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Merseburg, die Stadt der Zaubersprüche, bildet für die Autorengruppe des Leseturms den Nabel der Welt. Und so wird der Nabel der Welt mit unterschiedlichen Geschichten umschrieben. Es schreiben: Johanna Adler, Thomas Deutsch, Philine Eschke-Scheubeck, Peter Gehre, Jürgen Jankofsky, Katharina Mälzer, Regina Oversberg, Rüdiger Paul,Ingeborg Schmelz, Hans-Dieter Weber und Dr. Dietrich Werner. Herausgeber: Katharina Mälzer
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Katharina Mälzer
Vorwort
Johanna Adler
„Glück gehabt“
Thomas Deutsch
Instant Family
Philine Eschke-Scheubeck
Warten auf Nebukadnezars Traum
Peter Gehre
Die größte Shownummer meines Lebens
Jürgen Jankofsky
Der Tebel hohl mer
Katharina Mälzer
Härte
Regina Oversberg
Die Geister vom Dürren Berge
Rüdiger Paul
Die Ewigkeit hat sich nur ausgeruht
Ingeborg Schmelz
Irren ist menschlich
Hans-Dieter Weber
„Ist Hartz IV eigentlich ein Beruf?“
Stammtisch
Dr. Dietrich Werner
Merseburger Rabengeschichten
Die Autoren
Der Leseturm ist der Turm der von einem Verein sanierten Hoppenhauptkirche in Beuna, unweit von Merseburg.
Leseturmautoren sind Autoren aus der Region Merseburg, die sich treffen, austauschen und in zweimonatlichem Rhythmus Lesungen durchführen.
Merseburg liegt mitten in Deutschland, hat eine bewegte Geschichte, war Kaiserpfalz, besitzt Schloß und Dom und eine Hochschule.
Merseburg wurde geprägt durch die Chemiewerke Buna und Leuna, mit allen Folgen für Menschen und Umwelt.
In der Bibliothek des Domkapitels zu Merseburg wurden zwei in althochdeutscher Sprache geschriebene Zauberformeln aus dem 9./10. Jahrhundert entdeckt, die Merseburger Zaubersprüche. 1842 wurden diese dann erstmals von Jacob Grimm herausgegeben und kommentiert.
Zaubersprüche – Grimm – Märchen – Schreiben – über diese Stichworte kamen die Leseturmautoren auf die Idee, Merseburg hinsichtlich des Schreibens wieder zu beleben.
Sie möchten mit ihrer ersten Anthologie Merseburg und sich selbst bekannter machen.
Lassen Sie sich überraschen und entführen in eine Welt von Geschichten, geschrieben in, über und um Merseburg herum!
Die Wiedervereinigung unseres Landes hatte sich schon vollzogen, doch in dem Teil, in dem sich dieser Vorfall ereignete, stieß man noch an allen Ecken und Enden auf die Wunden, die das vorherige System dort geschlagen hatte. Lange würde es dauern, sie halbwegs zu beseitigen, manche würden nur schwer vernarben, andere vielleicht nie. Besonders sichtbar waren die Wunden an Straßen und Gebäuden und bei Mutter Natur.
Da geschah es, dass das Glück für einen Tag persönlich in der Stadt M. vorbeischaute. Es kam aus einem großen, alten Haus, dessen Tage schon gezählt waren. Der Putz des Hauses wies große Schäden auf, an seinen Fenstern blätterte die Farbe ab und dem Dach fehlten Ziegel. Doch die Bewohner waren‘s zufrieden, sie lebten schon so lange in diesem Haus und mit diesem Zustand, dass er sie nicht mehr störte, sie bemerkten ihn nicht einmal.
Aus diesem Haus trat nun eines Tages das Glück in Gestalt eines kleinen Mädchens. Es trug Jeans, seine blonden Haare waren zu frechen Zöpfchen geflochten worden und es ging – nein, es hüpfte vielmehr an der Hand einer nicht mehr jungen Frau stadteinwärts. Die Frau und das Kind boten einen erfreulichen Anblick, der sich noch verstärkte, weil das kleine Mädchen jedem, der ihnen begegnete, zurief: „Glück gehabt, Glück gehabt!“ Die ersten Angesprochenen wunderten sich wohl, dachten sich jedoch nichts weiter dabei und gingen lächelnd an den beiden vorüber. Dann kam einer, der sagte und fragte zwar auch nichts, wurde aber sehr nachdenklich. Was mochte geschehen sein, dass dieses Kind einen solchen Ausspruch tat? Und wie war das mit ihm und dem Glück? Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr musste auch er lächeln, desto beschwingter wurden seine Schritte. Im nächsten Geschäft kaufte er einen großen Strauß mit den Lieblingsblumen seiner Frau und ging schnurstracks zu ihr. In ihre erstaunten Augen hinein sagte er: „Ich glaube, ich bin heute dem Glück begegnet.“ Und er erzählte von dem Kind mit den großen Augen und wie es ihn angestrahlt hatte und immerzu gerufen habe „Glück gehabt, Glück gehabt“. Da wäre ihm mal wieder so recht zu Bewusstsein gekommen, welches Glück er gehabt hatte, dass sie damals seine Frau geworden war und nicht den anderen genommen hatte. Sie umarmte ihn und lachte: „Na, da haben wir wohl alle Glück gehabt.“ Und nach einem Weilchen: „Das muss ich der guten Lisa erzählen.“ Flugs erzählte sie der guten Lisa von der Begegnung ihres Mannes mit dem Glück. Die gute Lisa erzählte es ihrer besten Freundin und die erzählte es der Arbeitskollegin – und so ging das und ging das. Schließlich hatte sich in der ganzen Stadt wie ein Lauffeuer das Gerücht verbreitet, das Glück sei persönlich in M.
Wer irgend konnte, machte sich auf, ein Zipfelchen von ihm zu erhaschen. Ein Gedränge und Geschiebe hob an, keiner wollte das Glück verpassen. Wie mochte es aussehen, würde man es erkennen? Keiner wusste es, man konnte fragen, wen man wollte. Und überhaupt, würde man es finden bei den vielen Menschen? Selbst die Straßenbahn kam nicht mehr weiter, der Autoverkehr war sowieso erlegen.
Langsam begann sich ein Murren auszubreiten: So ein Blödsinn, das Glück persönlich - gibt es doch gar nicht – wer hat das bloß in die Welt gesetzt?! So und ähnlich maulten die enttäuschten Leute. Die ersten kehrten schon um, da verbreitete sich eine neue Kunde: Manche hätten eine Frau mit einem kleinen Kind getroffen, das mit großen Kulleraugen die Entgegenkommenden anstrahle, weder seinen Namen sage, noch wie alt es sei – wenn man es frage – sondern nur unentwegt „Glück gehabt, Glück gehabt“. War bei dem Gerücht nicht von einem kleinen Mädchen die Rede gewesen? Ob das vielleicht das Glück sein konnte?
Und dann geschah etwas Merkwürdiges! Während einer dem anderen davon erzählte, ging eine seltsame Veränderung in den Menschen vor. Verkrustungen brachen auf, die Herzen öffneten sich. Das Kind hatte mit seinem Ausspruch – mal als Ausruf, mal als Frage – in ihnen etwas angestoßen – ein Nachdenken über das Glück!
Wildfremde Menschen begannen plötzlich, sich gegenseitig von ihrem persönlichen „Glück gehabt“ zu erzählen. Ein Stimmengebraus war das! Kaum konnte man einzelne Wortfetzen verstehen: Tochter wieder gesund – Unfall glimpflich verlaufen – im Lotto gewonnen – zu DDR-Zeiten die letzte Gurke erwischt – für jeden bedeutete Glück etwas anderes. Vielen war gar nicht mehr bewusst gewesen, wie viel Glück sie bei aller Last, die das Leben mit sich bringt, doch auch erleben durften.
Eine Welle der Glückseligkeit wogte durch die Straßen. Vom Teich bis zum Dom, vom Bahnhof bis zur Mühleninsel, überall sah man glückliche Gesichter. Einige wischten sich auch verstohlen die Augen, Tränen des Glücks liefen über manches Gesicht. Und die Menschen erkannten, dass das Glück in ihnen selber ist, man muss es nicht erjagen, sondern nur richtig erkennen und erfühlen – und manchmal mit der Nase darauf gestoßen werden!
Viele schüttelten sich die Hände, etliche umarmten sich sogar, ehe sich die Menschenmenge allmählich auflöste und die Leute mindestens für diesen Tag glücklich und zufrieden in ihren Alltagstrott zurückkehrten.
Ein Kind hatte solches vollbracht!
Wo aber war es geblieben?
Als das Gedränge dicht und dichter wurde und das Stimmengewirr immer lauter, war es allmählich verstummt. Die großen Kulleraugen hatten ihren Glanz verloren, sie waren vom vielen Schauen müde und klein geworden. Die Frau hatte das Kind fester an die Hand genommen und war mit ihm unbemerkt aus der Menge geschlüpft. Nun, da es nicht mehr sein Sprüchlein aufsagte und die vorher so strahlenden Augen gesenkt hielt, achtete niemand mehr auf die beiden. Sie waren eine Frau und ein Kind, deren es viele gibt.
Sie kamen unbehelligt in die Straße mit den großen, alten Häusern. Von dort waren sie vor Stunden aufgebrochen, die Bewohner der Stadt wenigstens für eine Weile glücklicher zu machen.
Kurz vor ihrer Gartentür kam ihnen eine uralte Frau entgegen. Das Gehen fiel ihr schwer, sie musste sich fest auf ihren Stock stützen. Man sah sie nur noch selten auf der Straße. Sie wohnte seit Menschengedenken auf der anderen Straßenseite auch in einem großen, alten Haus, hoch unter dem Dach. Wie hatten sie und ihr Mann – Kinder hatten sie nie gehabt – über all die Jahre ihre Freude an der Familie gegenüber gehabt, manch gutes Wort war über den Gartenzaun hinweg gewechselt worden. Doch dann war ihr Mann gestorben, sie selber wurde alt und verbittert. Im Lauf der Zeit wollte niemand mehr so recht etwas mit ihr zu tun haben, sie war zu griesgrämig, manchmal direkt bösartig geworden. Von der Familie gegenüber wollte sie schon gar nichts mehr wissen.
Die Frau mit dem Kind an der Hand zuckte richtiggehend zusammen, aber die alte Frau sprach sie ganz freundlich an: „Mein Gott, Frau Sommer, hatten Sie neulich ein Glück! Ich kann zwar kaum noch laufen, doch meine Augen und Ohren funktionieren erstaunlich gut. Ich stand zufällig am Fenster, als bei Ihnen die Dachziegel ins Rutschen kamen. War das ein Getöse! Was hätte Furchtbares passieren können!“ „Ja“, antwortete die Frau mit dem kleinen Mädchen erleichtert und erfreut über die Freundlichkeit der alten Frau. „Was für ein Glück, dass das Kind Durst hatte und unbedingt sofort etwas zu trinken haben wollte. Wir waren gerade ins Haus gegangen, als der halbe Giebel runterkam. Sie hätten den Berg Dachziegel sehen sollen, sooo hoch lagen sie auf der Terrasse, wo wir gerade noch gespielt hatten. Mich schaudert‘s jetzt noch.“ Und sie zeigte mit der Hand, wie hoch der Berg gewesen war.
Das kleine Mädchen war längst wieder hellwach, machte große Augen und strahlte die alte Frau an, die freundlich zurücklächelte. Als es aber ein halbes „Glück gehabt“ herausgebracht hatte, verfinsterte sich die Miene der alten Frau, sie dachte wohl, das Kind äffe sie nach. Die jüngere Frau erklärte schnell: „Was meinen Sie, wie oft ich schon davon erzählen musste! So oft, dass das Kind selbst im Schlaf noch ruft: „Glück gehabt, Glück gehabt“. Und denken Sie, was es vorhin in der Stadt angerichtet hat! Es würde mich nicht wundern, brächten sie es heute Abend im Fernsehen.“
Sie berichtete von den vielen Menschen, die zusammengelaufen waren auf der Suche nach dem Glück und sich gegenseitig von ihren Glücksmomenten erzählten. Welch ein Gedränge es gegeben hätte, welch wunderbare Stimmung geherrscht hätte. „Stellen Sie sich vor, wildfremde Menschen sind sich in die Arme gefallen!“ Und dann: „Wann hatten Sie eigentlich das letzte Mal Glück, Frau Winter?“ Das Kind hatte während des Gesprächs unentwegt seine Kulleraugen auf die alte Frau gerichtet und wollte gerade wieder mit seinem Sprüchlein anfangen, als diese antwortete: „Ich glaube, gerade eben! Wissen Sie, Frau Sommer, seit ich allein bin, ist aus mir zunehmend so etwas wie eine richtige alte Hexe geworden. An allem und jedem hatte ich etwas auszusetzen und habe mir und meinen Mitmenschen das Leben schwer gemacht. Das muss sich ändern! Die Augen Ihres kleinen Mädchens sind mir durch und durch gegangen. Ich hatte ganz vergessen, wie viel Schönes ich doch auch erlebt habe. Daran will ich mich wieder erinnern.“ „Wenn es Ihnen recht ist, helfen wir Ihnen dabei“, sagte Frau Sommer. „Das wäre schön“, seufzte die alte Frau, ihr Gesicht hatte den unglücklichen Ausdruck schon fast verloren. „Also, dann bis bald!“
Man nickte sich zu, das Kind winkte der alten Frau noch eine ganze Weile hinterher und dann hatten die großen, alten Häuser ihre Bewohner wieder aufgenommen.
„Na, mein Schätzchen, wann machen wir beide mal wieder die halbe Stadt glücklich?“ „Bald, Großmutter, bald!“
Und als abends tatsächlich im Fernsehen ein Bericht über einen ungewöhnlichen Menschenauflauf in einer Kreisstadt in Sachsen-Anhalt gesendet wurde, tönte es aus dem Kinderbett im Nebenzimmer schlaftrunken: „Glück gehabt, Glück gehabt!“
Montag, 5:30 Uhr. In der kleinen, hypermodernen Küche fiepte leise die Kaffeemaschine. Das gedämpfte Licht einer verborgenen Lampe warf einen orangeroten Kegel in die massive Dunkelheit, aus der alsbald Beate auftauchte, sich in ihre schwarze, knallenge Hose zwängend. Sie musste flink sein, und leise, damit die süße Lena nicht aufwachte und ihr Schatz Thomas selig weiter träumen konnte. Aber etwas Heißes im Bauch musste sein: Wenigstens eine kleine Tasse Kaffee, pechschwarz und mit drei Löffeln Zucker. Dann durfte der Tag beginnen.
Was hatten sie in den letzten zwei Jahren nicht alles geschafft! Seit acht Monaten wohnten sie glücklich in ihrem neuen Haus. Nach fast einem Jahr Schmerzen – Grundstück, Makler, Bausparer, Arbeit, Dreck, Geschrei. Aber am Ende zählte nur das Ergebnis. Der Mensch brauchte Ziele, wenn er weiterkommen wollte, und ein bisschen Druck, damit er fertig wurde. Nun leuchtete er hell in der Sonne, der zitronengelbe Kubus mit den schmalen Fensterbändern, inmitten eines eher symbolischen Gartens, halb mediterran, halb japanisch – sicher nicht jedermanns Geschmack, ebenso wenig wie die Siedlung und ihre Bewohner. Aber wie oft musste man sie schon ertragen? Eine angemessene Bleibe, nicht mehr und nicht weniger. Ein bisschen Komfort für den Alltag. Aber bestimmt nichts für die Ewigkeit.
Das Leben bot unendlich viele Möglichkeiten. Ein aufregendes Dasein musste kein Traum bleiben. Heute hatte sie zufällig erfahren, dass sie für die Zweigstelle in Frankreich händeringend Leute suchten. Natürlich solche, die französisch sprachen. Doch das konnte man lernen. Schon stand das Tor zur Welt weit offen: Paris, Marseille, Provence, Riviera, Martinique. Beate schwindelte. Tausend bunte Bilder wirbelten vor ihren Augen. Sie allein waren wichtig, nur sie – was sie wollten und zu wagen bereit waren. Alles andere fand sich: Ein Supermarkt zum Einkaufen, eine Schule für Lena, ein Haus zum Wohnen, Aufträge zum Arbeiten.
Beate musste an Thomas denken. Wie er damals so hoch über allem und jedem gestanden hatte, dass er sie, die kleine Zwecke, erst überhaupt nicht wahrnehmen wollte. Ein Typ zum Kotzen. Doch er sollte sie schon noch kennenlernen! Irgendwie war es Liebe auf den ersten Blick. Erst spürte sie ihn in seinem Versteck auf, um ihn dann von seinem hohen Ross zu stoßen. Willst du bloß noch in Ehren ergrauen oder zwischendurch zur Abwechslung auch mal ein bisschen leben?! Nur weil er ihr ins Gesicht gesagt hatte, dass er seinen Weg gefunden und sich von den Fehlern seiner Mitmenschen freigemacht hätte. Worauf er auch noch furchtbar stolz war. Soviel Arroganz musste bestraft werden, und da war er genau an die Richtige geraten.
Dass er so war, wie er war, hatte bislang niemanden gestört. Er wollte anders leben als seine Eltern. Im Gegensatz zu ihnen sah er keinen Grund zu übertriebener Fröhlichkeit inmitten des Sperrmülls, der die winzige Wohnung ausfüllte, und erst recht keinen Anlass zu ihrem unbekümmert offenen Gehabe – er hasste die Leute, die den ganzen Abend lachten, Bier tranken und im Garten hinter dem Haus saßen. Er wusste etwas Besseres mit seiner Zeit anzufangen. Wenn er nicht las, verbrachte er die Zeit bei seinen Freunden. Matthias‘ Vater war Arzt und wohnte in einer riesigen Villa, mit Erker und Terrasse, dunklen Möbeln, Buntglasfenstern und einem eingebauten 500-Liter-Aquarium mit lauter bunten, exotischen Fischen. Oder Ben, dessen Vater eine Autowerkstatt besaß und einen Audi fuhr, einen Westwagen, über dessen Herkunft heftig gemunkelt wurde. Zur Feier des Tages gab es eine Tafel Sarotti, und im Büro holte Ben ein Pornoheft aus der untersten Schublade. Eine Flasche Dujardin kreiste, und eine Schachtel Pall Mall machte die Runde, die Thomas jedes Mal dankend ablehnte.
Ja, er durfte überall mal schnuppern und mal kosten. Dann kehrte er zurück in seine Welt, in der es all das nicht gab. Ihm blieb der Stolz, auch ohne diesen Luxus auszukommen. Dafür war er überall der Beste, und weil das für ihn ganz normal war, fanden ihn die anderen okay. Mit Auszeichnungen geschmückt kehrte er von der Fahne heim zum Studium, und alle in der Seminargruppe profitierten von seinem Talent für Mathematik und seinem Gespür für technische Mechanik. Er half, ohne viel zu fragen. Weil er es konnte. Ansonsten interessierten ihn die anderen herzlich wenig, und er genoss die ungebun- dene Zeit als Student in vollen Zügen. Daran änderte sich auch nicht viel, als er schließlich ins Arbeitsleben eintrat, in ein Baukombinat, das viel plante und wenig baute, weil allemal Technik und Bilanzen fehlten. Doch sein Verdienst erwies sich als nicht so katastrophal, wie man es ihm an der Uni prophezeit hatte, und selbst mit einer Wohnung klappte es bis zum Jahresende. Er fand seine Erfüllung in alten Büchern, Karten und Stichen. Er war stolz darauf, einen geistigen Anspruch zu vertreten, im Gegensatz zu seinen Kollegen, die nur tranken und lärmten, sich gegenseitig die Frauen ausspannten und Kinder in die Welt setzten, mit denen sie anschließend nichts als Hudeleien hatten. Er war der lachende Dritte. Auch wenn ihn die tägliche Lauferei um die kleinen Dinge des Alltags nervte.
Dann kam die Wende. Erst nur als ferne Erschütterung irgendwo hinter dem Horizont. Noch nicht wirklich sichtund spürbar. Doch sie kam näher und würde alles überrollen, was einst fest und unverrückbar schien. Es ging was los, endlich. Thomas überkam beim Anblick der versammelten Massen auf dem Markt allerdings der Gedanke: Nun ist der ganze schöne Planet der Affen im Arsch. Im Kombinat herrschte eine seltsame Mischung aus Angst und Faulheit. Die Leistungsträger verschwanden dorthin, wo die Zukunft schon begonnen hatte. Einige Kollegen, als IM belastet, schafften klammheimlich wertvolle Unterlagen beiseite, um später damit private Firmen zu gründen. Sollten sie. Thomas wühlte derweil in alten Unterlagen, um zu retten, was er fortschleppen konnte. Um seine Zukunft machte er sich keine Sorgen. Schließlich war er es gewesen, der immer die besten Ideen gehabt hatte. Er konnte gelassen warten, bis sie ihn holen kamen. Natürlich streckte er die Fühler in die weite Welt aus, weil das alle taten. Er fuhr sogar zu einem Vorstellungsgespräch nach München. Bis er mitbekam, dass sich just im alten Kombinatsgebäude die Obere Baubehörde zu konstituieren begann, mit seinen Kollegen Hans und Peter an der Spitze! Und richtig: Die beiden trugen ihm sofort einen Dezernatsleiterposten in der Bauaufsicht an, noch bevor das hässliche Wort Kündigung überhaupt gefallen war. Wieso sollte er nach München ziehen? Wenn hier alles so weiterlief wie bisher!? Nunmehr auf Westniveau – mit Bananen, Dujardin und heißen Filmen zu später Stunde. Dann setzte sich diese kleine dürre Person neben ihn an den Kantinentisch, …um ein paar Minuten später als Referentin über Baurecht wieder vor ihm zu stehen. Eine Frau, die glaubte, vom Bau, seinem Fachgebiet, Ahnung zu haben, bloß weil sie aus dem Westen kam und klug reden konnte. Es war schon schlimm genug, dass sie ihm diese Schulungen zumuteten. Doch das ging eindeutig zu weit: Dieser jungen Rechtsverdreherin musste er zeigen, wo der Hammer hing. Das war er seinem Beruf und seiner Herkunft schuldig.
Beate empfand ihren Einsatz als reine Schikane. Im Gegensatz zur breiten Masse der Dozenten, altgedienten sprich abgehalfterten Beamten, hatte sie nichts zu gewinnen. Aber mit einer Jungabsolventin konnte man das machen. Während die anderen in die Kanzleien übernommen wurden und richtig arbeiten durften, drehte sie eine Warteschleife und saß über Folien und Präsentationen. Wie eine Studentin. Und auch noch auf einem Gebiet, vor dem sie sich immer gedrückt hatte. Bau – das war was für Männer. Wo sie so viel Familienund Sorgerecht gebüffelt hatte! Das Leben war nicht gerecht. Nun wollte dieser blöde Typ sie auch noch mit seinem Fachchinesisch anmachen, und er würde verdammt schnell merken, dass sie keine Ahnung hatte. Wenn sie es nicht schaffte, die Sache zu drehen. So übel sah er eigentlich gar nicht aus. So wie er sich gab, gehörte er überhaupt nicht hierher. Das war kein typischer Beamter. Der konnte mehr. Auch als Mann. Beate verfügte auf diesem Gebiet über einige Erfahrungen, und dass sie hier gelandet war, lag ein bisschen auch an ihrer letzten Affäre, die leider so richtig vor den Baum gegangen war. Doch es wurde langsam Zeit, sich aus der freien Wildbahn zu verabschieden. Bevor die biologische Uhr richtig zu ticken anfing.
Leise zischend tropfte der Schweiß auf die Planken. Thomas gönnte sich wie immer donnerstags den kleinen Luxus eines Saunabesuches. Genau ihm gegenüber räkelte sich eine junge Frau genüsslich. Ganz schön raumgreifend, die Kleine. Diese wasserhellen Augen, der freche Pony…war das nicht die Tussi aus dem Beamtenlehrgang? Die, die keinen Schimmer hatte? Die Blicke kreuzten sich. Ein leises Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Hallo. Was zum Teufel wollte die hier? In seiner Sauna! Er spürte, wie sie seinen Körper musterte. Wollte sie ihn anmachen? Eigentlich hatte sie nichts an sich, was ihn hätte reizen können. Die Frauen auf den Bildern in seinem Schlafzimmer sahen eindeutig besser aus. Aber sie war nicht so dürre, wie er gedacht hatte, und dieser kleine Po sah richtig süß aus… Thomas ertappte sich bei dem Gedanken, Beate ziemlich hübsch zu finden. Noch bevor sie ein einziges privates Wort miteinander gewechselt hatten. Beate wusste längst Bescheid. Und richtig – ihr Held ließ es sich nicht nehmen, sie zu einem Drink an die Bar einzuladen, die er sonst so konsequent mied…
Thomas sah sich als überzeugten Junggesellen, und obwohl er Mädchen immer gemocht hatte und von Frauen fasziniert war, war er am Ende doch allein geblieben und hatte sich damit abgefunden. Nun stand plötzlich eine Frau vor ihm. Ohne Vorwarnung. Beate lächelte verschmitzt. Nächste Woche, gleiche Zeit, gleicher Ort? Na klar. Sie trafen sich mit schöner Regelmäßigkeit. Irgendwann wurde es spät und der Weg nach Hause zu weit. Ihre Lippen fanden seine, und die kleine freche Zunge ging auf Eroberungstour. Du kannst verdammt gut küssen. Gleich noch einmal. Aber klar doch. Ein unglaubliches Glücksgefühl überrollte Thomas. Seine Hände schoben sich unter Beates Hosenbund. Er musste diese Arschbacken in den Händen halten, sie quetschen, besitzen. Beate seufzte leise. Sie kamen erst wieder zu sich, als sie erschöpft nebeneinander im Bett lagen und sich fragten, was gerade passiert war…
Das hätte ewig so weitergehen können. Wenn Beate nicht den Satz fallengelassen hätte: „Der Bauernschrank kommt in den Flur!“ Thomas besaß keinen Bauernschrank. Oh ja. Beate schmiedete Pläne für eine gemeinsame Wohnung – und das bereits sehr konkret. Eindeutig und über jede Widerrede erhaben. Wenn er das eine wollte, musste er das andere mögen. In einer Beziehung ging es nicht so sehr um das eine, sondern vielmehr um das andere. „Du lernst schnell.“ Beate schob sich sanft an ihn heran und lächelte. Er wusste genau, was das bedeutete. Los, gleich jetzt und hier. Ein Kind. Thomas konnte sich zwar noch nicht vorstellen, Vater zu sein, aber er freute sich darauf, eine richtige Familie zu haben. Zudem suchte sein alter Freund Horst einen fähigen Ingenieur, und er hatte ausgerechnet an ihn gedacht! Noch vier Wochen zuvor hätte er keinen Gedanken daran verschwendet, seine Karriere für eine Existenz in der freien Wirtschaft aufs Spiel zu setzen. Doch wieso sollte er es nicht probieren? Beate arbeitete schließlich auch in einer privaten Kanzlei, und das schon ziemlich lange und äußerst erfolgreich. Horst klopfte ihm auf die Schulter. Das lernst du alles. Auch das mit den Menschen, den Abrechnungen und der Steuer. Im Bauamt wollten sie gerade erst in Gang kommen, und keiner konnte sagen, wie lange das dauern und wohin das führen sollte. Man konnte überall warten und sich einrichten. Mit diesem seltsam leeren Gefühl, an dem auch das beste Hobby nichts ändern konnte. Schon sein erster Auftrag wurde ein voller Erfolg. Thomas war in seinem Element. Horst schmunzelte. Manchmal lohnte es sich eben doch, mal vertrauensvoll mit seiner Anwältin zu reden.
Beate trug derweil voller Stolz ihren wachsenden Bauch zur Schau. Thomas war fasziniert. Die Vorstellung, dass er das getan hatte, ließ sein Ego explodieren. Als Lohn dafür durfte er an diesem Wunder teilhaben. Beate lud ihn dazu ein. Um ganz sanft ihren Bauch zu streicheln. Und das Kind darin. Zeichen und bleibendes Symbol ihrer Liebe. Tagsüber wuchsen ihm Flügel bei der Arbeit, nachts verging er in den Flammen grenzenloser Zärtlichkeit. Beates schlankem Körper verlieh die gewaltige Wölbung eine beinahe laszive Eleganz, und sie genossen das atemberaubende Gefühl sichtbar gewordener Sinnlichkeit buchstäblich bis zum letzten Tag. Er ließ es sich nicht nehmen, bei der Geburt dabei zu sein, und er schaute ehrfürchtig auf das kleine Wesen mit den winzigen Fingerchen und wagte kaum, es zu berühren. Beate war eine wundervolle Mutter. Diese Frau, die sonst mit ihrem gnadenlos modernen Chic und ihrer burschikosen Art die ganze Welt in Atem hielt, kuschelte sich nun ganz sanft und weich in die Kissen, stillte ihr Baby und badete es in einem Meer grenzenloser Liebe, die kein Außenstehender ermessen konnte – und Thomas durfte sich unauffällig hinzugesellen.
