Dies ist der zweite Fall für Inspektor Parnas. Wieder hat sich in der jüdischen Welt das Böse eingenistet, diesmal in Gestalt unerklärlicher Todesfälle, welche augenscheinlich mit vergiftetem Kuchen zusammenhängen. Den Inspektor führt es nach Antwerpen, eines der Zentren des orthodoxen Judentums in Europa. Wird er dort die Lösung für die Verbrechen finden? Auch anonyme Briefe machen ihm das Leben schwer und hinter allem scheint ein gewisser Amalek stecken.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Ein Kriminalfall
Von Ed Sheker
Der erste Fall ereignete sich in München. Ihm wurde keine besondere Beachtung geschenkt. Ende Mai wurde Frau Serafina Goldstein ins Krankenhaus Rechts der Isar mit unklaren Symptomen eingeliefert. Druck im Oberbauch, Übelkeit, Erbrechen, Koliken. Der aufnehmende Assistenzarzt führte eine Befragung der Kranken durch: was sie in den letzten zwölf Stunden gegessen habe, vielleicht Pilze, verdorbene Wurst, Fisch oder dergleichen. All dies wurde von Frau Goldstein verneint. Sie gab aber an, in der Vergangenheit wiederholt Probleme mit dem Magen-Darmtrakt gehabt zu haben. Vor einigen Jahren hatte sie eine akute Gastritis durch Einhaltung einer Diät, mit Rollkuren und dem Verzicht auf Alkohol jeder Art überwinden können. Auch jetzt sei sie noch Anfällig beim Genuss verschiedener Speisen. Es wurde noch der Ehemann, Isaak Goldstein befragt, der sich nicht erinnern konnte, dass seine Frau irgendetwas Unbekömmliches gegessen hatte und im Übrigen sei er von den Symptomen, unter denen seine Frau zu leiden hatte, verschont geblieben, obwohl er die gleichen Speisen zu sich genommen habe. Frau Goldstein wurde nach drei Tagen wieder entlassen. Wäre Sie keine Privatpatientin gewesen hätte man sie wohl schon nach einem Tag nach Hause geschickt worden. Der Chefarzt der Inneren Abteilung blickte jeden Tag zweimal ins Krankenzimmer, studierte mit ernster Miene die Kurven, fühle den Puls, gab sich am Ende zuversichtlich und sagte am dritten Tag: Liebe Frau Goldstein, ich glaube, das Schlimmste haben wir überwunden. Stellen Sie sich aber vorsichtshalber in den nächsten Tagen noch einmal in meiner Privatsprechstunde vor, dann können wir noch einige Tests machen.
Da Frau Goldstein aber am vierten Tag vollständig wiederhergestellt war, unterblieben die weiteren Tests.
Ehe ich die Geschichte aber weiter erzähle, muss ich mich noch vorstellen. Ich glaube, das habe ich bislang unterlassen. Also: mein Name ist Nathan Korn und ich betreibe eine kleine Buchhandlung für jüdische Literatur hier am Ort.
Der zweite Fall ereignete sich in Nürnberg. Er betraf mehrere Kinder des jüdischen Kindergartens. Diese klagten über Unwohlsein und Leibschmerzen und litten unter Schweißausbrüchen und unerklärlicher Blässe. Die Eltern und die Kindergartenleiterin waren natürlich alarmiert und glücklicherweise war der Schuldige alsbald gefunden. Aufgrund eines anonymen Hinweises kreuzten ein oder zwei Tagen später Vertreter des städtischen Amtes für Verbraucher- und Umweltschutz in der der Küche des Kindergartens auf, blickten in Tiefkühltruhen, in Vorratsschränke, hinter Konvektomaten und stellten den Küchenbetrieb unverzüglich ein. Die Tür zur Küche wurde mit amtlichem Siegel verschlossen und die Einwände des örtlichen Rabbiners, die Koscherversorgung der Kinder könne so nicht mehr aufrecht erhalten werden, blieb ohne Eindruck auf die Behörden. Mit Unterstützung befreundeter Gemeinden in anderen deutschen Städten konnte die Versorgung der Kinder mit koscheren Speisen notdürftig gewährleistet werden. Der Aufwand zur Wiederherstellung des Küchenbetriebs war beträchtlich. Es wurde eine Fachfirma für die Reinigung von Gewerbeflächen engagiert, die Küche wurde komplett gereinigt und anschließend mit Lebensmitteln neu bestückt. Der Rabbiner verlangte außerdem aus verschiedenen grundsätzlichen Erwägungen heraus, dass alle Geräte komplett gekaschert werden oder durch Neuanschaffungen ersetzt werden sollten. Der machtvolle behördliche Auftritt erwies sich bei kritischer Betrachtung im Nachhinein als völlig überzogen und war wohl vor allem dem Umstand geschuldet, dass Kinder betroffen waren. Da liegt ja bekanntermaßen die Erregungsschwelle niedrig und im Übrigen verlangte der Dezernatsleiter ein deutliches Zeichen und energisches Durchgreifen, da es der Fall schnell auch in die örtliche Presse geschafft hatte und der stellvertretende Bürgermeister wegen Missständen in einigen städtischen Einrichtungen beträchtlich unter Druck geraten war. Dass die Küche des Kindergartens nebenbei bemerkt sauberer war als, manche Restaurantküche, fand im Übrigen kaum Beachtung.
Der dritte Fall war schwerer und ereignete sich in Hannover. Er betraf wieder einen älteren Menschen. Es handelte sich um Baruch Silberstein, einen alleinstehenden Rentner, der in einer betreuten Wohnanlage wohnte, wo er morgens und mittags mit einer Mahlzeit eines ambulanten Dienstes versorgt wurde und nur für das Abendbrot selbst zu sorgen hatte. Baruch Silberstein wurde am frühen Morgen des siebten Juli mit starken Oberbauchkrämpfen in das Universitätsklinikum eingeliefert. Der Notarzt, der zusammen mit dem Rettungswagen bei dem Kranken erschienen war, vermutete schon bei der ersten Inspektion eine Vergiftung, möglicherweise durch Lebensmittel. Mit der Einlieferungsdiagnose Verdacht auf akute Lebensmittelvergiftung wurden in der Universitätsklinik auch sofort entsprechende Untersuchungen durchgeführt, die als Resultat eine leichte Arsenvergiftung ergab. Unverzüglich wurde eine Magenspülung durchgeführt und es wurde Dimercaptopropansulfonsäure als Antidot verabfolgt. Herr Silberstein überlebte die Vergiftung mit knapper Not. Die Kriminalpolizei untersuchte seine Wohnung zwei Tage nach der Einlieferung in das Klinikum. Leider hatte niemand daran gedacht, diese zu versiegeln und deswegen war in der Zwischenzeit die türkische Reinemachefrau der Wohnanlage in Aktion getreten und hatte die Wohnung gründlich sauber gemacht. Dabei hatte sie auch vor angebrochenen Lebensmitteln im Kühlschrank sowie Schachteln mit fast aufgebrauchten Keksen nicht halt gemacht und alles gründlich aufgeräumt. Jedenfalls konnte man in der Küche keine mit Arsen belasteten Lebensmittel mehr finden. Zu allem Unglück war inzwischen auch die Müllabfuhr gekommen und hatte die Mülltonnen entleert, in denen sich die von der Putzfrau entsorgten Lebensmittelreste befunden hatten.
Die Kriminalpolizei befragte ihn noch vor seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zu dem Vorfall und wollte insbesondere wissen, ob Herr Silberstein irgendwelche Feinde habe.
Ich, Feinde? So ein Blödsinn. Ich bin seit über sechzig Jahren Mitglied in der Jüdischen Gemeinde. Ich hab hier jede Menge Freunde, da brauche ich doch keine Feinde.
Dabei lachte er in sich hinein und hustete.
Verdammte Bronchien. Hätte früher nicht so viel rauchen sollen.
Baruch Silberstein ist ein rüstiger Herr Ende achtzig. Er gehörte der Gemeinde tatsächlich seit undenklichen Zeiten an und ist eines der ältesten Mitglieder, wenn man die Jahre seiner Mitgliedschaft zählt. Silberstein gehörte beinahe zu den Gründern der Gemeinde und hatte sich vor einiger Zeit die Ehrennadel für fünfzigjährige Mitgliedschaft ans Revers stecken können. Vor zwei Jahren war ihm die Verdienstmedaille des Landes für herausragendes Wirken an der Gemeinschaft verliehen worden. Eigentlich wollte Silberstein die Medaille gar nicht annehmen, weil er der Meinung war, ihm stünde das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse zu, mindestens aber das Verdienstkreuz am Bande. Und nun musste er sich mit dieser popeligen Medaille zufrieden geben, und dann noch die des Landes und nicht einmal die des Bundes. Aber es half ja nun nichts, besser die blöde Medaille, als gar nichts. Damals lebte seine Frau Esther noch und der Gedanke an eine Feierstunde in der Staatskanzlei ließ ihr das Herz aufgehen und den Busen schwellen und sie war sicher, dass ihre alten Freundinnen Editha Blumenthal und Golda Hirschfeld vor Neid platzen würden.
Baruch Silberstein gehört zu den so genannten polnischen Juden. Er war in Krakau zu Welt gekommen, hatte aber eine unglückliche Jugend. Zu einer Zeit, als seine Altersgenossen, wenn auch unter der Knute der deutschen Besatzer in Polen, noch spielen und herum toben durften vegetierte die Familie Silberstein im Konzentrationslager Auschwitz, wo Baruchs Eltern auch später vergast wurden. Baruchs einziger Bruder starb bald am Flecktyphus und nur Baruch selber überlebte wie durch ein Wunder das Grauen der Schoah körperlich halbwegs unbeschadet. In seine Seele konnte und sollte auch niemand hineinsehen, auch nicht seine Frau oder gar seine Kinder. Eine Tochter lebt jetzt in den USA und ein Sohn in Israel. Er sieht sie nur selten. Nach dem Kriege hatte es ihn nach Deutschland verschlagen, in das Land der Mörder, und hier war er hängen geblieben. Mit der Energie, die vielen der Überlebenden zu Eigen war, stürzte sich Baruch in das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit und des Wiederaufbaus. Seine ersten Geschäfte machte er als Schwarzmarkthändler. Nach der Währungsreform eröffnete er ein kleines Geschäft für Berufskleidung, das er ständig ausweitete und das nach wenigen Jahren zu den maßgeblichen Adressen der Stadt gehörte. Hinzu kam später ein Geschäft für Konfektionskleidung von der Stange mit dem Werbeslogan Für den Herrn, der das Besondere wünscht! und Baruch hatte die brillante Idee, keine kompletten Anzüge mehr anzubieten, sondern Jacken, Westen und Hosen aus gleichem Stoff aber jedes für sich. So konnte er viel mehr Kunden das Passende anbieten. Auch die mit zu kurzen Beinen, zu langen Armen und zu dickem Bauch konnten für kleines Geld bei Baruch Goldstein etwas finden, ohne dass die Kleidungsstücke geändert werden mussten. In der Stadt war er bald bekannt als der Zeugjude, das tat ihm aber nicht weh und es gehörte irgendwann zu seinem Image. Tag für Tag stand er in seinem Geschäft, beriet, nahm Maß, empfahl, riet ab. Fast jeder Konfirmationsanzug kam jahrelang aus seinem Geschäft und er achtete streng darauf, dass seine Kunden für ihr Geld eine anständige Qualität erhielten: Liebe gnädige Frau, sehen Sie doch einmal diesen wunderbaren strapazierfähigen Stoff. Hundertzwanziger Kammgarn, reine Schurwolle. Und wenn denn junge Mann einmal gewachsen sein sollte – das wollen wir ja doch stark hoffen, hä, hä, dann ist in den Säumen immer noch Material, das man auslassen kann. Für solche Qualität steht Baruch Goldstein mit seinem Namen!
Seinen wichtigsten Schritt tat Baruch, als er sich als Gesellschafter an einem ganz neuen Projekt für modische Herrenbekleidung beteiligte. Die Marke hieß Carlo Pietro und gab vor, original italienische Mode zu sein, wie sie damals im Kommen war. Tatsächlich wurden die Hemden, Pullover T-Shirts in der Türkei genäht und erhielten als Markenlogo eine kleine Schildkröte auf der Brusttasche der Hemden. Der Laden brummte und als Baruch siebzig war, zog er sich aus dem Geschäft zurück. Bis dahin war er mit eiserner Disziplin jeden Tag, auch am Schabbat nach der Synagoge, in seinen Laden gegangen um die Verkäufer zu überwachen. Sein Geschäft hatte ab1970 einen neuen Slogan Zu Goldstein gehen oder nackt laufen und erstreckt sich mittlerweile über drei Etagen in zweitbester Einkaufslage. Nur die Berufskleidung hatte er später wegen der stärker werdenden Internetkonkurrenz aufgegeben.
Auch im Gemeindeleben hinterließ Baruch seine Spuren. Er war in den verschiedenen Gremien der Gemeinde tätig gewesen, nur für Kultus hatte er sich nie interessiert. Er war jedermann angesehen und beliebt und hatte es viele Jahrzehnte hindurch verstanden, mit den meisten Leuten gut auszukommen. Außer mit Chaim Herzog, diesem Dorn in seinem Fleisch, der Baruch seit seinem Auftauchen in Deutschland in die Quere gekommen war. Kaum hatte Baruch sein Geschäft für Herrenbekleidung in der Kanalstraße eröffnet, eröffnete Chaim seinen Herzog-Family-Market und kaum waren die ersten Schildkröten auf die Brusttaschen von Baruchs Hemden gestickt, musste Chaim mit seinem debil grinsenden Koala Bären nach klappen. Die ärgste Chuzpe leistete sich Chaim aber, als er sich Mitte der siebziger Jahre, da war er gerade mal fünfzig, fünfzig! das Großes Verdienstkreuz mit Stern geschnorrt hatte. Das große Verdienstkreuz!! Nur weil der Schmock ein paar Jahre Vorsitzender des Gemeindevorstands war. War wohl alles nur durch Schmu und Beziehungen zu erreichen gewesen. Der Herzog hatte es ja schon immer dicke mit den Gojim, dabei musste er 1950 noch einen Giur Lechumra machen um überhaupt in die Gemeinde zu kommen, weil sein Vater eine Schikse geheiratet hatte, deren Übertritt wohl nicht ganz koscher war und sogar bei dem damaligen liberalen Rabbiner nicht durch ging. Weil ihm das jüdische Altersheim zu nebbich war, sitzt Herzog jetzt in irgend so einem pompösen gojischen Altersheim, wo sie einem den Hintern mit Seidenläppchen abputzen. Aber das Große Verdienstkreuz!
Abgesehen davon hat Baruch Silberstein keine Feinde.
Liebe Juden,
der seit tausenden von Jahren von euch gegen den Rest der zivilisierten Menschheit geführte Krieg, ruft immer mehr Widerstand hervor. In euren seit Jahrtausenden immer wieder mit höchster Akkuratesse abgepinselten Schriften aus geistig archaischen Zeiten wird der Mord, die Vernichtung und Versklavung anderer Ethnien mit oberster Priorität bedacht. Bei Bedarf werden natürlich Änderungen aufgenommen. So, als nach tausenden Jahren eurer ersten Religionsschriften die ersten Christen mit ihrer ethisch überlegenen Spiritualität auftauchten. Da kam dann schnell euer Gott gelaufen und flüsterte euch, dass ihr die abschlachten sollt. Die Christen. Und später dann noch die Amalekiter, die Deutschen. Wäre ihm doch 'ne große Freude für ihn. Und so steht's jetzt in eurem Talmud. Wie von Gott befohlen. Nicht von euch erdacht – nein nein – von Gott befohlen. Tausende Jahre nach den ersten Dienstanweisungen eures Gottes, bzw. eurer Stammesführer, als ihr faulen Viehhirten euch mit fleißigen Ackerbauern anlegtet. Und wer will dagegen etwas sagen? Gegen die Anweisung eines Gottes? Muß jeder Respekt vor haben. Is ja 'ne Religion. Und schließlich wollen wir doch die religiösen Gefühle anderer Menschen nicht verletzen. Auch wenn es sich um Mordanweisungen gegen uns selber handelt.Euer Amalek
Das Schreiben ging an die Jüdische Gemeinde. Da antisemitische Mitteilungen immer wieder und in letzter Zeit häufiger hier eintraffen, wurde dieses Schriftstück nicht weiter beachtet und es landete in einem extra für solcherart Dokumente angelegten Ordner.
Der vierte Fall verlief dramatischer. Am zweiten Sonnabend im August wurden mehrere Personen in das hiesige Städtische Krankenhaushaus eingeliefert das inzwischen längst von der bundesweit tätigen Aktiengesellschaft Sanora übernommen worden und jetzt ein rein kommerzieller Betrieb ist. Alle betroffenen Personen waren Mitglieder der Jüdischen Gemeinde und hatten am vorhergehenden Schabbat an einem Kiddusch in der Synagoge teilgenommen. Sie zeigten Symptome einer leichten bis mittelschweren Lebensmittelvergiftung, obwohl die Symptome bei allen betroffenen Personen unterschiedlich stark ausgeprägt waren. Zwei Kranke konnten nach ein oder zwei Tagen entlassen werden, der dritte musste bis Mitte der folgenden Woche bleiben. Eine vierte Person konnte das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen. Es handelte sich hierbei um einen gewissen Gabriel Kamenetzky, der schon wegen hohen Blutdrucks und einer vorgeschädigten Niere eine schlechte Prognose hatte und nach nur zwei Tagen verstarb. Die Untersuchung der anderen Opfer und eine Obduktion des verstorbenen Herrn Kamenetzky förderte bereits am Sonntag eine eindeutige Krankheits- und Todesursache zutage: akute Arsenik-Vergiftung. Damit war der Anfangsverdacht einer vorsätzlichen Straftat erfüllt so landete der Fall am Montagmorgen um acht Uhr zu Dienstbeginn auf dem Schreibtisch von meines alten bekannten Hansjürgen Parnas, einem Kriminaloberkommissar bei der Mordkommission. Genau genommen natürlich nicht auf dem Schreibtisch, sondern auf dem Desktop seines Computers im Ordner Neue Fälle. Parnas war froh, am Freitag endlich seinen Stapel mit laufenden Fällen abgearbeitet zu haben und hatte die Hoffnung, sich jetzt einem ungeklärten Altfall widmen zu können, bei dem eine Frau durch das Gift einer grünen Mamba getötet worden war. Der Fall war insofern skurril, als nach diesem Ereignis sowohl die grüne Mamba als auch der Ehemann des Opfers spurlos verschwunden waren und der Verdacht bestand, dass entweder der Ehemann der Täter oder das weitere Opfer eines Schlangenbisses war. Jedenfalls laufen in Deutschland grüne Mambas nicht frei in der Gegend herum und bisher gab es keine heiße Spur. Nun blieb die grüne Mamba erst mal dort, wohin auch immer sie sich verkrochen haben mochte und Parnas musste sich des neuen Falls annehmen, einer bemerkenswerten Häufung von Vergiftungen und einem damit zusammenhängenden Todesfall. Das gerichtsmedizinisches Gutachten war eindeutig. An Arsen vergiftet man sich ja nun nicht aus Versehen und außerdem ist Arsen ziemlich aus der Mode gekommen und höchsten in alten Kriminalromanen zu finden. Und dann auch noch in der Jüdischen Gemeinde. Mit gemischten Gefühlen dachte Parnas an den Mordfall in der Mikwe zurück, der seine Aufklärungsbilanz so nachteilig beschädigt hatte. Nun, es half ja nichts. Wäre auch gleich eine gute Gelegenheit den neuen Kollegen Wilfried Kleinschmidt einzuarbeiten, mit dem er sich nun auch noch abgeben musste seit die Kollegin Schulz sich zu den EDV-Leuten hatte versetzen lassen. Dabei war die Zusammenarbeit mit ihr gar nicht so schlecht gewesen, denn sie hatte mit ihren Internetkenntnissen doch einiges Licht in verzwickte Fälle gebracht.
Herr Kleinschmidt? eröffnete Parnas das Telefonat.
Am Apparat, Herr Oberkommissar.
Herr Kleinschmidt, ich habe zwei Bitten an Sie. Erstens hören Sie bitte damit auf, mich den ganzen Tag mit Herr Oberkommissar anzusprechen. Mein Name ist Parnas. So wie Montparnasse in Paris. Und zweitens, kommen Sie doch bitte mal in mein Büro.
Sofort, natürlich, Herr Oberkommissar, äh, Herr Montparnasse. Ich komme sofort.
Kleinschmidt ist eigentlich ein ganz patenter Junge. Seine große Liebe gilt eigenartigerweise seinen Schlangen die er wöchentlich mit einer Portion weißer Mäuse fütterte. Im Grunde ein lustiger Geselle nur noch etwas verklemmt und wahrscheinlich schwul. Na, das würde Parnas ihm in der nächsten Zeit noch zurechtbiegen müssen, natürlich nicht das Schwule, sondern das Verklemmte.
Gabriel Kamenetzky war sein Leben lang nie recht froh geworden. In Ungarn war er geboren, seine Eltern hatten in Budapest ein Pelzgeschäft und Gabriel besuchte eine Mittelschule. Zu Hause sprach man deutsch, im Geschäft ungarisch und in der Synagoge jiddisch. Gabriels Eltern waren mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz in den Tod geschickt worden und Gabriel blieb dieses Schicksal nur erspart, weil er auf den Wink eines wohl meinenden Nachbarn hin das Weite gesucht und sich in einem Heuschober auf dem Lande verborgen gehalten hatte. Dort schlug er sich mehr schlecht als recht durch, bis der Krieg aus war. Zurück in Budapest, fand er die elterliche Wohnung von ehemaligen Pfeilkreuzlern belegt und das Geschäft geplündert. Seine wenigen Verwandten waren verschollen. Gabriel versuchte sich in einem Land zu arrangieren das, dem faschistischen Terror kaum entronnen, sich nun dem kommunistischen Terror ausgesetzt sah. Also schlug er sich eines Tages über die Grenze nach Österreich durch und stellte zu seiner Verwunderung fest, dass es in Wien keinen einzigen Nazi, sondern nur Opfer des Faschismus gab. Da dachte er sich, er könne auch gleich weiter ziehen und begab sich nach dem Osten Deutschlands. Hier lebten jedoch nur Kämpfer gegen den Faschismus, und die politische Kaste sich den Sowjets an die Brust geworfen. Das kannte er schon aus Ungarn und dachte sich, schlechter könne er es weiter westlich auch nicht treffen. Zu seinem größten Erstaunen gab es auch im Westen keine Nazis sondern nur Demokraten, die ließen ihn aber wenigsten in Ruhe. Mit seinem charmanten ungarischen K.u.K-Dialekt erweckte er auch weniger Misstrauen, als hätte er deutsch mit sächsischem Einschlag gesprochen. Damals war er gerade neunzehn Jahre alt. Die Bundesrepublik Deutschland war noch nicht gegründet, die neue Währung gab es aber schon. So fand sich Gabriel Kamenetzky inmitten des deutschen Wiederaufbaus, an dem auch er einen bescheidenen Anteil hatte. Zwar war seine Schulausbildung unvollständig, einen Beruf hatte er nicht erlernt aber da der bei seinem Vater allerlei über Pelze und deren Verarbeitung mitbekommen hatte, fand er gegen mäßige Bezahlung ein Unterkommen bei einem Kürschner in Frankfurt, der alsbald gute Geschäfte mit den amerikanischen Besatzungssoldaten machte. Ohne eine reguläre Berufsausbildung etablierte sich Kamenetzky später selbstständig im Pelzhandel und so zog sich die Zeit hin bis 1956, als es zum blutigen ungarischen Aufstand kam. In dessen Folge gelang es Gabriel, sich als kommunistisch Verfolgter in Deutschland einen gesicherten Aufenthaltstitel zu erwerben, der wenige Jahre später in der Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft seine Vollendung fand. Mit siebenundzwanzig Jahren heirate Kamenetzky eine Jüdin, die ebenfalls aus Ungarn stammte und beide hatten ein gemeinsames Kind. Dieses erkrankte schon mit drei Jahren an einer Meningitis und starb bald darauf. Dieser Schicksalsschlag hinterließ tiefe Spuren in Gabriels Frau und die noch junge Ehe scheiterte. Der Pelzhandel warf bis in die siebziger Jahre ganz ordentliche Gewinne ab, mit denen es später jedoch langsam aber stetig bergab ging. Aktivisten besprühten Pelzträgerinnen mit Farbe um auf diese Weise gegen Missstände in der Pelztierzucht zu demonstrieren. So verlor der Pelz mehr und mehr von dem Glanz, den es Statussymbols des deutschen Wirtschaftswunders einmal hatte.
Gabriel hatte nicht die Kraft, sich umzustellen und beim Besuch der Synagoge fand er sich immer häufiger in der Gesellschaft persischer Teppichhändler, von denen viele früher gute Geschäfte gemacht hatten, die ihre Ware aber nun nicht mehr an den Mann bringen konnten. Pelze und echte Teppiche waren einfach out. Irgendwann in den neunziger Jahren verkaufte Kamenetzky seine letzten Pelze zu einem Schleuderpreis an einen Händler, der noch irgendwie durch hielt und gab sein Geschäft auf. Seinen schmalen Verdienst hatte er wenigstens in einer Lebensversicherungen und einem Pensionsfond gut angelegt, so dass sein Lebensabend halbwegs gesichert war. Sollte er jedoch einmal ein Pflegefall werden, was Gott verhüten möge, würde er in die Armut abrutschen und das Schicksal manches Altersgenossen teilen. So verlief das Leben des Gabriel Kamenetzky eigentlich glücklos. Hin und wieder nahm er an den Veranstaltungen der Gemeinde teil und freute sich auch jedes Mal, wenn es am Schabbat einen Kiddusch gab. Das sollte ihm nun zum Verhängnis werden.
Kurz nachdem Parnas die Giftgeschichte übernommen hatte, fand er sich im Büro des gemeindevorsitzenden Levy ein.
Guten Tag Herr Levy. Kennen Sie mich noch?
Aber sicher. Sie sind doch der von der Polizei, der Herr Parnas. Klar kenn' ich Sie. Kommen Sie doch rein. Und das ist Ihr neuer Kollege?
Ja, das ist Herr Kommissar Kleinschmidt.
Wo haben Sie denn Ihre nette Assistentin gelassen, wie hieß die doch gleich noch? Schulze?
Schulz, Herr Levy. Frau Schulz ist inzwischen befördert worden und widmet sich jetzt der Cyber-Kriminalität.
Aha, Computerhacken und so was?
Ja, so ähnlich. Herr Levy, wir möchten mit Ihnen diese Vergiftungen vom vorigen Sonnabend einmal besprechen. Das hat sich ja nun leider in den Räumen der Gemeinde abgespielt. Haben Sie irgendeine Idee, was das für einen Hintergrund hat?
Keine Ahnung Herr Parnas, ist mir ganz schleierhaft. Die Leute hier sind ziemlich schockiert. Und dass es den alten Kamenetzky treffen musste, das ist schon irgendwie tragisch. Das war eines unserer ältesten Mitglieder. Sollte nächstes Jahr fünfundachtzig werden. Hat die ganze Nazizeit überlebt. Und dann muss der wegen so einer Vergiftung dran glauben. Wirklich tragisch.
Sie selbst haben aber keinen Schaden davon getragen?
Nein ich war letzten Schabbat in München bei einer Bar Mitzvah. Der Sohn eines Freundes von mir. Wissen Sie, als ich selbst noch in dem Alter war, wurde von mir aber mehr verlangt als nur so eine Broche aufzusagen und ein paar Sätze Haftarah. Ich musste noch den ganzen Wochenabschnitt leinen, die Abschnitte für sieben Leute. Aber heute wird ja nichts mehr verlangt. Kann man ja auch an den Schulen sehen.
Sie waren also nicht in der Synagoge?
In der Synagoge schon, aber eben nicht hier, sondern in München. Tolle Synagoge haben die da. Nagelneu und nur vom Feinsten. Können wir nur von träumen mit unserer alten Bruchbude.
Und wann haben Sie davon erfahren?
Wann? Na am Sonnabend noch, so gegen vier hat mich der Cohn angerufen, der vom Sozialausschuss.
Am Schabbat?
Ja sicher, wieso nicht?
Ich denke, am Schabbat....
Herr Parnas, nun hören Sie mal auf, bitte. Sie reden ja schon wie der Rabbiner. Wir haben alle so unsere eigenen Traditionen. Ich sehe jedenfalls nicht ein, warum ich am Schabbat nicht telefonieren soll.
Das wird Ihrem Rabbiner Gottesman aber nicht passen.
Ach der Gottesman, gehn' Sie mir doch mit dem vom Hals.
Also am Sonnabend gegen vier haben Sie Kenntnis von dem Unglück erhalten.
Ja.
Und dann?
Was dann? Abends bin ich mit meiner Frau ins Residenz- Theater. Und ehe Sie wieder dumme Fragen stellen: da war immer noch Schabbat.
Sie fanden es aber nicht nötig, gleich nach Hause zu kommen?
Nein warum auch. War doch gar kein Anlass. Nur weil ein paar Leute Bauchschmerzen haben. Was glauben Sie wohl, wie viel Bauchschmerzen ich bei dieser Gemeinde habe. Da kommt auch keiner bei mir vorbei.
Aber immerhin ist ein Todesopfer zu beklagen.
Haben Sie nun auch wieder Recht. Aber erst hinterher. Da war ich natürlich wieder da.
Herr Levy, gleich nachdem eine Vergiftung als Todesursache festgestellt worden war, haben wir die Küche in Ihrer Synagoge versiegelt und momentan sind Beamte der Spurensicherung damit beschäftigt, Hinweise auf eine Quelle des Giftes zu finden. Sie können Ihre Küche aber schon demnächst wieder in Betrieb nehmen, weil wir alles, was uns verdächtig vorkommt, einfach mitgenommen und ins Labor gebracht haben.
Ja, das geht schon klar. Meinetwegen können Sie die Küche auch für ein paar Wochen ganz dicht machen. Dann sehen die Leute endlich mal, was die Gemeinde Ihnen an jedem Schabbat so bietet und sie werden vielleicht etwas Demut lernen. Aber das werden wir denen ohnehin in den kommenden vier Jahren noch beibringen müssen.
Wie soll ich das verstehen, Herr Levy?
Wir haben doch Gemeindewahlen am nächsten Sonntag. Ich glaube in diesem Laden muss noch eine Menge passieren. Das habe ich mir jedenfalls für die neue Legislaturperiode vorgenommen. Aber ich will Sie mit diesem Gemeindequark nicht langweilen.
Also ein gezielter Anschlag auf eine bestimmte Person ist das ja wohl nicht gewesen, sinnierte Parnas in einem Gespräch mit seinem neuen Kollegen Kleinschmidt. Dann hätte der Täter ja wohl nicht versucht, die halbe Beterschaft in der Synagoge zu vergiften ohne wenigstens sicher sein zu können, dass sein Opfer auch unter denen Vergifteten ist.
Es kann aber auch andersherum gewesen sein, Herr Parnas, der Täter hat seinen Anschlag breit angelegt, um Rückschlüsse zwischen Täter und Opfer zu erschweren.
Möglich ist das schon Kleinschmidt, aber die verabfolgte Giftmenge hätte doch in keinem Fall ausgereicht, um einen halbwegs gesunden Erwachsenen umzubringen. Den armen Kamenetzky hat es doch nur erwischt, weil der sowie schon halb über den Damm war. Der hätte genauso gut auch in der nächste Woche von ganz alleine den Löffel abgeben können. So gesehen war das eigentlich ein Zufallstreffer.
Aber denn wer kann denn ein Interesse daran haben, so viele Leute zu vergiften?
Ich bin zuversichtlich, dass wir es herausfinden werden.
Was war das überhaupt für ein Anlass, bei dem mehrere Menschen das Arsen gefuttert haben?
Das war ein Kiddusch
Ein was?
Ein Kiddusch. Das ist so eine Art Brunch im Anschluss an einen Gottesdienst.
Gottesdienst mit Brunch?
Jepp.
Und wann immer?
Jeden Samstag, und noch an einigen anderen Tagen des Jahres.
Und das kostet Eintritt?
Nein.
Alles umsonst?
Jepp.
Nicht schlecht. Ich werd' Jude.
Na dann viel Glück!
Und wo kommen die Lebensmittel her?
