Lederstrumpf (Kompletter Romanzyklus) - James Fenimore Cooper - E-Book

Lederstrumpf (Kompletter Romanzyklus) E-Book

James Fenimore Cooper

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Beschreibung

Der Lederstrumpf ist eine epische Sammlung von fünf Romanen geschrieben von dem amerikanischen Autor James Fenimore Cooper. Diese Romane, darunter Der Wildtöter, Der letzte Mohikaner, und Der Pfadfinder, erzählen die Abenteuer des Trappers Natty Bumppo im amerikanischen Westen des 18. Jahrhunderts. Coopers literarischer Stil zeichnet sich durch detailreiche Beschreibungen der Natur und der Konflikte zwischen den Pionieren und den amerikanischen Ureinwohnern aus. Die Lederstrumpf-Romane gelten als Klassiker der amerikanischen Literatur und sind Meisterwerke des historischen Romans. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Seitenzahl: 4276

Veröffentlichungsjahr: 2017

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James Fenimore Cooper

Lederstrumpf

(Kompletter Romanzyklus)

Bereicherte Ausgabe. Der Wildtöter, Der letzte Mohikaner, Der Pfadfinder, Die Ansiedler & Die Steppe
Einführung, Studien und Kommentare von Sara Sauer

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1304-7

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Lederstrumpf (Kompletter Romanzyklus)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Ausgabe versammelt unter dem Titel Lederstrumpf (Kompletter Romanzyklus) die fünf Romane, mit denen James Fenimore Cooper die Figur Natty Bumppo in die Weltliteratur eingeführt hat: Der Wildtödter, Der letzte Mohikan, Der Pfadfinder, Die Ansiedler und Die Steppe. Ziel der Zusammenstellung ist es, den Zyklus in seiner Geschlossenheit erfahrbar zu machen und die Entwicklung eines Lebens und einer Landschaft in fortlaufender Lektüre sichtbar werden zu lassen. Die vorliegende Folge präsentiert die Romane in erzählchronologischer Ordnung – vom frühen Initiationsabenteuer bis zur weiten Prärie – und bietet damit einen Zugang, der thematische Linien und Motivwiederaufnahmen besonders deutlich macht.

Bei dieser Sammlung handelt es sich ausschließlich um Romane. Cooper schrieb einen durchgängigen Erzählzyklus, in dem jede Folge als eigenständige Abenteuergeschichte funktioniert und zugleich auf die anderen Teile verweist. Es sind keine Essays, Briefe oder Tagebücher enthalten, sondern prosaische Langformen, die historische Stoffe mit fiktionaler Erzählkunst verbinden. Die Texte gehören zur frühen US-amerikanischen Romankultur des 19. Jahrhunderts und verbinden Elemente des historischen Romans, der Abenteuerliteratur und des sogenannten Frontier-Romance mit realistischen Beobachtungen. So entsteht ein Panorama, das individuelle Schicksale, gesellschaftliche Wandlungsprozesse und geographische Räume in erzählerischer Form verknüpft.

Im Mittelpunkt steht Natty Bumppo, in deutschen Ausgaben meist Lederstrumpf genannt, eine Figur, die unter verschiedenen Beinamen auftritt und über Jahrzehnte hinweg begleitet wird. Er verkörpert die Erfahrung der Grenze zwischen Siedlungsraum und Wildnis, einen persönlichen Ehrenkodex und ein besonderes Verhältnis zur Natur. Der Zyklus folgt ihm nicht als Held im herkömmlichen Sinn, sondern als Maßstab, an dem Konflikte zwischen Loyalität, Gerechtigkeit und Überleben sichtbar werden. Indem Cooper das Leben einer einzelnen Figur über unterschiedliche Orte und Zeiten führt, entsteht eine übergreifende Erzählung von Reifung, Erinnerung und Abschied.

Die Schauplätze reichen von den wald- und seenreichen Regionen des Nordostens über Außenposten und Flusssysteme bis in die weiten Ebenen des Westens. Zeitlich spannen die Romane einen Bogen von der Kolonialzeit bis in die frühe Phase der Vereinigten Staaten. Kriegerische Auseinandersetzungen und Bündnisse bilden immer wieder den historischen Hintergrund, vor dem sich individuelle Entscheidungen entfalten. Die Räume sind nicht bloß Kulissen, sondern Handlungskräfte: Wälder, Seen und Prärien bestimmen Wahrnehmung, Tempo und Möglichkeiten der Figuren. So entsteht ein geographisches Gedächtnis, in dem Wege, Pfade und Schneisen zu Trägern von Erfahrung werden.

Zu den verbindenden Themen gehören das Spannungsfeld von Wildnis und Zivilisation, die Begegnung verschiedener Kulturen, die Frage nach Recht, Gesetz und persönlicher Verantwortung sowie die Formen des Zusammenlebens an einer bewegten Grenze. Cooper lotet die Ambivalenzen des Fortschritts aus: Schutz und Ordnung stehen neben Verlust und Verdrängung. Immer wieder wird verhandelt, was Treue bedeutet, wie Vertrauen entsteht und welche Grenzen die Gewalt hat. Die Romane führen vor, wie Sprache, Gebräuche und Landschaften Identität prägen – und wie der Wandel diese Grundlagen infrage stellt, ohne einfache Antworten zu liefern.

Stilistisch verbindet Cooper detailreiche Naturbeschreibung mit spannungsorientierter Handlung, Dialog und erzählerischer Reflexion. Ruhephasen eröffnen den Blick auf Orientierung, Spurenlesen und Witterung, während plötzliche Umbrüche die Figuren zu Entscheidungen drängen. Der Ton schwankt zwischen lakonischer Beobachtung und pathetischem Ernst, je nachdem, ob Nähe zur Gefahr, politische Konstellationen oder moralische Prüfung geschildert werden. Charakteristisch ist die Wechselwirkung von romantischem Ideal und realistischer Genauigkeit: Heroische Gesten stehen neben alltäglichen Handgriffen, große Landschaftsbilder neben präzisen topographischen Hinweisen, wodurch die Grenze als erfahrbarer Ort entsteht.

Der Wildtödter eröffnet die Folge als Erzählung der frühen Jahre von Lederstrumpf. Ausgangspunkt ist eine Seenlandschaft des Nordostens, in der erste Prüfungen des Könnens, der Loyalität und der Freundschaft bestehen. Die Handlung entfaltet sich aus einer konkreten Situation der Bedrohung und des Schutzes, in der Orientierung, Geduld und Maßhalten entscheidend werden. Der Roman positioniert die Figur an jener Schnittstelle, an der Überlieferungen, Regeln und persönliche Überzeugungen aufeinanderprallen. Zugleich legt er Motive an, die spätere Bände weiterführen: das Lesen der Spuren, die Kunst des Ausharrens und das Ringen um Vertrauen.

Der letzte Mohikan führt in eine von Kriegslagen und wechselnden Bündnissen geprägte Grenzwelt. Schauplatz ist ein umkämpftes Gebiet, in dem Wege von Wäldern, Flüssen und befestigten Orten bestimmt werden. Aus einer Schutz- und Begleitsituation heraus entspinnt sich eine Folge von Entscheidungen, die Loyalität und Verantwortung prüfen. Die Dynamik entsteht aus Orientierung im Gelände, aus Kommunikation über kulturelle Grenzen hinweg und aus dem Versuch, Gewalt einzuhegen. Der Roman vertieft, wie fragile Ordnungen in Ausnahmesituationen funktionieren und welche Rolle Urteilskraft, Umsicht und Selbstbeschränkung in gefährlichen Lagen spielen.

Der Pfadfinder verlegt die Handlung stärker an Wasserwege und Grenzposten, wo Kundschaft, Navigation und Kenntnis der Elemente gefordert sind. Lederstrumpf tritt als Vermittler und Führer auf, der Richtung gibt, ohne Herrschaft anzustreben. Die Geschichte setzt auf die Wechselwirkung von Naturkräften und menschlichen Absichten: Strömungen, Sichtverhältnisse und Distanzen strukturieren Chancen und Risiken. In dieser Konstellation treten Pflichtgefühl, Kameradschaft und privates Begehren in eine delikate Balance. Der Roman zeigt, wie Orientierung nicht nur eine Frage von Karten und Kompassen ist, sondern eine des Urteils, der Geduld und des rechten Moments.

Die Ansiedler verlagert den Schwerpunkt vom Durchqueren der Landschaft auf das Leben am Rand des Bestands. Die Ordnung eines entstehenden Gemeinwesens, seine Regeln, seine Konfliktlösungen und seine wirtschaftlichen Praktiken rücken ins Zentrum. Lederstrumpf bleibt Beobachter und Mitwirkender, jedoch steht nun das Spannungsverhältnis zwischen individuellen Fähigkeiten und institutionellen Rahmenbedingungen im Vordergrund. Besitz, Nutzung der Natur und Formen des Ausgleichs werden verhandelt. Der Roman macht sichtbar, wie Gesetze und Gewohnheiten entstehen, wie sie durchgesetzt werden – und wie sie mit dem Erlebnis der Wildnis in Reibung geraten.

Die Steppe bildet den weitgespannten Abschluss. Die offene Ebene weitet den Blick und zwingt zur Reduktion auf das Nötige: Wasser, Orientierung, Verlässlichkeit. Bewegungen erscheinen großräumig, Gefahren nehmen andere Gestalt an als in Wäldern und an Seen. Der Roman setzt auf das Nachdenken über Weg und Ziel, über Grenzen, die nicht mehr durch Bäume und Ufer, sondern durch Horizonte markiert sind. In dieser Umgebung gewinnt die Frage nach Beständigkeit und Wandel, nach Erinnerung und Weitergabe von Erfahrung besonderes Gewicht. Die Weite der Landschaft wird zur Bühne einer Bilanz, ohne den Figuren ihr Geheimnis zu nehmen.

Der Lederstrumpf-Zyklus, zwischen 1823 und 1841 in fünf getrennten Romanen veröffentlicht, hat die Vorstellung von der amerikanischen Grenze tief geprägt. Seine anhaltende Bedeutung liegt in der komplexen Verbindung von Abenteuer, historischer Verortung und moralischer Prüfung. Diese Ausgabe macht die innere Dramaturgie des Ganzen sichtbar, indem sie die erzählchronologische Entwicklung nachvollziehbar ordnet. Sie lädt ein, die Texte als miteinander kommunizierende Romane zu lesen, deren Motive wiederkehren und sich wandeln. Wer ihnen folgt, erhält kein Denkmal, sondern eine vielstimmige Erzählung über Wege, Entscheidungen und die Verantwortung des Handelns in bewegten Zeiten.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

James Fenimore Cooper (1789–1851) war ein US-amerikanischer Romanautor der frühen Nationalliteratur und ein Hauptvertreter der romantischen Erzähltradition. Bekannt wurde er vor allem durch die Lederstrumpf-Erzählungen, die das Spannungsfeld von Siedlung, Wildnis und kultureller Begegnung prägnant gestalten. Die in unserer Sammlung vereinten Bände – Der Wildtödter, Der letzte Mohikan, Der Pfadfinder, Die Ansiedler und Die Steppe – haben das Bild der nordamerikanischen Grenze nachhaltig geprägt und internationale Leserschaften erreicht. Coopers Werk verband Abenteuerhandlung mit Reflexion über Recht, Natur und gesellschaftliche Ordnung und trug dazu bei, dem jungen US-Schrifttum eine eigenständige Stimme zu verleihen.

Er wuchs im nördlichen Bundesstaat New York in unmittelbarer Nähe weitgehend unerschlossener Landschaften auf, deren Seen- und Waldregionen seine Schauplätze prägten. Als Jugendlicher besuchte er für kurze Zeit das College in New Haven; eine akademische Laufbahn schloss er nicht ab. Früh erwarb er seefahrerische Erfahrung und diente zeitweilig als Midshipman, was sein Verständnis von Disziplin, Gemeinschaft und Naturgefahren schärfte. Literarisch stand er unter dem Eindruck europäischer historischen Romane, besonders der Erzählkunst Walter Scotts, zugleich aber der republikanischen Ideale und Debatten seiner Gegenwart. Diese Einflüsse verschmolz er zu einer markanten, landschaftsbezogenen Symbolsprache.

In den 1820er‑Jahren wandte Cooper sich entschlossen dem Schreiben zu und etablierte sich rasch als Autor historischer und zeitgenössischer Erzählungen. Zentrales Projekt wurde die Figur Lederstrumpf (Natty Bumppo), deren Lebensweg er über mehrere Romane hinweg verfolgte. Die Reihe verbindet genaue Orts- und Naturbeobachtung mit Fragen von Rechtsprechung, Siedlungsethik und persönlicher Integrität. Zeitgenössische Lesende reagierten auf die Mischung aus Spannung, Landschaftsbeschreibung und gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit starker Resonanz im In- und Ausland. In dieser Phase entstanden die Grundsteine für jene fünf Bände, die heute oft als Kern seines Schaffens gelten und das Genre des Frontierromans prägten.

Die Ansiedler erschien in den 1820er‑Jahren und porträtiert eine Grenzgemeinde am See, in der unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen: Forstnutzung, Jagdrechte, Eigentum, Gemeinsinn. Lederstrumpf tritt hier als erfahrener Waldläufer auf, dessen naturverbundene Ethik mit expandierender Verwaltung kollidiert. Das Werk zeigte, wie Konflikte zwischen Tradition, Gesetz und Ressourcenschonung literarisch verhandelt werden können, und machte Coopers Beobachtungsgabe weithin sichtbar. Die detailreiche Darstellung des Winters, der Jagd und örtlicher Feste schuf einen realistischen Rahmen, in dem moralische Fragen anschaulich wurden. Der Roman bereitete die Bühne für spätere Erkundungen derselben Themen in wechselnden Zeiten und Landschaften.

Der letzte Mohikan verlegt die Handlung in die Zeit kolonialer Kriege und kombiniert Verfolgungsdrama, Waldkriegskunde und kulturübergreifende Begegnungen. Zugleich zeigt der Roman, wie Cooper heroische Ideale und tragische Verluste in ein dichtes Landschaftsbild einbettet. Die Steppe führt den Lebensweg Lederstrumpfs in die weiten Grasländer und setzt Themen von Alter, Wandel und Grenzverschiebung fort. Beide Bücher verbreiteten Coopers Ruhm weit über die USA hinaus. Ihre Darstellungen prägten populäre Vorstellungen von Wildernis und indigenen Gesellschaften, werden heute jedoch auch kritisch gelesen, weil sie Perspektiven und Stereotype ihrer Entstehungszeit spiegeln. Zugleich zeigen sie erzählerische Ökonomie und szenische Wucht.

Mit Der Pfadfinder und Der Wildtödter ergänzte Cooper die Lebensgeschichte seiner Figur um frühere Stationen. Der Pfadfinder spielt an den Großen Seen und verbindet nautische Elemente mit Wald- und Inselpassagen; Der Wildtödter zeigt den jungen Helden in einer moralischen Bewährungsprobe am See. Beide Romane betonen Loyalität, Maßhaltung und verantwortete Gewalt, zugleich die Schönheit und Gefährdung der Natur. Chronologisch ordnen sie die Reihe vom jungen Jäger bis zum greisen Grenzer und machen Coopers architektonisches Erzählen sichtbar: Wiederkehrende Motive – Jagd, Recht, Sprache, Landschaft – werden variiert und in neue Konfliktlagen überführt. So entsteht ein geschlossener Lebensbogen.

Cooper verbrachte auch Jahre in Europa, beobachtete dort Politik und Kultur und verarbeitete Eindrücke in Essays und Romanen; sein Ansehen blieb umstritten und lebendig diskutiert. In den Vereinigten Staaten schrieb er zudem zu Fragen von Gesellschaft und Öffentlichkeit und blieb bis in seine späten Jahre produktiv. Er starb 1851 in New York State. Das Vermächtnis der Lederstrumpf-Bände ist bis heute spürbar: Sie bilden ein Fundament der amerikanischen Romankunst, prägen Abenteuergattungen und Landschaftsdarstellungen und sind weltweit verbreitet. Ihre Wirkung reicht von Literatur und Übersetzung bis zu Bühnen‑ und Filmadaptionen. Die fünf hier versammelten Bücher bleiben zentrale Bezugspunkte der Rezeption.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

James Fenimore Cooper (1789–1851) verfasste den Lederstrumpf-Zyklus zwischen 1823 und 1841. Die fünf Romane – Der Wildtödter, Der letzte Mohikan, Der Pfadfinder, Die Ansiedler und Die Steppe – sind in einer erzählten Lebenschronologie des Grenzers Natty Bumppo angeordnet, aber nicht in dieser Reihenfolge entstanden. Sie spielen zwischen den 1740er Jahren und dem ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und überbrücken damit die Epoche vom kolonialen Nordamerika bis in die frühe Republik. Der Zyklus verarbeitet zeitgenössische Debatten über Expansion, Landordnung und Rechtsstaatlichkeit und reflektiert zugleich die Suche nach einer eigenständigen amerikanischen Literatur nach dem Unabhängigkeitskrieg.

Im 18. Jahrhundert prägte die Konkurrenz zwischen europäischen Mächten die nordamerikanischen Binnenräume. Besonders der Konflikt zwischen Frankreich und Großbritannien kulminierte im Siebenjährigen Krieg (1756–1763), in Nordamerika als French and Indian War (1754–1763) bezeichnet. Strategische Korridore zwischen dem Hudson Valley und dem Sankt-Lorenz-Strom, mit Ketten von Seen und Portagen, wurden militärisch befestigt. Ereignisse wie die Operationen um Fort William Henry 1757 bildeten die Kulisse für Grenzerfahrungen, die Cooper literarisch verarbeitet. Diese Gewalt- und Bündnisgeschichte strukturierte Machtverhältnisse und Handelswege, in deren Schatten Siedlungen, Missionsstationen und Forts entstanden und wieder verschwanden.

Zentral für die historische Einbettung ist die Präsenz und politische Agency indigener Nationen. Die Haudenosaunee (Irokesen-Konföderation) dominierten weite Teile des nördlichen Binnenlandes und pflegten differenzierte Bündnisse mit europäischen Mächten. Die Mahican (in englischen Quellen oft „Mohican“) lebten im und um das Hudsontal und wurden im 18. Jahrhundert durch Krieg, Krankheit, Missionierung und Landdruck stark verlagert. Indigene Diplomatie – etwa der Covenant Chain – strukturierte Beziehungen, bevor koloniale Verträge und spätere US-Politiken Landabtretungen erzwangen. Coopers Romane greifen diese Gemengelage als Rahmen auf und verweisen auf die Umbrüche, die Allianzen und Territorien neu ordneten.

Die ökonomische Logik der Grenzregion beruhte lange auf dem Pelzhandel. Biberfelle verbanden Jagdgebiete im Waldgürtel mit atlantischen Märkten. Forts, Handelsposten und Missionsorte bildeten Knoten eines transindigenen und transatlantischen Netzwerks, in dem Metallwaren, Waffen, Stoffe und Alkohol zirkulierten. Transport erfolgte per Kanu, Bateau und leichten Schuten über Flüsse und Seen, unterstützt von Portagen. Die Jagdtechnologien – vom Flintenlauf bis zur Schneeschuhspur – und das Wissen um Routen bestimmten Lebensrhythmen. Dieser Wirtschaftsraum erodierte ab dem späten 18. Jahrhundert, als Bestände schrumpften und Siedlungs- sowie Agrarinteressen den Ressourcenmix veränderten.

Nach dem Unabhängigkeitskrieg weitete sich die Siedlungsfront in den Staat New York aus. Große Landpatente, Spekulation und Parzellierung prägten die Region. William Cooper, der Vater des Autors, war als Landentwickler tätig und gründete 1786 Cooperstown am Otsego Lake. Diese Erfahrungen flossen in die Darstellung einer jungen Grenzstadt in Die Ansiedler ein, die in den frühen 1790er Jahren situiert ist. Die neue Gemeindestruktur – Kirchen, Märkte, Gerichte – traf auf bestehende Nutzungsrechte, Wege und Jagdgründe. Die Spannung zwischen privatem Eigentum, Gemeingebrauch und älteren Gewohnheiten wurde zu einem Kernkonflikt der entstehenden Republik.

Die Umgestaltung der Umwelt gehört zu den wichtigsten historischen Hintergründen. Holzschlag zur Siedlungs- und Schiffbauversorgung, Trift und Pottasche-Produktion veränderten Wälder massiv. Wildbestände unterlagen Markt- und Modezyklen; Gesetzgeber reagierten phasenweise mit Schonzeiten und Jagdregulierungen. Debatten über Verschwendung und Maß hielten bereits um 1800 Einzug in lokale Zeitungen und Gerichte. Diese frühen Auseinandersetzungen um Ressourcennutzung, Eigentumsgrenzen und Gemeinwohl spiegeln das Ringen um eine Ordnung, in der Natur als Kapital, Lebensgrundlage und moralische Kategorie zugleich verhandelt wird – ein Spannungsfeld, das Cooper literarisch immer wieder akzentuiert.

Mit dem Louisiana-Kauf 1803 verdoppelte sich das Territorium der Vereinigten Staaten und öffnete politisch wie imaginär die westlichen Ebenen. Expeditionen wie jene von Lewis und Clark (1804–1806) kartierten Flüsse, Gebirge und Völkerkontakte neu. Die Steppe spiegelt die frühe Phase US-amerikanischer Präsenz jenseits des Mississippi, in der mobile Reiterkulturen, Handelskarawanen und Armeeexpeditionen sich begegneten. Die Verlagerung indigener Gruppen, Jagddruck auf Großwild und die wachsende Bedeutung überregionaler Routen markieren den Übergang von Wald- zu Präriefrontier. Damit weitet sich der historische Horizont des Zyklus von regionalen Konflikten zu kontinentaler Expansion.

Politisch formierte sich nach 1787 ein republikanischer Rechts- und Institutionenrahmen. County-Gerichte, Milizen, Sheriffs und Landvermessung gaben der Peripherie ein Raster staatlicher Präsenz. Gleichzeitig wirkten ältere Praktiken der Selbsthilfe fort, und Autorität blieb umkämpft. Die Auseinandersetzung zwischen Gewohnheitsrecht und kodifiziertem Eigentum – etwa bei Waldnutzung, Fischfang oder Wegeführung – kennzeichnete viele Grenzgemeinden. In dieser Übergangswelt wurden Freiheitsideen konkret: als Streit um Zäune, Flussrechte und Jagd. Coopers Texte beobachten diese Verdichtung des Staates in der Fläche und die Ambivalenz, mit der Bewohner Ordnung akzeptierten oder umgingen.

Coopers Biografie liefert nachvollziehbare Kontexte. Aufgewachsen in Cooperstown, kannte er die Dynamik einer Plansiedlung aus erster Hand. Zwischen 1808 und 1810 diente er als Midshipman in der US-Marine; sein nautisches Wissen prägte spätere See- und Binnenwasserschilderungen. Die Publikationsfolge des Zyklus – Die Ansiedler (1823), Der letzte Mohikan (1826), Die Steppe (1827), Der Pfadfinder (1840), Der Wildtödter (1841) – weicht von der Lebenschronologie der Figur ab und erlaubt Rückblicke in frühere Epochen. Diese Anordnung verknüpft die unmittelbare Nachrevolutionszeit mit den militärisch aufgeladenen 1750ern und der frühen Westexpansion.

Literarisch steht der Zyklus in der Tradition des europäischen Historienromans, maßgeblich geprägt von Walter Scott. Romantische Ästhetik, Naturerhabenheit und die Dramatisierung historischer Bruchstellen rahmen die Texte. Zugleich reagiert Cooper auf das Bedürfnis nach einer nationalen Literatur, die Landschaft, Sitten und Konflikte Nordamerikas in den Mittelpunkt stellt. Der Grenzer als Figur bündelt Vorstellungen von Unabhängigkeit, Ortskenntnis und moralischer Selbstprüfung. Durch die Verschränkung von Abenteuer- und Sittenroman adressieren die Bücher sowohl Unterhaltungsmärkte als auch Debatten über Tugend, Gesetz und Zugehörigkeit in einer jungen Nation.

Ein wiederkehrendes Thema ist die Darstellung indigener Akteure im Spannungsfeld zeitgenössischer ethnografischer und missionarischer Diskurse. Tropen wie der „edle Wilde“ und die Erzählung vom „verschwindenden Indianer“ kursierten in Euroamerika und beeinflussten Wahrnehmungen. Cooper griff auf Reiseberichte, Kriegsdarstellungen und Mündliches zurück; aus heutiger Sicht zeigen seine Texte Stereotypisierungen und sprachliche Vereinheitlichungen. Gleichzeitig registrieren sie Allianzen, Rivalitäten und die Eigenlogiken indigener Politik. Die Spannung zwischen Anerkennung von Handlungsfähigkeit und kolonialen Rasterungen prägt die Rezeption und ist zentral für spätere kritische Neubewertungen.

Die Entstehungszeit der Romane fällt in die Ära der Marktintegration und des politischen Massenparteienwesens. Die 1820er bis 1840er Jahre brachten schnellere Kommunikation, wachsende Städte und eine Politisierung breiter Schichten. Unter Präsident Andrew Jackson wurde 1830 der Indian Removal Act verabschiedet, der Umsiedlungen östlicher Nationen in Gebiete westlich des Mississippi forderte. Zeitgenössische Leserinnen und Leser nahmen Grenzgeschichten vor dem Hintergrund dieser Politik wahr. Auch Konflikte wie der Black-Hawk-Krieg (1832) oder die Seminole-Kriege verstärkten öffentliche Debatten über Souveränität, Vertragstreue und Gewaltmonopole.

Technologisch markierten Feuerwaffen, Wasserfahrzeuge und Vermessungstechnik den Grenzalltag. Die amerikanische Langbüchse, britische und französische Musketen sowie Handwerkswissen bestimmten Jagd und Krieg. Auf Binnengewässern dominierten Kanus, Bateaux und kleinere Segler; militärische Flottillen operierten auf den Großen Seen, deren Geografie für Grenzkriege entscheidend war. Die Fertigstellung des Eriekanals 1825 veränderte den Norden New Yorks grundlegend: Märkte verdichteten sich, Siedlungen wuchsen, Wälder wurden noch intensiver genutzt. Coopers Romane, die frühere Epochen verhandeln, wurden so auch als Kommentare zu einer sich rasch beschleunigenden Gegenwart gelesen.

Die Verlags- und Lesekultur des frühen 19. Jahrhunderts begünstigte eine weite Verbreitung. Leihbibliotheken, Buchklubs und günstige Ausgaben erschlossen neue Publikumsschichten. In Abwesenheit eines internationalen Urheberrechts kursierten in Großbritannien und auf dem Kontinent rasch Nachdrucke amerikanischer Werke; umgekehrt geschah Gleiches. Coopers Romane wurden früh in Europa gelesen, oft in gekürzten oder neu gesetzten Fassungen. Die internationale Zirkulation beeinflusste Erwartungen an das „Amerikanische“: Wildnis, Grenzer, indigene Völker und Militärschauplätze wurden zu wiedererkennbaren Motiven, die auch außerhalb der USA Konsum- und Deutungsmuster prägten.

Im deutschsprachigen Raum fanden die Lederstrumpf-Romane seit den 1820er Jahren weite Verbreitung. Übersetzungen machten sie zu Klassikern der Familien- und Jugendlektüre. Sie beeinflussten Vorstellungen von nordamerikanischer Geschichte und Natur und wirkten auf Autorinnen und Autoren der Abenteuerliteratur, darunter Karl May. Im 19. Jahrhundert wurden sie häufig illustriert; Bildwelten verstärkten die ikonischen Motive von Wald, See und Prärie. Diese Rezeption verschob Bedeutungen: Komplexe koloniale Konflikte wurden vereinfacht, zugleich aber blieb die Faszination für die Ambivalenz von Grenzraum, Recht und Gewalt erhalten.

Auch die bildende Kunst und das öffentliche Gedächtnis der USA wandelten sich zeitgleich. Die Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts, häufig als idealisierende Hudson-River-Tradition beschrieben, etablierte Natur als moralische und nationale Bühne. Reiseberichte, topografische Atlanten und Museumsgründungen trugen zur Popularisierung spezifischer Landschaftstypen bei. Coopers Texte standen in einem diskursiven Verbund mit solchen Medien: Sie halfen, Wälder, Seen und Ebenen zu symbolischen Räumen zu machen, in denen nationale Tugenden und Widersprüche verhandelt wurden. Diese Wechselwirkung stärkte die kulturelle Resonanz des Zyklus über den Literaturbetrieb hinaus.

Zeitgenössisch wurden die Romane als unterhaltsam und zugleich moraldidaktisch gelesen; später fielen Urteile stärker auseinander. Mark Twain verfasste 1895 eine vielzitierte Polemik gegen Coopers Erzähltechnik. Historikerinnen und Historiker befragten die Bücher auf ihren Quellenwert: weniger als Faktensammlungen, eher als Indikatoren populärer Geschichtsbilder. Pädagogische Ausgaben des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts glätteten oft Sprache und Inhalte. Trotz Kritik blieb der Zyklus in Druck, was seine Funktion als Kanonbaustein einer nationalen Erinnerungskultur unterstreicht – in den USA und darüber hinaus in Übersetzungsräumen Europas.','Seit dem späten 19. Jahrhundert rahmt die Frontier-These Frederick Jackson Turners (1893) Diskussionen zur US-Geschichte. Sie interpretierte die Grenze als Motor von Demokratie und Innovation und fand in populären Erzählungen Anknüpfung. Spätere Forschung – die „New Western History“ – problematisierte diesen Blick, betonte Kolonialität, Gewalt und ökologische Transformation. In diesem Spannungsfeld werden Coopers Romane heute häufig neu gelesen: als Texte, die die Entstehung eines nationalen Mythos dokumentieren, während sie zugleich Einsprengsel historischer Erfahrung – Kriegsbündnisse, Landmärkte, Umweltwandel – bewahren und für kritische Analysen zugänglich machen.','Postkoloniale und indigene Studien haben die Darstellung von Souveränität, Vertrag und Übersetzung in den Blick gerückt. Sie fragen nach den Effekten, die europäische Perspektiven auf Namen, Sprachen und Praktiken haben. Literaturwissenschaft und Umweltgeschichte verbinden sich in ökokritischen Ansätzen, die Jagd, Abfall, Lärm, Tiermigration und Holzwirtschaft analysieren. Dadurch werden die Romane als Archive von Materialkulturen und Wahrnehmungsregimen lesbar. Gleichzeitig verweisen sie auf Lücken – etwa Unterrepräsentationen bestimmter indigener Stimmen –, die durch oral history, Archäologie und Tribal Archival Collections ergänzt werden.','Der Lederstrumpf-Zyklus kommentiert seine Entstehungszeit, indem er eine historische Tiefenschärfe für Gegenwartskonflikte erzeugt. Er verknüpft Kolonialkrieg, Pelzhandel und Missionspolitik mit Republikgründung, Landvermessung und Marktintegration. Kulturell verhandelt er die Ambivalenz zwischen Bewahrung und Nutzung, Individualethos und Gemeinwohl, Zugehörigkeit und Ausschluss. Spätere Deutungen haben die Mythen, Stereotype und Einsichten der Romane gegeneinander gelesen. So bleibt die Sammlung ein Schlüssel, um zu verstehen, wie das 19. Jahrhundert Natur, Recht und Nation verknüpfte – und wie diese Verknüpfungen bis heute diskutiert, kritisiert und neu kontextualisiert werden.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Frühe Jahre: Der Wildtödter & Der letzte Mohikan

Der Wildtödter zeigt den jungen Natty Bumppo (Lederstrumpf) in einer Seenlandschaft, wo er seine Werte zwischen Kriegslist, Loyalität und Respekt vor der Wildnis formt und seine Partnerschaft mit Chingachgook bestätigt. Der letzte Mohikan verlegt die Handlung in die Wirren des Kolonialkriegs und verdichtet den Stoff zu einem Schutz- und Rettungsabenteuer, in dem wechselnde Allianzen und kulturelle Missverständnisse die Figuren antreiben. Beide Romane verbinden dichte Landschaftsschilderungen mit spannungsreichen Belagerungen und Verfolgungen; der Ton schwankt zwischen tatkräftiger Abenteuererzählung und nachdenklicher Betrachtung über Gewalt und Ehre.

Die mittlere Phase: Der Pfadfinder

Der Pfadfinder zeigt Lederstrumpf als kundigen Scout an den Großen Seen, wo militärische Aufträge, nautische Episoden und die Navigation durch dichte Wälder ineinandergreifen. Eine leise angelegte Liebesgeschichte und Loyalitätskonflikte prüfen seinen strengen Moralkodex und sein Selbstbild. Der Ton ist weniger wildromantisch als ausgleichend und häuslich gefärbt, mit stärkerem Interesse an Kameradschaft und Alltagsritualen am Rand der Zivilisation.

Späte Jahre: Die Ansiedler & Die Steppe

Die Ansiedler verlegt die Figur in eine aufstrebende Gemeinde, wo Fragen von Jagdrecht, Ressourcenverbrauch und sozialer Ordnung den Zusammenstoß zwischen Individualethik und Gesetz sichtbar machen. Die Steppe begleitet den gealterten Trapper in die Weiten des Westens, in deren offenen Landschaften familiäre und politische Konflikte stattfinden und die Vergänglichkeit des Grenzlebens spürbar wird. Beide späten Romane lösen das reine Abenteuer zugunsten eines elegischeren Tons ab und reflektieren die Folgen von Expansion und Modernisierung.

Motivische und stilistische Linien im Zyklus

Der Zyklus verknüpft Abenteuerhandlung mit ausführlichen Naturbeschreibungen und einem wiederkehrenden moralischen Prüfschema, in dem Gewissen, Loyalität und Maßhalten gegen Rache, Gier und Übermacht stehen. Zentral sind die vielschichtigen, oft ambivalent gezeichneten Begegnungen zwischen europäischen Siedlern und indigenen Gruppen, die gleichermaßen Kooperation, Missverständnis und Gewalt umfassen. Über die fünf Romane wandelt sich der Ton von der Initiations- und Rettungsgeschichte zur sozialen und elegischen Reflexion; zugleich zeichnet sich ein Lebensbogen ab, der vom Waldsee über Flüsse und Seen bis in die offene Prärie reicht.

Lederstrumpf (Kompletter Romanzyklus)

Hauptinhaltsverzeichnis
Der Wildtödter
Der letzte Mohikan
Der Pfadfinder
Die Ansiedler
Die Steppe

Der Wildtödter

Inhaltsverzeichnis

Welche Schreckgestalten um ihn her!Entsetzen zieht und Flucht zieht ihm voran, Und welker Kummer folgt und Oede seiner Bahn!

Gray.

Inhalt

Vorrede.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Eilftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechszehntes Kapitel.
Siebenzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Dreißigstes Kapitel.
Einunddreißigstes Kapitel.
Zweiunddreißigstes Kapitel.

Vorrede.

Inhaltsverzeichnis

Dieses Buch wurde nicht ohne manche Besorgnisse wegen seiner muthmaßlichen Aufnahme geschrieben. Einen und denselben Charakter durch fünf verschiedene Werke hindurchführen, konnte als allzukecke Zumuthung an die Gutmüthigkeit des Publikums erscheinen, und Manche möchten mit Grund dieß als ein Unterfangen ansehen, das an sich schon zur Mißbilligung herausfordere. Auf diesen sehr natürlichen Vorwurf kann der Verfasser nur erwiedern, daß, wenn er in diesem Falle einen schweren Fehler begangen, seine Leser selbst einigermaßen die Verantwortung dafür auf sich haben. Die günstige Aufnahme, welche den späteren Schicksalen und dem Tode Lederstrumpfs zu Theil wurde, hat der Seele des Verfassers wenigstens es zu einer Art von Nothwendigkeit gemacht, auch von seinen jüngeren Jahren Nachricht zu geben. Kurz, die Gemälde seines Lebens, wie sie nun einmal sind, waren schon so vollständig, daß sie wohl einiges Verlangen erwecken konnten, die Gesammtzeichnung zu sehen, nach welcher sie alle gemalt wurden. Die »Lederstrumpferzählungen« bilden jetzt eine Art von fünfaktigem Drama, vollständig, was den Inhalt und den Plan betrifft, wenn auch vermuthlich sehr mangelhaft in der Ausführung. So wie sie sind, hat sie die Lesewelt vor sich. Der Verfasser hofft, sie werde, entschiede sie auch dahin, daß der hier vorliegende Akt, der letzte in der Ausführung, obwohl der erste in der natürlichen Ordnung der Lektüre, nicht der beste der ganzen Reihefolge sey, doch das Urtheil fällen, daß er auch nicht eben der schlechteste sey. Mehr als einmal hat er sich versucht gefühlt, sein Manuskript zu verbrennen und sich zu einem andern Gegenstand zu wenden, obwohl er im Verlaufe seiner Arbeit eine Aufmunterung von so eigenthümlicher Art erhielt, daß es sich verlohnt, sie zu erwähnen. Ein anonymer Brief aus England, von der Hand einer Dame, wie ihn däucht, kam ihm zu, worin er dringend aufgefordert wurde, ungefähr eben das zu thun, was er schon mehr als halb ausgeführt hatte, – ein Wunsch, den er sehr gerne als ein Zeichen deutet, daß sein Versuch theilweise werde verziehen, wo nicht entschieden gebilligt werden.

Wenig braucht er über die Charaktere und die Scenerie dieser Erzählung zu sagen. Jene sind natürlich Werk der Dichtung; diese aber ist der Natur so treu, als nur immer die vertraute Bekanntschaft mit dem jetzigen Aussehen der geschilderten Gegend, und Vermuthungen über ihren früheren Charakter, so wahrscheinlich als die Einbildungskraft sie an die Hand gab, den Verfasser in Stand setzten, sie zu schildern. See, Berge, Thal und Wald sind insgesammt, wie er glaubt, genau genug dargestellt, während Fluß, Fels und Küste treue Abzeichnungen der Natur sind. Selbst die einzelnen vorspringenden Punkte existiren, etwas verändert durch die Civilisation, aber doch so entsprechend den Schilderungen, daß Jeder, der mit der Scenerie der fraglichen Gegend vertraut ist, sie leicht erkennt.

Was die historische Treue bei den Ereignissen dieser Erzählung im Ganzen und im Einzelnen betrifft, so ist der Verfasser gesonnen, hier auf seinem Recht zu bestehen, und darüber nicht mehr zu sagen, als was er für nothwendig erachtet. Bei dem großen Streit um Wahrheit, der zwischen Geschichte und Fiktion waltet, ist der Vortheil so oft auf der Seite der letzteren, daß er sehr geneigt ist, den Leser auf seine eigenen Forschungen zu verweisen, um über diesen Punkt in's Reine zu kommen. Sollte es sich bei genauer Untersuchung zeigen, daß ein anerkannter Historiker, daß öffentliche Urkunden oder auch Lokaltraditionen den Angaben dieses Buchs widersprechen, so ist der Verfasser bereit, zuzugestehen, daß der Umstand seiner Aufmerksamkeit gänzlich entging, und seine Unwissenheit zu bekennen. Andererseits, sollte sich's finden, daß die Annalen Amerika's nicht eine Sylbe enthalten, die dem, was hier der Welt vorgelegt wird, widerspräche, – wie er denn fest glaubt, daß die Forschung dieß ausweisen werde – so wird er für seine Erzählung genau so viel Glaubwürdigkeit in Anspruch nehmen, als sie verdient. Es gibt eine ansehnliche Classe von Romanlesern – ansehnlich ebenso wegen ihrer Zahl als in jedem andern Betracht, – die man oft mit dem Mann verglichen hat, der »singt, wenn er liest, und liest, wenn er singt«. Diese Leute sind über die Maßen phantasiereich in allem Thatsächlichen, und so buchstäblich pedantisch, wie die Uebersetzung eines Schulknaben, in Allem, was zur Poesie gehört. Zum Nutz und Frommen aller solcher Leute wird hiemit ausdrücklich erklärt, daß Judith Hutter eben Judith Hutter ist, und keine andere Judith; und überhaupt, daß, wenn irgendwo bei einem Taufnamen oder bei der Farbe des Haares eine Aehnlichkeit, ein Zusammentreffen sich findet, nichts weiter gemeint ist, als was für den Unbefangenen in der Gleichheit des Taufnamens oder der Haarfarbe liegt. Lange Erfahrung hat den Verfasser belehrt, daß dieser Theil seiner Leser der bei weitem am schwersten zu befriedigende ist, und er möchte ihnen, zum Besten beider Parteien, den ehrerbietigen Rath geben, den Versuch zu machen und Werke der Einbildungskraft so zu lesen, als wären es Erzählungen positiver Thatsachen. Ein solches Verfahren könnte sie vielleicht in Stand setzen, an die Möglichkeit der Dichtung zu glauben Der Wildtödter.

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

O welche Lust im Wald, pfadlos, verschlungen! O welch Entzücken am entleg'nen Strand! Dort ist Gesellschaft, die nicht aufgedrungen, Am Meer, in dessen Sturm Musik ich fand! Den Menschen lieb' ich, doch noch mehr verstand Ich die Natur; mit ihr, will ich nicht fragen Was ich wohl könnte seyn, einst war! Verwandt Durch sie dem All, fühl' ich, was auszusagen Ich nicht vermag, noch ganz mit Schweigen kann ertragen.

Childe Harold

Ereignissehaben für die menschliche Vorstellung die Wirkungen der Zeit. So kann sich, wer weit gereist ist und Viel gesehen hat, leicht einbilden, lange gelebt zu haben, und diejenige Geschichte, welche am reichsten ist an wichtigen Begebenheiten, nimmt am frühesten den Charakter und Schein eines weit zurückreichenden Alters an. Auf keine andere Weise vermögen wir uns das Gepräge von Ehrwürdigkeit zu erklären, das schon den Annalen Amerikas anhaftet. Wenn der Geist zurückschaut in die frühesten Tage der Geschichte der Colonieen, so scheint jene Periode fern und dunkel, da die tausend Wechselfälle, welche an die Kettenglieder der Erinnerung sich herandrängen, den Ursprung der Nation in eine Ferne rückwärts schieben, die scheinbar im Nebel unvordenklicher Zeit liegt, und doch würden vier Menschenalter von gewöhnlicher Lebensdauer hinreichen, um von Mund zu Mund, in der Gestalt der Tradition, Alles zu überliefern, was civilisirte Menschen im Bereich der Republik geleistet haben. Obgleich Neu-York allein eine Bevölkerung besitzt, größer in Wahrheit, als die der vier kleinsten Königreiche Europa's, oder auch als die der gesammten Schweizerischen Eidgenossenschaft, ist es doch erst Wenig mehr, als zwei Jahrhunderte her, seit die Holländer ihre Niederlassungen begannen und das Land aus dem wilden Zustand emporhoben. So wird, was durch die Häufung von wechselnden Ereignissen den ehrwürdigen Schein des Alters annimmt, zu vertrauterer Gewöhnlichkeit zurückgeführt, wenn wir es ernst und nüchtern nur in seinem Zeitverhältniß in's Auge fassen.

Dieser Blick auf die Perspective der Vergangenheit wird den Leser vorbereiten, daß er die Gemälde, die wir zu entwerfen im Begriffe stehen, mit weniger Ueberraschung betrachtet, als er vielleicht sonst empfunden hätte, und einige weitere Erläuterungen führen vielleicht seine Einbildungskraft zurück zur genauern und deutlichern Anschauung desjenigen Gesellschaftszustandes, den wir zu schildern wünschen. Es ist eine geschichtliche Thatsache, daß die Niederlassungen an den östlichen Ufern des Hudson, wie Claverack, Kinderhook und selbst Poughkeepsie vor hundert Jahren als nicht sicher vor Einfällen der Indianer galten, und noch steht an den Uferhöhen des genannten Flusses, nur einen Musketenschuß weit von den Cajen von Albany, ein Schloß eines jüngern Zweiges der Van Rensselaers mit Schießscharten zur Vertheidigung gegen eben jenen schlauen Feind, obgleich es aus einer kaum so fernen Zeit stammt. Andere ähnliche Erinnerungen und Urkunden von der großen Jugend des Landes findet man hin und wieder selbst in den Gegenden, die als der eigentliche Mittelpunkt amerikanischer Civilisation betrachtet werden, – zum klarsten Beweise, daß alle unsere Sicherheit vor Einfällen und feindlicher Gewaltthat die Frucht einer nicht viel längern Zeit ist, als welche nicht selten Ein Menschenleben umfaßt.

Die Begebenheiten dieser Erzählung fallen zwischen die Jahre 1740 und 1745, wo die mit Niederlassungen besetzten Striche der Colonie Neu-York sich auf die vier Atlantischen Bezirke, einen schmalen Landgürtel auf jeder Seite des Hudsons, von dessen Mündung bis zu den Fällen in der Nähe seines Ursprungs, und auf einige wenige vorgeschobne »Nachbarschaften« am Mohawk und Schoharie beschränkten. Breite Gürtel der Urwildniß reichten nicht nur bis an die Ufer des ersten Stromes, sondern kreuzten ihn sogar, indem sie nach Neu-England hin sich fortsetzten und mit ihren Wäldern Schutz und Versteck boten dem geräuschlosen Moccasin des eingebornen Kriegers, wenn er auf dem verborgnen und blutigen Kriegspfad daherschlich. Ein Blick aus der Vogelperspektive auf die ganze Gegend östlich vom Mississippi mußte damals eine unermeßliche Ausdehnung von Wäldern zeigen, abwechselnd mit einem vergleichungsweise schmalen Saum angebauten Landes der See entlang, punktirt gleichsam durch die schimmernden Spiegel der Seen, und durchschnitten von den bewegten Linien der Ströme. In einem so ungeheuern Bilde feierlich ernster Einsamkeit verliert sich der Landstrich, dessen Schilderung wir beabsichtigen, fast in Unbedeutenheit, doch fühlen wir uns ermuthigt, zur Ausführung zu schreiten, durch die Ueberzeugung, daß, leichte und unwesentliche Unterschiede abgerechnet, derjenige, dem eine genaue Anschauung eines Theils dieser wilden Gegend zu verschaffen gelingt, nothwendig auch einen ziemlich richtigen Begriff vom Ganzen dem Leser geben muß.

Welche Veränderungen und Verwandlungen auch durch die Menschenhand mögen bewirkt worden seyn, der ewige Kreis der Jahreszeiten ist nicht zerrissen worden. Sommer und Winter, Saat- und Ernte-Zeit kehren mit erhabener Genauigkeit immer wieder in der ihnen gesetzten Ordnung, und bieten dem Menschen eine der alleredelsten und genußreichsten Gelegenheiten, die hohe Macht seines weitreichenden Geistes zu bestätigen, indem er die Gesetze erfaßt, welche ihre strenge Gleichförmigkeit beherrschen, und ihre nie endenden Umkreisungen berechnet. Hunderte von Sommersonnen hatten die Wipfel der edeln Eichen und Fichten erwärmt, und ihre Glut selbst bis in die zähen Wurzeln hinabgesendet, als man Stimmen einander rufen hörte in den Tiefen eines Waldes, dessen laubreiche Höhe in dem glänzenden Licht eines wolkenlosen Juniustages schwamm, während die Stämme der Bäume in dem Schatten unten in düstrer Größe sich erhoben. Die Anrufungen waren von verschiedenem Ton, und rührten unverkennbar von zwei Männern her, die den Weg verloren hatten, und jetzt in verschiedenen Richtungen den rechten Pfad wieder suchten. Endlich zeugte ein jauchzender Schrei von glücklichem Erfolg und im Augenblick darauf brach ein Mann hervor aus dem verworrenen Labyrinth eines kleinen Sumpfes und trat in eine Lichtung, welche theils durch die Verheerungen des Windes, theils durch die des Feuers entstanden zu seyn schien. Dieser kleine, offene Platz, der eine freie Ansicht des Himmels gestattete, obgleich er ziemlich angefüllt war mit gefallnen Bäumen, lag neben einem der hohen Hügel oder niedern Berge, aus welchen beinahe die ganze Oberfläche der benachbarten Gegend bestand.

»Hier ist ein Platz zum Athemschöpfen!« rief der befreite Waldmann, sobald er sich unter blauem Himmel befand, und schüttelte seinen gewaltigen Körper, wie ein Spürhund, der eben einer Schneewehe entronnen ist: »Hurrah! Wildtödter; hier ist wenigstens Tageslicht und dort der See!«

Diese Worte waren kaum gesprochen, als der zweite Waldmann bei dem Buschwerke des Sumpfes hervortauchte und auf dem freien Platze erschien. Nachdem er in der Eile seine Waffen und seine in Unordnung gekommene Kleidung wieder zurecht gemacht, kam er zu seinem Genossen heran, der schon Anstalten zu einem Aufenthalt machte.

»Kennt Ihr diese Stelle?« fragte der als ›Wildtödter‹ Angerufene; »oder habt ihr so gejauchzt bei dem Anblick der Sonne?«

»Beides, Junge, beides; ich kenne die Stelle und es thut mir nicht leid, einen so nützlichen Freund zu erblicken, als die Sonne ist. Jetzt haben wir doch wieder die Richtungen des Compasses im Kopf, und es ist jetzt unser eigner Fehler, wenn wir sie uns wieder durch irgend Etwas kunterbunt durcheinander werfen lassen, wie uns vorhin geschah. Mein Name ist nicht Hurry Harry, wenn dieß nicht der Platz ist, wo die Land-Jäger im letzten Sommer lagerten und eine Woche zubrachten. Seht, dort sind die abgestorbenen Büsche von ihrem Zelt, und hier ist die Quelle. So sehr ich die Sonne liebe, Junge, so brauche ich mir doch jetzt nicht von ihr sagen zu lassen, daß es Mittag ist; dieser mein Magen ist ein so guter Zeitmesser, als es nur immer in der Colonie gibt, und er weist schon auf halb ein Uhr. So öffnet denn den Quersack, damit wir uns wieder aufziehen, um weitere sechs Stunden zu gehen.«

Auf diesen Vorschlag machten sich Beide daran, die nöthigen Vorbereitungen zu ihrem gewöhnlichen frugalen, aber herzhaften Mahle zu machen. Wir wollen diese Unterbrechung des Gesprächs benützen, dem Leser einen Begriff von der äußern Erscheinung der Männer zu geben, welche beide bestimmt sind, eine nicht unbedeutende Rolle in unserer Erzählung zu spielen. Es wäre nicht leicht gewesen, ein edleres Bild kraftvoller Männlichkeit zu finden, als welches in der Person desjenigen sich darbot, der sich selbst Hurry Harry nannte. Sein wahrer Name war Henry March; aber die Grenzmänner haben von den Indianern die Sitte angenommen, sobriquets (Spitznamen) zu geben, und so wurde die Bezeichnung: »Hurry« weit öfter gebraucht, als sein eigentlicher Name und nicht selten wurde er Hurry Skurry genannt, ein Spitzname, den er wegen seines fahrigen, rücksichtslosen, kurzangebundenen Wesens bekommen hatte, und wegen einer physischen Rastlosigkeit, die ihn in so beständiger Bewegung erhielt, daß er auf der ganzen Linie der zwischen der Provinz und den Canada's zerstreuten Wohnungen bekannt war. Die Statur Hurry Harry's betrug über sechs Fuß einen Zoll, und da er ungemein wohl gebaut war, entsprach seine Stärke vollkommen den Begriffen, die sein riesenhafter Körper erweckte. Das Gesicht paßte gar nicht übel zu dem übrigen Manne, denn es war gutmüthig und hübsch. Sein Wesen war frei und offen, und obgleich sein Benehmen und seine Art nothwendig von der Rohheit des Grenzlerlebens Etwas annehmen mußten, verhütete doch die einer so edeln Natur angeborne Großartigkeit, daß er nie ganz gemein werden konnte.

Wildtödter, wie Hurry seinen Begleiter nannte, war seinem Aeußern wie seinem Charakter nach, ein ganz andrer Mensch. Was den Wuchs betrifft, so maß er wohl gegen sechs Fuß in seinen Moccasins, aber sein Körper war vergleichungsweise leicht und schlank, zeigte jedoch Muskeln, die, wo nicht ungewöhnliche Stärke, doch ungewöhnliche Gewandtheit verriethen. Sein Antlitz hätte wenig Empfehlendes gehabt, außer der Jugendlichkeit, wäre nicht darin ein Ausdruck gewesen, der selten seines gewinnenden Eindrucks bei Allen verfehlte, die Gelegenheit hatten, es genauer zu prüfen, und dem Gefühle des Vertrauens, das es einflößte, sich zu überlassen. Dieser Ausdruck war einfach der: argloser Wahrhaftigkeit, gepaart mit einem Ernst des Willens und einer Lauterkeit des Gefühls, die man sonst nicht leicht sah. Zu Zeiten erschien dieß Gepräge von aufrichtiger Redlichkeit in solcher Einfalt, daß es auf den Verdacht bringen konnte, es fehle ihm an der Fähigkeit, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden; aber Wenige kamen in nähere, innigere Berührung mit dem Manne, ohne dieß Mißtrauen gegen seine Einsichten und Beweggründe zu verlieren.

Beide Grenzmänner waren noch jung, denn Hurry Harry hatte erst das sechs- oder achtundzwanzigste Jahr erreicht, und Wildtödter zählte noch einige Jahre weniger. Ihr Anzug bedarf keiner genauen Beschreibung, nur so viel mag erwähnt werden, daß er zu einem nicht kleinen Theile aus zugerichteten Hirschhäuten bestand, und die gewöhnlichen Spuren an sich trug, welche verriethen, daß er Männern gehörte, die ihr Leben auf der Grenze zwischen der civilisirten Gesellschaft und den endlosen Wäldern zubrachten. Dennoch bemerkte man einige Aufmerksamkeit und ein Bestreben, sich proper und malerisch zu zeigen in Wildtödters Anzug, und ganz besonders im Punkt seiner Waffen und seines Jagdzeuges. Seine Büchse war im vollkommensten Stand, der Handgriff seines Waidmessers war zierlich geschnitzt, sein Pulverhorn mit passenden Sinnbildern, leicht eingeschnitten in den Stoff, woraus es bestand, verziert, und seine Jagdtasche mit Wampum geschmückt. Dagegen trug Hurry Harry, sey es nun aus natürlicher Gleichgültigkeit, oder im geheimen Bewußtseyn, wie wenig seine äußere Erscheinung einer künstlichen Nachhülfe bedurfte, Alles in nachläßiger, liederlicher Weise an sich, als fühle er eine edle Verachtung gegen die ärmlichen Nebendinge, wie Kleidung und Schmuck. Vielleicht wurde der eigenthümliche Eindruck, den sein hoher Wuchs und seine schöne Gestalt machten, durch diese unstudirte, hochmüthige Gleichgültigkeit in seiner äußeren Erscheinung, eher verstärkt als vermindert.

»Kommt, Wildtödter, haut ein, und beweist, daß Ihr einen Delawaren-Magen habt, wie Ihr nach Eurer Behauptung eine Delawaren-Erziehung gehabt!« rief Hurry, der mit gutem Beispiel voranging, und den Mund aufriß, um ein Stück kalten Wildprets aufzunehmen, das für einen europäischen Bauern eine ganze Mahlzeit gewesen wäre; »haut ein, Bursche, und zeigt Eure Mannhaftigkeit an diesem armen Teufel von Damthier mit Euern Zähnen, wie Ihr es schon gethan mit Eurer Büchse.« »Nein, nein, Hurry, daran ist nicht viel Mannhaftigkeit, ein armes Thier zu tödten, und dazu noch außer der rechten Zeit, wohl aber mag es eine seyn, eine Unze oder einen Panther zu fällen,« versetzte der Andere, sich anschickend, der Aufforderung zu folgen. »Die Delawaren haben mir meinen Namen gegeben nicht so wohl in Betracht eines kühnen Herzens, als vielmehr eines scharfen Auges und eines flinken Fußes. Es mag nichts Feiges daran seyn, ein Thier zu fällen, aber gewiß ist es keine große Tapferkeit.«

»Die Delawaren selbst sind keine Helden,« murmelte Hurry zwischen den Zähnen, da er den Mund zu voll hatte, um ihn ganz aufthun zu können, »sonst hätten sie sich nimmermehr von den lumpigen Vagabunden, den Mingo's, zu Weibern machen lassen.«

»Die Sache ist nicht recht bekannt – ist nie recht erklärt worden,« versetzte Wildtödter ernst, denn er war ein eben so eifriger Freund, wie sein Begleiter als Feind gefährlich war; »die Mingo's füllen die Wälder mit ihren Lügen, und mißdeuten Worte und Verträge. Ich lebe jetzt zehn Jahre unter den Delawaren, und kenne sie als so mannhaft wie jede andre Nation, wenn die rechte Zeit zum Schlagen kommt.«

»Hört, Meister Wildtödter, weil wir einmal bei dem Gegenstand sind, können wir wohl unser Herz gegen einander öffnen, wie es sich unter Männern ziemt; antwortet mir auf Eine Frage: Ihr habt so viel Glück gehabt mit dem Wild, daß Ihr davon einen Ehrentitel führt, wie es scheint, aber habt Ihr je eine menschliche oder vernünftige Creatur getroffen? – habt Ihr je abgedrückt auf einen Feind, der im Stande war, auch auf Euch abzudrücken?«

Diese Frage erzeugte in der Brust des Jünglings eine eigenthümliche Collision zwischen Kränkung und richtigem Gefühl, die sich leicht im Mienenspiel seines redlichen Gesichts lesen ließ. Der Kampf war jedoch kurz; die Aufrichtigkeit des Herzens gewann bald die Oberhand über falschen Stolz und die Prahlsucht des Grenzmanns.

»Die Wahrheit zu gestehen, niemals,« antwortete Wildtödter, »aus dem Grunde, weil sich nie eine geeignete Gelegenheit zeigte. Die Delawaren sind friedlich gewesen die ganze Zeit meines Aufenthaltes unter ihnen, und ich halte es für unrecht, einem Menschen das Leben zu nehmen anders als in offenem, ehrlichem Kriege.«

»Was! habt Ihr nie einen Kerl betroffen, der diebisch unter Euren Fallen und Häuten herumschlich, und habt an ihm mit eigner Hand das Gesetz exequirt, um den Behörden die Mühe zu ersparen in den Ansiedlungen, und dem Burschen selbst die Kosten des Prozesses?«

»Ich bin kein Fallenjäger, Hurry,« erwiederte der junge Mann stolz: »ich lebe von der Büchse, einer Waffe, in deren Handhabung ich keinem Manne von meinen Jahren nachstehen will zwischen dem Hudson und dem St. Lawrence. Ich biete nie eine Haut zum Verkauf, die nicht ein Loch am Kopf hat neben denen, welche die Natur dort gemacht hat zum Sehen und zum Athmen.«

»Ja, ja, das ist Alles recht gut mit den Thieren, aber es macht doch eine armselige Figur neben Skalpen und Hinterhalten. Einen Indianer aus einem Hinterhalt niederschießen, heißt nur nach seinen eignen Grundsätzen handeln, und jetzt, da wir einen rechtmäßigen Krieg haben, wie Ihr es nennt, wird, je eher Ihr diese Schmach von Eurem Gewissen wischt, um so gesünder Euer Schlaf seyn, wenn auch nur dadurch, daß Ihr wißt, es schleicht und heult Ein Feind weniger in den Wäldern. Ich werde nicht lange Eure Gesellschaft suchen und hegen, Freund Natty, wenn Ihr den Sinn nicht höher tragt, als Eure Büchse gegen vierfüßige Creaturen zu gebrauchen.«

»Unsre Reise ist beinahe zu Ende, wie Ihr sagt, Meister March, und wir können heute Nacht uns trennen, wenn es Euch gelegen scheint. Ich habe einen Freund, der auf mich wartet, und der es für keine Schande halten wird, mit einem Mitmenschen umzugehen, der noch keinen seiner Gattung erschlagen hat.«

»Ich möchte wohl wissen, was den schleichenden Delawaren in diese Gegend des Landes geführt hat, so früh in der Jahreszeit,« murmelte Hurry vor sich hin in einer Weise, die ebenso sehr Mißtrauen zeigte, als auch Gleichgültigkeit dagegen, ob er es verrathe. »Wo sagt Ihr, daß der junge Häuptling Euch zu treffen verabredet habe?«

»Auf einem kleinen, runden Felsen, unten am See, wo, wie »man mir sagt, die Stämme ihre Verträge zu machen und ihre Streitäxte zu begraben pflegen. Diesen Felsen habe ich oft von den Delawaren nennen hören, obgleich See und Fels mir gleich unbekannt sind. Der Landstrich wird von den Mingo's und von den Mohikans in Anspruch genommen, und ist in Friedenszeit eine Art von gemeinsamem Grund und Boden zum Fischen und Jagen; was es aber in Kriegszeiten werden mag, weiß der Himmel allein!«

»Gemeinsamer Grund und Boden!« rief Hurry, laut lachend. »Ich möchte wohl wissen, was Floating Tom Hutter dazu sagen würde. Er spricht den See als sein Eigenthum an, in Kraft fünfzehnjährigen Besitzes, und wird ihn schwerlich weder den Mingo's noch den Delawaren abtreten, ohne darum zu kämpfen.«

»Und was wird die Kolonie sagen zu einem solchen Streit? diese ganze Gegend muß einen Eigenthümer haben, da die Herrenleute ihre Begehrlichkeit selbst bis in die Wildniß ausdehnen, auch da wo sie nicht das Herz haben, in eigner Person sich darin umzusehen.«

»Das mag in andern Theilen der Kolonie angehen, Wildtödter, aber hier nicht. Kein menschliches Wesen, den Herrn ausgenommen, hat einen Fußbreit Boden in dieser Gegend des Landes als sein anzusprechen. Nie ward eine Feder eingetaucht, Etwas zu Papier zu bringen in Betreff des Hügels oder des Thales hier herum, wie ich den alten Tom oft und viel habe sagen hören, und so hat er den besten Anspruch darauf unter allen Menschen die athmen; und was Tom anspricht, das wird er wohl auch behaupten.«

»Nach dem, was ich von Euch gehört habe, Hurry, muß dieser Floating Tom ein außergewöhnlicher Sterblicher seyn; weder Mingo, noch Delaware, noch Bleichgesicht. Auch sein Besitz wäre, nach Eurem Sagen, schon alt, und weit älter als die Grenzansiedlungen. Was ist des Mannes Geschichte und Wesen?«

»Ha, was des alten Tom's menschliche Natur anlangt, so gleicht die wenig anderer Leute menschlicher Natur, sondern mehr der menschlichen Natur einer Bisamratze, angesehen daß er mehr die Art dieses Thieres, als die Art anderer Mitgeschöpfe hat. Einige glauben, er sey in seiner Jugend Freibeuter auf dem Salzwasser gewesen, und der Genosse eines gewissen Kidd, der wegen Seeräuberei gehängt wurde, lang ehe Ihr und ich geboren oder bekannt wurden, und er sey in diese Gegend gekommen in der Hoffnung, des Königs Kreuzer würden nie über die Berge herüber kommen, und er könne sich in den Wäldern im Frieden des Raubes erfreuen.«

»Dann war er im Irrthum, Hurry, sehr im Irrthum. Des Raubes kann sich ein Mensch nirgends im Frieden erfreuen.«

»Das ist, je nachdem er eine Gemüthsart hat. Ich habe Solche gekannt, die sich dessen gar nicht anders erfreuen konnten, als in wilder Lustbarkeit, und wieder Andre, die ihn am besten genossen in einem einsamen Winkel. Manche Menschen haben keinen Frieden und Ruhe, wenn sie keinen Raub finden, und Andre nicht, wenn es ihnen gelingt. Die menschliche Natur ist kurios in diesen Dingen. Der alte Tom scheint zu keiner von beiden Arten zu gehören, denn er genießt seinen Raub, wenn er das Seinige wirklich so erworben, sehr ruhig und behaglich mit seinen Töchtern, und wünscht nicht mehr.«

»Ja, er hat auch zwei Töchter; ich habe die Delawaren, die in der Gegend herum jagten, ihre Geschichten von diesen jungen Weibern erzählen hören. Ist keine Mutter da, Hurry?«

»Es war eine da, wie natürlich, aber sie ist jetzt gute zwei Jahre todt und versenkt.«

»Ha, wie!« sagte Wildtödter, seinen Begleiter mit einigem Erstaunen anschauend.

»Todt und versenkt, sag' ich, und ich denke, das ist gut und klar gesagt. Der alte Kerl versenkte sein Weib in den See, als er von ihr scheiden mußte, wie ich als Augenzeuge der Ceremonie versichern kann; aber ob Tom dieß gethan, um sich das Graben zu ersparen, was kein Spaß ist unter Wurzeln, oder in der Einbildung, daß Wasser die Sünde eher abwasche als Erde, ist mehr als ich sagen kann.« »War das arme Weib eine ungewöhnliche Sünderin, daß sich ihr Gatte so viel Mühe mit ihrem Leichnam gab?«

»Keine außerordentliche, obgleich sie wohl ihre Fehler hatte. Ich denke, daß Judith Hutter ein so christliches und eines guten Endes so würdiges Weib war, als nur irgend Eine, die so lang außer dem Bereich des Läutens von Kirchenglocken lebte; und ich meine, der alte Tom versenkte sie wohl fast eher, um sich Mühe zu ersparen, als daß er sich welche gemacht hätte. Es war freilich ein wenig Stahl in ihrem Temperament, und da der alte Hutter ein ziemlicher Flintenstein ist, so gab es wohl hin und wieder Funken zwischen ihnen, aber im Ganzen konnte man sagen, daß sie sich freundschaftlich vertrugen. Wenn sie Feuer fingen, so wurden den Zuhörern solche Blicke in ihr früheres Leben zu Theil, wie man sie etwa in den dunkleren Theilen der Wälder bekommt, wenn ein verirrter Sonnenstrahl, bis herab zu den Wurzeln der Bäume dringt. Aber ich werde Judith immer werth schätzen, da es immer Lob und Empfehlung genug für ein Weib ist, die Mutter eines solchen Geschöpfs, wie ihre Tochter, Judith Hutter, zu seyn.«

»Ja, Judith war der Name, den die Delawaren nannten, obgleich sie ihn auf ihre Weise aussprachen. Nach ihren Gesprächen sollte ich nicht meinen, daß das Mädchen sehr nach meinem Geschmack wäre.«

»Nach deinem Geschmack!« rief March, ebenso über der Gleichgültigkeit als über der Anmaßung seines Genossen Feuer fangend; »was Teufels habt Ihr da von Eurem Geschmack zu schwatzen, und dazu noch, wenn es ein Weib, wie Judith, betrifft? Ihr seyd nur erst ein Knabe – ein Schößling, der kaum Wurzeln geschlagen. Judith hat Männer unter ihren Anbetern gezählt, seit sie ihr fünfzehntes Jahr zurückgelegt hat, was jetzt beinahe fünf Jahre her ist, und wird nicht Lust haben, auch nur einen Blick auf ein halbgewachsenes Bürschchen zu werfen, wie Ihr seyd.« «Es ist Junius, und kein Wölkchen zwischen uns und der Sonne, Hurry, und somit braucht es all diese Hitze nicht,« versetzte der Andere, im mindesten nicht aus der Fassung gebracht; »und Jeder darf seinen Geschmack haben, und ein Eichhörnchen hat das Recht, sich sein Urtheil über einen Panther zu bilden.«

»Ja, aber es möchte nicht immer klug seyn, es den Panther wissen zu lassen,« brummte March. »Aber Ihr seyd jung und gedankenlos, und ich will Eure Unwissenheit übersehen. Kommt, Wildtödter,« fuhr er mit gutmüthigem Lachen fort, nachdem er eine Weile nachdenklich geschwiegen, »kommt, Wildtödter, wir sind geschworene Freunde, und wollen nicht hadern um ein leichtsinniges, gefallsüchtiges Weibsbild, weil es zufällig schön ist, – zumal da Ihr sie noch gar nie gesehen. Judith ist nur für einen Mann, der vollkommen abgezahnt hat, und es ist thöricht, einen Knaben zu fürchten. Was haben denn die Delawaren von der Hexe gesagt? denn ein Indianer hat am Ende doch auch seine Begriffe vom Weibsvolk, so gut als ein weißer Mann.«

»Sie sagten, sie sey schön anzusehen, und gefällig im Gespräch; aber zu sehr Bewunderern sich hingebend und leichtsinnig.«

»Das sind eingefleischte Teufel! Welcher Schulmeister und Gelehrte ist am Ende einem Indianer gewachsen, was den Blick in die Natur betrifft? Manche Leute meinen, sie seyen nur gut auf der Fährte des Wildes oder auf dem Kriegspfad, aber ich sage: es sind Philosophen, und sie verstehen sich auf einen Mann so gut wie auf einen Biber, und auf ein Weib so gut wie auf beide. Nun, das ist wirklich Judith's Charakter auf ein Tüpfelchen! Euch die Wahrheit zu gestehen, Wildtödter, ich hätte das Mädchen schon vor zwei Jahren geheirathet, wären nicht zwei ganz besondere Umstände, – und der eine ist eben ihr Leichtsinn.«

»Und was mag der andere seyn?« fragte der Jäger, der fort aß, wie Einer, der sich eben nicht sehr für den Gegenstand interessirte.

»Der andre Umstand war die Ungewißheit, ob sie mich nähme. Das Mädel ist schön, und das weiß sie. Knabe, kein Baum, der auf diesen Hügeln wächst, ist gerader, oder schwankt mit leichterer Beugung im Winde, und nie habt Ihr das hüpfende Reh in natürlicherer Beweglichkeit gesehen. Wenn das Alles wäre, würde jede Zunge ihr Lob verkündigen; aber sie hat solche Mängel, daß ich es schwierig finde, sie zu übersehen, und manchmal schwöre ich, nie wieder den See zu besuchen.«

»Und was ist der Grund, daß Ihr immer wieder kommt? Nichts wurde je dadurch sicherer, daß man darüber schwur.«

»Ach, Wildtödter, Ihr seyd in diesen Angelegenheiten ein Neuling; Ihr klebt so an Eurer frühern Erziehung, als hättet Ihr nie die Ansiedlungen verlassen. Bei mir ist es ein andrer Fall, und nie empfinde ich das Bedürfnis, eine Idee festzuhalten, daß ich nicht auch Lust fühle, darüber zu schwören. Wenn Ihr in Betreff Judith's alles wüßtet, was ich weiß, würdet Ihr ein wenig Verfluchen wohl gerechtfertigt finden. Nun, die Offiziere streifen manchmal hinüber an den See, von den Forts am Mohawk, um zu fischen und zu jagen, und dann scheint die Kreatur ganz außer sich! Ihr könnt das sehen an der Art, wie sie ihre Schmucksachen trägt, und dem vornehmen Wesen, das sie bei den galanten Herrn annimmt.«

»Das ist unpassend bei eines armen Manns Tochter,« versetzte Wildtödter ernst; »die Offiziere sind alle vornehme Leute, und können ein Mädchen wie Judith nur mit bösen Absichten ansehen.«

»Das ist die Ungewißheit und der Dämpfer! Ich habe meine Besorgnisse wegen eines gewissen Kapitains, und Judith hat nur ihre eigne Thorheit anzuklagen, wenn ich Unrecht habe. Ueberhaupt wünschte ich, sie als sittsam und anständig ansehen zu dürfen, und doch sind die Wolken, die an diesen Bergen herumtreiben, nicht unsichrer und unzuverlässiger. Nicht ein Dutzend Weiße haben seit ihrer Kindheit sie mit Augen angesehen, und doch das Benehmen, das sie gegen zwei oder drei dieser Offiziere zeigt, löscht meine Flammen!« »Ich würde nicht mehr an ein solches Weib denken, sondern meinen Sinn ganz dem Walde zuwenden; der wird Euch nie täuschen, beherrscht und bemeistert von einer Hand, die nie bebt.«

»Wenn Ihr Judith kenntet, würdet Ihr sehen, wie viel leichter dieß zu sagen als zu thun ist. Könnte ich mein Gemüth beruhigen wegen der Offiziere, so würde ich das Mädchen mit Gewalt an den Mohawk entführen, sie zwingen mich zu heirathen, trotz ihrem flatterhaften Geiste, und den alten Tom der Sorge Hetty's, seiner andern Tochter, überlassen, die, wenn nicht so schön, noch von so schnellem Witz wie ihre Schwester, doch bei weitem die pflichtgetreuere ist.«

»Ist denn noch ein Vogel in demselben Nest?« fragte Wildtödter, sein Auge mit einer Art halberwachter Neugier emporhebend, – »die Delawaren sprachen mir nur von Einer!«

»Das ist ganz natürlich, wenn es sich von Judith Hutter und Hetty Hutter handelt. Hetty ist nur hübsch, während ihre Schwester, das sag' ich dir, Knabe, ein Geschöpf ist, wie man es nicht mehr findet zwischen hier und der See; Judith ist so voll Witz, Beredsamkeit und Schlauheit, wie ein alter indianischer Redner, während die arme Hetty im besten Fall nur einen guten Willen, aber einen schwachen Verstand hat;1 sie steht, möchte ich sagen, auf der Grenzscheide der Unwissenheit und manchmal taumelt sie auf die eine, manchmal auf die andre Seite hinüber.«

»Das sind Geschöpfe, die Gott in seine besondere Obhut, nimmt,« sagte Wildtödter feierlich; denn er sieht mit Sorgfalt auf Alle herab, die um ihr bescheiden Theil Vernunft zu kurz kommen. Die Rothhäute ehren und achten die so beschränkt Begabten, weil sie wissen, daß der schlimme Geist es mehr liebt, in einem schlauen Wesen zu wohnen, als in einem, das keinen tiefen Verstand hat, auf den er wirken kann.«

»Dann will ich dafür bürgen, daß er nicht lange hausen wird bei der armen Hetty, denn das Kind ist, wie gesagt, gar einfältigen Geistes. Der alte Tom hat ein Gefühl für das Mädchen, und so auch Judith, so prächtig und raschen Witzes sie auch selbst ist; sonst möchte ich nicht dafür stehen, daß sie ganz sicher wäre unter der Art von Männern, wie manchmal an das Ufer des See's kommen.«

»Ich dachte, das Wasser sey ein unbekannter und wenig besuchter Platz,« bemerkte der Wildtödter, dem es sichtlich unbehaglich ward beim Gedanken, der Welt zu nahe zu seyn.

»So ist es auch ganz, mein Junge; nicht die Augen von zwanzig weißen Männern haben ihn erblickt; aber doch können zwanzig Grenzmänner von ächtem Schrot und Korn, – Jäger und Fallensteller und Kundschafter und dergleichen – genug Unheil anrichten, wenn sie den Versuch machen. Es wäre mir etwas Entsetzliches, Wildtödter, wenn ich nach einer Abwesenheit von sechs Monaten Judith verheirathet fände!«

»Habt Ihr des Mädchens Wort und Zusage, die Euch zu besserer Hoffnung berechtigen?«

»Ganz und gar nicht. Ich weiß nicht, was es ist. Ich sehe gut genug aus, Junge! so viel kann ich in jeder Quelle sehen, worauf die Sonne scheint, – und doch konnte ich die kleine Hexe nie zu einer Zusage oder auch nur zu einem herzlichgemeinten Lächeln bringen, obgleich sie oft Stunden lang lacht. Wenn sie gewagt hat, in meiner Abwesenheit zu heirathen, wird sie wohl die Süßigkeit des Wittwenstandes zu kosten bekommen, noch ehe sie zwanzig Jahre alt ist!«

»Ihr würdet doch dem Mann, den sie gewählt, Nichts zu Leid thun, Hurry, blos darum, weil sie ihn mehr nach ihrem Geschmack gefunden, als Euch?«

»Warum nicht? Wenn ein Feind meinen Weg durchkreuzt, sollte ich ihn nicht hinausschlagen? Seht mich an – bin ich ein Mann, dem es gleich sieht, daß er von irgend einem kriechenden, schleichenden Hautkrämer sich den Rang ablaufen ließe in einer Sache, die mich so nahe angeht als die Zärtlichkeit der Judith Hutter? Zudem, wenn wir außer dem Bereich des Gesetzes leben, müssen wir uns selbst Richter und Vollstrecker seyn. Und wenn auch ein Mann in den Wäldern todt gefunden würde: Wer sollte auftreten und sagen, Wer ihn erschlagen, selbst den Fall gesetzt, daß die Colonie die Sache aufnähme und Lärm darüber schlüge?«

»Wenn der Mann der Judith Hutter Gatte seyn sollte, so könnte ich, nach dem was vorgegangen, wenigstens genug sagen, um die Colonie auf die Spur zu leiten.«

»Ihr! – ein halbgewachsener Wildbretschütz und junger Laffe! Ihr wagt es, daran zu denken, als Ankläger aufzutreten gegen Hurry Harry, und wenn es auch nur eine Waldtaube beträfe oder einen Iltiß?«

»Ich würde wagen die Wahrheit zu reden, Hurry, beträfe es Euch oder irgend einen Sterblichen.«

March starrte einen Augenblick seinen Begleiter in stummem Staunen an; dann faßte er ihn mit beiden Händen an der Kehle und schüttelte den vergleichungsweise Zartgebauten mit einer Heftigkeit, die einige Knochen zu verrenken drohte. Auch geschah dieß nicht im Scherz, denn Zorn flammte aus den Augen des Riesen, und gewisse Zeichen schienen weit mehr Ernst anzukündigen, als der vorliegende Fall dem Anschein nach erheischte oder rechtfertigte. Was immer March's eigentliche Absicht seyn mochte – und wahrscheinlich hatte er selbst keine bestimmte und klarbewußte – gewiß ist, daß er ungewöhnlich aufgebracht war; und wohl die Meisten, die sich von einem solchen Giganten, in solcher Gemüthsaufregung und in einer so tiefen, hülflosen Einsamkeit so gewürgt gesehen hätten, würden eingeschüchtert und versucht worden seyn, selbst in gerechter Sache nachzugeben. Nicht so Wildtödter. Sein Gesicht blieb unbewegt; seine Hand zitterte nicht, und er gab seine Antwort in einem Tone, der nicht einmal zu dem künstlichen Mittel einer erhöhten, lautern Stimme griff, um wenigstens die Entschlossenheit der Seele kund zu geben.

»Ihr könnt mich schütteln, Hurry, bis Ihr den Berg einfallen macht,« sagte er ruhig, »aber Nichts als die Wahrheit werdet Ihr aus mir heraus schütteln. Wahrscheinlich hat Judith Hutter keinen Gatten zum Erschlagen, und Ihr keinen Anlaß, einem aufzupassen, sonst würde ich ihm von Eurer Drohung sagen in der ersten Unterredung, die ich mit dem Mädchen habe.«

March ließ seine Hände los, und saß da, den Andern mit schweigendem Staunen betrachtend.

»Ich dachte, wir seyen Freunde,« sagte er endlich, »aber Ihr habt das letzte Geheimniß von mir gehört, das in Euer Ohr kommen soll.«

»Ich verlange auch keine mehr, wenn sie diesem gleichen sollten. Ich weiß, wir leben in den Wäldern, Hurry, und man nimmt an, daß wir außer dem Bereich menschlicher Gesetze seyen – und vielleicht sind wir es wirklich der That nach, wenn es auch dem Rechte nach anders sich verhält – aber es gibt ein Gesetz und einen Gesetzgeber, die über den ganzen Continent walten und herrschen. Wer jenes oder diesen in's Angesicht schlägt, darf mich nicht seinen Freund nennen.«

»Ich will verdammt seyn, Wildtödter, wenn ich nicht glaube, daß Ihr im Herzen ein Mährischer Bruder seyd, und kein wohlgesinnter, treuherziger Jäger, wie Ihr zu seyn vorgegeben.«