Geschichte Friedrichs des Großen -  - E-Book

Geschichte Friedrichs des Großen E-Book

0,0

Beschreibung

Genau 100 Jahre nach seiner Thronbesteigung erschien die erste bedeutende und bis heute wohl berühmteste Biografie des Preußenkönigs Friedrich II.. Franz Kuglers "Geschichte Friedrichs des Großen" stellt eine ebenso sensible wie spannende Lebensbeschreibung des einzigartigen Menschen, Monarchen, Feldherren und Philosophen von Sanssouci vor und liest sich heute noch genauso packend wie damals. Anlässlich des 300. Geburtstags des großen Hohenzollern wurde Kuglers Werk in einer modernen, moderat redigierten, sehr gut lesbaren und preiswerten Taschenbuchausgabe (332 Seiten) aufgelegt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 698

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das Buch

Franz Kuglers „Geschichte Friedrichs des Großen” ist die erste bedeutende, gleichzeitig bis heute wohl bekannteste Biografie des berühmten Preußenkönigs. Packend, einfühlsam, aber auch mitleidend und mitfiebernd schildert Kugler Leben und Werk Friedrichs II.; von den Hoffnungen einer aufstrebenden Adelsdynastie, über die folgenschweren Zerwürfnisse des jungen Kronprinzen mit seinem Vater, König Friedrich Wilhelm I., über die kurze, unbeschwerte Zeit in Rheinsberg, die Thronbesteigung mitsamt sofortiger übermütigen Herausforderung der Weltmächte. Drei grausame Kriege um seine Ansprüche auf Schlesien hatten Regent und Volk zu überstehen. Mehr als einmal geriet dabei der König, der sich selbst schonungslos in die Schlachten warf, in ganz persönliche Lebensgefahr. Schließlich gelang es ihm und seiner Armee, den jungen Staat in die europäischen Großmächte einzureihen. Kugler schildert aber nicht nur den Feldherren sondern auch den anderen Friedrich, den Dichter, den Philosophen, den Musiker, den völlig unprätentiösen Kommunikator mit jedermann, schließlich den unermüdlichen Ideengeber, Antreiber, „ersten Diener” seines Staates. So wie Friedrich eine Figur seltener Größe war, dessen Taten bis zum heutigen Tage nachwirken, so großartig ist auch die Beschreibung dieser einzigartigen Existenz durch Kugler; ein Werk, das niemals veralten wird, und von dem wir uns auch heute noch packen und faszinieren lassen dürfen.

Der Autor

Franz Kugler wurde im Jahre 1808 als drittes Kind einer wohlsituierten großbürgerlichen Familie in Stettin geboren, absolvierte das dortige Marienstiftsgymnasium und ging anschließend zum Studium nach Berlin. Bald nach Ende seines Studiums wurde Kugler ordentlicher Professor an der Berliner Akademie der Künste, später Referent im preußischen Kultusministerium. Daneben verfasste er Liederbücher und war als langjähriger Kritiker sowie als Schriftsteller und Sachbuchautor eines umfangreichen Werks vor allem in den Bereichen Malerei, Architektur sowie Kunst und Kulturgeschichte tätig. Zu Kuglers bekanntesten Schöpfungen gehört das romantische Volkslied „An der Saale hellem Strande“. Die im Jahre 1840, genau 100 Jahre nach der Thronbesteigung erschienene „Geschichte Friedrichs des Großen“, illustriert durch Zeichnungen des damals noch unbekannten Adolph Menzel, wurde ein großer Erfolg und bleibt bis heute eine wegweisende Biografie des Monarchen und Menschen Friedrich. Kugler starb im Jahre 1858 in Berlin. Ihm wurde ein Ehrengrab auf dem Alten St.Matthäus-Kirchhof in Schöneberg errichtet.

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

Der Autor

Der ganze Kugler

Den Freunden des Vaterlandes

Erstes Buch: Jugend

1. Geburt und Taufe

2. Die ersten Jahre der Kindheit

3. Die Knabenzeit

4. Missstimmung zwischen Vater und Sohn

5. Zwiespalt zwischen Vater und Sohn

6. Versuch zur Flucht

7. Das Gericht

8. Die Versöhnung

9. Die Vermählung

10. Der erste Anblick des Krieges

11. Der Aufenthalt in Rheinsberg

12. Der Tod des Vaters

Zweites Buch: Glanz

13. Friedrichs Regierungsantritt

14. Ausbruch des ersten Schlesischen Krieges

15. Feldzug des Jahres 1741

16. Feldzug des Jahres 1742

17. Zwei Friedensjahre

18. Ausbruch des zweiten Schlesischen Krieges. Feldzug des Jahres 1744

19. Feldzug des Jahres 1745

20. Nachspiel des zweiten Schlesischen Krieges

21. Friedrichs Regierung bis zum Siebenjährigen Kriege

22. Der Philosoph von Sanssouci

23. Politische Verhältnisse bis zum Siebenjährigen Kriege

Drittes Buch: Heldentum

24. Der erste Feldzug des Siebenjährigen Krieges. 1756

25. Beginn des Feldzuges von 1757. Prag und Kolin

26. Fortsetzung des Feldzuges von 1757

27. Fortsetzung des Feldzuges von 1757. Roßbach

28. Schluss des Feldzuges von 1757. Leuthen

29. Beginn des Feldzuges von 1758. Der Zug nach Mähren

30. Fortsetzung des Feldzuges von 1758. Zorndorf

31. Schluss des Feldzuges von 1758. Hochkirch

32. Feldzug des Jahres 1759. Kunersdorf

33. Beginn des Feldzuges von 1760. Dresden und Liegnitz

34. Schluss des Feldzuges von 1760. Torgau

35. Beginn des Feldzuges von 1761. Das Lager zu Bunzelwitz

36. Schluss des Feldzuges von 1761. Das Lager zu Strehlen

37. Feldzug des Jahres 1762. Burkersdorf und Schweidnitz. Friede

Viertes Buch: Alter

38. Wiederherstellung der heimischen Verhältnisse im Frieden

39. Die Erzählung des thüringischen Kandidaten

40. Freundschaftliche Verhältnisse zu Russland und Österreich. Die Erwerbung von Westpreußen

41. Friedrichs Sorgen für Deutschland. Der Bayrische Erbfolgekrieg und der deutsche Fürstenbund

42. Friedrichs innere Regierung seit dem Siebenjährigen Kriege

43. Friedrichs häusliches Leben im Alter

44. Friedrichs Ende

Schluss Das Testament des großen Königs

Weitere Informationen

Der ganze Kugler

Am 24. Januar 2012 jährte sich der Geburtstag Friedrichs II., „den seine Zeitgenossen den Großen genannt haben”, zum 300. Mal. Ein bedeutender Berliner Kunsthistoriker und hoher Staatsdiener schrieb ein halbes Jahrhundert nach dem Tode des großen Preußenkönigs eine so einfühl same Biografie, dass der Name des Autors bis heute eng verknüpft mit Preußens Gloria erscheint: Franz Kugler. Der gebürtige Stettiner ist viel mehr als bloßer Biograf des faszinierenden Menschen, Monarchen und Philosophen von Sanssouci. Glühende Verehrung spricht aus jedem Satz seines Werkes. Schon im Vorwort macht Kugler keinen Hehl daraus, ein ein fanatischer Anhänger Friedrichs und des Preußentums zu sein, in heutiger Begriffswelt also ein „Fan“, wie er im Buche steht. Er ist also, unschwer herauszulesen, auch Partei. Aber nicht nur parteiergreifende Leidenschaft spricht aus seinem Werk sondern vor allem – natürlich profunde Kenntnis und ein sensibles Gefühl für die in zahlreichen Facetten schillernde Persönlichkeit des Königs. Einfühlsam die Beschreibung von Jugend und Alter des Hohenzollern, intensiv und packend die Schlachtenszenen, anrührend die zahlreichen Anekdoten, die in einem Buch über Friedrich nicht fehlen dürfen, kurz: die „Geschichte Friedrichs des Großen” liest sich heute genauso so spannend wie vor 170 Jahren.

Nun endlich gibt es noch einen weiteren Grund, dieses Werk wieder in die Hand zu nehmen. Ausgehend vom- und eng angelehnt an das Original, haben wir bei behutsamer Erhaltung der originellen Diktionen des 18. und 19. Jahrhunderts eine gemäßigt moderne Orthographie eingeführt und das Ganze auch noch in einer schönen, gut lesbaren Schrift gedruckt.

Warum aber sollte Kuglers „Friedrich” überhaupt noch einmal als gedrucktes Werk neu vorgelegt werden, wo man doch so viel Antiquarisches heute im Internet findet? Meine Antwort: wegen der Qualität! Denn das, was einem bislang auf elektronischem Wege vorgesetzt wurde, war vielfach alles andere als ein Augenschmaus, dazu oft lücken- und daher äußerst mangelhaft. Allein auf die im Original enthaltenen Zeichnungen Adolph Menzels haben wir verzichtet. Ansonsten aber dürfen Sie sich hier auf den ganzen Kugler freuen.

Michael Hertel

Herausgeber

Den Freunden des Vaterlandes

Wir legen Euch in diesem Buche die Geschichte eines Mannes vor, bei dessen Namen das Herz eines jeden Bürgers im preußischen Staate, das Herz eines jeden Deutschen höher schlägt, eines Mannes, welcher zu den Wenigen gezählt werden muss, die zu Trägern der Weltgeschichte berufen waren und hellen Geistes, scharfen Auges, starken Armes ihren Beruf zu erfüllen vermochten. Er führte einen kleinen, bis dahin nur wenig beachteten Staat in die Reihe der europäischen Mächte ein, und gab der Entwicklung dieses Staates diejenige Richtung, welche die Bürgschaft seiner stets wachsenden Bedeutung in sich einschließt. Er schuf dem deutschen Namen Ehre; er rief den Nationalsinn des Volkes, der länger als hundert Jahre fast geschlummert hatte, wieder ins Leben, dass deutsche Tat und deutsches Wort aufs neue, wie einst in vergangenen Zeiten, über die Lande hinausstrahlten. Er stand am Schlusse eines abgelaufenen Zeitalters; er schob den Riegel hinweg, welcher die Pforten der neuen Zeit verschlossen hielt, und begann den Schritt auf der neuen Bahn.

Ein höheres Verhängnis waltet über den Menschen; wir alle, sofern unsere Sinne nicht gänzlich der Erde und den irdischen Bedürfnissen zugewandt sind, vernehmen die Stimme in unserm Innern, die uns dem Zwecke unseres Daseins entgegenführt. Ungleich mächtiger aber als bei uns, die wir der Masse angehören und deren Spur verlischt, wenn wir nicht mehr da sind, erschallt die Stimme des Innern denen, deren Beruf es ist, in den Gang der Weltgeschichte einzugreifen. Oft werden sie dadurch den angeborenen menschlichen Kreisen entrafft; sie treten uns dann, — wie Ihr es nennen wollt: — göttlichen oder dämonischen Erscheinungen vergleichbar, entgegen; wir ahnen die höhere Macht, die über ihnen waltet, aber wir verstehen sie nicht; wir können zu ihrer Größe mit staunender Bewunderung emporblicken, aber wir vermögen es nicht, uns ihnen mit derjenigen Verehrung zu nahen, welche in dem Boden des Gemütes wurzelt: wir vermögen sie nicht zu lieben. Auch Friedrich erscheint uns von diesem höheren Verhängnisse getrieben; auch in ihm ist — wenn wir dies Wort gebrauchen dürfen — etwas Dämonisches, das uns bei der Betrachtung seiner Geschichte wie mit einer geheimen Scheu erfüllt. Dennoch bleibt er uns, wie nur wenige von denen, deren Häupter über den Gang der Geschichte hinausragen, menschlich nah, dennoch ist seine Erscheinung uns verständlich, dennoch flößt er uns zugleich eine wahrhaft gemütliche Teilnahme ein. Nicht wie ein rätselhaft wunderbarer Meteor tritt er seine Bahn an; wir sehen ihn im Gegenteil Schritt vor Schritt sich entwickeln, Schritt vor Schritt seinen erhabenen Beruf ernstlicher, fester, inniger ergreifen. Er hat eine tief bedeutsame Jugend geschichte; eine herbe Prüfung lehrt ihn, die Willkür seines Geistes zu beugen und sich entschlossnen Mutes das Gesetz der Notwendigkeit zu eigen zu machen. Dann ruft ihn die Geschichte hinaus auf ihren Schauplatz, sein Recht sich zu erkämpfen; aber er tritt uns nicht als ein fertiger Held entgegen: er lernt es, Sieger zu sein. Kein Genuss geht ihm über den, welchen wissenschaftliche, künstlerische und dichterische Beschäftigung gewähren; aber er opfert alles, um seinen Beruf zu erfüllen; er behält bis zum letzten Augenblicke des Kampfes, schon fast hoffnungslos, das Schwert in der Hand, welches die Gegner ihm aufgedrungen; er arbeitet bis zur Stunde des Todes, nur für das Wohl seines Volkes und seines Staates bedacht. Er steht auf jener einsamen Höhe, welche den Menschen leicht genug dem Gefühle für seine Mitmenschen entfremdet; aber er hat alle Lagen des Lebens kennen gelernt, und er erhält sich den Sinn, auf die Gedankenkreise und die Bedürfnisse auch des Geringsten mit liebevoller Teilnahme einzugehen. Darum, weil er das Erhabenste im Gewande wahrhafter, einfacher Menschlichkeit zur Erscheinung brachte, ist er der Mann des Volkes geworden, im umfassen dsten und edelsten Sinne des Wortes. Darum zollten ihm seine Zeitgenossen nicht bloß staunende Bewunderung, sondern auch innige Verehrung, hingebende Liebe. Darum wird sein Bild in dieser Weise sich auf die ferne Zukunft hin erhalten.

Wir geben Euch die Geschichte dieses seltenen Mannes anspruchslos so, wie sie uns ist überliefert worden. Es lag nicht in unserer Absicht, sie nach den Lehren einer philosophischen Schule oder nach den Grundsätzen dichterischer Behandlungsweise glänzender zu gestalten; wir glaubten, dass die Schilderung der Tatsachen, die Darstellung einer so merkwürdigen Persönlichkeit und derer, welche in ihren Kreis gezogen wurden, schon an sich genügen dürften, um Eure Teilnahme zu fesseln. Wir haben uns nur bemüht, hierin, durch Wort und durch Bild, so anschaulich wie möglich zu verfahren, auf dass der Mann und seine Zeit Euren Blicken aufs neue gegenwärtig werde. Wir haben es auch für angemessen gehalten, über das, was man als menschliche Schwäche oder Irrtum bezeichnen möchte, keinen verhüllenden Schleier zu ziehen, um hierdurch die Wahrheit des Bildes nicht zu beeinträchtigen. Eurer Bewun derung für die Größe des Mannes wird dies keinen Abbruch tun; im Gegenteil wird dabei das wahrhaft Menschliche seiner Erscheinung, und zugleich auch das Höhere derselben, nur in ein um so helleres Licht treten.

Möge es denn diesem Buche beschieden sein, die Teilnahme für Friedrich auch heute im weitesten Kreise lebendig zu erhalten und hierdurch der Liebe zum Vaterlande neue Nahrung zu gewähren!

Erstes Buch: Jugend

1. Geburt und Taufe

Friedrich, den seine Zeitgenossen den Großen genannt haben und den die Nachwelt ebenso nennt, wurde am 24. Januar 1712 im königlichen Schlosse zu Berlin geboren. Mit großer Freude wurde seine Erscheinung begrüßt, denn die Hoffnungen der königlichen Familie beruhten auf ihm. Noch saß der Großvater des Neugebornen, König Friedrich I., auf dem preußischen Throne; aber er hatte nur einen Sohn, Friedrich Wilhelm, und diesem waren bereits zwei Söhne bald nach ihrer Geburt gestorben; blieb Friedrich Wilhelm ohne männliche Nachkommen, so musste die Krone auf eine Seitenlinie des königlichen Hauses übergehen. Es wird erzählt, die frohe Nachricht sei dem Könige gerade zur Mittagsstunde, eben als die Zeremonien der Tafel beginnen sollten, überbracht worden; augenblicklich habe er die Tafel verlassen, der hohen Wöchnerin in eigner Person seine Freude zu bezeugen und den einstigen Erben seiner Krone zu begrüßen. Alsbald erhielten die Einwohner der Residenz durch das Läuten aller Glocken, durch den Donner des sämtlichen Geschützes, welches auf den Wällen stand, Kunde von dem segensreichen Ereignis. Mannigfache Gnadenbezeugungen und Beförderungen treuer Diener des Staates, die Speisung aller Armen in den Armenhäusern der Stadt erhöhten die Feier des Tages.

König Friedrich I. hatte seine Staaten als Erbe seines Vaters, des Großen Kurfürsten von Brandenburg, Friedrich Wilhelm, empfangen. Der Große Kurfürst war der Erste, aber auch der Einzige gewesen, der nach den Greueln des Dreißigjährigen Krieges und gegen die verderbliche Übermacht Frankreichs, den deutschen Namen mit Würde zu vertreten wusste. Er hatte sein fast vernichtetes Land zu einer achtunggebietenden Macht erhoben. Er hatte so glücklich gekämpft und so weise regiert, dass die Eifersucht des österreichischen Kaiserhofs rege ward; mit Verdruss bemerkte man in Wien, dass an den Ufern des baltischen Meeres sich ein neuer „Wendenkönig“ emporhob; denn der kaiserlichen Majestät, die nach unabhängiger Herrschaft über Deutschland streben mochte, schien es wenig vorteilhaft, in den Händen untergeordneter Reichsfürsten eine bedeutsamere Macht zu erblicken.

Friedrich I. hatte den Taten seines großen Vaters eine neue hinzugefügt, die, oft als kleinlich gescholten, von den großartigsten Folgen war, und die auch an sich von eigentümlichem politischem Scharfblicke zeugt. Er hatte sein nicht zum deutschen Reichsverbande gehöriges Herzogtum Preußen (Ostpreußen — denn Westpreußen war den früheren Besitzern des Landes durch die Polen entrissen) zum Königreiche erhoben und sich zu Königsberg am 18. Januar 1701 die königliche Krone aufgesetzt. Langjähriger Widerspruch, besonders von seiten des österreichischen Hofes, war zu beseitigen gewesen, ehe Friedrich I. sich zu diesem Schritte entschließen durfte, aber mit standhafter Beharrlichkeit hatte er seinen Plan verfolgt, bis die politischen Verhältnisse sich der Ausführung günstig erwiesen. Wie bedeutsam dieser Schritt war, bezeugt ein ahnungsvolles Wort des Prinzen Eugen von Savoyen, des größten Feldherrn und Staatsmannes, den Österreich zu jener Zeit besaß; nach seiner Ansicht hätten die Minister, welche dem Kaiser zur Anerkennung der preußischen Krone geraten, Todesstrafe verdient. Denn allerdings war der königliche Name kein leerer Titel und der königliche Hofhalt kein leerer Prunk; beides setzte — und namentlich in einer Zeit, die alles nach dem Richtmaß der Etikette abschätzte — den Kurfürsten von Brandenburg in eine Stellung zum deutschen Reichsverbande, die auf ein Streben nach Unabhängigkeit von dessen schon morsch gewordenen Gesetzen hindeutete: eine weitere Entwickelung des brandenburgischpreußischen Staates musste dies Streben zur Tat hinausführen.

Doch war es dem ersten Könige dieses Staates nicht verliehen, sein Werk in solcher Weise zu vollenden; äußere Verhältnisse, innere Kraft und geistige Überlegenheit mussten zusammenkommen, um so großes vollbringen zu können. Friedrich I. begnügte sich, seine Krone mit demjenigen Glanze zu schmücken, der zur Behauptung ihrer Würde unerlässlich schien und es in der Tat für jene Zeit war. Er umgab sich mit einem prunkvollen Zeremoniell und vollzog die anstrengenden Satzungen desselben, gleich einer Pflicht, mit strenger Ausdauer. Er feierte die denkwürdigen Ereignisse seiner Regierung mit einer ausgesuchten Pracht, welche das Ausland staunen machte und sein Volk mit demütiger Bewunderung erfüllte. Zugleich aber war er milden Sinnes und von seinen Untertanen in Wahrheit geliebt. Auch wusste er dem äußerlichen Schaugepränge durch reiche Begünstigung der Kunst und Wissenschaft eine innere Würde zu geben. Großartige Werke der Kunst erstanden auf sein Gebot.

2. Die ersten Jahre der Kindheit

Der Tod Friedrichs I. brachte eine bedeutende Veränderung in der Regie rung des preußischen Staates, im Hofhalt, in der Lebensweise der königlichen Familie hervor. Friedrich Wilhelm I. war seinem Vater durchaus unähnlich. Das strenge Zeremoniell, dem er sich bis dahin hatte fügen müssen, war ihm lästig, der kostbare Prunk der Festlichkeiten verhasst; die höhere Wissenschaft und feinere Sitte, in der ihn seine Mutter, die schon früher verstorbene hochgebildete Königin Sophie Charlotte, hatte erziehen wollen, erschien ihm als ein sehr überflüssiger, zum Teil verderblicher Schmuck des Lebens. Ihm war von der Natur eine ausschließlich praktische Richtung gegeben. Sein Bestreben ging dahin, statt der Summen, welche der glänzende Hofhalt und neben diesem auch die Willkür bevorrechteter Günstlinge fort und fort verschlungen hatte, einen wohlgefüllten Schatz herzustellen, seine Untertanen zu ausdauerndem Fleiße anzuhalten und den Wohlstand des Landes durch die sorglichste Aufsicht zu fördern. Die Bedeutung seiner Krone sollte nicht ferner durch blendenden Schimmer, sondern durch ein zahlreiches und wohlgeübtes Kriegsheer vertreten werden. Die Festlichkeiten, welche den Schmuck seines Lebens ausmachten, bestanden in der Schaustellung kriegerischer Künste. Durch unermüdlichen Eifer brachte er es dahin, dass bei den militärischen Übungen seine Soldaten eine Schnelligkeit, Sicherheit und Gleichförmigkeit der Bewegungen entwickelten, welche bis dahin unerhört waren. Ebenso sehr lag es ihm am Herzen, dass seine Regimenter, besonders die ersten Glieder derselben, sich durch Schönheit und Körper größe vor allen auszeichneten; ja, er ging hierin so weit, dass er für diesen Zweck Summen verschwendete, die mit seiner sonstigen Sparsamkeit auf keine Weise in Einklang standen; und mannigfach hat ihn gewalttätige Werbung großer Leute mit seinen Nachbarstaaten in verdrießliche Händel verwickelt. Berlin ward unter seiner Regierung nicht mehr das deutsche Athen, sondern das deutsche Sparta genannt.

Sein Familienleben war auf einen einfach bürgerlichen Fuß eingerichtet, und er gab hierdurch — zu einer Zeit, da an den Höfen fast überall eine furchtbare Sittenverderbnis eingerissen war — ein achtbares Beispiel. Eheliche Treue galt ihm über alles. Seine Kinder, deren Anzahl sich im Verlauf der Jahre bedeutend vermehrte, sollten, seiner schlichten Frömmigkeit gemäß, in der Furcht des Herrn erzogen werden; frühzeitig war er bemüht, sie durch Gewöhnung eines regelmäßigen Lebens, durch stren gen Gehorsam und nützliche Beschäftigung zu tüchtigen Menschen nach seinem Sinne zu bilden, während alles, was der Eleganz im Leben und Wissen angehört, entschieden aus seinem häuslichen Kreise verbannt blieb. Unter einer rauhen Hülle bewahrte er ein deutsches Gemüt, und er ließ dem, der ihm in gemütlicher Weise entgegenkam, Gerechtigkeit widerfahren; undeutsches Wesen aber und Widerspenstigkeit gegen seine gutgemeinten Anordnungen fanden an ihm einen unerbittlichen Richter, und er wusste, von Natur zum Jähzorn geneigt, ein solches Tun aufs Härteste zu ahnden.

In den ersten Jugendjahren seines Sohnes, des nunmehrigen Kronprinzen Friedrich, konnte es jedoch noch nicht in Frage kommen, wie weit dieser mit der Richtung und Gesinnung des Vaters übereinstimmen würde. Die erste Pflege des Knaben musste den Händen der Frauen anvertraut bleiben. Seine Mutter, die Königin Sophie Dorothee, eine Tochter des Kurfürsten von Hannover und nachmaligen Königs von England, Georgs I., war durch eine natürliche Herzensgüte und Neigung zum Wohltun ausgezeichnet; auch war sie der edleren Wissenschaft nicht so abhold wie ihr Gemahl. Diese Neigungen suchte sie auf ihre Kinder fortzupflanzen. Leider jedoch besaß sie nicht diejenige hingebende Liebe, welche, in Einklang mit dem Willen ihres Gemahls, zum Segen des Hauses hätte wirken können.

Eine Ehrendame der Königin, Frau von Kamecke, war mit der Oberaufsicht über die Erziehung des Kronprinzen beauftragt worden. Ein größeres Verdienst als diese erwarb sich die Untergouvernante, Frau von Rocoulles. Die Letztere hatte schon den König selbst in seiner Kindheit gepflegt; ihr fester und edler Charakter, ihre treue Anhänglichkeit an das preußische Herrscherhaus hatten sie so empfohlen, dass es nur ein gerechter Dank schien, sie aufs Neue zu einem so ehrenvollen Geschäfte zu berufen. Sie war eine geborene Französin und gehörte zu den Scharen jener Reformierten, die ein törichter Religionseifer, die Heimat eines Teiles seiner besten Kräfte beraubend, aus Frankreich verbannt hatte, und die in den brandenburgischen Staaten Aufnahme fanden. Dass überhaupt eine Französin, selbst an dem derbdeutschen Hofe Friedrich Wilhelms, zur Erziehung der Kinder berufen ward, darf in einer Zeit nicht auffallen, in welcher die Welt von französischer Bildung beherrscht wurde und die Kenntnis der französischen Sprache unumgänglich nötig war, um sich in den höheren Kreisen der Gesellschaft verständlich zu machen; überdies war gerade in Berlin durch die Scharen jener Eingewanderten, welche Kunstfertigkeiten und wissenschaftliche Bildung aus Frankreich herüber gebracht hatten, die französische Sprache nur um so mehr ausgebreitet worden. So ward auch der Kronprinz von früher Jugend an, gewiss nicht ohne Einfluss auf sein späteres Leben, vorzugsweise in der französischen Sprache gebildet. Wie treu aber seine Erzieherin ihre Pflichten an ihm erfüllt hat, beweist am besten der Umstand, dass er ihr bis an ihren Tod in unwandelbarer Anhänglichkeit zugetan blieb.

Als Friedrich vier Jahre alt war, wurde ein merkwürdiges prophetisches Wort über ihn gesprochen. Es befanden sich damals in Berlin viele schwe dische Offiziere, die bei der Einnahme von Stralsund, am Weihnachstage 1715, zu Kriegsgefangenen gemacht waren (König Friedrich Wilhelm war nämlich durch die hartnäckigen Anmaßungen des Schwedenkönigs, Karls XII., zum Kriege genötigt worden, dessen Folge die Erwerbung eines Teiles von Vorpommern war). Einer von jenen Offizieren, Namens Croom, stand in dem Rufe, aus den Sternen und aus den Lineamenten der menschlichen Hand die Zukunft lesen zu können; die ganze Stadt war voll von seinen Prophezeiungen. Die Königin und die Damen des Hofes waren begierig, durch ihn ebenfalls einiges von ihren zukünftigen Schicksalen zu erfahren. Man berief ihn in die Gemächer der Königin. Hier unter suchte er die dargebotenen Hände und sagte Dinge voraus, die später in der Tat auf überraschende Weise eintrafen. Der Königin, die sich damals in gesegneten Umständen befand, sagte er, sie würde in zwei Monaten von einer Tochter entbunden werden; der ältesten Prinzessin verkündete er, dass sie neben manchen trügerischen Hoffnungen ihr ganzes Leben hindurch viele Leiden würde zu erdulden haben; einigen Hofdamen pro phezeite er ihre baldige, wenig ehrenvolle Entfernung vom Hofe. Als ihm der Kronprinz vorgeführt ward, so wahrsagte er diesem viele Unannehmlichkeiten in seiner Jugend: in reiferen Jahren aber würde er Kaiser und einer der größten Fürsten Europas werden. Mit Ausnahme des Kaisertitels ist auch diese Prophezeiung vollkommen in Erfüllung gegangen.

In den ersten Lebensjahren, wie auch noch mannigfach in späterer Zeit, bis kriegerische Beschäftigungen den Körper abgehärtet hatten, war die Gesundheit des Kronprinzen schwankend, und die traurigen Erfahrungen, die man bereits an zwei früh verstorbenen Prinzen gemacht hatte, ließen auch für ihn gegründete Besorgnisse entstehen. Zudem hatte dieser körperliche Zustand, vielleicht aber auch eine Gemütsanlage, welche die äußeren Eindrücke früh mit Lebhaftigkeit aufzufassen und nachdenklich zu verarbeiten nötigte, ein eigen schweigsames, fast schwermütiges Wesen zur Folge, welches jene Besorgnisse noch mehr zu rechtfertigen schien. Um so emsiger indes war man auf die körperliche Ausbildung des jungen Prinzen bedacht. Mit voller Zärtlichkeit hing dieser an seiner älteren Schwester, die sich in ihren Erholungsstunden nur mit dem Knaben beschäftigte. Dies innige Verhältnis hat bis an den Tod der Schwester ausgedauert.

Eine Szene aus diesen Kinderjahren ist durch ein schönes Gemälde des damaligen Hofmalers Pesne der Nachwelt überliefert worden. Der Prinz hatte eine kleine Trommel zum Geschenk erhalten, und man bemerkte mit Freude, dass es ihm, im Gegensatz gegen sein sonstiges stilles Wesen, Vergnügen gewährte, den Marsch, den man ihn gelehrt, rüstig zu üben. Einst hatte ihm die Mutter erlaubt, diese Übung in ihrem Zimmer vorzunehmen; auch die Schwester war mit ihren Spielsachen dabei. Der letzteren wurde des Trommelns zu viel und sie bat den Bruder, lieber ihren Puppenwagen ziehen zu helfen oder mit ihren Blumen zu spielen. Aber sehr ernsthaft erwiderte der kleine Prinz, so gern er sonst jeder Bitte der Schwester willfahrte: „Gut Trommeln ist mir nützlicher als Spielen und lieber als Blumen.“ Diese Äußerung schien der Mutter so wichtig, dass sie schleunig den König herbeirief, dem das selten geäusserte soldatische Talent des Knaben die größte Genugtuung gewährte. Dem Hofmaler musste die Szene, ohne dass die Kinder die Absicht merkten, noch einmal vorgespielt werden; auf seinem Gemälde hat er, als zur Bedienung der königlichen Kinder gehörig, noch einen Kammermohren hinzugefügt.

Der König war gern im Kreise seiner Familie, und seine Zuneigung zu den Kindern zeigte sich häufig auch darin, dass er selbst an ihren Spielen teilnahm. Einst trat der alte General Forcade unangemeldet in das Zimmer des Königs, als dieser eben mit dem kleinen Prinzen Ball spielte. „Forcade“, sagte er zu ihm, „Er ist selbst Vater und weiß, Väter müssen mit ihren Kindern zuweilen Kinder sein, müssen mit ihnen spielen und ihnen die Zeit vertreiben.“

Es ist schon bemerkt, dass die Königin ihren Wohltätigkeitssinn auf ihre Kinder überzutragen bestrebt war. Den Kronprinzen machte sie früh zu ihrem kleinen Almosenier. Die Hilfsbedürftigen, die sich vertrauensvoll an die allgemein bekannte Milde ihres Herzens gewandt hatten, ließ sie zu sich kommen, bezeugte ihnen ihr Mitleid, und die Betrübten wurden dann durch den kleinen Almosengeber mit Geschenken entlassen. Diese schöne Sitte war von den erfreulichsten Folgen auf das Gemüt des Kronprinzen; schon früh gab er das Zeugnis, wie lebendig er die Lehre der Mutter seinem Herzen eingeprägt hatte. Die Eltern pflegten in der ersten Zeit nach ihrer Vermählung jährlich eine Reise nach Hannover zu machen, um den Vater der Königin zu besuchen; seit seinem dritten Jahre wurde der Kronprinz auf diesen Reisen mitgenommen. In Tangermünde ließ der König gewöhnlich einige Stunden anhalten, um sich dort mit den Beamten der Provinz über Gegenstände der Verwaltung zu besprechen. Bei diesen Gelegenheiten versammelte sich stets ein großer Teil der Einwohner, um den jungen Kronprinzen zu sehen; die Königin erlaubte ihm gern, zu dem Volke hinauszugehen. Einst bat er einen der Zuschauer, ihn zu einem Bäcker zu führen; hier öffnete er schnell seine kleine Börse und schüttete seine ersparte Barschaft in die Hand des Bäckers, mit der Bitte, ihm dafür Semmeln, Zwieback und Bretzeln zu geben. Er selbst nahm einen Teil der Esswaren, das Übrige mussten seine Begleiter und ein Bedienter tragen. Dann wandte er sich zu den Einwohnern, die ihm in Scharen gefolgt waren, und teilte seine Beute freudig an Kinder und Greise aus. Die Eltern hatten den Vorgang vom Fenster des Amthauses angesehen und ließen, als die erste Spende beendet war, noch eine zweite holen, um dem Prinzen das Vergnügen der Austeilung zu verlängern. Jährlich, bis zum zwölften Jahre, erneute der Kronprinz diese Spende in Tangermünde und legte dazu stets schon einige Zeit vor der Abreise etwas von seinem kleinen Taschengelde zurück. Die Tangermünder nannten ihn mit Entzücken nur ihren Kronprinzen. Nach seiner Thronbesteigung äußerte Friedrich öfters, dass er an diesem Orte zum ersten Male das Vergnügen genossen habe, sich von Untertanen geliebt und Dankestränen in den Augen der Kinder und Greise zu sehen.

3. Die Knabenzeit

Mit dem Anfange des siebenten Jahres endete die weibliche Erziehung des Kronprinzen. An die Stelle der Gouvernanten traten nunmehr der Generalleutnant Graf von Finkenstein als Oberhofmeister und der Oberst von Kalkstein als Unter-Gouverneur. Die Söhne dieser beiden verdienten Männer, sowie die Markgräflichen Prinzen des Hauses, wurden die Spielgefährten des Thronerben; das kindliche Verhältnis zu dem jungen Grafen von Finkenstein ging nachmals in eine wirkliche Freundschaft über, und Friedrich blieb diesem, der später sein Kabinettsminister wurde, fortdauernd mit hohem Vertrauen zugeneigt.

Der König gab den beiden Hofmeistern eine ausführliche Instruktion, welcher gemäß sie die Erziehung des Kronprinzen leiten sollten. Als Hauptpunkt wird darin eine reine christliche Frömmigkeit, als zu welcher der Zögling vornehmlich hinzuführen sei, vorangestellt: — „und muss Er (so heißt es u. a. in der Instruktion) von der Allmacht Gottes wohl und dergestalt informieret werden, dass Ihm alle Zeit eine heilige Furcht und Venerazion vor Gott beiwohne, denn dieses ist das einzige Mittel, die von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite souveräne Macht in den Schranken der Gebühr zu halten.“ Sodann sollte dem Prinzen Ehrfurcht, Hochachtung und Gehorsam gegen seine Eltern eingeprägt werden. Doch setzte der König die schönen Worte hinzu: „Gleichwie aber die allzu große Furcht nichts anders als knechtische Liebe und sklavische Effekten hervorbringen kann, so soll sowohl der Oberhofmeister als der Sousgouverneur dahin arbeiten und ihr möglichstes anwenden, Meinem Sohne wohl begreiflich zu machen, dass er keine solche Furcht, sondern nur eine wahre Liebe und vollkommen Vertrauen vor Mich haben und in Mich setzen müsse, da er denn finden und erfahren solle, dass ihm mit gleicher Liebe und Vertrauen begegnet würde.“ Überall wird in der Instruktion auf strengste Sittlichkeit gedrungen; dem Stolz und Hochmut, wenn diese sich zeigten, ebenso den Einflüsterungen der Schmeichelei, sollte aufs Eifrigste entgegengearbeitet werden. Dagegen sollte der Prinz von früh an zur Leutseligkeit und Demut, zur Mäßigkeit, Sparsamkeit, Ordnung und bestimmtem, geregeltem Fleiße angehalten werden. Was die wissenschaftliche Bildung anbetrifft, so fasst die Instruktion nur die praktisch brauchbaren Kenntnisse ins Auge. Latein sollte der Kronprinz gar nicht lernen, dagegen im Französischen und Deutschen sich eine gute Schreibart zu eigen machen. In der Geschichte sollte besonders auf die Ereignisse des eigenen Hauses und Staates, überhaupt auf diejenigen, welche zum Verständnis der damaligen Zeitverhältnisse nötig waren, Rücksicht genommen werden usw.. Auf tüchtige Ausbildung und Abhärtung des Körpers sollte ebenfalls, ohne den Kronprinzen jedoch übermäßig anzustrengen, vorzüglich geachtet werden. „Absonderlich (so wird endlich den Hofmeistern vorgeschrieben) haben sie Beide sich äußerst angelegen sein zu lassen, Meinem Sohne die wahre Liebe zum Soldatenstande einzuprägen und Ihm zu imprimieren, dass, gleichwie nichts in der Welt, was einem Prinzen Ruhm und Ehre zu geben vermag, als der Degen, Er vor der Welt ein verachteter Mensch sein würde, wenn er solchen nicht gleichfalls liebte und die einzige Gloria in demselben suchte.“

Den eigentlich wissenschaftlichen Unterricht des Kronprinzen leitete ein Franzose, Duhan, der als Kind nach Berlin geflüchtet war und den der König im Jahre 1715 als Führer eines jungen Grafen in den Laufgräben vor Stralsund kennen gelernt hatte. Duhan ist ohne Zweifel von großem Einfluss auf die Bildung des Kronprinzen, auf dessen Übung im eigenen Lesen und Denken gewesen. Ihm verdankte Friedrich die Kenntnis der Geschichte und der französischen Literatur. Die deutsche Literatur war zu jener Zeit auf der tiefsten Stufe des Verfalls, während die französische gerade ihren höchsten Gipfelpunkt erreicht hatte. An den Musterbildern der letzteren wurde der Geist Friedrichs genährt, wie ihm schon durch seine Gouvernante die französische Sprache geläufiger gemacht war als die eigene Muttersprache. Auch für Duhan hat Friedrich bis an dessen Tod eine treue Zuneigung bewahrt.

Der Unterricht in der lateinischen Sprache war, wie schon bemerkt, durch die Instruktion des Königs verboten worden. Doch hat Friedrich selbst in späterer Zeit öfters erzählt, er habe in seiner ersten Jugend — ob aber mit Bewilligung des Vaters, wissen wir nicht zu sagen — einen lateinischen Sprachmeister gehabt. Einst sei der König dazugekommen, als der Lehrer ihn aus dem berühmten Reichsgesetz der Goldnen Bulle einiges habe übersetzen lassen. Da er einige schlechte lateinische Ausdrücke gehört, so habe er den Sprachmeister gefragt: „Was machst du Schurke da mit meinem Sohn?“ — „Ihro Majestät, ich expliziere dem Prinzen auream bullam.“ — Der König aber habe den Stock aufgehoben und gesagt: «Ich will dich Schurke auream bullam“ — habe ihn weggejagt, und das Latein habe aufgehört.

Der König, wie wenig er sonst die höhere Kunstbildung zu schätzen wusste, hatte doch Wohlgefallen an der Musik, das heißt an jener strengen, tüchtigen Musik, als deren Meister besonders der große Händel dasteht; Händel selbst soll der Lieblingskomponist des Königs gewesen sein. So wurde denn auch der musikalische Unterricht des Sohnes nicht verabsäumt; durch einen Domorganisten erhielt er Anleitung im Klavierspiel und in den theoretischen Teilen der Musik. Doch scheint dieser Unterricht ziemlich pedantischer Art gewesen zu sein. Als in dem Kronprinzen eine selbständige musikalische Neigung erwachte, übte er sich mit Leidenschaft im Flötenspiel.

Ungleich pedantischer noch scheint der erste Religionsunterricht betrieben worden zu sein, so dass die höchsten Lehren und die tiefsinnigsten Geheimnisse des Glaubens dem Prinzen in einer Schale vorgetragen wurden, welche vielleicht wenig geeignet war, das Gemüt zu erwärmen. Auch mag es als ein sehr bedeutender Missgriff von seiten des Vaters gerügt werden, dass auf seinen Befehl der Sohn, wenn dieser sich einer Strafe schuldig gemacht hatte, ein Stück des Katechismus oder der Psalmen auswendig lernen musste. Das, was auf drohenden Befehl dem Gedächtnisse eingeprägt ward, konnte schwerlich im Herzen Wurzel fassen.

Um so größere Sorgfalt aber wurde darauf verwandt, dem Kronprinzen schon von früh an eine lebhafte Neigung zum Soldatenstande einzuflößen und ihn sowohl mit allen Regeln des kleinen Dienstes als mit den kriegerischen Wissenschaften vertraut zu machen. Sobald es passend war, musste er die Kinderkleider ausziehen und eine militärische Uniform anlegen, auch sich zu der Frisur, die damals bei der preußischen Armee eingeführt war, bequemen. Dies letztere war freilich ein trauriges Ereignis für den Knaben, denn er hatte bis dahin sein schönes blondes Haar in frei flatternden Locken getragen und seine Freude daran gehabt. Aber dem Willen des Vaters war nicht füglich zu widersprechen. Dieser ließ eines Tages einen Hofchirurgus kommen, dem Prinzen die Seitenhaare abzuschneiden. Ohne Weigerung musste sich der Prinz auf einen Stuhl setzen, aber der bevorstehende Verlust trieb ihm die Tränen ins Auge. Der Chirurg indes hatte Mitleid mit dem Armen; er begann sein Geschäft mit so großer Umständlichkeit, dass der König, der die Vollziehung seines Befehls beaufsichtigte, bald zerstreut wurde und andre Dinge vornahm. Den günstigen Moment benutzte der Chirurg, kämmte den größten Teil der Seitenhaare nach dem Hinterkopfe und schnitt nicht mehr ab, als die äußerste Notwendigkeit erforderte. Friedrich hat später dem Chirurgen die Schonung seiner kindischen Tränen mit dankbarer Anerkennung belohnt.

Zur Übung des Kronprinzen im kleinen Waffendienste war schon im Jahre 1717 eine kronprinzliche KadettenKompagnie, die später auf ein Bataillon vermehrt ward, eingerichtet worden. Hier war der siebenzehnjährige KadettenUnteroffizier von Rentzel der Waffenmeister des Kronprinzen; andre Eigenschaften des jungen Unteroffiziers, namentlich dessen Neigung zur Musik und zum Flötenspiel, führten bald auch ein näheres Verhältnis zwischen beiden herbei. In seinem zwölften Jahre hatte der Kronprinz schon so bedeutende Gewandtheit in den soldatischen Künsten erlangt, dass er sein kleines Heer zur großen Zufriedenheit seines Großvaters mütterlicher Seite, des Königs von England, exerzieren konnte, als dieser in Berlin zum Besuche war und, zwar durch Krankheit ans Zimmer gefesselt, vom Fenster aus die militärischen Festlichkeiten in Augenschein nahm. Auch anderweitig sorgte der König, um dem Kronprinzen das Kriegswesen interessant zu machen. So ließ er z. B. einen großen Saal des Schlosses zu Berlin zu einem kleinen Zeughause einrichten und Kanonen und allerlei kleine Gewehre in demselben aufstellen. Hier lernte der Kronprinz spielend den Gebrauch der verschiedenen, zur Kriegführung nötigen Instrumente kennen. Im vierzehnten Jahre wurde Friedrich zum Hauptmann ernannt, im fünfzehnten zum Major, im siebenzehnten zum Oberstleutnant; in diesen Stellen hatte er, gleich jedem Andern, die regelmäßigen Dienste zu leisten.

Bei den großen Paraden und den Generalrevuen, die in der Nähe von Berlin gehalten wurden, musste stets die ganze königliche Familie gegenwärtig sein. So war der Kronprinz auch von dieser Seite schon frühzeitig, noch ehe er selbsttätig an den Exerzitien Teil nehmen konnte, auf die Bedeutung, die der König in das ganze Militärwesen legte, hingewiesen worden. Später nahm ihn der König auch zu den Provinzialrevuen mit, in denen er die ferneren Truppenabteilungen besichtigte. Auf diesen Reisen wurde zugleich die Verwaltung der einzelnen Teile des Staates an Ort und Stelle untersucht. Der Vater hatte die Absicht, den Prinzen so, auf einfachstem Wege, an die Erfüllung seiner künftigen königlichen Pflichten zu gewöhnen.

Überhaupt war der König bemüht, den Kronprinzen so viel als möglich sich selbst und seiner Gesinnung ähnlich zu machen und ihm auch an seinen Vergnügungen Geschmack einzuflößen. Der König war ein leidenschaftlicher Liebhaber der Jagd, und er widmete ihr den größten Teil seiner Muße; der Kronprinz musste ihn auch hier begleiten. Des Abends versammelte der König gewöhnlich einen Kreis derjenigen Männer um sich, denen er sein näheres Vertrauen geschenkt hatte. In dieser Gesellschaft (die unter dem Namen des Tabaks-Kollegiums bekannt ist) wurde nach holländischer Sitte Tabak geraucht und Bier getrunken; mit vollkommener Freiheit von der Etikette des Hofes erging sich das Gespräch über alle möglichen Gegenstände; dabei waren gelehrte Herren zur Erklärung der Zeitungen bestellt, die aber zugleich aufs vollkommenste das Amt der Hofnarren zu vertreten hatten. Hierher kamen gewöhnlich die königlichen Prinzen, dem Vater gute Nacht zu sagen; auch mussten sie hier zuweilen, von einem der anwesenden Offiziere kommandiert, den König und seine Freunde durch militärische Exerzitien unterhalten. Später musste der Kronprinz als wirkliches Mitglied an dieser Gesellschaft teilnehmen.

4. Missstimmung zwischen Vater und Sohn

Unter solchen Verhältnissen wuchs der Knabe Friedrich zum Jüngling heran. Sein Äußeres hatte sich zu eigentümlicher Anmut entwickelt; er war schlank gewachsen, sein Gesicht von edler, regelmäßiger Bildung. In seinem Auge sprach sich ein lebhafter, feuriger Geist aus, und Witz und Phantasie standen ihm zu Gebote. Aber dieser Geist wollte seine eigenen Bahnen gehen; und die Abweichung von dem Pfade, welchen der strenge Vater vorgezeichnet hatte, zerriss das trauliche Band zwischen Vater und Kind. Schon das musste den religiösen Sinn des Königs unangenehm berühren, dass der Religionsunterricht nicht sonderlich gefruchtet hatte, um den Prinzen in die Lehren des christlichen Glaubens genügend einzuweihen. Einige Monate vor dem zur Einsegnung des Kronprinzen bestimmten Tage wurde ihm von den Hofmeistern gemeldet, dass der Prinz schon seit geraumer Zeit im Christentum nur geringe Fortschritte gemacht habe. Doch half diesem Übelstande ein vermehrter Unterricht von seiten des würdigen Hofpredigers Noltenius ab, und Friedrich konnte am 11. April 1727 nach öffentlicher Prüfung sein Glaubensbekenntnis ablegen und das heilige Abendmahl empfangen.

Aber noch in tausend andern Dingen, in bedeutenden und unbedeutenden, zeigte sich bald eine gänzliche Verschiedenheit des Charakters zwischen Sohn und Vater. Die militärischen Liebhabereien des Königs, das unaufhörliche, bis ins Kleinliche gehende Exerzitium der Soldaten, die oft grausame Behandlung der letzteren machten dem Kronprinzen wenig Freude. Die rohen Jagdvergnügungen, der einfache Landaufenthalt auf dem königlichen Jagdschlosse zu Wusterhausen waren nicht nach seinem Geschmack; ebenso wenig das Tabakrauchen, die derben Späße im Tabaks-Kollegium, die Kunststücke der Seiltänzer, die Musikaufführungen, an denen der Vater sich erfreute. Die Männer, die dieser in seine Nähe berief, zogen den Prinzen nicht immer an, und er suchte sich Umgang nach seinem Gefallen. Er war ernst, wenn der Vater lachte, ließ aber auch manch spöttelndes Wort über Dinge und Personen fallen, die dem Vater wert waren; dafür tadelte der Vater an ihm einen stolzen, hoffärtigen Sinn. Zu seiner Erholung trieb er das Schachspiel, das er von Duhan gelernt hatte, während der Vater das Toccadillespiel vorzog; ihm gewährte die Übung auf der Flöte hohen Genuss, deren sanfter Ton wiederum dem Vater wenig zusagte. Mehr noch hing er literarischen Beschäftigungen nach; der Glanz der französischen Poesie, besonders das blitzende mutwillige Spiel, mit welchem die jugendlichen Geister Frankreichs gerade zu jener Zeit den Kampf gegen verjährte Institutionen begonnen hatten, zog ihn, der gleichen Sinn und gleiche Kraft in sich fühlte, mächtig an. Aber solche Interessen waren gar wenig nach dem Sinne des Vaters. Dann liebte er es auch, wenn der letztere fern war, den engen Soldatenrock abzuwerfen, bequeme, französisch moderne Kleider anzuziehen, sein schönes Haar, das er aus den Händen jenes Chirurgen gerettet hatte, aufzuflechten und in zierliche Locken zu kräuseln.

Dies allein war schon hinreichend, wenn der Vater davon Kunde erhielt, seinen Zorn zu erwecken. So ward manch eine böse Stunde herbeigerufen; der König gedachte mit Strenge durchzugreifen, aber er machte sich dadurch das Herz des Sohnes nur immer mehr abwendig. „Fritz ist ein Querpfeifer und Poet“, so rief der König oft im Unmut aus; „er macht sich nichts aus den Soldaten und wird mir meine ganze Arbeit verderben.“

Diese Missstimmung war um so trauriger und sie machte um so verderblichere Fortschritte, als es an einer Mittelsperson fehlte, die zugleich das Vertrauen des Vaters und des Sohnes gehabt und nach beiden Seiten hin begütigend und abmahnend gewirkt hätte. Die Mutter hätte in solcher Stellung für den Frieden des königlichen Hauses äußerst wohltätig sein können; leider jedoch war alles, was sie tat, nur geeignet, das Missverhältnis immer weiter zu fördern. Die angeborene Güte ihres Herzens war nicht so stark, dass sie es über sich vermocht hätte, sich, mit Aufopferung ihrer eigenen Wünsche, dem Willen des Königs unterzuordnen. Schon in früheren Jahren, wenn sie zu bemerken glaubte, dass die Kinder dem Vater größere Liebe bewiesen als ihr, fand sich hierdurch ihr mütterliches Gefühl gekränkt, und um ihre vermeintlichen Vorrechte zu behaupten, ging sie sogar so weit, den Kindern in einzelnen Fällen Ungehorsam gegen den Vater einzuprägen. Leicht mag hierdurch der erste Same zu dem unerfreulichen Verhältnis zwischen Vater und Sohn ausgestreut worden sein. Von schlimmeren Folgen war ein Plan, den sie, zunächst zwar mit Übereinstimmung des Königs, gefasst hatte und den sie mit Hartnäckigkeit, trotz der widerwärtigsten Zustände, die daraus entsprangen, festzuhalten strebte. Es war der Plan, das Haus ihres Vaters durch eine Doppelheirat aufs Neue mit dem ihrigen zu verbinden, um dereinst die Krone von England auf dem Haupte ihrer ältesten Tochter zu erblicken; diese, die Prinzessin Wilhelmine, sollte nämlich dem Sohne des damaligen Kronprinzen von England (ihres Bruders) und ihrem eignen Sohne, dem Kronprinzen Friedrich, eine englische Prinzessin verlobt werden. Schon früh war von diesem Plane gesprochen worden, und man hatte sich von beiden Seiten dazu bereit erklärt; auch kam es, trotz verschiedener Zögerungen, die durch unwürdige Zwischenträgereien hervorgerufen waren und die dem Könige von Preußen manchen Verdruss verursacht hatten, in der Tat zu einigen näheren vorläufigen Bestimmungen zwischen beiden Höfen. Ja die Folgen hiervon waren so bedeutend, dass Friedrich Wilhelm sich im Jahre 1725 zu einem Bündnis mit England und Frankreich, welches einem zwischen Österreich und Spanien abgeschlossenen Bündnisse die Waage halten sollte, überreden ließ, so sehr er im Grunde seines Herzens überzeugt war, dass für Deutschland nur aus dem festen Zusammenhalten seiner einzelnen Glieder Heil erstehen könne. Aber immer und immer wieder wurde von England der letzte Abschluss rücksichtlich jener beabsichtigten Doppelheirat hinausgeschoben. Es trat eine Spannung zwischen beiden Höfen ein. Das Unglück wollte endlich, dass sich die preußischen Werber, wie überall, so auch an der hannöverschen Grenze schwere Ungebührlichkeiten erlaubten, was denn keineswegs dazu diente, das schwankende Verhältnis wiederherzustellen; und bald wollte König Friedrich Wilhelm gar nichts mehr von jener Doppelheirat wissen.

Zugleich aber hatte das Bündnis Preußens mit England die Besorgnis des österreichischen Kaiserhofs erweckt; durch dasselbe war einem einzelnen Reichsfürsten, der ohnedies schon halb unabhängig dastand und dessen kriegerische Macht nicht übersehen werden konnte, ein Übergewicht gegeben, welches der Oberherrschaft, die Österreich in Deutschland zu erhalten und zu vergrößern bemüht war, gefährlich werden konnte. Man sah die dringende Notwendigkeit ein, Preußen von jenem Bündnisse wieder abzuziehen und, wenn möglich, für Österreich zu gewinnen. Es wurde zu diesem Zwecke der kaiserliche General Graf Seckendorf nach Berlin gesandt, und dieser wusste die eingetretene Spannung zwischen England und Preußen so klug zu benutzen und das ihm aufgetragene Werk mit solcher Geschicklichkeit auszuführen, dass schon im Oktober 1726 zu Wusterhausen ein Traktat Preußens mit Österreich zustande kam, der indes nicht geradezu gegen England gerichtet sein sollte. Als Hauptbedingung dieses Traktates hatte Friedrich Wilhelm die Anforderung gemacht, dass der Kaiser seine Ansprüche auf die Erbfolge von Jülich und Berg garantieren sollte, wogegen er der sogenannten pragmatischen Sanktion — die den Töchtern des Kaisers in Ermangelung männlicher Nachkommen die Erbfolge zu sichern bestimmt war — beizutreten versprach. Der Kaiser, Karl VI., hatte sich jener Anforderung des Königs von Preußen scheinbar gefügt; aber er war so wenig ernstlich bedacht, die preußische Macht vergrößern zu helfen, dass er gleichzeitig auch mit Kurpfalz einen Vertrag schloss, der den pfälzischen Häusern die in Anspruch genommene Erbfolge in Jülich und Berg sicherte. Durch die mannigfachsten Kunstgriffe wusste er jedoch den König von Preußen, der natürlich auf einen festen, vollkommenen Abschluss dieser Angelegenheiten drang, eine Reihe von Jahren hinzuhalten. Auch gelang dies so gut, dass Friedrich Wilhelm vor der Hand dem Kaiser treu ergeben blieb, denn sein deutsches Gemüt fühlte eine innere Genugtuung in solcher Verbindung; zugleich hatte Seckendorf dafür gesorgt, dass der vorzüglichste Günstling des Königs, der General (später Feldmarschall) von Grumbkow, durch ein stattliches Jahrgeld in das Interesse des österreichischen Hofes gezogen wurde. Dieser war nun fort und fort bemüht, den König in seiner Gesinnung zu befestigen.

So teilte sich der preußische Hof in zwei Parteien, eine österreichische und eine englische, die von beiden Seiten alles aufwandten, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Denn was die Königin anbetrifft, so war diese keineswegs geneigt, ihren Lieblingsplan, jene Doppelheirat betreffend, aufzugeben; im Gegenteil nahm sie jede Gelegenheit wahr, die sich ihr zum Wiederanknüpfen der Verbindungen mit England darbot. Ihre ebenso hartnäckigen wie fruchtlosen Bemühungen erbitterten aber den König so sehr, dass der häusliche Friede fast ganz entwich. Misstrauisch belauschten die beiden königlichen Eheleute einander, und verderbliche Zwischenträger, auf gemeinen Gewinn bedacht, schürten die Flamme. Vor allen hatten die beiden ältesten Kinder unter dem Zwiste der Eltern zu leiden, und um so mehr, als es die Königin dahin zu bringen wusste, dass beide ihrem Plane gern Beifall schenkten; wie aber Bruder und Schwester gemeinschaftliche Kümmernis zu tragen hatten, so schlossen sie sich beide, indem ihre Charaktere schon ohnedies übereinstimmten, nur um so inniger aneinander. Vater und Sohn wurden durch alles dies einander immer mehr entfremdet, und die Herstellung eines liebevollen Verhältnisses schien in weite Ferne hinausgerückt. Es sollte noch Bedeutenderes hinzukommen, die Entfremdung zu vergrößern.

Das heftige Temperament des Königs hatte oft die leidenschaftlichsten Aufwallungen zur Folge; zuweilen aber gingen diese auch, wie es überall bei großer Aufregung der Fall ist, in Abspannung und Schwermut über. Ein solcher hypochondrischer Zustand hatte sich des Königs im Winter von 1727 zu 1728 bemächtigt. Seine religiöse Richtung nahm eine asketische Färbung an und führte zu unbequemen Maßregeln für die weltlicher Gesinnten. Er hatte den berühmten Theologen, den Professor Francke aus Halle zu sich gerufen, einen Mann, der als Stifter des Hallischen Waisenhauses unter den Wohltätern der Menschheit genannt wird, dessen Sinn aber so wenig frei war, dass sein unchristlicher Eifer gegen den Philosophen Wolff zu der schmachvollen Entfernung dieses ausgezeichneten Gelehrten aus Halle wesentlich beigetragen hatte. Francke war der Wortführer an der Tafel des Königs, an der jetzt nur von biblischen Dingen gesprochen wurde; alle Vergnügungen, namentlich Musik und Jagd (welche letztere freilich zur Tierquälerei geworden war und nur zur Bedrückung der Bauern diente), waren als sündlich verdammt. Der König las seiner Familie jeden Nachmittag eine Predigt vor, und der Kammerdiener stimmte einen Gesang an, den alle Anwesenden begleiten mussten. Ein solches Leben war nicht ganz nach dem Sinne des Kronprinzen und seiner älteren Schwester; der feierliche Ernst, der dem einen Teile der Gesellschaft natürlich war und den die Andern nachahmten, mochte zuweilen Erscheinungen zur Folge haben, über welche sie ihre leichtsinnigen Bemerkungen nicht immer zurückhalten konnten. Übergewaltig drängte sich ihre Lachlust hervor; dafür aber wurden sie mit schwerem Zorne zurückgeschreckt und sie mussten die Strafe mit erkünstelter Zerknirschung hinnehmen.

Der König ging in seiner Hypochondrie sogar so weit, dass er das Szepter niederzulegen und die Regierung dem Kronprinzen zu übergeben beschloss; auch begann er eine Instruktion für letzteren auszuarbeiten. Er selbst wollte sich nebst seiner Gemahlin und den Töchtern mit einem mäßigen Jahrgehalt nach Wusterhausen zurückziehen, dort den Acker bauen und beten; die ländlichen Geschäfte waren bereits reguliert: die eine Prinzessin sollte das Leinenzeug unter sich haben, die zweite die Vorräte verwalten, die dritte auf dem Markte Lebensmittel einkaufen usw.. Den König von solchen Gedanken abzubringen, wurden mancherlei Vorstellungen versucht, doch blieb er vor der Hand hartnackig bei seinem Plane. Endlich gelang es der österreichischen Partei des Hofes, die bei der Ausführung des Planes am meisten zu verlieren hatte, den König zu einer Zerstreuung zu bewegen. Man überredete ihn zu einer Reise nach dem benachbarten glänzenden Hofe von Dresden, indem man dort die besten Gegenmittel gegen seine Hypochondrie zu finden hoffte; man hatte ihm hierbei, falls es ihm gelänge, den König von Polen und Kurfürsten von Sachsen, August II., für die Verbindung mit Österreich zu gewinnen, so wichtige Vorteile zu entwickeln gewusst, dass er endlich, obgleich fast wider Willen, nachzugeben genötigt war. Bald erfolgte die Einladung zu diesem Besuche von seiten des Königs August, und Friedrich Wilhelm reiste in der Mitte des Januar 1728 nach Dresden ab. Der Kronprinz war zurückgeblieben, aber er war in Verzweiflung, sich von dieser Unterbrechung des einförmigen Lebens, zu welchem er zu Hause gezwungen war, ausgeschlossen zu sehen; die Schwester, die ihm gern ein Vergnügen bereitete, bewog den sächsischen Gesandten leicht, es zu veranstalten, dass auch für ihn nachträglich eine schleunige Einladung kam.

In Dresden eröffnete sich für Friedrich eine neue Welt. Von den Erscheinungen, die er zu Hause zurückgelassen hatte, von der Strenge des militärischen Lebens, von unausgesetztem Fleiße, von sparsamster Einrichtung des Haushaltes, von der Beobachtung aller Gesetze der Sittlichkeit, war hier keine Spur. Das Leben des Hofes bewegte sich Tag für Tag im glänzendsten Rausche, Feste drängten auf Feste, alle Erfindungskraft wurde aufgeboten, um Sättigung und Überdruss fern zu halten. Alle Künste schmückten hier das Leben, alles Schöne des Lebens war hier zum Genusse versammelt. König August, ein Mann von feiner Bildung, von ritterlicher Gesinnung und riesiger Körperkraft, hatte sein Leben einzig dem Genusse gewidmet und alle Tiefen desselben durchgekostet. Er war unablässig bemüht, seinen hohen Gästen die Wochen des Besuchs wie einen lieblichen Traum vorüberfliegen zu machen. Dass aber, um solche unausgesetzten Freuden zu unterhalten, ein edles Volk geknechtet, dass die Wohlfahrt eines ganzen Landes furchtbar zerrüttet war, mochte den Augen des preußischen Thronerben für jetzt fernbleiben.

Der Hof König Augusts bildete ein förmliches Serail. Er zählte jetzt achtundfünfzig Jahre; fort und fort war im Laufe seines Lebens eine Geliebte der andren gefolgt, die Menge seiner Kinder war kaum zu zählen. Unter seinen Söhnen war Moritz, Graf von Sachsen, der nachmals als Marschall der französischen Heere einen so berühmten Namen erlangt hat, einer der ausgezeichnetsten; mit diesem schloss Friedrich eine innige Freundschaft, die bis an den Tod des Marschalls währte. Unter den Töchtern des Königs glänzte vor allem Anna die den Titel einer Gräfin von Orzelska führte, hervor; sie besonders stand zu dem Könige in einem näheren Verhältnisse. Sie war einige Jahre älter als Friedrich; ihr schöner Wuchs, ihr adliger Anstand, die feine Bildung ihres Geistes, die heitere Laune, von der sie beseelt war, gaben ihr etwas unwiderstehlich Anziehendes. Nicht selten erschien sie in Mannskleidern, die aber nur dazu dienten, den Reiz ihrer Erscheinung zu erhöhen. Friedrich fühlte sich bald von glühender Leidenschaft ergriffen, und seine Wünsche fanden bei der schönen Gräfin kein abgeneigtes Gehör.

Indes war König Friedrich Wilhelm von seiner Hypochondrie vollkommen genesen; es schien zwischen den beiden Königen eine lebhafte Freundschaft im Werke. Doch mochte dem polnischen Könige die eheliche Treue, welche sein Freund in bürgerlicher Strenge gegen seine Gemahlin bewahrte, verwunderlich vorkommen. Die Neugier trieb ihn, sich selbst zu überzeugen, wie standhaft diese Treue sein möchte, die für seine Anschauungsweise etwas Unbegreifliches war; ohne Zweifel auch gönnte er dem Freunde sehr gern Anteil an Vergnügungen, in denen er selbst den höchsten Genuss fand. Er traf dazu seine Vorbereitungen. Eines Abends, nachdem bei der Tafel den Pokalen weidlich zugesprochen war, gingen sie zusammen im Domino auf den Maskenball; König August führte seinen Gast im Gespräch von Zimmer zu Zimmer, während der Kronprinz Friedrich und einige andre Herren ihnen nachfolgten. Endlich gelangten sie in ein reichgeschmücktes Gemach, dessen ganze Einrichtung den feinsten Geschmack zu erkennen gab. Der König von Preußen war eben im Begriff, seine Bewunderung über die Dinge, die er um sich sah, zu erkennen zu geben, als plötzlich ein Vorhang beiseite rauschte und sich ein ganz unerwartetes Schauspiel seinen Augen darbot. Auf einem Ruhebett lag eine junge Dame hingestreckt, maskiert und mit nachlässigen Gewändern nur wenig bekleidet, so dass der Glanz der Kerzen, welcher das Gemach erfüllte, die reizendsten Formen beleuchtete. König August, scheinbar erstaunt, näherte sich ihr mit derjenigen feinen Galanterie, mit welcher er so oft ein weibliches Herz zu gewinnen gewusst hatte; er bat sie, die Maske abzunehmen, doch machte sie eine verneinende Bewegung. Er nannte hierauf seinen Namen und sagte ihr, er hoffe, sie werde zweien Königen eine so leichte Gefälligkeit nicht abschlagen. Diese Worte waren ein Befehl, und die junge Dame enthüllte alsbald ein überaus anmutiges Gesicht. August schien ganz bezaubert und sagte zu ihr, dass er nicht zu begreifen vermöge, wie so viele Reize ihm bis jetzt hätten unbekannt bleiben können. Friedrich Wilhelm hatte indes bemerkt, dass sein Sohn Zeuge dieses Schauspiels war; er hatte sogleich seinen Hut vor das Gesicht des Kronprinzen gehalten und ihm geboten, sich zu entfernen; dazu aber war dieser vorerst wenig geneigt. Er wandte sich darauf zu dem Könige von Polen und bemerkte trocken: „Sie ist recht schön“, verließ aber augenblicklich mit seinem Gefolge das Gemach und den Maskenball. In seiner Wohnung beklagte er sich bitterlich gegen seinen Günstling über das unfreundschaftliche Unternehmen des Königs von Polen, und es kostete viel Mühe, ihn wieder mit dem letzteren auszusöhnen. In das Herz des Kronprinzen aber war jener Anblick als ein zündender Brand gefallen. Vielleicht hatte König August jenes Schauspiel auch auf ihn berechnet; eifersüchtig auf das Verständnis Friedrichs mit der Gräfin Orzelska, ließ er ihm die Dame jenes verführerischen Gemaches, die mit dem Namen der schönen Formera genannt wird, anbieten, um ihn durch sie von seiner Liebe abwendig zu machen. Friedrich nahm das Anerbieten an.

Nachdem man einen Monat lang in Dresden verweilt und das Versprechen eines baldigen Gegenbesuchs erhalten hatte, kehrte König Friedrich Wilhelm nach Berlin zurück. Nun ging das frühere Leben wieder in seinem gewohnten Gange weiter. Der Kronprinz aber verfiel in eine tiefe Schwermut, er aß wenig, ward sichtlich magerer, und es schienen drohende Anzeichen zur Schwindsucht vorhanden. Der König hatte ihn in argem Verdacht, dass das freie Leben in Dresden Schuld an seinem kränkelnden Zustande sei; eine ärztliche Untersuchung indes bezeugte wirklich die Gefahr der Schwindsucht. Es ward dem Könige geraten, den Kronprinzen sobald als möglich zu verheiraten; doch wollte er davon nichts wissen und meinte, ihn durch strenge Aufsicht hinlänglich vor einem unregelmäßigen Leben geschützt zu haben. In dieser Zeit dichtete der Kronprinz seine ersten Lieder, die den Reizen der Gräfin Orzelska gewidmet waren. Als im Mai desselben Jahres der Hof des Königs August seinen Gegenbesuch in Berlin machte und die Gräfin Orzelska in dessen Gefolge erschien, war Friedrich schnell von seiner schwermütigen Krankheit geheilt; er sah die Gräfin mehrmals insgeheim. Auch dieser Besuch, zu dessen Empfang in Berlin, um gegen Dresden nicht zurückstehen zu dürfen, die prächtigsten Zurüstungen gemacht waren, währte mehrere Wochen.

5. Zwiespalt zwischen Vater und Sohn

Je lebhafter das Gefühl der Selbstständigkeit in Friedrich erwacht war, um so weniger Neigung empfand er, sich den Anordnungen des Vaters zu fügen, die mit seinen Wünschen fast stets im Widerspruch standen; um so strenger aber drang auch der Vater auf genaue Befolgung seiner Befehle, so dass die unangenehmen Szenen sich zu häufen begannen. Dem Kronprinzen schien jetzt selbst die Verbindung mit einer englischen Prinzessin noch mehr wünschenswert als früher, indem er hierdurch grössere Freiheit zu gewinnen hoffte. Bereitwillig bot er jetzt der Mutter die Hand, um an der Ausführung ihres Lieblingsplans mitzuarbeiten, und er schrieb selbst in dieser Angelegenheit nach England. Aber die Verhältnisse zwischen England und Preußen hatten sich inzwischen noch weniger erfreulich gestaltet. König Georg I. war bereits im Jahr 1727 gestorben und sein Sohn, Georg II., der Bruder von Friedrichs Mutter, in der Regierung gefolgt. Zwischen diesem und König Friedrich Wilhelm waltete eine persönliche Feindschaft, die sich schon in früher Kindheit, als beide mit einander erzogen wurden, geäußert hatte. Jetzt führten sie Spottreden gegen einander im Munde. Der österreichischen Politik konnte dies Missverhältnis nur wünschenswert sein, und sie tat das Ihrige zur Förderung desselben. Verschiedene andre Streitpunkte kamen dazu, die Ungebührlichkeiten der preußischen Werber, die von ihrem Könige in Schutz genommen wurden, gaben den Ausschlag, und es drohte im Jahre 1729 sogar ein Krieg zwischen beiden Mächten auszubrechen, der indes durch andre Fürsten, denen die Ruhe Deutschlands am Herzen lag, im Anfange des folgenden Jahres wieder beigelegt wurde. Alles dies machte dem Könige die fortgesetzten Pläne für die Doppelheirat mit England immer verhasster, und auf die Teilnehmer derselben häufte sich sein Groll. Die Nachricht, die ihm insgeheim von Friedrichs Schreiben nach England zugetragen wurde, war keineswegs geeignet, seinen Groll zu mildern. Anfälle von Podagra vermehrten seine gereizte Stimmung, so dass die beiden älteren Kinder schon rohe Behandlung zu gewärtigen hatten.

Diese suchten sich durch ihr treues Zusammenhalten zu entschädigen. Ihr Vergnügen bestand in der Beschäftigung mit französischer Literatur. Unter andrem lasen sie zusammen Scarrons komischen Roman und bearbeiteten die satirischen Teile desselben mit Nutzanwendung auf die ihnen verhasste österreichische Partei des Hofes; jeder, der zu der letzteren gehörte, selbst der König, erhielt seine Stelle im Roman. Der Mutter ward das Produkt mitgeteilt, und diese, statt das Vergehen der Kinder gegen den Vater zu rügen, ergötzte sich an dem satirischen Talente, welches sich darin aussprach.

Im Sommer 1729, als die königliche Familie sich einige Zeit in Wusterhausen aufhielt, hatte sich der Zorn des Königs gegen das ältere Geschwisterpaar in solchem Maße erhöht, dass er sie ganz, die Mahlzeiten ausgenommen, aus seiner und der Königin Gegenwart verbannte. Nur ganz insgeheim, des Nachmittags, wenn der König seinen Spaziergang machte, durfte sich die Mutter des Umgangs mit ihren Kindern erfreuen; dabei wurden jedes Mal Wachen aufgestellt, um sie von der Rückkehr des Königs zu benachrichtigen, von dem man sich, wenn er die Übertretung seines Befehls wahrgenommen hätte, keiner glimpflichen Behandlung gewärtigen durfte. Eines Tages hatten die Wachen jedoch ihren Auftrag so schlecht befolgt, dass man plötzlich, ganz unvorbereitet, den wohlbekannten Schritt des Königs auf dem Gange hörte; das Zimmer der Königin hatte keinen zweiten Ausgang, und so blieb kein andres Rettungsmittel, als dass der Prinz eilig in einen Wandschrank schlüpfte, während die Prinzessin sich unter dem Bette der Königin versteckte. Aber der König, ermüdet von der Hitze, setzte sich auf einen Sessel und schlief zwei lange Stunden, während welcher die Geschwister es nicht wagen durften, ihre sehr unbehaglichen Gefängnisse zu verlassen.

Andre Übertretungen der Befehle des Königs gaben zu ähnlichen Szenen Anlass. Der Kronprinz hatte bei jenem Besuche in Dresden den vorzüglichen Flötenspieler Quantz kennen gelernt. Er wünschte aufs Lebhafteste, durch diesen im Flötenspiel vervollkommnet zu werden; die Königin, die diese Neigung gern begünstigte, suchte Quantz für ihre Dienste zu gewinnen. Doch wollte ihn der König August nicht von sich lassen; er gab ihm aber die Erlaubnis, jährlich ein paar Mal nach Berlin zu gehen, um den Kronprinzen wenigstens in den Hauptbedingungen eines vorzüglicheren Flötenspiels zu unterrichten. Natürlich durfte der König von Preußen von diesen Reisen und Unterrichtsstunden gar nichts wissen. Einst saß der Kronprinz in aller Gemächlichkeit mit seinem Lehrer beisammen; statt der beklemmenden Uniform hatte er einen behaglichen Schlafrock von Goldbrokat angelegt, die steife Frisur war aufgelöst, und die Haare in einen bequemen Haarbeutel gesteckt. Plötzlich sprang der Freund des Kronprinzen, der Leutnant von Katte, herein und meldete, dass der König, dessen Erscheinung man zu dieser Stunde gar nicht vermutete, ganz in der Nähe sei. Die Gefahr war groß, und wie der Schlafrock des Kronprinzen, so war der rote Rock des Flötenbläsers — eine Farbe, gegen welche der König großen Widerwillen hegte, — keineswegs geeignet, das Unwetter, das man befürchten musste, zu besänftigen. Katte ergriff rasch den Kasten, welcher Flöten und Musikalien enthielt, nahm den Musikmeister bei der Hand und flüchtete mit diesem in ein kleines Kämmerchen, welches zum Heizen der Öfen diente; Friedrich hatte eben nur Zeit, die Uniform anzuziehen und den Schlafrock zu verbergen. Der König wollte selbst einmal Revision im Zimmer des Sohnes halten. Dass hier nicht alles richtig sei, ward er bald an dem Haarbeutel gewahr, der mit der Uniform des Kronprinzen in keinem reglementsmäßigen Einklange stand. Nähere Untersuchungen ließen ihn die Schränke hinter den Tapeten entdecken, in denen die Bibliothek und die Garderobe der Schlafröcke enthalten war. Die letzteren wanderten augenblicklich in den Kamin, die Bücher wurden dem Buchhändler übergeben. Der zitternde Flötist blieb glücklicherweise unentdeckt; doch hütete er sich, solange seine Besuche heimlich fortgesetzt wurden, je wieder in einem roten Rocke zu erscheinen.

Andre Dinge waren vielleicht noch in größerem Maße, wenn der König von ihnen Kunde erhielt, Schuld an seiner Erbitterung gegen den Kronprinzen. Der Besuch in Dresden war für Friedrichs Herz von schlimmen Folgen gewesen. Die Bilder, die dort vor seinem Auge