Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band) - Paul Scheerbart - E-Book

Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band) E-Book

Paul Scheerbart

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Beschreibung

In "Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane" versammelt Paul Scheerbart zwölf herausragende Werke, die sowohl imaginative Schöpfungen als auch tiefgreifende gesellschaftskritische Reflexionen verkörpern. Seine Texte zeichnen sich durch einen lyrischen, oft spielerischen Stil aus, der es ermöglicht, komplexe dystopische Szenarien in eingängiger Form zu präsentieren. Inmitten der frühen 20. Jahrhunderts bemerkenswerten Entwicklungen in der Wissenschaft und Technik beleuchtet Scheerbart die vielschichtigen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Maschine, Gesellschaft und Individuum, oft mit einem Hauch von Ironie und surrealer Phantasie. Paul Scheerbart (1863-1915) war ein deutscher Schriftsteller, Architekt und Visionär, dessen Werke oft im Schatten seiner Zeitgenossen standen. Er war ein Vorreiter der Science-Fiction-Literatur und verband literarischen Ausdruck mit architektonischen Ideen, was seine Faszination für utopische Konzepte verdeutlicht. Sein Interesse an der Kunst und den sozialen Verhältnissen jener Zeit motivierte ihn, die Möglichkeiten einer alternativen Zukunft zu erforschen und den Leser zum kritischen Nachdenken über die gegenwärtigen Herausforderungen anzuregen. Dieses Buch ist eine zeitlose Einladung, die Grenzen der Vorstellungskraft zu überschreiten. Leser, die sich für die Fragestellungen der modernen Technologie, der sozialen Gerechtigkeit und der menschlichen Natur interessieren, werden in Scheerbarts faszinierendes Universum eintauchen und inspiriert zurückkehren. Ein unverzichtbares Werk für alle Liebhaber von Science-Fiction und Dystopien. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Paul Scheerbart

Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

Bereicherte Ausgabe. Lesabéndio + Die große Revolution + Der Kaiser von Utopia + Platzende Kometen + Die wilde Jagd…
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547689478

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Werksammlung versammelt zwölf Titel von Paul Scheerbart und macht die Spannweite seines visionären Denkens in einem Band greifbar. Der Band führt durch utopische und dystopische Entwürfe, planetare Fantasien und gesellschaftliche Experimente und bietet damit einen konzentrierten Zugang zu einem der eigenwilligsten Stimmen der frühen Moderne. Die Auswahl zielt darauf, das Verhältnis von Imagination, Technik und sozialer Utopie in Scheerbarts Werk nachvollziehbar zu machen. Neben erzählerischen Großformen stehen Reflexionen über Raum, Licht und Material, sodass sich literarische Konstruktion und programmatische Überlegung wechselseitig beleuchten. So entsteht ein Lesepanorama, das Vielfalt, Konsequenz und Aktualität dieses Œuvres zusammenführt.

Die hier vereinten Texte umfassen vor allem Romane und weitgespannte Erzählwerke; mit Glasarchitektur tritt zudem ein essayistischer, architekturtheoretischer Beitrag hinzu. Die Grenzen zwischen Gattung und Verfahren bleiben bewusst porös: Märchenhafte Züge, satirische Brechungen und philosophische Exkurse strukturieren die Prosawerke ebenso wie motivische Leitfäden aus Naturwissenschaft und Technik. Scheerbart nutzt erzählerische Langformen, um soziale Modelle, Interieurs und ganze Weltentwürfe zu erproben, während der programmatische Text das Denken in Licht, Farbe und Transparenz bündelt. So entsteht ein Dialog zwischen Fiktion und Reflexion, der den Horizont dieser Sammlung erweitert und ihre innere Dramaturgie trägt.

Verbindende Themen treten in variierenden Konstellationen hervor: Fragen nach Lebensformen jenseits etablierter Ordnungen, die Spannung von technischer Beschleunigung und sozialer Verantwortung, die Rolle von Architektur, Stadt und Materialität als Träger neuer Gemeinschaften. Wiederkehrend sind Bilder von Glas, Licht und Farbe sowie kosmische Perspektiven, die das Irdische relativieren, ohne den Alltag aus dem Blick zu verlieren. Utopische Zuversicht und dystopische Skepsis geraten in ein produktives Gespräch, das Pathos meidet und auf geistige Beweglichkeit setzt. Humor und leise Ironie öffnen Räume des Zweifelns und Probierens, in denen neue Wahrnehmungen und mögliche Zukünfte testweise Form annehmen.

Stilistisch verbindet Scheerbart Leichtigkeit mit Konstruktionslust. Er arbeitet mit Neologismen, überraschenden Benennungen und einer rhythmischen, oft transparent geführten Prosa, die Bilder schichtet, ohne sie zu überfrachten. Statt ausführlicher Erklärungen bevorzugt er szenische Verdichtung, knappe Dialoge und semantische Verschiebungen, die Bedeutungen in Bewegung halten. Sprachspiel und gedankliche Präzision schließen einander nicht aus, sondern erzeugen jene besondere Schwebelage, in der das Fantastische plausibel wirkt. Dabei bleibt die Erzählhaltung neugierig und experimentell: Weltbau entsteht aus Details, Perspektivwechseln und motivischen Netzen, die das Lesen als Entdeckungsprozess gestalten und den Entwurf ständig gegen die Realität spiegeln.

Historisch stehen die hier versammelten Texte im Umfeld einer Epoche, in der Industrialisierung, Urbanisierung und neue Medien die Erfahrungsräume veränderten und Wissenschaften wie Astronomie, Physik und Technik breite Aufmerksamkeit erhielten. Scheerbarts Literatur reagiert darauf, indem sie Horizonte weitet und zugleich soziale Leitbilder prüft. Besonders das programmatische Moment von Glasarchitektur zeigt, wie künstlerische und gesellschaftliche Visionen miteinander verknüpft werden können. In der Literaturgeschichte wirken seine Entwürfe als frühe, eigenständige Beiträge zur deutschsprachigen Science-Fiction und zur Utopie-Debatte. Ihre Fragen nach Raumordnung, Transparenz, Gemeinschaft und Verantwortung behalten angesichts aktueller Technologien und Krisen weiterhin argumentative Schärfe.

Die zwölf Werke entfalten diese Themen in unterschiedlichen Tonlagen und Formen. Schon die Titel lassen programmatische Akzente erkennen: Die wilde Jagd, Liwûna und Kaidôh und Die große Revolution öffnen Spielräume zwischen Mythos, Aufbruch und Umgestaltung; Immer mutig!, Kometentanz, Der Kaiser von Utopia und Das große Licht verknüpfen Haltung, Kosmos und Modelle des Zusammenlebens. Lesabéndio und Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß führen die Motive von Farbe, Material und fremden Welten weiter, während Glasarchitektur die theoretische Folie liefert. Na prost! und Platzende Kometen setzen pointierte, teils kosmisch aufgeladene Schwerpunkte, die Perspektiven verschieben, ohne den Ernst zu verlieren.

Für heutige Leserinnen und Leser bietet die Zusammenstellung ein Labor der Möglichkeiten, in dem sich poetische Fantasie und gesellschaftliche Reflexion gegenseitig schärfen. Wer Science-Fiction, Dystopie und utopisches Denken sucht, findet hier sprachliche Erfindungskraft, konzise Weltentwürfe und einen durchdacht komponierten Querschnitt durch Scheerbarts Langprosa samt einem grundlegenden Essay. Die Anordnung ermutigt zu thematischen Querlektüren ebenso wie zur konzentrierten Lektüre einzelner Titel. Sie lädt ein, die Spannung zwischen Entwurf und Wirklichkeit auszuhalten, ohne vorschnelle Antworten zu erzwingen, und eröffnet so den Blick auf ein Werk, das neugierig macht auf andere Zukünfte und auf die Gegenwart.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Sammlung Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band) bündelt Texte, die Paul Scheerbart zwischen der Jahrhundertwende und dem Kriegsbeginn 1914 im Umfeld des wilhelminischen Berlin entwickelte. Werke wie Die wilde Jagd, Liwûna und Kaidôh, Der Kaiser von Utopia oder Lesabéndio verbinden satirische Gesellschaftsbeobachtung mit kosmischer Fantastik. Die rasante Modernisierung des Kaiserreichs, sichtbare in Elektrifizierung, Massenverkehr und neuen Metropolenritualen, lieferte ihm Stoff für utopische wie warnende Bilder. Früh verwebte er Technikbegeisterung und Skepsis gegenüber Autorität, was die gleichzeitige Faszination und Irritation der zeitgenössischen Leserinnen und Leser erklärte und die spätere Rezeption prägte.

Der naturwissenschaftliche Aufbruch um 1900 schuf den Resonanzraum für Scheerbarts kometare und planetare Einfälle. Astronomie-Popularisierer wie Camille Flammarion und Debatten um Percival Lowells Marskanäle befeuerten in Europa Erwartungen an außerirdisches Leben. Halley’scher Komet 1910, in Deutschland weithin beobachtet und öffentlich diskutiert, nährte zugleich Endzeitängste. Diese Konstellation trägt mehrere Stücke der Sammlung, von Kometentanz und Platzende Kometen bis zum planetarischen Roman Lesabéndio und dem Lichtdenken in Das große Licht. Scheerbart nutzt das neue kosmische Imaginäre weniger für Eskapismus als für Perspektivwechsel: Menschliche Institutionen erscheinen aus astronomischer Distanz relativ, reformierbar und satirisch entzauberbar.

Der städtische Alltag wandelte sich durch Stahl, Glas und Elektrizität. Berliner Warenhäuser, Passagen und Schaufenster eröffneten seit den 1890ern eine Ästhetik der Transparenz; Wolfram-Glühlampen (OSRAM seit 1906) tauchten die Nächte in neues Licht. Im Deutschen Werkbund, gegründet 1907, verband sich Reformgestus mit Materialexperimente. 1914 errichtete Bruno Taut in Köln den Glaspavillon, an dessen Wänden Sentenzen Scheerbarts prangten; parallel erschien Glasarchitektur. Dieses Zusammenspiel von Theorie und Baupraxis prägt die Sammlung ebenso wie Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß: Glas, Farbe und Durchsicht stehen für soziale Erneuerung, gegen Repräsentationspomp, für heitere Disziplin und eine ästhetisch begründete Moral.

Politisch erlebte das Kaiserreich gespannte Gegensätze: wachsende Sozialdemokratie (SPD als stärkste Reichstagsfraktion 1912), Militarisierung, Kolonialdiskurse und Massenpresse konkurrierten um Deutungshoheit. Scheerbart reagierte darauf mit satirischen Regierungs- und Revolutionsbildern, die in Der Kaiser von Utopia, Die große Revolution und Immer mutig! anspielungsreich wiederkehren. Er stellt Hierarchien als veränderbar dar und attackiert obrigkeitsstaatliche Rituale durch utopische Versuchsanordnungen. Das passte zu einem urbanen Lesepublikum, das nach Orientierungswissen in Zeiten rascher Beschleunigung verlangte, zugleich aber an Zensur- und Sittlichkeitsdebatten gewöhnt war. Die Ambivalenz zwischen Reformbegeisterung und Autoritätskritik erklärt auch die schwankende zeitgenössische Aufnahme seiner entgrenzten Fantasien.

Literarisch steht Scheerbart an der Schwelle zwischen Symbolismus, früher Science-Fiction und dem expressionistischen Aufbruch um 1910. Zeitschriftenmilieus wie Der Sturm (Herwarth Walden, Berlin) und Die Aktion (Franz Pfemfert) verbreiteten radikale Sprach- und Bildexperimente, die seine Kurzformen und Prosamanifeste begünstigten. Kurd Lasswitz’ Technikutopien hatten in Deutschland seit 1897 Maßstäbe gesetzt; Scheerbart antwortete darauf mit phantastisch-satirischer Weitung. Insel-Verlag in Leipzig veröffentlichte 1913 Lesabéndio, während Glasarchitektur 1914 in Berlin diskutiert wurde und Architekten wie Bruno Taut erreichte. Diese institutionelle Vernetzung verschob die Rezeption: Kunst- und Bauavantgarde entdeckten ihn früh, das breitere Publikum blieb zögerlich.

Zugleich kreisten um 1900 Reformbewegungen um Körper, Geist und Umwelt. Lebensreform, vegetarische Kost, Freikörperkultur, Naturheilweisen und die theosophische beziehungsweise anthroposophische Sinnsuche (Rudolf Steiners Goetheanum entstand 1913 in Dornach) förderten Experimente mit Farbe, Licht und Raum. In diesem Klima erscheinen Scheerbarts Visionen einer heiteren Zivilisationsveredelung durch Glas und kosmisches Denken nachvollziehbar. Liwûna und Kaidôh, Das große Licht oder Na prost! stehen für die Mischung aus spielerischer Ironie und ernstem Erneuerungswillen. Der Autor bezog keine dogmatische Stellung, doch er übersetzte die Reformsehnsucht seiner Zeit in literarische Modelle eines leichten, entmaterialisierten, gleichwohl sozialen Gemeinschaftsideals.

Mit dem Kriegsbeginn 1914 brachen viele Experimente jäh ab. Die Kölner Werkbundausstellung schloss bereits im August, Tauts Glaspavillon wurde bald darauf demontiert; die Kriegswirtschaft verdrängte die Utopien der Transparenz. Scheerbarts Schriften, darunter Das graue Tuch und Glasarchitektur, standen plötzlich im Schatten der Mobilmachung, während Zensur und materielle Not die literarische Öffentlichkeit verengten. Der Autor starb 1915 in Berlin nach einer Phase großer Entbehrungen; seine kosmisch-architektonischen Projekte blieben Fragment einer anderen, eben abgebrochenen Moderne. Zugleich bewahrte der Krieg die dystopische Schärfe vieler Texte, deren Warnungen vor autoritärem Taumel und technologischer Hybris nun bedrückend real wirkten.

Nach 1918 wirkten die Ideen fort. Bruno Taut initiierte 1919/20 die Gläserne Kette; die frühen Bauhaus-Jahre verarbeiteten Transparenz, Farbe und Leichtigkeit als soziale Versprechen. Walter Benjamin hob 1933 Scheerbart als Zeugen einer neuen, gläsernen Nüchternheit hervor und stärkte so die intellektuelle Nachwirkung. In der Science-Fiction-Geschichte gelten Lesabéndio und die kometarischen Texte heute als eigenständige Alternative zur angloamerikanischen Technikdominanz, während Glasarchitektur und Das graue Tuch utopische Stadtbilder jenseits des Rationalismus entwerfen. Die Sammlung zeigt damit, wie ein Berliner Autor zwischen 1890ern und 1915 die Spannungen von Moderne, Autorität und Kosmos produktiv machte.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Kosmische Spektakel und Kometen (Kometentanz; Platzende Kometen; Das große Licht)

Himmelskörper werden zu Bühnen des Staunens und der leisen Katastrophe, auf denen Licht, Bewegung und Zerbrechlichkeit der Welt spielerisch erprobt werden.

Zwischen komischer Übertreibung und wissenschaftsnaher Fantasie entfalten sich Visionen, die den Zauber des Universums ebenso feiern wie seine unberechenbaren Risiken.

Astrofantasien und außerirdische Gesellschaften (Lesabéndio; Liwûna und Kaidôh)

Ferne Welten und Wesen erproben ungewohnte Formen von Gemeinschaft, Wahrnehmung und Zuneigung jenseits irdischer Normen.

Poetische Neologismen, schwebende Architekturen und organische Formen erzeugen einen kontemplativ-utopischen Ton mit feiner Melancholie.

Utopische Herrschaft und Revolution (Der Kaiser von Utopia; Die große Revolution)

Satirische Gesellschaftsentwürfe testen Herrschaftsverzicht, Reformrausch und technikgestützte Verbesserungen als Modelle einer friedlicheren Ordnung.

Zwischen Idealismus und Systemkritik zeigen diese Texte, wie heitere Utopie an praktischen Widersprüchen reibt, ohne den Reformwillen preiszugeben.

Alltags- und Kultur-Satiren (Immer mutig!; Na prost!)

In kurzen Episoden und kulturkritischen Skizzen werden Mut, Genuss und Umgangsformen als Labor für Verhaltensutopien durchsichtig gemacht.

Der Ton schwankt zwischen freundlicher Ironie und spielerischer Provokation und zeigt, wie kleine Lebenspraktiken gesellschaftliche Dynamik prägen.

Architektur und Mode als Zukunftsentwürfe (Glasarchitektur; Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß)

Glas, Licht und kontrollierte Farbreduktion dienen als mediale Werkzeuge einer neuen Lebensform, in der Räume und Kleidung Wahrnehmung und Miteinander modellieren.

Manifesthafter Ernst verbindet sich mit erzählerischer Leichtigkeit zu einer Vision transparenter Umgebungen, die Ästhetik und soziale Reform zusammendenken.

Frühphantastik und mythische Jagden (Die wilde Jagd)

Ein taumelnder Reigen aus Verfolgung, Maskerade und übernatürlichen Interventionen verknüpft Sagenmotive mit moderner Groteske.

Die verspielte Sprache und der Wechsel von Märchen- zu Satiretönen markieren eine Frühform jener Leichtigkeit und Verwandlungslust, die das Gesamtwerk prägt.

Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

Hauptinhaltsverzeichnis
Die wilde Jagd
Liwûna und Kaidôh
Die große Revolution
Immer mutig!
Kometentanz
Der Kaiser von Utopia
Das große Licht
Lesabéndio
Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß
Glasarchitektur
Na prost!
Platzende Kometen

Die wilde Jagd

Inhaltsverzeichnis
GÖTTER!
EIER!
LUST!
THEATER
JAMMER!
TEMPEL!
RASEREI!
VIKTORIA!

GÖTTER!

Inhaltsverzeichnis

Die schwarzen Diener gossen Öl in die vielen Maschinen[1q].

Die schwarzen Diener krochen in unglaublich großen Scharen wie schwarze Salamander an den Maschinen hinauf und hinunter.

Die Öltonnen ragten übereinanderstehend zwischen den Maschinen wie stilisierte Berge in die Luft.

Die schwarzen Diener gossen auch die letzten Öltonnen vorsichtig in die starken Räderwerke hinein und atmeten dann erleichtert auf; sie hatten eine schwere Arbeit hinter sich.

»Jetzt«, flüsterten sie sich zu, »müssen die Geister gleich kommen.«

Andre jedoch sagten:

»Das Gewürm muß gleich kommen.«

Die Schwarzen warteten auf die Geister, die sich von ihren Sternen trennen wollten.

Diese Sterne waren sämtlich Kugelsterne.

Und die Geister, die oberhalb oder innerhalb dieser Kugelsterne lebten, wurden Wurmgeister genannt.

Die Wurmgeister, die sich von ihren Sternen trennen wollten, ließen jetzt auf sich warten.

Und die schwarzen Diener riefen empört: »Dieses Gewürm!«

Auf den Maschinen flackerte der Glanz schlafloser Nächte.

Am graden Rande einer halbrunden Steinebene stehen die blanken Maschinen; die Steinebene ist schwarz und ganz glatt wie ein Eismeer ohne Schnee.

Und entsetzlich groß ist die halbrunde glatte Steinebene; um ihren krummen Rand hat sich ein hellgrauer Wolkenkranz gelegt; die Wolken sind stilisierte hellgraue Riesenrosen, die zu maßlos hohen Gebirgen wurden.

Weiß ist der Himmel – wie Milch.

Und auf der schwarzen glatten Steinplatte spiegeln sich die Wolken und zwischen den Öltonnen die Maschinen, die mit der Kopfseite nach außen gerichtet sind und den ganzen graden Rand des Halbrunds bedecken.

Vor dem graden Rande versperren zarte, sich leicht bewegende Nebelschleier alle Aussicht.

Obwohl nun die Zahl der Maschinen eine ganz ungeheure ist, nehmen diese doch eben nur den graden Rand des Halbrunds in Anspruch. Wird die Maschinenreihe verglichen mit der ganz leeren halbrunden Steinebene, so werden die Maschinen so klein wie Kinderspielzeugund – und sie sind doch so groß.

Es sind eiserne Fahrzeuge am schwarzen schnurgraden Plattenrande – und sie haben ein abenteuerliches Aussehen – da gibt's Riesenkanonen, deren Stahlröhren so lang sind, daß man sagen möchte, sie seien viel länger als ein Jahrhundert – da gibt's Bahnzüge, die tausendmal länger sind, und Lokomotiven vorgespannt haben, deren Schornsteine Kirchtürmen ähneln.

Da gibt's schlanke Schlitten mit weiten Flügeln, die wie Wolken aufragen – da gibt's Stelzmaschinen, die auf hundert meilenlangen Stelzen stehen – da gibt's himmelhohe räderartige Maschinen, in deren Speichen lauter Körbe hängen – da gibt's geflügelte Riesenräder – da gibt's Korbketten, die an hohen Eisensäulen befestigt wurden und an beiden Enden Raketenapparate besitzen – da gibt's Luftschiffe mit Kanonen, die gefesselte Kugeln abschießen können; durch ihre Kugeln können sich die Luftschiffe sehr schnell fortreißen lassen; die Kugeln dür fen sich nur nicht losreißen.

Da gibt's – viel zu sehen!

Das ist ein gewaltiges Maschinenreich!

Und alle diese Maschinen sind bloß für das große Wettrennen gebaut, das jetzt gleich beginnen soll.

– – Auf der schwarzen Plattform entstanden jetzt viele runde Löcher und aus diesen runden Löchern stiegen jetzt langsam, steif und gespensterhaft viele Billionen Geister heraus.

Die Geister staken in perlgrauen unbestimmten Gewändern, und ihre Köpfe waren weiß wie Lilien; wie Standbilder stiegen sie empor.

Und die Löcher schlossen sich wieder.

Und die Geister schwebten langsam dicht über den schwarzen Fliesenboden zu den Maschinen hin.

Und die schwarzen Diener machen den Geistern Platz.

Die schwarzen Diener haben viele Schlangenbeine und viele dicke Köpfe, die Molchköpfen ähneln. Und ihr Rumpf ist wie ein schwarzer Sack, in dem sich durchscheinende rote Würfel balgen. Und ihre schwarzen Kopfhaare steher immer hoch empor wie Besen und steife Pinsel.

»Es ist alles vortrefflich eingeölt!« sagen die Diener unter devoten Bücklingen.

Und die Geister prüfen die Ölung und bewundern ihre Maschinen; die haben sie selbst in vielen schlaflosen Nächten unter dem schwarzen Fliesenboden erfunden und oben mit Hilfe der molchköpfigen Diener aufgebaut.

Nun verabschieden sich die Geister voneinander und steigen in ihre Bahnzüge und in ihre Maschinen hinein, denn es soll gar bald losgehen.

»Als Götter sehen wir uns wieder!«

Das rufen sie sich in vielen Sprachen lachend zu.

»Ist es wahr«, fragen da die Diener, »daß bloß die erste Million zu Göttern wird?«

»Gewiß«, erwidern die grauen Geister mit den lilienweißen Köpfen, »sonst wäre doch das ganze Wettrennen überflüssig. Wir sind ja zu Billionen hier. Nur die erste Million, die durch die Allee zuerst durchkommt, wird zu einer Million von Göttern.«

»Und ist es wahr«, fragen die Diener weiter, »daß Euch alle Mittel beim Weiterkommen erlaubt sind? Ist es wahr, daß Ihr unterwegs um die Plätze kämpfen dürft?«

»Ja, das haben wir schriftlich!« antworten die Geister in Chören, »sogar jede Gemeinheit und jede Niedertracht ist uns erlaubt.«

Das Stimmengewirr wird zum reinen Meergebrause, denn die Billionen Geister sprechen alle noch miteinander in unsäglich vielen Sprachen und nehmen auch freundlich von den Schwarzen Abschied, deren Zahl auch ins Billionenhafte steigt.

»Das Gewürm«, flüstern sich die Schwarzen zu, »ist so siegesgewiß, daß man beinahe neidisch werden könnte. Wenn sie früh genug durch die Sternallee durchkommen, werden diese Würmer selber zu Sternen – zu Kugelsternen. Und als Kugelsterne sind sie Götter. Dann gibt's wieder eine Million Götter mehr. Das muß herrlich sein, so als Gott weiterzuleben.«

Aber die Diener, die selbstredend ebenfalls ganz waschechte Geister sind, lächeln dabei – ihnen liegt eigentlich sehr wenig daran, zu Göttern zu werden; die Wurmgeister aber, die jetzt Götter werden wollen, sind sehr entwickelte Geister, die eine lange, lange Vergangenheit hinter sich haben – ein vielfaches Leben auf und in der Kugelsternen, die jetzt gleich zu sehen sein werden.

Die Nebelschleier, die vor dem graden Rande der halbrunden, von grauen Rosenwolken umrahmten Plattform alle Aussicht bislang versperrten – diese Nebelschleie zerfließen jetzt und gehen zur Seite.

Und eine Sternallee wird sichtbar.

Breit ist die Allee – rechts gehen Kugelsterne wie eine Perlenschnur in die Unendlichkeit – und links ist ebenfalls eine solche Sternperlenschnur. Die beiden Sternketten der Allee scheinen in der Ferne eine Spitze zu bilden.

»Die Allee ist natürlich keineswegs unendlich!« sagen die Geister in ihren Maschinen und in ihren Bahnzügen.

Zwischen den Kugelsternketten liegen die vielen Schienen, doch ist die Mitte der Allee ohne Schienen – in der Mitte befindet sich nur spiegelglatter schwarzer Steinboden – wie auf der Plattform, die als Ausgangspunkt des Rennens mit ihrem Wolkenrahmen sehr stattlich wirkt; die vielen grauen Riesenrosen sind noch größer geworden.

Aber die Kugelsterne überragen die Rosen um ein Beträchtliches; die Kugelsterne sind nur so weit ab, daß ihre Größe nicht so drückend empfunden wird.

Eine Götterallee ist diese Sternenallee, denn jeder Kugelstern ist wie gesagt ein Gott.

Und die Wurmgeister, die durch diese Allee durchkommen, werden wie gesagt selber Götter als selbständige Kugelsterne.

Aber es kann wie gesagt nur eine Million der Wurmgeister den Götterpreis erringen – daher das große Wettrennen, das jetzt sofort beginnen soll.

Der Himmel ist weiß wie Milch. Und die Kugelsterne sind grau wie die Wurmgeister.

Und es gibt einen furchtbaren Knall!

Und die Maschinen gehen alle los – im selben Augenblick!

Und ein einziger Jubelschrei durchgellt die Welt.

»Als Götter sehen wir uns wieder!«

Das haben die Wurmgeister auch den molchköpfigen Dienern zum Abschied zugerufen.

Die molchköpfigen Diener stehen jetzt ruhig auf dem graden Rande der Plattform zwischen den Öltonnen.

Die Maschinen sind schon weit fort.

Nur die großen Kanonen und ein paar hohe Eisensäulen sind zurückgeblieben. –

Und die Maschinen jagten dahin.

Das war ein Geknatter, als würde mit Billionen Peitschen geknallt.

Und die Geister machten einen Lärm – es hörte sich an, als würden Billionen Hunde geprügelt.

Wie ein heulender Sturmwind jagte das Geisterheer durch die Sternallee. Die Schienen bebten und zitterten, und alles rasselte, als sollten ganze Höllen zerrissen werden.

Ungeheure Dampfmassen blieben hinter einzelnen Maschinen zurück.

Der furchtbare Knall, der das Signal zum Losfahren bildete, war von den Kugelsternen erzeugt worden; auf den Kopfplatten der Kugelsterne hatte zu gleicher Zeit ein Vulkanausbruch stattgefunden.

Und nun lag oben auf jedem Kugelstern ein kleiner weißer Wolkenkranz – wie eine Krone aus weißen Perlen.

In der Mitte der Allee, wo der schwarze Steinboden spiegelglatt und geölt war, flogen die geflügelten Schlitten wie die Pfeile dahin; jeder Flügelschlag wurde mit stürmischem Halloh begrüßt.

Auf den Schienensträngen, die der Mitte am nächsten lagen, rollten die großen Kanonenkugeln – haushohe Bälle – viele durchsichtige Schalen drehten sich auf diesen Kugeln umeinander und bildeten eine sehr komplizierte Kugeloberfläche, so daß sehr viele Geister im Innern der Kugeln ruhig sitzen und hinausgucken konnten, trotzdem die Kugeln rasend rasch dahinrollten.

Die Lokomotiven mit den langen Bahnzügen machten einen mörderlichen Spektakel.

Auf der linken Seite der Allee hatte der Boden in beträchtlicher Breite ganz unebene Formation – da stolzierten die Stelzmaschinen neben den geflügelten Riesenrädern, die ihre Passagiere seitwärts an der verlängerten Achse trugen. Da stolperten auch höhere Radmaschinen herum, die ihre Geister in Speichenkörben trugen.

Und oben sausten fortwährend knallend die Kanonenluftschiffe durch die Luft – immer wieder schossen sie ihre Fesselkugeln ab und ließen sich von denen ruckweise vorwärts reißen, daß es beängstigend schien, dem zuzusehen.

Jedoch zwischen den Luftschiffen arbeiteten sich noch die großen Korbketten durch, die an beiden Enden Raketenapparate besaßen und sich immerzu in großen Bogen überschlugen; kaum hatten sie sich mit dem vorderen Ende in dem unebenen Bahnboden festgebohrt, so ging das hintere Ende los und flog im großen Bogen weiter wie ein geschleudertes Tau; die Raketenapparate, die gegen das Anprallen am unebenen Steinboden musterhaft geschützt waren, funktionierten tadellos.

Die Lokomotiven, die rechts und links am äußersten Rande der Rennbahn mit den längsten Wagenzügen dahinrasten, schossen öfters eine Harpune in die Kugelsterne und gewannen durch das Ziehen an der Harpune, wenn diese festsaß im Stern, einen erheblichen Vorsprung; losgemacht wurde die Harpune durch elektrisch entzündbare Platzapparate.

Die Rennbahn dröhnte wie ein Meer im Frühlingssturm.

Die geflügelten Schlitten und die Korbketten mit den Raketenapparaten hatten die Führung.

Und darob begann ein wildes Gefluche, denn nun wollte jeder mit diesen schnellsten Fahrzeugen fahren.

Viele verließen ihre sicheren Plätze, um auf einem Flügelschlitten schneller weiterzukommen.

Die Geister hatten – was gesagt sein muß – wohl die Fähigkeit zu schweben – aber ihnen lag trotzdem noch ihre volle Sternschwere auf den Schultern – so daß sämtliches Gewürm nicht schneller vorwärts kam als im früheren Leben – sonst hätte ja das Maschinenmaterial ein ganz anderes sein müssen.

Es wurde nun aus dem Platzwechsel ein erbitterter Kampf, in dem es wie in allen schwierigen Lebenslagen an lächerlichen Momenten nicht fehlte.

Ein Wurmgeist, namens Knipo, tut schrecklich empört, als er von einem Flügelschlitten heruntergeworfen wird.

»Unter welches rohe Volk bin ich geraten!« schreit er wütend, »Ihr wollt Götter werden? In Schweine müßtet Ihr verwandelt werden.«

Und der Knipo springt mit der ganzen Gewandtheit, die einem Wurmgeiste zu Gebote steht, auf eine jener haushohen Kugeln, die auf ihren besonderen Schienen dahinrollen. Aber die glatte Kugel rollt weiter, und der Springer bleibt mit flatternden Gewändern in der Luft zurück. Er faßt ein Tau, das von einem Luftschiffe herunterbaumelt, und will sich dran emporziehen – aber das Tau wird oben mit einer großen Schere abgeschnitten.

»Diese Tücke!« ruft der Knipo ärgerlich, während er das Tau zusammenballt, »beim Einsteigen und Abfahren ging alles ganz gemütlich zu – und jetzt benehmen sich diese Kerls wie die gemeinsten Raubtiere. Schöne Geister! Und die wollen Götter werden! Rabiates Gesindel!«

Die Korbketten mit den Raketenapparaten überholen währenddem sämtliche Flügelschlitten, und ein Mordsradau entsteht – besonders auf den geflügelten Rädern, deren Passagiere einen bequemen Uberblick genießen.

Knipo versucht es noch, sich auf eine Stelzmaschine zu schwingen, wird jedoch auch hier mit vielen anderen Geistern zugleich durch lange Stangen fortgetrieben; die meisten Geister wollten an den Stelzen emporklettern.

Die Stelzmaschinen kommen scheinbar ohne Anstrengung vorwärts und erinnern an laufende Kamele; nur haben die meisten Stelzmaschinen mehr als vier Beine. –

Diejenigen, die einen Platz auf den schnelleren Maschinen erobern wollten, wurden fast sämtlich zurückgedrängt und ließen sich schließlich in Scharen auf den Verdecken der längeren Bahnzüge nieder, wo sie sich ordentlich festhalten mußten in nicht grade beneidenswerter Lage.

Knipo rettete sich ebenfalls durch einen Sprung auf das Verdeck eines Bahnwagens und hatte da leider unter den Rauchwolken einer Radmaschine viel zu leiden, sah jedoch zu seiner Rechten einen langen Zug, dessen Lokomotive immer wieder eine Harpune in die Haut der dicken Kugelsterne schoß.

Die meisten Geister, die sich aus den vorderen Gefährten in die hinteren gedrängt sahen, beklagten sich nicht. Doch Knipo beklagte sich gar bitterlich, denn er hatte seinen festen Schlittenplatz durchaus nicht mit einem besseren Platze vertauschen wollen.

»Ich bin vergewaltigt worden!« schrie er, »glaubt man denn, ich hätte kein Recht, auch ein Stern zu werden: Ich will sogar ein Doppelstern werden – ja, das will ich! Ich will als Doppelgott weiterleben.«

Die andern Geister auf dem Verdeck des Zugwagens mußten trotz ihrer schwierigen Lage bei dem Worte »Doppelgott« laut losprusten.

Knipo jedoch rief sehr grimmig: »Ich erinnere mich jedenfalls ganz genau, daß ich das meiste zur Erfindung der Flügelschlitten beigetragen habe.«

Hiernach wurde die Aufmerksamkeit von dem Knipo abgelenkt; in einem Bahnzuge, der auf dem Nebengeleise mit ähnlicher Geschwindigkeit fuhr, wurde laut und heftig über transparente Empfindungen debattiert.

Mitten durch den furchtbaren Lärm der rasselnden Schienen drang vernehmlich die Stimme eines jungen Geistes herüber, der seiner abenteuerlichen Ideen wegen überall berüchtigt war: »Ihr könnt Euch ruhig Eure Geisterlunge ausschreien«, kreischte seine Stimme, »mir wird zu allen Zeiten bombenklar sein, daß ein Kugelstern anders empfindet als ein Wurm – Sterngeist und Wurmgeist sind zwei ganz verschiedene Weltsubjekte. Der Sterngeist hat eben lauter transparente Empfindungen und nicht Empfindungen, wie sie durch Wurmsinne erzeugt werden. Ein Stern hat nicht bloß viel mehr Sinnesorgane als ein Wurm – die Sinnesorgane eines Sterns sind auch qualitativ von denen eines Wurms verschieden. Aus diesem Grunde wollen wir ja Sterne werden, damit wir endlich mal rauskönnen aus unsrer alter Empfindungswelt. Als Wurm sehen wir immer nur mit unsern alten Augen – das, was wir eben sehen können; es ist nichts für uns dahinter. Als Stern aber haben wir hinter jedem Sinneseindruck noch eine ganze Portion weiterer Sinneseindrücke zu gleicher Zeit. So wie wir heute als Wurm im durchsichtigen bunten Glase nicht bloß dieses. sondern noch das, was dahinter ist, wahrnehmen könner – so werden wir später als Stern Ähnliches hinter aller Eindrücken haben – die Transparenz der Empfindungen wird in Permanenz erklärt werden – wir werden überal mit jedem Sinnesorgan, das astraler Natur ist, gleich noch weiter zu empfinden vermögen – gleichsam durch durchbrochene Wände durch – durch ein paar Dutzend transparenter Wände hindurch. Der Stern kommt eben in vielfacher Art hinter seine Sinneseindrücke – was uns noch nicht gelang – da ja für uns durchsichtige Glaswände immer nur einen einzigen Sinneseindruck bilden.«

Leider verschlang jetzt ein furchtbares Sturmgetöse – begleitet von schrillem Schienengeknack – die ganze Debatte.

Eine blendende Helligkeit drang aus der Höhe herunter auf die Rennbahn hernieder.

Eine Brillantensonne durchquerte funkelnd die Richtung der Götter-Allee; die Sonne schien hoch über den perlartigen Wolkenkronen.

Aber während die neue Sonne so viel Licht verbreitete, entdeckten die wettfahrenden Geister plötzlich unzählige feinste bunt glitzernde Spinngewebefäden, die die Geister mit den Kugelsternen verbanden; es waren gradezu unendlich viele Fäden da, von denen unzählige weit nach vorn mit den Schienen parallel gingen.

»Aha!« rief da der Knipo, »so sind wir also sämtlich doch noch mit unsern Sternen verbunden. Wie mich das freut!«

Die Brillantensonne verschwand jedoch bald hinter den Kugelsternen. Und mit der Sonne verschwanden auch die nie gezählten Spinngewebefäden.

Der Lärm der fahrenden Geister war plötzlich verstummt.

Indessen – Knipo fand bald seine Sprache wieder und sagte zu denen, die mit ihm zusammen auf dem Wagenverdeck lagen und sich immer noch krampfhaft an Ecken und Haken festhielten: »Meine Herren! Wovon ich immer überzeugt war, hat sich also plötzlich als unumstößliche Wahrheit erwiesen. Wir sind sämtlich noch mit den Sternen, von denen wir uns loslösen wollten, verbunden. Ja – das Eine gehört eben dem Anderen und umgekehrt! Bewundert meinen horrenden Tiefsinn! Es ist mir bei den Fäden, die uns festhalten, nicht recht begreiflich, wie wir jemals selbständige Sterne und Götter werden sollten. Ich sehe auch gar nicht ein, warum wir durchaus und durchum sogenannte Sterne und sogenannte Götter werden möchten. Ich habe den ganzen Selbständigkeitsrummel eigentlich bloß so mitgemacht wie eine Modesache. Schließlich muß doch jeder das bleiben, was er war – wenn er nicht aufhören will – zu sein.«

»So spring doch ab!« riefen da die andern.

»Ih nein!« erwiderte dazu Knipo lachend, »ich mache zunächst alles mal mit! Es kann ja niemand wissen, wo´s uns vergönnt sein dürfte, noch mal zu enden. Außerden möchte ich mal wo festen Fuß fassen; mich macht die Fußschonung der Geister zu empfindlich in der Sohle; ihr verdanken wir wohl die feinen Fäden, mit denen wir so fein angebunden sind.«

Die anderen Geister dachten voll Geringschätzung über Knipos schwach entwickelte Selbständigkeitssucht; sie schauten sich voll Sehnsucht die großen Kugelsterne an, neben denen sie vorüberfuhren.

Rechts und links schienen unendlich viele Kugelsterne die Allee zu bilden – aber es waren noch lange nicht unendlich viele – rechts stand bloß eine halbe Million – und links desgleichen. Die Geister erschraken nur, als sie bemerkten, daß jeder nächste Stern beträchtlich größer war als der vorhergegangene.

Die Wurmgeister sollten so groß werden wie die Sterne der Allee; jeder früher durchs Ziel schießende Wurmgeist mußte also größer werden als sein Nachfolger.

Danach mußte den Wurmgeistern, die jetzt im Schienengeklapper um die Wette dahinjagten wie hungrige Wölfe, noch viel mehr daran liegen, einander zuvorzukommen – die ganze zukünftige Größe stand ja auf dem Spiele – die Kugelsterngröße.

Es wurde den Wurmgeistern ganz schwül zu Mute, als sie sich dieser Einsicht nicht mehr verschließen konnten. – – – –

Und den Wurmgeistern ward die Fahrt sehr lang.

»Steigert Eure Kräfte!« riefen sie sich gegenseitig zur Ermunterung zu.

Aber ihre Kräfte ließen sich nicht mehr steigern.

Ein Kugelstern wurde nach dem andern genommen – doch die Kugelsterne wurden immer größer – und es dauerte immer länger, eh die Maschinen an einem der ungeheuren Sternleiber vorbeikamen.

Und es ergriff die armen Geister eine maßlose Ungeduld; auf ihren Schultern begann es zu prickeln – den Geistern ward es immer schwerer, die alte Sternschwere auf ihren Schultern zu ertragen.

Voll Sehnsucht starrten die Ungeduldigen zu den großen Kugelsternen hinüber.

»So sollen wir werden!«

»So sehen Götter aus!«

So sagten die Geister der Rennbahn.

Aber die Götter, die immer noch ihre Perlkronen aufhatten, bekamen allmählich Gesichter – ihnen wuchsen scharfe Augen und Nasen und Bärte – und um ihren Mund begann es zu zucken.

Und plötzlich lachten die Kugelsterne grell auf, daß die Wettfahrer zusammenschraken.

Und viele Geister sprangen ab von den Maschinen und blieben zurück, denn sie verzweifelten daran, zur richtigen Zeit durchzukommen.

Die Maschinen hatten nicht gelitten; die Flügelschlitter und die Korbketten, die sich immerzu überschlugen, behaupteten abwechselnd wie am Anfange die Führung – die Bahnzüge rasselten unaufhörlich weiter, daß die Funken nur so stoben – die Luftschiffe knallten auch jetz noch ihre Schüsse in die Alleeluft – die Stelzmaschinen trabten unermüdlich weit ausgreifend dahin, und die geflügelten Räder drehten sich polternd und schwankend wie bisher, und die durchsichtigen Kugeln, in denen so viele Geister saßen, rollten auf ihren Schienen so gleichmäßig weiter, als wenn nichts los wäre – und die Harpune tat ihre Schuldigkeit – und die Kühlapparate taten eben falls ihre Schuldigkeit. –

Trotz alledem waren die Geister müde geworden und wollten bald sämtlich nicht mehr weiter fahren.

»Es hat ja keinen Zweck!« riefen sie gähnend und händeringend und ohne jedwede Spannkraft.

Jahre hatten sie gebraucht, um bis zum siebenunddreißigsten Alleestern zu gelangen.

Und schneller fahren konnten sie nicht.

Da ging denn ein gellender Pfiff durch die lange, lange Allee.

Die Wurmgeister blickten erstaunt auf.

Die Gesichter der Kugelsterne wurden dunkler und dunkler und zuletzt ganz schwarz.

Und plötzlich machten alle Kugelsterne gleichzeitig eine halbe Wendung nach rechts – und die Rennbahn brach unter betäubendem Donnergeknarr durch und durch entzwei.

Sämtliche Maschinen fielen gleich mit durch und sanken in die Tiefe. Und die Wurmgeister fielen aus den Maschinen und Wagen raus nach oben, da das Eisen schwerer ist als der Geist; einzelne Maschinen ließen allerdings ihre Geister nicht los.

Und in diese große Katastrophe blendete eine zweite Brillantensonne hinein, die noch größer war als die erste.

Und abermals sahen die Geister unzählige glitzernde Spinngewebefäden, die nun alle nach oben zu den fortziehenden Kugelsternen hinaufführten.

Die Wurmgeister fielen immer tiefer – immer tiefer – hinab.

»Aha!« sagte Knipo, »unsre Sterne lassen uns nicht los!«

Und die unzähligen Spinngewebefäden glitzerten in unzähligen Farben.

EIER!

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Das wogte hin und her und schien los zu wollen und schien nicht los zu können.

»Das ist das alte Lied des Lebens – es kann sich alles nich loslösen von dem anderen – und es paßt alles nicht zusammen.«

So sprachen die Geister, während sie immer tiefer in den Nebeln der Welt versanken – in den Nebeln, die hin und her wogten und nicht fortkonnten.

Und während die Geister glaubten, wieder im Unergründlichen zu sein, zog alle Freude von ihnen fort.

Und es bildete sich eine harte Kruste um ihr ganze Wesen.

Und diese Kruste ward den Geistern sichtbar – aber sie konnten durch die Kruste durchsehen wie durch Glas.

Und es berührte die Geister nichts mehr; das ganz Durcheinander der Weltnebel ward ihnen zum Bilderspiel; die Glaskruste ließ nichts näher an die Geiste ran.

Mittlerweile wölbte sich eine jede Glaskruste und erhielt die Form von großen Eiern.

Als das die Geister bemerkten, sagten sie seufzend: »Na ja, nun dachten wir schon, bald mal Götter zu werden – und nun sind wir wieder bloß die reinen Eier. Aller Anfang ist schwer. Aber daß der Anfang immer wiederkehrt, ist noch schwerer zu ertragen.«

Müde bewegten sich die Nebelschleier.

Die Geister in ihrer Verkapselung sanken tiefer und stürzten in ein großes Meer. Es staken grade zehntausend Geister in den Glaseiern nicht mehr. –

Jetzt wirbeln die Wassermassen durcheinander – wie Viehherden, in die der Blitz schlug.

Und die zehntausend gehen unter in den aufgeregten Wassermassen und glauben, daß jetzt bald alles vorbei sein wird – das ganze lange Leben.

Aber die eiförmigen Glaskrusten halten auch das Wasser von den Geistern ab, daß sie ruhig weiterleben können, obschon sie sich nicht bewegen können – wie Gelähmte.

Die zehntausend bleiben leben, doch sie haben keine Freude am Lebenbleiben.

Die Glaseier sinken in ein helleres Wasserreich, in dem bandwurmlange dickköpfige Schlammschlangen umherschwimmen; die Schlangenkörper sind stellenweise von topasartig leuchtenden Gewändern umgeben, die sich zierlich aufbauschen und sich anschmiegen in gewundenen knittrigen Faltengebilden an die Schlangenhaut.

Die Faltengebilde, die knotenartig an vielen Stellen des Schlangenleibes haften, leuchten wie Topase, hinter denen Licht ist.

Die zehntausend wissen nicht mehr, ob sie steigen oder sinken.

Knipo, jener Geist, der nie recht weiß, ob er sich ärgert oder sich freut, befindet sich ebenfalls in einem Glasei.

Die Geister bemerken es schmerzlich, daß sie sich nicht bewegen können – die Glaskruste ist so fest – und schließt jetzt auch den Mund.

Verworrene dumpfe Töne dringen durchs Wasser – als kämen sie aus weiter Ferne.

Die Glaseier schwimmen so ruhig wie hohle Steine – die Schlammschlangen bleiben ziemlich weit ab – zu denen gesellen sich glatte Seestiere mit dicken gelben Augen und dicken gelben Entenfüßen; die Seestiere werden aber scheu und gehen auf die Schlangen wütend los und zerreißen mit ihren hakigen Hörnern die leuchtenden Topasgewänder, daß die Fetzen nur so rumwirbeln. –

Und Flundermänner bliesen dazu auf großen Panzerschnecken einen Parademarsch, der den Geistern sehr gedämpft und klimprig klang. Die Flundermänner hatten ganz lange steife Hälse und braune Würfelköpfe und Flunderleiber, die so schlapp wackelten wie faule Fische; die Würfelköpfe sahen dagegen so fieberhaft erregt aus, daß sie Angst einflößten.

Und umgestülpte graue Töpfe schwammen herzu; in den Töpfen staken am Schwanz festgebundene Aale; die Aale verursachten gleichsam als Klöppel einen dumpfen Glockenlärm, der die Nervosität ins Bestialische steigern konnte; mancher Topf ging durch einen Aalkopf entzwei, und die geborstenen Topftöne machten den gedämpften Glockenlärm so unheimlich wie blutbefleckte Leichen.

Und alte Priester fielen samt jungen Soldaten zwischen die kämpfenden Stiere und Schlangen, die gleich Platz machten; viele Töpfe wurden dadurch heftig zur Seite gegen die Flundermänner geschleudert, daß vielen von diesen der steife Hals durchbrach; viele braune Würfelköpfe sanken mit ihren Panzerschnecken am Munde rasch in die Tiefe.

Und stille Seesterne kreisten um die Soldaten und die Priester rum. Und die Seesterne machten einen so friedlichen Eindruck.

Knipo sagte: »Die Seesterne sind gut!«

Doch seine Stimme war nicht zu hören; die Glaskruste ließ die Geisterstimme nicht mehr durch, obwohl der greuliche Topflärm und das klimprige Trompeten der Flundermänner noch als dumpfe Radaumusik von den Geisterohren empfunden wurde.

»Was soll das?« fragten sich die Geister fortwährend – sie wurden ganz wirr im Kopf; es hob sich die Feierlichkeit der Priester so merkwürdig von dem trivialen Getue der Soldaten ab, und die stillen Seesterne bewahrten eine so unnatürliche Ruhe vor den grauen Töpfen.

Die Flundermänner bliesen unauflhörlich ihre zimperliche Marschmelodie, nach deren Takt die Schlangen und Stiere kämpften – so pausenlos, daß es einfach blödsinnig wirkte; daß die Töne nur gedämpft von den Geisterohren aufgenommen wurden, machte ihnen das wirre Lebensbild nicht sanfter.

Und die Fetzen der Topasgewänder leuchteten dazu, daß auf dem wüsten Gedränge ein durchdringender Glanz bebte, der so angriff – wie der Glanz gestorbener Träume, wenn er sich vermischt mit dem Glanz wahnsinniger Rauschgebilde, die so alt sind.

Die Glaseier warfen den Glanz heftig zurück, daß von den Geistern ein Licht ausging – wie von trunknen Todeswonnen.

Und dieser Glanz und dieses Licht krallte sich in diesen großen Wirrwarr mit Gespensterfingern so schmerzhaft tief hinein.

Bildschöne Kinder mit widerlichen gelben Weibermasken im Arme sanken auch in die glänzenden Wassermassen; jedes Kind sah so lustig aus wie ein Reiterleben.

Und ganz feine lange Säulen, die ziseliert und durchbrochene Arbeit waren, schwammen oben wie ein großer Heringsschwarm vorüber; fette Kröten krochen auf den Säulen auf und ab im gleichmäßigen langsamen Kriecherschritt.

Jede Säule war anders als die nächste und oft so köstlich wie ein flinkes Pferd.

»Was soll das?« fragten sich die Geister, während sie mit den Achseln zucken wollten.

Und große langsam sich bewegende Strudel entstanden die alles umeinander wirbelten und auch die lichtsprühenden Glaseier ergriffen und hineinzerrten in den seltsam glänzenden Wirrwarr, den keiner verstand.

Doch trotz allem Regelhohn bewegte sich alles so, daß die Geister weltferne Rhythmen zu fühlen glaubten.

Und Nixen sprangen plötzlich in das glanzumwirbelte Strudelreich.

Und die Nixen bewegten sich wie schlanke Tänzerinnen – und es zuckte so viel Spott durch ihre Bewegungen, die nur so leise an Tänze erinnerten.

Ihre Finger ahmten den Takt nach, in dem die Schlangen mit den Stieren kämpften, und die langen flossigen Fischbeine der Nixen bewegten sich, wie sich die Aale in den Töpfen bewegten. Und die anderen Bewegungsspiele in den Strudeln versuchten die Nixen ebenfalls nachzuahmen.

Und die Geister verstanden das Getue der Nixen nicht im mindesten.

Und die Geister konnten nicht fragen; das Eiglas verschloß ihnen den Mund.

Indessen – nun senkte sich in die Geister eine neue Neigung: sie wollten unwillkürlich tun, was die Nixen taten – – auch wie diese die Bewegungen, die sich in den gemächlich kreisenden Glanzstrudeln entfalteten, nachahmen.

Das ging nun zwar nicht – des Eiglases wegen – dafür ging jedoch was andres: sie konnten das Strudelreich, das jetzt nur noch ganz langsam kreiste, allmählich ein bißchen verstehen; es bewegte sich der ganze Krempel so wundervoll.

Und die Nixen lachten und sprachen, daß es dumpf hallte – wie in fernen Kellergewölben: »Ihr lacht Euch scheckig, wenn Ihr den ganzen verworrenen Hexensabbat des Lebens nur als Bewegungsspiel nehmt. Es macht irrsinnig, wenn man alles für tiefsinnig halten möchte. Das Tiefsinnige muß sich doch immer, um als solches zu gelten, aus einer Fülle von Flachsinnigem herausheben können. Darum laßt das Tiefsinnige seitwärts stehen und nehmt zunächst mal alles bloß als Bewegungsspiel, so werdet Ihr die Welt besser begreifen als bisher.«

Knipo wurde sehr ärgerlich.

» Hier baumelt ein Rettungsanker für die Flachköpfe!«

Also wollte er rufen, leider vermochte er nicht, sich hörbar zu machen.

Die Worte der Nixen, die sich jetzt ins dunkle Wasser zurückzogen, wirkten aber nach, und viele Geister gaben zu, daß das Reich der sinnverwaltenden Vernünftigkeit immer nur klein sein dürfte, denn wenn's überall zu sehen und zu haben wäre, so wär's doch gleich was Gewöhnliches.

»Das Gewöhnliche muß aber grundsätzlich vermieden werden!« sagten sie eifrig.

Und die Wassermassen wurden ruhig.

Und nun zog der Glanz fort aus dem ruhigen Wasserreich – und der Wirrwarr darinnen wurde grau und farblos – und die Gestalten schrumpften zusammen und sahen elend und ärmlich aus, obgleich sie sich im ganzen genommen lebhafter bewegten als bisher.

Und abermals erschienen die Nixen.

Und abermals ahmten die Nixen das Bewegungsspiel der Schlangen, Stiere, Soldaten, Aale und Priester – Töpfe, Seesterne, Flundermänner, Kinder, Säulen und Kröten nach.

Und die Geister verstanden das Nixenspiel; sie empfanden als richtig, daß auch der Reichtum an Glanz und Farbe nicht als solcher fühlbar werden könnte, wenn er überall zu sehen und zu haben wäre – und daß das Bewegungsspiel farbloser Massen nicht weniger reizend wirke – wie das der farbenreichen und glanzvollen.

»Im Farblosen«, wollte Knipo sagen, »wirken die Bewegungen als solche noch viel mehr.«

Und die Geister bedauerten, daß sie sich nicht so bewegen konnten wie die Nixen.

Die Geister hatten sich aber allmählich an den durchgerührten Lebenspunsch mit seinem Wirrsal gewöhnt und schwammen ganz munter drinnen herum.

»Man muß sich an die Welt nur gewöhnen – nur gewöhnen – und nicht immer höhnen.«

Diese Worte hätten sie gerne laut ausgesprochen.

Sie merkten aber währenddem, daß allmählich alles so recht schmutzig wurde – so recht unanständig – gemein und ekelhaft.

Trotzdem blieb das Bewegungsspiel so reizvoll wie bisher. Die Nixen riefen – in gedämpften Baßtönen: »Ja – ja – das Anständige muß auch seinen Hintergrund haben, sonst wird es gewöhnlich.«

Knipo fand, daß die Verworrenheit einen ganz neuen Reiz durch die schmutzigen Elemente erhielt; er hätte so gerne gesagt:

»Glaubt doch den Nixen nicht ein einziges Wort! Die Geschichte wird tatsächlich immer köstlicher, obgleich sie schmutziger wird. Der Schmutz macht ja das Bewegungsspiel so schrecklich reich, er braucht wirklich nicht entschuldigt zu werden.«

Die Nixen wurden nun leider so scheußlich schmutzig – so voll Schlamm und Unrat –, daß sie – scheinbar aus Scham – wieder im dunklen Wasser verschwanden.

Und die Geister bemerkten über sich ein helles weißes Licht.

Und sie kamen an die Oberfläche des Meeres – obgleich sie geglaubt hatten, daß sie immer tiefer runterkämen.

Das Meer war so weiß, als wäre weiße Kreide drin aufge löst.

Und der alte Himmel war gelb wie frische Butter.

Und die Geister stiegen in den Himmel empor wie Luftballons.

Und die Glaseier lösten sich oben auf und fielen tropfend in das Kreidemeer hinein – das Kreidemeer zischte. Und die zehntausend konnten sich wieder bewegen und atmeten auf.

LUST!

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Geister, die sich lange nicht bewegen konnten, bewegen sich wieder.

Und jetzt wollen sie wieder selbständig werden, um noch anders die Welt genießen zu können; nicht hoffen sie mehr, Götter zu werden – doch sie hoffen immer noch, was andres zu werden.

Und wenn sie was andres geworden sind, dann wollen sie erst mal wieder genießen – anders genießen – anders – eine andre Welt.

Alles Göttliche wird im fernen Hintergrunde auch immer wieder anders – bald größer und bald kleiner.

Und während sich die Geister recken und drehen und den Kopf nach allen Seiten biegen, sehen sie, wie im weiten gelben Himmel unzählige blutrote Sterne aufleuchten. Doch die blutroten Sterne stehen nicht still; sie fliegen herum, wie Fliegen im Sonnenschein hin und her zucken – und nur zuweilen fest bleiben in der Luft, um noch heftiger hin und her zu zucken.

Beim Anblick der zuckenden Sterne glauben die Geister, daß sie fühlen, wie ihre Selbständigkeit langsam aufkeimt, und ihnen wird so stolz zu Mute, als wenn sie flott in die Unsterblichkeit segeln dürften.

Die Geister gruppieren sich kegelförmig, so daß sie zusammen eine runde nach unten offene Tüte bilden. Hoch oben auf der Spitze steht Knipo.

Mattgrau sind die Geister, ihre Gewänder werden steif und kriegen grade regelmäßige Falten; die Köpfe heben sich höher, so daß die Hälse länger werden. Die Hälse werden sehr beweglich, und auf den Köpfen bilden sich glänzende Opalaugen, so daß die Geister viel mehr seher als bisher.

Die Geistertüte dreht sich – ganz langsam.

Und am gelben Himmel, in dem die blutroten Sterne immerzu hin und her zucken wie Fliegen im Sonnen schein, entwickelt sich ein buntes Lampenfest, was sehr seltsam wirkt, da's ganz hell bleibt.

Zunächst entstehen weiter unten ringsum in der Runde große hellblau leuchtende Pyramiden; sie bilden einen weit abstehenden Pyramidenkranz um den runden hohlen Fuß der Geistertüte.

Und über den hellblauen Pyramiden entstehen dunkelblaue Riesenoktaeder; diese bilden einen noch weiter abstehenden Kranz, der sich noch tiefer in den gelben Welthimmel hineinschiebt.

Und aus diesen unteren hellblau und dunkelblau leuchtenden Lampenkränzen schießen hellgrüne und dunkelgrüne Raketen hoch in die gelbe Himmelshöhe und bleiben und vereinen sich in einem dicken Punkte hoch, hoch über Knipos Kopf, daß die Geister die Empfindung haben, sich inmitten einer Kranzkrone zu befinden.

Und die hellblauen Pyramiden und die dunkelblauen Oktaeder drehen sich unten, und mit ihnen drehen sich die hellgrünen und dunkelgrünen Raketen. Die Raketen bestehen aber aus lauter leuchtenden kleinen Kugeln, die sich auch drehen und wie hellgrüne und dunkelgrün Perlen schimmern und spiegeln.

Zwischen den grünen Raketen zucken noch wie anfangs auf dem gelben Himmelsgrunde die blutroten Sterne wie Fliegen im Sonnenschein hin und her.

Und dieser sich drehende Raketenkorb verwirrt die Geister, die mit ihren Opalaugen in der Mitte stehen wie eine schlanke Kirchturmspitze.

Es ist aber sehr still im weiten All.

Und Knipos Stimme erschallt und sagt laut von oben herunter: »Wohl dem, der sich niemals wundert über die Wunder der Weltbewegung. Wohl dem, der ruhig alles hinnimmt wie ein Geschenk – und nicht mehr haben will. Und ich weiß, daß es Geister gibt, die so viel haben, daß sie gar nichts damit anzufangen wissen – und dennoch immer mehr haben wollen. Ich weiß das und wundre mich auch darüber nicht.«

Knipos Stimme hallt weithin – wie die Stimme eines Predigers in der Wüste.

Die Pyramiden, die Oktaeder und die Raketen bleiben wohl an ihrer Stelle – aber sie drehen sich ohne Unterlaß vor dem gelben von roten Sternen durchzuckten Himmel um sich selbst.

Und helle weiße Sporen, die Sicheln ähneln, springen überall aus den hellgrünen und dunkelgrünen Raketen heraus.

Und die weißen Lichtsicheln machen alles so furchtbar hell, daß die gelben, roten, blauen und grünen Farben fast dunkel erscheinen – und daß wieder die Spinngewebefäden, mit denen die Geister an ihre Sterne gebunden sind, sichtbar werden.

Die Fäden glitzern im hellen Licht und gehen nach allen Seiten durcheinander; sie gehen auch nach oben und nach unten – kreuz und quer.

Und die Fäden glitzern so perlmutterbunt im hellen weißen Sichellicht.

Und die Raketen recken sich höher und höher empor, daß sie auch zusammen einen runden Kegel bilden, dessen auch schlanke Spitze eine unermeßliche Höhe erreicht.

Und nun dreht sich dieser ganze Raketenkegel wie die Geistertüte langsam um sich selbst. Und dabei drehen sich auch noch die einzelnen Raketen um sich selbst, daß die weißen Lichtsicheln nur so blitzen.

Die blauen Pyramiden und Oktaeder drehen sich mit dem Raketenkegel mit und auch noch um sich selbst – um sich selbst drehen sie sich noch schneller als bisher.

Und alles dreht sich allmählich immer schneller, daß die Geister den gelben Himmel mit den roten Sternen bald nur noch als zuckende Streifen empfinden.

Und die Geister können dieses sich drehende Lichtspiel nicht verfolgen – trotzdem sie so viele Opalaugen haben.

Und sie wollen doch das farbige Lichtspiel – dieses himmlische Lampenfest – genießen – und sie können's doch nicht fassen – es geht ihnen alles um und um.

Und trotzdem erfüllt das Lampenfest die ganze Geistertüte mit wundersprühender Lust.

Und Knipos Stimme wird nochmals oben hörbar- sie sagt jetzt etwas hastig: »Grade das Verwirrende erzeugt doch den Gipfel aller Lebenslust. Grade dort, wo wir nicht mehr folgen können, fängt der große Rausch an, der uns ganz und gar durchglüht.«

Da fragt eine kleine wispernde Stimme aus der Geistertüte: »O Knipo, sage bloß, wo hast Du alle Deine Weisheit her?«

Knipo erwidert nach einer Pause melancholisch: »Das weiß ich nicht.«

Und dabei erinnert er sich an leuchtende Nixen und an ein Bahnwagenverdeck, an rasselnde Schienen und lachende Kugelsterne – aber seine frühere Zeit erscheint ihm ganz voller Nebel.

Leise fragt er: »Was war ich, als man von der großen Wettfahrt noch nichts wußte?«

Und wieder wispert's aus der Geistertüte heraus und spricht kichernd: »O Knipo, Du wirst wohl geölt haben – die Maschinen.«

»Nein«, tönt's von oben zurück, »ein schwarzer Diener war ich nicht. Ich glaube jetzt aber zu wissen, woher wir alle unsre Weisheit her haben: von den Sternen, an die wir immer noch gefesselt sind, müssen wir unsre Weisheit her haben.

»Haben wir«, fragt da wieder unten eine kichernde Stimme,» auch unsre Dummheit von den Sternen her?«

Und Knipo entgegnet zum zweiten Male melancholisch: »Das weiß ich nicht.«

Die Raketentüte dreht sich langsamer und wird wieder durchsichtig – und goldene und silberne Schlangen ringeln sich um die grünen Raketen und lassen sich herunter und schnappen nach den dunkelblauen Oktaedern und nach den hellblauen Pyramiden.

Und die Geister der Tüte erinnern sich an lauter verworrene Geschichten, die sie früher mal erlebt zu haben glauben – und die Geschichten ringeln sich wie Schlangen um ihren Hals – und die Luft wird ihnen verwirrend.

Und sie wollen das Verwirrende abschütteln und darum wieder selbständig werden, da sie glauben, daß die Selbständigkeit alles klar und übersichtlich machen müsse.

Und die Geister verfluchen die unzähligen Spinngewebefäden, die sie nicht zerreißen können – die so dehnbar sind – und die sich jetzt teilweise um die goldenen und silbernen Schlangen wickeln; währenddem fühlen die Geister, daß ihr Hals wieder frei wird und die Luft besser.

Doch Knipo wird höhnisch und ruft hart durch die stille Luft: »Wenn ich nicht irre, sind selbständige Leute gar nicht fähig, zu genießen. Jedenfalls kann die Selbständigkeit den Genuß nicht erhöhen. Der eigentliche Genuß beginnt immer erst da, wo die Klarheit aufhört – das ist nun mal meine Meinung. Wo aber die Klarheit aufhört kann von Selbständigkeit nicht mehr viel die Rede sein. Demnach bin ich wohl im Recht, wenn ich behaupte, daß die selbständige Herrlichkeit eine wenig erbauliche Sache ist.«

Da werden die Geister so wütend wie alte Hetären und reden alle übereinander weg wie Kinder, die aus der Schule kommen.

Schließlich bringt eine rauhe Stimme den Lärm zun Schweigen und sagt zornspritzend: »Knipo, Du erlaubs Dir da oben, lauter dummes Zeug zu reden und das für Weisheit zu erklären. Deine alte Manier! Aber wenn wir diese Lichteindrücke nicht in uns aufnehmen können werden wir sie nicht genießen. Was sollen wir mit der Verworrenheit anfangen? Was nützt es uns, wenn uns die ganze Welt ewig und immer als ein großes sinnloses Lichtspektakel erscheint?«

»Hoho!« ruft da Knipo hoch oben, »nur die Gebrechlichkeit unsrer Aufnahmefähigkeit ist der Grund aller Weltverworrenheit. An unsern Sinnen liegt es, daß uns die Welt so verworren erscheint – die Welt selbst ist es gar nicht.«

»Aha!« wispert da wieder eine kleine Stimme in der Geistertüte, »also haben wir doch Ursache zu wünschen, daß sich unsre Sinne verändern. Es muß wahrhaftig alles anders werden – vergöttlichen müssen sich unsre Sinne! Ich werde schon zufrieden sein, wenn bloß meine Sinne göttlich werden – ich selbst will schon ruhig bleiben, was ich bin.«

Das Lichtfest ist so still, obgleich sich die Raketentüte mit den Schlangen, Pyramiden und Oktaedern allmählich wieder schneller dreht.

Und Knipo sagt langsam: »Vielleicht sind unsre Sinne bloß deswegen so unvollkommen, damit wir nicht alles auf einmal aufnehmen. Wir müssen uns doch was für spätere Zeiten aufbewahren. Vielleicht werden unsre Sinne immer vollkommener. Die Weltbilder sollen uns wahrscheinlich erst allmählich in ihrer ganzen Großartigkeit zugänglich werden.«

Da lachen sehr viele Geister in der Tüte laut auf und schreien: »Das ist ja grade unsre Meinung schon seit Olims Zeiten! Deshalb wollen wir doch Götter werden!«

Und alle rufen zusammen mit ihrer ganzen Lunge: »Wenn wir doch erst Götter wären!«

»Wenn wir doch erst Götter wären!«

Knipo aber spricht ärgerlich: »Ihr scheint den Wert der Gegensätze nicht zu begreifen. Die besten Sinne sind für uns so gut wie wertlos, wenn wir nicht die weniger guten kennengelernt haben. Ihr wollt, daß alles gleich vollendet da sei – während doch die langsame Entwicklung zum immer Besseren viel köstlicher ist als das Beste ohne Gegensatz und ohne Entwicklungsfähigkeit.«

Die Geistertüte steht still – und die Raketentüte steht auch still.

Und die kleine wispernde Stimme ruft so laut, daß es energisch klingt: »Wir sind auf der wilden Jagd nach dem großen Diadem der Gottheit, und Knipo soll uns nicht in die Zügel fallen.«

Die weißen Lichtsicheln werden von den silbernen und goldenen Schlangen verschlungen.

Und es wird den Geistern vor ihren Opalaugen alles sehr dunkel.

Die Fäden verschwinden in ein paar Augenblicken.

Und die Raketentüte steigt mit den Schlangen, Oktaedern und Pyramiden hoch empor und wird bald unsichtbar oben in der dunkleren Höhe.

Der Himmel wird ganz schwarz in ein paar Augenblicken.

Jetzt aber leuchten die Geister selber und erschrecken, wie sie sich so leuchten sehen.

THEATER

Inhaltsverzeichnis

Geister, die lange zusammen waren, erkennen sich plötzlich nicht wieder; sie sind ganz verändert; ihr Rumpf ist fort, und ihr Kopf besteht nur noch aus zwei kleinen Ohren und unzähligen Opalaugen.

Eine schlanke Geistertüte von regelmäßiger Kegelform ist zu einer Opalaugentüte geworden.

Die Opalaugentüte leuchtet wie faules Holz; die Ohren der Geister ähneln dunklen Perlgebilden, die aber das gleißende Opalisieren der Geisteraugen nicht stören.

Vom Fuß der gleißenden Tüte, die wie die ungeheure Glanzspitze einer verborgenen Pickelhaube hoch in den dunklen Himmel emporragt, geht jetzt nach allen Seiten flach ansteigend ein grünes Moosland trichterförmig in die Höhe und bildet eine ungeheure runde flache Schale – eine grüne Mooslandschale –, in deren Mitte die Geisterspitze steht- wie der Schirmstock in einem umgekehrten offenen Regenschirm.

Doch die Mooslandschale ist nicht gewölbt.

Der Himmel, der so lange dunkel war, wird hell – weiße Wolken machen den Himmel hell –, der ganze Himmel besteht bald nur aus sehr hoch gestiegenen weißen Wolken, die klein aussehen – wie ganz kleine Lichtblüten.

Die Opalaugen der Geister sehen nach allen Seiten und sehen alles anders als sonst – sehen wie durch unzählige ganz feine durchsichtige Schleier, die von den Bildern der Welt nicht fortnehmen, sondern zutun.

Und ganz langsam dreht sich die spitze Tüte – die Drehung ist kaum merklich.

Und Riesenpilze wachsen aus dem Moosboden heraus.

Die Riesenpilze kriegen oben sehr dicke blaugraue Kopfe mit langen wächsernen Nasen. Und andere Pilze, die neben den bekopften wachsen, kriegen oben Hände mit dicken rosafarbigen Fingern. Und diese Finger legen sich an die wächsernen Nasen. Und da tun sich die breiten Mäuler der Pilzköpfe auf und reden unverständliche Worte.

Doch in der Mitte die Geister mit den feinen Perlenohren verstehen einzelne Sätze – so diese: »Der dicke Rausch hat uns geboren!«

»Wir sind die grandiosen Symbolika des Rausches.«[2q]

»Wir allein verstehen den Rausch, weil wir selber Rausch sind – und weil sich der Rausch nur selber verstehen kann.«

Und ihre Köpfe werden ganz unförmlich.

Ein grünlicher Schimmelpilz mit gelben Flecken, aus dessen Schädel spiralförmige, bleiartige Blätter herauswachsen, sagt bedächtig: »Gibt es eine berauschendere Sache als die vollkommene Rauschlosigkeit? Die könnte doch der Gipfel der Selbständigkeit sein! Ja! Es ist das nicht unmöglich!«

Und ein andrer Pilz, dessen Kopf wie ein altes verfallenes Felsentor aussieht, fragt leise: »Liebe Rauschbrüder, wißt Ihr vielleicht, ob wir im Streben nach dem Rausch mehr nach höherem Bewußtsein oder mehr nach Bewußtlosigkeit verlangen? Läge uns an dieser, so müßte uns die Selbständigkeit sehr egal sein. Andernfalls wär's vielleicht anders.«

Es ertönt keine Antwort.

Nach langer Pause spricht die klappernde Stimme eines schwarzen Keulenpilzes: »Denken wir nur, um berauscht zu werden? Oder – werden wir nur berauscht, um denken zu können?«

Und ein andrer Pilz, der blaue Krebsscheren statt der Haare auf dem Kopfe hat, sagt in langgezogenen Tönen, während seine Radaugen furchtbar rollen: »Wir sind heute wieder so recht nüchtern. Das macht wahrscheinlich das viele Denken. Wollen wir denn den Rausch begreifen? Der sieht ja täglich anders aus. Chamäleon!«

Und die Pilze schwanken und steigen mit ihren Fadenwurzeln aus dem Boden und gehen wackelnd hinauf zum fernen, fernen Mooslandsrande; mit den dünnen Wurzelbeinen kommen die Dicken nur langsam vorwärts.

Grüne Dämpfe steigen vorn auf.

Und die Pilze werden unsichtbar.

Ein Windzug – und die grünen Dämpfe sind fort.

Knirschend steigen aus dem Moosboden durchsichtige Kristallsäulen heraus.

Astartige Arme wachsen den Kristallsäulen; die Arme sind auch Kristall und haben keine Hände – an Stelle der Hände entstehen Kristallköpfe mit lauter rechteckigen Formen – auch die zwei Augen der Köpfe sind rechteckig.

Und die Kristallwesen unterhalten sich; es reden die sämtlichen Armköpfe einer Säule für gewöhnlich im Chore.

Die Geister der Tüte vernehmen die folgenden Reden und Gegenreden: »Meine Wenigkeit hat bislang erst zweitausend Entwicklungsprozesse durchgemacht. Aber ich würde nette Lügenmäuler haben, wenn ich behaupten möchte, ich hätte jemals in meinem langen Leben eine Ahnung davon gehabt, wohin mich diese ganze Entwicklung führen könnte.«

»Ist es denn nötig, daß die Endziele der Entwicklungsprozesse uns ganz klar wie Kristallsäulen vor Augen stehen? Ist es nicht genug, daß wir immer noch ein unbestimmtes Vergnügen daran finden, uns weiterzuentwickeln? Hätte die Entwicklung noch irgendwelchen feineren Reiz, wenn wir über die Endziele des ganzen Weltbestrebens völlig im klaren wären? Wären wir in diesem Falle nicht am Ende aller Weisheit und entwicklungsunfähig? Ist aber nicht grade die stete Entwicklungsfähigkeit die Krone der Lebenskraft und Lebenslust?«

»Alle diese köstlichen Fragen hindern uns nicht, Betrachtungen über die Entwicklung unsrer Kristallseelen auch fürderhin anzustellen. Für mich gibt es immer noch zwei Kardinalfragen: Entwickeln wir uns zur Selbständigkeit, wenn wir immerzu anders werden – oder entwickeln wir uns tatsächlich zu unbestimmbaren Größen? Nach meiner Meinung müßten wir bald so weit entwickelt sein, um eine dieser beiden Fragen ausmerzen zu können.«

Eine zitternde Stimme spricht nach einer Weile ganz allein: »Sind wir Geschöpfe, so gibt es auch Schöpfer, und sind wir selber Schöpfer, so müßten wir eigentlich mehr schaffen als bisher. Wir können auch schaffende Geschöpfe sein. Und wir können auch was andres schaffen – es brauchen nicht immer lebendige oder tote Geschöpfe zu sein. Wenn ich aber schaffen will – ganz gleich was –, so frage ich immer: was ist für die großen Schöpferstunden günstiger: der Wechsel der Lebensumstände oder die Gleichförmigkeit der Lebensumstände?«

In klingenden Chören tönt es zurück:

»Streben wir nach Ruhe oder nach Bewegung?«

»Wär's nicht besser, wenn ein Moment still stehen bliebe wie ein alter Träumer?«

Knirschend sinken die Kristallsäulen wieder in den Moosboden – und sind bald den Blicken der Opalaugen entzogen.

Und riesige Schachtelhalmwälder wachsen in der großen Moosschale rasch empor – und die Wälder biegen sich und rauschen.

Und es tönt aus den Wäldern ein schwerer Gesang.

Und dann rufen die Wälder seufzend: »O Nebulosa! O Nebulosa! Wo weilst Du? Weißt Du denn nicht mehr, daß wir so schrecklich unselbständig sind und die Gesellschaft so nötig haben?« Und blaue Wolken wirbeln aus den Wäldern heraus, die blauen Wolken steigen höher und vermischen sich da mit lilafarbigen und orangefarbigen.

Und diese bunten Wolken umschweben die Wipfel der sich biegenden, rauschenden Schachtelhalmwälder.

Und die Wolken sprechen, ohne daß die Geister Mund oder Nase sehen: »Wir haben nun über alles nachgedacht und freuen uns über unser Nichtwissen viel mehr als über unser Wissen.« Die Wolken steigen höher.

»O Nebulosa!« rufen die Wälder.

»Die Nebulosa«, tönt's nun von oben herunter, »ist ein einziges Wesen und besteht doch aus sehr, sehr vielen Wolken; die Nebulosa glaubt, daß es ihr gar nicht mehr behagen könnte, andre Wesen für klüger zu halten als sich selbst; die große Nebulosa, die eigentlich gar nichts weiß, will auch nichts mehr wissen – piept opp die olle Weisheitstinte.«

»Recht schade!« sagen die Schachtelhalmwälder, »wir hätten so gerne gewußt, was uns angenehmer sei – das Licht oder die Finsternis.«

Da blitzt es heftig in den bunten Wolken.

Aber die Wälder schweigen nicht; während die Schatten der Wolken über den Wipfeln hin und her huschen, fragen sie: »Zieht das Aufgeben des Ichgefühls Mangel an Bewußtseinsempfinden nach sich?«

Noch heftiger blitzt es in den Wolken.

»Sind wir lebenskräftiger«, fragen die Schachtelhalmwälder weiter, »wenn wir uns als ein Ich fühlen – oder wenn wir jedes Ichgefühl aus Hochachtung vor dem Ganzen, zu dem wir gehören könnten, unterdrücken?«

Da schlagen die Blitze in die Schachtelhalmwälder, daß die aufflammen und sich im nächsten Augenblick in Staub verwandeln.

Die blauen Wolken mit den lilafarbigen und orangefarbigen Flecken steigen hell blitzend immer höher und rufen aus der Höhe herunter: »Die Nebulosa verlacht das Ichgefühl – und vernichtet das Ichgefühl.«

Und oben verfliegen die bunten Wolken, so daß keine Spur von der Nebulosa übrigbleibt.

Wieder leuchten die kleinen weißen Wolken.

Den Geistern der Tüte treten Tränen in die bunten gleißenden Opalaugen, so daß sie funkeln wie Tautropfen im Sonnenglanz.

Und mit mächtigem Gepolter wachsen riesige rote Berge durch den Schachtelhalmwälderstaub.

Und die roten Berge sind von glitzernden Flüssen durchzogen, die sich wie seidene Bänder um die Gipfel der Berge schmiegen. Zinnoberrot sind die Berge – und die Flüsse so wie Silber – wie Quecksilber – auch so beweglich.

Und aus den roten Bergen werden große lachende Riesenköpfe, die sehr gutmütig schmunzeln.

Und die silbernen Flüsse umschlingen den breiten Hals der Bergriesen und gehen oben ins Haar der Bergriesen und bewegen sich wie flüssige Schlangen und flüstern schmeichelnde Worte ins Ohr der Bergriesen.

Und dann fangen die Flüsse zu fragen an wie gute Kinder – sie wollen so gerne was wissen – sie wollen was von den Göttern wissen.

»Ist die Zahl der Götter, die, wie wir wohl wissen, auch Sterne genannt werden, wirklich gar nicht auszusprechen ?«