihm.
Ich verschloss die Tür der kleinen Buchhandlung, die ich betreibe, seit ich Rentner bin. Kunden würden heute so früh morgens ohnehin nicht kommen, genau genommen konnte ich auch für den Rest des Tages fest darauf vertrauen, dass keine kommen würden. So prächtig ging das Geschäft mit jüdischen Gebetbüchern und Ritualien nun doch nicht. Ich setzte sich auf mein Hollandrad; von den klassischen Herrenrädern mit Längsholm hatte ich mich seit einer Hüftoperation leider verabschieden müssen. Ich rief zunächst den Gemeindevorsitzenden an und fuhr dann geradewegs zur Synagoge. Weil ich das Vertrauen des Vorstands besitze und mich ehrenamtlich um alles kümmere, was mit der Erhaltung des in die Jahre gekommenen Bauwerks aus den fünfziger Jahren zu tun hatte, besitze einen Schlüssel des Gebäudes. Ich betrat es durch den Haupteingang, von wo aus man in das Foyer gelangt. Dort traf meinen alten Bekannten Ezra, der auf einem Stuhl saß und der Dinge harrte, die nun kommen sollten.
Schalom Ezra.
Schalom Nathan, wie geht es Ihnen?
Schöne Geschichte, hast Du die Polizei gerufen?
Ja, die wollen gleich kommen.
Du hast doch niemandem von der Sache erzählt?
Nein, hier ist ja nur Rosa, die in der Küche aufräumt. Simon ist mit dem Auto zu Großmarkt.
Rosa Moscowici ist eine Art Faktotum. Sie kam vor Jahren aus Polen und mit Mühe kann man sich mit ihr in Deutsch verständigen. Sie wird in diesem Jahr fünfundsechzig und wird dann wohl in Rente gehen.
Simon Liebermann ist schon Rentner und kommt ursprünglich aus der Ukraine. Die Verständigung im ihm ist noch mühsamer als mit Rosa.
Nach unserer einsilbigen Konversation trat eine kurze Zeit des Schweigens ein und als Ezra Rabinovitch gerade wieder mit einer seiner weitschweifigen Ausführungen anheben wollte, hörte man auch schon die Sirene des Polizeiwagens. Wir traten vor die Tür und zwei uniformierte Polizeibeamte, eine Frau und ein Mann, kamen die Treppen des Eingangsportals herauf und fragten, wer die Polizei gerufen habe.
Ezra bekannte sich hierzu und sagte in seinem eigentümlichen Deutsch dies sei geschehen wegen Leiche. Rabinovitch sein Name. Er sei der Hausmeister.
Dann fragte der Uniformierte wer ich sei und ich antwortete, mein Name sei Korn und Herr Rabinovitch habe mich nach seiner Entdeckung angerufen um zu fragen, was zu tu sein. Ich riet ihm, die Polizei zu rufen. Dann wurden wir aufgefordert unsere Personalien von der Kollegin des Polizisten aufnehmen zu lassen, einen Personalausweis hätten wir ja wohl dabei.
Ezra, der erst vor einigen Jahren eingebürgert worden war, zückte prompt seinen Ausweis, als habe er auf nichts sehnsüchtiger gewartet als auf den Moment, seine Legitimation zu präsentieren.
Ich sagte nur, sein Ausweis liege zu Hause und es sei mir nicht bekannt, dass man das Ding immer mit sich herumschleppen müsse.
Die junge Polizeibeamtin hatte die erbetenen Informationen gerade in ihr kleines Büchlein eingetragen, als aus den beiden Seitenstraßen links und rechts der Synagoge je ein Fahrzeug kam und sich dem Eingang näherte. Aus dem einen Auto stiegen ein Mann mittleren Alters und eine junge Frau, die weder ich noch Ezra kannten und in denen man füglich Kriminalpolizisten vermuten durfte, was sie auch waren, wie sich später herausstellte.
Das andere Auto war ein ziemlich heruntergekommener Mercedes, aus dem sich mit einiger Mühe ein Herr heraus quälte. Diesen konnte man nur mit viel gutem Willen als „stattlich“ bezeichnen, tatsächlich war er stark übergewichtig, humpelte ein wenig und strahlte eine Mischung aus Leutseligkeit und Autorität aus, wie man sie auch gelegentlich bei Politikern findet. Er trug eine schlecht gebügelte Hose und ein weißes Hemd von gleicher Beschaffenheit. Die untersten Hemdknöpfe waren nicht geschlossen und das Hemd quoll aus einem Hosenbund, der nur durch einen Ledergürtel mühsam am Ort seiner Bestimmung gehalten wurde. Eine fleckige Krawatte war nachlässig um den fleischigen Hals gebunden und auch der Kragenknopf war nicht geschlossen.
Die beiden Kriminalbeamten und der übergewichtige Herr begegneten einander an der Tür und musterten sich gegenseitig.
Dürfen wir fragen wer Sie sind, fragte der Polizist.
Levy, Aron Levy antwortete der Angesprochene, ich bin der Vorsitzende der Gemeinde. Und Sie, Sie kommen wohl von der Kripo?
Hajo Parnas, Kriminaloberkommissar und das ist meine Kollegin Kriminalkommissarin Schulz. Wir sind von der Mordkommission. Na dann wollen wir mal.
Das Trio stieg die Treppen zum Eingang der Synagoge hoch, wo sie von mir und Ezra schon erwartet wurden. Nun erneutes Vorstellen, wer man sei und was man darstelle und dann begab sich die ganze Belegschaft, bestehend aus zwei uniformierten und zwei in Zivil gekleideten Polizisten sowie drei Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in den Keller, zum mutmaßlichen Tatort eines mutmaßlichen Verbrechens.
Niemand betritt den Raum bevor die Spurensicherung und der Gerichtsmediziner hier waren, verkündete der Kriminalbeamte mit entschiedener Autorität. Kaum hatte er sein Kommando ausgesprochen, als sich eine der Seitentüren des Flures öffnete und Rosa Moscowici, angetan mit klassischer Putzfrauenuniform, nämlich Kittelschürze und Kopftuch, den Gang betrat. In der rechten Hand hatte sie einen Eimer, in der linken einen Wischlappen. Ohne von den Anwesenden auch nur die geringste Notiz zu nehmen, tauchte Sie ihren Wischlappen ins Wasser, und begann mit großer Geschäftigkeit, den Boden zu wischen.
Halt, halt was machen Sie denn da, und wer sind sie überhaupt? Die Worte von Kriminaloberkommissar Parnas blieben jedoch ohne Widerhall, insofern die angesprochene Frau unbeirrt in ihrer Beschäftigung fort fuhr. Sie hätte fraglos in kurzer Zeit den ganzen Flur unter Wasser gesetzt, wäre nicht Ezra rasch zu ihr hin getreten um ihr in einem osteuropäischen Idiom Einhalt zu gebieten.
Das ist Rosa Moscowici. Ich habe nur gesagt, sie soll mit Wischen aufhören und in die Küche gehen. Dort gibt genug Arbeit sagte Ezra.
War das russisch? fragte Kriminaloberkommissar Parnas. Das klang so russisch.
Nein das war polnisch.
Aha, dann sind sie Pole?
Nein ich bin Russe.
Und wieso sprechen Sie mit der Frau polnisch?
Weil sie kann nur polnisch.
Und wieso können Sie polnisch?
Weil ich komme aus einem Teil Russlands, wo wohnen viele Polen. Deswegen ich kann etwas polnisch.
Und die Frau, die kann kein Deutsch, die ist erst jetzt aus Polen hier her gekommen?
Nein, was denken Sie. Schon vor sechzehn Jahren.
Nun sagte er zu Rosa wieder etwas in Polnisch und diese antworte in einer Sprache, die sie wohl für Deutsch hielt:
Sechzehn, sechzehn Jahre Deutschland. Besser Deutschland als Polen früher. Jetzt Polen besser als Deutschland. Dann lachte sie in sich hinein und verzog sich dann.
Sie müssen schon entschuldigen, Herr Kommissar, hob jetzt der Vorsitzende Levy an. Unsere Gemeinde ist gewissermaßen sehr multikulturell. Die Leute kommen aus allen möglichen Ländern. Unsere Zuwanderer tun sich manchmal mit der Integration etwas schwer. Aber nur die Alten, die Jungen sind da ganz anders.
In der Zwischenzeit hatte Kriminalkommissarin Schulz eifrig mit ihrem Handy telefoniert und stellte nun mit einem Ausdruck großer Wichtigkeit fest, dass die Spurensicherung und die Gerichtsmedizin in Bälde eintreffen müssten. Die beiden Kriminalbeamten ließen es sich nun nicht nehmen, einen Blick durch die inzwischen aufgeschlossene Tür der Mikwe zu werfen, dann durften auch die beiden Uniformierten einmal gucken, ganz zum Schluss auch der Gemeindevorsitzende Aron Levy, der inzwischen beträchtlich transpirierte. Er legte mir seine Meinung darüber dar, dass das alles nun ganz schlecht für das Image der Gemeinde sei und dass morgen wahrscheinlich alles in der Presse wäre, wo man doch gerade so gute Öffentlichkeitsarbeit geleistet habe und so tolle Kontakte zu den Medien habe und vielleicht könne man das Ärgste ja noch abwenden, der Tote sei gewiss ein Ausländer und überhaupt haben uns die ganzen Zuwanderer mehr Ärger als Nutzen eingebracht, das habe er ja immer schon gesagt, aber auf ihn höre ja doch keiner, und er habe das alles so satt, und er wisse nicht ob er überhaupt noch einmal zur Wahl antreten werden, und das ganze wäre ohnehin nur Wasser auf die Mühle von Sigmund Eisenberg, der ja sowieso dagegen war die Mikwe zu renovieren und das habe man nun davon, das Ding würde ja doch nur von einigen wenigen religiösen Fanatikern benutzt und was hätte man mit dem Geld alles machen können.
Ich hörte mir das alles geduldig an, zumal ich mich selbst zwar nicht zu den Religiösen zählte, aber eine schöne Mikwe dessen ungeachtet für ein unerlässliches Attribut einer jüdischen Gemeinde halte. Das wusste zwar Aron Levy auch alles, das tat aber seinem Redeschwall keinen Abbruch.
Da das Erscheinen von Spurensicherung und Gerichtsmedizin augenscheinlich auf sich warten ließ, machte der praktisch veranlagte Ezra den Vorschlag, auf einen Kaffee in der Küche zu gehen. Da momentan nicht weiter zu tun war als zu warten, wurde die Mikwe wieder versperrt und wir begaben uns, mit Ausnahme der beiden Uniformierten, in Richtung Küche. Letztere mussten die Mikwetür bewachen und niemanden hindurch lassen, außer den erwarten Spusi-Leuten.
Und dann wollen wir über deren Eintreffen bitte auch alsbald unterrichtet werden, aber bitte unverzüglich, sagte Parnas gebieterisch.
In der Küche angekommen trafen wir dort auf die polnisch sprechende Putzfrau Rosa, die sich an einigen großen Töpfen zu schaffen machte. Ezra hatte ein halbes Dutzend Plastikbecher herbeigeschafft und machte für jeden von uns einen Kaffee aus Kaffeepulver. Dieses war von einer Art, wie man es in Deutschland spätestens seit den siebziger Jahren nicht mehr kennt, nämlich ein bräunliches mehliges Pulver, aber augenscheinlich kein gefriergetrockneter Kaffee. Ezra bezeichnet dieses nicht ohne Stolz als eine Spezialität aus Israel, als er uns den Kaffeebecher hin schob. So etwas Gutes könne man in deutschem Supermarkt nicht kaufen. Die Kriminalbeamten probierten von dem Gebräu und ihre Begeisterung konnte sich mit der von Ezra augenscheinlich nicht messen. Schließlich sagte Parnas, er hätte gern etwas Zucker, den er auch alsbald in einem kleinen Zuckertopf angeboten bekam. Derart ermutigt fragte nun die junge Beamtin nach etwas Milch. Diese wurde ihr nun jedoch mit dem Hinweis verwehrt, dies sei eine fleischige Küche, was in der derart Angesprochenen jedoch keine erkennbare Erleuchtung hervorrief. Ezra holte daraufhin aus einem Vorratsschrank eine Dose, in der sich ein weißliches Pulver befand und bedeutete der unglücklichen Kaffeegenießerin, sie möge sich davon in den Kaffee schütten. Diese verzichtete jedoch mit zweifelnder Miene und trank ihren Kaffee lieber schwarz. So waren alle zufrieden gestellt.
Um die Zeit zu nutzen, begann Parnas mit der Wahrnehmung seiner Dienstgeschäfte und wandte sich zunächst an Ezra:
Herr Rabinovitch, ist doch richtig? Rabinovitch? sagen Sie uns doch bitte, wie man in dieses Gebäude hineinkommt. Gibt es nur den Vordereingang?
Aber nein, es gibt noch einen weiteren Eingang, von hinten. Hintereingang führt auf Innenhof. Von dort kommt man auf Innenhof von Häuserreihe in Parallelstraße und von dort durch Torweg nach draußen. Das wissen aber nur ein paar Leute. Eben die, die hier arbeiten. Torweg ist auch ziemlich düster. Bei Dunkelheit eigentlich gruselig.
Frau Schulz, wandte sich Parnas an seine Kollegin, bitte sorgen Sie dafür, dass man in der Umgebung und vor allem im Hinterhofbereich des Gebäudes alle Mülleimer nach der Tatwaffe absucht. Holen Sie sich Leute und lassen Sie jeden Stein umdrehen. (Abgang Schulz)
So, nun wieder zu Ihnen. Der der Schlüssel für hinten ist derselbe wie für den Haupteingang?
Ja, Schlüssel passt vorn und hinten. Und alle, die einen Schlüssel für das Gebäude haben, wissen doch dass es zwei Eingänge gibt?
Sicher, ich denke schon.
Sie haben also den Toten gefunden?
Ja
Und wann war das?
So gegen zehn.
Und sie kennen den Toten?
Nein. Ich habe ja nur Rücken gesehen.
Und Sie können sich nicht denken, wer es ist?
Weiß nicht, keine Ahnung, aber dieser große Mensch, und so viele Leute besuchen die Mikwe ja auch nicht, vor allem sind es Frauen, die in Mikwe gehen. Frauen gehen jeden Monat einmal mal in Mikwe, jedenfalls die frommen oder religiösen, und Männer nur manchmal, aber die Chassiden, davon haben wir auch welche....
Mann, nun kommen sie doch endlich mal zur Sache. Kennen Sie den Toten nun oder nicht?
Ja vielleicht, also von Größe her, also ich habe ihn ja nur von hinten gesehen, also vielleicht es ist Alexandr Levinski.
Hajo Parnas hieß mit vollem Vornamen Hansjürgen und war schon etliche Jahre bei der Mordkommission der Kriminalpolizei beschäftigt. Er hatte den mittleren Schulabschluss gemacht, diente einige Jahre im Streifendienst und war schließlich bei der Kripo gelandet. Dort hatte er es inzwischen zum Oberkommissar gebracht, das konnte man damals mit Realschule noch. Heute verlangt man dafür Abitur. Sein Vater Richard war Angestellter in einem Möbelladen, seine Mutter, Elisabeth war Buchhalterin. Beide Eltern mussten arbeiten und klein Hajo war oft bei seinen Großeltern Parnas. Von der Mutti gab es keine Großeltern, die man hätte besuchen könne. Die Großeltern Parnas waren schon recht betagt und die Oma starb, als Hajo sechs Jahre alt war. Opa Sigmund lebte einige Jahre länger und war ein liebenswürdiger alter Herr, aber er war sehr schweigsam. Kinder erfahren die Vergangenheit ja meistens aus den Schilderungen ihrer Eltern und so war das auch bei Hajo. Aber die waren irgendwie ziemlich in sich gekehrt und konnten oder wollten auch nicht viel erzählen. Opa Parnas schien auch zeitlebens so alt gewesen zu sein wie er jetzt war, jedenfalls konnte sich Hajo nicht vorstellen dass sein Opa jemals ein kleiner Junge gewesen war.
Opa schien jedenfalls keine Kindheit gehabt zu haben, und er konnte keine lustigen Geschichten aus dieser Zeit erzählen. Die Familiengeschichte war irgendwie ein schwarzes Loch im Gedächtnis der Familie Parnas. Hajo kannte es nicht anders und für ihn war es die Normalität. Als Opa Parnas starb, war Hajo gerade zwölf und als er ins das Erwachsenenalter eintrat, war niemand mehr da, den er hätte über die Familie befragen können. Die Eltern hatten sich schon bald nach Opas Tod getrennt, und die Mutter war nach ihrer Wiederverheiratung mit ihrem neuen Mann fortgezogen. Mit ihr hatte Hajo nur noch für einige Zeit sporadischen schriftlichen Kontakt. Seine einzige familiäre Beziehung war die zum Vater, der aber auch schon starb als Hajo zur Polizeischule ging. Das Verhältnis zu ihm war nicht immer frei von Spannungen und Hajos Berufswahl schien dem Vater irgendwie nicht zu passen. Inzwischen war aus dem kleinen Hajo ein großer Hansjürgen geworden und dieser hatte eine ordentliche Karriere bei der Kripo gemacht. Viele Fälle hatte er aufgeklärt, viele Fragen gestellt und die meisten beantwortet bekommen. Die Fragen zur Geschichte seiner eigenen Familie waren aber nie gestellt worden. Wie konnte es da je Antworten gegeben haben?
Alexandr Levinski ist, oder besser gesagt war das, was manche Leute umgangssprachlich einen Mafioso nennen. Jedenfalls förderte sein äußeres Erscheinungsbild bei einigen Betern der Gemeinde entsprechende Mutmaßungen. Dass Levinski tatsächlich dieser ehrenwerten Gesellschaft angehörte oder mit ihr auch nur irgendeinen Kontakt hatte, ist völlig unbewiesen und schon ein entsprechender Verdacht erscheint mir übereilt. Die Oligarchen der Gegenwart werden durch einige Stereotype hinreichend beschrieben: russisch sprechend, dunkle Herkunft, durch heikle, vielleicht kriminelle Geschäfte zu unermesslichem Reichtum gelangt, umringt von einer Entourage sonnenbebrillter, muskelbepackter Leibwächter und diversen schönen und jungen Frauen. Dieses Stereotyp entspricht gleichwohl nicht der Realität, da viele einflussreiche Vertreter der Mafia fast immer ein trauriges Leben im Verborgenen führen müssen und dauernd auf der Flucht vor der Polizei sind.
Levinski entstammte von väterlicher Seite einer Familie römischer Juden. Er bildete mit bezüglich des Stereotyps zumindest in einem Punkt eine Ausnahme. Er war absolut monogam, wenngleich mit einer überaus attraktiven deutlich jünger wirkenden Frau verheiratet, die mit ihren Reizen durchaus nicht geizte und deren beeindruckende Oberweite Anlass zu allerlei Spekulation gab. Levinski war im Übrigen freundlich gegenüber jedermann, sofern er überhaupt mit jemandem redete. Von irgendwelchen exotischen, gar zweifelhaften Aktivitäten war nichts bekannt und weder das nimmermüde Geraune der männlichen Beter in der Synagoge noch das Gewisper auf der Frauenempore konnte sich auf sichere Erkenntnisse berufen. Levinski sprach mit einigen Leuten in der Gemeinde ein wenig Unverbindliches in einer Mischung von Russisch und gebrochenem Englisch. Er konnte auch ein wenig hebräisch, das er wahrscheinlich in einem Ulpan in Israel gelernt hatte und welches durch den unverkennbaren Klang gefärbt war, als hätte er eine heiße Kartoffel im Mund, so wie es den meisten Russen zu eigen ist. Keiner wusste etwas über ihn zu berichten und alle waren sich einig, dass er ein schwer reicher Mann, nachgerade ein Krösus sei, den ein geschäftliches Vorhaben in die Stadt gebracht hatte. Dieses bestand darin, eine der ältesten Firmen der Region, die Maschinenfabrik Tornado, kurzerhand aufzukaufen und seinem weltumspannendem Wirtschaftsimperium (so tuschelte man) einzuverleiben. Die Firma Tornado stand damals unmittelbar vor dem finanziellen Kollaps, und die lokale Presse feierte Levinski als Retter in größter Not. Man sah in der Zeitung die üblichen Bilder: Herr Levinski links, Frau Schröder von der Firmenleitung der Maschinenfabrik rechts, er ein russisches, sie ein deutsches Wimpelchen haltend und in die Kamera lächelnd. Auch ein Bild von Levinski (dieses Mal rechts) mit dem Landes-Wirtschaftsminister (links) in bedeutungsvoller Pose gab es und dazu einige redaktionelle Belanglosigkeiten. Wo das viele Geld herkam? Wer weiß es. War der Levinski nur ein Strohmann für einen noch viel reicheren Mafioso, der nicht erkannt werden wollte, vielleicht sogar der Vertraute des Regionalpräsidenten, dem mächtigen Mann des Mezzogiorno? Wer konnte das schon sagen. Gelegentlich sah man Herrn Levinski in Begleitung seines Chauffeurs und eines weiteren Bediensteten in einer schweren Limousine durch das Quartier fahren. Der Chauffeur, immer in Rufweite, bemühte sich, die von Levinski getätigten Einkäufe im Auto zu verstauen. Diese bestanden unter anderem aus verschiedenen alkoholischen Getränken. Wer jedoch glaubte, dass Herr Levinski gelegentlich größere Gesellschaften gab, täuschte sich. Wenn diese denn überhaupt stattfanden, war jedoch niemand aus der Gemeinde eingeladen.
Nun ist es ja nicht so, dass jemand aus dem Nichts auftaucht, eine Synagoge besucht, für einige Tage eine rasch erlahmende Neugierde unter den Betern auslöst und im Übrigen nach kurzer Zeit in die Gleichförmigkeit des Gemeindelebens eintaucht und darin aufgeht.
Eine derartige Annahme wäre ein Trugschluss.
Tatsächlich wurden recht bald nach dem Auftauchen Levinskis allerlei Aktivitäten entfaltet, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ob arm, ob reich, jeder Neuankömmling in einer Gemeinde, wenn er nicht nur einen Tag bleibt, wird einer gründlichen Inspektion unterzogen. Nur ganz ungeschickte Zeitgenossen machen sich dabei an das Objekt ihres Interesses in so plumper Form heran, dass sie rund heraus fragen: Schalom alejchem, mein Name ist Katz; darf man fragen was Euch in unsere Stadt bringt? Vielleicht Geschäfte oder Ihr wollt auf den Friedhof gehen und bei den Gräbern unserer großen Rabbiner beten und ein Licht anzünden?
Das ist schon ziemlich dreist, aber immer noch eine Methode, die in manchen Fällen zum Erfolg führt. Wenn der so Angesprochene nämlich den Fehler macht und antwortet: Alejchem Schalom, Herr Katz, die Messe und einige Geschäfte, ja dann hat er schon verloren, weil sich die Schlinge um seinen Hals jetzt unwiderruflich zuzieht: Ja, ja die Messe, obwohl, sie ist auch nicht mehr wie früher. Darf man fragen aus welcher Stadt Ihr kommt?
Nun kann das Opfer nicht anders, als darauf zu antworten, sonst wäre er unhöflich. Also sagt er: Aus Omsk, in der Hoffnung, die Inquisition habe nun ein Ende. Aber dies war erst der Anfang und das Opfer spürt alsbald, wie ihm die Kälte über den Rücken kriecht.
So, so aus Omsk? Da hatte mein gottseliger Großvater eine Spinnerei und sein Bruder war dort Rabbiner. Darf man fragen, wie Ihr heißt?
Derart bedrängt antwortet der arme Mensch: Rosenberg, mein Name ist Rosenberg.
Ja ist es denn die Möglichkeit, mein Großneffe, der Sohn meines Onkels David, Friede seiner Seele, war mit einer geborenen Rosenberg verheiratet. So ein Zufall, sind wir möglicherweise verwandt?
Nun gibt es kein Entrinnen mehr, jetzt hilft es nur noch die Hosen herunter zu lassen, um diese vulgäre Floskel zu gebrauchen. Was hilft es dem armen Delinquenten, er muss seinen gesamten Stammbaum preisgeben, und binnen weniger Minuten weiß der Großinquisitor Katz, wo der arme Rosenberg herkommt, was sein Vater und Großvater getrieben haben, wer von den Verwandten von den Nazis, ihr Andenken sei ausgelöscht, umgebracht oder von den Sowjets verfolgt worden war. Und weiß es der Katz, weiß es am gleichen Tag auch Frau Katz, am nächsten Tag Frau Levy, sodann Herr Levy und wenn der es weiß, weiß es alsbald die ganze Kehille.
Aber Herr Levinski war kein so unbedarfter Tropf. Er hielt eisern an seiner Taktik fest, nur russisch zu verstehen, was ihm schon einmal Ruhe vor den meisten Neugierigen verschaffte. Dann war er sehr einsilbig, blieb nie zum Kiddusch am Schabbat. Der Kiddusch ist ein gefährliches Pflaster, weil einem dort jedermann ungeniert auf die Pelle rücken kann. Auf diesem Jahrmarkt des Tratsches, diesem Eldorado der Neuigkeiten konnte man rasch in Bedrängnis geraten und sich nicht nur einem, sondern mehreren Quälgeistern ausgesetzt sehen. Also hielt sich Levinski von den Kidduschim fern und seine Frau tat es ihm gleich. Auch bei den anderen Aktivitäten der Gemeine sah man ihn so gut wie nie und so gelang es ihm, sein Inkognito fast perfekt zu bewahren.
Auf solche Methoden ist ein Rabbiner natürlich nicht angewiesen. Wie jedermann weiß, stellt ein Rabbiner eine unbestrittene moralische Autorität dar. Niedrige Neigungen wie Neugierde, Klatschsucht oder Taktlosigkeit sind ihm natürlich ebenso fremd wie andere Leidenschaften, auf die einzugehen der Respekt verbietet. Aber ein Rabbiner muss natürlich wissen, wer seinen Gottesdienst besucht, wen man zu Minjan zählen darf (und vor allem: wen nicht), wer ein Kohen oder ein Levi ist, oder (Gott behüte) ein Mamser. All das muss ein Rabbiner natürlich wissen, und man kann sich darauf verlassen: er weiß es. Zunächst besitzt er natürlich das Vertrauen der diversen Großinquisitoren Katz und Konsorten, die nichts Eiligeres zu tun haben, als ihre Erkenntnisse und Halbwahrheiten dem Rabbiner mitzuteilen, und sei es über Frau Katz und die Rebbezin. Derart informiert reichen ein paar Telefonate nach Omsk, nach Jerusalem, nach New York oder Antwerpen und schon hat der Rabbiner ein mehr oder weniger komplettes Dossier über unseren Neuankömmling zusammen. Ist der Betreffende ein armer Nebbich, wird sein Interesse bald erlahmen. Ist hinter der schlichten Fassade jedoch ein wohlhabender Mann versteckt, vielleicht ein potentieller Sponsor für eine neue Torahrolle, die so dringend benötigt wird, oder für die geplante Jeschiwa – ja dann sieht das alles natürlich anders aus. Nun müssen ganz feine Fäden gesponnen werden, nun gilt es, die Erinnerung an den verblichen Rabbiner-Großonkel des Neulings zu beleben, jetzt werden Appelle ersonnen, die das Herz selbst eines Raschah, eines Bösewichtes, erweichen könnten, dann wird das ganze Arsenal talmudisch geschulter Raffinesse in Stellung gebracht, um die Festung zu erstürmen und ein angemessenes Lösegeld zu gewinnen.
Nach nur wenigen Tagen wusste also der Rabbiner wer der undurchsichtige Fremde war. Natürlich waren seine Informationen höchst vertraulich. Alexandr Levinski wuchs als drittes von vier Kindern in einem ärmlichen Vorort Roms auf, wo er einen höheren Schulabschluss machte und anschließend als Berufsoffizier in der Armee diente. Da er keinem Streit auswich und dank seiner Figur schon äußerlich eine Ehrfurcht gebietende Erscheinung war, hatte er auch allerlei Proben seiner kämpferischen Natur abzuliefern. Im Übrigen bot eine imposante Erscheinung mit Adlernase, kühn vorspringendem Kinn, und vollen Lippen, die seiner Physiognomie in ihrem Zusammenwirken auch dann etwas Bed
