Gesang vom Kindchen - Thomas Mann - E-Book

Gesang vom Kindchen E-Book

Thomas Mann

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Beschreibung

Thomas Manns Erzählung "Gesang vom Kindchen" ist eine zärtliche und zugleich kunstvoll ironische Hommage an das Familienleben. Im Mittelpunkt steht die Geburt und die ersten Lebensjahre eines kleinen Mädchens, dessen Entwicklungsschritte mit liebevoller Genauigkeit und poetischem Ton geschildert werden. Mann beschreibt die häusliche Atmosphäre, die Freude der Eltern und die kleinen Wunder des Alltags, vom ersten Lächeln bis zu den ersten Gehversuchen. Dabei erhebt er das scheinbar Alltägliche zu einem literarischen "Gesang", der sowohl humorvoll als auch tief berührend wirkt. Die Erzählung zeigt eine private Seite des Autors, geprägt von Wärme und Nähe, und macht deutlich, wie aus der Beobachtung kindlicher Unschuld ein Werk von bleibender Schönheit entsteht. Ein Text, der die Freude an der Elternschaft feiert und zugleich die Kunstfertigkeit Manns eindrucksvoll unterstreicht.

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Seitenzahl: 46

Veröffentlichungsjahr: 2026

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GESANG VOM KINDCHEN

EIN IDYLL

THOMAS MANN

INHALT

Vorsatz

Lebensdinge

In der Frühe

Das Mal

Schwesterchen

Die Unterhaltung

Die Krankheit

Vom Morgenlande

Die Taufe

»So sind wir denn vorerst ganz still zu Haus,

Von Tür zu Türe sieht es lieblich aus;

Der Künstler froh die stillen Blicke hegt,

Wo Leben sich zum Leben freundlich regt,

Und wie wir auch durch fremde Lande zieh’n.

Da kommt es her, da kehrt es wieder hin;

Wir wenden uns, wie auch die Welt entzücke,

Der Enge zu, die uns allein beglücke.«

(GOETHE, CAMPAGNE IN FRANKREICH)

VORSATZ

Bin ich ein Dichter? War ich’s zuweilen? Ich weiß nicht. In Frankreich

Hieße Poet ich nicht. Man scheidet bequem und verständig

Dort den Reimschmied vom Manne der gradausgehenden Rede.

Jener heißt Dichter, der andere Autor etwa, Stiliste

Oder Schriftsteller; und wahrlich, man schätzt sein Talent nicht geringer.

Nur eben Dichter nennt man ihn nicht: er drechselt nicht Verse.

Mein Teil nun war immer die Prosa, schon seit dem Knaben

Erste Liebesschmerzen verblüht und frühe der Jüngling

Sich zum Werke nüchtern bereitet. Ein edles Gewaffen

Schuf der Verletzliche sich in ihr, die Welt zu bestehen,

Und er trug es mit Anmut: Gesteh’ ich’s, manch schönes Gelingen

Krönte mein Mühen um deutsches Wort, und ebengeboren

Dünkt ich mich manchem Sänger an Künstlerwürde und -wissen.

Dem Gewissen schien immer mir Sinn und Sache der Prosa:

Das Gewissen des Herzens und das des verfeinerten Ohres.

Ja, sie schien mir Moral und Musik, – so übt’ ich sie immer.

Dichter? Ich war es! Denn wo sich ursprünglich die Liebe zur Sprache

Jeder Liebe gesellt und allem Erleben sich mischet,

Da sei von Dichtertum kühnlich die Rede, – das Wort ist am Platze. –

Dennoch, erinnere dich! Gedenke verjährter Beschämung,

Heimlicher Niederlage, nie eingestandnen Versagens:

Wie du in Tugend und Mangel verkehrt und Staunen sogar noch

Endlich dafür geerntet, – doch Bitterkeit blieb auf der Zunge.

Weißt du noch? Höherer Rausch, ein außerordentlich Fühlen

Kam auch wohl über dich einmal und warf dich danieder,

Daß du lagst, die Stirn in den Händen. Hymnisch erhob sich

Da deine Seele, es drängte der ringende Geist zum Gesange

Unter Tränen sich hin. Doch leider blieb alles beim alten.

Denn ein versachlichend Mühen begann da, ein kältend Bemeistern, –

Siehe, es ward dir das trunkene Lied zur sittlichen Fabel.

War es nicht so? Und warum? Es scheint, du wagtest den Flug nicht?

Was dir ziemte, was nicht, du wußtest’s im innersten Herzen

Und beschiedest dich still; doch schmerzte der tiefere Fehlschlag.

Nochmals, war es nicht so? Und sollt’ es dabei sein Bewenden

Immer behalten? Schriftsteller bliebst du und Prosaerzähler?

Dürftest nie als Poet dich fühlen, wie er im Buch steht?

So wär’s vom Schicksal verbrieft und besiegelt? – Laßt mich doch sehen!

Einen Silbenfall weiß ich, – es liebten ihn Griechen und Deutsche, –

Mäßigen Sinnes ist er, betrachtsam, heiter und rechtlich;

Zwischen Gesang und verständigem Wort hält er wohlig die Mitte,

Festlich und nüchtern zugleich. Die Leidenschaften zu malen,

Innere Dinge zu scheiden, spitzfindig, taugt er nicht eben.

Aber die äußere Welt, die besonnte, in sinnlicher Anmut

Abzuspiegeln in seinem Gekräusel, ist recht er geschaffen.

Plauderhaft gibt er sich gern und schweift zur Seite. Besonders

War es ihm immer gemäß, wenn es häuslich zuging und herzlich.

Frühe fiel er ins Ohr mir, auf deutsch, übertragener Weise,

Als der Knabe den Sinn sich erhöht an den Kämpfen Kronions

Statt an Indianergeschichten. Die Weise blieb mir geläufig

Immer seitdem; sie geht mir bequem von der Lippe; und manchmal

- Ihr merktet’s schwerlich – schlich sie sich ein in meine Erzählung,

Wandelnd den ungebundenen Trott zum Reigen der Verse. –

Gönne mir einmal, Muse, den heiter gemessenen Gang denn

Offenkundig! Die Stunde ist da und der trefflichste Anlaß!

Denn ich will sagen und singen vom Kindchen, dem jüngsten der meinen,

Das mir erschien in härtester Zeit, da ich nicht mehr jung war.

Und was kein Drang der Seele, kein höher Befahrnis vermochte,

Das wirke Vatergefühl: es mach’ mich zum metrischen Dichter.

LEBENSDINGE

Letztgeborenes du und Erstgeborenes dennoch

Mir erst in Wahrheit! Denn bedeutende Lebensjahre

Waren mir hingegangen, dem reifenden Manne, seitdem ich

Vater geworden zuletzt; derweilen deine Geschwister

Wuchsen heran: Vier sind es und kluge, gutartige Kinder,

Zwischen dreizehn und sieben, nicht weit voneinander im Alter.

Staunend sah sie der Jüngling-Vater zusammen sich finden

Binnen so kurzem, Jahr fast um Jahr, – der eben noch einzeln,

Und mit kindischem Stolz ob ihrer muntren Versammlung,

Wie ob aller Wirklichkeit, welche dem Träumer je zufiel.

(Denn den Menschen des Traums dünkt Wirklichkeit nun einmal immer

Träumerischer als jeder Traum und schmeichelt ihm tiefer.)

So denn wußt’ er nicht wenig sich mit dem stattlichen Anhang

Und der bürgerlichen Befestigung. Aber auch bänglich

Kam es nicht selten ihn an und er wandte im Innern hinweg sich,

Sorgend bedacht, seine Freiheit und Einsamkeit vor dem Leben,

Das er doch redlich gesucht und sittlich gewollt, zu bewahren.

Wohl liebt’ ich sie, meiner Sehnsucht und meines Schicksals Geschöpfe,

Die nun als Menschen wandelten, bergend ihr eigenes Schicksal;

Liebte sie um der Mutter, der Märchenbraut willen von einstmals,

Die sich der Jüngling erschaut und erworben, – sie waren ihr Glück ja.

Und als der Älteste, der schöne, besondere Knabe,

Auf den Tod lag, vielfach vom Messer des Arztes geöffnet,

Untät’gen Eingeweides, nur noch ein hölzernes Püppchen,

Der sonst Blühende, sinnlos, und im Begriffe zu scheiden,

Wollte das Herz mir brechen ob ihrer bitteren Schmerzen,

Und wir weinten innig zusammen. Aber zu plötzlich

Hatte der Baum meines Menschtums, der jüngst ein schmächtiger Jünglings-

Stamm noch, reich sich verzweigt und seine Krone gebreitet,