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Seitenzahl: 31
1914 Kurt Wolff Verlag · Leipzig
Dies Buch wurde gedruckt im März 1914 als siebzehnter Band der Bücherei „Der jüngste Tag“ bei Poeschel & Trepte in Leipzig
Copyright 1914 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Jene blutigangefahrne Maus,
die sich im Staub der Straße weh vertropfte,
als der Tag schwand und der mörderische
Autobus schon in der Ferne klopfte,
pulste auf zur Zeit der Morgenfrische
fern im Orient in einer neuen Maus.
Ein weißer Hund lief durch den kühlen Schatten,
der sich dichter in den Abend wob,
beschnupperte den kalten Leib und fühlte
seine Pflicht, die Toten zu bestatten.
Wie er die Leiche leicht mit Heilandszähnen hob
und sie in seinen Grabesrachen schluckend wühlte!
Der junge Mond verzückte sich, als er
die große Liebe sah, zog seinen Säbel
aus den Wolken, die ihn seligschwer,
wie Hallelujaengel hell umkränzten,
und zerschnitt den blauen Weihnachtsnebel,
daß die Menschen, die es sahen, alle glänzten.
Ich sah an einem himmelblauen Tag
nichts, als die wunderlichen Wolken wehn,
und fühlte meine Erde schaukelnd gehn,
auf der ich, süß vom Licht gekreuzigt, lag.
Die Stunde, die ich lebend so vollbrachte,
war weise wie ein hungeriges Tier;
ich wußte nicht mehr, daß ich selig lachte,
ich lachte, denn ich wußte nichts von ihr.
Als wiegte jemand ohne Aufenthalt
mich ewig fort von Tor zu Toren,
war ich plötzlich tausend Jahre alt
und plötzlich ungeboren.
Wenn dir der hinterlistige Tod
an weißen Tagen
mitten auf der Gasse
im eigenen Schatten begegnet und droht,
lauf unter die Sonne und lasse
ihn totschlagen!
Blinkt aber des Nachts aus dem schalen Wein
sein bleiches Gebein,
ist’s wohl am besten, man läuft
ans Faß und schüttet alles hinein,
daß der Tod ersäuft.
Zuweilen
kommt es auch vor,
daß er gleich tausend Nächte lang mit geilen
Brüsten und Schenkeln als falsche Venus erscheint und nicht ruht,
bis du seine Begierden stillst.
Grabe deiner blinden Glut
zeitig einen Löschgraben vor,
wenn du nicht als Götzenopfer verbrennen willst!
Wenn er dir aber einmal in einer müden Stunde
heimtückisch die Wunde
des Sterbens beibringt, dann zeige
auf deine Kinder, auf die sprossenden Zweige
der Bäume oder auf den roten
samenreichen Mohn im Feld,
nimm nochmal deine ganze Stimme hervor
und schrei es dem armseligen Scheusal höhnisch ins Ohr:
Du bist umsonst auf der lebendigen Welt,
es gibt keine Toten!
Auf den winterlichen Höhen, die vom kalten
Silberlicht des Sonntaghimmels rund umflossen
waren, wandelte viel Volk, das aus der großen
Meuchelstadt geflüchtet war, in warmen Falten.
Plötzlich nahte, wie gesandt, ein kleiner Schlitten.
Eine Mutter saß, den weiten Schoß verhüllt,
darauf und lächelte, bis in das Herz erfüllt
von denen, die, den Schlitten ziehend, vor ihr schritten.
Daß der Vater liebend sich in ihr verzehrte,
um in seinem Sohn, der neben ihm auf strammen
Beinen lachte, himmelssüchtig aufzuflammen,
wie sie, als sie dieses dachte, sich verklärte!
O, wie war die Mutter Weg und Mittelpunkt,
weil sich die Ewigkeit in ihrem süßem Schoße
gnädig kreuzte; o welch ungeheuergroße
Liebe aus Geburt und Sterben ewig prunkt!
