Gesammelte Werke: Historishe Romane + Erzählungen + Sagen - Washington Irving - E-Book

Gesammelte Werke: Historishe Romane + Erzählungen + Sagen E-Book

Washington Irving

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Beschreibung

Washington Irvings "Gesammelte Werke: Historische Romane + Erzählungen + Sagen" bietet eine facettenreiche Sammlung von Erzählungen, die die kulturellen und historischen Landschaften der frühen amerikanischen Gesellschaft ergründen. Mit seinem charakteristischen literarischen Stil, der seltene bildliche Sprache und subtile Ironie vereint, gelingt es Irving, die Leser in eine Welt zu entführen, in der Legenden und Realität miteinander verwoben sind. Die Sammlung umfasst nicht nur berühmte Erzählungen wie "Die Legende von Sleepy Hollow", sondern auch weniger bekannte, die den Wandel und die Herausforderungen seiner Zeit reflektieren. Washington Irving, einer der ersten amerikanischen Schriftsteller von internationalem Rang, stellte mit seinen Werken oft die Werte und Traditionen der jungen amerikanischen Nation in Frage. Geboren 1783 in New York, erlebte Irving die kulturellen Umbrüche seiner Zeit und war ein Pionier des literarischen Jugendstils. Seine Reisen durch Europa und die Begegnungen mit verschiedenen Kulturen prägten ihn stark und flossen in die Themen seiner Geschichten ein, die oft die Spannung zwischen Alt und Neu thematisieren. Diese Sammlung ist nicht nur ein Muss für Literaturbegeisterte, sondern auch für jene, die ein tieferes Verständnis für die Wurzeln der amerikanischen Erzählkunst entwickeln möchten. Irvings Werke laden dazu ein, über die Geschichte und die vielschichtigen Identitäten der amerikanischen Kultur nachzudenken. Tauchen Sie ein in eine Zeit des Wandels und der Inspiration – ein Leseerlebnis, das sowohl unterhaltsam als auch lehrreich ist. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Washington Irving

Gesammelte Werke: Historishe Romane + Erzählungen + Sagen

Bereicherte Ausgabe. Eine Reise durch die amerikanische Geschichte: Romantische Erzählungen und gruselige Legenden
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547800187

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Werke: Historishe Romane + Erzählungen + Sagen
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung bietet ein breit gefächertes Panorama von Washington Irvings erzählerischem Schaffen und versammelt historische Romane, Erzählungen, Sagen, Essays und Briefe. Sie führt von der Humoristischen Geschichte von New‑York über Gottfried Crayon’s Skizzenbuch mit Rip van Winkle und Die Legende von Sleepy Hollow bis zu Bracebridge Hall, den Sagen von der Alhambra, den Erzählungen von der Eroberung Spaniens sowie Jonathan Oldstyle’s Briefe. Der Band zielt darauf, die Vielfalt von Irvings Formen und Stimmen sichtbar zu machen und zugleich die innere Einheit eines Werkes zu zeigen, das zwischen Alter und Neuer Welt, zwischen Geschichte und Dichtung vermittelt.

Im Zentrum stehen unterschiedliche Textsorten: satirische Scheinhistorie, Reise‑ und Gesellschaftsskizze, Dorf‑ und Landbilder, Seestücke, Liebes‑ und Geistererzählungen, Sagenstoffe, kulturhistorische Essays, biografische Porträts und frühe Zeitschriftenbriefe. Neben kanonischen Kurzgeschichten treten charakteristische Essays wie Englische Schriftsteller über Amerika, Roscoe oder John Bull, pastoral geprägte Miniaturen wie Die Dorfkirche und Weihnachtsstücke sowie erzählerische Zyklen aus England und Spanien. Ergänzt werden diese durch historiografisch erzählte Stoffe über die hispanische Vergangenheit und eine historische Darstellung des Lebens Mohammeds, die Irvings sachorientierte, doch erzählerisch geprägte Arbeitsweise erkennen lässt.

Über alle Formen hinweg erkundet Irving wiederkehrende Themen: den Wandel der Zeit, das Fortleben von Traditionen, die Reibung zwischen Volksglauben und Aufklärung, das Suchen nach kultureller Identität und den Austausch zwischen Europa und Amerika. In Rip van Winkle und Sleepy Hollow spiegeln sich etwa Erinnerung, Aberglauben und gesellschaftlicher Umbruch, ohne dass der Autor einfache Antworten gäbe. Seine Weihnachts‑ und Landleben‑Skizzen entfalten eine bewusst zeitentrückte, doch beobachtungsgenaue Atmosphäre, die nicht Flucht, sondern Betrachtung ist: Gegenwart und Vergangenheit werden in ein Gespräch versetzt, das den Leser zur eigenen Standortbestimmung einlädt.

Stilistisch verbindet Irving urbane Ironie mit milder Melancholie, anschauliche Beschreibungen mit geordneter, musikaler Prosa. Seine Pseudonyme und Erzählerfiguren – Diedrich Knickerbocker, Gottfried (Geoffrey) Crayon, Jonathan Oldstyle – schaffen spielerische Distanz und erlauben Perspektivwechsel zwischen Satire, Beobachtung und Sage. Häufig rahmen Vorreden, angebliche Quellen und gelehrte Fußnoten das Geschehen, um den prekären Übergang von Faktum und Fiktion bewusst zu machen. So entsteht eine Poetik des „überlieferten Erzählens“, die historische Lesarten prüft, ohne den Zauber von Legende, Lokalton und mündlicher Überlieferung preiszugeben.

Die Schauplätze spannen sich von der niederländisch geprägten Frühzeit New‑Yorks über das englische Landleben bis zur maurischen Pracht Granadas. Gasthöfe, Kirchen, Schulen, Gutshäuser, Schiffe und Marktplätze bilden Bühnen, auf denen Sittenbilder und Charakterstudien sich entfalten. Die Weihnachtsfolge mit Heiligabend, Weihnachtsfeiertag und Weihnachtstags‑Mittagessen zeigt Irvings Sinn für Jahreszeiten‑Rituale; Stratford am Avon und englische Land‑Edelleute verankern seine transatlantische Bildungsreise. In der Alhambra werden Türme, Höfe und Balkone zu Erinnerungsräumen, in denen Geschichte, Architektur und Erzähltradition ein resonantes Ganzes bilden.

Irving sucht in seinen Spanien‑Büchern die Schnittstelle von Quellenstudium und Erzählkunst. Er nutzt Chroniken und Reiseeindrücke, um vergangene Welten anschaulich zu machen, ohne gelehrte Jargonschwere. Die Erzählungen von der Eroberung Spaniens kreisen um Wendepunkte historischer Machtverschiebungen; die Sagen von der Alhambra verbinden topografische Genauigkeit mit lokaler Überlieferung. Das Leben Mohammeds, des arabischen Propheten, steht als historisches Sujet neben diesen europäischen Stoffen und zeigt Irvings Bemühen, religiöse, politische und kulturelle Kontexte erzählerisch verständlich zu machen – stets vor dem Hintergrund seiner Zeit und ihrer Perspektiven.

Die Humoristische Geschichte von New‑York spielt mit der Autorität der Geschichtsschreibung. Als Diedrich Knickerbocker karikiert Irving gelehrte Pedanterie, städtische Mythen und koloniale Selbstbilder. Scheinquellen, gelehrte Töne und bewusst überzogene Genauigkeit demaskieren den Anspruch auf endgültige Deutung. Zugleich formt die Satire ein frühes, selbstbewusstes amerikanisches Sprachspiel, das die Traditionen Europas kennt und ironisch spiegelt. Dieses Buch ist nicht nur ein Witz über Geschichtswerke, sondern auch eine Reflexion über die Macht des Erzählens, das unsere Vorstellungen von Herkunft, Stadt und Nation ordnet – oder eben verführt.

Gottfried Crayon’s Skizzenbuch und Bracebridge Hall sind Mosaike aus Essays und Erzählungen, die Beobachtung und Fiktion locker verbinden. Figuren wie Der Angler, Die Wittwe oder Der geschäftige Mann stehen neben Reisebildern, Dorf‑ und Kirchenstücken. Englische Schriftsteller über Amerika registriert wechselseitige Wahrnehmungen über den Atlantik hinweg. Die Weihnachtsfolge entfaltet ländliche Bräuche mit feinem, nie sentimentalen Humor. In Bracebridge Hall entstehen Charakterbilder einer Gutshauswelt, die durch Gespräche, Feste, Jagden und Bibliotheken lebendig wird – nicht als museale Kulisse, sondern als sozialer Mikrokosmos, an dem sich menschliche Beständigkeit und Wandel beobachten lassen.

Die spanischen Materialien öffnen eine weitere Sphäre. In den Sagen von der Alhambra erscheinen der Löwenhof, der Thurm der Comares oder der Thurm der Prinzessinnen als Erinnerungsarchitektur, an der sich Sagen wie von des Mauren Vermächtniß, von den zwei verschwiegenen Statuen oder von der Rose der Alhambra anlagern. Episoden um Boabdil, Muhamed Abu Alahmar oder Yusef Abul Hagig verknüpfen Herrschergeschichten mit Topographie. Der Reise‑ und Haushaltungsblick des Erzählers zeigt Alltag, Dienstboten, Besucher und Gelehrte im Monument. So verschränken sich Hofgeschichte, Volksglaube und Reisefragment zu einem poetischen Inventar der Alhambra.

Mehrfach wendet sich Irving nordamerikanischen Themen zu, etwa in Züge indianischen Charakters und Philipp von Pokanoket. Diese Texte stammen aus einer frühen Phase der US‑Literatur und spiegeln die Sichtweisen ihrer Entstehungszeit. Sie bemühen sich um Charakterbeobachtung, bleiben aber in Begriffen und Perspektiven historisch gebunden. Die Sammlung macht diese Spannungen sichtbar, ohne sie zu glätten. Wer hier liest, gewinnt Einsichten in die literarische Formung kultureller Bilder, aber auch in deren Grenzen. Gerade der Vergleich mit europäischen und spanischen Stoffen schärft den Blick für Irvings Fragen nach Identität und Erinnerung.

Neben den Erzählungen stehen metapoetische und feuilletonistische Stücke, die Irvings Werk abrunden: Die Kunst des Büchermachens, Die Wandelbarkeit der Literatur, Bibliothek oder Ein literarischer Alterthumsforscher reflektieren Produktion, Geschmack und Überlieferung. Jonathan Oldstyle’s Briefe dokumentieren seinen frühen Tonfall in der Periodik: urbane Satire, gesellschaftliche Beobachtung, ein Gespür für Mode und Manier. Solche Texte zeigen, wie Irving essayistische Präzision mit erzählerischer Leichtigkeit verbindet – eine Grundhaltung, die seine späteren Bücher trägt und die Entwicklung der amerikanischen Essay‑ und Kurzprosa maßgeblich beeinflusst hat.

Die anhaltende Bedeutung dieses Werks liegt in der Verbindung aus erzählerischer Anmut, historischer Neugier und kulturenübergreifender Perspektive. Irving formt den transatlantischen Dialog literarisch aus und prägt die angloamerikanische Kurzgeschichte ebenso wie das moderne Weihnachts‑Idyll, ohne die Ambivalenzen der Tradition zu übergehen. Diese Auswahl lädt dazu ein, den Autor in seinen wechselnden Rollen zu begleiten – als Satiriker, Reisender, Chronist, Sammler von Sagen – und in jedem Tonfall dieselbe Haltung zu erkennen: eine höfliche Ironie, eine genaue Liebe zum Detail und das Vertrauen, dass Geschichten Erinnerung in lebendige Gegenwart verwandeln.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Washington Irving (1783–1859) gilt als einer der ersten US-amerikanischen Prosaschriftsteller von internationalem Rang und als Wegbereiter der Kurzgeschichte. Er verband neue Welt und alte Kultur in einer geschmeidigen, essayistischen Prosa und prägte das Bild Amerikas in Europa mit. Unter den Pseudonymen Geoffrey Crayon, Diedrich Knickerbocker und Jonathan Oldstyle schuf er Stimmen, die Witz, Ironie und Beobachtung vereinten. Aus dem Gottfried Crayon’s Skizzenbuch stammen Erzählungen wie Rip van Winkle und Die Legende von Sleepy Hollow, die Volksüberlieferung mit sanfter Satire verschränken. Seine Essays zeigen einen vermittelnden Blick auf Geschichte, Sitten und Landschaften diesseits und jenseits des Atlantiks.

Geboren in New York, erhielt Irving eine juristische Ausbildung und wurde zum Anwalt zugelassen, doch früh zog es ihn zur Publizistik und Belletristik. Erste Texte erschienen als Jonathan Oldstyle’s Briefe, die urbane Sitten und Geschmack kommentierten. Prägend wirkten die eleganten Essayisten Joseph Addison und Oliver Goldsmith, deren Tonfall der müßig-gelehrten Beobachtung er kreativ anverwandte. Eine Europareise in jungen Jahren vertiefte seine Kenntnisse historischer Landschaften und literarischer Traditionen, einschließlich deutscher Romantik und britischer Periodika. Diese Einflüsse verband er mit amerikanischen Stoffen, wodurch ein Stil entstand, der Anekdote, Reisebild, Historie und Erzählkunst zu einem leichtfüßigen Ganzen fügte.

Seinen ersten großen Erfolg erzielte Irving mit der Humoristischen Geschichte von New-York, einer burlesken Chronik, die er als Diedrich Knickerbocker veröffentlichte. Das Werk parodiert gelehrte Geschichtsschreibung und mischt erfundene Stadtlegenden mit satirischen Seitenhieben auf koloniale Ambitionen. Die maskenhafte Autorfigur prägte nachhaltig das Knickerbocker-Image von New York als Ort eigenwilliger Bürger und lokaler Mythen. Zeitgenössische Leser erkannten sowohl die Komik wie den kulturkritischen Unterton. Irving zeigte hier seine Gabe, dokumentarischen Schein, mündliche Überlieferung und stilistische Eleganz zu verbinden, eine Methode, die später in seinen Skizzen und Erzählungen den Ton seiner transatlantischen Vermittlung weiter bestimmte.

Mit Gottfried Crayon’s Skizzenbuch erreichte Irving internationalen Durchbruch und ein breites Publikum in England und Amerika. Der Band verbindet Reisebilder, Essays und Erzählungen: Neben Rip van Winkle und Die Legende Von Sleepy Hollow stehen Betrachtungen wie Landleben in England, Die Westminster-Abtei, John Bull, Die Seereise, Roscoe, Weihnachten, Weihnachtsheiligabend, Der Weihnachtsfeiertag und Das Weihnachtstags-Mittagessen. Die Mischung aus heiterer Beobachtung, milder Ironie und feierlicher Stimmung formte ein neuartiges, leicht zugängliches Prosaformat. Zugleich erkundete Irving, wie Erinnerung, Brauch und Landschaft kulturelle Identität stiften, ohne polemisch zu werden, und machte amerikanische Themen europäischen Lesern vertraut.

Die Erkundung englischer Lebensformen vertiefte Irving in Bracebridge Hall oder die Charaktere, einer Folge locker verbundener Skizzen um ein Landhausmilieu. Stücke wie Die Halle, Der geschäftige Mann, Haus-Diener, Der alte Soldat, Der dicke Herr, Die Meierei, Reitkunst, Falknerei, Die Falkenjagd, Maitags-Gebräuche und Die Würdigen des Dorfes verbinden Sittenbild, Anekdote und feine Komik. Er porträtiert adelige und bürgerliche Gebräuche mit empathischer Distanz und bewahrt zugleich ein transatlantisches Maß: amerikanische Nüchternheit trifft auf britische Tradition. Motive aus dem Schul- und Dorfleben, aus Bibliothek und Familien-Reliquien zeigen sein Interesse an alltäglichen Ritualen als Trägern historischer Erinnerung.

In Spanien fand Irving eine zweite thematische Heimat. Die Erzählungen von der Eroberung Spaniens greifen den frühmittelalterlichen Stoff um Don Roderich, den Grafen Julian und die Unterjochung der Halbinsel kunstvoll auf. Mit den Sagen von der Alhambra schuf er eine Prosasammlung aus Reise, Geschichte und Legende: Die Reise, Bewohner der Alhambra, Der Löwenhof, Der Balkon, Der Thurm der Prinzessinnen, Erinnerungen an Boabdil, sowie Sagen wie Das Abentheuer des Maurers, von dem arabischen Astrologen oder von den zwei verschwiegenen Statuen. Ergänzend betrachtete Das Leben Mohammeds, des arabischen Propheten, religiöse Ursprungskonflikte mit erzählerischer Zurückhaltung.

Zurück in den Vereinigten Staaten blieb Irving als kosmopolitischer Beobachter produktiv und nahm zeitweise diplomatische Aufgaben in Europa wahr. Seine Essays reflektieren Literatur und Öffentlichkeit mit mildem Skeptizismus: Englische Schriftsteller über Amerika, Die Kunst des Büchermachens und Die Wandelbarkeit der Literatur erkunden Autorschaft, Publikum und Moden; Stücke wie Volksaberglauben oder Das Spuk-Haus wenden sich weiterhin erzählerischen Stoffen zu. Bis zu seinem Tod 1859 in seinem Haus Sunnyside am Hudson pflegte er einen verbindlichen Stil, der Humor und Historienbewusstsein vereinte. Sein Vermächtnis wirkt fort in der Kurzgeschichte, im Reisebild und in populären Mythen um Sleepy Hollow und Rip van Winkle.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Washington Irving (1783–1859) schrieb in einer Übergangszeit: die junge US‑Republik suchte nach kultureller Eigenständigkeit, Großbritannien befand sich zwischen Regency und Viktorianismus, Kontinentaleuropa erholte sich von den Napoleonischen Kriegen. Als transatlantischer Autor pendelte Irving zwischen New York, London und Madrid und verband amerikanische Stoffe mit europäischen Formen des Romanticism. Die in dieser Sammlung versammelten Romane, Erzählungen, Skizzen und Sagen spiegeln mehrere Epochen: koloniales und frührepublikanisches Amerika, das ländliche England des 18./frühen 19. Jahrhunderts sowie das spätmittelalterliche Spanien. Deutsche Übersetzungen verbreiteten sein Werk früh im deutschsprachigen Raum, wo romantische Sagenstoffe auf großes Interesse stießen.

Irving begann als satirischer Beobachter der New Yorker Gesellschaft. Jonathan Oldstyle’s Briefe (1802–1803) entstanden im Umfeld der lebhaften, parteiisch geprägten Presse der frühen Republik. Zeitungen dienten als Bühne für Moralsatiren und städtische Miniaturen, die modische Marotten ebenso wie politische Manieriertheiten aufs Korn nahmen. Diese mediale Öffentlichkeit wuchs mit der Urbanisierung New Yorks, dessen Hafenhandel und Einwanderung die Stadt verwandelten. In dieser Presse‑ und Salonkultur schulte Irving seinen Ton: elegant, ironisch, auf die Sitten der Gegenwart bezogen, aber mit einem Blick für historische Reminiszenzen, der seine spätere Rolle als Antiquar‑Erzähler vorbereitete.

Humoristische Geschichte von New‑York (1809), unter dem Pseudonym Diedrich Knickerbocker, parodierte Gelehrsamkeit und schrieb der Stadt eine niederländische Gründungsmythologie ein. Irvings Werbe‑Mystifikation um den „verschwundenen“ Autor passte zur Ära der literarischen Scherze. Hinter dem Spiel stand ein ernstes Bedürfnis der jungen Nation, eine eigene, lokal gefärbte Vergangenheit zu erfinden. Die satirischen Fußnoten und antiquarischen Anspielungen reflektieren die zeitgenössische Faszination für Quellenkritik und Chroniken, wie sie seit der Aufklärung verbreitet war. Zugleich verankerte Irving das „Knickerbocker“-Narrativ, das im 19. Jahrhundert zum Identitätszeichen des alten New York wurde.

Mit Gottfried Crayon’s Skizzenbuch (The Sketch‑Book, 1819–1820) etablierte Irving die transatlantische Karriere eines US‑Autors. Die heikle Urheberrechtslage – es gab noch keinen verlässlichen internationalen Schutz – zwang ihn, britische Ausgaben zeitnah zu lancieren. Das Werk knüpft an die essayistische Tradition Addisons und Steeles an, kombiniert sie aber mit romantischer Landschafts‑ und Sagenästhetik. Es eröffnete amerikanischer Prosa einen Weg in die britische Öffentlichkeit und trug dazu bei, die Kurzgeschichte als eigenständige Form zu profilieren. Die Mischung aus Reisebild, Kulturbeobachtung und Erzählung wurde zu einem Modell für spätere US‑Autorinnen und ‑Autoren.

Nach dem Britisch‑Amerikanischen Krieg von 1812 suchten viele Intellektuelle nach Formen kultureller Annäherung. Irvings Landleben in England, Bracebridge Hall und verwandte Skizzen idealisieren nicht unkritisch, aber mit spürbarer Sympathie, die Sitten eines veränderten Landadels. Sie reagieren auf die Modernisierungsschübe der Agrar- und Frühindustriewelt, indem sie Traditionen, Rituale und „gute Nachbarschaft“ literarisch bewahren. Das Landhaus, die Dorfkirche, die Bibliothek oder die Jagd erscheinen als Bühnen einer sozialen Ordnung, die im Umbruch begriffen ist. Diese Texte fungierten als kulturelle Übersetzer zwischen neuem amerikanischem Selbstbewusstsein und englischem Erbe.

Die Weihnachtsstücke aus dem Skizzenbuch und Bracebridge Hall stehen im Kontext einer breiteren Wiederentdeckung vormoderner Festbräuche im 19. Jahrhundert. In England vollzog sich unter Antiquaren, Geistlichen und Literaten eine Rückbesinnung auf regionale Lieder, Speisen und Spiele. Irving sammelte, stilisierte und popularisierte diese Praktiken – Dorfkirchengang, Festmahl, Mummerei – für ein transatlantisches Lesepublikum. Seine Darstellung eines „altenglischen“ Weihnachten prägte Vorstellungen von Häuslichkeit und Gemeinschaft, die später, besonders durch Charles Dickens, weiter verbreitet wurden. So kommentieren die Weihnachtsessays zugleich sozialen Wandel und das Bedürfnis nach ritueller Kontinuität.

Das Übernatürliche dient bei Irving als Resonanzraum für historische Erfahrung. In Erzählungen wie Die Legende von Sleepy Hollow, Rip van Winkle oder St. Markus‑Abend verschränken sich europäische Sagenmotive mit amerikanischen Landschaften. Zeitgenössische Leser kannten germanische und keltische Stoffe aus Sammlungen und Balladen; Irving nutzte diese Intertexte, um Entwurzelung, Erinnerung und Gemeinschaftsmythen zu verhandeln. Die Geisterhaftigkeit verweist dabei weniger auf Schockeffekte als auf die Unsicherheit einer Gesellschaft, die zwischen kolonialem Erbe und moderner Republik balanciert. So reflektieren die Erzählungen mentalitätsgeschichtliche Übergänge, ohne sich in politischer Programmatik zu verlieren.

Viele Skizzen sind Dokumente einer Kultur der Geselligkeit im Zeitalter der Postkutsche: Gasthöfe, Küchen, Beerdigungen, Dorfversammlungen strukturieren den sozialen Alltag. Bevor Eisenbahnen den Raum beschleunigten, prägten Wirtshausnetz und Landkutschen die Mobilität auf Inseln und Kontinent. Irving fixiert diese Infrastruktur literarisch, gerade in dem Moment, in dem sie durch technische Neuerungen unter Druck gerät. Das Interesse am scheinbar Nebensächlichen – Tischsitten, Raumordnungen, Küchenrituale – gehört zu einer breiten romantischen Ethnographie des Alltäglichen, die in Europa und Amerika seit den 1810er Jahren Aufmerksamkeit erfuhr und in Lesepublika nostalgische Anziehungskraft entfaltete.

Die Seereise steht für die materiellen Bedingungen transatlantischer Literaturproduktion. Seit 1818 verband die Black‑Ball‑Line New York und Liverpool mit regelmäßigen Packetschiffen; dennoch blieben Überfahrten wetter- und wirtschaftsanfällig. Irvings maritime Skizzen registrieren diese Unsicherheiten, die Zirkulation von Briefen, Manuskripten und Büchern, aber auch die kosmopolitische Durchmischung an Bord. Der Atlantik fungiert als Medium der Ideen, aber auch als Grenze, die kulturelle Missverständnisse verstärkt. Die literarische Beobachtung des Schiffsraums dokumentiert eine Epoche, in der Reisen zugleich alltäglicher und risikoreich waren – eine Voraussetzung für Irvings Pendeln zwischen Märkten und Milieus.

Irving wandte sich in den 1820er Jahren verstärkt Spanien zu. Nach den Napoleonischen Kriegen zog die Iberische Halbinsel Reisende, Sammler und Gelehrte an. In Madrid arbeitete Irving mit Archiven, die im Umfeld staatlicher Reformen zugänglich wurden, und nutzte Kontakte der US‑Gesandtschaft. Granada und die Alhambra standen im Zeichen romantischer Altertumsbegeisterung: maurische Architektur, Inschriften und Hoflegenden galten als Relikte einer verlorenen Blüte. Irvings spanische Texte verbinden die Reisebeschreibung mit gelehrter Aneignung und poetischer Sage – typisch für eine Zeit, die mittelalterliche Vergangenheiten als Gegenentwürfe zur industriellen Gegenwart imaginierte.

Sagen von der Alhambra verknüpfen beobachtete Topographie – Höfe, Türme, Innenräume – mit Erzähltraditionen, die Irving aus Chroniken, mündlichen Überlieferungen und antiquarischen Sammlungen kannte. Die Alhambra erscheint als halb bewohnte, halb musealisierte Welt, in der militärische Präsenz, Volksglaube und Verwaltung aufeinandertreffen. Diese Zwischenstellung entsprach der politischen Lage Spaniens im frühen 19. Jahrhundert, das zwischen restaurativen Impulsen und Reformbestrebungen schwankte. Die Texte zeigen, wie Literatur Räume in Erinnerungskammern verwandelt, ohne dabei eine streng akademische Historiographie zu beanspruchen – ein Verfahren, das den Reiz romantischer Reiseliteratur mitbegründete.

Die Erzählungen von der Eroberung Spaniens und verwandte Stoffe greifen die spätmittelalterliche Reconquista auf, insbesondere die Endphase des Krieges um Granada im 15. Jahrhundert. Irving stützte sich auf spanische Chroniken und neuere Editionen, die in Europa kursierten. Seine Darstellung folgt oft ritterlich‑epischen Mustern, wie sie im 19. Jahrhundert populär waren, und ordnet Ereignisse in moralische und nationale Teleologien ein, die mit der Zeitkritik seiner Gegenwart korrespondieren. Damit beteiligte er sich an einer breiten europäischen Debatte über Entstehung und Einheit von Nationen, ohne die vielschichtige soziale Wirklichkeit spätmittelalterlicher Iberia vollständig zu erfassen.

In Züge indianischen Charakters und Philipp von Pokanoket reagierte Irving auf ein amerikanisches Interesse an indigenen Geschichten, das seit der Frühen Republik wuchs. Er griff dabei vor allem auf koloniale und frühneuzeitliche Quellen zurück und sprach in zeittypisch sentimentalem Ton über Konflikte wie den Krieg von 1675/76 in Neuengland. Diese Texte machen die Spannung sichtbar zwischen Empathiegesten und einem euroamerikanischen Deutungsrahmen, der indigene Perspektiven nur begrenzt abbildete. Spätere Kritik hat Irvings Beiträge als Teil einer Mythopoetik der Nation gelesen, die Widersprüche der Siedlerexpansion ästhetisch überdeckt oder romantisiert.

Das Leben Mohammeds (1840er Jahre publiziert, in zwei Teilen mit Fortsetzungen) entstand in einer Phase, in der europäische Orientalistik Übersetzungen arabischer Chroniken und Hadith‑Sammlungen verbreitete. Irving nutzte vornehmlich solche sekundären, in europäischen Sprachen zugänglichen Quellen. Sein Ansatz strebt nach Verständlichkeit für ein christlich geprägtes Lesepublikum und versucht, biographische Rationalisierung mit erzählerischer Anschaulichkeit zu verbinden. Das Werk gehört zu einer breiten Strömung vergleichender Religionsgeschichte, die historische Distanz mit zeitgenössischen Wertmaßstäben mischte. Es zeigt zugleich die Grenzen einer Perspektive, die ohne direkte Arbeit an arabischen Originaltexten auskommen musste.

Mehrere Essays – Die Kunst des Büchermachens, Bibliothek, Ein literarischer Alterthumsforscher – kommentieren die Wissenskultur des 19. Jahrhunderts. Leihbibliotheken, Lesegesellschaften und periodische Magazine expandierten; Exzerpte, Kompilationen und Zitatkunst standen in hohem Kurs. Zugleich verschärften sich Urheberrechtsfragen. Die USA reformierten 1831 ihr Copyright‑Gesetz, doch ein internationaler Schutz fehlte. Irving manövrierte pragmatisch: Er sicherte britische Ausgaben, um dortige Rechte zu wahren, während amerikanische Nachdruckpraxis fortbestand. Diese Rahmenbedingungen prägten Form und Umfang seiner Sammlungen – kurze Stücke, an periodische Erscheinungsweisen anpassbar.

Irving avancierte zum ersten US‑Prosaautor mit stabiler Reputation im britischen Markt. Die Unterstützung Walter Scotts und Verbindungen zu Verlegern wie John Murray begünstigten dies. Diplomatische Ämter – unter anderem als US‑Gesandter in Spanien in den 1840er Jahren – verschafften ihm Archivzugang und gesellschaftliche Netzwerke. Seine Popularität speiste sich aus der Synthese von Humor, Sitte und Historie. Für spätere US‑Schriftsteller öffnete er Kanäle: die Kurzprosa als exportfähige Form; das Regionalbild als literarische Ressource; das Antiquarische als respektable, aber unterhaltsame Wissensart. Diese Rezeptionsgeschichte erklärt die breite, auch kontinentaleuropäische Verbreitung.

Die Sammlung bildet kulturelle Reaktionsmuster auf Modernisierung ab: Rückgriff auf lokale Traditionen, poetische Veredelung des Alltags, Reise als Erkenntnisform. Sie kommentiert Nationalbildungsprozesse – in den USA, in Großbritannien und in historiographischen Bildern Spaniens – ohne programmatische Theorie zu liefern. Stattdessen operieren die Texte mit Atmosphäre, Figurentypen und Ritualen. Spätere Deutungen betonen Irvings Rolle als Mythograph amerikanischer Ortsgedächtnisse und als Vermittler zwischen romantischem Historismus und populärer Unterhaltung. Zugleich machen historisch-kritische Lektüren auf koloniale Rahmungen und orientalistische Tropen aufmerksam, die seine Sichtweisen konditionierten.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Humoristische Geschichte von New-York

Eine pseudogelehrte Chronik des alten Neu-Amsterdam, erzählt durch die Maske des Antiquars Knickerbocker. Mit scheinheroischem Ton und Fußnotenparodie verspottet Irving Kolonialmythen, Lokalpatriotismus und Amtsprunk. So entsteht eine eigenständige amerikanische Komik, die Vergangenheit als Spiegel gegenwärtiger Sitten nutzt.

Gottfried Crayon’s Skizzenbuch

Ein Mosaik aus Reisebildern, Essays und Erzählungen, das zwischen England und den USA pendelt. Volksmärchenhafte Stücke wie Rip van Winkle und Die Legende von Sleepy Hollow verbinden Übernatürliches mit Heimatnostalgie, während Weihnachts- und England-Skizzen (Westminster-Abtei, Landleben, Wirtshaus und Postkutsche) eine altmodische Welt anschaulich beschwören. Literarische und nationale Selbstreflexion (u. a. über John Bull, amerikanische Identität und das Büchermachen) rahmen die Sammlung mit milder Satire.

Bracebridge Hall oder die Charaktere

Locker verknüpfte Szenen und Geschichten rund um ein englisches Landhaus mit der Erzählerfigur Crayon als beobachtendem Gast. Charakterbilder, Liebeswirren und Brauchtum (Falknerei, Maitag, Dorfpolitik) wechseln mit eingefügten romantischen und leicht schauerlichen Erzählungen wie Das Spuk-Haus, Der Student von Salamanca, Dolph Heyliger und Das Sturmschiff. Der Ton ist warm, humorvoll und sentimental, zugleich aufmerksam für Rituale und die Reibung zwischen Tradition und Wandel.

Erzählungen von der Eroberung Spaniens

Eine erzählerische Verdichtung der Frühphase der maurischen Invasion auf der Iberischen Halbinsel, von König Roderich bis zu Graf Julian. Chronikhafte Darstellung mischt sich mit legendären Motiven, moralischer Fallhöhe und dem Pathos ritterlicher Weltvorstellungen. Im Vordergrund stehen Schicksalswendungen, kulturelle Begegnung und der Verlust einer Ordnung.

Sagen von der Alhambra

Reiseschilderung, Historienmeditation und Märchensammlung um die Palastanlage von Granada in einem Band. Zwischen detailreichen Beschreibungen von Höfen, Türmen und Bewohnern entfalten sich Legenden von Prinzessinnen, Astrologen, verborgenen Schätzen, liebenden Pilgern und stummen Statuen. Die Stimmung ist mondlichtträumerisch, ironisch und melancholisch; verhandelt werden Erinnerung, Ruinenpoesie und die Überlagerung maurischer und spanischer Traditionen.

Das Leben Mohammeds, des arabischen Propheten

Eine nüchterne Biographie, die aus überlieferten Quellen den Lebensweg Mohammeds, die Frühphase der Offenbarung und den Aufbau der Gemeinschaft nachzeichnet. Der Fokus liegt auf historischer Einordnung, Führungsgestalt und der Verbindung von religiöser Botschaft und politischer Konsolidierung. Der Ton ist erklärend und zurückhaltend wertend, mit gelegentlichem romantisierenden Kolorit.

Jonathan Oldstyle’s Briefe

Frühe, in Briefform gehaltene satirische Skizzen über New Yorker Sitten, Theaterbetrieb und modischen Auftritt. Mit leichtem, urbanem Witz karikiert der Erzähler gesellschaftliche Eitelkeiten, ohne verletzend zu werden. Sichtbar werden die späteren Markenzeichen: Maskenspiel, beobachtende Ironie und ein Sinn für Alltagsszenen.

Gesamtwerk: Wiederkehrende Themen und Stil

Irving verbindet Geschichte, Sage und Alltagsbeobachtung zu einer mild ironischen Romantik, die Vergangenes lebendig macht und Gegenwartssitten spiegelt. Typisch sind Masken-Erzähler (Knickerbocker, Crayon), scheingelehrte Töne, Reise- und Landhausrahmen sowie eine Vorliebe für Volksüberlieferung, Jahreszeiten und Orte mit Aura. Der Radius erweitert sich vom lokalen Witz zur transatlantischen Perspektive und zur Weltgeschichte, ohne den leichtfüßigen Ton zu verlieren.

Gesammelte Werke: Historishe Romane + Erzählungen + Sagen

Hauptinhaltsverzeichnis
Humoristische Geschichte von New-York
Gottfried Crayon’s Skizzenbuch:
Rip van Winkle
Englische Schriftsteller über Amerika
Landleben in England
Das gebrochene Herz
Die Kunst des Büchermachens
Ein königlicher Dichter
Die Dorfkirche
Die Wittwe und ihr Sohn
Die Schenke zum Eberkopfe in Eastcheap
Die Wandelbarkeit der Literatur
Begräbnisse auf dem Lande
Die Gasthofsküche
Die Geisterbraut
Die Westminster-Abtei
Weihnachten
Die Landkutsche
Die Seereise
Roscoe
Das Weib
Weihnachtsheiligabend
Der Weihnachtsfeiertag
Das Weihnachtstags-Mittagessen
Klein-Britanien
Stratford am Avon
Züge indianischen Charakters
Philipp von Pokanoket
John Bull
Der Stolz des Dorfes
Der Angler
Die Legende Von Sleepy Hollow
Bracebridge Hall oder die Charaktere
Die Halle
Der geschäftige Mann
Haus-Diener
Die Wittwe
Die Liebenden
Familien-Reliquien
Der alte Soldat
Der Wittwe Gefolge
Hans Baargeld
Hagestolze
Weiber
Geschichten-Erzählen
Der dicke Herr
Wald-Bäume
Ein literarischer Alterthumsforscher
Die Meierei
Reitkunst
Liebesanzeichen
Falknerei
Die Falkenjagd
St. Markus-Abend
Sitten-Feinheit
Wahrsagen
Liebes-Zauber
Bibliothek
Der Student von Salamanca
Englische Land-Edelleute
Eines Hagestolzes Bekenntnisse
Englischer Ernst
Zigeuner
Maitags-Gebräuche
Die Würdigen des Dorfes
Der Schulmeister
Die Schule
Ein Dorfpolitiker
Der Rabenhorst
Der Maitag
Die Handschrift
Annette Delarbre
Das Reisen
Volksaberglauben
Der Verbrecher
Familien-Unglück
Liebes-Kummer
Der Geschichtschreiber
Das Spuk-Haus
Dolph Heyliger
Das Sturmschiff
Die Hochzeit
Des Verfassers Abschied
Erzählungen von der Eroberung Spaniens:
Die Erzählung von Don Roderich
Die Erzählung von der Unterjochung Spaniens
Erzählung vom Grafen Julian und seiner Familie
Sagen von der Alhambra
Sage von des Mauren Vermächtniß
Sage von der Rose der Alhambra, oder der Page und der Geierfalk
Sage von den zwei verschwiegenen Statuen
Die Reise
Befehlshaberschaft der Alhambra
Das Innere der Alhambra
Der Thurm der Comares
Gedanken über die maurische Herrschaft in Spanien
Die Haushaltung
Der Flüchtling
Des Verfassers Wohnung
Die Alhambra im Mondlichte
Bewohner der Alhambra
Der Löwenhof
Boabdil el Chico
Erinnerungen an Boabdil
Der Balkon
Das Abentheuer des Maurers
Ein Spaziergang auf die Hügel
Oertliche Sagen
Das Haus des Wetterhahns
Sage von dem arabischen Astrologen
Der Thurm der Prinzessinnen
Sage von den drei schönen Prinzessinnen
Besucher der Alhambra
Sage von dem Prinzen Ahmed al Kamel; oder der Liebespilger
Sage von des Mauren Vermächtniß
Sage von der Rosa der Alhambra; oder der Page und der Geierfalk
Der Veteran
Der Statthalter und der Notar
Statthalter Manco und der Soldat
Sage von den zwei verschwiegenen Statüen
Muhamed Abu Alahmar, der Gründer der Alhambra
Yusef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra
Das Leben Mohammeds, des arabischen Propheten
Jonathan Oldstyle’s Briefe

Humoristische Geschichte von New-York

Inhaltsverzeichnis

Von Anbeginn der Welt bis zur Endschaft der holländischen Dynastie

Vorrede des Uebersetzers
Nachricht über den Verfasser
An das Publikum
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Drittes Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Viertes Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Fünftes Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Siebentes Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel

Vorrede des Uebersetzers.

Inhaltsverzeichnis

(Auszug eines Briefes an den Verleger.)

Ihre Frage über die passendste Bearbeitung der humoristischen Geschichte von New-York, die jetzt zum ersten Male vor das deutsche Publikum tritt, kann ich nach Durchlesung nur dahin beantworten, daß sie sich allerdings für Ihre Gesammtausgabe besonders eignet. Ich finde sie, bis auf einige Gedehntheiten, trefflich, echt humoristisch, und noch frischer als die späteren niederländischen Skizzen desselben Verfassers, deren Wiederholung oder Variirung der beste Beweis für uns ist, daß die ersten Versuche darin (eben diese Geschichte von New-York) ausgezeichnete Aufnahme fanden. Statt der 5 oder 6 Bändchen, welche das Volumen des Originals angibt, könnten wir uns jedoch füglich mit 3 bis 4 begnügen, weil doch Manches etwas fremd und zu gedehnt für unser deutsches Publikum ist, und gedrängter werden die satyrischen Scenen auf jeden Fall mehr Effekt machen. Ich finde kein Blatt in diesem Werke, wo nicht ein guter Witz, komischer Gedanke, treffender Einfall vorkäme; wie sehr der trockne, unschuldige Ton der Erzählungen Irving’s fesselt, ist bekannt, und so macht es früheren Unternehmern gleich wenig Ehre, daß sie die Bearbeitung, weil das Werk etwas zu ausführlich ist, ganz unterlassen, als Anderen, daß sie Schriften wie die Nordamerikaner von Cooper zu so hohem Preis und in der ganzen Breite dem Publikum übergeben haben.

Ich zeichne für einen prüfenden Kenner einige Stellen im Verlaufe des Buches, die besonders witzig und charakteristisch sind, und den Ton der chronikartigen Erzählungsweise genau angeben. Diese Art der Auffassung ist in ihrer Art einzig und höchst originell, weil sie in fortlaufenden Karrikaturbildern höchst ähnlich und treu schildert, wie überhaupt echte Karrikaturen seyn müssen, eine Auffassung, die wir aber im historischen Felde, in dieser ernsthaften Verbindung der Geschichte und Poesie, nicht kennen. Wenn Shakspeare in anderer Form die hohe Poesie der Geschichte bewunderungswürdig getroffen hat, so eignet unserem Humoristen das Verdienst, die niedere Poesie der Geschichte, oder die poetische Niederländerei, in gegenwärtiger Heldenhistorie, welche mit mannichfaltigen skurrilen Bildern und Einfällen glücklich ausgestattet ist, auf eigenthümliche Weise begründet und in dieser neuen Gattung sogleich ein Muster aufgestellt zu haben.

Der Anfang mit Erschaffung der Welt, worin Irving die Chronikenschreiber parodirt, verbirgt Resultate gelehrter Forschungen, geistreiche Ansichten und schöne Lichtblicke unter der Schalksmaske. Diese an sich ernsten Präludien haben viel mit Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte gemein und schließen sich trefflich an Irving’s Columbus an, indem sie Andeutungen zur Urgeschichte Amerika’s enthalten.

Nachricht über den Verfasser.

Inhaltsverzeichnis

Wenn ich mich recht erinnere, so war es im Herbst 1808, daß ein Fremder in’s Independent-Colnmbian-Hotel in der Mulberry-Straße kam, dessen Gastwirth ich bin, und ein Logis begehrte: ein kleiner, grämlich aussehender alter Herr in einem abgeschabten schwarzen Rock, olivenfarbenen sammtnen Beinkleidern und einem kleinen aufgekrempten Hut. Seine wenigen grauen Haare waren glatt nach hinten gestrichen und sein Bart stand in Stoppeln von circa 48 Stunden. Der einzige Staat, den er an sich hatte, waren ein Paar viereckige silberne Schuhschnallen, und sein ganzes Gepäck bestand aus einem Felleisen, das er unter’m Arm trug. Sein Aeußeres hatte etwas Außergewöhnliches, und meine Frau, welche einen geübten Blick hat, erklärte ihn auf der Stelle für einen bedeutenden Landschulmeister.

Da wir nicht viel Platz in unserm Gasthof haben, wußte ich nicht recht, wohin mit ihm. Aber meine Frau, welcher er besonders zu gefallen schien, gab ihm sogleich unser Familienzimmer, mit unsern Silhouetten von berühmten Meistern geschmückt und mit schöner Aussicht auf die Straße, gerade dem Spital gegenüber.

Die ganze Zeit, wo er bei uns wohnte, fanden wir einen gutmüthigen alten Mann an ihm, der aber ein wenig wunderlich war. Er blieb ganze Tage auf seinem Zimmer, und wenn in seiner Nähe eins von den Kindern schrie oder lärmte, so sprang er plötzlich mit einer Hand voll Papiere heraus, und sprach von «Confusion in seinen Ideen,» woraus meine Frau schloß, daß es bei ihm im Oberstübchen nicht richtig sey. Hierauf ließ denn Manches schließen. Denn in seinem Zimmer lag alles von Papieren und Büchern durcheinander, die Niemand anrühren durfte. Einmal wurde in seiner Abwesenheit das Zimmer rein gemacht; wie schimpfte er da, sagte, alles sey aus seiner Ordnung und nun nicht mehr aus dem Labyrinth zu kommen. Und doch hatte er zuvor oft stundenlang nach Papieren gesucht, die er gut aufgehoben zu haben versicherte. Meine Frau konnte nicht umhin, ihn zu fragen, was er mit so vielem Zeug denn anfange. Seine Antwort: «daß er die Unsterblichkeit suche,»bestätigte sie noch mehr in ihrer Vermuthung über den Gemüthszustand des alten Mannes.

Er war ein recht eifriges Männchen; wenn er nicht auf dem Zimmer saß, lief er den ganzen Tag in der Stadt nach Neuigkeiten herum und bekümmerte sich viel um die Wahlen. Zu Hause aber schimpfte er auf beide Partheien, die der Nation noch die Röcke vom H–n reißen würden. Unter den Nachbarn galt er als ein Orakel; besonders am Nachmittage, wo sie sich um ihn sammelten, wenn er auf der Bank am Thor sein Pfeifchen rauchte; und gewiß würde er alle auf seine Seite gebracht haben, wenn sie nur jemals hätten klar kriegen können, was er eigentlich meinte.

Meine Frau verlor endlich, weil gar keine Zahlung erfolgte, die Geduld, und gab ihm zu verstehen, daß es Zeit wäre, «daß gewisse Leute von gewissen Leuten Geld zu sehen bekämen.» Der alte Herr antwortete sehr stolz, sie solle sich keine Ungelegenheiten machen, er habe da drinnen (auf den Mantelsack deutend) einen Schatz, der ihr ganzes Haus aufwiege. Da er nie etwas anderes zur Antwort gab, auch bedeutende Männer zu Verwandten hatte, so wollte sie ihn am Ende frei bei sich hausen lassen, wenn er nur ihren Kindern dafür Unterricht im Buchstabiren geben wollte, vielleicht auch noch den Nachbarskindern dazu; aber das nahm der alte Herr gewaltig übel und sie durfte nicht wagen, diese Saite je wieder zu berühren.

Ungefähr zwei Monate darauf ging er eines Morgens mit einem Bündelchen in der Hand aus – und ließ nichts weiter von sich hören. Alle Nachforschungen waren vergebens, eben so verschiedene Anzeigen in den Zeitungen.

Nun glaubte meine Frau, daß wir nicht länger säumen dürften, uns seiner Habe zu bemächtigen. Im Beiseyn seines Freundes, des Stadtbibliothekars, schritten wir zur Eröffnung seines Mantelsacks. Aber es fand sich darin nichts als Stücke von alten zerrissenen Hosen und ein dicker Stoß beschriebenes Papier. Dieses letztere wollte der Bibliothekar für den Schatz gehalten haben, da es eine treffliche und gewissenhaft treue Geschichte von New-York sey, welche herauszugeben er uns sehr anrieth, da wir damit unsere Rechnung zehnfach bezahlt bekämen. Ein sehr gelehrter Schulmeister, der Lehrer unserer Kinder, hat sich an diese Arbeit gemacht und viele schätzbare Anmerkungen beigefügt.

Dieß sind also die Gründe, warum ich das Buch gedruckt habe, ohne die Einwilligung des Verfassers abzuwarten, und ich erkläre hiermit, daß, wenn er je zurückkommen sollte, (woran ich jedoch leider zweifeln muß), ich wie ein ehrlicher Mann mit ihm abrechnen werde.

Eines hochzuverehrenden Publikums unterthäniger DienerSeth Handaside.

Independent-Columbian-Hotel, New-York.

Das Vorstehende wurde der ersten Ausgabe dieses Werkes vorangedruckt. Bald nach dem Erscheinen desselben erhielt Herr Handaside einen Brief von Knickerbocker, aus einem kleinen holländischen Dorf am Hudson datirt, wo er sich aufhielt, um einigen alten Ueberlieferungen nachzuspüren. Da dieß eines jener glücklichen Dörfer war, die noch keine Zeitungen kennen, so durfte man sich nicht wundern, daß er erst spät und durch bloßen Zufall von jener Verfügung über seinen Nachlaß etwas erfuhr.

Er äußerte seinen Schmerz über das allzufrühe Erscheinen, welches verschiedene Verbesserungen und Nachträge vereitelt habe.

Bei einer weiteren Reise hatte er die guten alten holländischen Sitten, die er geschildert, sehr verändert gefunden. In Albani erndtete er zwar großes Lob, aber man wies ihm dort einige grobe Irrthümer nach, besonders den von dem Klumpen Zucker, der zu gemeinschaftlichem Gebrauch über den Theetischen von Albany hänge, eine Sitte, die seit mehreren Jahren abgeschafft worden, und dergleichen mehr, wie auch Fehler hinsichtlich der Genealogieen, welche in diesem republikanischen Lande viele Unruhe machen.

Der Gouverneur drückte ihm zu verschiedenen Malen die Hand und obgleich er von einem anderen politischen Bekenntniß war, ging er doch so weit, daß er eines Tages nach Tisch an seiner Tafel erklärte, Knickerbocker sey ein recht wohlmeinender alter Mann, und kein Narr. Diesem nach hätte er vielleicht unter andern Umständen zu einer Notar-oder Friedensrichterstelle gelangen können! – Einige gingen noch weiter und schätzten ihn sogar so hoch, wie seine Verwandte bei’m Congreß.

Da er die Aufgabe seines Lebens mit der Publication seiner Geschichte als beschlossen ansah, hätte er sich nun noch auf zwei Dinge, auf’s Politisiren oder auf’s Trinken legen können, aber er that keins von beiden, da er für so etwas zu gute moralische Grundsätze hatte.

Zwar versuchte er noch, an einer zweiten Auflage zu arbeiten, um seinem Ruhm Dauer, seinem Werk authentisches Ansehn – die Seele der Geschichte – zu verschaffen. Allein der Lichtblick der Composition war verglommen, er war unsicher und zweifelnd im Aendern und Verbessern geworden, und brachte nichts mehr zu Stande.

Endlich kehrte er nach seiner Vaterstadt New-York zurück und erlebte hier die ganze Glückseligkeit eines berühmten Mannes. Man trug ihm die Fertigung aller möglichen Anzeigen, Petitionen, Billets &c. an, und obgleich er nie etwas mit den öffentlichen Blättern zu schaffen hatte, so wollte man ihn doch überall, in unzähligen Versuchen und beißenden Ausfällen von den verschiedenartigsten Richtungen, lediglich «an seinem Styl» erkennen.

Außerdem contrahirte er eine große Schuld auf der Briefpost, durch die vielen unfrankirten Schreiben, die er von Schriftstellern und Druckherrn um Unterschrift erhielt; wohlthätige Gesellschaften, die sich an ihn wandten, wurden gern von ihm bedacht, da er diese Einladungen als so viele Complimente ansah. Eine Menge Ehren wurden ihm angethan. Er konnte nicht mehr unbemerkt über die Straße gehen, und oft liefen ihm die Jungen nach, wenn er mit Stock und dreieckigem Hut durch die Gassen zog, und schrieen: «da geht der Dietrich.» – welches dem alten Herrn nicht wenig gefiel, da er in diesen Begrüßungen den Schall des Nachruhms vernahm.

Die größte Ehre widerfuhr ihm durch eine überaus lobende Anerkennung in dem kritischen Blatt: Portfolio; und diese Gerechtigkeit übermannte ihn so sehr, daß er zwei Tage krank danieder lag. Kurz, man muß bekennen, daß keinem Schriftsteller je so hoher Lohn zu Theil ward, oder so im Voraus die Unsterblichkeit zu genießen gegeben wurde.

Die Stuyvesants räumten ihm, wegen der ruhmwürdigen Verewigung ihres großen Verwandten einen ländlichen Aufenthalt auf einem Familiengute ein. Er wohnte dort sehr freundlich an den Gestaden eines der Salzsümpfe jenseits Corlears-Haken, an einer Stelle, die zwar öfteren Ueberschwemmungen ausgesetzt war und im Sommer von Moskito’s wimmelte, aber sonst recht angenehm war, und viel Salzgras, wie auch Farrenkräuter hervorbrachte.

Hier erkrankte denn der gute alte Mann sehr bedenklich an einem Fieber von den benachbarten Salzsümpfen. Als er sein Ende herannahen sah, ordnete er seine weltlichen Angelegenheiten und vermachte seine geistige Hinterlassenschaft der historischen Gesellschaft in New-York, seine werthvollsten Bücher der Stadtbibliothek und sein Felleisen dem Hrn. Handaside. Er vergab allen seinen Feinden, d. h. allen, die etwas Schlimmes gegen ihn im Schilde führten, denn von sich selbst bekannte er, daß er in Frieden mit der ganzen Welt von dannen fahre; nach Anbefehlung einiger Botschaften und Grüße an verschiedene Verwandte und dicke Freunde unter den holländischen Bürgern, verschied er in den Armen seines treuen Gefährten, des Bibliothekars.

Seine sterblichen Ueberreste wurden nach seinem Willen auf dem St. Markus-Kirchhof, neben den Gebeinen seines Lieblingshelden, Peter Stuyvesant, begraben, und es heißt, die historische Gesellschaft wolle ihm auf dem Rasen ein hölzernes Denkmal errichten lassen.

An das Publikum.

Inhaltsverzeichnis

«Um das Andenken vergangener Dinge der Vergessenheit zu entreißen und vielen großen und wunderbaren Thaten unserer holländischen Vorfahren den gerechten Tribut des Nachruhms zu verschaffen, stellt Dietrich Knickerbocker, aus New-York gebürtig, diesen historischen Versuch an’s Licht.» Wie Herodotus, der große Vater der Geschichte, dessen Worte ich so eben auf mich angewandt, handle ich von längst vergangenen Dingen, über welche das Zwielicht der Ungewißheit bereits seine Schatten geworfen hat und auf welche die Nacht der Vergessenheit bereits unerbittlich herabzusteigen im Begriff war. Mit großer Besorgniß sah ich schon lange die Geschichte dieser ehrwürdigen alten Stadt dem Erfassen unserer Hände entrinnen, auf den Lippen des redseligen Alters erzittern und tagtäglich ein Stück nach dem andern in’s Grab sinken. Wie kurze Zeit noch, dachte ich, und jene ehrwürdigen holländischen Bürger, wankende Denkmäler der guten alten Zeiten, werden zu ihren Vätern versammelt seyn; ihre Kinder, von verführerischen Vergnügungen oder unbedeutenden Beschäftigungen in Anspruch genommen, werden es versäumen, mit den Erinnerungen der Vergangenheit zu geizen, und die Nachwelt wird sich vergebens nach Memoiren aus den Tagen der Patriarchen umsehen. Der Ursprung unserer Stadt liegt dann in ewiger Vergessenheit begraben und selbst die Namen und Thaten eines Wouter Van Twiller, eines Wilhelmus Kieft und Peter Stuyvesants, erscheinen gleich denen des Romulus und Remus, Karls des Großen, König Arthurs, Rinaldo’s und Gottfrieds von Bouillon, in Dunkel und Erdichtung gehüllt.

Fest entschlossen, diese drohende Gefahr, so viel ich vermochte, abzuwenden, sammelte ich unermüdlich alle Fragmente aus der Kindheit unserer Geschichte, und wo diese nicht ausreichten, versuchte ich, wie mein ehrwürdiges Vorbild, Herodotus, die Kette der Geschichte durch wohlbeglaubigte Traditionen zu ergänzen – es ist das Resultat eines in Einsamkeit hingebrachten mühevollen Lebens! Viele gelehrte Bücher wurden, wiewohl vergebens befragt. Ein Manuscript bei der Familie Stuyvesant gab mir viele schätzbare Beiträge; andere würdige holländische Bürger, auch alte Damen, die nicht genannt seyn wollen, endlich die berühmte historische Gesellschaft von New-York haben in gleicher Beziehung Anspruch auf meinen Dank.

Meine Art der Geschichtschreibung ist nicht einem besondern Muster entlehnt. Ich strebte nach der größten Wahrheitsliebe, gleich Xenophon. Wie Sallust habe ich meine Geschichte mit kräftigen Charakteren alter Helden und Edlen erfüllt. In tiefen politischen Gedanken strebte ich Thucydides nach, milderte sie mit der Grazie eines Tacitus, und durchdrang das Ganze mit der Würde, Größe und Pracht eines Livius.

Selten konnte ich, gerade wie Herodot, der Versuchung widerstehen, mich in kühne Excursionen einzulassen – in jene reizende Episoden, die wie Blumenränder und duftende Lauben den bestaubten Weg des Historikers einfassen, und ihn einladen, sich auszuruhen und zu erfrischen von seiner mühevollen Reise.

Gern hätte ich wie Polybius die strenge Einheit der Geschichte beobachtet, aber die unzusammenhängende Beschaffenheit vieler Thatsachen ließ dieß kaum zu. Was diese Regel noch mehr erschwerte, war die Nachweisung vieler Sitten und Einrichtungen dieser besten Stadt in ihrer Entwicklung und Veränderung nach dem Stande der Cultur.

Wahrheit – Wahrheit bis in’s Kleinste war es, wonach ich strebte; und ich darf es mir sagen, daß ich die Geschichte eines großen Punktes der Erde vom Untergang gerettet habe; – so verzeihe denn der Leser die Eitelkeit dem mühevollen Streben, er sehe mich, wie ich die Feder niederlege, mich den Vorgänger so vieler nachfolgenden Geschichtschreiber dieses Landes, in der Vogelperspective schwebend über einer Reihe von 300 Jahren, das Buch unter’m Arm, New-York im Rücken, vorwärts, vorwärts, ein ritterlicher Führer zu Ruhm und Unsterblichkeit!

Solche eitle Bilder drängen sich wohl zuweilen in das Gehirn eines Schriftstellers – erhellen mit himmlischen Lichtern sein einsames Kämmerlein, frischen seine Lebensgeister auf und beleben neu die Lust zu schaffen. Ich habe gern diese Ausrufungen hier mit aufgenommen, wie sie sich rhapsodisch darboten; nicht aus Egoismus, warlich nein, sondern, damit der Leser einen Begriff habe von dem, was ein Autor denkt und fühlt, wenn er schreibt – eine Art der Erfahrung, die selten und seltsam, und eben deßhalb sehr begehrungswürdig ist.

Erstes Buch.

Inhaltsverzeichnis

Welches verschiedne scharfsinnige Theorieen und philosophische Speculationen über die Erschaffung und Bevölkerung der Erde enthält, als in genauem Zusammenhang mit der Geschichte von New-York.

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung der Erde.

Den besten Autoritäten zufolge ist die Erde, worauf wir wohnen, eine ungeheure, dunkle, wiederstrahlende, leblose Masse, die in dem Aethermeere von unbegränztem Raume schwimmt. Sie hat die Gestalt einer Orange, eine Spheroide, sonderbar an zwei entgegenstehenden Stellen abgeplattet, wo die Pole, zwei gedachte Punkte liegen, die sich angenommenermaßen im Mittelpunkt der Kugel begegnen; so bilden sie eine Axe, an welcher sich die ungeheure Orange täglich einmal umdreht. Wie diese Umdrehung Tag und Nacht hervorbringt, so hat die Rotation um den feurigen Sonnenball in einem Jahre die Jahrszeiten zur Folge.

Was die Gestalt der Erde betrifft, so behaupteten einige alte Philosophen, sie sey eine ausgedehnte Ebene, von großen Säulen gestützt; andre, sie ruhe auf dem Kopf einer Schlange oder auf dem Rücken einer ungeheuern Schildkröte – da sie aber weder für einen Ruhepunkt der Säulen oder Schildkröte sorgten, so fiel die ganze Theorie, aus Mangel einer Begründung, auseinander.

Die Braminen versichern, der Himmel ruhe auf der Erde, und Sonne und Mond schwämmen darin wie Fische im Wasser, indem sie sich am Tage von Osten nach Westen bewegten und in der Nacht unterm Saum des Horizontes hinwieder an ihren alten Ort glitten; während die Erde nach den Pauranicas von Indien eine große Ebene ist, von sieben Meeren voll Milch, Nektar und anderen köstlichen Flüssigkeiten eingefaßt, von sieben Bergen gestützt und in dem Mittelpunkt mit einem hohen Bergfelsen von geläutertem Golde geziert; ein großer Drache soll sich zuweilen über den Mond legen und so die Finsternisse hervorbringen.

Neben solchen weisen Meinungen haben wir auch noch die tiefen Conjecturen des Abul-Hassan-Ali in seiner Schrift «die goldnen Wiesen und die Minen der Edelsteine,» wo er die Geschichte der Welt vom Anfang bis zu sich, im 336. Jahr der Hegira, erzählt. Er belehrt uns, die Erde sey ein ungeheurer Vogel, Mekka und Medina der Kopf, Persien und Indien der rechte, das Land Gogs der linke Flügel, und Afrika der übrige Leib; ferner, es habe eine andre Erde vor dieser (die er so zu sagen nur für ein Küchlein von 7000 Jahren hält ) existirt, und sie erneuere sich in verhältnißmäßig ungeheuren Zeiträumen.

Wie die Gelehrten eben so uneinig über die Gestalt der Sonne gewesen, und die einen sie für ein strahlendes Feuerrad, die andern für einen bloßen Spiegel oder eine Kugel von Krystall, oder für eine feurige Eisen-oder Steinmasse, endlich auch den Himmel für ein Steingewölbe mit glimmenden Stückchen gehalten, darüber kann ich schneller hinweggehen, da das Volk von Athen jene Männer durch Verbannung aus ihrer Stadt gründlich widerlegt hat, eine sehr passende Sitte jener Tage, auf unwillkommne Lehren zu antworten. Noch Andere haben die Himmelskörper für Ausdünstungen unserer Erde erklärt, die sich dort oben sammeln und verbrauchen, so ungefähr, wie unsre Laternen auf den Straßen. In alter Zeit soll der Sonne auf diese Art einmal das Oel ausgegangen seyn, welches denn bei dem würdigen alten Weiner Heraclitus große Besorgniß erregte. Zu diesen Theorieen kam nun die Meinung von Herschel, daß die Sonne ein prächtiger bewohnbarer Aufenthalt sey, und ihr Licht von gewissen leuchtenden oder phosphorescirenden Wolken herrühre, die in ihrer durchsichtigen Atmosphäre schwämmen.

Professor van Puddingcoft (Puddingkopf) war ein berühmter Professor in Leyden, gewichtig in seinem Thun, und gewohnt, in der Mitte seiner Untersuchungen sich schlafen zu legen, welches seinen Schülern zu großer Erleichterung gereichte. Im Laufe seiner Vorlesungen nahm er einst eine Flasche mit Wasser und schwang sie in der Länge des Arms um seinen Kopf, dessen rothes Gesicht nicht unpassend die Sonne darstellte, wie die Flasche die Erde, mit Centrifugal-und Centripetalkraft am ausholenden und ziehenden Arm versehen. Wenn erstere Kraft, erklärte er den staunenden Zöglingen, einmal gestört werde, müsse die Erde in die Sonne fallen, sehr verhängnißvoll für jene Planeten, und auch für die Sonne beschädigend. Ein unglücklicher Bursche, einer der unnützen Genies, die in die Welt gesetzt zu seyn scheinen, um solche würdige Puddingköpfe zu ärgern, wollte sich von der Richtigkeit der Angabe überzeugen, und hielt plötzlich den Arm des Professors ein, als grade das Glas im Zenith stand, welches dann mit erstaunlicher Richtigkeit auf das philosophische Haupt des Jugendlehrers herabfiel. Ein hohler Ton und ein heftiger Klatsch folgte auf die Berührung; aber die Theorie war dadurch auf’s Siegreichste bestätigt, denn das unglückliche Glas ging dabei zu Grunde; aber das glühende Gesicht des Professors van Puddingcoft tauchte aus dem Wasser hervor und glühte stärker als je vor Zorn; worauf die Studenten sehr erbaut und bedeutend weiser den Hörsaal verließen.

Seitdem hat sich nun aber die Ansicht von der Sache geändert, und ein wohlmeinender Professor ging darin mit gutem Beispiel voran, daß er sich weislich entschloß, seine Theorie der Erde anzupassen, da sie sich ihr nicht anpassen wollte. Nun hat man sich mit Anstand so aus der Affaire gezogen, daß man die Umdrehung der Erde von der ersten Veranlassung unabhängig erklärt hat, und seit dieser merkwürdigen Aera läßt man die Erde ihren eignen Gang gehen, wie es ihr am bequemsten ist.

Zweites Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Cosmogonie oder Erschaffung der Welt; nebst einer Menge vortrefflicher Theorieen, wornach diese Schöpfung keine so schwere Sache war, wie man gewöhnlich glaubt.

Nachdem ich meine Leser mit der Welt bekannt gemacht, werden sie ohne Zweifel wissen wollen, woher sie kam und wie sie geschaffen wurde. Die Aufklärung dieses Punkts gehört auch ganz in unsere Geschichte, da es mehr als wahrscheinlich ist, daß, wenn die Erde nicht erschaffen worden wäre, auch die berühmte Insel, worauf die Stadt New-York liegt, nicht existirte.

Von der Erschaffung der Welt haben wir tausend widersprechende Berichte, und obgleich in der göttlichen Offenbarung eine ganz genügende Auskunft darüber gegeben wird, so glaubt doch jeder Philosoph es seiner Ehre schuldig zu seyn, uns eine bessere zu ertheilen. Ich will als unpartheiischer Geschichtschreiber diese erbaulichen und belehrenden Theorieen hersetzen.

Einige alte Weltweise glaubten, die Erde und das ganze Universum sey die Gottheit selbst; so Zenophanes und alle Eleatiker, auch Strabo und die peripatetische Schule. Pythagoras schuf das berühmte Zahlensystem der Monaden, Dyaden, Triaden und durch seine heilige Vierzahl erläuterte er die Bildung der Welt, die Geheimnisse der Natur und die Grundsätze der Musik und Moral. Andre Weise hingen an dem System der mathematischen Körper. Wieder andre bildeten die große Theorie der vier Elemente, nebst einem fünften: einem unsichtbaren, belebenden Prinzip.

Nicht zu übergehen ist das große atomistische System des Moschus, noch vor der Belagerung von Troja, welches Demokrit lachlustigen Andenkens auffrischte, Epikur, der König aller Lebemänner, verbesserte, und der phantasiereiche Descartes modernisirte. Ich lasse unerörtert, ob mit diesen Ansichten der Glaube an eine Weltseele verbunden wird, wie der große Plato sie lehrte, dieser ruhige Weltweise, welcher das kalte Wasser seiner Philosophie über die Gemeinschaft der Geschlechter ausgoß und die Lehre von der platonischen Liebe schuf – ein höchst veredelter Umgang, der sich aber besser für die idealen Bewohner seiner erträumten Insel Atlantis, als für das derbe Geschlecht eignet, das, aus rebellischem Fleisch und Blut zusammengesetzt, die von uns gemeinte Insel bewohnt.

Außer diesen Systemen haben wir noch die Theogonie des alten Hesiod, der das Universum im regelmäßigen Gang der Schöpfung entstehen läßt, und die plausible Ansicht Anderer, nach welchen die Erde aus dem großen Ei der Nacht hervorbrach, welches in dem Chaos schwamm und von den Hörnern des himmlischen Ochsen aufgestoßen wurde. Burnet hat in seiner Theorie der Erde dieses Welt-Ei genau beschrieben und es einem Gänse-Ei wunderbar ähnlich befunden.

Weniger bekannt ist die Lehre andrer Philosophen, der Brahminen, in den Blättern ihrer geoffenbarten Schastah, daß der Engel Bistnu, der sich in einen großen Eber verwandelt, in die Tiefe der Gewässer tauchte und die Erde auf seinen Hauern in die Höhe brachte. Von ihm ging dann eine mächtige Schildkröte und eine mächtige Schlange aus, und Bistnu setzte die Schlange grade auf den Rücken der Schildkröte, und auf den Kopf der Schlange die Erde.

Die Neger-Philosophen von Congo versichern, daß die Welt aus den Händen von Engeln hervorgegangen sey; aber ihr eignes Land habe das höchste Wesen selber geschaffen, damit es ganz vorzüglich werde. Große Mühe gab sich Gott mit den Bewohnern und machte sie sehr schwarz und schön, und wie er mit dem ersten Menschen fertig war, gefiel er ihm sehr, und er strich ihm über das Gesicht, woher denn seine Nase und die aller seiner Nachkommen eine platte Gestalt erhielt.

Die Mohawk-Philosophen erzählen uns, daß ein schwangeres Weib vom Himmel gefallen sey, und eine Schildkröte es auf ihren Rücken genommen habe, weil alles mit Wasser bedeckt gewesen, und daß das Weib auf der Schildkröte sitzend mit den Händen im Wasser geplätschert und die Erde heraufgezogen habe, woher es zuletzt kam, daß die Erde höher als das Wasser wurde.

Doch genug von diesen alten und ausländischen Philosophen, deren beklagenswerthe Unwissenheit sie, trotz aller Gelehrsamkeit, nöthigte, in Sprachen zu schreiben, welche nur wenige meiner Leser verstehen; ich will kurz noch ein Paar neuere, elegante Theorieen ihrer Nachfolger aus unseren Zeiten hersetzen.

Der große Büffon hielt unsern Erdkörper für einen ursprünglichen Feuerball, den ein Komet von der Sonne abgestoßen, so wie vom Feuerstein durch den Stahl ein Stückchen als Funken abspringt. Zuerst hätten ihn dicke Dünste eingehüllt, diese sich abgekühlt und allmählig verdichtet und nach ihrer Dichtigkeit Erde, Wasser und Luft gebildet und in solcher allmähligen Bildung die brennende oder verglaste Masse des Mittelpunkts umgeben.

Hutton meint im Gegentheil, daß das Wasser zuerst da gewesen sey, und er schreckt sich mit der Idee, daß die Erde so gelegentlich durch die Gewalt des Regens, der Ströme und Bergwasser hinweggewaschen werde, bis sie sich mit dem Ocean vermenge, d. h. sich ganz in ihm auflöse. Eine erhabene Vorstellung, welche die Geschichte des weichherzigen Dämchens im Alterthum weit übertrifft, die sich in eine Quelle hineinweinte, oder die gute Dame von Narbonne in Frankreich, die wegen der allzugroßen Beweglichkeit ihrer Zunge verurtheilt wurde, 500,039 Zwiebeln zu schälen, und ehe sie noch die Hälfte der schrecklichen Arbeit vollbracht hatte, sich so zu sagen ganz aus den Augen herausgeweint hatte.

Whiston stellt die Hypothese auf, die Erde sey ein chaotischer Komet gewesen, der zum Aufenthalt des Menschen ausersehen und der Sonne beigegeben worden, worauf denn die Confusion dieses Sterns sich in Ordnung aufgelöst habe. Der Philosoph setzt hinzu, die Sündfluth sey von der unhöflichen Begrüßung eines anderen Kometen mit dessen wässerigem Schweif entstanden; ohne Zweifel aus Neid über den gereifteren Zustand des andern; ein trauriger Beweis, daß auch unter den himmlischen Körpern Eifersucht herrscht, und Zwietracht die selige Harmonie der Sphären stört, welche die Poeten so entzückend schildern.

Endlich hat Dr. Darwin, der Liebling der Damen, noch eine ganz andre Ansicht aufgestellt. Dieser gelehrte Thebaner ist auf eine seiner entzündlichen Phantasie ganz würdige Vermuthung gefallen. Das Chaos machte einmal eine starke Explosion wie ein Pulverfaß, und spie in diesem Act die Sonne, diese in ihrem Fluge durch einen ähnlichen Proceß die Erde, und diese eben so den Mond aus, und so gestaltete sich durch eine Verkettung von Explosionen das ganze Sonnensystem und setzte sich sehr regelmäßig in Bewegung.

Doch genug von diesen Systemen. Jedermann wird sie sehr consequent finden und meine ungelehrten Leser werden vielleicht auf den Schluß kommen, daß die Erschaffung der Welt gar kein so schweres Ding war, wie sie anfänglich wohl dachten; und ich zweifle nicht, wenn einer der letztgenannten Philosophen einen manierlichen Kometen habhaft werden und das philosophische Waarenhaus, Chaos genannt, zu seiner Disposition stellen könnte, würde er einen eben so guten Planeten fabriziren, oder einen noch besseren, als der, den wir bewohnen.

Und hier kann ich nicht umhin, die Güte der Vorsehung zu preisen, welche zum Troste verwirrter Philosophen Kometen werden ließ. Durch ihre Hülfe sind mehr plötzliche Entwicklungen und vorübergehende Erscheinungen in der Natur möglich, als in der Pantomime durch das wunderthätige Schwerd Harlequins. Sollte einer unserer modernen Weltweisen in seinen theoretischen Flügen nach den Sternen jemals sich in den Wolken verirren und in Gefahr kommen, in einen Abgrund von Unsinn und Albernheit zu fallen, so darf er nur einen Kometen beim Bart nehmen, sich auf seinen Schweif schwingen und im Triumph davon reiten, wie ein Bezauberer des Hippogryphen, oder wie eine Hexe von Connecticut auf ihrem Besenstiel, «um die Spinnenweben aus dem Himmel zu kehren.»

Es gibt ein altes Sprichwort vom «Bettler zu Pferd,» und ich möchte es bei Leibe nicht auf diese würdigen Philosophen anwenden; aber ich muß bekennen, daß sich einige von diesen Herren, wenn sie eins dieser feurigen Rosse bestiegen haben, so wild darauf herumtummeln, wie weiland Phaeton, als er Phöbus Sonnenwagen zu regieren sich unterstand. Der eine jagt seinen Kometen grade auf die Sonne und bricht mit dem Stoß die Erde von ihr ab; ein anderer ist gemäßigter und macht eine Art Lastthier aus seinem Renner, der der Sonne regelmäßig Nahrung und Reisbündel zutragen muß – ein dritter, von verbrennlicherem Wesen, läßt ihn wie eine Bombe gegen die Erde fliegen und sprengt diese damit wie eine Pulvermühle in die Luft, während ein vierter, mit wenig Schicklichkeitsgefühl gegen diesen Planeten und seine Bewohner, gradezu ankündigt, daß einst sein Komet sich mit dem Schweif gegen die Erde richten und sie unter Wasser setzen werde! –

Aus diesen vielen Systemen mögen nun die einsichtsvollen Leser sich eins herauswählen. Es zeigt sich dabei, daß ein Genie immer die Lustschlösser des andern zerstört. Theorieen sind die mächtigen Seifenblasen, womit sich die erwachsenen Kinder unterhalten, und das ehrliche Volk steht in stummer Bewunderung und beehrt diese gelehrten Grillen mit dem Namen Weisheit! – Gewiß hatte Sokrates recht, wenn er sagte, die Philosophen seyen nur eine nüchternere Art von Verrückten, die sich in nicht zu ergründende Dinge einließen, deren Erforschung, wenn sie möglich wäre, sich nicht der Mühe der Entdeckung verlohnte.

Bis die Gelehrten sich nun vereinigt haben werden, begnüge ich mich wenigstens mit der Erzählung Mosis, und folge darin dem Beispiel unserer verständigen Nachbarn in Connecticut, die bei ihrer ersten Ansiedlung erklärten, daß die Colonie durch die Gesetze Gottes regiert werden sollte, bis sie Zeit hätten, bessere Gesetze zu machen.

Eins aber scheint festzustehen, nämlich daß die Welt wirklich geschaffen worden und daß sie aus Land und Wasser besteht. Ferner erscheint mit Gewißheit, daß sie wunderlich zerstückelt und in Inseln und Festlande getheilt ist, und daß unter ersteren die berühmte Insel von New-York wohl von Jedermann gefunden werden wird, der sie an der rechten Stelle sucht.

Drittes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Wie der berühmte Seefahrer Noah verschiedne ganz schändliche Namen erhielt, und wie er ein unverzeihliches Versehen darin beging, daß er keine vier Söhne hatte; von der hierdurch entstandenen großen Verwirrung unter den Philosophen, und von der Entdeckung Amerika’s.

Noah, der erste Seefahrer, von dem wir lesen, hatte drei Söhne: Sem, Ham und Japhet. Es gibt Schriftsteller, welche behaupten, dieser Patriarch habe mehrere Söhne gehabt. So macht Berosus ihn zum Vater des Riesengeschlechts der Titanen, Methodius gibt ihm einen Sohn Namens Jonithus oder Jonicus, und andre nennen einen Sohn Namens Thuiskon, von dem die Teutonen, Deutschen kommen, oder mit andern Worten die «dutsch» oder die holländische Nation abstammt.

Die Geschichte des großen Noah ist sehr verwickelt; denn überall, wo dieser Seefahrer hinkam, erhielt er einen andern Namen. Die Chaldäer nennen ihn Xisuthrus, eine kleine Veränderung, welche den Historikern, die in der Etymologie bewandert sind, keine Schwierigkeiten machen wird. Die Egypter verehren ihn als Osiris, die Indier als Menu, die Griechen und Römer vermischen ihn mit Ogyges und die Thebaner mit Deukalion und Saturn. Aber die Chinesen, welche die Welt weit länger kennen, als alle andre Nationen, sagen, Foha sey es gewesen; nach ihnen kam nämlich Noah bis nach China, und zwar zur Zeit des babylonischen Thurmbaues (wahrscheinlich um sich in dem Studium der Sprachen zu befestigen) und der gelehrte Dr. Schackford versichert uns, die Arche habe sich auf einem Gebirg an der chinesischen Gränze niedergelassen.

Wir können die Verkettungen, die durch diese Ansichten für die Historiker entstehen, ihrem eignen Scharfsinn überlassen und uns mit dem Resultate begnügen, daß Noah drei Söhne hatte. Wie mißlich dieses aber für diesen unsern Welttheil war, werden wir sogleich sehen.

Als Noah, der einzige Herr und Erbe der Erde, wie ein guter Vater seine Güter unter seine Kinder theilte, bekam Sem Asien, Ham Afrika und Japhet Europa. Nun aber ist es tausendmal zu beklagen, daß er nur drei Söhne hatte; denn hätte er noch einen vierten gehabt, so würde dieser ohne Zweifel Amerika bekommen haben. So kam es denn – zum Jammer der Historiker und Philosophen – daß unser Welttheil als wildes ödes Land links liegen blieb und davon keine Erwähnung geschah. Diesem unverzeihlichen Schweigen des Patriarchen ist das Unglück zuzuschreiben, daß Amerika erst später als die andern Theile der Erde zur Welt gerechnet wurde.

Zwar haben einige Schriftsteller ihn von diesem Vergehen freigesprochen und behauptet, er habe wirklich Amerika entdeckt. So Marc Lescarbot und der Jesuit Pater Charlevoix, letzterer sogar mit der Behauptung, daß dieses ebenfalls zu Wasser geschehen sey, indem Noah ein ausgezeichneter Seemann gewesen. Aber der Niederländer Hanns de Laet, der als solcher mit der Mannschaft der Arche besser bekannt gewesen seyn muß, erklärt diese Ansicht für höchst lächerlich; man muß in der That die vertraute Bekanntschaft bewundern, in welche die Historiker immer mehr mit den Patriarchen und andern großen Männern des Alterthums kommen, auf diese Art werden wir bald von Noah’s Schiffsbüchern eben so genau unterrichtet seyn, wie von denen Cooks und Robinsons Crusoe.

Da die gelehrten Forscher doch so weit mit ihren schwierigen Untersuchungen gekommen sind, daß das Factum feststeht, daß dieses Land entdeckt worden, so darf ich über diesen Gegenstand kurz seyn.

Ich brauche mich daher nicht dabei aufzuhalten, ob Amerika zuerst durch ein umherschweifendes Schiff der berühmten phönicischen Flotte entdeckt wurde, die nach Herodot Afrika umschiffte, oder von jener carthaginiensischen Expedition, die nach dem Naturforscher Plinius die canarischen Inseln fand, oder ob es durch eine Colonie von Cyrus angebaut wurde, wie nach Aristoteles und Seneca. Auch will ich nicht nachforschen, ob es vielleicht durch die Chinesen bevölkert ward, wie Vossius höchst scharfsinnig behauptet, oder durch die Norweger im Jahr 1002 unter Björn, noch ob durch Behaim, den deutschen Seefahrer, wie Hr. Otto den Savans der gelehrten Stadt Philadelphia zu beweisen gesucht hat.

Auch will ich nicht die neueren Ansprüche der Bewohner von Wallis untersuchen, die sie auf eine Reise des Prinzen Madoc im 11. Jahrhundert gründen, der ohne Zweifel, da er nie zurückgekehrt ist, nach Amerika ging, nach einem ganz einfachen Satz, der so lautet, wenn er nicht dorthin ging, wo soll er anders hingegangen seyn? – eine Frage, welche gewiß höchst sokratisch allen weiteren Streit aufhebt.

Lege ich nun diese und andre befriedigende Vermuthungen ganz bei Seite, so komme ich auf die schlichte historische Thatsache im Munde des Volks, daß Amerika am 12. October 1492 von Christovallo Colon, einem Genueser, entdeckt wurde, dessen Namen man sehr ungeschickt in Columbus verwandelt hat, aus welchem Grund, weiß ich nicht. Ohne mich bei diesem bekannten Factum aufzuhalten, will ich nur beiläufig erwähnen, daß dieses Land eigentlich Colonia nach seinem Namen heißen müßte.

Ehe wir nun zu dem glücklichen Besitz dieses Welttheils kommen, gibt es noch allerhand zu thun: Wälder niederzuhauen, kleines Gehölz zu roden, Sümpfe auszutrocknen und Wilde auszurotten. – In gleicher Weise muß ich auf dem historischen Felde mit Fragen, Zweifeln und Paradoxen kämpfen, bis wir endlich über dieses Land klar sehen.

Viertes Kapitel.

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Wie die Philosophen große Arbeit gehabt, Amerika zu bevölkern, und wie die Eingebornen – zum großen Troste des Autors – durch Zufall erzeugt wurden.

Wie viele Gänseschwingen sind nicht geplündert, wie viele Seen von Dinte nicht ausgeschrieben, wie viele Köpfe von Gelehrten nicht ausgeleert und völlig verwirrt worden, um so viele Millionen Mitgeschöpfe, wie die alten Amerikaner, dem von andern Philosophen über sie verhängten Nichts zu entreißen. Ueber alle Folianten, Quartanten, Octavbände steigen wir hinweg und kommen in der Geschichte bei den nächst competenten Reclamanten, den Nachkommen Abrahams an.