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Für eine professionelle Pflege und sozialarbeiterische Betreuung alter Menschen sind gründliche Kenntnisse der Gerontologie, der Sozialen Arbeit sowie der Pflegewissenschaft notwendig. Das erfahrene Herausgeber*innen- und Autor*innenteam klärt Grundkonzepte von Altern, Pflege sowie Sozialer Arbeit und beschreibt Grundlegendes zu den Themen Nächstenliebe, ethische Entscheidungsfindung sowie zu pflegepolitischen Akteuren und Handlungsfeldern entwirft die Idee einer fachlich angemessenen, ethisch verantwortbaren, person-zentrierten und gesellschaftlich unterstützten guten Pflege alter Menschen, die sich den Bedürfnissen der Betroffenen verpflichtet fühlt skizziert interdisziplinäre Ansätze der Zusammenarbeit sowie Zugänge zur Gerontologie aus geragogischer, pflegewissenschaftlicher, psychologischer, sozialarbeiterischer und sozialpolitischer Perspektive erläutert und verortet pflegerische und sozialarbeiterische Interventionen und Methoden zur Förderung von Zusammenarbeit im Kontext von Alternsprozessen stellt Innovation, Professionalisierung und Qualitätsentwicklung als zentrale Themen in Forschung und Praxis dar beschreibt alternative Zugänge zum Thema Altern aus Sicht der kritischen Gerontologie sowie Palliative Care und skizziert Bedürfnisse von LGBTQ-Communities bietet einen didaktisch gut strukturierten Text mit Aufgaben, Fallbeispielen, Kontroversen, Lernzielen, Literaturhinweisen, Schlussfolgerungen und Stellungnahmen von Studierenden.
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Seitenzahl: 759
Veröffentlichungsjahr: 2022
Kathrin Kürsten
Heike Kautz
Hermann Brandenburg
(Hrsg.)
Gerontologie kompakt
Kurzlehrbuch für professionelle Pflege und Soziale Arbeit
unter Mitarbeit von
Sabine Bartholomeyczik
Eva Birkenstock
Cornelius Bollheimer
Alexander Brunner
Michael Coors
Ines Himmelsbach
Ulrike Höhmann
François Höpflinger
Grit Höppner
Franz Kolland
Cornelia Kricheldorff
Rosa Mazzola
Ruth Remmel-Faßbender
Frank Schulz-Nieswandt
Lukas Slotala
Renate Stemmer
Anna Wanka
Holger Zaborowski
Gerontologie kompakt
Kathrin Kürsten, Heike Kautz, Hermann Brandenburg (Hrsg.)
Kathrin Kürsten (Hrsg.). Pflegemanagerin (M.A.), Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Angewandte Pflegewissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln, Promovendin an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, Vallendar
E-Mail: [email protected]
Heike Kautz (Hrsg.). Pflegeexpertin (B.Sc.), Freiberufliche Dozentin in der Pflege, Masterstudierende für Pflegewissenschaft, Pflegewissenschaftliche Fakultät, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar, Vallendar
E-Mail: [email protected]
Hermann Brandenburg (Hrsg.). Univ.-Prof. Dr., Hochschullehrer, Pflegewissenschaftliche Fakultät, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar, Vallendar
E-Mail: [email protected]
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Hogrefe AG
Lektorat Pflege
z.Hd. Jürgen Georg
Länggass-Strasse 76
3012 Bern
Schweiz
Tel. +41 31 300 45 00
www.hogrefe.ch
Lektorat: Jürgen Georg, Joëlle Zemp, Fabienne Suter
Herstellung: Daniel Berger
Umschlagabbildung: Getty Images/skyneshen
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: punktgenau GmbH, Bühl
Format: EPUB
1. Auflage 2022
© 2022 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96186-6)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76186-2)
ISBN 978-3-456-86186-9
https://doi.org/10.1024/86186-000
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Geleitwort
EinleitungKathrin Kürsten, Heike Kautz und Hermann Brandenburg
Teil 1: Altern und Pflege – Grundlagen
1 Menschlich alt werden – Phänomen, Sinn und Freiheit des AlternsHolger Zaborowski
1.1 Das Phänomen des Alterns
1.2 Der Sinn des Alterns
1.3 Die Herausforderung des Alterns
2 Nächstenliebe und professionelle PflegeMichael Coors
2.1 Christliche Wurzeln der Gesundheitsfürsorge
2.2 Ethik der Nächstenliebe: theologische Perspektive
2.2.1 Nächstenliebe und die Werke der Barmherzigkeit
2.2.2 Zwischen Pflicht und Gefühl
2.2.3 Zur theologischen Begründung des Liebesgebotes im Christentum
2.3 Institutionalisierung der Nächstenliebe?
2.4 Nächstenliebe und „Care“
2.5 Fazit
2.6 Literatur
3 Mut zur gut begründeten EntscheidungEva Birkenstock
3.1 Einführung
3.1.1 Zur Begriffsklärung
3.1.2 Universale moralische Prinzipien
3.2 Ebenen ethischen Handelns
3.3 Kommunikatives ethisches Handeln
3.4 Universale interkulturelle moralische Prinzipien
3.5 Reziprozität und kommunikative Ethik
3.6 Ethische Konflikte
3.6.1 Autonomie und Freiheit versus Sicherheit
3.6.2 Wahrheit versus Zufriedenheit
3.6.3 Subjektives Wohlbefinden versus Fürsorge
3.6.4 Worthalten versus Selbstsorge
3.6.5 Worthalten versus Gewissen
3.7 Debatten und Kontroversen
3.8 Fazit
3.9 Literatur
4 Pflegepolitik – Akteure und HandlungsfelderLukas Slotala
4.1 Einführung
4.2 Begriffsbestimmung
4.3 Akteurskonstellationen
4.3.1 Makroebene
4.3.2 Mesoebene
4.3.3 Mikroebene
4.4 Handlungsfelder
4.4.1 Gesetzgebung
4.4.2 Beteiligung am Gesetzgebungsverfahren
4.4.3 Umsetzung von Rechtsvorschriften
4.4.4 Weiterentwicklung von Rechtsvorschriften
4.5 Fazit
4.6 Neue Akteure
4.7 Literatur
Teil 2: Alter und Pflege – Disziplinäre Zugänge
5 Erleben und Verhalten – die psychologische PerspektiveInes Himmelsbach
5.1 Einführung und Hintergrund
5.2 Das subjektive Erleben des Alterns
5.2.1 Subjektives Alter
5.2.2 Subjektives Wohlbefinden, Depressivität und Multimorbidität
5.3 Psychogerontologische Konzepte zu Verhalten/Erleben
5.3.1 Defizitmodell
5.3.2 Selektive Optimierung durch Kompensation (SOK)
5.3.3 Kompetenztheorie
5.3.4 Theorien der Intelligenzentwicklung
5.3.5 Sozioemotionale Selektivitätstheorie (Carstensen)
5.3.6 Gewahrwerden des Älterwerdens
5.4 Fazit
5.5 Literatur
6 Pflege und Versorgung – eine pflegewissenschaftliche PerspektiveSabine Bartholomeyczik
6.1 Notwendigkeit eines theoretischen Pflegeverständnisses
6.2 Begründung: Notwendigkeit einer Pflegetheorie
6.3 Langwierige Entwicklung einer Legaldefinition (SGB XI)
6.4 Professionelles Pflegehandeln: einige Grundbegriffe
6.5 Pflege von Menschen mit Demenz
6.6 Versprachlichung und Verschriftlichung von Pflege
6.7 Schlussbemerkungen
6.8 Literatur
7 Krankheit und Heilung – die medizinische PerspektiveJenny Unterkofler, Mathias Freitag, Mirja Geelvink, Cornelius Bollheimer und Dorothee Noack
7.1 Geriatrische Herangehensweise und GrundprinzipienDorothee Noack und Cornelius Bollheimer
7.1.1 Altersdefinierte medizinische Fachdisziplinen
7.1.2 Kalendarisches versus biologisches Alter
7.1.3 Geriatrisches Basisassessment
7.1.4 Geriatrie im Krankenhaus
7.1.5 Die geriatrischen Syndrome
7.1.6 Literatur
7.2 PolypharmazieMathias Freitag und Dorothee Noack
7.2.1 Literatur
7.3 Demenz und DelirMirja Geelvink und Mathias Freitag
7.3.1 Definition Demenz
7.3.1.1 Epidemiologie
7.3.1.2 Primäre und sekundäre Demenzsyndrome
7.3.1.3 Klinik
7.3.2 Delir
7.3.3 Diagnostik
7.3.4 Therapie
7.3.5 Psychosoziale Intervention
7.3.6 Literatur
7.4 ImmobilitätJenny Unterkofler und Dorothee Noack
7.4.1 Assessments zur Erfassung von Immobilität
7.4.2 Grund- und Folgeerkrankungen
7.4.2.1 Sturzneigung
7.4.2.2 Sarkopenie
7.4.2.3 Osteoporose
7.4.3 Therapieansätze
7.4.4 Literatur
7.5 InkontinenzJenny Unterkofler und Dorothee Noack
7.5.1 Diagnostik
7.5.2 Therapie
7.5.3 Literatur
7.6 Instabilität und FrailtyJenny Unterkofler und Mirja Geelvink
7.6.1 Literatur
7.7 MangelernährungJenny Unterkofler und Dorothee Noack
7.7.1 Bedeutung
7.7.2 Ursachen
7.7.3 Diagnostik
7.7.4 Therapieansätze
7.7.5 Ethische Aspekte
7.7.6 Literatur
8 Professionelle Soziale AltenarbeitFranz Kolland und Alexander Brunner
8.1 Einleitung
8.2 Gesellschaftliche Bedingungen Sozialer Altenarbeit
8.2.1 Demographischer Wandel
8.2.2 Wandel der Lebensformen
8.2.3 Wandel der Erwerbsbeteiligung von Frauen
8.3 Altersbilder in der Gesellschaft
8.4 Attraktivität der Sozialen Altenarbeit
8.4.1 Vorstellung von Alter in der Sozialen Altenarbeit
8.4.2 Abgrenzung und Professionalisierung Sozialer Altenarbeit
8.5 Ausblick
8.6 Literatur
9 Soziale Sicherung und soziale Ungleichheit – Grundriss der Morphologie der SozialpolitikFrank Schulz-Nieswandt
9.1 Einleitung
9.2 Vorläufige Annäherung
9.2.1 Lebenslauf und Risiken
9.2.2 Sozialschutz und Daseinsvorsorge
9.2.3 Lebenslagen und Befähigung
9.2.4 Vulnerabilität und Menschenbildfragen
9.3 Sozialpolitik im System der Fakultäten
9.3.1 Soziale Wirklichkeit
9.3.2 Biologische Anthropologie und Evolutionsforschung
9.3.3 Medizin
9.3.4 Soziologie
9.3.5 Geschichtswissenschaft
9.3.6 Politikwissenschaft
9.3.7 Medienwissenschaft
9.3.8 Rechtswissenschaft
9.3.9 Wirtschaftswissenschaft
9.3.10 Psychologie
9.3.11 Kulturwissenschaft
9.3.12 Geographie
9.3.13 Ingenieurwissenschaft
9.3.14 Philosophie
9.3.15 Theologie und Religionswissenschaft
9.3.16 Ästhetik
9.3.17 Gerontologie als integrative Klammer?
9.3.18 Onto-anthropologische Synthese
9.4 Morphologie sozialer Politik
9.4.1 Epistemologie der Sozialpolitik
9.4.2 Anatomie der Sozialpolitik
9.4.3 Euklidische Geometrie
9.4.4 Hermeneutik der Sozialpolitik: Sinn und Funktion
9.5 Archäologie und Genealogie der Sozialpolitik
9.6 Kritische Theorie
9.7 Konklusionen
9.8 Literatur
10 Bildung und Lernen im höheren Lebensalter – geragogische PerspektivenFrançois Höpflinger
10.1 Einführung
10.2 Bildung und Alter – gesellschaftlicher Hintergrund
10.3 Perspektiven und geragogische Ansätze
10.3.1 Bildungsangebote im Alter – vielfältige Zielsetzungen
10.3.2 Gedächtnistraining im Alter
10.4 Häufigkeit von (Weiter-)Bildung im Alter
10.5 Geragogik als wissenschaftliche Disziplin
10.5.1 Spezifische geragogische Ansätze
10.6 Erfolgreiche Bildungsangebote für ältere Menschen
10.7 Fazit
10.8 Literatur
Teil 3: Altern und Pflege – Wie zusammenarbeiten?
11 Interventionen und Methoden aus Sicht der Pflege und Sozialen ArbeitRuth Remmel-Faßbender und Renate Stemmer
11.1 Einleitung
11.2 Soziale Altenarbeit – Versuch einer Standortbestimmung
11.2.1 Handlungskonzepte und Methoden
11.2.2 Interventionskonzepte auf der Mikroebene
11.2.2.1 Einzelfallbezogene Methoden
11.2.2.2 Beratung als Kernkompetenz in der Altenarbeit
11.2.3 Gruppen und sozialraumbezogene Methoden
11.3 Die Verbindung von Mikro-, Meso- und Makroebene
11.3.1 Voraussetzungen auf der Organisationsebene
11.3.2 Assessment und Hilfeplanung im Case Management
11.3.3 Fallabschluss und Evaluation
11.4 Interventionen und Methoden der Pflege
11.4.1 Pflegetheoretische Grundlagen
11.4.2 Pflegehandeln auf der Mikroebene
11.4.3 Der organisationale Fokus – die Mesoebene
11.4.4 Flächendeckende Versorgung – die Makroebene
11.5 Diskussion und Fazit
11.6 Literatur
Teil 4: Quer gedacht – die Medaille hat immer zwei Seiten (Ernst Bloch)
12 Kritische GerontologieGrit Höppner, Anna Wanka und Rosa Mazzola
12.1 Entwicklung, Kritik und Implikationen
12.1.1 Entwicklung der Kritischen Gerontologie
12.1.2 Kritik und Implikationen
12.2 Ein empirisches Fallbeispiel
12.2.1 Paternalismus
12.2.2 Soziale Ungleichheiten
12.2.3 Altersstereotype
12.3 Pflege und Soziale Arbeit
12.3.1 Aktualität und Relevanz Kritischer Gerontologie
12.3.2 Bedeutung für das professionelle Handeln
12.4 Vorschlag für einen integrativen Bezugsrahmen
12.5 Literatur
13 LGBT – eine ganz normale Herausforderung für die Pflege und Soziale Arbeit?Kathrin Kürsten
13.1 Aktueller Forschungsstand
13.2 Nicht-Heterosexualität
13.2.1 Definition und Ursachenforschung
13.2.2 Anteil an der Gesamtbevölkerung
13.2.3 Nicht-Heteronormativität in der westlichen Gesellschaft
13.2.3.1 Pathologisierung und Kriminalisierung
13.2.3.2 Stigmatisierung & Diskriminierung
13.2.3.3 Religion & Internalisierung
13.2.3.4 Minderheitenstress, Coming-out & Stigmamanagement
13.3 Generation Stonewall – jung/alt und out
13.4 Bedarfsgerechte Pflegeeinrichtungen
13.5 Vielfältige Sexualitäten in Altenhilfeeinrichtungen
13.6 Schlussbetrachtung
13.7 Literatur
14 Palliative Pflege und Hospizarbeit – schon Mainstream?Heike Kautz
14.1 Einführung
14.2 Moral und Ethik zur Orientierung
14.2.1 Hospizlich palliativ als Fundament
14.2.2 WHO-Definition mit erweitertem Blickwinkel
14.2.3 Das hospizlich palliative Versorgungskonzept
14.2.4 Netzwerkpartner: Ambulanter Hospizdienst und SAPV
14.3 Voraussetzungen einer Hospiz- und Palliativkultur
14.4 Unvereinbarkeit von Theorie und Praxis
14.4.1 Mikroebene
14.4.2 Mesoebene
14.4.3 Makroebene
14.5 Fazit und Ausblick
14.6 Literatur
15 Multiprofessionelle Versorgung erlernenUlrike Höhmann
15.1 Herausforderung für Gesundheits- und Nicht-Gesundheitsberufe
15.2 Qualifikation für GSB und NGB
15.2.1 Multiprofessionelle Passungs-Kooperationen und „Programmgrenzen“
15.2.2 Common Ground für alle Berufe
15.3 Hochschuldidaktische Grundzüge des multiprofessionellen Masterprogramms
15.4 Ein Blick der Studierenden
15.5 Fazit
15.6 Literatur
Teil 5: Verständigung und Interdisziplinarität
16 Abschlussgespräch zwischen Prof. Dr. Kricheldorff und Prof. Dr. BrandenburgModeration: Heike Kautz und Kathrin Kürsten
17 Stellungnahmen der mitwirkenden Studierenden
18 NachwortHeike Kautz, Kathrin Kürsten und Hermann Brandenburg
19 AusblickKathrin Kürsten, Heike Kautz und Hermann Brandenburg
Autor/innenverzeichnis
Sachwortverzeichnis
2014 erschien ein gerontologisches Lehrbuch, welches das Feld der Gerontologie als interdisziplinäre Aufgabe adressierte. Vor allem Pflege- und Sozialberufe waren im Blick. Es ging nicht um die üblichen wissenschaftlichen Erzählungen in einer Fachdisziplin, welche die Leserinnen und Leser mit den Methoden, Theorien und Befunden einer Spezialdisziplin konfrontiert. Vielmehr sollte ein Austausch und echter Dialog in Gang gesetzt werden, der die Adressatengruppe mit wichtigen Perspektivverschränkungen in Berührung bringt. Natürlich ging es um theoretische Grundlagen, etwa bezogen auf Alternstheorien, die zentralen Aufgaben der Pflege sowie um Zugänge aus der Sozialen Gerontologie und Altenarbeit. Ebenfalls wurden die Lebenslagen alter Menschen skizziert, auch mit Blick über den deutschen Tellerrand in die schweizerische und österreichische Versorgungslandschaft. Auch wurden ethische Herausforderungen und Leitbilder guter Altersarbeit in den Blick genommen, etwa Autonomie, Empowerment oder Entscheidungsfindung. Im Vordergrund des Bandes standen von Vertretern der oben genannten zentralen Disziplinen verfasste gemeinsame Beiträge zu Interventionen; der Blick auf die Professionalisierung des gesamten Feldes schloss das Buch ab.
Nun – die Resonanz war eher verhalten. Das mag daran liegen, dass der Bedarf nach „how to do-Texten“ in der einen wie der anderen Disziplin wirkmächtiger ist. Dafür war das Reflexionsniveau des Buches zu anspruchsvoll. Man könnte aber auch argumentieren, dass – sowohl in der Pflegewissenschaft wie auch in der Sozialarbeitswissenschaft – die Publikation in international anerkannten wissenschaftlichen Journals mehr bringt, jedenfalls für die eigene Karriere. Dafür wiederum passten der Umfang und der Inhalt nicht wirklich, denn eine Gesamtschau wird in dieser Logik als vermessen angesehen. Kurz und gut – ein Format tut sich schwer, welches sich quasi zwischen den Stühlen aufstellen und weder den einen noch den anderen Weg mitgehen möchte. Und vor allem hat es eine disziplinübergreifende Perspektive schwer, die doch allenthalben immer wieder betont wird. Aber wie wir alle wissen, dominiert im Alltag häufig eine begrenzte Einzelperspektive. Und vielleicht liegt es ja einfach in der Logik professioneller Entwicklungen, dass eine weitere Fokussierung und Spezialisierung vielfach als unvermeidbar und geradezu als zwangsläufig angesehen wird. Das führt am Ende dazu, dass die Einsicht, dass es auch anders gehen kann und muss, immer wieder geäußert wird und aufblitzt; eine nachhaltige Akzeptanz von inter- und sogar transdisziplinären Irritationen wird jedoch in der Regel vermieden.
Vor dieser Gemengelage wollten wir nicht klein beigeben, denn die ursprünglichen Ideen des nunmehr in die Jahre gekommenen Bandes sollten nicht vergessen, vielmehr neu aufgegriffen werden. Mit einem mehr oder weniger komplett neuen Team sollte dieser Schritt versucht werden. Mehr noch – wir wollten das bereits an|14|gesprochene dialogische Moment noch weiter stärken. Aus diesem Grund haben wir alle Fachtexte, die in diesem Band versammelt sind, einem studentischen Publikum zur kritischen Durchsicht gegeben. Diese Absicht kam überwiegend bei den Autor/innen sehr gut an. Und sie haben die entsprechenden Rückmeldungen eingearbeitet, ihre Texte weiter optimiert. So ist ein kritischer Austausch möglich geworden. Und merkwürdigerweise kam dann am Ende eines der wenigen Lehrbücher heraus, bei dem die Adressaten ein Wörtchen mitreden konnten, daher sind ihre Namen nicht verschwiegen worden.
Worum es nun im Einzelnen geht und wer aus der Scientific Community mitgewirkt hat, das wird die folgende Einleitung im Einzelnen ausbuchstabieren. Mir bleibt der Dank an die beiden Herausgeberinnen Kathrin Kürsten und Heike Kautz, die damit einen nachhaltigen Eindruck auf dem wissenschaftlichen Parkett hinterlassen werden. Ebenfalls bin ich allen Autorinnen und Autoren verpflichtet, die es sich nicht haben nehmen lassen, die aus ihrer Sicht wichtigen Gedanken zu Papier zu bringen. Respekt und Anerkennung gebührt auch allen Studentinnen und Studenten, die nicht gezögert haben, auch großen Namen gegenüber selbstbewusst und mutig die eigene Position zu vertreten.
Der von mir sehr geschätzte Lektor des Hogrefe Verlags sagte mir einmal im Hinblick auf eine Buchpublikation, die sich nicht auf dem Markt halten konnte: „Ein totgerittenes Pferd kann man nicht weiterreiten!“ Hoffen wir mal, dass Totgesagte doch länger leben…
Vallendar, im Herbst 2021
Hermann Brandenburg
Kathrin Kürsten, Heike Kautz und Hermann Brandenburg
Eine adäquate gerontologische Pflege – und dabei sind die Sozialberufe von maßgeblicher Bedeutung, was jedoch allzu oft aus dem Blick gerät – kann nur gelingen, wenn ein interdisziplinärer Zugang auf Alter und Altern gewählt wird. Die vielfältigen Perspektiven der einzelnen Professionen sollen mit diesem Lehrbuch „eingefangen“ werden und Studierenden der Studiengänge von Pflege- und Sozialberufen erste Einblicke in ein facettenreiches Thema ermöglichen.
Dabei war es für die Herausgebenden von Anfang an bedeutsam, dass Lesenden nicht ein simpler Handlungsleitfaden zur Verfügung gestellt werden sollte. Diese gibt es bereits zuhauf. Es sollten Texte von hohem Niveau sein, die zum einen dazu anregen, die eigene Professionalität und die individuelle Position im jeweiligen Handlungsfeld zu reflektieren. Zum anderen sind die Beiträge dazu gedacht, Interesse zu wecken und einen Anreiz zu geben, sich mit den einzelnen Themenkomplexen intensiver zu beschäftigen. Um abschätzen zu können, welche Bedürfnisse Studierende tatsächlich an ein Lehrbuch haben, wurde ein ungewöhnliches Vorgehen angewandt: die Zielgruppe wurde direkt einbezogen. In Gruppen erhielten Studierende einzelne Texte, die sie kritisch lasen und über die Herausgebenden eine entsprechende Rückmeldung an die Autor/innen gaben. Diese wiederum arbeiteten soweit wie möglich die Anmerkungen und Vorschläge in ihre Beiträge ein. So wurde ein Dialog ermöglicht, der auch für die Autor/innen positiv bewertet werden kann. Erstmalig wurde es mit diesem Buchprojekt möglich, eine direkte Rückmeldung für den eigenen Text zu erhalten. So wurde z. B. gewünscht, dass weiterführende Literaturhinweise zur Verfügung gestellt werden könnten. Aber auch vor substantieller Kritik wurde nicht zurückgeschreckt, auf welche die Autor/innen sehr unterschiedlich (aber überwiegend wohlwollend) reagiert haben.
Als Ergebnis liegt nun ein Lehrbuch vor, das einerseits den Praxisbezug nicht verliert (Fallbeispiele verdeutlichen die jeweils theoretischen Inhalte), aber andererseits ebenso den Anspruch hat, dass die Inhalte mitunter auch erarbeitet werden müssen und sich nicht wie eine Gebrauchsanweisung gleichsam nebenbei lesen lassen. Eine kritische und reflektierte Eigenleistung wird von den Lesenden bei der Lektüre der Beiträge eingefordert, was aber dazu führt, dass der Erkenntnisgewinn schlussendlich einen höheren Mehrwert erlangt.
Zentral für den Aufbau des Buches ist der Grundtenor „Altern und Pflege”. Auf diese Basis beziehen sich alle Beiträge aus unterschiedlichsten Blickwinkeln:
Holger Zaborowski beleuchtet menschliches Altern aus philosophischer Perspektive: ein (im Verlauf zunehmend) bewusster Prozess, der mit der Geburt beginnt, über eine jeweils individuelle Zeitspanne andauert und bei zunehmender |16|Hinfälligkeit unweigerlich mit dem Tod endet. Daran anschließend stellt er die Frage nach dem Sinn des Alter(n)s. Auch die Herausforderungen des Alter(n)s werden durch den Autor nicht ausgeblendet – im Gegenteil!
Michael Coors nähert sich dem Alter(n) mit theologischem Hintergrund und ergründet, wie Pflege und Nächstenliebe miteinander verbunden sind. Dabei wird zunächst der Frage nachgegangen, was Nächstenliebe eigentlich ist. Dazu erfolgt ein historischer Abriss über die christlichen Wurzeln der Pflege und eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Barmherzigkeit. Wer nun allerdings davon ausgeht, dass der Autor Pflege im modernen Sinn als Selbstaufopferung versteht, wird eines Besseren belehrt werden.
Eva Birkenstock befasst sich mit der ethischen Entscheidungsfindung oder praktisch ausgedrückt: Wie kann man in problematischen pflegerischen Situationen auf moralischen Prinzipien basierend argumentieren und ethisch handeln? Dazu wird den Lesenden der Begriff der „Moral” und das ethische Mehrebenensystem vorgestellt. Nachdem die Autorin Konfliktfelder zwischen ethischem Anspruch und der Realität beschreibt, setzt sie sich abschließend mit aktuellen Debatten rund um ethisches Handeln im Zusammenhang mit Alter(n) auseinander.
Lukas Slotala wendet sich der Pflegepolitik und deren Akteuren als Forschungsgebiet der Pflegewissenschaft zu. Insbesondere die aktuellen Herausforderungen, etwa die Finanzierung von Pflege, werden thematisiert. Nach einer dezidierten Auseinandersetzung mit den verschiedenen Akteuren auf unterschiedlichen Handlungsebenen, wird den Lesenden deutlich, wie in Deutschland Entscheidungen in Belangen der Pflege getroffen werden. Er appelliert an die Akteure selbst. Für manche möglicherweise eine ernüchternde, aber auch erhellende Erkenntnis.
Ines Himmelsbach thematisiert die Psychologie als Wissenschaft, die das Erleben und Verhalten von Personen zum Gegenstand hat. Im Zusammenhang mit diesem Lehrbuch wird der Fokus darauf gelegt, wie Menschen sich im Alterungsprozess verhalten und sich selbst dabei im sozialen Gefüge erleben. Um dies allerdings verstehen zu können, führt die Autorin die Lesenden in die Alterspsychologie ein, beschreibt mehrere Alternstheorien als Erklärungsvariante oder Hypothese und erklärt dabei zentrale Begriffe, z. B. „Wohlbefindensparadox” und einiges mehr. Das subjektive Erleben sowie der Umgang mit Veränderungen stehen in modernen Theorien zum Alter im Fokus, um Wohlbefinden und Lebensqualität zu erreichen.
Sabine Bartholomeyczik betrachtet die Pflege und Versorgung älterer Menschen aus pflegewissenschaftlicher Perspektive. Die Autorin klärt Lesende darüber auf, warum in der Pflege Theorien und Konzepte notwendig sind und setzt sich mit Stärken und Schwächen der sozialen Pflegeversicherung auseinander. Punkte, an denen bisher jegliche Bemühungen um Verbesserung gescheitert sind (beispielsweise die Verkennung des Erfordernisses einer höheren Fachkraftquote in der Altenpflege), werden dabei nicht verschwiegen.
Cornelius Bollheimer stellt mit Jenny Unterkofler, Mathias Freitag, Mirja Geelvink und Dorothee Noack die Signifikanz der speziellen Versorgung betagter und hochbetagter Menschen in einer Geriatrie heraus. Die wichtigsten geriatrischen Syndrome sollen das Bewusstsein der Lesenden sensibilisieren, um eine holistische und adäquate medizinische Umsorgung dieser vulnerablen Personengruppe zu gewährleisten. Die Interdisziplinarität wird dabei deutlich und explizit herausgestellt.
Franz Kolland und Alexander Brunner befassen sich mit der Rolle der professionellen Sozialen Arbeit bei der Unterstützung älterer Menschen |17|in verschiedenen Settings. Dabei wird zunächst beleuchtet, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Soziale Altenarbeit realisiert wird. Anschließend legen die Autoren insbesondere ein Augenmerk darauf, welche Altersbilder in der öffentlichen Wahrnehmung diskutiert werden, demgegenüber aber auch, wie das Alter in der Sozialen Arbeit wahrgenommen wird. Der Beitrag endet mit einem Ausblick auf die (notwendige) Entwicklung der Profession der Sozialen Arbeit.
Frank Schulz-Nieswandt beleuchtet einen fundamentalen Bestandteil der Ausbildung von Wissenschaftler/innen der Pflege und Sozialen Arbeit: Sozialpolitik – welche in Deutschland einer Vielzahl von gesetzlichen Vorgaben unterworfen ist. Dabei soll es nicht ausschließlich bei einer Beschreibung einzelner Teilbereiche bleiben, sondern die großen Zusammenhänge durchdrungen werden. Dazu bedient sich der Autor einer Vielzahl von wissenschaftlichen Disziplinen, wodurch sich für manch Lesende ganz sicher neue Horizonte auftun werden.
François Höpflinger widmet sich der Geragogik – der Bildung und dem Lernen im Alter. Es ist unbestritten, dass gerade „geistige Fitness” ein wichtiger Bestandteil für ein zufriedenes Alter(n) darstellt. Damit wird die Bedeutung für entsprechende Angebote deutlich, die es alternden und alten Menschen ermöglichen, weiterhin zu lernen, womit wiederum weitere Faktoren zusammenhängen, wie z. B. die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Ruth Remmel-Faßbender und Renate Stemmer bilden mit ihrem umfangreichen Beitrag eine zentrale Schnittstelle des Lehrbuches ab. In ihren gemeinsamen Ausführungen werden die Professionen Soziale Arbeit und Pflege miteinander verbunden, aber gleichzeitig ebenso in ihren je eigenen Logiken ernst genommen. Dazu gehen die Autorinnen auf ihre jeweiligen Fachgebiete ein und definieren anschließend Schnittstellen. Aber genauso deutlich werden Bereiche differenziert, in denen die unterschiedlichen Kompetenzen für verschiedene Aufgaben optimal eingesetzt werden können. Entlang eines Praxisbeispiels wird den Lesenden verdeutlicht, wie interdisziplinär eine optimale Begleitung alter und älterer Menschen verlaufen kann und vor allem grundsätzlich sollte.
Grit Höppner, Anna Wanka und Rosa Mazzola berichten in ihrem Beitrag von der Kritischen Gerontologie und was sie von der im Allgemeinen als Gerontologie verstandenen Wissenschaft unterscheidet. Lesende erhalten einen einführenden Überblick von ihren anglo-amerikanischen Wurzeln und ihrer Genese bis hin zu ihrer gegenwärtigen Gestalt. Die Beschreibung einer empirischen Studie zum Einsatz neuer Technologien zur Steigerung der Lebensqualität im Alter veranschaulicht den praktischen Nutzen der theoretischen Annahmen eindrücklich. Den Beitrag abschließend erfolgt gleichsam als Konklusion eine Auseinandersetzung darüber, welche Bedeutung der Kritischen Gerontologie in Pflege und Sozialer Arbeit zukommt.
Kathrin Kürsten geht der Frage nach, ob nicht-heteronormative Lebens- bzw. Liebensweisen bereits zum Alltag der Pflege und Begleitung alter Menschen gehören. Dabei werden Lesenden sicherlich Aspekte begegnen, die ein Thema – welches für viele vermeintlich selbstverständlich ist – in einem neuen Licht erscheinen lassen. Es könnte sich die Frage stellen, ob man selbst in dem Maße aufgeklärt, wissend und tolerant ist, wie man es zu sein glaubt.
Heike Kautz zeigt bereits vorhandene Richtlinien und gesetzliche Vorgaben in Deutschland sowie den Kerngedanken für eine hospizlich palliative Versorgung in Langzeitpflegeeinrichtungen auf. In diesem Kontext weist sie gleich|18|zeitig auf die Unverzichtbarkeit des Ineinandergreifens der Mikro-, Meso- und Makroebene hin und blickt kritisch auf deren Inkompatibilität bei der Umsetzung.
Ulrike Höhmann stellt einen Masterstudiengang vor, der Studierende von Gesundheitsberufen mit jenen aus Nicht-Gesundheitsberufen vereint; mit dem Ziel, die bestmögliche Versorgung von Menschen mit Demenz und chronischen Einschränkungen zu erlangen. Neben inhaltlichen Informationen erhalten Lesende Einblicke sowohl in die Hürden der Umsetzung als auch in die hochschuldidaktische Struktur eines solch ambitionierten Vorhabens. Ergebnisse einer durchgeführten Evaluation des Studienganges anhand einer Datenerhebung unter Studierenden runden den Beitrag ab.
Cornelia Kricheldorff und Hermann Brandenburg tauschen sich in einem Abschlussgespräch über das Buch und seine Stärken, aber auch Schwächen aus. Dabei ergeben sich einige Anregung für vielfältige Möglichkeiten zukünftig die Interdisziplinarität zwischen Sozialer Arbeit und Gerontologischer Pflege voranzutreiben.
Christoph Betz, Julia Blockhaus, Louise Enz, Maria Gerz, Leonie-Mareen Göcke, Tamara Grossmann, Karin Herrmany-Maus, Chantal Jux, Helga Claudia Krämer, Christine Lang, Annika Rautland, Beate Schmitt-Pirker, Nicole Stöbich und Manuela von Lonski kommen anschließend selbst zu Wort und schildern ihre Motivation zur Teilnahme am Projekt „Kurzlehrbuch“ sowie die Erfahrungen, die sie in der Entstehung sammeln konnten. An dieser Stelle sei ihnen ausdrücklich für ihre konstruktiven Rückmeldungen und die intensive Mitarbeit gedankt; die Umsetzung des geplanten Vorgehens wäre ohne ihre Beteiligung nicht möglich gewesen.
Die Herausgebenden blicken auf die ursprüngliche Idee und den Entwicklungsprozess zurück. Einer reflektierten und kritischen Auseinandersetzung mit dem endgültigen Ergebnis – dem vorliegenden Lehrbuch – folgt ein Ausblick in die Zukunft. Dieser verspricht zusätzliches Innovationspotential für weitere Projekte. Denn die Diskussion um ein interdisziplinäres Verständnis der Herausforderungen des Alterns – mindestens zwischen Pflege und Sozialer Arbeit – soll weitergehen. Dazu wird es eine mehrteilige Veranstaltungsreihe geben, bei der wir bereits einige Konsequenzen aus dem Gespräch zwischen Cornelia Kricheldorff und Hermann Brandenburg aufgreifen: Neben Studierenden aus der Pflege werden Studierende aus der Sozialen Arbeit involviert sein – und die gemeinsame Klammer zwischen den monodisziplinären Perspektiven wird noch klarer und provokativer auf den Punkt gebracht. Wir bleiben weiter im Dialog mit allen, die nicht nur an der Bestätigung ihrer eigenen Ansichten interessiert sind, sondern offen für Irritationen, d. h. für Lernen und Reflexion.
Anmerkung: Den Herausgebenden war es wichtig, dass in allen Beiträgen alle Geschlechter berücksichtigt werden. Daher wurde stets versucht, eine geschlechtsneutrale Formulierung zu finden. Wo dies nicht gelang, entschied man sich, den Schrägstrich als gender gap zu nutzen. Ziel ist Diversität zu signalisieren, ohne den Lesefluss zu unterbrechen.
Holger Zaborowski
Zusammenfassung
Der folgende Beitrag nähert sich aus einer phänomenologischen Perspektive dem menschlichen Altern an. Er zeigt zunächst die verschiedenen Bedeutungen und Dimensionen des Alterns, verdeutlicht die positiven Aspekte des Alterns für das Individuum wie auch für die menschliche Gattung und diskutiert aktuelle Herausforderungen für ein menschliches Verständnis des Alterns.
Lernziele
Die Studierenden sollen nach der Lektüre
ein Verständnis für das anthropologische Phänomen des Alterns haben,
die positive Bedeutung des Alterns darstellen und reflektieren können,
die Verdrängung des Alterns und die Möglichkeit gelungenen Alterns vor dem Hintergrund verschiedener Verständnisse menschlicher Freiheit diskutieren können.
An sich selbst und an anderen Menschen erfährt man das Altern. Kinder und Jugendliche freuen sich darüber, dass sie älter werden und sehen gespannt ihrem nächsten Geburtstag entgegen. Mit jedem Jahr erweitern sich ihre Möglichkeiten. Je älter sie werden, desto mehr wissen, können oder dürfen sie. Später, in der Mitte des Lebens, lässt das Nachdenken über das Altern Menschen innehalten und ihr Leben betrachten. Sie blicken mit Stolz und Freude zurück auf das, was sie in ihrem Leben schon geschafft haben oder vergegenwärtigen sich anderes, was sie noch erreichen möchten. Auch die eigenen Grenzen, unbewältigte Schuld oder schmerzhaftes Versagen werden vielen bewusst. Erwartungen verschieben sich; Hoffnungen und Ängste verändern sich. Die glücklichen Jahre der Kindheit oder die wilden Abenteuer der Jugend liegen lange zurück und erlauben den ein oder anderen sehnsuchtsvollen Blick auf die Vergangenheit. Nicht selten blicken Menschen in ihrer Lebensmitte aber auch mit ironischer Distanz auf die vergangenen Jahre, darauf, wie sie einst gelebt, gefühlt oder gedacht haben. Erste Einschränkungen zeigen sich. Das Leben wandelt sich. Davon zeugen mehr und mehr graue Haare und Falten, das ein oder andere Gebrechen, das unweigerliche Schwinden der Kräfte.
Wer noch älter geworden ist, kann, wenn er Glück hat, dankbar auf das zurückblicken, was das Leben mit sich gebracht hat. Manche Menschen schauen jedoch voller Trauer und Bitterkeit auf ein ungelebtes oder falsch gelebtes Leben zurück. Nun endgültig verpasste Gelegenheiten werden sich schmerzhaft ins Bewusstsein schieben. Vielleicht ist man froh darüber, gut gealtert zu sein; man hat sich gut gehalten und ist noch von vielen Krankheiten |22|oder altersbedingten Leiden verschont. Es könnte auch sein, dass man das Altern und die Beschwerden, die es mit sich bringt, verflucht und die Leichtigkeit vergangener Lebensjahre schmerzhaft vermisst. Von der Zukunft erwartet, wer sehr alt geworden ist, nicht mehr viel. Sie ist begrenzt. Drohend konkretisiert sich das Wissen um den eigenen Tod. Man fürchtet sich davor, Abschied nehmen zu müssen, sorgt sich um jene Menschen, die einem nahe stehen, hofft auf ein Leben über den Tod hinaus oder steht dem Sterben mit einer gewissen Gleichgültigkeit und Schicksalsergebenheit gegenüber.
Wenig ist selbstverständlicher als das Wissen darum, dass alle Menschen altern. Doch ist die Feststellung, dass Menschen altern, wenn man näher über sie nachdenkt, nicht so trivial, wie sie zunächst erscheint. Das wird schon deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass „Altern“ sehr verschiedene, wenn auch eng miteinander verbundene Bedeutungen haben kann.
Alles, was in der Zeit existiert, was einmal entstanden ist, was sich verändert und was auch wieder vergeht, hat ein bestimmtes Alter. Steine oder Texte können sehr alt sein. Man kann ihre Geschichte erforschen und erzählen. Doch spricht man von „Altern“ insbesondere mit Bezug auf jenes, was lebt und was daher auch im eigentlichen Sinne seinem Tod entgegen geht – und zwar vom Moment seiner Geburt an. Lebewesen – Pflanzen, Tiere oder Menschen – sind nämlich nicht nur etwas anderes als ein Stein oder ein Text; sie sind – als organische Einheiten, die sich im Unterschied zur unbelebten Materie durch Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung auszeichnen – ganz anders. Unbelebte Materie wie etwa jene eines Steins kann sich wandeln und zu etwas anderem werden. Doch kann, was nicht lebt, auch nicht sterben. Ein Tier, das stirbt, ist nach seinem Tod nicht einfach etwas anderes (so wie es vor seiner Geburt auch nicht etwas anderes gewesen ist); die Materie, aus der es bestanden hat, ist zu etwas anderem geworden; es selbst ist nicht mehr (so wie es vor seiner Geburt nicht war). Zu sterben besagt nämlich nicht, dass etwas eine bestimmte zufällige oder äußerliche Form verliert und zu etwas anderem wird; es bedeutet, dass die für einen bestimmten Organismus wesentliche Gestalt vergeht. Leben ist die Bewegung eines Lebewesens von seinem Anfang bis zu seinem Ende; mit Altern als wesentlichem Moment des Lebens wird (1) im weitesten Sinne die Bewegung eines Organismus auf seinen Tod hin bezeichnet.
Anders als Pflanzen oder Tieren ist dem Menschen allerdings bewusst, dass er altert. Zunächst wird ihm (2) sein Altern als Zeitlichkeit des eigenen Lebens bewusst. Zu altern bedeutet für ihn, nicht allein in einem vorgegebenen Zeitrahmen auf den Tod hin zu leben, sondern selbst als Zeit – als Wesen mit einer je eigenen Vergangenheit, einer je eigenen Gegenwart und einer je eigenen Zukunft – zu leben. Der Mensch muss, wie nicht zuletzt Martin Heidegger in Sein und Zeit eindrucksvoll gezeigt hat, mit sich selbst, mit seiner je eigenen Zeit etwas anfangen. Er muss sich zu seiner Herkunft, seiner Gegenwart und seiner Zukunft eigens verhalten und stiftet in diesem Verhältnis seine je eigene Zeit, die ursprünglicher ist als die messbare Zeit der Kalender und Uhren, innerhalb derer der Mensch sich auch vorfindet. Selbst wenn er entscheiden sollte, nichts mit sich anzufangen, verhält er sich zu sich und setzt frei einen Anfang. In dieser Anfänglichkeit geht er auf seinen Tod zu, den er als eine äußerste, zunächst sehr fern erscheinende Grenze seines Lebens erfährt.
Menschliches Leben ist daher nicht allein zeitlich, sondern zeitlich begrenzt. Je älter ein Mensch wird, umso mehr erfährt er mit der Zeitlichkeit seiner Existenz als einer allgemeinen Eigenschaft (3) auch die konkrete Endlichkeitseines eigenen Lebens. Mit dem Altern kann daher auch das Verhältnis des Menschen zu seiner Sterblichkeit und zu seinem Tod gemeint sein. Streng genommen altert man, sobald man geboren ist. Doch zumeist spricht |23|man von „Altern“ dann, wenn die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens besonders ins Bewusstsein rückt. So wie sich das Leben eines jungen Menschen entfaltet und zur Reife kommt, gehen alternde Menschen auf den Tod zu. Man kann dies, gerade auch als älterer Mensch, leugnen und so tun, als lebe man ewig oder zumindest noch sehr lange. Gerade dann altert man aber schlecht, weil man mit dem Tod auch das eigene Altern verdrängt. Denn nur wer sich der eigenen Endlichkeit und somit auch dem Altern und seinen Herausforderungen stellt, wer sie anerkennt und annimmt, kann überhaupt in die Lage kommen, ein gelingendes Altern zu erleben.
Mit dem Alter ist allerdings nicht allein die Erfahrung der Lebensbewegung, der Zeitlichkeit oder der Endlichkeit, sondern (4) auch die Erfahrung der Hinfälligkeitverbunden. „Alt“ bzw. „Altern“ bezieht sich dann auf die letzte Phase des menschlichen Lebens. Alt ist, wer nicht mehr für sich alleine leben kann und in den Grundvollzügen der eigenen Existenz – beim Sich-Waschen, Essen, Trinken, Gehen und in vielem anderen – dauerhaft der Hilfe eines anderen Menschen bedarf. Man sagt dann manchmal, jemand sei „wirklich alt“ geworden, d. h. die Auswirkungen und Spuren des Alterns lassen sich nicht mehr leugnen. Das Leben kommt langsam zu seinem Ende; es steht im Schatten des Todes.
Diese verschiedenen Bedeutungen des Alterns sind eng aufeinander bezogen. Besondere ethische und anthropologische Herausforderungen zeigen sich, wo Altern im Sinne der Erfahrung der Endlichkeit und Hinfälligkeit des menschlichen Lebens verstanden wird. Denn zu diesen Erfahrungen müssen Menschen sich nicht nur innerlich irgendwie verhalten (und sei es dadurch, dass sie diese zu verdrängen versuchen); sie müssen auch mit den konkreten physischen, psychischen und geistigen Auswirkungen der Endlichkeit und Hinfälligkeit umzugehen lernen, sei es auf individueller oder auch auf gesellschaftlicher Ebene.
Altern ist, so hat sich gezeigt, ein Grundphänomen des Lebens. Dem Menschen wird es bewusst – und zwar nicht nur als ein allgemeines Phänomen, das es in seiner Abstraktheit zu verstehen gilt, sondern als je eigener Grundvollzug, als die Bewegtheit des eigenen Lebens von der Geburt zum Tod, die, je älter man wird, sich umso stärker als Erfahrung von Endlichkeit und Hinfälligkeit artikuliert. Angesichts dieser Erfahrung stellt sich mit Vehemenz nicht nur die Frage, was genau passiert, wenn ein Mensch altert (dazu lässt sich heute aus wissenschaftlicher Perspektive sehr vieles sagen), sondern auch die Frage nach dem tieferen Sinn des Alterns: Wozu altern Menschen eigentlich? Wäre eine Welt nicht besser, in der Menschen nicht mehr altern müssten?
Das Altern hat immer wieder zu philosophischen oder religiösen Reflexionen über diese Frage herausgefordert. Wer heute über das Altern nachdenkt, steht somit in einer langen Tradition von Überlegungen über das Alter. Doch ist der Horizont, in dem heute über das Altern nachgedacht wird, ein anderer als der traditionelle. Vereinfacht gesprochen hat man lange das Altern nicht nur als ein unvermeidliches Schicksal verstanden, dem man sich zu stellen hat (wenn einem denn überhaupt die Gnade oder das Geschenk zuteil wurde, alt werden zu können). Man hat ihm – bei aller Betonung der Last des Alterns – auch eine eigene Würde zugesprochen. Alte Menschen erschienen als jene, die in besonderer, von Anerkennung, Dank und Fürsorge bestimmter Weise zu achten sind, und zwar nicht allein aufgrund ihrer vergangenen Leistungen, sondern auch, weil sie über eine besondere Weisheit und wertvolle Erfahrungen verfügten.
Das hat sich heute – in einer Gesellschaft, die sich immer schneller verändert – geändert. Gefragt sind die Flexibilität, die Kenntnisse, das Können, die Anpassungsfähigkeit und die Offenheit der Jugend. Es gibt daher einen verbreiteten „Jugendwahn“, der nicht nur die Jugend, |24|sondern auch die jung gebliebenen Alten idealisiert. Daher verwundert es nicht, dass oft das menschliche Altern negativ bewertet wird. Alte oder alt gewordene Menschen sehen im wahrsten Sinne des Wortes alt aus, d. h. sie – ihre leiblich-seelisch-geistige Existenz, ihre Ansichten, ihre Gewohnheiten und Gedanken – erscheinen als veraltet, überholt oder von gestern.
Diese Sicht des Alterns hat gravierende individuelle und gesellschaftliche Auswirkungen. Wissenschaftler bemühen sich nicht nur darum, die biologischen Prozesse des Alterns zu verstehen, sondern streben auch danach, das Altern zu verlangsamen und die Lebensspanne des Menschen zu erweitern. Dystopien einer überalterten, die Alten vernachlässigenden Gesellschaft oder Utopien eines Lebens ohne die Kränkungen des Alterns werden formuliert und verstärken die Furcht und Flucht vor dem Altern. Ältere Menschen orientieren sich am Lebensstil junger Menschen (während es lange Zeit umgekehrt war). Leiden, Sterben und Tod werden aus dem alltäglichen Lebenskontext entfernt und tabuisiert. Da es sich allerdings nicht vermeiden lässt, zu altern, will man möglichst lange gut altern und sich gut halten. Innere und äußere Folgen des Alterns werden geleugnet und, soweit machbar, kosmetisch oder medizinisch beseitigt. Wenn dies nicht mehr möglich ist, führt die Angst vor dem Altern und seinen Folgen manchmal sogar dazu, dass jemand Bilanz zieht und das Leben freiwillig frühzeitig beendet.
Man darf die Ängste, die viele Menschen vor dem Altern, insbesondere vor dem sehr hohen Alter haben, nicht herunterspielen. Die Leiden des Alterns sind ernst zu nehmen. Es ist auch notwendig, alternden Menschen ein möglichst wenig beschwerliches Leben zu ermöglichen und ihnen jene Hilfe zukommen zu lassen, derer sie bedürfen. Die Herausforderungen und Erfordernisse eines „menschlichen Alterns“ dürfen nicht verdrängt werden; sie müssen noch viel mehr als bislang ins Zentrum der gesellschaftlichen und politischen Debatten treten. Doch stellt sich die Frage, ob es gerechtfertigt ist, das Altern allein oder vornehmlich negativ zu betrachten. Denn wenn man das anthropologische Nachdenken über das Altern vertieft, zeigt sich schnell, dass das Altern auch als ein positives Phänomen zu verstehen ist, und zwar sowohl auf der individuellen Ebene als auch auf der Gattungsebene.
Auf der Gattungsebene führt das Altern dazu, dass eine Generation auf die andere folgen kann und dass somit durch jüngere Menschen das vorhandene Wissen weiterentwickelt, etwas Neues gewagt und auf aktuelle Herausforderungen reagiert werden kann. Menschen scheinen nämlich, je länger sie leben, eher an Bewahrung dessen, was sie selbst bereits erreicht haben, interessiert zu sein. Wandlung, Entwicklung und Anpassung an neue Situationen bedürfen in besonderer Weise der Innovationskraft und Kreativität jüngerer Generationen. Wenn Menschen gar nicht (oder nur sehr langsam) alterten, wäre daher auch die kulturelle Evolution stark verlangsamt (von der natürlichen Evolution des Menschen ganz zu schweigen). Aus dieser Sicht ist das Altern der Preis der Evolution. Leben kann sich nur entwickeln, wenn die einzelnen Lebewesen auch altern und sterben. Oder umgekehrt und positiv formuliert: Nur, weil Menschen altern und ältere Menschen den jüngeren weichen, nicht ohne ihnen ihre Erfahrungen und ihren Rat mitzugeben, gab und gibt es überhaupt eine Entwicklung des Menschen sowohl als Natur- als auch als Kulturwesen.
Dass Menschen altern und sterben, hat allerdings nicht nur positive Folgen für die Menschheit im Allgemeinen, sondern auch für den einzelnen Menschen. Ein Gedankenexperiment kann dies verdeutlichen. Man stelle sich vor, Menschen müssten aufgrund des medizinischen Fortschritts einmal nicht mehr sterben. Dann wäre das Menschsein nicht nur quantitativ, sondern qualitativ tiefgreifend verändert. Man könnte sogar fragen, ob jene Menschen, die nicht mehr sterben müssten, überhaupt noch Menschen sind. Denn für sie bedeutete es etwas ganz anderes, Mensch zu sein, als für jene |25|Menschen, die sich ihrer Endlichkeit und drohenden Hinfälligkeit bewusst sind – und sich ihrer unweigerlich bewusst sein müssen. Der wichtigste Unterschied zwischen sterblichen und nicht-sterblichen Menschen läge darin, dass für jene Wesen, die nicht mehr sterben müssen, die Freiheit ihren Ernst verlöre. Jede Entscheidung könnte nämlich revidiert werden. Nichts hätte tiefe, die eigene Existenz einfordernde und vor eine wirkliche Entscheidung stellende Bedeutung. Man kann sich ein solches Leben nur als äußerst traurig und als trotz aller möglichen Ereignisse und Erfahrungen, die es erlaubt, zutiefst monoton vorstellen. Denn mit der unendlichen Fülle der Zeit könnten diese Menschen einzelne Momente gar nicht mehr als besonders kostbar wahrnehmen. Sie wüssten ja, dass gute Momente nicht nur immer wieder kommen, sondern dass es immer wieder auch noch bessere Momente geben könnte. Eine solche Erwartung aber macht es unmöglich, Glück zu erfahren, und führt zu einer das gesamte Leben umfassenden Langeweile, wenn nicht sogar zu einer lähmenden Verzweiflung. Denn die Erfahrung wirklichen Glücks setzt die absolute Besonderheit eines jeden geglückten Augenblicks und somit die Begrenztheit des Lebens – in anderen Worten: das Altern – voraus.
Es gibt noch einen dritten Grund für eine zunächst einmal positive Sicht des Alterns. Dieser Grund liegt darin, dass in heutigen westlichen Gesellschaften viele Menschen nicht nur wesentlich älter werden als noch im 20. Jahrhundert, sondern dass sie auch wesentlich länger als je zuvor gesund und selbstbestimmt leben. Die viel beschworenen problematischen Aspekte des Alterns – insbesondere des sehr hohen Alters – können daher als oft auch behandelbare Schattenseiten einer zunächst einmal positiven Entwicklung verstanden werden. Nur weil Menschen heute bedeutend älter werden bzw. bedeutend länger gesund leben als je zuvor, werden auch bestimmte Krankheiten oder Gebrechen des sehr hohen Alters zu individuellen oder gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Zahl dieser Herausforderungen ist nicht gering. Sie reichen von Fragen der Finanzierung des Gesundheitswesens über die Entwicklung neuer Lebensmodelle für ältere Menschen bis hin zur Notwendigkeit, für Menschen mit Demenz gut zu sorgen. Angesichts der Vielfalt von Herausforderungen, auf die praktische Antworten notwendig sind, geht jedoch oft der Blick für die eigentliche, allen anderen Problemen und Fragen zugrundeliegende Herausforderung des Alterns verloren. Worin liegt diese Herausforderung, die nicht einfach relativiert werden kann?
Diese Herausforderung des Alterns liegt darin, dass die äußere Freiheit des Menschen – verstanden als seine Möglichkeit, ein selbstbestimmtes und von äußeren Zwängen freies Leben zu führen – zunehmend eingeschränkt wird. Die Gründe für diese Einschränkungen sind vielfältig. Es gibt physische Gründe wie etwa Krankheiten oder das Nachlassen der Lebenskraft; es gibt daneben psychische, geistige, soziale oder auch kulturelle Gründe.
Eine Einschränkung des Freiheitsraumes ergibt sich allein schon aus der Endlichkeit des menschlichen Lebens. Zwar muss sich auch ein junger Mensch dessen bewusst sein, dass der Tod jeden Moment eintreten könnte. Doch wird er sein Leben zunächst einmal als einen offenen Raum verstehen können, den es zu erkunden gilt. Mit jeder Entscheidung, die ein Mensch trifft, verändert sich allerdings dieser Raum. Wer etwas zum ersten Mal tut, kann es nie wieder zum ersten Mal tun. Die Entscheidung, einen bestimmten Lebensweg zu beschreiten, bestimmt andere zukünftige Entscheidungen. Man lebt zwar oft unter der Voraussetzung, dass viele Entscheidungen reversibel seien. Allerdings ist keine einzige Entscheidung im strengen Sinne umkehrbar. Denn man kann nie mehr zu jener Lebenssituation zurück, in der man |26|einmal eine Entscheidung getroffen hat. Man kann Entscheidungen bestenfalls revidieren, sie sich also, so die Etymologie dieses Wortes, noch einmal ansehen und dann gegebenenfalls eine andere Entscheidung treffen. Jedoch fällt einem, je länger man noch zu leben hofft, eine solche Revision umso leichter. Teils gravierende Um- und Neuentscheidungen sind gerade für junge Menschen alltägliche Phänomene.
Wer sich jedoch aufgrund vorangeschrittenen Alters bewusst sein muss, dass seine Tage, Wochen oder auch Monate gezählt sind, wird nicht nur um die Bedeutung jeder einzelnen Entscheidung wissen, sondern erfährt in oft schmerzhafter Weise auch, dass er/sie nicht mehr viel zu entscheiden hat. Ein alter oder sehr alter Mensch erlebt daher das Alter als eine zunehmende Einschränkung seines Freiheitsraumes. Er erfährt, je älter er wird, außerdem nicht nur die Endlichkeit, sondern auch die Hinfälligkeit des Lebens als zunehmende Begrenzung seiner Freiheit. Vieles, was er einmal tun konnte und vielleicht auch immer noch tun möchte, kann er nun nicht mehr tun. Die physischen, psychischen oder geistigen Kräfte reichen nicht mehr aus. Hilfe von außen wird zunehmend notwendig; eine zuvor ungekannte Abhängigkeit von anderen Menschen stellt sich ein.
Diese Einschränkung der Freiheit im Alter muss insbesondere in der heutigen Gesellschaft höchst problematisch erscheinen. Denn die Freiheit ist zu einem wichtigen, wenn nicht sogar vielfach zum bedeutendsten Lebensideal geworden. Dabei wird Freiheit oft auf die Zahl der Möglichkeiten, unter denen man – d. h. das einzelne Individuum – auswählen kann, reduziert. Man ist also umso freier, je mehr Möglichkeiten offenstehen. Der Sinn des Lebens besteht dann darin, die Zahl dieser Möglichkeiten immer mehr zu erweitern oder viele Möglichkeiten auch zu ergreifen. Wenn die Zahl dieser Wahlmöglichkeiten eingeschränkt wird, scheint das Leben seinen Sinn zu verlieren. Das Altern erscheint als zutiefst negativ. Es zeigt sich als eine sinnlose Kränkung des Menschen und seiner Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Die Konsequenz muss dann sein, die negativen Folgen des Alterns zu beseitigen, möglichst lange herauszuzögern oder durch den Tod zu vermeiden.
Doch kann man Freiheit auch anders verstehen, nämlich nicht als etwas, das allein durch eine hohe Zahl von Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten verwirklicht wird, sondern als entschiedene und immer auch zur Entscheidung herausgeforderte Aneignung einer konkreten Lebenswirklichkeit. Im ersten Fall wird Freiheit, vereinfacht gesprochen, am Modell des Konsumenten verstanden, der aus einem großen Warenangebot wählen kann. Man kann von einem „ökonomischen“ Verständnis von Freiheit sprechen, das den einzelnen Menschen und seine Wünsche in den Vordergrund stellt. Im anderen Fall bedeutet Freiheit wesentlich mehr, in all seinen Entscheidungen die konkrete Wirklichkeit des Lebens wahrzunehmen und ihre Erfordernisse anzuerkennen. Man kann von einem „ökologischen“ Verständnis von Freiheit sprechen, das stärker die Verantwortung des Menschen – im Sinne einer Antwort auf eine gegebene Situation – betont. Verantwortung zu übernehmen, mindert allerdings nicht die Freiheit, sondern führt zu einer vertieften Erfahrung von Freiheit, gerade auch wenn es bedeutet, dass durch eine freie Entscheidung die Zahl der möglichen Entscheidungen beschränkt wird. Wer zum Beispiel einem anderen Menschen ein Versprechen gibt, handelt nicht gegen seine Freiheit, indem er sie begrenzt, sondern verwirklicht sie gerade in der verantwortungsvollen Beziehung zu einem konkreten anderen Menschen. Menschliche Freiheit bewährt sich nämlich gerade in der freien, nicht willkürlichen Anerkennung jener Verantwortung, in deren Horizont der Mensch gerade als freies Wesen immer schon steht.
Wer Freiheit „ökonomisch“ versteht, will letztlich um der eigenen Freiheit willen vom Altern und seinen negativen Konsequenzen frei sein. Wenn Freiheit jedoch „ökologisch“ verstanden wird, kann man sich darum bemühen, zum Altern gerade auch als Einschränkung des eige|27|nen Freiheitsraumes frei zu werden und es in einer gelassenen, das wirklich Unvermeidbare sein lassenden Haltung als Moment des Lebens anzuerkennen: in all seiner Gebrechlichkeit und Not, aber auch in seiner Schönheit und Würde.
Eine gelassene Freiheit zum Altern ist gerade unter den Voraussetzungen einer altersflüchtigen Kultur und angesichts der Zunahme degenerativer Erkrankungen alles andere als leicht. Doch hat sie nicht nur den entscheidenden Vorteil, dass sie die Wirklichkeit eines endlichen und begrenzten Lebens anerkennt und in der Begrenzung von äußerer Selbstbestimmung einen inneren Freiheitsraum zu bewahren hilft. Sie führt auch dazu, den Menschen aus der Isolation eines ihn vereinsamenden Individualismus herauszureißen. Denn eine von Gelassenheit durchstimmte Freiheit zum Altern, die selbst ein schwer kranker Mensch noch zeigen kann, ist letztlich nur als geteilte Freiheit zu denken, als Freiheit mit anderen Menschen. Man altert in einer solchen Freiheit zum Altern nicht mehr allein, auf sich selbst und seine Einschränkungen zurückgeworfen, sondern mit anderen: mit anderen Menschen, die selbst altern, mit Menschen, die für einen da sind, und auch mit Menschen, für die man, selbst in größter Hinfälligkeit, da sein darf.
Daher dürfte sich gerade auch in den Einschränkungen, die das Altern mit sich bringt, die Möglichkeit tiefer menschlicher (Freiheits-)Erfahrungen zeigen, die dort nicht in den Blick treten, wo Freiheit auf die bloße Zahl der bloß äußerlichen Wahlmöglichkeiten reduziert wird, die einem einzelnen Menschen offen stehen. Es kann neben den Einschränkungen des Alterns auch eine innere Freiheit des Alters geben – eine zutiefst menschliche Freiheit. Denn das Leben ist kein Besuch im Supermarkt mit Taschen voller Geld, sondern bedeutet immer, sich in einem Haus einzurichten, das schon bewohnt und gebaut ist, wenn man es zum ersten Mal betritt, und das noch stehen wird, auch wenn man lange schon wieder ausgezogen ist.
(Dies ist die leicht veränderte Fassung eines Textes, der ursprünglich in Sailer-Pfister et al. erschienen ist: [Zaborowski, 2017].)
Coors, M. (2020). Altern und Lebenszeit. Phänomenologische und theologische Studien zu Anthropologie und Ethik des Alterns. Tübingen: Mohr Siebeck. Crossref
Enders, M. (Hrsg.). (2019). Menschlich altern. Multidisziplinäre Betrachtungen des menschlichen Alters. Nordhausen: Verlag Traugott Bautz.
Höffe, O. (2018). Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens. München: C. H. Beck. Crossref
Altenberg, B., Greulich, K. O., Elsässer, V., Gabrian, M., Wahl, H.-W. & Knell, S. (2017). Altern. Biologische, psychologische und ethische Aspekte. Freiburg i. Br.: Verlag Karl Alber.
Zaborowski, H. (2017). Menschlich alt werden. Phänomen, Sinn und Freiheit des Alterns. In S.Sailer-Pfister, I.Proft & H.Brandenburg (Hrsg.), Was heißt schon alt? Theologische, ethische und pflegewissenschaftliche Perspektiven. Ethische Herausforderungen in Medizin und Pflege (S. 35–43). Ostfildern: Matthias Grünewald Verlag.
Michael Coors
Zusammenfassung
Die christliche Ethik der Nächstenliebe wird theologisch als Ausdruck eines Ideals menschlicher Lebensführung aus Glauben dargestellt, vom dem ausgehend Liebe nicht als Gefühl, sondern als Akt des Helfens und als Haltung der Hilfsbereitschaft zu verstehen ist. Eine Pflicht zur Nächstenliebe stellt nur eine „Hilfskonstruktion“ dar, die dem Rechnung trägt, dass die Erneuerung der Haltung des Menschen durch Gott im Leben ein unabgeschlossener Prozess bleibt. Im Kontext der Institutionalisierung einer Ethik der Nächstenliebe wird die Pflichtenethik aber zum Regelfall und führt in problematische Aporien. Demgegenüber wird dafür argumentiert, dass die Aufgabe diakonischer Institutionalisierung helfenden Handelns darin liegen muss, Mitarbeitenden eine Haltung und Praxis der Nächstenliebe durch den Einsatz für professionelle Pflege und gerechte Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Im säkularen Kontext wird die Ethik der Nächstenliebe transformiert in eine Ethik der Sorge, die aber analoge Problemstellungen bewältigen muss. Zudem bleibt auch eine Ethik der Sorge angewiesen auf eine Spiritualität, die das Ideal zwischenmenschlicher Sorgebeziehungen plausibilisiert.
Der folgende Beitrag beschreibt eine theologisch-ethische Perspektive auf die Berufsethik der Pflege. „Die christliche Auffassung von Nächstenliebe und Barmherzigkeit bestimmt zum Teil heute noch die Krankenpflege“ (Messner, 2017, S. 32). Eine Prägung, die bei weitem nicht immer zum Guten der Pflege gereichte. Denn die Berufung darauf, dass Pflege ein Akt der Nächstenliebe sei, wird bis heute in politischen Kontexten oft mit der Vorstellung verbunden, dass es sich bei der Pflege nicht um eine professionelle, hochqualifizierte Tätigkeit handeln würde. „Nächstenliebe braucht keine Professionalität, also ist Pflege als Akt der Nächstenliebe auch nichts professionelles“, so lautet der falsche Umkehrschluss, der im Gegenzug dazu führt, dass viele Pflegefachkräfte nichts mehr davon hören oder lesen wollen, dass ihre berufliche Tätigkeit etwas mit dem zu tun habe, worum es in dem Begriff der Nächstenliebe geht. Einerseits ist Nächstenliebe für viele unhinterfragt ein hohes moralisches Ideal, andererseits verbinden sich damit problematische Vorstellungen wie die von der Arbeit aus Berufung und zum „Gotteslohn“ und von hierarchischer Abhängigkeit. Zudem handelt es sich um ein religiöses Gebot, das auf den ersten Blick keine Relevanz für die professionelle Pflege im säkularen Gesundheitswesen haben kann.
Lernziele
Sie verstehen zentrale Aspekte des christlichen Konzepts der Nächstenliebe und der in diesem Konzept begründeten Ethik des Helfens,
|30|Sie verstehen das spezifische Verhältnis zwischen Liebe als Ideal und Liebe als Pflicht (die „Rückfallposition“),
Sie verstehen die Problematiken einer Ethik der Nächstenliebe in institutionalisierten Kontexten,
Sie reflektieren Ihre eigene Haltung, aus der heraus Sie in der Pflege professionell helfend tätig werden
Die folgenden Ausführungen aus theologisch-ethischer Perspektive verfolgen angesichts dessen zum einen das Ziel, deutlich zu machen, dass das in solchen Diskussionen oft vorausgesetzte Verständnis von „Nächstenliebe“ sowohl in der Aneignung wie auch in der Kritik hinter dem zurückbleibt, was man theologisch zu diesem Konzept sagen kann und muss. Ausgehend von der Beobachtung, dass die christliche Tradition einer Liebesethik zudem weitreichenden Einfluss auf die Entstehung von Systemen der Gesundheitsfürsorge und damit auch auf die Praxis der Pflege hatte, geht es zum anderen um die Frage, was die Grenzen einer Ethik der Nächstenliebe im institutionellen Kontext sind und was andererseits ein Mehrwert der Nächstenliebe gegenüber einer säkularisierten Ethik der Sorge darstellen könnte.
Die Geschichte des Christentums ist eng verwoben mit der Geschichte der Entstehung von Systemen der Fürsorge für gesellschaftliche Randgruppen: Die frühen christlichen Gemeinden entstanden in einer Zeit, die geprägt war von Kriegen, Hungersnöten, Naturkatastrophen und Verfolgungen. Auf der Grundlage des christlichen Liebesgebotes kümmerten sich die frühen christlichen Gemeinden um die Witwen, Waisen, Armen und Kranken – kurz um „alle Menschen, welche litten, weil sie physisch, psychisch, sozial oder geistig zu weit entfernt waren von dem, was jeweils von einer Gemeinde als normal betrachtet wurde“ (Käppeli, 2004, S. 264). Die christlichen Gemeinden führten damit fort, was schon für den Gottesglauben des Volkes Israel im Alten Testament charakteristisch war. Weil sie aber glaubten, dass Gottes Barmherzigkeit den Menschen aller Völker gilt, universalisierte sich auch die Liebestätigkeit der christlichen Gemeinden: Sie galt und gilt bis heute allen Menschen (Käppeli, 2004).
Mit der Anerkennung des Christentums als legitimer Religion im römischen Reich zu Beginn des 4. Jahrhunderts unter Kaiser Konstantin gewann das Christentum zunehmend an Einfluss auf das öffentliche Leben und damit auch die Idee einer Armen- und Krankenfürsorge. Die Idee einer öffentlichen Verantwortung für die Kranken gab es nach Garry B. Fengren in der antiken Welt nicht, bevor die christlichen Kirchen sie in die Gesellschaft einführten (Fengren, 2009): Die Entwicklung eines Systems der öffentlichen Fürsorge für Arme, Kranke und alte Menschen war eine Folge der gelebten Liebesmoral der frühen christlichen Gemeinden. „Die Art der Liebe, welche Jesus gepredigt hatte, war neu für die Alte Welt“ (Käppeli, 2004, S. 161). Denn die Christ/innen wandten sich nicht nur ihren Glaubensgeschwistern helfend in Liebe zu, sondern allen Menschen, die der Hilfe bedurften.
Im späten vierten Jahrhundert entstanden dann erste Spitäler, in denen Arme, Kranke und pflegebedürftige Menschen versorgt wurden (Fengren, 2009). Die Sorge für die Kranken bestand im Wesentlichen in pflegerischen Tätigkeiten, aber im Laufe der Zeit wurden auch Ärzte in diesen Spitälern angestellt. Diese antiken Spitäler stellten keine Krankenhäuser im modernen Sinne dar, denn sie waren nicht auf medizinische Versorgung und Therapie konzentriert, aber sie bilden eine wichtige institutionalisierte Form der Sorge auch für kranke Menschen, die in ihnen pflegerisch versorgt wurden. Diese pflegerische Sorge übernahmen dann seit dem 4. Jahrhundert auch die in dieser Zeit entstehenden christlichen Orden (|31|Messner, 2017), die über die folgenden Jahrhunderte das gesamte Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit die Geschichte der Pflege bestimmten und das christliche Ethos der Nächstenliebe in konkret praktizierter Sorge für die Kranken fortführten.
Im 19. und 20. Jahrhundert waren die Anfänge der modernen Krankenpflege dann weiterhin geprägt von christlichen Motiven, die sich aber stark mit den gesellschaftlichen (Geschlechter-)Hierarchien des 19. Jahrhunderts verbanden: Die Mutterhausdiakonie, deren Grundlagen das Ehepaar Fliedner entwickelt hatte, war nicht nur von einem problematischen Verständnis von Nächstenliebe als Selbstaufgabe geprägt, sondern auch von Geschlechtsstereotypen, durch die die gesellschaftliche Unterordnung von Frauen übertragen wurde auf die Unterordnung der Pflege zunächst unter das kirchliche Amt, später unter die Ärzte (Taubert, 2017).
Die freiberufliche Krankenpflege entwickelte sich dann in einer deutlichen Abgrenzung zu dieser konfessionellen christlichen Krankenpflege in den Mutterhäusern (Käppeli, 2004). Doch die moralischen Ideale, die hier formuliert wurden, entsprachen weitgehend denen, die auch die konfessionelle Pflege geprägt hatten: „Gegenwärtigsein, Einstehen für die Leidenden, tatkräftige Hilfe sowie eigenes Leiden als Folge des Mit-Leidens“ (Käppeli, 2004, S. 324). Dass christliche Wertvorstellungen weiterhin prägend blieben, hat vermutlich auch damit zu tun, dass zentrale Gründerfiguren der freiberuflichen Krankenpflege wie die Gründerin des Berufsverbandes der deutschen Krankenpflege und Präsidentin des International Councils of Nursing Agnes Karll (Taubert, 2017; Messner, 2017) oder im englischen Kontext Florence Nightingale (Messner, 2017) in ihren persönlichen Motiven stark vom christlichen Glauben geprägt waren. Die Geschichte der Entstehung der freiberuflichen Krankenpflege vollzog sich zwar als Prozess der Abgrenzung von der kirchlichen Hierarchie, sie blieb aber zugleich geprägt von christlichen Persönlichkeiten. Zugleich musste sich Agnes Karll im deutschen Kontext gegen die Machtposition der kirchlich getragenen, diakonischen Mutterhäuser durchsetzen, die eine Eigenständigkeit der Krankenpflege als Profession zu verhindern suchten (Taubert, 2017).
Dennoch geht die Etablierung der Krankenpflege als selbständigem Beruf einher mit einer Säkularisierung der christlichen Liebesethik. Diese verliert ihre religiöse und theologische Begründung, und an die Stelle des Begriffs der Nächstenliebe treten Konzepte wie das des „compassionate caring“, in dem aber traditionelle christliche Motive fortwirken (Käppeli, 2004). Darüber hinaus bleiben christliche Motive und Begründungen pflegerischen Handelns aber auch ganz praktisch darin wirksam, dass ein erheblicher Anteil von Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern in Deutschland bis heute von den christlichen Kirchen getragen werden.
Für die christliche Liebesmoral (Nächstenliebe als Markierung für das spezifisch christliche Verständnis von Liebe) ist insbesondere die Rezeption zweier biblischer Textkomplexe zentral: Zum einen das Doppelgebot der Liebe und seine Deutung durch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37) sowie das Gleichnis Jesu vom Weltgericht (Mt 25,31–46), aus dem sich die Vorstellung von den sieben Werken der Barmherzigkeit ableitete, in denen das christliche Liebesgebot eine konkrete Gestalt bekam. Zu diesen sieben Werken der Barmherzigkeit gehörte insbesondere auch die Sorge für die Kranken.
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und |32|deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27). Was dieses, in der Christenheit von Anfang an immer wieder zitierte höchste Gebot bedeutet, wird im Lukasevangelium durch das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,30–35) gedeutet, das Jesus seinen Anhänger/innen erzählt. Das Gleichnis antwortet dabei vor allem auf die Frage nach dem Begriff des Nächsten.
Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho von Räubern überfallen wird und verwundet am Wegrand liegen bleibt. Ein Priester und ein Levit, beides Inhaber hoher religiöser Ämter im Judentum der damaligen Zeit, gehen vorbei, ohne ihm zu helfen. Allein ein vorbeikommender Samariter, ein Angehöriger einer fremden Volksgruppe, zu der das Judentum in religiöser Konkurrenz stand, hilft dem Verwundeten, versorgt ihn vorläufig und bringt ihn in eine Herberge, in der er für seine weitere Unterkunft und Versorgung zahlt. Die entscheidende Pointe bezüglich des Begriffs des Nächsten liegt nun in der anschließenden Frage Jesu an den zuhörenden Gesetzeslehrer: „Wer von diesen dreien, meinst Du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?“ (Lk 10,36) Der Begriff des Nächsten bezieht sich also nicht auf das Objekt der Liebe, sondern auf das Subjekt: Es geht nicht darum, einem Nächsten zu helfen, sondern darum, selbst Nächste/r zu werden für eine hilfsbedürftige Person. Nächster wurde in diesem Sinn der Samariter, der dem Verletzten am Wegesrand half bzw. in den Worten des Gesetzeslehrers, der auf Jesu Frage antwortet, ist der Nächste derjenige, der „die Barmherzigkeit an ihm tat“ (Lk 10,37).
Damit ist deutlich, dass der Sinn des Gebots der Nächstenliebe gerade nicht darin besteht, dass einer bestimmten Gruppe von „Nächsten“ geholfen werden soll, sondern darin, dass jedem Menschen, der der Hilfe bedarf, geholfen werden soll. So steht am Ende des Textes auch die Aufforderung Jesu, hinzugehen und desgleich zu tun: Das Gebot der Nächstenliebe ist also das Gebot, Barmherzigkeit zu üben. Es ist das Gebot einer universalen Hilfstätigkeit, die sich jedem Menschen in Not unabhängig von Religion und Volkszugehörigkeit zuwendet. Genau so wurde es in der Urchristenheit und in der alten Kirche auch verstanden, wie der historische Überblick verdeutlicht hat. Dazu beigetragen hat auch, dass die Herberge, in die der Samariter den Verwundeten zur weiteren Versorgung belässt, von den Kirchenvätern auf die Kirche hingedeutet wurde (Irenäus, 1992; Augustinus, 1905): Damit wurde die Hilfeleistungspflicht auch als institutionelle Hilfeleistung denkbar. Die Kirche als Institution stellt die Infrastruktur zur Verfügung, die es über die individuelle Hilfeleistung hinaus braucht, um Hilfe verlässlich anzubieten.
Was aber die konkreten Taten sind, die aus Barmherzigkeit und Liebe zu tun sind, das verstanden und verstehen Christ/innen bis heute insbesondere durch das Gleichnis Jesu vom Weltgericht (Mt 25,31–44). Erzählt wird in diesem Gleichnis, dass allein diejenigen am jüngsten Tag des Weltgerichtes in das Reich Gottes eingelassen werden, die die Hungrigen gespeist, den Durstigen zu trinken gegeben, Fremden Gastfreundschaft gewährt, Nackte bekleidet, Kranke gepflegt und Gefangene besucht haben (Mt 25,35f). Zweierlei ist dabei für die ethische Auslegung dieses Textes zentral: Zum einen wissen diejenigen, die diese guten Werke getan haben, nicht, dass sie sie getan haben: Sie sind vielmehr erstaunt über die Aussage Jesu (Mt 25,37–39). Das ist gerade mit Blick auf die Vorstellung einer Verdienstlichkeit der guten Werke, die bereits früh in der antiken Christenheit wieder Fuß fasste (Käppeli, 2004), wesentlich. Denn die Vorstellung, dass die Werke der Barmherzigkeit einen Verdienst vor Gott bedeuten, setzt voraus, dass man diese Werke wissentlich ausübt und muss darum problematisiert werden. Die Geretteten im Gleichnis aber sind überrascht, dass sie diese Werke getan haben: Sie taten also eigentlich nur das, was sie für selbstverständlich hielten und nichts, was sie für besonders verdienstlich hielten.
Zum anderen gelten die Werke der Barmherzigkeit als Werke, die an Christus selbst getan |33|werden. Jesus identifiziert sich also in der Gleichniserzählung mit den Hungrigen, den Durstigen, den Kranken etc.: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Das Tun dieser Werke war und ist darum für Christ/innen ein Erfüllen des Gebots der Nächstenliebe und gleichermaßen Gottesdienst, denn in der Hilfe für die Bedürftigen begegnet ihnen Christus. Dementsprechend gehören die liturgische Feier des Gottesdienstes und die helfende Liebestätigkeit der christlichen Gemeinden eng zusammen, wie es sich z. B. in der Praxis der Sammlung von Gaben für die Armen im Zusammenhang der Abendmahlsfeier ausdrückte: „In dem Moment, in dem die Gemeinde Christi Opfer und Liebe feierte, übte sie selbst – in der Dankbarkeit gegenüber Gott – Liebe aus“ (Käppeli, 2004, S. 200).
Vor dem Hintergrund dieser beiden Texte und zahlreicher anderer biblischer Texte, in denen zu Werken der Liebe aufgerufen wird, ist die dargestellte Entwicklung der christlichen Hilfstätigkeit in der frühen Christenheit zu verstehen, aus der heraus dann auch die Systeme der Versorgung von kranken Menschen entstanden.
Schon diese beiden biblischen Texte machen dabei deutlich, dass unter dem Begriff „Liebe“ in christlicher Perspektive nicht in erster Linie eine Emotion oder ein Gefühl verstanden wird. Der Begriff der Liebe charakterisiert vielmehr die Tätigkeit helfenden Handelns (Campbell, 1984). Dieses Verständnis von Liebe liegt quer zum umgangssprachlichen, gefühlsbetonten Gebrauch des Wortes „Liebe“. Das christliche Liebesgebot gebietet kein emotionales Verhältnis zu Menschen in Not. Gefühle spielen in den genannten biblischen Texten nur am Rande eine Rolle. Zwar wird vom Samariter erzählt, dass es ihn jammerte, als er den Verletzten am Wegesrand liegen sah, aber die Liebe zum Verletzten bestand nicht darin, dass ihm jammerte, sondern darin, dass er diesem half (Fischer et al., 2007). In der emotionalen Reaktion des „Jammerns“ nimmt der Samariter die Situation des Verletzten als eine moralisch ihn betreffende Situation wahr. Nur weil er sich auf diese Weise emotional vom Leid des Verwundeten berühren lässt, erlebt er sich als moralisch gefordert. Emotionen sind also moralisch nicht irrelevant, und sie spielen auch für die Nächstenliebe eine Rolle. Aber die Nächstenliebe selbst besteht nicht in der emotionalen Reaktion, sondern in der auf diese emotionale Reaktion folgenden Tat. Denn derjenige, der sich von der Situation des Leidens berühren lässt, aber dennoch nicht hilft, übt auch keine Barmherzigkeit.
Das, was im Horizont christlichen Glaubens als „Liebe
