Gesamtwerk - Helmuth Dippner - E-Book

Gesamtwerk E-Book

Helmuth Dippner

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Beschreibung

Dieser Titel ist der dritte Band des Gesamtwerks von Helmuth Dippner

Das E-Book Gesamtwerk wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Theaterstücke,innere Konflikte,Menschliche Abgründe,Vergangenheitsbewältigung,Mord Korruption Alkoholismus

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Seitenzahl: 637

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Anmerkungen des Herausgebers

Statt eines Vorwortes

Theaterstücke

Der vierte Mann am Tisch

Der Nationalheld

Pension Aurora

Hier wird, nicht gespielt

Die Leiche im Keller

Niklas der Maler

Netzerather Verhältnisse

Zur letzten Station

Wo ist Magnus Laurin?

Bellarmin

Lebenslauf

Weitere Werke

Anmerkungen des Herausgebers

Am 27. März 2018, seinem 93. Geburtstag, nahm mich mein Vater auf die Seite. „Junge“, sagte er, „ich habe in meinem Leben so viel geschrieben, ich habe beschlossen aufzuhören. Ich fühle mich leer und habe nichts mehr zu sagen. Außerdem habe ich in meinem Alter keine Lust mehr, mich mit den jungen Schnöseln von Lektoren herum zuärgern. Denen geht es nur ums Geld und nicht um Sprache. Wenn du willst, kannst du alles von mir haben und dich selbst mit dieser Mischpoke rumärgern.“ Ich war so unvorsichtig, ja zu sagen, denn ich wusste nicht, was mich erwartete. Es war ein Schrank voll mit Manuskripten von Kurzgeschichten, Theaterstücken und sehr vielen Gedichten, gefühlt eine halbe Tonne Papier. Seinen 94. Geburtstag wollte er nicht feiern. „94 ist kein Grund zu feiern, nächstes Jahr, wenn ich 95 werde, feiern wir wieder mal im großen Stil“, waren seine Worte. Diesen Geburtstag sollte er nicht mehr erleben. Am 10. Januar 2020 verstarb mein Vater, Helmuth Dippner.

Ich stand vor einem Berg Papier und vor einem Problem: Mein Vater hatte nie in seinem Berufsleben einen Computer oder ein Textverarbeitungssystem benutzt. Alles was er geschrieben hatte, schrieb er auf seiner Schreibmaschine. Um diese Texte in einen prozessierbaren Zustand zu versetzen, habe ich während der Jahre 2018–2024, der Coronazeit und der heißen Sommer, alles gescannt, formatiert, editiert etc. Während des Korrekturlesens kam ich den Texten näher und je mehr ich las, desto mehr kam ich zu der festen Überzeugung, dass ich eigentlich sehr wenig über meinen Vater wusste. Ich hatte mir immer das Gegenteil eingebildet. Aus diesem Grund fühlte ich mich auch ziemlich befangen, ein Vorwort mit einer Würdigung zu schreiben. Deshalb habe ich einen Freund der Familie, Pfarrer Markus Geißendörfer, der auch meinen Vater beerdigt hat, gebeten, mir die Trauerrede als Vorwort zur Verfügung zu stellen. Dafür danke ich Markus.

Ein Schlüssel zu seinem Werk war ein kleines fragmentarisches Tagebuch, das ich zufällig auf der Suche nach dem Familienstammbuch fand. Es war ein Geschenk seiner Mutter zur Konfirmation am 2.4.1939. Der erste Eintrag ist vom 4.4.1939 und der letzte vom 17.9.1946. Dieses Tagebuch deckt sowohl die Zeit seiner Pubertät als auch die Zeit des zweiten Weltkrieges ab.

Die erste Erkenntnis aus diesem fragmentarischen Tagebuch war, dass er schon im Alter von 14 Jahren wusste, dass er Schriftsteller werden wollte. Der zweite bemerkenswerte Aspekt war seine beeindruckende, unverdrossene Hartnäckigkeit. Zwischen 1939 und 1944 reichte er 14 Theaterstücke und Erzählungen ein, deren Veröffentlichung alle abgelehnt wurde. Dies entmutigte ihn nicht, sondern spornte ihn an, weiter zu machen. Die Themen, die er behandelte, lassen sich anhand der kurzen Darstellungen einteilen in Fernweh und Heimweh, Liebe und Treue sowie Pflichtbewusstsein oder nordisches Heldentum. Personen, mit denen er sich beschäftigte, waren Vercingetorix, die Staufer oder Graf Götzen. Von diesen sehr frühen Werken ist nichts erhalten.

Der dritte und interessanteste Punkt war zu lernen, was er dachte und fühlte und was ihn im jugendlichen Alter prägte. Es sind dies drei Dinge, das Christentum, dem er in diesem Alter besonders kritisch gegenüber stand, die NS Propaganda eines Hans Friedrich Blunck, der in der Zeit des Nationalsozialismus verschiedene kulturpolitische Positionen unter anderem die des ersten Präsidenten der Reichsschrifttumskammer inne hatte, und vor allem aber die Romantik des 19. Jahrhunderts wie z.B. die Rheinsagen von Wilhelm Ruland.

Nach Sichtung des gesamten Materials war es nahe liegend, das Gesamtwerk in die drei Bände Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke zu unterteilen. Der Band Erzählungen ist historisch nicht sortiert, da mein Vater sehr selten Angaben zur Datierung gemacht hat. Die Geschichte „Ersatz“, die 1945 im Zeitfenster zwischen Kapitulation und Jahresende spielt, ist sein letztes Werk und seine längste Erzählung.

Nach dem Notabitur 1944 wurde er sofort zur Wehrmacht einberufen und war in den Niederlanden und in Italien bei der Artillerie an der Front. Trotz öfteren Nachbohrens war er nicht bereit, über den Krieg und seine Erfahrungen zu erzählen. Die Erzählung „Pontecorvo“ lässt ansatzweise vermuten, welche traumatischen Erlebnisse dazu führten, nicht über den Krieg sprechen zu wollen.

In einigen Erzählungen und Theaterstücken kommt die Figur eines Landstreichers oder Hausierers vor. Für ihn waren Landstreicher aus einer verklärten Romantik heraus der Inbegriff von absoluter Freiheit. Er begegnete zeitlebens diesen Menschen mit höchstem Respekt.

Beim Band „Gedichte“ war eine grobe zeitliche Zuordnung etwas einfacher, da aufgrund des Pseudonyms Karl Tischendörfer eine Dreiteilung möglich war. Deshalb ist dieser Band unterteilt in die Kapitel „Der frühe Helmuth Dippner“, „Das Werk Karl Tischendörfers“ und „Der späte Helmuth Dippner“. Er legte sich das Pseudonym zu, als er als Journalist den Arbeitgeber wechselte und vom „Main Echo“ zur „Frankfurter Rundschau“ ging. Auf meine Frage, „Warum das Pseudonym?“ war seine Antwort, er möchte den Journalisten der Frankfurter Rundschau vom Literaten trennen.

Aus dieser Zeit stammt auch ein Briefwechsel mit Karl Krolow aus Darmstadt, der ihn ermutigte, weiter zu schreiben. Eine weitere zeitliche Zuordnung war im frühen Helmuth Dippner möglich aufgrund des benutzten Papiers, das in der Nachkriegszeit rar war. Mein Vater schrieb deshalb auf alles, was ihm in die Finger kam. Ein handschriftliches Gedicht war auf der Rückseite eines DIN A5 Formblattes des Sozialgerichts Landshut geschrieben.

Der Umzug von Landshut nach Aschaffenburg änderte auch seine Landschaftsbeschreibungen, ein weiteres Hilfsmittel der zeitlichen Zuordnung. Ich lernte beim Lesen das mir bis dahin unbekannte Versmass der Terzinen kennen und war beeindruckt, zu sehen, dass er auch in jungen Jahren Sonette schrieb, bis er schließlich seine ihm eigene Bildsprache entwickelte, zu der vermutlich auch der enge Kontakt mit der Künstlerszene in Aschaffenburg und die Freundschaften mit Siegfried Rischar und Joachim Schmidt beigetragen haben.

Mein Vater liebte die Kunst, egal ob Musik, Literatur, Malerei oder Theater. Er war ein großer Freund des Boulevardtheaters, in das er gern mit der Familie ging, soweit es seine Zeit erlaubte. Seine Theaterstücke lassen sich ebenfalls kaum zeitlich zuordnen. Das älteste Stück „Der vierte Mann am Tisch“ ließ sich anhand der Papierqualität zuordnen. Vom Stück „Zur letzten Station“ gibt es drei verschiedene Schlussszenen. Hier ist dank einer zufälligen Datierung die letzte Version abgedruckt.

Ich wünsche allen Lesern viel Freude am Werk eines der letzten Romantiker.

Rostock 2025

Dr. Joachim Dippner

Statt eines Vorwortes

Liebe Trauergesellschaft,

Liebe Inge, lieber Joachim,

ich erinnere mich noch gut, als er sich mir vor 27 Jahren vorstellte, damals war er gerade drei Jahre im Ruhestand und er nannte mir gleich die gesamte Biographie: Sein Kommen aus dem Rheinland, seine erste Stelle in Landshut bei der „Isar Post“, dann „Main Echo“ mit dem mühsamen Umzug hier her nach Aschaffenburg und nächtlichen Ankunft, wie es damals noch war, in der zerstörten Stadt der Kleiderfabrikanten, dann die Chance bei der Frankfurter Rundschau, verantwortlich für die Seiten 1 und 2. Als Abschluss seiner Laufbahn sei bei der kassenärztlichen Vereinigung gewesen und, weil er nie die Chance hatte zu studieren, macht er eben jetzt Geschichte im ich weiß nicht wievielten Semester. Dann kannte er alle Künstler Aschaffenburgs und Ihre Geschichten, seine Frankreichfahrten, konnte innerhalb seiner Reiseerzählungen immer gleich die Literatur nennen, die genau diese Landschaft beschrieben hatte und die regionalen Färbungen der entsprechenden Fremdsprache präsentieren. Er überfuhr einen mit seinem Wissen, mit seinem Auftreten, mit seiner Sprachgewalt und seinem Humor. Die Show war perfekt. Aber auch anstrengend. Nie langweilig und er wiederholte sich dabei nicht. Ihre Mutter stand oft daneben und man hatte oft den Eindruck, dass sie ihn einbremsen musste in seinem überschäumenden Wesen und Wissen, das er nie vernachlässigte und immer und immer anreicherte. Ob es Medizin war und man lernte von ihm Fachbegriffe. Seine Diagnosen waren so berichtet, dass eine längere Übersetzungsarbeit notwendig wurde. Seine Referieren über Reformationsgeschichte ließen jeden Theologen alt aussehen. Dann wieder Rilke und Brecht und dann sein eigenes schriftstellerisches Arbeiten, vor allem kleinere Gedichtbände. Helmuth Dippner war ein Vulkan von Worten. Ich fand das immer sehr amüsant und dabei sehr bereichernd. So werde ich ihn auch in Erinnerung behalten.

Er stellte seine Sprache anderen zur Verfügung: Künstlern, dem Diakonischen Werk, dem Bildungswerk. Er war ehrenamtlich viel unterwegs und die Solidarität mit der Christuskirchengemeinde begleitete ihn, für die er viele Jahre ein streitbarer und kompetenter Kirchenvorsteher war. Er war immer ein überzeugter Protestant. Die Betonung lag auf Protestant. Und die Sprache war seine Art, sich zu zeigen, so ordnen und Dinge voranzutreiben und zu korrigieren. Seine Art, knapp Worte zu setzten, sie zu konzentrieren, vom allgemeinen Plauderton bis in die lyrische Verknappung. Helmuth Dippner war ein Mensch der Sprache, er verschrieb sich ihr. Und: Er hatte einen wunderbaren sarkastischen und etwas arroganten Witz. Das war manchmal sehr wohltuend.

Sprache ist bekanntlich ein Mittel der Kommunikation. Was steckte hinter seiner Freude und Lust an der Sprache?

Sicher, das Wissen, dass er das konnte. Er konnte vier Fremdsprachen. Seine Ausdrucksweise war sicher in den Sätzen, in den Begriffen und wusste, wie man auf den Punkt kam. Man musste ihm nicht immer Recht geben, weiß Gott nicht, aber man wusste immer, was er sagen wollte.

Sicher war es die Suche nach Anerkennung. Er litt immer darunter, dass er nicht studieren konnte. Seine Mutter wollte nach dem Krieg die Kosten nicht aufbringen. Deshalb war er sehr stolz und vielleicht auch mit sich innerlich versöhnt, als er im Ruhestand einen Magister machen konnte. Damit erfüllte er sich einen großen Wunsch. Vielleicht stand hinter diesem Verlangen die Angst, doch nicht mit wirklichem Wissen aufwarten zu können. Das war natürlich überflüssig.

Sicher aber verbarg sich dahinter eine intensive Suche nach Wahrheit und ganz gewiss suchte er nach Nähe. Vielleicht war die Tragik seines Lebens, dass man das nicht gleichzeitig haben kann oder nicht gleichzeitig von jedem, so ließ sein Wesen immer eine Einsamkeit spüren, aus der man ihn auch nicht herausholen konnte. Zu sehr schlugen dieses beiden Herzen in seiner Brust, die Absicht, bewundert zu werden und die Suche nach Vertrautheit. Letztlich ist es die Idee, asymmetrische Beziehungen und partnerschaftliche gleichzeitig zu haben. Er konnte nicht von einen oder anderen Abschied nehmen um seine innere Einsamkeit zu überwinden.

Vieles seines Lebens ist aus der Nachkriegsgeneration verständlich. Man brauchte unbelastete Menschen, die sehr schnell Verantwortung übernehmen mussten. Umgekehrt muss man auch sagen, hat er in seinem Leben Positionen erreicht, die heute mit dieser Voraussetzung überhaupt nicht mehr denkbar wären. Er hatte wache Ohren und Augen und wusste dann, wann sich die Gelegenheit ergab, etwas Neues zu erreichen. Deshalb hat der Beruf des Journalisten sehr zu seinem Wesen gepasst.

Und: Er wollte leben. Ja, das ist vielleicht sein Motto gewesen. Er heiratete, Ilse Walschus, die aus Schlesien kam und in Landshut neu anfangen musste und mit Helmuth Dippner ihr Schicksal, in der Fremde zu sein, teilte. Beide gründeten eine Familie. Joachim und Inge wurden noch in Landshut geboren. Die Großmutter wohnte in der Wohnung dabei. Helmuth Dippner brauchte eine gewisse Geschwindigkeit und war immer unterwegs. Auch das gehörte zu ihm. Viele Reisen wurden unternommen und unzählige Bekanntschaften und Freundschaften geknüpft, das Ehepaar war bekannt in der Stadt.

Und noch etwas anderes dürfen wir nicht vergessen. Er war sehr gläubig. Sicher auf seine Art, sicher mit allen Fragen eines aufgeklärten Menschen und mit der dazu gehörende Neugierde, und deshalb liegt es nahe gerade einen Satz aus dem Kolosserbrief seiner Beerdigungspredigt zu Grunde zu legen:

Der Briefschreiber wendet sich an die Gemeinde in der heutigen Türkei:

„Ich wollte euch nämlich wissen lassen, welchen Kampf ich um Euch führe und um die in Laodizea und um alle, die mich nicht von Angesicht gesehen haben, damit ihre Herzen gestärkt und zusammengefügt werden in der Liebe und allem Reichtum an Gewissheit und Verständnis, zu erkennen das Geheimnis Gottes, das Christus ist, in welchen verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“

Wahrscheinlich ein Schüler des Paulus und Helfer schreibt diesen Brief um die Herzen der Menschen in Kolosä zu stärken und die Liebe, damit sie das Geheimnis Gottes erkennen. Es ist Christus, in ihm liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen. So der Brief, der in einer (für uns nicht mehr so tröstlichen) geschwisterlich, betulichen Sprache verfasst ist. Jetzt kann man fragen: „Was ist Christus“, in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind? Und an der Stelle halte ich jetzt inne, denn ich frage mich, ob Helmuth Dippner dieses Frage gestellt hätte oder er aus Respekt vor einer religiösen Erfahrung davor zurück geschreckt hätte. An der Stelle hatte er einen sehr weichen gläubigen Kern, und ein hohes Maß an zerbrechlicher Sensibilität. Aber er hat immer die Überzeugung ausgestrahlt, dass er eine tiefe Gottesbeziehung gelebt hat. Diese ist mit dem Symbol „Christus“ ausgedrückt, und dazu gehört für auch, dass die Geheimnisse auch im Leiden zu finden sind.

Im Leiden wurde bei ihm das nachgängige Entsetzen über die Herrschaft der NS ausgedrückt und diese Geschichte war ein Zugang zur Religion. Leiden und Gottesnähe gehörten zusammen, das konnte man an den vielen Gesprächen mit ihm heraushören. Umgekehrt macht ein solches Empfinden wiederum anderes verständlich, wie seine Verletzlichkeit, seine Spontaneität, seine künstlerischen Ambitionen und seine Unberechenbarkeit und seine soziale Ader. Immer wieder bekamen wir den Eindruck, dass er Menschen suchte, denen er helfen konnte. Aber er war öfters von Ideen geleitet war, die in die Irre führten und die eigentlichen Aufgaben aus dem Blick verlor.

In den letzten Jahren verabschiedete er sich zusehend von seinen Mitmenschen, man erlebte wache und verdunkelte Stunden mit ihm. Er ist sehr alt geworden, sehr alt und eigentlich hätte er, bei seiner gesundheitlichen Vorgeschichte und (wir erinnern uns alle, an den Unfall mit dem Linienbus) Malaisen, die ihm widerfuhren, nicht so alt werden dürfen. Aber der, der uns das Leben begreifen lässt, hat ihn viel erleben lassen und hat ihm seinen Willen zum Leben reichlich bedient.

Wir müssen uns verabschieden, ihn hergeben, uns um das kümmern, was er hinterlassen hat, und darum kümmern, was er in ihnen und in uns hinterlassen hat. Zum Abschiednehmen gehört auch immer das Verzeihen, sonst können wir nicht loslassen. Er war anregend und belebend, er zog manchmal Gedanken und Bahnen, die wir nicht so wirklich verstanden. Wir haben ihm viel zu verdanken. Er wollte leben, er hat andere leben lassen und er hat gelebt. Wir sollten seinem Motto folgen. Amen

Aschaffenburg 20.1.2020

Pfarrer Markus Geißendörfer

Theaterstücke

Der vierte Mann am Tisch

Ein Lehrstück in einem Aufzug

Personen

Die Revolutionäre: Hau, Kleff, Klar

Die Vereinsgründer: Mies, Muff, Brill

Die Vertreter: Zang, Meli, Heck

Nacheinander von den gleichen Schauspielern darzustellen

Ein Herr im weißen Anzug, der sich nacheinander Jean, Hans und Jack nennt

Der dicke Wirt, der für den Hausgebrauch Protestsänger ist

0rt: Eine Wirtschaft mit zwei Nebenräumen

Die Bühne ist dreigeteilt, eine Gaststätte mit zwei Nebenzimmern darstellend. Im Mittelteil die Gaststube mit einer gebogenen Theke dahinter das Flaschenregal, neben der Theke die Tür zur Straße. Zwei kleine und ein größerer Tisch. In beiden Nebenzimmern, zu denen in der Mitte der Wände Türen führen, je ein langer Tisch. Die Wände und Türen sind nur durch Bahnen anzudeuten, so dass man durch alle drei Räume sehen und vor allem gehen kann.

1.

Wenn der Vorhang aufgeht, liegt das, volle Licht auf der Gaststube. Das rechte Nebenzimmer ist finster, im linken darf man zwei Männer am Tisch sitzen sehen, die sich offenbar angeregt miteinander unterhalten. Hinter der Theke der dicke Wirt. Er korrigiert mit einem Bleistift ein Manuskript, hält es dann vor sich, liest es mit zufriedener Miene, dirigiert mit einer Hand eine nur in seiner Phantasie existente Melodie, holt unter der Theke eine Gitarre heraus und singt mit einfacher aber einprägsamer Melodie

WIRT:             Das Lied vom Kopf

Wozu hat denn der Mensch den Kopf?

Um einen Hut darauf zu tragen?

Um drum zu winden einen Zopf?

Sich eine Kugel durchzujagen?

Nein, dazu ist er nicht gemacht.

Zum Denken ist der Kopf gedacht.

Und wozu hat er ein Gesicht?

Um sich dahinter zu verstecken?

Um Gram und Wahrheit, Schicht für Schicht

mit Lug und Schminke zu bedecken?

Nicht Maske aus Papier und Ton:

Gesicht ist Ausweis der Person.

Und wozu hat er einen Mund?

Zum Schwatzen, Schmatzen, Liedersingen?

Um ihn zu stopfen bis zum Schlund?

Ihm süßen Schwindel zu entringen?

Nein, dazu ist er nicht gedacht.

Der Mund ist zum Protest gemacht.

Nun, wozu hat der Mensch den Kopf?

Das Aug zum Schau'n, den Mund zum Essen.

Ich wette einen Hosenknopf:

Ihr alle habt es längst vergessen.

Darum, ihr lieben Leute, wacht!

Zum Denken ist der Kopf gedacht.

WIRT (legt die Gitarre weg, beginnt Gläser zu spülen)

Das Licht wird zurückgenommen, dafür wird es im linken Nebenzimmer heller.

2.

KLEFF und KLAR, zwei Revolutionäre, entsprechend gekleidet, haben sich bisher im Sitzen unterhalten. Jetzt ist Kleff aufgesprungen und geht aufgeregt hin und her.

KLEFF: Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.

Zwei Tage noch bis zu dem Staatsempfang.

Das Polizeipräsidium steht leer

den ganzen Tag. Nur eine kleine Zahl

von Blauen hält die Stallwach’.

KLAR:           Kommst du rein?

KLEFF: Ein jedes Kind kommt ins Präsidium.

Sind wir erst drin, verschwinden wir wie Mäuse.

KLAR: Was nützt es dir? Du hast ja keinen Plan.

KLEFF: Der Plan. Ja, wenn nur Rau käm oder auch

der Mann, den die Zentrale avisiert.

Sie haben Weisungen und auch den Plan.

Wir sitzen hier und warten.

KLAR:           Und wir reden.

"Das Polizeipräsidium in die Luft ...

Der Umsturz …Hängt die Bonzen an den Galgen."

Und wenn der erste auf den Rasen tritt,

der zu betreten uns verboten ist,

dann kommt die Polizei und nimmt ihn fest.

So scheitert die Revolte am Verbot,

KLEFF: Du alter Pessimist!

KLAR:           lch seh nur klar.

KLEFF: Du Defaitist!

KLAR:           Das ist mir so bekannt,

lch muß es schon einmal gehört …

KLEFF:           Ach Quatsch,

wir ärgern uns und öden uns hier an.

Der Klassenfeind sitzt fest in seinem Sattel.

KLAR: Was nützt das Polizeipräsidium?

Die Blauen sind die gleichen armen Hunde.

Der Klassenfeind trägt keine Uniform.

KLEPP: Willst du ein Stahlwerk in den Himmel blasen?

Die Bosse sind millionenschwer versichert.

Auch das trifft wieder nur den kleinen Mann.

Als ein Fanal muß das Präsidium brennen.

Als ein Symbol, daß mit Gewalt Gewalt

gebrochen wird.

KLAR:           lch halte Handgranaten

im Direktorenbett für wirkungsvoller.

Auch in die Villen kommt man leichter rein:

so als Monteur für Gas und Wasserleitung.

KLEFF: Und mit der Frau Direktor schäkern,wie?

KLAR: Ich mache Revolution, nicht Ehebruch!

KLEFF: Wer wird denn gleich …

KLAR:           Mir gehts um ernste Dinge.

Du redest nur, verschwendest deine Zeit.

KLEFF: Jetzt reicht’s mir aber, klar?

KLAR:           So heiße ich.

KLEFF: lch mache. Pläne, du zerredest sie.

KLAR: Weil sie nichts taugen, reine Phantasie.

KLEFF: Und was machst du?

KLAR:           Ich mache Analysen.

Wenn alles sprengt und brennt, muß einer denken.

Und der bin ich.

KLEFF:           Und der bist du! Wie nett!

Und die Zentrale ist wohl nur ein Klacks.

Herr Klar denkt für den ganzen Laden mit.

KLAR: Ich denke und du schlägst. Ist das so neu?

Wir sind bisher ganz gut damit gefahren.

Bisher, das heißt in unserer Theorie,

Denn die Revolte steht auf dem Papier.

KLEFF: Ist’s unsere Schuld, wenn die Zentrale schläft?

KLAR: Sie zögert, wie in unserem Lande alle,

Die jemals Revolution geplant.

Sie sucht nach Mitteln sucht nach Wegen und

Nach Argumenten für das dumme Volk,

Das sture Ordnung höher schätzt als Freiheit.

Bring einmal einem Ochsen, der im Joch

Zu laufen ist gewohnt seit Jahr und Tag

Von heut auf morgen bei, daß nicht im Stall,

Daß auf der Weide frisches Gras nur wächst.

Er schnuppert dran und schleicht zurück zum Stall.

Das Heu ist ihm das Größte auf der Welt.

KLEFF: Man muß den Ochsen zu der Weide prügeln.

KLAR: Man muß das Kalb ans frische Gras gewöhnen.

KLEFF: Es ist zu spät.

KLAR:           Dazu ist's nie zu spät!

3.

RAU, der dritte Revolutionär, betritt die Wirtschaft mit allen Vorsichtsmaßregeln. Er hat eine Papprolle unter dem Arm, geht grußlos am Wirt vorbei ins Nebenzimmer.

KLEFF: Rau, endlich bist da dal

RAU:           Versteht: Der Umweg.

Dafür hab ich den Grundrißplan dabei.

(Entrollt ihn auf dem Tisch. Die drei Revolutionäre vertiefen sieh eine Zeltlang in das Studium des Plans.

4.

Währenddessen betritt ein Herr im weißen Anzug die Wirtschaft, schüttelt dem Wirt die Hand.

WIRT: Tag Hans, wie gehts?

HANS:           Wie soll's schon gehn? Ein Bier, (während der Wirt zapft)

Du hast Betrieb im Haus?

WIRT: Es geht.

HANS: Wer ist’s?

WIRT: Im linken Zimmer sitzen Anarchisten.

(Er erzählt das Folgende so oberflächlich und gleichgültig, als ob er über das Wetter spräche).

Sie wollen Umsturz, Revolution,

Das Polizeipräsidium in die Luft

Und Millionäre, aus den Betten blasen.

Wer weiß, ob irgendetwas daraus wird.

Im rechten Zimmer sitzen würd’ge Herrn,

Die ’nen Verein zu gründen sich entschlossen.

Das Abendland zu retten ziehn sie aus.

Wer weiß, ob irgendetwas daraus wird.

Und in der Kegelbahn sind drei Vertreter.

Sie bringen etwas Neues auf den Markt

Und teilen sich dafür die Pfründe ein.

Ich zweifle nicht, daß etwas daraus wird.

HANS: Sie wollen also allesamt das Gleiche.

WIRT: Wie? Anarchie, Verein und Marktanteil?

HANS: Sie haben Hunger und sie wollen Brot,

Nicht das, Gebäck aus Roggen oder Weizen,

Nein, das Kotelett der Macht, das Schnitzel Ruhm.

Das Beefsteak aus dem Rücken der Geringen,

Die Suppe aus der Untergebenen Herz. –

Wer das erkennt, der kann die Menschen ändern.

Der lässt das Blut in ihnen rückwärts laufen,

Der kann die Schlangen ihres Hirnes glätten.

Er baut aus Wünschen ein Schlaraffenland

Mit weichen Wiesen für das Liebesspiel,

Zitronenbäumen, deren bittre Säfte

Die Muskeln krümmen für den Sprung der Gier.

Und Quellen parfümierten Wassers als

Den Spiegel für der Masken raschen Wechsel,

den Panther als Modell, das Opfer Reh.

Und Berge Fleisch, mit Zähnen zu bezwingen,

Wo einer auf des anderen Schulter steht

Und schlägt und drängt und beißt und schiebt und brüllt. –

Sie wollen Macht in Staat, Verein und Wirtschaft,

Die Macht, dass Menschen ihren Willen tun

Und sie den eigenen Willen als den Wunsch

Der Massen - ihnen aufgetragen - tarnen.

Man kann sie folglich miteinander tauschen.

WIRT: Das wird dir nicht gelingen, Freund.

HANS: Ich wette,

dass man sie überreden kann zu allem.

Den Junggesellen zu dem Kinderbett,

den Rentner ohne Vieh zur Melkmaschine,

die Witwe zum Versicherungsvertrag,

den Halsabschneider für die Volkswohlfahrt.

Wer heute revoltiert, der rettet morgen

das Abendland vor Revolutionären.

Wer heute nur den Markt erobern will,

legt morgen Bomben in das Landratsamt.

WIRT: lch wiederhol's. Das wird dir nicht gelingen.

HANS: Was gilt die Wette?

WIRT:           Einen Kasten Sekt.

HANS: Schlag ein! Ich zahle zwei, wenn ich verlier’.

(Die Wette wird besiegelt.)

5.

Hans betritt betont lässig das linke Nebenzimmer. Die drei Revolutionäre fahren vom Tisch hoch, an dem sie bisher, heftig gestikulierend, ihren Plan, das Polizeipräsidium in die Luft zu sprengen, diskutiert haben.

RAU: Wer ist der Mann?

KLEFF:           lch kenn ihn nicht

RAU (eine Pistole ziehend):           Bleib stehn!

(gibt Klar ein Zeichen, Hans zu untersuchen. Der findet keine Waffe.)

HANS: Ich bin ein Freund, Genossen.

RAU:           Name?

HANS:           Jean.

KLEFF: Und die Zentrale schickt dich?

HANS:           Nun – vielleicht.

RAU: So bringst du endlich Direktiven?

HANS:           Kaum.

KLEFF: Der Mann, zeigt Vorsicht, das gefällt mir, Leute.

RAU: Was bringst du mit?

HANS:           Das hängt, von Euch ab.

RAU: Wie?

HANS: Ich muß erst wissen, wie ihr vorgehn wollt,

dann sag ich mehr.

KLAR:           Ich glaub, er horcht uns aus.

RAU: Bist du ein Spitzel?

HANS:           Käm ich dann so plump?

KLAR: Wer weiß.

HANS: Nun gut. Wir wissen also jetzt,

Das Polizeipräsidium soll fliegen.

Den Heizungskeller habt ihr ausgemacht.

Die Bomben sind bereit, das Kabel liegt.

RAU: So stimmts, ich seh, du weißt genau Bescheid.

HANS: Und wozu soll das alles nützen, Freund?

RAU: Was nützen?

KLEPP:           Zweifelst du?

KLAR:                     lch sag's ja gleich.

Er ist von uns nicht. Zeig den Ausweis her!

HANS: Du meinst, ich trage ihn mit mir spazieren?

Du fängst erst an, bist noch nicht lang dabei.

RAU: Man zweifelt also oben, daß es nützt?

HANS: Ein jeder zweifelt. Und ich sag es ernst:

Der brave Bürger schätzt die Polizei.

Wenn er nicht mit dem Auto ihr begegnet.

Sie schützt ihn und ersetzt ihm Hund und Zaun.

Auch hat er gern, wenn sie Verbrecher jagt,

wenn laute Schreier sie zusammenknüppelt.

Er liebt die Ordnung und die Uniform.

Für beides bürgt ihm seine Polizei.

Wir sind ein kleiner Trupp nur von Getreuen,

Die ändern wollen, was uns faul erscheint,

Mit Stumpf und Stiel den metertiefen Sumpf,

In dem so warm sich watet, auszurotten,

Sind wir bereit. Das paßt dem Bürger nicht.

Wer Land vermooren sah, hält Moor für Land,

für gut hält's, wer die Hand dazu gereicht,

Wer Torf verkauft, hält's für das Himmelreich.

Sie alle leben prächtig, warm und weich

Und ihr wollt sie auf's Trockene setzen, - Nein.

KLAR: Das heißt: Die Revolution verraten!

RAU: Wo soll das hin?

HANS:           Versteht ihr, was ich will?

RAU: Beileibe, nein.

KLEFF:           Du mußt es klarer sagen.

HANS: So hab ich euch verwirrt? - Nochmal von vorn:

Wir sind zu klein, um gegen Polizei

Und Bürger anzutreten, denn im Grunde

Sind beide eins: Der Bürger zahlt dafür

Daß ihn der Blaue schützt. Wenn also wir

Die Blauen ärgern, ärgert sich der Bürger,

Der Ordnung liebt und Ruh' und Sicherheit.

KLEFF: Der Bürger soll sich ärgern und erwachen.

Er soll ja sehen, wer die Macht im Staat

Mißbraucht und sich von seinem Gelde mästet.

Und er soll wissen, wer ihm Freiheit bringt.

Drum sprengen Rathaus wir und Polizei.

Es muß von vom begonnen werden, neu.

RAU: Das sag ich auch und das sagt unser Plan.

HANS: So plant ins Blaue, zündet Städte an

Bis man euch einfängt, an die Mauer stellt,

Und euer Hirn, das jetzt noch plant, verspritzt.

Was habt ihr dann erreicht? Und wem genützt?

Wer einen Riesen stürzt, braucht dazu Kraft,

Ihr braucht das Volk, weil ihr’s allein nicht schafft.

RAU: Das Volk braucht uns, sonst träumt es nur dahin.

Es bleibt der Ball, nach dem die anderen treten.

Man spielt mit ihm und treibt es in das Tor,

Das einer Hand voll Leuten paßt.

KLEFF: Jawohl!

HANS: Revolte ohne Volk? Nein, gegen Volk?

Das wird nichts, Freunde, das ist Kindertraum.

KLEFF: Man muß das Volk ins bessere Dasein zwingen.

HANS: Nur mit Gewalt, mit Brand und Plünderung?

Gebt ihr ihm eine bessere Idee?

Ersatz der alten Macht durch neue Macht

Ist keine Lösung

RAU:           Doch! Die Macht ist gut,

Weil sie die Menschen zu sich selber führt.

HANS: Ihr werdet euch verteidigen für den Brand,

Den ihr im Landratsamt gelegt und für

die fünfzehn toten Polizisten auch.

Dann würgen die Ideen euch im Hals.

Und keiner bringt sie raus vor "Wenn" und "Aber".

Nein, das ist nichts. Da mache ich nicht mit.

Bringt euren Kopf in Sicherheit, Lebt wohl!

(wendet sich zum Gehen)

KLAR: Du bleibst. Du bist der richtige Mann für uns. (hält ihn zurück)

KLEFF: Was soll das, Klar?

KLAR:           Du hast genug geklefft.

Jean hat Ideen, er hat einen Plan,

Leg los! Wir hören zu.

RAU:           Das geht doch nicht.

Wir haben die Zentrale.

KLAR:           Die bisher schwieg

Und uns alleine basteln ließ. Leg los!

HANS: Ich sagte schon, Ihr braucht das Volk für Euch.

Ihr müßt es sehr geschickt mit euch verbünden.

Es liebt das Volk den, der ihm etwas gibt.

Als da war Wohlstand, Sicherheit und Recht.

RAU: Das bieten ihm die anderen auch

HANS (ungeduldig):           Ja, ja.

Und darum müßt ihr mehr zu sagen wissen,

Das Volk läßt sich zum Beispiel gerne retten.

Nicht nur das Volk, nein, auch das Abendland

Braucht Retter aus Gefahr und Not und Tod.

KLEFF: Das Abendland zu retten? Treibst du Spaß

mit uns? Das Abendland ist mir ein Dreck.

HANS: Mir auch. Doch ehe du es liquidierst.

Mußt du dem Volke sagen, daß du’s rettest.

KLAR: Das leuchtet ein. So läuft das Volk uns zu,

So kriegen wir es leicht auf unsere Seite.

HANS: Die Sache ist nicht schwer. Hört das Rezept:

Man nehme einen Feind, hübsch bös, hübsch finster,

Mit dem man ungern spricht, der stets verneint.

Und wenn man keinen hat, so baut man einen,

Wie man sich eine Vogelscheuche baut

Aus Stecken, Lumpen, Dreck und wolligem Bart,

Den stellt man aus, den nennt man Tag für Tag.

Man macht den Kindern und den Alten bang.

Und nicht zuletzt den Frauen, denn er schändet.

Zum Schluße gibt man vor, das Abendland

Sei vor dem Feind, dem Popanz, flugs zu retten.

Er rüstet sich, er wird es überrennen.

In Boden stampfen, Kirche, Geld, Kultur.

Das rüttelt auf, das macht die Leute munter,

Sie werden die Versammlungssäle füllen,

Wie Honig lecken sie das Wort vom Mund,

Ihr Geld zu schonen, zahlen sie es Euch.

KLEFF: Du meinst, sie zahlen?

RAU:           Zahlen uns ihr Geld?

HANS: Sie lassen sich die Rettung etwas kosten

Der Feind enteignet jeglichen Besitz,

Besitz ist Wurzelgrund des Abendlands

KLEFF: Den wollen wir ja ...

RAU:           Unter anderem!

KLAR: Da hast du deine Revolutionäre.

Wir stellen Fallen. Kleff denkt nur ans Geld,

An Sekt und Kaviar und weiche Betten

KLEFF: Mit etwas drin, wenn’s dem Herrn Klar beliebt!

HANS: Zur Sache jetzt, (zu Rau) Hältst du den Plan für gut?

RAU: lch glaub, er bringt uns leichter an das Ziel

Als hundert hochgejagte Landratsämter.

Du hattest Recht: Nicht gegen - mit dem Volk

Ist jeder Umsturz leichter zu gewinnen.

KLEFF: Und haben wir das Volk erst drin im Sack,

Dann nehmen wir den Laden Huckepack.

KLAR: Was ist der nächste Schritt? Was ist zu tun?

HANS: Wir gründen einen Club, Verein, Verband

Der Bannerspruchs "Rettet das Abendland".

RAU: Als erstes brauchen wir dafür Statuten.

KLAR: Die werde ich entwerfen, schaff du Geld.

KLEFF: Und ich hol Schläger für den Ordnungsdienst

KLAR: Auf einmal fühl ich hell mein Herz entbrannt

Vom Bannerspruch "Rettet das Abendland"

(Er umarmt Hans, die beiden anderen umarmen sich. Licht im linken Nebenzimmer aus.)

6.

Hans betritt wieder den Gastraum, die drei Revolutionäre ziehen ihre Jacken aus, hängen sie über die Stühle und gehen ins rechte Nebenzimmer hinüber. Dort hängen über den Stühlen Bratenröcke, Gehröcke und ähnliche altväterliche Bekleidungsstücke. Auch Bärte zum Umhängen und mindestens eine kluge Brille müssen in den Jacken vorhanden sein. Die drei kleiden sich ein und nehmen Platz.

HANS: Das war erledigt. Gib mir noch ein Bier.

WIRT: Du hast die umgekrempelt?

HANS:           Wie ’nen alten Hut

Die Freunde retten erst das Abendland

Und schnuppern am Geruch der Macht.

Mach einen Reim darauf.

WIRT:           Den hab ich schon

(Wirt singt):

Das Lied von der Revolution

Eines Tages läuft der Kessel über.

Eines Tages platzt mal das Ventil.

Eines Abends gehn die Uhren anders

Und es wird vor dem Gewitter still.

Bleiche Bürger schauen durch Gardinen,

Grüne Angst das Nachthemd zitternd bauscht.

Roter Schatten ist zur Nacht erschienen

Und der Bürger off’nen Mundes lauscht.

Eines Tages schreit man nach Gewehren.

Eines Tages packt man Sprengstoff ein.

Füllt am Abend die Patronentasche,

Schlägt zur Nacht die Fensterscheibe ein.

Bleiche Bürger ...

Eines Tages können Menschen denken.

Einer kommt und fragt? Muß das so sein?

Daß die oben mit zwei Zungen reden:

Krumm - und grad, wenn sie mit sich allein?

Bleicher Bürger putzt sich in den Ohren

Und er streicht das Nachthemd langsam glatt.

Staunend sagt er, gleich wie neugeboren,

Daß er das noch nie vernommen hat.

Und es kommt ein Tag mit bleicher Sonne,

Da stellt die Gewehre man ins Spind.

Und der Kessel läuft auch nicht mehr über,

Weil sie alle für die Ordnung sind.

Braver Bürger tritt ans offne Fenster

Seine Scheiben und sein Geld sind blank.

Scharfer Wind verjagte die Gespenster

Alles klar und nichts was faul und krank.

7.

Im rechten Nebenzimmer geht das Licht an. Die Vereinsgründer sitzen ernst und würdig beisammen. Der Darsteller des RAU spielt den MIES, der des KLEFF den MUFF und der des KLAR den BRILL. HANS tritt ein, verneigt sich knapp an der Tür. MIES steht auf, geht auf ihn zu.

MIES: Willkommen, junger Freund, in unserer Runde

Wir sind nur wenig heut, ansonsten mehr.

Verschiedene Termine, Sie verstehn.

Das ist Herr Muff, Herr Brill, ich heiße Mies.

HANS: Sehr angenehm. Ich heiße Hans.

MIES:           Nur Hans?

HANS: Nur Hans! Genügt das nicht?

MIES:           Gewiß, gewiß.

Ein guter deutscher Name, will mir scheinen.

HANS: Das sagt mein Vater auch. Gott hab’ ihn selig.

MIES: Wie schön. - Sie sind der Tradition verpflichtet?

HANS: Das will ich meinen, darum komm ich her.

MIES: Herr Hans gibt uns die Ehre

MUFF und BRILL:           Sehr erfreut.

(Man begrüßt sich und nimmt wieder Platz)

HANS: Sie gründen, wie ich hörte, den Verein

Zur Rettung unseres Abendlandes

MIES:           Ja.

HANS: Bevor ich, meine Herren, Mitglied werde,

möchte mehr vom Ziel ich wissen und vom Weg.

MIES: Das ist ihr gutes Recht. Professor Muff

Wird sie in kurzen Worten informieren.

MUFF (erhebt sich würdevoll und umständlich):

Wenn wir vom Abendland als solchem sprechen,

Dann meinen wir geprägte Wesenheit,

Die jenem einen Teil der Erde eignet,

Der vom Atlantik bis zur Elbe reicht

Und von der Nordsee bis zum fernen Ätna.

Das in sich birgt den Gletscher, den Vulkan,

Und das trotz dieser Gegensätzlichkeit

Auf einer Basis steht, die alles eint.

Dem Denken seiner Philosophen und

Dar Staatskunst Roms, des freien Mannes Recht.

Und nicht zuletzt, nicht wahr, dem Christentum.

Es hat die Kalokagathia einst

Erdacht und auch den Bußruf "Metanoite"!

Das Abendland, als dessen Kern und Herz

Das Kaiserreich des großen Karl geblüht,

Ist nun bedroht von mancherlei Gefahr,

HANS (gelangweilt bestätigend):

Ist nun bedroht von mancherlei Gefahr.

MUFF: So sagte ich. Da ist der Götzendienst,

Den man dem Geld erweist.

HANs (wie oben):           Dem schnöden Mammon.

MUFF: Der nach Erfolgen geile Eigennutz

Zum andern,

HANS:           Welch ein kühnes Wort, Herr Muff!

MUFF: Dann sehn wir die Gefahr, daß alles Sein

Wird durch des Eros Bogen frech gejagt,

Als ob es keinem anderen Ziele diene,

als der Befriedigung dar platten Lust.

HANS: Der platten Lust? He, das ist einmal neu!

MUFF: Von Mord und Totschlag, gottlos wildem Treiben,

Von Sittenfäule und verrohter Kunst

Brauch ich in diesem Kreise nichts zu sagen.

Des Weiteren wär da noch politisch Lied

Von Ost und West - die beide schlecht - zu singen.

Kurzum, das Abendland in seiner Burg,

Es ist von vielen Feinden rings bedroht.

Wir suchen Menschen, die das Gleiche sehn.

Wir suchen Männer, die die Burg besetzen

Und die mit kühnem Ausfall, ohne Lohn,

Bald hier, bald da die Feinde niederschlagen. -

Und sehen Sie mir altem Manne nach,

Wenn als Historiker im Bild ich spreche,

Das war nur so ein grober Überblick.

Zu jedem einzelnen Punkt läßt sich viel sagen,

HANS: Ich danke für das erste, lieber Herr.

MIES: Es war ein Überblick, uns sind Begriffe

und Namen längst vertrautes Eigentum,

HANS: Das Eigentum vergaßen Sie, Herr Muff.

MIES: Wie denn?

HANS:           AIs er die Basis, die uns eint

Erwähnte, sprach er nicht vom Eigentum.

MIES: Mir scheint, Herrn Hans fehlt noch der nötige Ernst.

MUFF: Das fühl auch ich, und ich bedaure sehr,

Denn andererseits, scheint er ein kluger Mensch.

MIES: Ich frage sie, Herr Hans, aus welchem Grunde

Sind sie in unseren Verein gekommen?

HANS: Weil ich die Leute kennen lernen will.

BRILL: Jetzt sind sie sehr enttäuscht, wie zu erwarten.

HANS: Wie zu erwarten fand ich alles vor.

Professoral und würdig, Theorie

Und Staub in jedem Wort, in jedem Winkel,

MUFF: Das geht zu weit!

HANS:           lch geh noch weiter, Herr!

Sie mögen biedre Bürger überzeugen.

Zu Rettungstaten sind sie nicht gemacht.

Man rettet nichts und niemand mit Gedanken,

Die heut man preist und morgen schon vergißt.

Man rettet nichts und niemand auch mit Worten,

Die heut gesprochen, morgen schon verhallt.

Man rettet schließlich nichts mit Theorien,

Die man verkündet, doch die niemand lebt.

Wenn dieses Land bedroht, dann von den Leuten,

Die alles wissen und nichts tun.

Die Reden halten, fordern, proklamieren

Und die dem Hungernden die Türe weisen.

Sie haben alle Tradition im Kopf

Und wissen, wie man richtig leben soll.

Doch tragen sie den Kopf hoch im Gewölk,

Das ihnen warm aus Mund und Nüstern brodelt.

Die Tradition zu kennen und nicht leben,

Das Abendland im Mund spazieren führen

Und wegzuhören, wenn wo einer schreit,

Das nenne ich die wirkliche Gefahr,

Die Sie nicht bannen, die Sie nur vergrößern.

BRILL: Sie sind ein guter Junge, lieber Hans,

MUFF: Ja, wirklich, dieser edle Fluß der Rede.

Ist würdig, alles Volkes Ohr zu finden.

MIES: Wenn einer doch von uns so reden könnte!

HANS: Sie haben mich noch immer nicht verstanden.

MUFF: Wenn einer Ihre Sorgen teilt, darin wir.

HANS: Ich will nicht, daß Ihr meine Sorgen teilt,

Ich will, daß Ihr von eurem Plane laßt.

Das Abendland mit leichtem Wort zu retten.

BRILL: lch möchte vor den Freunden was erklären,

Wozu bisher mir stets der Mut gefehlt.

Seht, unserem Reden hier wächst keine Frucht.

Man hört uns kaum, man duldet uns, na schön.

Man lächelt über uns, drehn wir den Rücken,

MUFF: Herr Brill, das können Sie nicht sagen, Nein!

BRILL: Wenn Sie's nicht merken, ist es Ihre Schuld.

MUFF: Mit höchster Achtung sprechen selbst Minister

und niedrige Politiker von uns.

BRILL: Weil wir nie unbequem und stets zufrieden,

Weil wir nur sagen, was auch ihnen paßt.

MIES: Wir sind ja auch mit ihnen meist zufrieden.

BRILL: Mit unserem Verein ist nichts gewonnen.

MIES: Das Abendland ist ohne uns verloren.

BRILL: Es wäre arm dran, hing es nur an uns.

MUFF: Herr Mies! Der Brill verrät die gute Sache!

BRILL: Was schon verloren, kann man nicht verraten.

Ich mag nicht länger reden.

HANS:           Welch ein Wort!

BRILL: Es führt zu nichts. Wir drehn uns nur im Kreise,

Wir wirbeln Staub auf mit der linken Hand,

Der schon durch tausend Mühlen ist gemahlen.

Ich möchte etwas tun, was Menschen nützt!

MIES: Er möchte etwas tun, was Menschen nützt!

MUFF: Was gibt es Edleres als unser Werk?

BRILL: Zu handeln, lieber Muff, nicht nur zu reden.

HANS: Heraus aus dem Gefängnis eures Geistes!

Zu Wissen nützt nichts. Wollen ist zu schwach.

Die Absicht lahm. Es muß etwas gescheh'n,

MIES: Auch ich will handeln, doch wer sagt mir was?

HANS: Das ist ein guter Anfang, meine Herren.

Professor Muff, wie steht es nun mit Ihnen?

BRILL: Wo Mies aktiv, kann Muff nicht abseits stehen.

MUFF: Wollt Ihr es denn mit mir versuchen?

MIES und BRILL:           Ja!

MUFF: Vielleicht kann ich mit gutem Rat ...

HANS:           Gewiß.

Es kommt nur darauf an, etwas zu leisten.

Ein Haus zum Beispiel baun mit eigener Hand

Für Waisenkinder irgendeines Kriegs.

MUFF: Mit meinen Händen?

MIES:           Nein, das geht wohl nicht.

BRILL: Wir müssen andere für uns gewinnen.

Wir müssen uns ihr Augenmerk erschleichen

Mit guten Taten, nicht mit schönem Wort.

Was halten Sie von einer Stiftung, Hans?

HANS: Nicht schlecht, was halten Sie davon?

MIES:           Oh nein.

Es widerstrebt mir, Geld zu sammeln.

HANS:           Gut.

Wie wär's, Herr Mies, wenn Sie etwas verkauften?

Das schont der Schreiberhände weiche Haut

Und macht zugleich das Wort zum Kampfgesellen.

BRILL: Wie gut!

MIES:           "Was darf’s denn sein?"

MUFF:                     "Was steht zu Diensten?"

HANS: lch denke an das Mittel "LINUCIL"

Zum Waschen, wozu sonst? Verstehen Sie.

MUFF: Ich höre wohl nicht recht. Ein Zeug zum Waschen?

Ich bin Historiker, nicht Handelsmann.

HANS: Sie sind ein Hase, Muff, mit Angst im Herzen.

Wie einem Marktweib geht das Wort vom Mund

Und für die Werbung wollt Ihr's nicht verwenden?

BRILL: Bedenkt, mit jedem Päckchen Linucil

Verschenken wir ein Flugblatt des Vereins.

MIES: Das ist grandios!

BRILL:           Wir können Werbung treiben.

Wir finden neue Freunde über Nacht,

Und die Bewegung wächst, eh' wir's gedacht,

HANS: Ich seh’ schon, wo gescheite Menschen sind.

Da brauche ich kein Wort mehr zu verlieren.

(zieht sich langsam zurück)

MUFF: Wir könnten schließlich unsere Literatur

Als Gratisgabe zu dem Mittel legen.

MIES: So dreschen wir nicht taubes Stroh allein.

Wir handeln und wir bringen unters Volk

Den ganzen Reichtum, der Ideen Pracht.

MUFF: (während Hans das Zimmer leise verläßt)

Wie sinnvoll Wort und Werk sich hier vereinen:

So dienen wir in Wort und Tat dem Reinen. (Licht aus)

8.

Licht an in der Gaststube, im rechten Nebenzimmer wird es dunkel. Die drei Vereinsgründer ziehen ihre Bratenröcke aus, legen Bärte und Brillen ab und gehen hemdsärmelig in die Gaststube hinüber, wo sie an dem größten der drei Tische Platz nehmen. Währenddessen unterhält sich Hans mit dem Wirt

WIRT: Ein harter Brocken, diese alten Knacker?

HANS: (trinkt erst einen langen Schluck von dem Bier, das ihm der Wirt hingestellt hat.)

Im Gegenteil. Sie machten eifrig mit.

WIRT: Das Abendland verkauft und nicht gerettet?

HANS: Das Abendland verkauft für Linucil.

Das eine durch das andere rasch ersetzt.

Das Reine mit dem Reinen ausgewechselt, -

Bring tatenarmen Leuten bei: Die Tat

Errettet Euch von allen Euren Sünden,

Die Ihr begangen habt mit Geist und Wort.

So setzen sie die Tat auf den Altar -

Und sei es für ein Päckchen Linucil

(Auf die drei Vertreter deutend):

Und wer sind diese Herren dort am Tisch?

WIRT: Die Herren Vertreter sind‘s - für Linucil.

Sie kommen eben aus der Kegelbahn

Und haben mächtig Durst. Mir scheint, sie warten

Auf einen vierten Mann, der Weisung bringt.

HANS: Und der bin ich, (setzt sich) ich hör ein wenig zu.

Das Licht wird auf den vorderen Tisch, an dem die Vertreter sitzen, konzentriert. Der Darsteller des RAU und MIES spielt ZANG, der Darsteller des KLEFF und MUFF den MELL und der Darsteller des KLAR und BRILL den FLECK. Sie sitzen hemdsärmelig und betont naohlässig am Tisch.

ZANG: Herr Wirt, ’ne Lage. Leute, war das dick,

Wie Mell die Kränze nach der Reihe schob.

MELL: Das ist vorbei und Dienst ist Dienst für mich.

Ich werde ungeduldig, meine Herren.

lch kann die Zeit hier nicht beim Bier vertun.

FLECK: Ja, Zeit ist Geld, das wissen wir allein.

MELL: Dann merkt es Euch und redet hier nicht rum.

lch möchte wissen, was wird hier gespielt?

Wir reisen mit dem neuen Zeug herum.

Wo bleibt die Werbung? Wo der große Schlag?

ZANG: Nun langsam, langsam. Erst seit einem Tag

bringt unser Haus das Mittel auf den Markt.

Schon wollen Sie, daß alles wie geschmiert...

MELL: Aus großen Häusern bin ich das gewöhnt.

FLECK: Und warum sind Sie dann nicht dort geblieben?

MELL: Das geht Sie einen Dreck an, lieber Fleck

ZANG: Dann spucken Sie auch nicht die großen Töne.

MELL: Herr Zang, ich möchte Ihnen mal was sagen:

lch spucke Töne hier, so viel ich will.

Solang mein Auftragsbuch in Ordnung ist,

Ich bin so frei und sage: Schlamperei.

ZANG: Ich sage ja und nein. Es ist zu früh,

Um schon zu schimpfen. Fleck, sag auch mal was.

FLECK: Was soll ich sagen? Sie haben beide Recht.

Wir müßten besser vorbereitet sein,

Doch andererseits: Das Zeug ist noch zu frisch.

MELL: Ach, nichts als' windelweiche Tratscherei.

ZANG: Es kommt ja einer, der uns informiert.

HANS springt von seinem Hocker und kommt mit ein paar großen, federnden Schritten nach vorn und an den Tisch.

HANS: Ich bin schon da, bin da. Hallo, Ihr Freunde.

ZANG: Na also, hab ich's nicht gesagt? Er kommt!

HANS: Sie nennen mich am besten Jack. Und Sie?

ZANG: Ich heiße Zang. Die Herren Mell und Fleck.

(Man stellt sich vor und schüttelt sich die Hände)

MELL: Mein lieber Jack, ich sage Schlamperei,

HANS: Ich hörte es.

MELL: Wir soll’n verkaufen und

Wir wissen nichts. - Wie heißt das Zeug denn gleich?

HANS: Schlicht Linucil, Das ist doch leicht gemerkt.

ZANG: Das find ich auch. Der Name merkt sich gut.

FLECK: Das geht ins Ohr. Das klingt so leicht und weich.

HANS: Das ist der Sinn der Sache. Ihr versteht.

MELL: Schön. Linucil. Und was ist daran neu?

HANS: Ihr Freunde, alles! Farbe und Geruch,

Die Packung und die Wirkung, alles neu.

Die Farbe ist nicht weiß, daß ist bekannt.

Die Farbe ist rose!

ZANG:           Rose?

FLECK:                     Frapant!

HANS: Und der Geruch ist nicht mehr der von Seife,

Denn Linucil riecht wie nach Aprikosen,

ZANG: Nach Aprikosen? - Das ist wirklich neu.

FLECK: Das ist fast genial - und sonst noch was?

MELL: Lavendel legte früher man zur Wäsche,

Das mit den Aprikosen ist schon gut.

Kann man damit auch noch die Zähne putzen?

HANS: Noch nicht. Ich höre, es wird vorbereitet.

ZANG: Was weiter außer Farbe und Geruch?

HANS: Was weiter? – Nichts. Es ist das alte Zeug.

FLECK: Das alte Zeug mit einem neuen Namen?

HANS: Mit Farbe und Geruch und - neuem Preis.

Natürlich wäscht es besser, weißer, schneller

Und weicher und was weiß ich sonst.

MELL:                     Na klar.

Es ist das alte Zeug im neuen Kleid.

ZANG: Nein, nein, Herr Mell, so geht das nicht.

MELL:                     Warum?

ZANG: Es ist von Grund auf anders, völlig neu.

Sie müssen selber daran, glauben, Mell.

Sonst können Sie die Ware nicht verkaufen,

Sie müssen überzeugt sein von dem Wert

Des Neuen, denn sonst überzeugen Sie

Die Kundschaft nicht.

MELL:           Mir sah noch keiner an.

Was ich im Herzen von der Ware dachte.

FLECK: Herr Zang hat Recht. Ich halte es für gut,

Wenn selbst wir von der Ware überzeugt.

Man redet anders, mit mehr Schwung und Feuer.

HANS: Ich bin sehr überrascht, Herr Zang, Herr Fleck.

Sie wollen allen Ernstes überzeugen?

Das ist doch unfruchtbar. Zuviel Verschleiß.

Nein, nein. Kein Mensch erwartet das von Ihnen.

Wir bringen nur was Neues an den Mann.

Wenn man es kauft, so sind wir sehr zufrieden.

Wenn nicht, dann ist es auch nicht unsere Schuld.

Man weckt Bedarf am besten mit Betrug.

MELL: Sie sind genau mein Mann. Das sag ich auch.

Am besten lügt ein frisch geschmiertes Maul.

ZANG: Mein Herr, Herr Mell, das ist nicht meine Art!

FLECK: lch schließe mich dem an. Ich lüge nicht.

HANS: (lauernd) Was tun Sie denn?

ZANG:           lch bin Vertreter, Schlicht,

Doch ehrenwert und stets reell.

HANS:                     Reell?

Da ist Herr Mell mir lieber. Er lügt dreist.-

Ich wollte Sie nur auf die Probe stellen.

Im Ernst. Es ist ein lausiges Geschäft,

Den Leuten freundlich etwas anzudrehn

Als neu und besser und nie dagewesen.

Was unter anderm Namen längst bekannt.

MELL: Sie haben Recht, Jack, doch was soll man machen?

FLECK: Wir liefern doch nur, was der Kunde wünscht.

HANS: Wir sagen ihm, daß er sich etwas wünscht.

Wir sagen ihm, daß ihm noch etwas fehle

Zum Glück, zu Frieden, besserer Lebensart.

Wir sagen's hübsch, mit vielen schönen Worten,

Wir bauen einen Garten vor ihm auf

Mit Lauben, Swimmingpool und Oleander,

Mit ewig blauem Himmei, weichem Gras,

Nur in der Mitte bleibt ein leerer Fleck.

Auf diesen stoßen wir ihn mit der Nase.

Das einzige, so sagen wir zu ihm.

Was dir in diesem Paradiese fehlt.

Das habe ich für dich. Drum kauf’ es schnell.

Und du wirst sehn, dein Leben ist perfekt. -

Und dabei wissen wir schon jetzt genau,

Daß sich in seinem Leben gar nichts tut.

Daß er der gleiche bleibt in seinem Stall,

In seinem Mief, in seinem kleinen Leben.

Daß wir ihn täuschten, nur damit er kauft.-

Ihr Freunde, das ist unserer Tage Tat.

Pfui Teufel, sag ich.

MELL:           Jack, Sie haben Recht,

Ich sagt’ es schon und sag es noch einmal.

Wir essen nur ein jämmerliches Brot.

FLECK: lch finde, daß wir ehrlich es erwerben.

HANS: So ehrlich wie der Doktor Scharlatan.

MELL: Wer ist an dem Schlamassel schuld?

HANS: Der Chef.

FLECK: Das glaub ich nicht, denn wenn ich was nicht will,

Dann kauf ich's nicht, wenn man mich noch so quält.

HANS: Was haben Sie doch für ein schlicht' Gemüt!

Sie glauben immer, was Sie sagen?

FLECK:           Ja.

HANS: Dann zieh’ im Geiste ich den Hut.

MELL:           Hört auf!

Was ist jetzt mit dem Linucil?

HANS:           Ein Dreh!

Es ist das gleiche Zeug wie früher, nur

Geruch und Farbe neu, dazu der Preis,

MELL: Man sollte sich das nicht gefallen lassen.

Herr Zang, was sagen Sie zu diesem Ding?

ZANG: Mein Herr, Herr Mell, ich bin zutiefst enttäuscht.

HANS: Wovon?

ZANG: Von dem, was unser Auftrag ist.

Von dem, was wir erzählen…

HANS:           Und für wen?

ZANG: Für die Gesellschaft, die uns gut bezahlt.

MELL: Für den Profit der fetten Aktionäre

HANS: So kommen wir der Sache schon recht nah.

FLECK: Ihr Herrn, ich weiß nicht mehr, von was Sie reden.

HANS: Sie kommen noch dahinter, lieber Fleck.

MELL: Ich finde, daß man uns gemein verkauft,

Verschaukelt und zum dummen August macht.

HANS: So deutlich wollte ich es gar nicht sagen.

Jedoch, es ist kein ehrenwertes Spiel,

Das die Gesellschaft mit uns treibt.

ZANG:           Sehr wahr!

HANS: Und das ist nicht nur so bei uns im Haus.

Das ist in anderen Firmen noch viel toller.

Es lebt die ganze Wirtschaft, lebt der Staat

Davon, daß er sich schminkt. Daß er Fassaden

Mit Fenstern und mit vielen Blumen baut.

Man hofft, der Bürger glaubt das, was er sieht,

Und reibt in stiller Stube sich die Hände:

Wie schön sieht unser neues Haus doch aus.

Wie wohl verhalten sich die braven Bürger.

Sie dürfen alles wissen, was uns frommt

Und nichts von dem erfahren, was uns schadet.

Wenn jemand sagt, daß Linucil sei schlecht,

Sind wir mit Klagen jederzeit zur Hand.

Und Edelklasse unsere Hausjuristen!

Wir lassen jedem Bürger brav sein Recht,

Hat er genügend Geld, es zu erstreiten.

Dem armen Teufel geht's halt leider schlecht.

Was braucht er anderen Ärger zu bereiten?

MELL: Das ist verdammt die Wahrheit, meine Herren!

Ich denk nur an mein eigenes Verfahren.

ZANG: Wir kennen's zur Genüge, lieber Mell.

MELL: Ich wollte auch davon nichts mehr erzählen.

Ich unterstreiche nur, daß es so ist.

ZANG: Obwohl ich bisher still, steck ich voll Wut.

All das hab ich bei mir schon längst bedacht,

Jedoch als ruhiger Bürger weggeschoben.

Die Ordnung schien mir leidlich doch gewahrt.

Es ging mir gut, der Wohlstand wuchs im Lande.

Was wollt’ ich mehr. So dachte ich bei mir.

MELL: Was mehr? Die Ehrlichkeit anstatt Bestechung,

Die ganze Wahrheit statt geschminktem Trug,

Und daß man wirklich meint, was man gesagt.

HANS: Es ist ein Sumpf in unserem Land, der stinkt.

Die Löhne niedrig und die Schulen schlecht.

Die Preise abgesprochen im Kartell

Die Steuern günstig für den großen Mann.

Die Krankenkasse teuer für den, Kleinen.

Und dennoch loben Hans und Hinz und Kunz

Und werden applaudiert von allen Rängen. -

Wir schauen zu bei einem bösen Spiel.

Am besten reißt man’s aus mit Stumpf und Stiel.

MELL: Was raten Sie?

HANS:                               Zur Revolution.

ZANG: Im Ernst?

HANS: Das Polizeipräsidium

Als ein Fanal muß es in Flammen stehn.

Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.

Zwei Tage noch bis zu dem Staatsempfang.

Das Polizeipräsidium steht leer

Den ganzen Tag. Nur eine kleine Zahl

Von Blauen hält die Stallwach’.

MELL:                               Kommt man rein?

HANS: Ein jedes Kind kommt ins Präsidium.

Sind wir erst drin, verschwinden wir wie Mäuse.

MELL: Das ist ein guter Plan!

FLECK:           Ich mache mit!

ZANG: Man sollte sich dem Guten nicht versagen.

HANS: Das hör ich gern.

MELL:                     Wir räumen gründlich auf.

Als ein Symbol, daß mit Gewalt Gewalt

Gebrochen wird. Auf zum Präsidium!

(Die drei eilig und mit Begeisterung ab.)

HANS: Ein Kasten Sekt! Was soll man dazu sagen?

So schnell erzeugt das böse Wort Gewalt!

WIRT: Ich kenne das. Hör mir noch einmal zu!

(singt)

Das Lied von der großen Wäsche

Als Kinder spielten wir im Kreis

Dreht euch nicht um,

der Plumpsack geht um!

Es ist ein Spiel, wie jeder weiß.

Wir sind nicht dumm.

Der Plumpsack geht nicht um.

Das Kinderspiel ist längst vorbei.

Dreht euch nicht um,

der Plumpsack geht um.

Und doch seid ihr von Angst nicht frei:

Dreht euch nicht um,

Werweißwer geht um!

Es ist ein Wäscher, daß ihr’s wißt.

Dreht euch nicht um,

der Wäscher geht um.

Wäscht raus, was eigene Meinung ist.

Ihr dreht euch um?

Der Wäscher geht um!

Aus schwarz wird weiß, aus weiß wird rot.

Dreht euch nicht um,

der Wäscher geht um.

Er wäscht, bis alle Farbe tot.

Dreht euch nicht um,

der Wäscher geht um.

Und wer gehirngewaschen ist,

der dreht sich um,

ist stumm und dumm.

Drum hüte sich, wer sicher ist:

Dreht euch nicht um,

der Wäscher geht um!

          (Vorhang)

Der Nationalheld

Personen:

Polizei-Sergeant Benson, 38

Polizei-Leutnant Pritty, 35

John T. O'Bedell, 46

Susan Lancaster, 28

Polizei-Revier

Ein Telefon klingelt

BENSON: 14. Revier, Sergeant Benson. guten Abend Sir. Nein, Leutnant Pritty ist nicht im Revier. - Wo? Er ist mit Meyers zur National Western Bank, einen Bankräuber festnehmen. Nein, keine Toten und Verletzten. Der Kerl muss sich sehr dumm angestellt haben. Muss ja auch solche geben. Sehr richtig, Sir, jawohl, soll anrufen. (Draußen fährt ein Auto vor) Ich glaube, er kommt. Einen Moment, Sir. (Der Motor des Autos ist abgestellt worden, Türen schlagen, Pritty und O'Bedell kommen herein)

PRITTY: Meyers, fahren Sie gleich zurück zur Bank, nehmen Sie die Protokolle auf. (Das Auto fährt wieder ab).

BENSON: Leutnant, ein Gespräch für Sie, der Captain.

PRITTY: Geben Sie her. Leutnant Pritty. Guten Abend, Sir. Nein, nichts Besonderes. Versuchter Raubüberfall. Ziemlich heruntergekommener Kerl. Der Kassierer hat die Alarmanlage... natürlich Sir, ich will Sie nicht aufhalten. - Nein, kein Widerstand Er hat sich völlig ruhig abführen lassen. Komisch, er schien irgendwie zufrieden. Das bekomm ich schon raus. Heute Abend noch, Sir, geht in Ordnung. Jawohl, Sir, guten Abend, Sir. (legt den Hörer auf) Der Captain will noch heute Abend den Bericht. Da sehen Sie, wie wichtig man Sie nimmt.

O'BEDELL: Das bin ich gewöhnt.

PRITTY: Gewöhnt? Dass ich nicht lache. Wer nimmt einen wie Sie wichtig! (lacht überheblich. BENSON stimmt ein) Bevor ich's vergesse: Jedes Wort, das Sie von jetzt an sagen, kann gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, einen Anwalt zu verlangen. Wollen Sie einen Anwalt?

O'BEDELL: Nein, ich brauche keinen Anwalt. Ich brauche jetzt einen Whisky.

PRITTY: Einen... sind Sie verrückt? Das ist keine Kneipe, sondern ein Polizeirevier. Verstanden? Einen Whisky!

O'BEDELL: Ich weiß, wo ich bin und ich bitte trotzdem um einen Whisky.

BENSON: Haben Sie vielleicht den ganzen Zirkus in der Bank nur inszeniert, um einen Whisky zu kriegen?

O'BEDELL: Sie sind ein kluger Junge, Sergeant. Sie werden es noch zu was bringen. Aber ganz so einfach ist das nicht. Ich brauche nämlich ein paar Schnäpse, um klar denken zu können.

PRITTY: Sind Sie Alkoholiker?

O'BEDELL: Sie dürfen ruhig Säufer sagen. Leutnant. Ja, das bin ich. Schauen Sie meine Hände an, Sie zittern. Fühlen Sie meinen Puls, Er geht langsam. Bradycardie. Ich bin erst ein normaler Mensch mit einer halben Pulle im Bauch. Dann bin ich vernehmungsfähig. Vorher nicht. Also, krieg' ich jetzt einen Whisky?

PRITTY: Unerhörte Frechheit! Erst einen laienhaften Bankraub und dann einen Schnaps. Bei Ihnen piepst es wohl!

O'BEDELL: Sie könnten mir wenigstens zur Belohnung einen geben. Ich habe niemanden ein Haar gekrümmt und ließ mich brav wie ein Hündchen abführen.

SUSAN LANCASTER (kommt herein): 'n Abend Leutnant, 'n Abend Sergeant. Gibt's was Neues für mich?

PRITTY: Kann schon sein. Hören Sie sich den Typen mal an.

SUSAN: Was ist mit ihm?

BENSON: Versuchter Bankraub in der Filiale der Western National Bank in der 62. Straße.

SUSAN: Wann?

BENSON: Moment mal, 17.55 Uhr.

SUSAN: Wie heißt der Mann? Wie alt?

PRITTY: Wir waren noch nicht so weit. Können Sie sich ausweisen?

O'BEDELL: Selbstverständlich. Hier. Was ist jetzt mit einem Schnaps?

PRITTY: Stellen Sie sich vor, Miss Lancaster, das ist was für Ihre Zeitung, ein hübscher Gag; als Dank dafür, dass er so anständig war und auf keinen Menschen geschossen hat, will er ständig einen Whisky haben. Als ob wir 'ne Bar wären.

SUSAN: Sie haben doch einen da, oder?

PRITTY: Selbstverständlich.

SUSAN: Na los, schenken Sie schon ein. Eine Freundlichkeit ist die andere wert.

PRITTY: Aber Miss Lancaster! Die Dienstvorschrift!

SUSAN: Ach Quatsch. Ich könnte auch einen vertragen. verdammt kalt draußen und der Mann hat nur einen dünnen Mantel an. Ich bin Susan Lancaster, Polizei-Reporterin vom "Cronicle".

O'BEDELL: Sie sind sehr freundlich, Miss. Ich bin John T. O'Bedell.

SUSAN: Moment mal. (langsam): John T. O'Bedell!?! Schauen Sie mal im Pass nach, Leutnant.

PRITTY: Ja, der Name stimmt. O'Bedell, John Terence, 46 Jahre alt. Oberst???

SUSAN: Wissen Sie jetzt, welch ein Vögelchen Sie eingefangen haben, Leutnant?

PRITTY: Das ist doch nicht die Möglichkeit. Das - das gibt es doch gar nicht. Sie haben den Pass irgendwo gestohlen. Sagen Sie, dass Sie Jim Brown heißen oder auf sonst einen Allerweltsnamen hören, aber niemals John T. O'Bedell sein können, der...

O'BEDELL: Der Nationalheld. Vergleichen Sie den Pass, das Bild, die Fingerabdrücke. Krieg' ich jetzt einen Whisky?

SUSAN: Ich meine, wir haben alle einen nötig. Und dann ein Telefongespräch, bitte.

PRITTY (zu BENSON): Also gut. Benson, schenken Sie ein.

BENSON: Jawohl, Sir. (Holt Flasche, Gläser, schenkt ein).

PRITTY: Das hält man nicht für möglich.

BENSON (bietet an): Bitte sehr.

PRITTY: Danke. Zum Wohl allerseits. (sie trinken) So, nehmen Sie Platz, O'Bedell, und erzählen Sie mal.

SUSAN: Erst mein Gespräch, bitte.

PRITTY: Natürlich, rufen Sie Ihre Redaktion an.

SUSAN (wählt): Nicholson bitte. Es ist dringend. Susan ist hier.... Hallo Chef, ich hab die tollste Geschichte des Jahres. John T. O'Bedell als Bankräuber verhaftet. Glauben Sie nicht? In einer halben Stunde bin ich da. Und ich komme ausnahmsweise auf die Erste? Ben, Sie sind ein Schatz. Tschüss! (legt auf).

PRITTY: Also, Oberst.

O'BEDELL: Bitte keinen Dienstgrad mehr. Ich bin ein arbeitsloser Pilot, sonst nichts. Nennen Sie mich einfach O'Bedell, Leutnant. Haben Sie noch einen Schluck für mich? Dann bettele ich nicht mehr, sondern hoffe auf Ihre Großzügigkeit.

PRITTY: Bitte sehr, Oberst, Verzeihung, O'Bedell. (gießt ein) Und nun sind Sie. dran. Wie lange ist das eigentlich schon wieder her?

O'BEDELL: Nächsten Monat, genau am 9. März, werden es zwei Jahre.

SUSAN: So lange schon wieder und wir haben. alle Ihren Namen noch gewusst. Das ist selten, höchst selten in unserer Zeit. Sie kommen nahe an Kennedy o+der Lincoln heran.

O'BEDELL: Aber, aber, auf einer der unzähligen Parties hätte ich jetzt gesagt: "Zu viel der Ehre, Madam". Heute sage ich nur: "Halt’ die Luft an, Honey". Aber ein Körnchen Wahrheit ist immerhin dran. Wer weiß schon noch den Namen des ersten Astronauten? Das überlebt sich alles.

SUSAN: Das sage ich ja. Aber Ihren Namen kennt noch die ganze Nation, weil Sie, John T. O'Bedell, der erste Mensch waren, dem diese großartige Rettungstat gelang. Erinnern Sie sich noch Leutnant?

PRITTY: Aber ja, Miss Lancaster, als ob es gestern gewesen wäre. Drei unserer Astronauten waren mit ihrer Kapsel auf dem Rückweg zur Erde. Die Namen habe ich tatsächlich total vergessen.

O'BEDELL: Jim Harris, Erwin Friedlaender und Paul Bigatti.

PRITTY: Richtig, richtig, so hießen sie.

SUSAN: Keine Ahnung mehr. Bringt wohl der Beruf, mit sich.

PRITTY: Sie hatten die Kontrolle über die Kapsel, verloren und torkelten durchs Weltall. Richtig?

O'BEDELL: So kann man sagen.

PRITTY: Die ganze Nation litt mit den Männern Höllenqualen.

SUSAN: Ja, es waren schreckliche Stunden. Die ganze Menschheit zitterte um die drei Männer und fühlte mit ihren Familien.

O'BEDELL: Und sie schlossen Wetten ab, ob sie gesund herunterkämen oder im All verglühen müssten, wie ihr Journalisten das so gefühlvoll nennt, wenn man bei lebendigem Leib verbrennt. Vergessen Sie das nicht.

SUSAN: Vielleicht einzelne.

BENSON:. Von wegen einzelne! Das ganze Revier, in dem ich damals Dienst tat, war ein einziger Buchmacherladen.

PRITTY (ärgerlich): Ja, schon gut, Sergeant. So genau wollten wir es gar nicht wissen. Ein Ruhmesblatt war es nicht für dieses Revier der amerikanischen Polizei.

SUSAN: Aber typisch.

PRITTY: Lieber noch einen Schluck, O'Bedell? (gießt ein, ohne die Antwort abzuwarten). Trinken Sie nur, wenn es Ihnen gut tut und die Erinnerung etwas dämpft.

O'BEDELL: Vielen Dank.

PRITTY: Sie waren damals mit einer Versorgungsrakete unterwegs zu einer Raumstation, O'Bedell, als Kommandant, nicht wahr? Und Sie starteten durch, um die Kapsel zu orten und anzukoppeln. Und das gelang.