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Unsere Gesundheit ist von dem geprägt, wer wir sind, wo wir leben, was wir tun und mit wem wir uns umgeben. In vielen Ländern ist die "medical geography" oder die "health geography" bereits ein etabliertes Fach und auch im deutschsprachigen Raum wächst die Beschäftigung mit den regionalen Gesichtspunkten von Gesundheit, Krankheit sowie Gesundheitsversorgungsleistungen. Die unterschiedlichen Forschungsansätze und die mit ihnen verknüpften Methoden werden in diesem Buch erstmals im deutschsprachigen Raum strukturiert und übersichtlich dargestellt. Hintergründe und Erklärungsansätze von Gesundheit und Raum Räumlich-geografische, sozialwissenschaftliche und medizinische Herangehensweisen mit Blick auf die besondere Interdisziplinarität des Fachs. Angewandte Forschungsbeispiele und Methoden Mobilitätsanalysen, Surveillance-Systeme, Geografische Informa-tionssysteme (GIS), Monitoring von Infektionserkrankungen, Kartografische Visualisierung, Mapping-Tools. Konkrete Anwendungsgebiete der Gesundheitsgeografie Unter anderem Epidemiologie, Gesundheitsversorgung sowie "Global Change and Health".
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2016
Geografie der Gesundheit
Geografie der Gesundheit
Augustin/Koller (Hrsg.)
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Gesundheit
Ansgar Gerhardus, Bremen; Klaus Hurrelmann, Berlin; Petra Kolip, Bielefeld; Milo Puhan, Zürich; Doris Schaeffer, Bielefeld
Jobst Augustin,
Daniela Koller
(Hrsg.)
Geografie der Gesundheit
Die räumliche Dimension von Epidemiologie und Versorgung
unter Mitarbeit von
Dirk Brockmann
Silke Buda
Thomas Claßen
Johannes Dreesman
Wilfried Endlicher
Conrad Franke
Antony C. Gatrell
Ramona Hering
Wolfgang Hoffmann
Christoph Höser
Daniel Karthe
Thomas Kistemann
Joseph Kuhn
Werner Maier
Jonas Pieper
Ron Pritzkuleit
Ines Schäfer
Holger Scharlach
Martina Scharlach
Rebekka Schulz
Jürgen Schweikart
Ulrike Stentzel
Leonie Sundmacher
Issouf Traoré
Neeltje van den Berg
Verena Vogt
Sven Voigtländer
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Lektorat Gesundheit
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Lektorat: Susanne Ristea
Red. Bearbeitung: Martin Kortenhaus, MTM GbR, Illertissen
Herstellung: René Tschirren
Umschlaggestaltung: Claude Borer, Riehen
Satz: punktgenau GmbH, Bühl
Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Český Těšín
Printed in Czech Republic
1. Auflage 2017
© 2017 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95525-4)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75525-0)
ISBN 978-3-456-85525-7
http://doi.org/10.1024/85525-000
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Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.
Dieses Dokument ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt und darf in keiner Form vervielfältigt und an Dritte weitergegeben werden. Aus Gudrun Faller – Lehrbuch Betriebliche Gesundheitsförderung (ISBN 9783456755694) © 2017 Hogrefe Verlag, Bern
Geleitwort
Vorwort
Einführung
1Hintergrund und Bedeutung der medizinischen Geografie
Jürgen Schweikart, Thomas Kistemann
1.1 Erkenntnisgewinn einer räumlichen Betrachtung von Gesundheit
1.1.1 Einleitung
1.1.2 Von der Antike zur heutigen Gesundheitsgeografie
1.1.3 Im Kraftfeld zwischen Medizin und Geografie
1.1.4 Mehrwert geografischer Analysen
1.1.5 Fazit und Perspektiven
Sven Voigtländer
1.2 Erklärungsansätze und Erklärungsmodelle zum Zusammenhang von Raum und Gesundheit
1.2.1 Einleitung
1.2.2 Bedeutung sozialer Ungleichheit
1.2.3 Erklärungsansätze zu bestimmten räumlichen Merkmalen
1.2.4 Umfassendere Erklärungsmodelle
1.2.5 Fazit
II Methoden der geografischen Gesundheitsforschung
2Methoden der geografischen Gesundheitsforschung
Johannes Dreesman
2.1 Räumlich-statistische Analyse von epidemiologischen Daten
2.1.1 Motivation
2.1.2 Formale Darstellungen
2.1.3 Disease-Mapping auf der Basis von Regionaldaten
2.1.4 Räumliche Autokorrelation und Cluster-Tests
2.1.5 Räumliche Regressionsmodelle für Regionaldaten
2.1.6 Methoden für räumlich kontinuierliche Daten (geostatistische Methoden)
Werner Maier
2.2 Messung und Bewertung regionaler Deprivation
2.2.1 Geografie und Gesundheit
2.2.2 Regionale Gesundheitsunterschiede und soziale Lage
2.2.3 Das Konzept der Deprivation: relativ, multipel und regional
2.2.4 Operationalisierung und Messung regionaler Deprivation durch Deprivationsindizes
2.2.5 Deprivationsindex für Deutschland
2.2.6 Methodologische Herausforderungen
2.2.7 Fazit
Ulrike Stentzel, Wolfgang Hoffmann, Neeltje van den Berg
2.3 Mobilitätsanalysen in der Gesundheitsforschung
2.3.1 Einleitung
2.3.2 Analysen von Erreichbarkeiten
Silke Buda
2.4 Surveillance und Monitoring von Infektionskrankheiten am Beispiel akuter Atemwegserkrankungen mit Schwerpunkt Influenza
3Methoden der geografischen Gesundheitsförderung
Christoph Höser
3.1 GIS und Mapping-Tools
3.1.1 Werkzeuge
3.1.2 Auswahlkriterien
3.1.3 Ausblick: Potenziale von GIS
3.1.4 Fazit
Jonas Pieper, Conrad Franke
3.2 Kartografische Visualisierung in der Gesundheitsgeografie
3.2.1 Einleitung
3.2.2 Karten verstehen
3.2.3 Nutzung von Karten in der Gesundheitsgeografie
3.2.4 Von der Krankheitskartierung zum Health Mapping
3.2.5 Folgen der technologischen Entwicklung
3.2.6 Grundlagen der thematischen Kartenerstellung
3.2.7 Klassenbildungsmethoden
3.2.8 Kartentypen
3.2.9 Sonderformen
3.2.10 Kartografische Umsetzung gesundheitsgeografischer Themen
3.2.11 Fazit
Holger Scharlach, Martina Scharlach
3.3 Gesundheitsatlanten
3.3.1 Entwicklung von Gesundheitsatlanten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts – Verbreitung von Krankheiten im Fokus
3.3.2 Entwicklung von Gesundheitsatlanten seit der Mitte des 20. Jahrhunderts – Entwicklung der Informationstechnik und Erschließung neuer Themen
3.3.3 Atlasredaktion und themakartografische Darstellungsmethoden
3.3.4 Fazit
Jobst Augustin, Daniela Koller
3.4 Exkurs: Gute kartografische Praxis im Gesundheitswesen
3.4.1 Hintergrund
3.4.2 Zielsetzung
3.4.3 Implementierung
III Anwendungsgebiete der Gesundheitsgeografie
4Epidemiologie
Ron Pritzkuleit
4.1 Krebsepidemiologie
4.1.1 Einleitung
4.1.2 Datengrundlage
4.1.3 Kartografische Besonderheiten in der Krebsepidemiologie
4.1.4 Lokale Häufungen und Risikokommunikation
Rebekka Schulz, Joseph Kuhn
4.2 Regionale Unterschiede der Lebenserwartung in Bayern – ein 10-Jahres-Vergleich
4.2.1 Regionale Unterschiede in Bayern: das Nordost-Süd-Gefälle
4.2.2 Methodische Erläuterungen und Datengrundlage für die Analyse
4.2.3 10-Jahres-Vergleich der regionalen Lebenserwartung in den bayerischen Landkreisen und kreisfreien Städten
4.2.4 Einflussfaktoren auf die Lebenserwartung 1999–2001 und 2009–2011
4.2.5 Resümee und Ausblick
Thomas Claßen
4.3 Bebaute Umwelt und Gesundheit
4.3.1 Bebaute Umwelt im Modell der Gesundheitsdeterminanten
4.3.2 Wenn uns die bebaute Umwelt schaden kann: der Blick auf einige „Umwelt-Stressoren“
4.3.3 Nicht alles ist schlecht: gesundheitsförderliche Aspekte der bebauten Umwelt
4.3.4 Alles geklärt? Ein kritisches Resümee
5Gesundheitsversorgung
Daniela Koller, Jobst Augustin
5.1 Regionale Versorgungsanalysen mit Routinedaten
5.1.1 Antibiotika – Relevanz für die Versorgungsforschung
5.1.2 Routinedaten als Analysebasis – das Problem der regionalen Zuordnung
5.1.3 Regionale Versorgungsforschung – ein Ausblick
Ramona Hering
5.2 Erreichbarkeit und Mitversorgungsbeziehungen
5.2.1 Hintergrund
5.2.2 Studien zur Erreichbarkeit von Gesundheitseinrichtungen
5.2.3 Studien zu Mitversorgungsbeziehungen
5.2.4 Zusammenfassung und Diskussion
Leonie Sundmacher, Verena Vogt
5.3 Qualitätssicherung durch regionale Analysen
5.3.1 Dartmouth Atlas of Health Care
5.3.2 Weitere Konzepte
5.3.3 Fazit
6Global Change and Health
Wilfried Endlicher
6.1 Klimawandel und Gesundheit in Deutschland: thermische Extreme
6.1.1 Globale Erwärmung und Klimaextreme
6.1.2 Hitzeextreme und ihre gesundheitlichen Folgen
6.1.3 Fazit und Schlussfolgerungen
Dirk Brockmann
6.2 Dynamik und Ausbreitung von Infektionserkrankungen in einer globalisierten, vernetzten Welt
6.2.1 Schlüsselfaktoren und Mobilitätsmuster
6.2.2 Berechnung von Vorhersagen
6.2.3 Umsetzung in der Praxis
Daniel Karthe, Issouf Traoré
6.3 Geografische Determinanten und Ausbreitungsmuster vektorübertragener Infektionskrankheiten in Westafrika
6.3.1 Vektorübertragene Infektionskrankheiten in Westafrika: ein Überblick
6.3.2 Fallbeispiel Malaria
Korrespondenzadressen der Autorinnen und Autoren
Sachwortregister
This excellent collection of essays by German scholars is a most welcome addition to the literature on the geography of health and disease. It is timely and provides a comprehensive coverage of recent research by a growing community of scholars.
It is particularly welcome since German scientists and cartographers in the late eighteenth and early nineteenth centuries – such as Finke, Berghaus, Petermann, and of course von Humboldt – led the way in revealing how a geographic perspective could illuminate the study of health and disease. For reasons that may demand further enquiry, that early tradition lapsed and instead it was the group of outstanding German location theorists in the first half of the twentieth century – Weber, Christaller, Lösch – that dominated positivist Anglo-American geography in the latter decades of that century.
During those same recent decades the sub-discipline of medical geography emerged, led both by those looking at the interactions between the physical environment, cultural practices and human health (a “disease ecology” approach) and those concerned with modelling the spatial distribution and spread of disease (spatial diffusion) and the optimal configuration of health services. The key contributors to this field came from North America and Britain. More recently, these concerns have been mirrored by a social, and especially cultural, “turn” in which the specific characteristics of places and care settings have come to the fore; here, we may speak of ‘health geography’ as much as of „medical geography”. Specialist journals such as Health & Place have emerged to cater for research in both traditions. Again, the key contributors have come from Britain, Canada, and the United States, joined by scholars working in New Zealand. As a result, much of the literature has been published in English language journals and edited books and it is refreshing to see material now being written in German, such as in this collection. The strength of this volume is its wide coverage of all the key topics concerned with the way in which space shapes the distribution of disease and healthcare provision.
In this volume there is welcome attention given to the methods and techniques needed in spatial epidemiology and health care planning – techniques of spatial analysis (including visualisation and exploratory methods) and geographic information science. The cartographic tradition to which I referred earlier is given a contemporary treatment and is so important on helping to pose new research questions and hypotheses for further testing.
German scholars have been at the forefront of developing our understanding of infectious disease. This demands constant attention and vigilance (surveillance), given the emergence of new, and re-emergence of older, pathogens that threaten population health. Considering the porosity of international borders, enabled by the growth of air travel and the convergence of places in time-space, the optimism of the 1960s that infectious disease might give way to chronic conditions as the major sources of mortality and morbidity now seems badly misplaced. We desperately need the insights of those modelling disease spread – but, crucially, informed by a spatial imagination – to help explain, predict and control such spread. So the chapters on these topics, and on the mobility of people and viruses, are especially timely. Further, the ‘reach’ of these diseases will be shaped not only by population movements but by environmental, and particularly climate, change. We need to know not simply by how much global temperatures might increase but what the consequences of these increases might be in particular regions and how they might impact on the distribution of major infections such as malaria but also those diseases which have been relatively neglected. Here, too, geographers in Germany are illuminating these impacts as this collection shows.
But we need also to attend to the social distribution of disease and ill-health and to understand (and, of course, address) the socially unequal distribution of mortality and morbidity. This has spawned a vast literature in the UK, USA, New Zealand and in parts of continental Europe. So it is refreshing to see geographers and epidemiologists in Germany covering literature on the links between social deprivation and ill-health. Where you live helps shape your life chances, and this includes health and well-being as much as employment and housing (themselves determinants of health, of course). Where you live also shapes your access to health services, whether for primary, secondary of more specialised (tertiary) health services. Access to child health services, such as immunisation, or to screening for cancers of the breast, cervix, or colon, is shaped in part by relative location and, again, this collection considers these topics. The question of where to locate such services so as to optimise both access as well as the efficiency of provision is one that remains pertinent, particularly as those delivering such services in advanced economies continue to face budgetary pressures in the current economic climate.
The essays in this collection deserve a careful reading, not only within Germany but much further afield, and I commend the editors, authors, and publisher for seeing this excellent collection into print. It will prove to be a rich resource for geographers, epidemiologists, and health professionals for many years to come.
Tony Gatrell
Lancaster University
Geografie der Gesundheit – mit diesem Buch soll eine Lücke in der deutschsprachigen Literatur zu einem Thema geschlossen werden, das sowohl in Forschung und Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit immer präsenter wird.
Unsere Gesundheit ist von dem geprägt, wer wir sind, wo wir leben, was wir tun und mit wem wir uns umgeben. All dies sind Punkte, die einen räumlichen und damit geografischen Bezug haben. In vielen Ländern, vor allem im anglo-amerikanischen Raum, ist die „medical geography“ oder die „health geography“ bereits ein etabliertes Fach. Wenngleich das Fach im deutschsprachigen Raum, im internationalen Vergleich, weniger prominent ist, gibt es eine wachsende Anzahl von Personen und Institutionen, die sich mit regionalen Gesichtspunkten von Gesundheit, Krankheit oder der Verteilung von Gesundheitsversorgungsleistungen beschäftigen.
Unsere Motivation besteht darin, die unterschiedlichen Forschungsansätze und die mit ihnen verknüpften Methoden erstmals in einem deutschsprachigen Buch zusammenzutragen.
Der erste Buchteil (I) beinhaltet Beiträge, die sich mit den Hintergründen und Erklärungsansätzen von Gesundheit und Raum beschäftigen und den Mehrwert aufzeigen, den eine räumliche Betrachtung von Gesundheit und Versorgung mit sich bringt. Dabei wird vor allem Fragen nach den Zusammenhängen zwischen Geografie und Gesundheit und deren verschiedenen Dimensionen nachgegangen. Darüber hinaus werden die historische Entwicklung und Interdisziplinarität des Faches aufgezeigt, die sich auch nicht zuletzt in den unterschiedlichen fachlichen Hintergründen der Autoren widerspiegeln.
Der zweite Buchteil (II) beschäftigt sich mit angewandten Forschungsbeispielen, die vor allem durch ihre Methoden zu charakterisieren sind. Der erste Abschnitt beinhaltet Textbeiträge verschiedener Messinstrumente und -methoden, wie Surveillance-Systemen oder den Zusammenhängen von Gesundheit und regionaler Deprivation. Der zweite Abschnitt des Kapitels widmet sich vor allem der kartographischen Umsetzung sowie den Anwendungsmöglichkeiten von Geografischen Informationssystemen (GIS) der Gesundheitsforschung.
Im dritten Buchteil (III) werden schließlich Beiträge aufgeführt, die die vielseitigen Anwendungsgebiete der Gesundheitsgeografie aufzeigen. Die Autoren beschreiben dabei spezielle Forschungsarbeiten, die am Schnittpunkt von regionalen und gesundheitsspezifischen Themen entstehen. Dabei sind die drei Schwerpunkte: Epidemiologie, Gesundheitsversorgung sowie Global Change and Health zu nennen. Hier werden zum einen die regionale Dimension verschiedener Erkrankungen oder Krankheitsursachen sowie zum anderen die Auswirkungen regionaler Verteilungen von Versorgungsstrukturen thematisiert. Im Kapitel Global Change and Health werden globale Veränderungen thematisiert und Bereiche wie Klimawandel, globale Mobilität und Infektionskrankheiten betrachtet.
Insgesamt liefert dieses Buch damit nicht nur einen Überblick über das Thema Geografie und Gesundheit. Es zeigt auch die Vielseitigkeit der Fragestellungen auf, die von unterschiedlichen Institutionen und Personen in Deutschland bearbeitet werden.
Das Buch kann aufgrund der großen Themenvielfalt in der Gesundheitsgeografie keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben. So sind die hier vorgestellten Arbeiten beispielsweise methodisch zum Großteil im quantitativen Bereich angesiedelt – eine qualitative Forschung zu Geografie und Gesundheit ist zwar im internationalen Bereich bekannt, wird in Deutschland aber noch nicht verbreitet angewandt.
Wir als Herausgeber freuen uns über diese große Bandbreite an Beiträgen und bedanken uns herzlich bei allen mitwirkenden Autoren, durch die dieses Buch erst entstehen konnte und die es zu einem so vielschichtigen Sammelwerk machen.
Ebenso gilt unser Dank den Mitarbeiter/innen des Hogrefe Verlages, durch deren Interesse am Thema dieses Buch herausgegeben werden konnte. Darüber hinaus gilt unser Dank Herrn Mario Gehoff für das Lektorat sowie Prof. Dr. Matthias Augustin (Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und Pflegeberufen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) und Prof. Dr. Leonie Sundmacher (Fachbereich Health Services Management, Ludwig-Maximilians-Universität München) für die institutionelle Unterstützung.
Hamburg/München, im Dezember 2016
Jobst Augustin, Daniela Koller
Einführung
Hintergrund und Bedeutung der medizinischen Geografie
Augustin, Koller
Geografie und Gesundheit sind zwei Themenbereiche und Forschungsschwerpunkte, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemein haben. Zunehmend wird aber die räumliche Dimension von Gesundheit, Krankheit und medizinischer Versorgung betrachtet. Der Grund liegt vor allem darin, dass der Wohnort und die Lebensumwelt eines Menschen einen entscheidenden Einfluss darauf haben, ob er bestimmten Umwelteinflüssen (im positivem oder negativem Sinne) ausgesetzt ist, welche Krankheiten in dieser Gegend auftreten oder welchen Zugang zur Gesundheitsversorgung er hat.
Das Kapitel 1 umfasst zwei Beiträge: J. Schweikart und T. Kistemann betrachten die Geografie der Gesundheit von ihren Anfängen in der Antike bis hin zu aktuellen Themen. Darüber hinaus zeigen die Autoren, wie Wissenschaft und Praxis davon profitieren können, wenn die Geografie bei gesundheitsspezifischen Fragestellungen berücksichtigt wird.
Der Beitrag von S. Voigtländer zeigt auf, welche Zusammenhänge es zwischen Raum und Gesundheit gibt und stellt die Fachdisziplin in den Kontext der bereits etablierten Forschungsrichtungen der Sozialmedizin und Public Health.
Dieses Kapitel gibt also einen Überblick darüber, wie die Forschungsrichtungen „Medizin“ und „Geografie“ historisch wie auch aktuell miteinander im Zusammenhang stehen und warum nicht nur individuelle Eigenschaften, sondern auch die physische wie soziale Umwelt die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten beeinflussen können.
Sven Voigtländer
Die Diskussion darüber, ob sich die Menschheit im Anthropozän, d.h. dem Zeitalter des Menschen, befindet (z.B. Crutzen & Stoermer, 2000), verdeutlicht, wie umfassend der Einfluss des Menschen auf das Antlitz der Erde und ihr Ökosystem ist. Dieser Einfluss hat nicht nur eine physisch-materielle, sondern auch eine soziale Dimension, die sich beispielsweise an den entstandenen Siedlungsstrukturen ablesen lässt. Das bedeutet, dass „Raum nicht bloßer Behälter oder apriorische Naturgegebenheit ist, sondern als Bedingung und Resultat sozialer Prozesse gedacht und erforscht werden muss“ (Löw, 2008). Dies gilt auf globaler und nationalstaatlicher Ebene ebenso wie auf der regionalen und lokalen bzw. nachbarschaftlichen Ebene.
Auch Dangschat (2007) geht von einem solch relationalen Raumkonzept aus und versteht Raum – hier paraphrasiert und zusammengefasst – als etwas,
dessen konkrete materielle Erscheinungsform nicht nur schlicht gegeben ist,sondern unter gesellschaftlichen Machtbedingungen, vermittelt über Regularien und den Markt, seine Erscheinungsform erhält und so Orte mit mehr oder weniger starken Unterschieden der Wohnqualität und Erreichbarkeit mit Preisen versieht;das in seiner Bedeutung maßgeblich durch die Interaktionsformen der Menschen, die durch Merkmale sozialer Ungleichheit gekennzeichnet sind, im Raum bestimmt wird unddessen symbolische Wirkung aus gebauter Umwelt, der sozial differenzierten Sichtbarkeit der Akteure, ihren Toleranzmustern, Lebensstilen und Aktionsräumen in Wahrnehmungs- und Bewertungsprozessen ermittelt wird.In Anlehnung an diese Begriffsbestimmung von Raum ist das Ziel dieses Beitrags, eine Einführung in sozialepidemiologische Erklärungsansätze und Erklärungsmodelle zum Zusammenhang von Raum und Gesundheit (bzw. Krankheit) zu geben. Dabei wird zunächst auf die Bedeutung von sozialer Ungleichheit für die räumliche Verteilung von Menschen sowie gesundheitsrelevanten Ressourcen und Belastungen eingegangen, bevor im Anschluss daran spezifische Erklärungsansätze sowie umfassendere Erklärungsmodelle vorgestellt werden. Räumlich verteilte Ressourcen und Belastungen werden hier nicht als unabhängige, eigenständige Einflussfaktoren verstanden, sondern als intermediäre Faktoren, die den Einfluss sozialer Ungleichheit auf gesundheitliche Ungleichheit vermitteln. Der Fokus dieses Kapitels liegt auf der regionalen und nachbarschaftlichen, weniger auf der globalen und nationalstaatlichen Ebene.
Soziale Ungleichheit bezeichnet im Wesentlichen die strukturelle Ungleichverteilung knapper und begehrter Ressourcen auf die Mitglieder einer Gesellschaft sowie die dadurch bedingte Chancenungleichheit, individuelle Lebensziele zu erreichen (Hradil, 1987; Steinkamp, 1993). Bei der Anordnung von Menschen sowie von gesundheitsrelevanten Ressourcen und Belastungen im Raum handelt es sich nicht nur um ein Spiegelbild sozialer Ungleichheit, sondern auch um einen Prozess der Reproduktion sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit (vgl. Dangschat, 2007; Löw, 2008; Bourdieu, 1998).
In der (deutschen) Soziologie gibt es eine breite Debatte, wie sich die Ungleichverteilung knapper und begehrter Ressourcen am besten erklären lässt. Klassen- und Schichtmodelle gelten allgemeinhin als überholt, da sie die Lage von Menschen in der Struktur sozialer Ungleichheit nur noch unzureichend erfassen (Steinkamp, 1993; Dangschat, 2007). Als Grund hierfür wird angeführt, dass der Zusammenhang zwischen Bildungstand, Beruf und Einkommen schwächer wurde und es diesen Modellen an der Berücksichtigung neuer, manchmal auch als „horizontal“ bezeichneter Ungleichheiten mangelt (Steinkamp, 1993; Dangschat, 2007). Dazu zählen Arbeitsbedingungen, öffentliche Versorgungschancen sowie Bevorzugungen und Benachteiligungen im Zusammenhang mit askriptiven Merkmalen wie Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit (Steinkamp, 1993). In Anlehnung an Bourdieu erwähnt Dangschat (2007) in diesem Zusammenhang noch kulturelle Fertigkeiten und soziale Netzwerke als bestimmende Faktoren der sozialen Lage bzw. Lebenslage. Die genannten Merkmale werden in Ergänzung der 3 klassischen Schichtmerkmale Bildung, Beruf und Einkommen zum sog. (Lebens-)Lagenansatz zusammengefasst, d.h. sie konstruieren den Handlungsspielraum zur Erreichung individueller Lebensziele. Der Lagenansatz scheint demnach zur Beschreibung der Struktur sozialer Ungleichheit besser geeignet zu sein als die klassischen Modelle und soll daher im Rahmen dieses Beitrags zugrunde gelegt werden. Darüber hinaus wurden mit dem Milieu- und Lebensstilkonzept weitere Ansätze zur Erfassung sozialer Ungleichheit vorgeschlagen, die vor allem Wertegemeinschaften bzw. Verhaltensweisen bezeichnen (Dangschat, 2007) und hier als dem Lagenansatz nachrangig betrachtet werden.
Die Bedeutung sozialer Ungleichheit für den Zusammenhang von Raum und Gesundheit ist vielfältig. Wie oben bereits erwähnt, handelt es sich bei der Anordnung von Menschen sowie von gesundheitsrelevanten Ressourcen und Belastungen im Raum auch um ein Spiegelbild sozialer Ungleichheit, d.h. um die Verräumlichung sozialer Ungleichheit mit dem Ergebnis räumlicher Konzentrationen verschiedener Arten von Gütern, Dienstleistungen, Individuen und Gruppen (Bourdieu, 1998). Die Position des Einzelnen in der Struktur sozialer Ungleichheit bestimmt also über die Chancen, sich erwünschten Personen und Sachen zu nähern bzw. von unerwünschten Personen und Sachen zu distanzieren (Bourdieu, 1998). Die Wahl von Wohnstandorten – oder von Orten, an denen Menschen spielen, lernen, arbeiten und lieben, um das Diktum der WHO-Ottawa-Charta aus dem Jahr 1986 zu zitieren (WHO, 1986) – ist somit nicht zufällig, sondern wird geprägt von der jeweiligen Lebenslage und den damit verbunden Präferenzen und Wertorientierungen hinsichtlich der Personen, Güter und Dienstleistungen (bzw. allgemein formuliert Ressourcen) am Wohnstandort. Je schlechter die Lebenslage von Menschen ist, desto geringer sind also ihre Möglichkeiten, aus einer Zahl potenzieller Wohnstandorte auszuwählen. In der Sozial- und Umweltepidemiologie wird dieser Zusammenhang als Expositionsvariation bezeichnet (Bolte et al., 2012).
Es gibt noch einen weiteren wichtigen Aspekt: Ausdehnung, Art und Intensität der Raumnutzung werden ebenfalls durch die Lebenslage bestimmt. Das bedeutet, dass Personen mit gleichem Wohnstandort zwar den gleichen lokalen Ressourcen ausgesetzt sind, dass aber die Chancen, diese zu nutzen bzw. sich diese anzueignen und sie zu verändern, von der Lebenslage abhängen (definiert durch Bildung, Einkommen, ethnische Zugehörigkeit u.a.). Gleiches gilt für die lokal vorhandenen gesundheitsrelevanten Belastungen und die Chancen, deren Auswirkungen zu mindern. In der Sozial- und Umweltepidemiologie wird dieser Zusammenhang als Effektmodifikation bezeichnet (Bolte et al., 2012).
In diesem Abschnitt sollen Erklärungsansätze vorgestellt werden, die den Zusammenhang zwischen Raum und Gesundheit auf bestimmte Merkmale bzw. Merkmalsarten, vor allem der regionalen und nachbarschaftlichen Ebene, zurückführen. Dazu zählen regionale Abkopplungsprozesse, Umweltgerechtigkeit, Einkommensungleichheit, Sozialkapital und Stigmatisierung (vgl. Mielck, 2008). Im darauffolgenden Abschnitt werden Erklärungsmodelle beschrieben, die versuchen, die verschiedenen Erklärungsansätze zu integrieren und zusammenzufassen.
Dieser Erklärungsansatz fokussiert auf die negativen sozioökonomischen, demografischen und infrastrukturellen Folgen, die sich aus dem wirtschaftlichen Strukturwandel und der damit einhergehenden Deindustrialisierung einer Region ergeben, sowie die daraus resultierenden gesundheitlichen Einflüsse (z.B. Neu, 2006; Razum et al., 2008; Voigtländer et al., 2008). Negative Auswirkungen ergeben sich zunächst für den regionalen Arbeitsmarkt, der durch einen Mangel an Ausbildungs- und Erwerbsmöglichkeiten gekennzeichnet ist und damit die wirtschaftliche Lage der betroffenen Bevölkerung beeinträchtigt. Negative Folgen spüren aber nicht nur die von Arbeitslosigkeit direkt Betroffenen, sondern auch jene, die noch Beschäftigung haben, z.B. wenn sie auf Lohn verzichten müssen, sich ihre Arbeitsbedingungen verschlechtern, sie Krankheitsfehlzeiten vermeiden oder eine gesicherte Perspektive verlieren (Grobe & Schwartz, 2003). In der Folge führt die ökonomische Deprivation einer ganzen Region zu einem demografischen Schrumpfungsprozess (Razum et al., 2008; Voigtländer et al., 2008). Tendenziell sind es junge, gut ausgebildete Menschen, die abwandern und den Bevölkerungsrückgang so noch verschärfen. Der Bevölkerungsrückgang hat negative Folgen für die kommunalen Leistungsbilanzen (Steuern, Gebühren, Beiträge) und führt langfristig zu finanziellen Tragfähigkeitsproblemen bei der Infrastruktur (z.B. Bildung, Einzelhandel, öffentlicher Personennahverkehr) (Razum et al., 2008; Voigtländer et al., 2008). Negative Auswirkungen ergeben sich auch bei der hausärztlichen Versorgung, wenn altersbedingt aufgegebene Hausarztsitze insbesondere in ländlichen Gebieten nicht mehr neu besetzt werden (Gerlinger, 2011; Razum et al., 2008).
Der Ansatz der Umweltgerechtigkeit rückt die sozial und räumlich ungerechte Verteilung von Umweltbelastungen und -gütern sowie deren gesundheitliche Folgen in den Mittelpunkt (z.B. Bolte & Mielck, 2004; Maschewsky, 2001). Dazu zählen traditionellerweise Merkmale der natürlichen und gebauten Umwelt (z.B. Qualität von Wasser und Luft) einschließlich der lokalen Infrastrukturausstattung (z.B. Grünanlagen, Freizeitmöglichkeiten, öffentlicher Personennahverkehr). Mittlerweile werden auch soziokulturelle Merkmale (z.B. soziale Kohäsion, Kriminalität sowie lokale Unterstützungssysteme) dazu gezählt, wodurch sich ein Bezug zum Sozialkapital-Ansatz ergibt (s.u.).
Dieser Erklärungsansatz betont die gesundheitliche Bedeutung der Einkommensverteilung in einer Gesellschaft (z.B. Rodgers, 1979; Wilkinson, 1992
