Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper - James Fenimore Cooper - E-Book

Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper E-Book

James Fenimore Cooper

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Beschreibung

Die 'Gesammelten Werke von James Fenimore Cooper' bieten eine umfassende Sammlung der besten Werke des berühmten amerikanischen Schriftstellers. Coopers literarischer Stil zeichnet sich durch lebendige Beschreibungen der amerikanischen Wildnis, packende Abenteuergeschichten und komplexe Charaktere aus. Seine Werke sind tief in der amerikanischen Geschichte und Kultur verwurzelt und reflektieren die Entwicklungen und Konflikte des frühen 19. Jahrhunderts. Cooper ist bekannt für seinen prägnanten Schreibstil und seine Fähigkeit, die Natur und menschliche Beziehungen in eindringlicher Weise darzustellen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Seitenzahl: 11049

Veröffentlichungsjahr: 2017

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James Fenimore Cooper

Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper

Bereicherte Ausgabe. Der Pfadfinder + Ravensnest + Die Monikins + Der Spion + Der Bravo + Satanstoe…
Einführung, Studien und Kommentare von Sara Sauer

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-0985-9

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung versammelt zentrale Prosawerke von James Fenimore Cooper und macht die Breite eines Œuvres sichtbar, das die frühe amerikanische Literatur maßgeblich prägte. Der Band führt vom Grenzraum Nordamerikas über die Weltmeere bis in europäische Stadtstaaten und ergänzt die Romane um ein Reisebuch. Zweck dieser Zusammenstellung ist es, Coopers Erzählweisen, Schauplätze und Ideen im Zusammenhang erfahrbar zu machen, ohne den einzelnen Texten ihre Eigenständigkeit zu nehmen. Leserinnen und Leser erhalten so einen repräsentativen Querschnitt seiner wichtigsten Stoffe und Motive, der sowohl einen ersten Zugang als auch vertiefende Lektüren entlang thematischer Linien ermöglicht.

Im Mittelpunkt stehen Romane in unterschiedlichen Ausprägungen: Grenz- und Siedlerromane, Seestücke, politische und historische Romane sowie eine allegorische Satire. Mit „England“ ist zudem ein Reise- und Beobachtungsband vertreten, der Coopers erzählerische Arbeit um eine nichtfiktionale Perspektive erweitert. Gedichte, Dramen, Briefe oder Tagebücher gehören nicht zum Fokus dieser Ausgabe, die bewusst den langen Prosatext bevorzugt. Indem sie erzählerische und essayistische Formen nebeneinanderstellt, macht die Sammlung sichtbar, wie Cooper Fiktion und Reflexion, Anschauung und Argument verbindet, um Fragen von Gesellschaft, Recht und Erfahrung literarisch zu verhandeln.

Einen Schwerpunkt bilden die Romane des Grenzraums: „Der Wildtöter“, „Der letzte Mohikaner“, „Der Pfadfinder“, „Die Steppe oder die Prärie“ und „Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna“. In ihnen entfaltet Cooper das Spannungsfeld zwischen Wildnis und sich etablierender Ordnung, zwischen individueller Erfahrung und kollektiven Ansprüchen. Wiederkehrende Figuren, Landschaften und Situationen schaffen ein Netz von Bezügen, das über einzelne Handlungen hinausreicht. Die Natur erscheint als Handlungsraum und moralische Instanz, während Fragen nach Recht, Eigentum und Zusammenleben in konkreten Begegnungen erprobt werden. So entsteht ein vielschichtiges Bild früher nordamerikanischer Gesellschaften.

Mit „Satanstoe, oder die Familie Littlepage“, „Der Kettenträger oder die Handschriften der Familie Littlepage“ und „Ravensnest oder die Rothhäute“ versammelt die Ausgabe eine weitere, eng verbundene Werkgruppe. Diese Romane verhandeln Besitz, Erbe, Landvermessung und soziale Umbrüche im nordamerikanischen Nordosten. Die Generationenfolge und die Perspektivwechsel erlauben es Cooper, Rechtsfragen, Loyalitäten und gesellschaftliche Spannungen zu differenzieren. Dabei stehen nicht nur äußere Konflikte im Vordergrund, sondern auch Selbstverständnis und Verantwortung von Familien und Gemeinschaften. Die Texte bilden ein diskursives Feld, in dem Ordnungsvorstellungen, Gerechtigkeitsideale und die Grenzen politischer Teilhabe literarisch erprobt werden.

„Der rote Freibeuter“ und „Die Wassernixe oder der Streicher durch die Meere“ zeigen Cooper als Meister des Seeromans. Die Schifffahrt liefert ihm eine Bühne, auf der Freiheit und Gesetz, Geschicklichkeit und Risiko, Loyalität und List in wechselnden Konstellationen aufeinandertreffen. Präzise Beobachtungen nautischer Abläufe verbinden sich mit dramatischen Situationen und weit gespannten Bildräumen. Das Meer fungiert als eigener Moralraum, in dem die Regeln des Festlands geprüft, modifiziert oder suspendiert erscheinen. Gerade in diesen Werken wird die Dynamik seiner Erzählkunst sichtbar: Bewegung, Verfolgung, Täuschung und Entscheidung verschränken sich zu vielstimmigen Handlungstableaus.

Historische und politische Romane wie „Der Spion“ und „Der Bravo“ erweitern den Horizont der Sammlung. Während „Der Spion“ die Revolutionszeit in Nordamerika als Raum für Loyalitätskonflikte und geheime Kommunikation erkundet, richtet „Der Bravo“ den Blick auf die Machtordnung einer europäischen Stadt und die Spannungen zwischen sichtbarer Repräsentation und verdeckter Autorität. „Die Grenzbewohner oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish“ führt in eine frühneuzeitliche Siedlergesellschaft und thematisiert Erinnerung, Zugehörigkeit und Verlust. Gemeinsam ist diesen Texten das Interesse an Institutionen und an den Grauzonen zwischen persönlichem Gewissen und öffentlicher Pflicht.

Mit „Die Monikins“ enthält die Sammlung eine satirische Allegorie, die Coopers Bandbreite exemplarisch zeigt. In der Form einer Reiserzählung, die in symbolisch überzeichnete Räume führt, werden Sprachgewohnheiten, politische Routinen und gesellschaftliche Selbstbilder spielerisch gespiegelt. Die Satire eröffnet Freiräume für Übertreibung und Perspektivwechsel, ohne die ernsthaften Fragen nach Ordnung, Vernunft und Gemeinsinn preiszugeben. Indem Cooper die bekannten Register des Abenteuer- und Gesellschaftsromans unterläuft, legt er Mechanismen der Wahrnehmung frei und zeigt, wie stark politische Urteile von Konventionen, Moden und dem wechselnden Gebrauch von Begriffen geprägt sind.

Verbindende Themen durchziehen die hier vereinten Texte: die Suche nach gerechter Ordnung, die Bewährung des Einzelnen in Grenzsituationen, die Aushandlung von Zugehörigkeit sowie die Spannung zwischen Naturerfahrung und Zivilisierung. Wiederkehrende Symbole – Wald, Fluss, Küste, Stadt – werden zu moralischen Schauplätzen, an denen Recht, Eigentum und Verantwortung konkret werden. Zugleich fordert die Darstellung indigener Gemeinschaften zur kritischen Lektüre heraus: Die Perspektiven des 19. Jahrhunderts prägen diese Bilder, die heute historisch eingeordnet und reflektiert werden. Die Sammlung lädt ein, die literarische Wirkungskraft zu würdigen und die kulturellen Prämissen mitzudenken.

Stilistisch arbeitet Cooper mit ausgreifenden Beschreibungen, sorgfältig komponierten Szenenfolgen und einer differenzierten Erzählstimme, die Beobachtung, Kommentar und Dialog balanciert. Technische Detailkenntnis – ob in Wald, auf Flüssen oder auf See – verbindet sich mit symbolisch aufgeladenen Kontrasten. Entscheidungs- und Erkennungsszenen strukturieren die Dramaturgie, während topografische Genauigkeit Orientierung stiftet. Die Romane bauen häufig auf Echoeffekten: Motive, Formulierungen und Konstellationen kehren in veränderter Gestalt zurück und verleihen dem Werkverband innere Kohärenz. So entsteht ein narrativer Resonanzraum, der Einzelgeschichten verbindet, ohne ihre Eigenart zu nivellieren.

Die anhaltende Bedeutung von Coopers Werk liegt in der Verbindung von erzählerischer Anschaulichkeit und politisch-ethischer Reflexion. Seine Romane haben das Bild der amerikanischen Grenze, des Seestücks und des historischen Abenteuers international geprägt. Zugleich bieten sie eine frühe literarische Auseinandersetzung mit Fragen, die bis heute nachwirken: Souveränität, Gemeinwohl, Gewaltmonopol, Eigentum, Migration und ökologische Verantwortung. Die hier versammelten Texte zeigen, wie Literatur öffentliche Debatten antizipieren, zuspitzen und in konkrete Figuren und Räume übersetzen kann – und warum diese Erzählungen weit über ihren Entstehungskontext hinaus lesbar bleiben.

„England“ ergänzt die fiktionalen Werke durch eine beobachtende, argumentierende Prosa. Der Band verbindet Reiseeindruck, Institutionenkunde und Vergleichsperspektive und macht deutlich, wie Cooper Normen und Gebräuche in Beziehung setzt – zwischen Sprache und Recht, Gewohnheit und Regel. Diese nichtfiktionale Stimme erklärt nichts, was die Romane bereits erzählt hätten, sondern erweitert die Wahrnehmung: Sie zeigt, wie Urteile entstehen, sich festigen oder revidieren. Damit liefert „England“ einen Schlüssel zum Verständnis der erzählerischen Verfahren, in denen Darstellung und Deutung ineinandergreifen, ohne die Ambivalenzen komplexer Erfahrungen zu glätten.

Die vorliegende Zusammenstellung verfolgt das Ziel, Wege durch ein vielfältiges Werk zu öffnen und zugleich dessen innere Verbindungen sichtbar zu machen. Man kann die Lektüre nach Zyklen ordnen, nach Schauplätzen gruppieren oder Motiven folgen – Grenzübergänge, Schiffspassagen, Rechtsakte, Namen und Erinnerungsorte. In jeder Anordnung werden andere Linien hervortreten. Indem diese Ausgabe Romane unterschiedlicher Tonlage neben Satire und Reiseschrift stellt, ermutigt sie zu vergleichendem Lesen. Sie richtet sich an Erstlesende wie an Kennerinnen und Kenner, die Coopers Werk in seiner Breite neu entdecken oder mit frischem Blick befragen möchten.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

James Fenimore Cooper (1789–1851) gilt als einer der prägenden Erzähler der frühen US-amerikanischen Literatur. In der Übergangszeit zwischen Aufklärung, Romantik und entstehendem Nationalbewusstsein entwarf er historische und Abenteuerromane, die Grenzerfahrung, Recht und Seefahrt ins Zentrum rücken. Mit Werken wie Der letzte Mohikaner und Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna prägte er das Bild der nordamerikanischen Frontier weltweit nachhaltig. Seine Bücher verbanden Recherche, Naturbeobachtung und dramatische Handlung und begründeten eine eigenständige amerikanische Erzähltradition. Zugleich zeigen sie die Spannungen einer jungen Republik, in der Landnahme, Zugehörigkeit und Ordnung neu verhandelt wurden.

Aufgewachsen im Gebiet des heutigen Bundesstaats New York, prägten ihn Landschaft und Siedlerkultur am Susquehanna-Fluss. Früh erhielt Cooper eine höhere Ausbildung; er studierte kurz am Yale College und sammelte anschließend als Midshipman praktische Erfahrung in der US-Marine. Diese Doppelprägung durch Wildnis und Seefahrt strukturierte sein Werk. Literarisch orientierte er sich an der historischen Erzählform, wie sie Sir Walter Scott popularisiert hatte, übertrug sie jedoch auf amerikanische Stoffe. Naturbeschreibung, rechtshistorische Fragen und die Beobachtung sozialer Hierarchien wurden so zu wiederkehrenden Bausteinen, die er in historischen Konfliktlagen erprobte und zu eigenständigen literarischen Mustern verdichtete.

In den frühen 1820er Jahren begann Cooper zu publizieren und fand rasch ein Publikum. Der Spion, ein Roman vor dem Hintergrund des Unabhängigkeitskriegs, verband Spannung, politische Loyalitäten und Alltagsrealismus – und etablierte ihn als Chronisten nationaler Bewährungsproben. Kurz darauf folgte Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna, das die Erschließung des Hinterlands in erzählerische Form brachte und einen wiederkehrenden Grenzer als moralisch-pragmatische Instanz einführte. Diese Konstellation erlaubte ihm, Recht, Besitz und Umweltbezug in lebendigen Szenen auszubalancieren und bereitete jene Werkgruppe vor, mit der sein Name international verbunden blieb und nachhaltige Wirkung entfaltete.

Zum Kern von Coopers Ruhm wurde der sogenannte Lederstrumpf-Zyklus: Der letzte Mohikaner, Die Steppe oder die Prärie, Der Pfadfinder, Der Wildtöter und die bereits genannten Ansiedler. Die Romane um einen erfahrenen Waldläufer erkunden Grenzgebiete zwischen indigenen Nationen und Kolonialmächten, zwischen Siedlungsdruck und Naturraum. Sie verbinden Jagd- und Kriegsszenen mit Überlegungen zu Vertrag, Ehre und persönlicher Verantwortung. Zeitgenössisch gefeiert, später kontrovers diskutiert, prägen sie bis heute die globale Vorstellung von der amerikanischen Frontier. Ihre erzählerische Spannung lebt aus der Darstellung widerstreitender Loyalitäten, ohne die Ambivalenzen von Landnahme und kultureller Begegnung aufzulösen.

Neben den Grenzromanen schrieb Cooper bedeutende Seestücke. Der rote Freibeuter und Die Wassernixe oder der Streicher durch die Meere nutzen nautisches Detailwissen, um Fragen von Autorität, Gesetz und individueller Kühnheit zu prüfen. In Der Bravo verlagerte er seine Erkundung politischer Ordnung nach Europa und zeichnete das Ringen zwischen republikanischen Idealen und oligarchischer Herrschaft. Reisen und Beobachtungen verarbeitete er zudem in England, einem Reise- und Gesellschaftsbericht, der transatlantische Vergleiche schärft. So entfaltete Cooper ein weites Panorama moderner Erfahrung: von Küsten und Häfen bis zu Stadtrepubliken und Gerichtssälen, stets mit Blick auf Normen und Konflikte.

Experimentierfreude prägte auch seine übrigen Unternehmungen. Die Monikins bietet als Satire eine allegorische Bühne, um politische und soziale Moden zu kommentieren. Die Grenzbewohner oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish greift puritanische Kolonialgeschichte auf und prüft, wie Erinnerung, Religion und Gemeinsinn Gemeinschaften formen. Mit Satanstoe, oder die Familie Littlepage, Der Kettenträger oder die Handschriften der Familie Littlepage und Ravensnest oder die Rothhäute schuf er eine Trilogie über Besitz, Erbrecht und Siedlungskonflikte. Diese Romane reagieren auf Debatten seiner Zeit, verhandeln Loyalität und Recht in erzählerischen Fallstudien und vertiefen sein Interesse an Ordnung und Verantwortung.

Cooper lebte zeitweise in Europa, kehrte jedoch in den 1830er Jahren dauerhaft in die Vereinigten Staaten zurück und schrieb bis kurz vor seinem Tod 1851 weiter. Sein Werk wirkte auf Generationen von Autorinnen und Autoren, indem es den historischen Roman amerikanisierte und die Topoi der Seefahrt und der Frontier literarisch prägte. Zugleich bleibt seine Darstellung indigener Gesellschaften Gegenstand kritischer Lektüren, die Kontext, Stereotype und Perspektiven prüfen. Ungeachtet wechselnder Deutungen behaupten seine besten Bücher erzählerische Kraft, dichte Milieus und sorgfältige Struktur. Sie werden weiterhin gelesen, adaptiert und neu bewertet – als Teil eines vielschichtigen literarischen Erbes.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

James Fenimore Cooper (1789–1851) schrieb in und über eine Epoche tiefgreifender Umbrüche in Nordamerika und Europa. Die in dieser Sammlung vertretenen Werke spannen historisch vom 17. Jahrhundert bis in die frühen Jahrzehnte der Vereinigten Staaten. Sie reichen von kolonialen Konfliktlandschaften Neuenglands über die Auseinandersetzungen des Unabhängigkeitskriegs bis zur frontier der jungen Republik und den Weltmeeren des atlantischen Handels. Als Autor der Romantik verband Cooper nationale Selbstvergewisserung mit der Gattung des historischen Romans. Die Bücher erscheinen so als literarische Vermessung von Zeiträumen, in denen Souveränität, Territorium, Eigentum und Zugehörigkeit neu ausgehandelt wurden.

Die Sammlung steht im Zeichen einer Literatur, die nach 1815 eine eigenständige amerikanische Stimme suchte. Cooper wandte die von Walter Scott popularisierte Form des historischen Romans auf nordamerikanische Stoffe an und prägte damit internationale Vorstellungen von „dem Westen“ und „der See“. Der expandierende Buchmarkt, verbesserte Drucktechniken und ein transatlantischer Lesekreis beförderten die schnelle Zirkulation seiner Texte, einschließlich deutscher Übersetzungen. Seine Romane reagieren auf Debatten über Republik und Aristokratie, Markt und Moral, Tradition und Reform. Zugleich zeigen sie, wie die literarische Imagination an der Bildung nationaler Mythen beteiligt war, ohne politische Spannungen zu glätten.

Der Unabhängigkeitskrieg bildet einen maßgeblichen Hintergrund. „Der Spion“ situierte die amerikanische Revolution in einem Grenzgebiet sozialer Loyalitäten und verdeckter Operationen. Damit wurde eine frühe amerikanische Geschichtserzählung etabliert, die nicht nur Schlachtfelder, sondern Kommunikationsräume, Nachrichtennetze und rechtliche Grauzonen betonte. Der Roman reagierte auf die noch junge Gedächtniskultur der neuen Nation, in der lokale Erinnerungsorte und Familienüberlieferungen Bedeutung gewannen. Coopers Darstellung lenkte die Aufmerksamkeit auf die Fragilität von Ordnung in Zeiten revolutionärer Transformation und half, die Figur des unsichtbaren, bürgerlichen Beitrags zur Unabhängigkeit symbolisch zu legitimieren.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Ära des Siebenjährigen Kriegs in Nordamerika, die in „Der letzte Mohikaner“, „Der Pfadfinder“ und „Der Wildtöter“ reflektiert wird. In diesen Werken erscheinen Grenzräume als Kontaktzonen konkurrierender Imperien – britisch, französisch und indigener Bündnisse. Die literarische Bühne bildet eine Region, in der militärische Logistik, Diplomatie mit indigenen Nationen und Siedlungsdruck ineinandergreifen. Cooper verknüpft dabei Naturbeschreibung, Kriegsökonomie und Rechtsfragen des Territoriums. Geschichtskulturell prägten diese Darstellungen die Vorstellung vom Wald als Schauplatz imperialer Konkurrenz und verliehen kolonialen Konflikten eine andauernde symbolische Dichte.

„Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna“ spiegelt die Umgestaltung des Nordostens in den Jahren der frühen Republik. Privatbesitz, Gemeinressourcen und Jagdregulierungen waren Gegenstand lebhafter Debatten, während neue Märkte und Verkehrswege Entnahmen aus der Natur intensivierten. Der Roman greift Diskurse über Verschwendung, Schonzeiten und gemeinschaftliche Verantwortung auf, die sich aus realen Streitigkeiten über Wald, Fischerei und Wildbestände speisten. Damit markiert er einen frühen Knotenpunkt von Umweltbewusstsein, Kommunalrecht und Siedlungsgeschichte – und erinnert daran, dass Nationenbildung auch als Aushandlung ökologischer Grenzen und sozialer Regeln verstanden werden kann.

Mit „Die Steppe oder die Prärie“ wendet sich Cooper imaginären Räumen westlich der etablierten Siedlungszonen zu, die zeitgenössische Leser mit Entgrenzung, Risiko und Spekulation verbanden. Der Roman setzt an einer Schwelle, an der kartografische Ungewissheit, indigene Souveränität und wandernde Grenzlinien aufeinandertreffen. Zeitgleich gewann in der Politik die Idee nationaler Expansion an Gewicht. Coopers Panorama der Grasländer macht die Spannungen sichtbar, die zwischen Bewegungsfreiheit, Landnahme und rechtlicher Legitimation standen, und reflektiert eine Sprache der „Verschwindens“-Narrative, die im 19. Jahrhundert häufig herangezogen wurde, um Dynamiken der Verdrängung kulturell zu deuten.

Coopers See- und Küstenromane, darunter „Der rote Freibeuter“ und „Die Wassernixe oder der Streicher durch die Meere“, wurzeln in seinen Erfahrungen als Midshipman der US-Marine. Sie verorten sich im Zeitalter der Segelschiffe, als Atlantikhandel, Schmuggel, Blockaden und private Kriegführung die Seeverbindungen prägten. Die Geschichten spiegeln juristische Ambivalenzen der See – von Kaperbriefen bis zu neutralen Gewässern – und die Professionalisierung maritimer Dienste. Zugleich zeigen sie die kulturelle Faszination für Schiffsräume als soziale Mikrokosmen, in denen Rang, Disziplin und Ehre verhandelt werden. So werden maritime Räume zu Bühnen politischer Ökonomie und transnationaler Ordnung.

Coopers europäische Romane verbinden Reiseliteratur mit politischer Diagnose. „Der Bravo“ verlegt republikanische Anliegen in ein venezianisches Umfeld und konfrontiert Leserinnen und Leser mit oligarchischer Herrschaft, Geheimpolizei und Rechtsstaatlichkeit als Frage der Institutionen, nicht bloßer Gesinnung. Der Autor lebte von 1826 bis 1833 in Europa und beobachtete Debatten über Verfassung, Presse und öffentliche Meinung aus nächster Nähe. Solche Erfahrungen schärften seine Vergleiche zwischen alten und neuen Ordnungen. Die europäisch situierten Werke fungieren so als Spiegel, in dem amerikanische republikanische Ideale auf ihre Belastbarkeit hin befragt werden.

„Die Grenzbewohner oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish“ ruft die Kolonialwelt Neuenglands des 17. Jahrhunderts auf, geprägt von religiöser Disziplin, Gemeindestrukturen und Konflikten mit indigenen Nachbarn. In der literarischen Rekonstruktion werden Frömmigkeit, Strafpraxis und kollektive Selbsterhaltung sichtbar, die historische Quellen der Puritaner bezeugen. Die Erinnerungsarbeit an frühkoloniale Gewalt, Umsiedlungen und verwischte Zugehörigkeiten verweist auf ein langes Gedächtnis, in dem Familienchroniken, Ortsnamen und Kriegsnarrative ineinandergreifen. Dadurch wird deutlich, wie frühneuzeitliche Spannungen bis in die politischen Selbstbilder der Vereinigten Staaten nachwirkten.

Mit „Satanstoe, oder die Familie Littlepage“, „Der Kettenträger oder die Handschriften der Familie Littlepage“ und „Ravensnest oder die Rothhäute“ tritt die Frage des Bodens in den Vordergrund. Hintergrund ist die spezifische Besitz- und Pachtgeschichte des Staates New York, einschließlich der Auseinandersetzungen des Anti-Rent-Kriegs zwischen etwa 1839 und 1845. Vermessung, Grenzsteine und Verträge wurden zu Hebeln sozialer Mobilisierung wie auch der Durchsetzung alter Rechte. Coopers Romane dokumentieren diese Konfliktfelder literarisch, aus einer konservativen Perspektive, die Forderungen nach Neuordnung kritischer betrachtete und die Legitimationsketten von Eigentum unter den Bedingungen demokratischer Politik verhandelte.

Die Littlepage-Erzählungen sind zugleich Reflexionen über Rechtssprache und Autorität. Der „Kettenträger“ macht sichtbar, wie technische Verfahren – Triangulation, Kettenmaß, Protokolle – abstrakte Herrschaftsverhältnisse in die Landschaft einschreiben. Dabei treten Fragen auf, die das 19. Jahrhundert breit beschäftigten: Wo beginnt die Autorität der Mehrheit, wo endet die des Titels? Wie vermittelt Recht zwischen geerbter Ansprüchlichkeit und populärer Gleichheitsrhetorik? Solche Problemstellungen sind nicht nur juristisch, sondern auch epistemisch: Sie thematisieren, wie Wissen über Land entsteht und wie die Glaubwürdigkeit von Dokumenten politisch umkämpft ist.

Die Darstellung indigener Nationen gehört zu den wirkungsmächtigsten und zugleich umstrittensten Aspekten dieser Sammlung. Figuren wie die in „Der letzte Mohikaner“ oder „Der Pfadfinder“ präsentierten Bündnispartner spiegeln zeitgenössische Vorstellungen von Ehre und Loyalität, aber auch stereotype Zuschreibungen. Historisch verortet sind sie in Bündnissystemen, die Diplomatie, Handel und Krieg verbanden. Spätere Kritik monierte romantisierende und „verlöschende“ Narrative, die reale Vielfalt und Kontinuität indigener Gemeinschaften verdecken. So zeigen die Werke einerseits die politische Intelligenz indigener Akteure, tragen andererseits zur Kanonisierung problematischer Bilder in der Populärkultur bei.

Die Geschlechterordnung der frühen Republik und ihrer Vorzeit wird in den Romanen über Familien, Haushalte und Verwandtschaftsnetzwerke sichtbar. Ob im Grenzraum, in Hafenstädten oder auf Schiffen – weibliche Figuren agieren häufig innerhalb normativer Erwartungen an Tugend, Fürsorge und moralische Urteilskraft. Diese Konstellationen spiegeln eine Zeit, in der republikanische Bürgerlichkeit, häusliche Erziehung und konfessionelle Praktiken eng verknüpft wurden. Zugleich lassen sich Spannungen erkennen: Mobilität, Gewalt und ökonomische Umbrüche fordern die Stabilität des Privaten heraus. Die Literatur macht daraus keine Programmschrift, aber sie hält den sozialen Aushandlungsprozess fest.

Die Medienlandschaft der 1820er bis 1840er Jahre prägte Coopers Öffentlichkeit. Dampfbetriebene Druckmaschinen, Leihbibliotheken und preisgünstige Ausgaben vergrößerten das Lesepublikum. Gleichzeitig fehlten verbindliche internationale Urheberrechte, sodass in beiden Richtungen Nachdrucke ohne Honorar verbreitet wurden. In den 1840er Jahren geriet Cooper in scharfe Auseinandersetzungen mit Zeitungen und führte Prozesse gegen verleumderische Berichterstattung. Diese Konflikte schärften sein Misstrauen gegenüber einer enthemmten Presse und flossen in Reflexionen über Öffentlichkeit, Reputation und Gemeinwohl ein. Die Sammlung dokumentiert damit auch die Entstehungsbedingungen moderner Massenkommunikation und ihrer rechtlichen Grauzonen.

„England“ gehört zu Coopers Reiseliteratur, die Beobachtung mit politischer Kommentierung verknüpft. In der Zeit nach dem Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 standen Fragen der nationalen Ehre, der Handelsordnung und der gesellschaftlichen Sitten im Zentrum transatlantischer Debatten. Coopers Vergleiche von Institutionen, Presse und Alltagskultur zielten auf gegenseitige Wahrnehmungskorrekturen – und stießen in Großbritannien bisweilen auf Widerspruch. Für die Sammlung bedeutet das: Sie öffnet einen Resonanzraum, in dem die junge amerikanische Republik nicht isoliert, sondern im Dialog mit europäischen Traditionen und Friktionen verstanden wird.

Die satirische Allegorie „Die Monikins“ spiegelt die Ideenflut der 1830er Jahre – Reformvereine, utopische Entwürfe, Systemdenken und politökonomische Modelle. Anstatt konkrete Programme zu bewerben, demonstriert der Text, wie Sprache, Modebegriffe und Ordnungsphantasien Macht entfalten. In der historischen Situation steigender Alphabetisierung und Vereinsgründungen zeigt sich eine Öffentlichkeit, die experimentiert: mit Pädagogik, Gefängnisreform, Armenfürsorge und Finanzinnovation. Die Satire registriert diese Bewegungen und legt ihre Ambivalenzen offen. So ergänzt sie die historischen Romane um eine Reflexion der Begriffe, mit denen Gesellschaften sich selbst modernisieren wollen.

Die maritime, frontier- und städtische Schauplatzvielfalt der Sammlung ist auch eine Geografie der Gewalt. Sie verknüpft staatliche Gewaltmonopole, Privatjustiz, Piraterie, Milizen und diplomatische Missionen. Diese Vielfalt entspricht den realen Übergangszonen der Epoche, in denen Zuständigkeiten kollidierten: Häfen mit Zolllinien, Waldgebiete mit unklaren Gerichtsbarkeiten, gemischt kontrollierte Grenzregionen. Coopers Texte machen solche Überschneidungen anschaulich, ohne sie abschließend zu ordnen. Gerade dadurch öffnen sie eine Perspektive auf Recht als Prozess – ein Prozess, der von Akteuren, Praktiken und Räumen abhängig ist und nicht nur von abstrakten Normen getragen wird.„Der Pfadfinder“ und „Der Wildtöter“ zeigen denselben Helden in unterschiedlichen historischen Stunden. Der Wechsel der Schauplätze – Seen, Wälder, Prärien – verweist darauf, wie Mobilität in der Literatur zur Verzeitlichung wird: Räume tragen Erinnerungen und Rechtstitel, die einziehende Siedlergesellschaft verändert. Dass diese Romane in den 1830er und 1840er Jahren entstanden, erklärt ihre Doppelperspektive: Sie binden frühe Kolonialgeschichten an die innenpolitischen Kämpfe einer demokratisierenden Gesellschaft. Damit bilden sie ein Archiv der Selbstverständigung, in dem Vergangenheit als Prüfstein aktueller Ansprüche dient, nicht als bloßes Dekor.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Die Lederstrumpf-Erzählungen (Der Wildtöter; Der letzte Mohikaner; Der Pfadfinder; Die Steppe oder die Prärie; Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna)

Der Zyklus folgt einem Grenzer über wechselnde Lebensphasen und Landschaften, von den Wäldern des Nordostens bis in die offene Prärie, und verknüpft Jagd, Krieg und Freundschaft mit eindringlichen Naturbildern. In wechselnden Konstellationen prallen Siedlungsexpansion, indigenes Leben und persönliche Gewissensfragen aufeinander, wobei Loyalität und das Gesetz der Wildnis immer wieder neu austariert werden. Der Ton reicht von abenteuerlich und romantisch bis elegisch, mit Sinn für Technik des Überlebens und für die moralische Ambivalenz der Grenze.

Die Littlepage-Manuskripte (Satanstoe; Der Kettenträger; Ravensnest)

Die miteinander verschränkten Familienerzählungen betrachten Besitz, Herkunft und Recht an der amerikanischen Grenze über mehrere Generationen hinweg. Tagebuch- und Manuskriptstimmen beleuchten Siedlerinteressen, Landkonflikte und soziale Spannungen aus wechselnden Perspektiven. Der Ton ist nachdenklich und streckenweise streitbar, mit deutlicher Gesellschaftskritik und Sinn für die Tragweite privater Entscheidungen.

Seeromane (Der rote Freibeuter; Die Wassernixe oder der Streicher durch die Meere)

Diese Seeabenteuer kreisen um geheimnisvolle Schiffe, Verfolgungen und Verkleidungen, in denen Gesetz, Schmuggel und individuelle Freiheit auf offener See aneinandergeraten. Die Handlung lebt von nautischen Details, Wetter- und Manöverbildern sowie undurchsichtigen Bündnissen. Der Grundton ist spannungsvoll und romantisch, mit einem wiederkehrenden Interesse an Identität und Loyalität unter wechselnden Flaggen.

Frühe Amerika-Romane außerhalb des Lederstrumpf-Zyklus (Der Spion; Die Grenzbewohner oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish)

Zwischen Revolutionskrieg und puritanischer Siedlerwelt erzählen diese Romane von Geheimdiensten, Belagerungen und familiären Bewährungsproben. Öffentliche Umbrüche und private Loyalitäten geraten in Konflikt, wobei Pflichtgefühl, Glaube und Nachbarschaft bindende wie trennende Kräfte zeigen. Der Ton ist historisch fundiert und moralisch prüfend, mit klaren, spannungsgetragenen Szenen.

Europäische Perspektiven (Der Bravo; England)

Ein europäischer Stadtstaat und seine verschlungenen Machtwege stehen einem Reisebild gegenüber, das Sitten, Institutionen und Landschaften des alten Kontinents beobachtet. Intrige, Justiz und Maskerade auf der einen Seite, Vergleich von gesellschaftlichen Normen und politischer Kultur auf der anderen, ergeben eine Außenansicht Amerikas durch den Spiegel Europas. Der Ton ist kritisch und vergleichend, zwischen düsterem Gesellschaftsbild und sachlicher Beobachtung.

Satire und Allegorie (Die Monikins)

Eine fantastische Reise in ein Reich vernunftbegabter Tiere dient als Spiegel satirischer Zeitkritik. Politische Rituale, Modeurteile und moralische Posen werden in überzeichneter Form vorgeführt, um menschliche Schwächen sichtbar zu machen. Der Stil ist verspielt, allegorisch und bewusst überdreht.

Übergreifende Themen und Stil

Wiederkehrend sind Konflikte zwischen individuellem Gewissen und institutioneller Ordnung, zwischen Siedlungsdrang und Naturraum sowie zwischen alter und neuer Welt. Charakteristisch sind ausführliche Landschafts- und Technikschilderungen, dialogische Prüfungen von Ehre und Pflicht sowie ein Wechsel aus Abenteuerhandlung und reflektierender Moral. Im Verlauf zeigen die Texte eine Tendenz vom unmittelbaren Grenzabenteuer hin zu stärkerer Gesellschaftskritik und vergleichender Betrachtung.

Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper

Hauptinhaltsverzeichnis
Romane:
Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
Die Steppe oder die Prärie
Der rote Freibeuter
Satanstoe, oder die Familie Littlepage
Die Wassernixe oder der Streicher durch die Meere
Der letzte Mohikaner
Der Bravo
Der Pfadfinder
Die Grenzbewohner oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish
Der Wildtöter
Die Monikins
Ravensnest oder die Rothhäute
Der Spion
Der Kettenträger oder die Handschriften der Familie Littlepage
Reiseberichte:
England

Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

Inhaltsverzeichnis

Vorrede Coopers zur Ausgabe von 1832
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV.
XXVI
XXVII
XXVIII
XXIX
XXX
XXXI
XXXII
XXXIII
XXXIV
XXXV
XXXVI
XXXVII
XXXVII
XXXIX
XL
XLI

Vorrede Coopers zur Ausgabe von 1832

Inhaltsverzeichnis

Da sich diese Schrift bereits auf dem Titelblatt als ein Zeitgemälde ankündigt, so wird es denen, welche sich die Mühe nehmen, sie zu lesen, nicht unwillkommen sein zu erfahren, was von ihrem Inhalt buchstäbliche Wahrheit, und was Zutat des darstellenden Dichters ist. Der Verfasser fühlt wohl, daß er ein weit besseres Buch hätte zustande bringen können, wenn er sich ausschließlich auf die letztere beschränkt hätte, da das freie Walten der Phantasie immer die lebhaftesten Eindrücke hervorbringt Aber bei der Schilderung von Szenen und vielleicht auch von Charakteren, die ihm in seiner Jugend vertraut geworden waren, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, lieber das zu zeichnen, was er selbst gesehen hatte, als das, was nur der Einbildungskraft entsprungen wäre. Dieses strenge Festhalten an der Wahrheit, so unerläßlich es auch für die Geschichte und für Reisebeschreibungen ist, zerstört den Zauber der Poesie; denn was dem Geiste durch die letztere vorgeführt werden soll, nimmt sich weit besser in Entwicklung von Grundsätzen und typischen Charakteren aus, als in einem allzu ängstlichen Haften an wirklichen Vorbildern.

Da Neuyork nureinenBezirk Otsego und der Susquehanna nureineeigentliche Quelle hat, so kann hinsichtlich des Schauplatzes dieser Erzählung kein Irrtum stattfinden. Die Geschichte dieses Bezirks, soweit sie auf die Ansiedlungen der Weißen Bezug hat, läßt sich in kurze Worte fassen.

Otsego, wie überhaupt der größte Teil der inneren Provinz Neuyork, gehörte vor dem Unabhängigkeitskrieg zu der Grafschaft Albany und fiel bei einer späteren Teilung des Gebiets an Montgomery, bis es endlich infolge der Zunahme seiner Bevölkerung kurz nach dem Frieden von 1783 zu einem eigenen Bezirk erhoben wurde. Er liegt zwischen den niedrigen Ausläufern des Alleghany-Gebirges, welche die mittleren Teile des Staates Neuyork durchziehen, etwas östlich von einem durch den Mittelpunkt des Staates gezogenen Meridian. Die Flüsse von Neuyork haben ihren Ablauf entweder nach Süden in das Atlantische Meer oder nach Norden in den Ontario und seine Ausmündungen. Der Otsegosee ist die Quelle des Susquehanna und liegt daher begreiflicherweise in den Hochlanden. Die Gestalt des Landes, das Klima, wie es von den Weißen angetroffen wurde, und die Sitten der Ansiedler sind in unserer Erzählung mit einer Ausführlichkeit geschildert, die der Autor nur mit der Lebhaftigkeit seiner Rückerinnerungen entschuldigen kann.

Der Name Otsego ist gebildet aus den Worten Ot, was einen Versammlungsort bedeutet, und Sego oder Sago, der unter den Indianern üblichen Begrüßungsformel. Einer Überlieferung zufolge pflegten die benachbarten Stämme an den Ufern des Sees Zusammenkünfte zu halten, um Verträge zu schließen und ihre Bündnisse auf sonstige Weise zu kräftigen, woraus sich die genannte Zusammenstellung erklärt. Da indes das Oberhaupt der Indianer von Neuyork ein Blockhaus an den Ufern des Sees besaß, so ist es nicht unmöglich, daß der Name seinen Ursprung von den Versammlungen hat, die dort bei seinen Beratungsfeuern gehalten wurden. Beim Ausbruch des Kriegs mußte dieser Agent nebst anderen Beamten der Krone den Strich verlassen, und seine unscheinbare Wohnung stand bald verödet. Der Verfasser erinnert sich, sie einige Jahre nachher in der bescheidenen Eigenschaft eines Rauchhauses gesehen zu haben.

Im Jahre 1779 wurden Truppen gegen die feindlichen Indianer gesandt, die ungefähr hundert Meilen westlich von Otsego an den Ufern des Kayugasees hausten. Der ganze Strich war damals eine Wildnis, weshalb es nötig wurde, die Bagage der Mannschaft auf den Flüssen fortzuschaffen – ein Umweg zwar, aber jedenfalls das beste, was man tun konnte. Eine Brigade zog am Mohawk aufwärts, bis sie eine Stelle erreichte, die den Quellen des Susquehanna am nächsten liegt, und von wo aus ein Engpaß durch den Urwald zu dem oberen Ende des Otsego führt. Die Boote und das Gepäck wurden über diesen ›Trageweg‹ gebracht, während die Truppen über den See setzten, an dessen unterm Ende landeten und ein Lager aufschlugen. Der Susquehanna, ein an seinem Ursprunge schmaler, aber reißender Strom, war voll von Treibholz oder entwurzelten Bäumen, und die Truppen mußten ein neues Mittel ersinnen, um sich ihren ferneren Marsch zu erleichtern. Der Otsego ist ungefähr neun englische Meilen lang und wechselt in der Breite von einer bis zu anderthalb Meilen: sein tiefes klares Wasser erhält von vielen hundert Quellen seinen Zustrom. Unten sind die Ufer fast dreißig Fuß hoch, während sie an den übrigen Stellen durch Berge, Niederungen und Vorsprünge gebildet werden. Sein Abwasser oder der Susquehanna fließt durch einen Einschnitt der erwähnten niedrigen Ufer in einer Breite von gegen zweihundert Fuß ab. Dieser Einschnitt wurde mit Dämmen versehen, die Abwasser des Sees gesammelt und der Susquehanna in dieser Weise zu einem stärkeren Gewässer umgewandelt. Als diese Vorkehrungen getroffen waren, schifften sich die Truppen ein; der Damm wurde durchstochen, und der Otsego ergoß seinen Strom, auf dem die Boote alsbald lustig abwärts fuhren.

General James Clinton, der Bruder George Clintons, damals Gouverneur von Neuyork – der Vater De Witt Clintons, der als Gouverneur desselben Staates im Jahre 1827 starb – kommandierte die mit diesem Feldzug beauftragte Brigade. Während die Truppen am unteren Teil des Otsego lagerten, wurde ein Soldat wegen Desertion erschossen. Das Grab dieses unglücklichen Mannes war die erste Grabstätte, die der Autor je gesehen, wie das erwähnte Rauchhaus die erste von ihm erblickte Ruine war. Die in unserer Schrift erwähnte Feldschlange wurde bei diesem Anlaß von den Truppen zurückgelassen und verscharrt; man fand sie später auf, als man in des Verfassers elterlicher Wohnung die Keller grub.

Bald nach Beendigung des Krieges besuchte Washington mit einem Gefolge vieler ausgezeichneter Männer den Schauplatz unserer Erzählung, dem Vernehmen nach, um das Terrain daraufhin zu untersuchen, ob sich hier eine Kommunikation zu Wasser mit anderen Punkten des Landes bewerkstelligen ließe; er blieb jedoch nur wenige Stunden.

Im Jahre 1785 erschien der Vater des Autors in dieser Wildnis, um sie vermessen zu lassen, da er einen bedeutenden Strich derselben anzukaufen gedachte. Welchen Eindruck sie auf ihn machte, haben wir durch den Richter Temple schildern lassen. Zu Anfang des folgenden Jahres begann die Ansiedlung, und von dieser Zeit an bis auf die gegenwärtige kam die Gegend fortwährend in blühendere Verhältnisse. Es ist ein eigentümlicher Zug des amerikanischen Lebens, daß es einem reichen Manne, der zu Anfang dieses Jahrhunderts Gelegenheit hatte, Ansiedlern eine neue Niederlassung in einem entfernteren Landesteil anzubieten, möglich war, solche trotz der günstigen Verhältnisse, deren sie sich in ihrer früheren Kolonie erfreuen mochten, nach sich zu ziehen

Obgleich die Niederlassung am Otsego einige Jahre vor der Geburt des Autors stattfand, so war sie zuderZeit doch noch nicht so weit fortgeschritten, daß man es für ratsam erachtet hätte, ein für ihn selbst so wichtiges Ereignis in der Wildnis stattfinden zu lassen. Vielleicht hegte seine Mutter ein begründetes Mißtrauen in die Erfahrung es Doktor Todd, der damals noch in dem Noviziat seiner ärztlichen Praxis gestanden haben muß. Doch dem sei, wie ihm wolle, der Autor wurde noch als Kind wieder in das Tal gebracht, welchem er die ersten Eindrücke seiner Jugend verdankt. Er wählte auch in späteren Jahren zuweilen seinen Aufenthalt daselbst und glaubt daher, für die Treue seines Gemäldes einstehen zu können

Otsego ist nun einer der bevölkertsten Distrikte von Neuyork, entsendet seine Auswanderer so gut wie irgendeiner der älteren und steht wegen seines Gewerbefleißes und Unternehmungsgeistes in gutem Ruf. Seine Mannfakturen blühen, und es ist bemerkenswert, daß eine der sinnreichsten Maschinen, welche die europäische Kunstfertigkeit kennt, von dem Scharfsinn, der in dieser abgelegenen Gegend heimisch ist, ihre Entstehung ableitet.

Um Mißverständnissen zu begegnen, wird es ratsam sein zu bemerken, daß der gegenwärtigen Erzählung keine wirklichen Begebenheiten zugrunde liegen und daß die buchstäblich wahren Tatsachen sich nur auf die örtlichen Verhältnisse und die Sitten und Gebräuche der Einwohner beziehen. Die Akademie, das Gerichtshaus, das Gefängnis, das Wirtshaus und die meisten andern Staffagen dieser Art existierten wirklich, haben aber seitdem anderen Gebäuden von anspruchsvollerem Charakter Platz gemacht. Bei der Schilderung des Herrenhauses erlaubten wir uns einige Freiheit; denn das eigentliche Gebäude hatte keinen ›ersten und zweiten Teil‹. Es bestand aus Ziegeln, nicht aus Steinen, und zeigte keine der eigentümlichen Schönheiten der ›zusammengesetzten Ordnung‹, da es in einer zu frühen Periode errichtet wurde, um sich bereits aller Vorteile dieser so anspruchsvollen Schule der Architektonik erfreuen zu können. Das Innere des Hauses ist jedoch ganz nach Rückerinnerungen gezeichnet, und hier trifft alles mit der Wirklichkeit zusammen, sogar Wolfs zertrennter Arm und der Aschenkrug der Königin Dido.

Obwohl noch Wälder die Berge am Otsego krönen, sind doch Bär, Wolf und Panther kaum mehr dort zu finden. Selbst das unschuldige Rotwild springt nur noch selten unter den Baumgewölben umher; denn das Gewehr und die Tatkraft der Pflanzer haben es an andere Orte getrieben. Zu diesem Wechsel – der in mancher Beziehung dem, der das Land im Urzustand gekannt hat, traurig erscheinen muß – kommt noch hinzu, daß der Otsego selbst mit seinem Reichtum zu knausern beginnt.

Der Verfasser hat bereits anderswo erklärt, daß Lederstrumpfs Charakter ein Gebilde ist, welches durch Hilfsmittel, wie sie zu Hervorbringung des Effekts nötig waren, Wahrscheinlichkeit gewinnt. Hätte er mit noch mehr Einbildungskraft geschildert, so würden die Freunde der Poesie nicht so viel Anlaß haben, gegen die Arbeit Einwendungen zu machen. Das Gesamtgemälde wäre jedoch sicher ohne wirkliche Vertreter für die meisten übrigen Personen weniger treu ausgefallen. Der große Grundbesitzer, der auf seinen Ländereien wohnt und denselben seinen Namen gibt, statt ihn, wie es in Europa üblich ist, von ihnen zu erhalten, kommt in Neuyork häufig vor. Der Arzt mit seiner Theorie, die er sich durch Experimente am menschlichen Körper eher schafft als verbessert; der fromme, selbstlose, tätige und schlecht belohnte Missionar; der halbgebildete, streitsüchtige, neidische und wenig achtbare Advokat mit dem Gegengewichte eines Kollegen von besserem Schlag und anderem Charakter; der unstete, handeltreibende, mißvergnügte Verkäufer seiner ›Verbesserungen‹; der beliebte Zimmermann und die meisten übrigen Charaktere sind allen bekannt, die je einen ›neuen‹ Bezirk besucht haben.

Nach den angeführten Umständen ist es augenfällig, daß der Autor bei Abfassung der ›Ansiedler‹ mehr Vergnügen genossen, als sein Werk wohl je dem Leser zu gewähren imstande sein wird. Er weiß, daß die Schrift zahlreiche Fehler enthält, von denen er in dieser Ausgabe auch einige zu verbessern bemüht war: da er sich aber wenigstens redlich bestrebt hat, das Seinige zur Unterhaltung der Lesewelt beizutragen, so vertraut er darum auch ruhig auf ihre wohlwollende Nachsicht, wenn er für sich selbst irgend zuviel in Anspruch genommen haben sollte.

Paris, im März 1832

I

Inhaltsverzeichnis

Der Winter kommt, am Jahresschluß zu üben Sein eigensinnig trübes Regiment Samt allen seinen Nebeln, Wolken, Stürmen.

Thomson

Fast im Herzen des Staates Neuyork liegt ein ausgedehntes Gebiet, das eine Folge von Bergen und Tälern darstellt. In diesem Gebirgsland nimmt der Delaware seinen Ursprung, und aus den silberklaren Seen wie aus den tausend Quellen dieser Gegend schlängeln sich die zahlreichen Zuflüsse des Susquehanna durch die Täler, bis sie durch die Vereinigung ihrer Wasser einen der stolzesten Ströme der Vereinigten Staaten bilden. Die Berge sind fast allgemein bis zu den Spitzen in anbaufähigem Zustand, obgleich nicht selten an ihren Flanken Felsenpartien vorspringen, denen die Gegend ihren in so hohem Grade romantischen und malerischen Charakter verdankt. Durch die schmalen, üppigen und urbar gemachten Täler zieht sich fast immer ein Flüßchen oder ein Bach, während schöne, blühende Dörfer zerstreut an den kleinen Seen oder an jenen Punkten der Wasserläufe liegen, die sich vorteilhaft für Manufakturen benutzen lassen. Man findet allenthalben durch die Täler bis zu den Spitzen der Berge hinan hübsche und bequeme Meiereien mit allen Anzeichen des Wohlstandes, und in jeder Richtung begegnet man Wegen, die von den ebenen, anmutigen Talgründen bis zu den höchsten und verwickeltsten Gebirgsketten hinanführen. Akademien und niederere Bildungsanstalten begegnen dem Auge des Fremden, der durch das unebene Gebiet seinen Weg sucht, alle paar Meilen; in der Menge der Orte, die der Gottesverehrung geweiht sind, bekundet sich ebensosehr der nachdenkliche und sittliche Charakter des Volkes, wie sich in der Mannigfaltigkeit ihrer Formen und des um dieselbe waltenden Geistes die unbedingte Gewissensfreiheit ausspricht. Kurz, der ganze Distrikt ist der sprechendste Beleg, wieviel sich – selbst in einem wenig kultivierten und rauhen Landstrich – unter der Herrschaft milder Gesetze tun läßt, sobald der einzelne für das Wohl des Ganzen, von dem er ein Teil zu sein sich bewußt ist, ein unmittelbares Interesse fühlt. Den Bemühungen des Ansiedlers, die Wildnis zu lichten, folgte der unermüdliche Fleiß des Grundbesitzers, das mit saurem Schweiß Errungene zu verbessern, – ein Umstand, der wohl den Wunsch rege machen kann, dereinst unter dem Rasen, den er bebaute, zu schlummern, oder nicht minder den im Lande geborenen Sohn veranlassen mag, aus kindlich frommem Sinn dem Grabe des Vaters nahe zu bleiben. Vor etwa vierzig Jahren › noch war das ganze Gebiet eine Wildnis.

Bald nach der durch den Frieden von 1783 anerkannten Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten richtete sich der Unternehmungsgeist ihrer Bürger auf eine Untersuchung der natürlichen Vorteile ihres weitausgedehnten Gebiets. Vor dem Revolutionskrieg beschränkten sich die bewohnten Teile der Kolonie Neuyork nur auf ein Zehntel ihres Gesamtumfangs. Ein schmaler Landgürtel, der sich auf beiden Seiten des Hudson hinzog – mit einem ähnlichen, der etwa 50 Meilen weit den Ufern des Mohawk folgte –, nebst den Inseln Nassau und Staten, und einige abgeschlossene Ansiedlungen auf besonders gutem Boden längs der Flußränder, bildeten das ganze Land, welches damals nicht einmal zweimal hunderttausend Seelen barg. In dem erwähnten kurzen Zeitraum hat sich die Bevölkerung über fünf Breiten-und sieben Längengrade ausgedehnt und ist zu anderthalb Millionen Einwohnern angeschwollen, die behaglich von ihrem Besitz leben und in Jahrhunderten nicht zu besorgen haben, daß der Ertrag des Bodens in ein ungünstiges Verhältnis zu ihren Bedürfnissen treten könnte.

Unsere Erzählung beginnt mit dem Jahre 1793, ungefähr sieben Jahre nach dem Entstehen einer der frühesten jener Niederlassungen, die den erwähnten fast märchenhaften Umschwung in der Macht und dem ganzen Zustand des Landes herbeiführen halfen.

An einem schönen, kalten Dezembertag um die Zeit des Sonnenuntergangs bewegte sich in dem beschriebenen Distrikt ein Sleigh langsam den Abhang eines Berges hinan. Der Tag war für die Jahreszeit schön gewesen, und nur zwei oder drei große Wolken, welche in dem Licht, das von den die Erde bedeckenden Schneemassen widerstrahlte, blendend weiß erschienen, segelten in dem reinen Blau des Himmels dahin. Der Weg wand sich längs eines Absturzes um den Gipfel eines Felsens hin und wurde auf der einen Seite durch übereinandergeschichtete Holzstämme geschützt, während man auf der andern den Felsen ausgesprengt hatte, um dem Straßenzug die für die gewöhnlichen Fuhrwerke der damaligen Zeit nötige Breite zu geben. Aber Holzstämme, Felsenaussprengung – kurz alles, was nicht mindestens etliche Fuß Höhe hatte, lag unter dem Schnee begraben. Eine einzige Fährte, kaum weit genug, um den Sleigh aufzunehmen, bezeichnete den Zug der Landstraße, die mit einer fast ellenhohen Schneeschicht bedeckt war. In dem um etliche hundert Fuß tiefer gelegenen Tal bemerkte man eine sogenannte Lichtung und die gewöhnlichen Vorkehrungen zu einer neuen Niederlassung, die sich sogar bergan bis zu einem Punkt erstreckten, wo der Weg nach einem auf dem Gipfel des Berges liegenden Flachland abbog, während weiter oben alles Wald war. Die Atmosphäre glitzerte, als wäre sie mit Myriaden von Lichtkörperchen erfüllt, und die edlen Rosse vor dem Sleigh waren fast ganz von einer Reifschicht bedeckt. Man sah den Dampf ihrer Nüstern wie Rauch aufsteigen, und jeder im Gesichtskreis liegende Gegenstand, wie auch die Vorkehrungen der Reisenden ließen auf die Strenge des Winters im Gebirge schließen. Das Pferdegeschirr, das von stumpfer tiefschwarzer Farbe war und sich sehr von dem glänzend gefirnißten unserer Tage unterschied, war mit ungeheuren Platten und Schnallen von Messing verziert, die in den flüchtigen Sonnenstrahlen, welche ihren Weg schräg durch die Baumgipfel fanden, wie blankes Gold erglänzten. Gewaltige, mit Nägeln beschlagene und mit Schabracken unterlegte Sättel trugen vier hohe viereckige Türmchen, durch welche die starken Zügel nach der Hand des Lenkers, eines Negers von ungefähr zwanzig Jahren, liefen. Sein Gesicht, das die Natur mit einem glänzenden Schwarz ausgestattet hatte, war jetzt scheckig vor Kälte, und in seinen großen leuchtenden Augen glänzten Tränen – ein Zoll, welchen die schneidenden Fröste dieser Gegenden den Söhnen der afrikanischen Sonne stets abverlangen. Gleichwohl aber lag ein lächelnder Ausdruck der Heiterkeit in seinem glücklichen Gesicht, welcher wohl seinen Grund in dem Gedanken an die nahe Heimat und an die Belustigungen eines Christabends in einem warmen Stübchen haben mochte.

Der Sleigh war eines jener geräumigen, bequemen, altmodischen Fuhrwerke, die eine ganze Familie in ihrem Bauch aufnehmen können, obgleich er in dem gegenwärtigen Augenblick außer dem vorerwähnten Schwarzen nur zwei Personen enthielt. Die Farbe war außen bescheiden grün, innen feurig rot; letzteres vielleicht, um in dem kalten Klima doch wenigstens dem Auge eine Glut vorzuführen. Große Büffelhäute, an den Rändern mit girlandenartig geschnittenem rotem Tuch verziert, lagen in dem Sleigh und umhüllten die Füße der Reisenden – eines Mannes in den mittleren Jahren und eines Mädchens in der ersten Blüte der weiblichen Reife. Der erstere war von breiter Statur, soweit die Vorkehrungen, die er zur Abwehr der Kälte getroffen hatte, überhaupt etwas von seiner Persönlichkeit sichtbar werden ließen. Ein verschwenderisch mit Pelzwerk verbrämter Überrock umschloß seinen ganzen Körper mit Ausnahme des Kopfes, der durch eine Marderfellmütze, mit Maroquin ausgekleidet und so geformt, daß sich die Seitenklappen über die Ohren herunterschlagen und durch ein schwarzes Band unter dem Kinn zusammenknüpfen ließen, geschützt wurde. Der obere Teil der Mütze war mit einer Art Quaste verziert, die aus dem Schwanz des Tieres, welches das übrige Material geliefert hatte, bestand und nicht unzierlich hinten einige Zoll über den Nacken hinunterhing. Unter dieser Vermummung sah man teilweise ein schönes Männergesicht, zumal ein Paar ausdrucksvoller, großer, blauer Augen, die einen hellen Verstand, gemütliche Heiterkeit und einen wohlwollenden Sinn verkündeten. Die Gestalt seiner Begleiterin war buchstäblich in den Kleidern, die sie trug, begraben. Aus einem dicht mit Flanell wattierten, großen Kamelottmantel, der dem Schnitt und der Weite nach offenbar für einen männlichen Körper bestimmt war, sah ein mit Pelz ausgelegter seidener Überrock hervor. Eine ungeheuere, mit Daunen gefütterte, schwarzseidene Kapuze verbarg Kopf und Gesicht bis auf eine kleine Öffnung, durch die man Atem holen konnte, obgleich hin und wieder auch ein Paar lebhafter, pechschwarzer Augen hervorfunkelten.

Aber Vater und Tochter (denn in dieser Verwandtschaftsbeziehung standen die beiden Reisenden) waren zu sehr mit ihren Betrachtungen beschäftigt, um durch den Ton ihrer Stimme die Stille zu unterbrechen, die durch das leichte Dahingleiten des Sleighs selten oder nie gestört wurde. Der erstere dachte an die Frau, welche sein Kind – das einzige – zum letzten Male an ihre Brust gedrückt hatte, als sie vier Jahre früher mit widerstrebendem Herzen ihre Zustimmung geben mußte, der Gesellschaft ihrer Tochter zu entsagen, damit diese sich jener Vorteile der Erziehung erfreuen möchte, welche damals nur die Stadt Neuyork zu geben imstande war. Wenige Monate nachher hatte ihn der Tod dieser treuen Genossin seiner Einsamkeit beraubt. Er liebte jedoch sein Kind zu aufrichtig, um sie in das noch recht wilde Land, in dem er wohnte, zurückzuholen, ehe die Zeit, welche zu ihrer völligen Ausbildung für nötig erachtet wurde, abgelaufen war. Die Gedanken der Tochter waren weniger düster, da der Wechsel und die immer neuen Reize der Landschaft, die sich bei jeder Wendung der Straße vor ihr auftaten, ihren Empfindungen ein frohes Staunen beimischten.

Der Berg, auf dem sie eben hinfuhren, war mit ungeheuren Rottannen bedeckt, die erst in einer Höhe von siebzig bis achtzig Fuß ihre Zweige ausbreiteten und bis zum Wipfel oft das Doppelte dieser Höhe maßen. Das Auge konnte sich daher durch die zahllosen Öffnungen einer weiten Aussicht erfreuen, wenn diese nicht durch ein fernes Hügelland oder durch einen Berggipfel jenseits des Tales, dem sie zueilten, begrenzt wurde. Die dunklen Baumstämme erhoben sich aus dem weißen Schneegrund wie regelmäßig gebaute Säulenschäfte, bis hoch oben die Zweige mit ihren immergrünen Nadeln eine Decke formten, die einen schwermütigen Kontrast zu der erstarrten Erde bildete. Die Reisenden fühlten keinen Wind, aber die Baumwipfel wiegten sich majestätisch und entsandten einen dumpfen, klagenden Ton, der ganz im Einklang mit der Ruhe der melancholischen Szenerie stand.

Der Sleigh war eine Strecke weit ganz eben fortgeglitten, und der Blick des jungen Mädchens war spähend, vielleicht auch furchtsam in die Tiefen des Waldes gerichtet, als sich ein lautes und anhaltendes Geheul, ähnlich dem Bellen eines zahlreichen Rudels von Jagdhunden, vernehmen ließ, das durch die hohen Bogen des Waldgewölbes hertönte. Sobald diese Laute das Ohr des alten Herrn erreichten, rief er laut dem Schwarzen zu:

»Halt, Aggy, der alte Hektor ist dort; ich würde sein Bellen unter Zehntausenden herauskennen. Lederstrumpf hat an diesem schönen Tag seine Hunde herausgeführt, und gewiß sind sie jetzt hinter einem Wild her. Dort, einige Klafter vor uns, läuft eine frische Hirschspur; – und nun, Beß, wenn du dich vor dem Feuern nicht fürchtest, so verspreche ich dir eine herrliche Zugabe zu deiner Christfesttafel.«

Der Schwarze hielt an, und ein heiteres Grinsen überflog seine erstarrten Züge, während er zugleich die Arme übereinander zu schlagen begann, um wieder einige Zirkulation nach den Fingerspitzen hin herzustellen. Der alte Herr richtete sich inzwischen auf, warf seine Verhüllung ab und stieg aus dem Sleigh auf eine Schneebank, die seine Last trug, ohne zu weichen.

Nach einigen Augenblicken kam er damit zustande, aus einer Masse von Schachteln und Koffern eine doppelläufige Vogelflinte hervorzuholen, und nachdem er sich seiner dichten Fäustlinge, unter denen er ein Paar andere mit Pelz gefütterte Lederhandschuhe trug, entledigt und das Schloß seines Gewehrs untersucht hatte, schickte er sich an, vorwärts zu eilen, als sich das leichte Rauschen eines durch das Gehölz stürzenden Tieres vernehmen ließ und unmittelbar darauf nur wenige Schritte vor ihm ein schöner Bock die Straße kreuzte. Das Auftauchen des Wildes geschah rasch und seine Flucht mit der Eile des Windes; aber der Reisende schien ein zu geübter Jäger zu sein, um sich dadurch außer Fassung bringen zu lassen. Sobald er des Tieres ansichtig wurde, erhob er mit sicherem Auge und stetiger Hand seine Flinte und gab Feuer. Das Tier schoß jedoch nicht erschreckt und scheinbar unverletzt weiter. Ohne sein Gewehr sinken zu lassen, wandte der Schütze aufs neue die Mündung seinem Opfer zu und feuerte abermals. Aber auch dieser Schuß schien seine Wirkung verfehlt zu haben.

Der ganze Auftritt war mit einer Geschwindigkeit vor sich gegangen, welche das Mädchen in hohem Grade verwirrte, und sie freute sich bereits unwillkürlich über das glückliche Entkommen des Tieres, als es plötzlich wie ein Meteor wieder auftauchte und abermals über den Weg setzte, worauf ein scharfer, rascher Ton, ganz verschieden von dem runden, vollen aus der Waffe ihres Vaters, in dem sich aber der Knall eines Gewehrs ebenfalls nicht verkennen ließ, an ihr Ohr schlug. In demselben Augenblick machte der Bock einen Sprung in die Höhe, und als dem ersten Schuß rasch ein zweiter folgte, stürzte das Tier kopfüber zur Erde, wo es sich auf der Schneerinde einigemal überkugelte. Ein lautes Hallo erscholl aus dem Munde des unsichtbaren Schützen, und unmittelbar darauf traten zwei Männer aus einem Versteck hinter zwei Tannenstämmen hervor, wo sie augenscheinlich dem Zug des Hirsches aufgelauert hatten.

»Ha! Natty, wenn ich gewußt hätte, daß Ihr im Hinterhalt läget, so hätte ich meine Schüsse sparen können«, rief der Reisende, indem er sich nach der Stelle hinbewegte, wo das Tier lag, in dessen Nähe ihm auch der entzückte Schwarze mit dem Sleigh folgte, »aber das Bellen des alten Hektor war zu ermutigend, um ruhig zu bleiben. Und doch bin ich nicht überzeugt, ob nicht eine meiner Kugeln den Burschen niederwarf.«

»Nein – nein – Richter«, entgegnete der Jäger mit einem stillen Kichern und jenem frohlockenden Blick, der das Bewußtsein einer höheren Kunstfertigkeit verkündet. »Sie haben Ihr Pulver nur abgebrannt, um sich an diesem kalten Abend die Nase zu wärmen. Glauben Sie denn, einen ausgewachsenen Bock, dem Hektor und die Slut auf den Fersen sind, mit dieser Schlüsselbüchse da zum Halten zu bringen? Es gibt ja Fasanen genug beim Moor, und die Schneevögel fliegen um Ihr Haus, so daß Sie dieselben mit Brotkrumen füttern können. Derartiges Wildbret ist etwas für Ihre Flinte; wenn Sie’s aber nach einem Bock oder einem Bärenschinken gelüstet, Richter, so müssen Sie eine langläufige Büchse mit eingefettetem Propfen mitnehmen, sonst werden Sie, denke ich, mehr Pulver verschwenden, als Sie Mägen füllen.«

Nach diesen Worten fuhr der Sprecher mit der bloßen Hand unter seiner Nase weg und verzog seinen breiten Mund abermals zu einer Art innerlichen Lachens.

»Das Gewehr streut gut, Natty, und hat seinerzeit wohl auch einem Hirsch den Garaus gemacht«, entgegnete der Reisende mit einem gutgelaunten Lächeln. »Der eine Lauf war mit Hirschposten geladen, – freilich der andere nur mit Vogeldunst. Da sind zwei Schüsse, der eine durch den Hals und der andere gerade durch das Herz. Es ist nicht ausgemacht, Natty, ob nicht einer davon von mir herrührt.«

»Nun, mag ihn erlegt haben, wer will«, versetzte der Jäger verdrießlich; »es handelt sich jetzt, denke ich, nur noch darum, von wem er gegessen wird.« Mit diesen Worten zog er ein großes Messer aus einer ledernen Scheide, die in seinem Gürtel stak, und durchschnitt dem Hirsch die Gurgel »Wenn zwei Kugeln in dem Tier stecken, so möchte ich doch fragen, ob nicht etwa auch zwei Büchsen abgefeuert wurden? – Außerdem, wer hat je gesehen, daß ein so zerrissenes Loch wie dieses hier am Hals durch ein nicht gezogenes Gewehr entsteht? Sie werden mir zugeben, Richter, daß der Bock erst bei dem letzten Schuß fiel, und der kam aus einer sicheren und jüngeren Hand, als die Ihrige und die meinige ist. Ich für mein Teil kann zwar, obgleich ich ein armer Mann bin, ohne dieses Wildbret leben, aber doch mag ich nicht gerne in einem freien Lande meine gerechten Ansprüche fahren lassen. Freilich muß ich, was das anbelangt, leider sehen, daß hier so gut wie in dem alten Land Gewalt vor Recht geht«

Ein Zug von Verdruß und Unzufriedenheit begleitete diese Rede des Jägers, obgleich er es für klug hielt, deren Schluß so leise auszusprechen, daß er sich in ein unverständliches Murmeln verlor.

»Nein, Natty«, entgegnete der Reisende, ohne sich seine gute Laune trüben zu lassen, »ich wehre mich nur um der Ehre willen. Mit einigen Dollars ist dieses Wildbret bezahlt, aber was kann mich dafür entschädigen, daß mir die Ehre, einen Hirschschwanz auf der Mütze zu tragen, entgeht? Bedenkt nur, Natty, wie ich über den hämischen Hund, den Dick Jones, triumphieren könnte, der bereits siebenmal in dieser Saison gefehlt und nichts heimgebracht hat als ein Waldhuhn und ein paar graue Eichhörnchen.«

»Ach, das Wild wird freilich immer seltener, Richter, je weiter diese Lichtungen und Verbesserungen um sich greifen«, erwiderte der alte Jäger mit einer Art erzwungener Resignation. »Es hat eine Zeit gegeben, wo ich dreizehn Hirsche, die Hirschkälber nicht mitgezählt, aus der Tür meiner Hütte schießen konnte! Und wenn’s einen nach einer Bärenkeule oder etwas der Art gelüstete, so durfte er nur eine Nacht wachen, um einen solchen Burschen beim Mondschein durch die Ritzen, welche die Baumstämme in den Wänden ließen, zu erlegen; es hatte dabei keine Gefahr mit dem Einschlafen; denn das Geheul der Wölfe konnte schon die Augen offenhalten. Da ist der alte Hektor –« er streichelte während dieser Worte einen hohen, schwarz-und gelbgefleckten Jagdhund mit weißem Bauch und weißen Beinen, der eben im Geleit der schon erwähnten Slut von einer Fährte zurückkehrte, – »sehen Sie, wie ihm die Wölfe die Kehle zerbissen haben – in jener Nacht, als ich sie von dem Wildbret vertrieb, das sie mir aus dem Rauchfang holen wollten. Der Hund ist zuverlässiger als mancher Christ; denn er vergißt nie einen Freund und hebt die Hand, die ihm sein Brot reicht.«

Es lag etwas Eigentümliches in dem Benehmen des Jägers, was die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf sich zog, wie sie denn auch von dem ersten Augenblick an, seit sie seiner ansichtig geworden, sein Äußeres und seine Tracht mit der gespanntesten Aufmerksamkeit betrachtete. Er war groß und so mager, daß er sogar noch länger aussah als die sechs Fuß, die er genau vom Scheitel bis zur Sohle maß. Auf dem mit dünnen, schlichten, rötlichen Haaren bedeckten Kopf trug er eine Fuchsmütze, die der des Reisenden an Gestalt ähnelte, aber ihr an Eleganz weit nachstand. Sein Gesicht war fleischlos, fast abgezehrt, aber ohne Spur von Krankheit; denn im Gegenteil deutete alles bei ihm auf die kräftigste und ausdauerndste Gesundheit. Kälte und häufiger Aufenthalt in Wind und Wetter hatten seine Haut gleichförmig gerötet. Seine grauen Augen blitzten unter einem Paar zottiger Brauen hervor, in deren natürliche Farbe sich ziemlich viel Grau gemischt hatte. Der magere Hals war bloß und so rot wie sein Gesicht, und aus seinem Oberkleid sah der schmale Streifen eines gewürfelten Hemdkragens hervor. Eine Art Rock aus nicht enthaarten Hirschfellen wurde von einem Gürtel aus farbigem Wollzeug um seinen Körper zusammengehalten. An seinen Füßen hatte er Mokassins aus Hirschhäuten, die nach der Sitte der Indianer mit Schweinestacheln verziert waren, und an verschossene hirschlederne Hosen schlossen sich über den Knien Gamaschen von demselben Material an, – eine Kleidung, die ihm unter den Ansiedlern den Beinamen Lederstrumpf erworben hatte. Über seine linke Schulter lief ein Riemen von Hirschleder, an dem ein ungeheures Ochsenhorn hing, welches so dünn ausgeschabt war, daß man das darin enthaltene Pulver durchscheinen sehen konnte; sein breiteres Ende enthielt einen kunstvollen, sicher schließenden hölzernen Boden, während das andere sorgfältig mit einem kleinen Pfropfen verwahrt war. Vor ihm hing eine lederne Jagdtasche, aus welcher er bei seinen letzten Worten ein kleines Maß hervorzog, das er mit Pulver füllte, um dann seine Büchse, die von dem Schneeboden an fast bis zu der Spitze seiner Fuchskappe reichte, wieder zu laden.

Der Reisende hatte, während der Jäger in dieser Weise beschäftigt war, die Wunden des erlegten Hirsches sorgfältig untersucht und rief jetzt, ohne sich an die üble Laune des anderen zu kehren:

»Es wäre mir gar zu lieb, wenn ich die Ehre, dieses Tier erlegt zu haben, in Anspruch nehmen könnte; und gewiß, wenn der Schuß durch den Hals aus meinem Gewehr kam, so kann ich es mit Recht tun; denn der durchs Herz war unnötig – wir nennen etwas der Art einen Akt der Supererogation, Lederstrumpf.«

»Sie mögen es mit was immer für einem gelehrten Namen belegen, Richter«, sagte der Jäger, indem er die Büchse mit seinem linken Arm unterstützte, einen Messingdeckel in seiner Jagdtasche öffnete, ein kleines Stück gefetteten Leders herausnahm, eine Kugel darein wickelte und beides während des Sprechens mit kräftiger Faust in den Gewehrlauf auf das Pulver hinuntertrieb, »denn es ist weit leichter, irgendein Wort zu ersinnen, als einen Bock im Sprung zu schießen. Aber dieses Tier hier kam, wie ich bereits vorhin sagte, durch eine jüngere Hand als die Ihrige oder die meinige zu seinem Ende.«

»Was sagt Ihr dazu, mein Freund?« rief der Reisende, indem er sich scherzend gegen Nattys Begleiter umdrehte. »Wollen wir um die Ehre losen und diesen Dollar aufwerfen? Das Silber ist Euer, wenn Ihr verliert. Was sagt Ihr dazu, mein Freund?«

»Daß ich den Hirsch schoß«, sagte der junge Mann etwas stolz und legte den Arm auf seine Büchse, welche ziemlich dieselbe Form wie die seines Gefährten hatte.

»Hier sind zwei gegen einen«, sagte der Richter mit einem Lächeln, »ausgestochen – überstimmt, wie wir vor Gericht sagen. Der Aggy da darf als Sklave nicht zeugen, und Beß ist minderjährig – nun, so muß ich eben zum schlimmen Spiel eine gute Miene machen. Ihr verkauft mir aber doch das Wildbret? Ah, es müßte mit dem Henker hergehen, wenn ich nicht aus dem Tode dieses Hirsches ein gutes Geschichtchen drechselte.«

»Ich habe hier nichts zu verkaufen«, antwortete Lederstrumpf, ein wenig von dem hohen Ton seines Begleiters annehmend, »denn ich für mein Teil habe Tiere gesehen, die mit einem Halsschuß noch tagelang sprangen, und ich bin keiner von denen, welche irgend jemandem das abspannen möchten, was ihm rechtlich gebührt.«

»Ihr beharrt an diesem kalten Abend sehr zäh auf Eurem Recht, Natty«, entgegnete der Richter in unverwüstlich heiterer Stimmung. »Aber was sagt Ihr, junger Mann? Sind drei Dollar genug für den Bock?«

»Laßt uns zuerst die Rechtsfrage zur gegenseitigen Zufriedenheit abmachen«, antwortete der Jüngling bescheiden, aber mit Festigkeit und in einer Weise des Ausdrucks, die weit über seine unscheinbare Außenseite erhaben schien. »Mit wieviel Posten hatten Sie Ihr Gewehr geladen?«

»Mit fünfen, Sir«, sagte der Richter, durch das Benehmen des andern etwas verblüfft. »Sind fünf nicht genug, um einen Bock wie diesen zu erlegen?«

»Einerschon würde hinreichen; aber –« er bewegte sich nach dem Baum hin, hinter dem er hervorgetreten war – »Sie erinnern sich, Sir, daß Sie nach dieser Richtung abfeuerten. Hier stecken vier der Kugeln im Baum.«

Der Richter untersuchte die frischen Spuren in der Rinde der Tanne, schüttelte den Kopf und entgegnete mit Lachen:

»Ihr liefert den Beweis gegen Euch selber, mein junger Advokat. Wo ist die fünfte?«

»Hier!« sagte der Jüngling, indem er den groben Mantel, welchen er trug, zurückschlug und auf ein Loch in seinen Unterkleidern deutete, aus dem große Tropfen Blutes hervordrangen.

»Guter Gott!« rief der Richter entsetzt, »habe ich hier wegen einer wertlosen Großtuerei die Zeit vergeudet, während ein Mitmensch durch meine Hand leidet, ohne eine Klage laut werden zu lassen? Aber schnell – geschwind – in den Sleigh – es ist nur eine Meile bis zum Dorf, wo man wundärztlichen Beistand haben kann. Alles Nötige soll auf meine Kosten besorgt werden, und du sollst bei mir bleiben, bis deine Wunde geheilt ist – ja, und auch nachher noch – für immer!«

»Ich danke für die gute Absicht, aber ich muß das Anerbieten ablehnen. Ich habe einen Freund, der sich sehr beunruhigt fühlen würde, wenn er erführe, daß ich verwundet und fern von ihm bin. Die Beschädigung ist nur leicht und hat keinen Knochen verletzt; aber ich denke, Sir, Sie werden jetzt meine Ansprüche auf das Wild gelten lassen.«

»Gelten lassen?« wiederholte der bewegte Richter. »Ich gebe dir hiermit auf immer das Recht, Hirsche, Bären und was dir beliebt, in meinen eigenen Wäldern zu schießen. Lederstrumpf war bis jetzt der einzige Mann, dem ich dieses Privilegium erteilte, und die Zeit ist wohl nicht mehr fern, wo es von Wert sein wird. Aber ich will euch den Hirsch abkaufen – da, diese Note wird dich für deinen und meinen Schuß bezahlen.«

Der alte Jäger richtete sich während dieser Unterredung stolz auf, wartete jedoch, bis der andere ausgeredet hatte, und sprach dann vor sich hin:

»Es leben viele, die behaupten, daß Nathanael Bumppos Recht, auf diesen Bergen zu schießen, älter sei als Marmaduke Temples Recht, es ihm zu verbieten«, waren seine Worte. »Aber wenn es überhaupt hierüber ein Gesetz gibt – und wer hätte je von einem gehört, welches einem Manne untersagt, einen Hirsch zu schießen, wo es ihm beliebt? –, aber wenn es überhaupt ein solches Gesetz gibt, so sollte es vorzugsweise auf Gewehre ohne Züge angewendet werden. Niemand kann wissen, wohin das Blei fliegen wird, wenn man einmal an einer so unzuverlässigen Waffe den Drücker berührt hat.«

Ohne auf Nattys Selbstgespräch zu achten, verbeugte sich der Jüngling in dankbarer Anerkennung des Anerbietens und versetzte:

»Entschuldigen Sie mich, Sir; ich brauche das Wildbret.«

»Aber für dieses könnt Ihr Euch manchen Hirsch kaufen«, entgegnete der Richter. »Nehmt es, ich bitte –« und seine Stimme zu einem Flüstern ermäßigend, fügte er bei – »es sind hundert Dollar.«

Nur einen Augenblick schien der Jüngling zu schwanken, dann aber erglühte er selbst durch das Rot hindurch, das die Kälte seinen Wangen gegeben hatte, als schäme er sich seiner vorübergehenden Schwäche, und lehnte das Anerbieten aufs neue ab.

Während dieser Szene stand das junge Mädchen auf, schlug, ohne auf die kalte Luft Rücksicht zu nehmen, die Mantelkappe, welche ihr Antlitz verhüllt hatte, zurück und sprach dann mit großem Ernst:

»Gewiß, gewiß, junger Mann – Sir – Ihr werdet meinen Vater nicht so sehr kränken, daß Ihr ihm das Bewußtsein auf die Seele laden möchtet, einen Mann, den seine Hand beschädigte, so im Wald zurückzulassen. Ich bitte Euch, kommt mit uns und laßt Euch ärztlichen Beistand gewähren.«

Mochte nun in diesem Augenblick seine Wunde mehr schmerzen, oder lag vielleicht in der Stimme und dem Wesen der schönen Sachwalterin ihres Vaters etwas Unwiderstehliches – wir wissen es nicht: genug, das Zurückhaltende im Benehmen des jungen Mannes wurde durch diese Anrede wesentlich gemildert, und er schwankte augenscheinlich, ob er ihrer Bitte entsprechen solle oder nicht, da ihm beides gleich schwer zu werden schien. Der Richter – denn diesen Titel müssen wir ihm in Zukunft geben, da er ein solches Amt bekleidete – gewahrte nicht ohne lebhaften Anteil diesen Zwiespalt in den Gefühlen des Jünglings; er trat daher auf ihn zu, nahm ihn freundlich bei der Hand, schob ihn sanft nach dem Sleigh hin und drängte ihn einzusteigen.

»Du findest keine nähere Hilfe als in Templeton«, sagte er, »und Nattys Hütte ist wenigstens drei Meilen entfernt. Komm – komm, junger Freund – geh mit uns, und laß den neuen Doktor nach deinem Arm sehen. Natty wird die Kunde von deinem Wohlbefinden deinem Freund überbringen; und wenn du es verlangst, so lasse ich dich morgen in deine Heimat führen.«

Es gelang dem jungen Manne, sich dem herzlichen Händedruck des Richters zu entziehen, aber den Blick vermochte er nicht von dem Mädchen zu wenden, das, ohne der Kälte zu achten, noch immer mit unverhülltem Gesicht dastand und durch den beredten Ausdruck seiner Züge die Bitte des Vaters aufs nachdrücklichste unterstützte.

Lederstrumpf stand inzwischen an seine lange Büchse gestützt da und hatte den Kopf etwas zur Seite gedreht, wie in ernstes Nachsinnen vertieft, als er auf einmal – augenscheinlich über seine Bedenklichkeiten beruhigt und bei einem Entschluß angelangt – das Schweigen unterbrach.