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In diesen Erzählungen begegnen wir Menschen, die verletzlich sind - und dennoch weitergehen. Menschen, die schweigen, hoffen, fallen und bleiben. Menschen, die sich in der Dunkelheit wiederfinden, um das Licht neu zu lernen. Ein Mädchen ohne Stimme. Eine Frau, die für eine Blinde zur Begleiterin wird - und selbst das Sehen neu entdeckt. Ein Mantel, der mehr wärmt, als den Körper. Ein Junge, der den Winter gegen das Vergessen verteidigt. Und all´ die leisen Räume dazwischen: Begegnungen, die nachhallen wie ein Lied, dass man nie ganz vergisst. Diese Geschichten sind wie Kerzen im Advent - unscheinbar, und doch in de Lage, Dunkelheit zu durchringen. Sie erzählen davon, was bleibt, wenn alles andere sich verändert: Mut. Nähe. Wärme. Und die stille Gewissheit, dass der Winter nicht nur Kälte ist, sondern auch ein Ort, an dem Herzen sich erinnern, wer sie einmal waren. Ein Buch für die Zeit, in der wir langsamer werden. Für die Nächte, in denen Schnee fällt. Für die Tage, an denen wir uns selbst ein Stück näher kommen.
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Ein Gespräch über Schmerz und Mut
Gespräch
Die Welt mit keinen Augen sehen
Fließend
Der Mantel
Das verlorene Lied
WER DEN WINTER WAGT ZU STEHLEN
Kurzbeschreibung
Die Nacht der Schatten
Wenn das Licht flackert
Nachwort
Der Buchladen, der nur nachts öffnet
Der Geruch von Zimt
„Zimt duftet nur, wenn man ihn teilt.“
I
II
III
IV
V
Gedanken
Schnee über dem alten Hof
„Manchmal sagt Liebe nichts – und meint doch alles.“
I
II
III
IV
V
VI
Gedanken
Der Spiegel im Treppenhaus
Der Spiegel im Treppenhaus
Offline
Eine Weihnachtsgeschichte für die Gegenwart
Der Stromausfall
Die Umkehr
Heiligabend
Nachklang
Im Licht des Schnees
Das Licht unter dem Schnee
Der Klang der Sterne
Zwischen zwei Schneeflocken
I. Stille Postkarten
II. Der Zufall hebt den Kopf
III. Kreuzungen
IV. Das unerwartete Geschenk
V. Zwischen zwei Schneeflocken
Schnee auf den Dächern
Ein paar Tage später
Der letzte Glühwein
Neujahr, minus drei Grad
Der Duft von Nelken und Widerspruch
Nachwort
Es gibt Begegnungen, die bleiben im Raum, auch wenn man ihn längst verlassen hat. Manchmal geschieht das in einem Moment, in dem man gar nicht damit rechnet – ein Blick, ein Satz, eine Geschichte, die sich wie eine Hand auf das eigene Herz legt.
Ich wusste nicht, dass dieser Nachmittag eine solche Begegnung werden würde.
Sanfte Augen schauen mich an – etwas verstohlen, unsicher. Wir geben uns die Hand, setzen uns. Schweigen.
Wie beginnt man ein Gespräch, wenn man weiß, dass es in die Tiefe gehen wird? Welche Worte sind die richtigen, wenn jedes Wort ein kleines Stück Schmerz freilegt?
Mein Gegenüber schlägt die Beine übereinander, schüttelt den Kopf. Längere Haare fallen ihr ins Gesicht. Wie ein schützender Vorhang!
„Hallo… wie geht es dir?“ – meine Stimme klingt nicht fest genug. Ich taste mich heran, versuche, sie mit warmen Augen zu erreichen.
Ein scheuer Blick zurück, ein Räuspern. Dann, leise: „Gut.“
Erneutes Schweigen. Nur das leise Scharren der Füße. Meine Hände zupfen am Pullover. Aufregung liegt in der Luft, still und schwer.
Ich sammle Mut. „Möchtest du darüber sprechen?“
Sie nickt, zögernd, aber mit einer Spur von Entschlossenheit. „Also“ sagt sie und richtet sich auf, „ich erzähle einfach vom Anfang.“ Ich nicke, atme ruhig. Zwischen uns wächst eine Stille, die nicht unangenehm ist – eher eine, in der Worte vorsichtig entstehen dürfen.
„Ich weiß gar nicht mehr, warum es begann. Es begann einfach“, sagt sie. „An einem ganz normalen Schultag. Keine Auffälligkeiten. Es war sommerlich, aber bewölkt – daran erinnere ich mich noch. Draußen eine Luft zum Schneiden. Es war schwül.“
Sie atmet tief durch, bewegt sich und sucht Mut. „Wir hatten die letzten beiden Stunden Chemie, mussten dafür in ein anderes Gebäude. Alles schien normal.“
Dann ein kurzer Blick zu mir, zögernd. „Vor dem Unterrichtsraum schlug die Stimmung plötzlich um. Es war, als wäre alles abgesprochen. Um mich herum tuschelten alle, gruppierten sich – und begannen, mich zu beschimpfen.“
Ihre Stimme bricht.
„Ich fragte, was ich getan hätte, warum sie so wütend seien – doch niemand antwortete. Nur Lachen. ‚Ihhh, hier stinkt alles“, rief jemand.
Und alle anderen jubelten mit, rümpften die Nase und machten Geräusche.
Mein Gegenüber stockt, ringt nach Luft. Ich nicke ihr nur zu, ohne etwas zu sagen.
„Zum Glück kam der Chemielehrer. Ich saß zwei Stunden da, bebte, zitterte. Panik, Scham, Angst. Und immer diese Frage: Was habe ich getan?“ „Vom Unterricht bekam ich nichts mit. Die Welt um mich herum lief ab, wie ein Spielfilm. Ich fühlte mich fremd“, berichtet sie mir.
Danach, erzählt sie, sei nichts mehr wie vorher gewesen.
Von nun an täglich – Beleidigungen, Beschimpfungen, Ausgrenzung.
„Ich wollte stark bleiben“, flüstert sie. „Niemand sagte mir, warum.“
Die Nächte wurden lang.
„Nicht alle machten mit“, erinnert sie sich, „aber die, die nicht mitmachten, schwiegen. Das Schweigen machte das Leben einsam.“
Sie fuhr allein im Schulbus, stand allein in den Pausen. Weil sie nicht reagierte, wurde es schlimmer. Sie wollte nur stark bleiben, ihnen zeigen, dass es ihr nichts ausmachen würde, was an Bösartigkeit auf ihr niederprasselte. Tagtäglich und sie wurden nicht müde. Sie steigerten sich sogar mehr und mehr.
Der Höhepunkt kam auf der Klassenfahrt.
„Wenn ich einen Raum betrat, gingen andere hinaus. ‚Ihh, es stinkt schon wieder‘, sagten sie.
Oder: ‚Die Luft wird schlecht.‘“
Sie presst die Lippen zusammen. „Lehrer bemerkten es – doch sie schauten weg.“ Niemand sprach auch nur ein Wort mit ihr.
Ich spüre, wie mein Hals eng wird. Ihre Traurigkeit liegt in ihren Augen. Still, schwer und fragend.
„Brauchst du eine Pause?“ frage ich leise.
„Nein, es ist okay“, sagt sie, die Stimme weich, brüchig. In ihren Augen glitzern Tränen.
„Meine Noten wurden schlechter. In einer Deutschstunde bekam ich meine erste Panikattacke – ich wusste nicht, was das war. Mein Herz raste, alles flimmerte, ich dachte, ich müsste sterben.“
Sie habe fluchtartig von Todesangst getrieben das Klassenzimmer verlassen, sei in den Bus gestiegen, einfach, um nach Hause zu fahren. Wie eine Flucht, in der es um Leben und Tod ginge.
„Ich dachte, ich schaffe das nicht mehr“, sagt sie.
Lange sprach sie mit niemandem.
„Ich hoffte, dass sie irgendwann aufhören würden. Dass alles wieder normal wird.“
Doch es wurde nicht normal.
Die Angst wuchs. Sie nahm sich mehr und mehr Raum aus ihrem Leben.
Das Wochenende wurde zur Zuflucht, der Montag zum Albtraum.
Ihren Eltern fiel auf, dass sie sich veränderte.
Sie klagte über Schwindel, suchte Vorwände, um nicht in die Schule zu müssen. Sie hockte nur noch allein in ihrem Zimmer. An Nachmittagen traf sie sich nicht mehr mit ihren Freunden, so wie früher.
„Der Arzt fand nichts – ‚Überforderung‘, sagte er. Mit Kreislauftropfen und gutem Zureden ging alles weiter.“
Doch dort, im Alltag, empfingen sie wieder dieselben Blicke.
„Es war doch so schön, als du nicht da warst“, sagte jemand, höhnisch lächelnd. Wütende Augen schienen sie zu umzingeln. Man nahm ihre Schultasche und leerte sie höhnisch lächelnd vor ihr aus. „Müll zu Müll“, wurde gerufen.
Sie senkt den Blick. „Irgendwann konnte ich das Schulgebäude einfach nicht mehr betreten.“
Dann fuhr sie mit dem Bus in die Stadt – nur um irgendwo zu sein. „Das war schlimm. Ich fühlte mich elendig. Unsichtbar, und doch beobachtet. Wie ein Versager.“
Erst waren es Stunden, dann Tage, schließlich Wochen.
Und irgendwann sprach sie – endlich – mit ihren Eltern.
Zunächst über körperliche Beschwerden, nicht über das Mobbing.
Aber das war der Anfang. Der Anfang einer Veränderung.
Als ich später nach Hause gehe, begleitet mich ein leises Gefühl der Schwere.
Der Himmel hängt tief über den Dächern, die Luft ist kühl und riecht nach Herbst. Ich denke an die langen Pausen, an das Zittern in ihrer Stimme – und an den Mut, mit dem sie trotz allem erzählt hat.
Solche Geschichten passieren mitten unter uns.
Oft unbemerkt. Oft übersehen. Mobbing ein Thema, dass viel zu tief geht und ein ganzes Menschenleben verändert und begleitet. „Die sind doch selbst schuld“, höre ich hier und da. Gemobbt werden nur die, die sich mobben lassen.
Sie zeigen, wie still Leid sein kann – und wie laut das Schweigen drumherum.
Ich wünsche mir, dass wir genauer hinschauen.
Dass wir nicht wegsehen, wenn jemand ausgegrenzt wird.
Denn manchmal braucht es nur einen Blick, ein Wort, eine ausgestreckte Hand – um etwas zu verändern.
Und manchmal, denke ich, ist das größte Zeichen von Mut, seine Geschichte zu erzählen – auch wenn die Stimme dabei zittert. Denn diejenigen, die gemobbt haben, erzählen lieber nicht darüber.
Manche sagen, wer verletzt wird, hätte es irgendwie heraufbeschworen. Als wäre Schmerz eine Einladung, die man unbewusst ausspricht. Doch das ist ein Irrtum, geboren aus der Angst davor, hinzusehen.
Denn niemand trägt Schuld daran, dass andere Hände hart werden, dass Stimmen scharf werden, dass Blicke schneiden. Niemand ruft danach, klein gemacht zu werden. Manchmal genügt es, einfach zu sein – leise, anders, unsicher oder sanft – und schon findet sich jemand, der darin eine Schwäche wittert, die er nutzen kann.
Aber Verletzlichkeit ist keine Schwäche. Sie ist ein Zeichen dafür, dass ein Mensch fühlt. Dass er lebt.
Schuld liegt nicht bei der, die still leidet, sondern bei denen, die aus ihrem Schmerz einen Schauplatz machen. Und bei jenen, die wegsehen wollen, weil Hinschauen weh tut.
Möge man eines Tages verstehen, dass Würde nicht erkämpft werden muss. Sie ist bereits da, in jedem Atemzug. Und niemand hat das Recht, sie einem anderen zu nehmen.
Es war nicht nur eine Frage.
Sie kam plötzlich, schlich sich zwischen all das Alltägliche, und rüttelte etwas in mir wach: „Könntest du dir vorstellen, eine blinde Person nach Borkum zu begleiten?“ – so stand es in meiner WhatsApp.
Ich las die Nachricht, legte das Handy weg – und sofort war sie da: diese seltsame Mischung aus Neugier, Zweifel und einer leisen Angst. Könnte ich das? Würde ich es schaffen, Verantwortung zu übernehmen für jemanden, der nichts sieht? Ganz ohne Erfahrung, ohne Routine, ohne zu wissen, was mich erwartet?
Die Vorstellung, blind zu sein, ist für Sehende kaum auszuhalten.
Es ist kein Nichts, kein reines Schwarz, wie man es sich gern einredet.
Es ist eher ein Zuviel: Geräusche, Stimmen, ein dauerndes Rauschen, das nie ganz verschwindet.
Ich habe manchmal versucht, mir das vorzustellen – doch jedes Mal musste ich abbrechen.
Es war zu viel Leere, zu viel Vorstellung von Verlust.
Und trotzdem ließ mich die Nachricht nicht los.
Ein paar Tage später lernte ich Tina kennen – zunächst nicht in echt, sondern über Sprachnachrichten.
„Ich bin Tina“, stellte sie sich lachend vor.
Ihre Stimme war warm, klar, voller Energie. Sie hatte dieses besondere Lachen – ein Lachen, das offenblieb, das nicht aufhörte, sobald der Satz zu Ende war.
Sie konnte auch ernst werden, wenn sie über Hürden sprach, über Stress im Job, über Politik. Wir tauschten Nachrichten, erzählten uns vom Alltag, von kleinen Dingen.
Es war erstaunlich vertraut, fast so, als würden wir uns schon lange kennen.
Tina erzählte, sie komme aus Hannover, lebe aber in Bielefeld und fahre seit vielen Jahren regelmäßig nach Borkum.
Dort, im Haus Blinkfuer, treffen sich jedes Jahr rund 25 Menschen, die blind oder stark sehbehindert sind. Eine Art Familientreffen, sagte sie. Viele kennen sich seit der Schulzeit. Für sie sei die Insel ein Zuhause, ein Ort des Wiedersehens, des Aufatmens.
Während sie sprach, hörte ich das Meer in ihrer Stimme.
Je mehr ich über sie erfuhr, desto größer wurde meine Neugier.
Und doch blieb die Frage: Werde ich ihr gerecht werden?
Der Tag der Abreise kam schneller, als mir lieb war.
Wir hatten uns am Bahnhof in Emden verabredet. Dort sollte ich Tina zum ersten Mal treffen und sehen – oder besser gesagt: sie mich nicht.
Meine Hände waren feucht, das Herz klopfte zu laut.
Was, wenn ich etwas falsch machte?
Was, wenn sie stürzte, weil ich nicht aufpasste?
Die Gedanken fuhren Karussell.
Und dann stand sie da.
Kleiner, als ich erwartet hatte, die langen Haare wehten im Wind, und sie lachte. Dieses Lachen nahm mir sofort die Angst.
