Geschichten über den Zaun -  - E-Book

Geschichten über den Zaun E-Book

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Beschreibung

Das Buch verfolgt ein Ziel: Es will Verständnis und Sympathien wecken - und bewirkt das hoffentlich nicht nur bei Menschen, die Russland ohnehin schon als Nachbarn und nicht als Feind sehen. Ein nachbarschaftliches Verhältnis ist es schließlich, was die Leipziger Bürgerinitiative für das Verhältnis der beiden Länder und ihrer Bewohner anstrebt. Dazu gehört auch: Man begegnet sich auf der Treppe oder am Zaun mit Respekt - und nimmt die Sorgen des anderen ernst. Es vereint bekanntere und entlegenere literarische Texte mit sehr persönlichen Erinnerungen; es stellt Lieder in eine Reihe mit Kochrezepten; es spannt zeitlich einen weiten Bogen und zeigt so, wie wechselhaft die Beziehungen zwischen Deutschen und Russen im Laufe der Geschichte gewesen sind. Die Sammlung ist keine literarische Anthologie; vielmehr erinnert die Lektüre an den Besuch in einem »Russenmagazin«, einem jener Läden nahe der Kasernen der sowjetischen Armee in Ostdeutschland, in denen sich DDR-Bürgern eine bunte Mischung teils fremder, exotischer Waren darbot.

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Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Geschichten über den Zaun

Zur Förderung guter Nachbarschaft mit Russland

Herausgegeben durch die Leipziger Bürgerinitiative„Gute Nachbarschaft mit Russland“

Engelsdorfer VerlagLeipzig2019

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/DE/Home/home_node.html abrufbar.

Herausgeberkollektiv: Johannes Schroth, Manfred Hessel, Dr. Hartmut Kästner, Horst Pawlitzky, Prof. Dr. Cornelius Weiss

Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei den Autoren

Umschlaggestaltung: Johannes Schroth / Joachim Schroth

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorbemerkung der Herausgeber

„Graswurzeldiplomatie im Russenmagazin.“

Vorwörter

Hendrik Lasch

Die Russen

Wilhelm von Kügelgen

Meinst du, die Russen wollen Krieg?

Jewgeni Jewtuschenko

Leipzig – Jewtuschenko – ich

Peter Gosse

Brief an F

Peter Gosse

Der Tamada

Johannes Schroth

Aus „Meine Universitäten“

Maxim Gorki

Blick in die Russische Küche I

Moskau im Sommer 2016

Frieder Hofmann

Blick in die Russische Küche II

Kommandant Trufanow

Ferdinand May

Kommandant Prendel

Zwei Leipzigs schließen Freundschaft

Heiko Waber

„Weiß nicht, ob das überhaupt ein Gedicht wird“

Volker Müller

Erste Liebe

Volker Müller

Blick in die Russische Küche III

Die Russen

Eva Schloss

Weihnachten 1949

Manfred Hessel

Amtssprache Russisch

Horst Pawlitzky

Verspätete Reiseandenken

Horst Pawlitzky

Die Pelzhandschuhe

Gerold Löwicke

Vergessene Konvolute

Reinhard Bernhof

Aufgesetzt in Irkutsk

Reinhard Bernhof

Stromaufwärts übern Ob

Reinhard Bernhof

Wir „Russland-Kinder“

Cornelius Weiss

Eindrücke mit Nachdruck

Hannelore Crostewitz

Russischer Tango

Johannes Schroth

Die Ärztin

Clemens Weiss

Vom Ende der Kindheit

Christa Rüdiger

Friedensfahrt mit Hindernissen oder wie aus einer Autopanne ein Glückfall wird

Andrea Drescher

Lehrjahre an der Newa

Albrecht Bemmann

Der Fortschritt

Johannes Schroth

Bei der russischen Jugend

Martin Leidenfrost

Solidarität – Solidarnost` (1923)

Wladimir Majakowki

Chirurgiepraktikum in Kiew

Helga Lemme

Gute wirtschaftliche Beziehungen zwischen Sachsen und Russland im 19. Jahrhundert

Horst Pawlitzky

Die Mathematikdozentin

Manfred Hessel

Kriegskind Marle

Marlis Michel

Die Autorinnen und Autoren

VORBEMERKUNG DER HERAUSGEBER

Die reichlich unerfahrenen Büchermacher sahen sich unerwarteten Problemen gegenüber, die sie unkonventionell lösen mussten. So z. B. dem Wirrwarr der derzeitigen Rechtschreibung, der Übernahme von Texten mit noch älteren Orthografien, den subjektiven Auffassungen von Autoren zur Gültigkeit des aktuellen Dudens.

So gilt für dieses Buch:

Alle Texte wurden mit den von den Autoren bevorzugten Schreibregeln aufgenommen, Schreibfehler korrigiert.

Auf die Anwendung neuer Genderregelungen wurde verzichtet, sofern nicht von den Autoren anders gewünscht.

Herausgeber: Johannes Schroth, Manfred Hessel, Hartmut Kästner, Horst Pawlitzky, Cornelius Weiss.

„GRASWURZELDIPLOMATIE IM RUSSENMAGAZIN.“

VORWÖRTER

Hendrik Lasch

Wenn man als junger Mensch beim Pilzesammeln Erkennungsmarken toter Soldaten findet, hinterlässt das Spuren. Wenn man sieht, wie Menschen in Erdlöchern hausen, weil ihre Dörfer zerstört sind, ist das ein einschneidendes Erlebnis. Wenn man erfährt, dass daran die eigenen Landsleute schuld sind, werden Denken und Empfinden auf Lebenszeit geprägt. „Ich spüre Respekt und Dankbarkeit für Russen, Ukrainer und Weißrussen“, sagte der Leipziger Cornelius Weiss vor einigen Jahren, „in gewisser Weise auch Mitleid“.

Weiss hatte seine Jugend in der Sowjetunion verbracht; sein Vater war als Atomphysiker in das Land gebracht worden. Später studierte er in Minsk und Rostow am Don Chemie. Inzwischen war er über 80 und beobachtete mit Entsetzen, wie sich das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland rasant abkühlte. Von einem neuen Kalten Krieg war bereits die Rede. Der „Gestank des Krieges“ kehre in die Erinnerung zurück, sagt der langjährige Rektor der Leipziger Universität und einstige Fraktionschef der SPD im sächsischen Landtag: „Ich beobachte das alles mit großer Nervosität“.

Weiss wollte sich nicht mehr auf das Beobachten beschränken, und er war damit nicht allein. Gemeinsam mit einer Handvoll Gleichgesinnter gründete er die Bürgerinitiative „Gute Nachbarschaft mit Russland“ in Leipzig. Die erste Versammlung fand in Sichtweite des früheren sowjetischen Messepavillons statt.

Die Idee für die Bürgerinitiative war bei einer Feier zum 70. Jahrestag der Befreiung im Mai 2015 entstanden. An Tagen wie diesen herrscht hierzulande noch ein gewisses Maß an Dankbarkeit für Russland. An den anderen 364 Tagen des Jahres, sagte einer der Mitgründer, sei davon aber „nichts mehr zu spüren“. Stattdessen: Kritik am Umgang der Moskauer Regierung mit Oppositionellen, am Agieren in der Ostukraine, auf der Krim und in Syrien; Sanktionen; Manöver nahe der russischen Grenze. Damit, sagen die Leipziger, baue man neue Feindbilder auf.

Bei der Leipziger Initiative will man das Handeln der russischen Regierung nicht schönreden. Pazifisten, die in ihren Reihen mitwirken, sind nicht einverstanden mit deren militärischem Eingreifen in Syrien. Aber sie kritisieren auch die Rolle von Frankreich oder Saudi-Arabien – und stoßen sich an einer Ungleichheit in der Behandlung Russlands. So werde der Konflikt im Osten der Ukraine ihrer Ansicht nach zu einseitig auf russisches Machtstreben zurückgeführt. Dass in Kiew erwogen wurde, der russischen Mehrheit ihre Muttersprache zu verbieten; dass die NATO entgegen früheren Absprachen ihre Einflusszone bis direkt an die russischen Grenzen ausweiten wolle – darüber sei wenig zu lesen. In den deutschen „Leitmedien“, hieß es 2016 in der Gründungserklärung der Initiative, werde geschichtsvergessen argumentiert und einseitig ein Bild von Russland „als Feind und möglicher Aggressor“ gepflegt.

Dieses Bild stößt gerade in Ostdeutschland auf Widerspruch. Viele Menschen haben in Betrieben, an Universitäten oder an der „Trasse“, jenem 500 Kilometer langen Teil einer Erdgasleitung, der von der DDR in der Sowjetunion gebaut wurde, eigene Erfahrungen mit Sowjetbürgern und dem „großen Bruder“ gesammelt. Sie pflegen persönliche Erinnerungen an ein großes, faszinierendes, an Widersprüchen reiches Land und seine herzlichen Menschen; Erinnerungen, die weit entfernt sind von den oft floskelhaften offiziellen Treueschwüren auf eine deutsch-sowjetische Freundschaft, die im Kürzel DSF geronnen waren.

Bei der Initiative weiß man, dass man sich auf vermintes Gelände begibt. Kritik am Russland-Bild der „Lügenpresse“ und innige Verehrung für Wladimir Putin gehören zum Standardrepertoire von Rechtspopulisten; russische Fahnen wehen über jeder Pegida-Demo. Die Leipziger Initiative betont deshalb, dass sie sich weder mit Antisemiten und Nationalisten gemein machen will, noch mit einem plakativen Personenkult um Präsident Putin.

Die Leipziger Initiative sucht einen Weg zwischen den Extremen von Verteufelung auf der einen und unkritischer Huldigung auf der anderen Seite. Sie versucht das mittels einer „Graswurzeltaktik“; auch von „Diplomatie von unten“ ist die Rede. Diese ist, wie viele diplomatische Bemühungen von Regierungen, ein mühseliges Geschäft. Der erhoffte Nachahmungseffekt anderswo in der Bundesrepublik ist bisher nicht im erhofften Maße entstanden. Immerhin gründete sich im Juli 2018 im nordrhein-westfälischen Aachen eine Initiative gleichen Namens – drei Tage vor einem mit Spannung erwarteten Gipfel der Präsidenten Russlands und der USA. Die erhoffte Entspannung hat das Treffen von Putin und Donald Trump bisher nicht zur Folge gehabt. Weiterhin beobachten Friedensfreunde mit Sorge, wie die weit gen Osten erweiterte NATO an der Aufstockung ihrer Militärausgaben arbeitet – was begründet wird mit dem „Feindbild Russland“.

Diesem eine differenzierte, menschlichere, persönliche Sicht entgegen zu setzen, ist ein Anliegen des vorliegenden Buches. Es vereint bekanntere und entlegenere literarische Texte mit sehr persönlichen Erinnerungen; es stellt Lieder in eine Reihe mit Kochrezepten; es spannt zeitlich einen weiten Bogen und zeigt so, wie wechselhaft die Beziehungen zwischen Deutschen und Russen im Laufe der Geschichte gewesen sind. Die Sammlung ist keine literarische Anthologie; vielmehr erinnert die Lektüre an den Besuch in einem „Russenmagazin“, einem jener Läden nahe der Kasernen der sowjetischen Armee in Ostdeutschland, in denen sich DDR-Bürgern eine bunte Mischung teils fremder, exotischer Waren darbot – und die zugleich offenbarten, dass auch die „Besatzer“ alles andere als im Luxus schwelgten. Das Buch verfolgt ein ähnliches Ziel: Es will Verständnis und Sympathien wecken – und bewirkt das hoffentlich nicht nur bei Menschen, die Russland ohnehin schon als Nachbarn und nicht als Feind sehen. Ein nachbarschaftliches Verhältnis ist es schließlich, was die Leipziger Bürgerinitiative für das Verhältnis der beiden Länder und ihrer Bewohner anstrebt. Dazu gehört auch: Man begegnet sich auf der Treppe oder am Zaun mit Respekt – und nimmt die Sorgen des anderen ernst.

***

DIE RUSSEN

Wilhelm von Kügelgen

Aus: „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ von Wilhelm von Kügelgen. Erstmals posthum erschienen 1870. Der Auszug wurde dem „Gutenberg-Projekt-DE“ entnommen. Der Autor erinnert sich als Augenzeuge an den Einmarsch russischer Truppen 1813 in Dresden.

Der „Gottessegen“ war ein hohes Haus, außer dem Erdgeschoß noch vier Etagen übereinander; dann folgte erst der Dachboden, an welchem alle Mietsleute ihren Anteil und Verschluß hatten. Hier oben war eine romantische Welt, ein Labyrinth von dunklen, winkligen Gängen, Verschlägen und Rumpelkammern voll alten, weggesetzten Hausrates und voll Reiz für Kinder. Überdem erfreute man sich aus den Dachluken einer weiten Aussicht auf die Meißener Gegend, wie auch nach Norden über das Schwarze Tor hinaus bis auf die waldigen Höhen der Radeberger Heide.

Indem mein Bruder und ich nun eines Morgens hier unser Wesen hatten, fiel es uns ein, doch einmal auszuschauen, ob die Russen noch nicht kämen. Wir blickten angestrengt und lange in die Ferne und wollten eben die Köpfe wieder einziehen – da! – nein, es war keine Täuschung – da zeigten sie sich wirklich! Am Saum des fernen Kiefernwaldes, wo dieser an eine öde Sandfläche grenzte, die sich bis zur Stadt heranzog, war plötzlich ein neuer Gegenstand erschienen, ein dunkles Etwas, das sich lebhaft hin und her bewegte. Dann waren es zwei und immer mehrere. Bald schwärmte es wie ein Mückenschwarm der Stadt zu.

„Die Russen! die Russen!“ frohlockten wir, und fort ging‘s mit Sturmeseile, den Eltern das entzückende Ereignis zu verkünden. Mein Bruder krallte sich fest an meine Jacke, schreiend, er wolle es auch mit sagen, denn er habe es zuerst gesehen, was auch nahe an die Wahrheit streifte. So wirbelten wir gekoppelt und doppelt die Treppe hinunter und drangen atemlos in das Arbeitszimmer des Vaters, der, empört über unser Ungestüm, den Malstock hob und uns die Flegelei verwies. Da er aber den Grund unserer Aufregung erfuhr, eilte er, die Arbeit vergessend, mit uns auf den Boden und blickte mit seinem scharfen Auge in die Ferne. Wir hatten recht gesehen: es waren Kosaken, die lustig auf dem Sande schwärmten und sich der Festung immer kecker nahten.

Ob wir hier Zeugen des ersten Schusses wurden, der aus der Stadt fiel, oder ob meine Phantasie die Erzählung anderer zum eigenen Erlebnis umgeprägt, kann ich nicht sagen; doch glaube ich gesehen zu haben, wie einer der Kosaken, nahe an die Palisaden heranreitend, auf den Knall einer Flinte taumelte und dann tot vom Pferde fiel, das ruhig neben ihm stehen blieb. Plötzlich aber war er wieder lebendig, sprang in den Sattel, schwenkte seine hohe Mütze gegen seine Mörder und jagte dann zurück zu seinen Kameraden. Dies Stückchen gefiel uns dermaßen wohl, daß wir es nachher, um es Margareten und anderen anschaulich zu machen, des öfteren wie eine Komödie aufgeführt haben. Ich kam auf einer Fußbank angesprengt, mein Bruder feuerte hinter dem Holzkorb vor, und dann geschah alles so wie dort.

An demselben Morgen sahen wir aus unseren Fenstern, wie zwei schlanke, hechtblaue Sachsenleutnants einen kleinen stämmigen Kosakenoffizier mit verbundenen Augen vorüberführten. „Sie haben ihm ins Gesicht geschossen“, sagte mein Bruder ruhig, „und ihn dann gefangen.“

Aber der Vater belehrte uns, daß das ein Parlamentär sei, den man zum Kommandanten führe. Ich sah den kleinen, straffen Parlamentär mit so lebhaftem Interesse an, daß er mir mit seinen festen, kurzen Schritten, seinem breiten Nacken und der stolzen Haltung seines verbundenen Kopfes noch heute ganz lebendig vor den Augen steht. Nach einigen Stunden verbreitete sich die sehr willkommene Nachricht, daß die Neustadt am folgenden Morgen übergeben werden solle.

Nächsten Tags in aller Frühe zog denn auch die sächsische Besatzung ab, während sich unsere Neustädter Honoratioren am Schwarzen Tor versammelten, um die Kosaken zu empfangen. Diese, geführt vom Obristen Brendel, etwa 800 Mann stark, zogen in guter Ordnung ein und machten unweit des Tores, auf dem damals noch freien Platze zwischen Kirche und Kaserne, halt. Auch mein Vater war mit uns Knaben hingegangen.

„Das sind deine Landsleute“, sagte er mir, in welcher Bezeichnung für mich eine Aufforderung zu ungemessener Zärtlichkeit lag. Gern hätte ich wenigstens einigen die Hand gedrückt, da ich‘s nicht allen konnte, wenn mein Vater mich nicht an der seinigen festgehalten und die strenge Haltung dieser wilden Krieger mir nicht einiges Bedenken eingeflößt hätte. Inzwischen dauerte die anfängliche militärische Erstarrung des jovialen Kosakenvölkchens nicht allzulange. Was irgend Beine hatte in der Neustadt, war nach dem Tore geeilt, und von allen Seiten drängten die Bürger mit freudigem Zuruf auf ihre Befreier ein. Diese Russen waren als Feinde der Franzosen teure Freunde und Gesinnungsgenossen: sie wurden wie Brüder empfangen, und enthusiastisches Jauchzen erfüllte den Platz. Der Branntwein strömte; jeder hatte ihn mitgebracht, und jeder wollte der erste sein, den langersehnten Barbaren den Hals damit zu füllen. Halb zog man sie, halb sanken sie im Freudentaumel aus den Sätteln. Man umarmte, man küßte sich und sprach in allen Zungen, bis die Quartierbilletts verteilt waren und die glücklichen Wirte mit ihren Mannschaften abzogen. Es war ein Funke der weltgeschichtlichen Begeisterung einer großen Zeit, der in die Herzen des Dresdner Volkes gefallen war.

Meinen Eltern ward ein Offizier zugeteilt, mit dessen Burschen wir Kinder, wie mit den übrigen Kosaken im Hause, bald gute Freundschaft machten. Unsere gegenseitige laute und ununterbrochene Konversation war zwar sehr überflüssig, da wir uns nicht verstanden, doch gab es andere Mittel, sich zu befreunden, und Taten sind mehr wert als Worte. Wir schleppten unseren Freunden Lebensmittel zu, schenkten ihnen unsere ersparten Kupfermünzen und gingen ihnen zur Hand, so gut wir es vermochten. Sie dagegen schnitzten uns hölzerne Lanzen und Säbel, zeigten uns ihre Waffen, unter denen uns besonders ihre langen, in diversen Türkenkriegen erbeuteten und zum Teil sehr reich mit Silber eingelegten Pistolen wohlgefielen, und ließen uns auf ihren kleinen Pferden reiten.

Diese Kosaken aus den Freiheitskriegen waren gutartige, kindliche Burschen, zwar etwas diebisch und sehr versoffen, wie unser Hauswirt finden wollte, aber doch dabei recht fromm. Als einer von ihnen mit einer Meldung an seinen Offizier zu uns ins Zimmer trat und das große Marienbild erblickte, bekreuzte er sich sogleich und blieb mit aufgerissenem Munde wie angenagelt an der Türe stehen, keinen Blick von jenem Heiligtum verwendend. Der Offizier ersuchte meine Eltern in französischer Sprache, dem armen Kerl, der noch nie in seinem Leben ein so schönes Bild gesehen, zu gestatten, daß er näher hinzutrete, und meine Mutter, in aller Eile die Trümmer ihres halb vergessenen Russisch zusammenraffend, lud ihn nun selbst in seiner eigenen Sprache dazu ein.

Da überwog fürs erste die freudigste Überraschung jede andere Empfindung. Die heimischen Laute entzückten den Weithergekommenen, er krümmte und schmiegte sich mit lauten Exklamationen vor meiner Mutter bis zur Erde, küßte und streichelte den Saum ihres Kleides und suchte auf alle Weise seine Freude zu bekunden. Dann wieder betrachtete er das Bild mit größter Verwunderung und erbat sich schließlich die Erlaubnis, auch einige Kameraden herzuführen.

So dauerte es denn nicht lange, daß ein ganzer Haufe von Kosaken mit ihren Schleppsäbeln die Treppe hinaufrasselten. Sie nahten sich dem Bilde aufs ehrerbietigste, warfen sich auf die Knie, bekreuzten sich und verrichteten ihre Andacht wie in der Kirche. Dann besprachen sie sich leise über das Wunderwerk, vor dem sie standen, und zogen sich dankend mit vielen Verbeugungen wieder zurück. Dasselbe wiederholte sich an demselben Tage noch öfter.

Der im vergangenen Jahre bei uns einquartiert gewesene französische General hatte sich vor demselben Bilde schmunzelnd eine Köchin gewünscht, die der Maria gleiche, worauf seine Adjutanten lachten und dem Gespräch eine so frivole Wendung gaben, daß meine Mutter das Zimmer verließ. Unsere Kosaken waren indes keine Generale, sondern nur gemeine Russen, denen man noch etwas Ehrfurcht vor dem Heiligen zugute halten konnte. Außerdem waren sie ein frisches, fröhliches Völkchen, voll Gesang und guter Laune und, wie gesagt, bisweilen auch voll Branntwein. Nüchtern aber oder trunken gingen sie doch immer ihrem Feinde keck zu Leibe, und täglich erzählte man sich von der unerschrockenen Gewandtheit, mit der sie ihre Streiche auszuführen wußten. Auf ihren unermüdlichen Pferden schwammen sie über den Strom, erschienen plötzlich im Rücken der Franzosen, die sie unablässig neckten und erschreckten und ihnen Abbruch taten, wo sie konnten. Bei Nacht gelang es ihnen sogar, zahlreiche am anderen Ufer versteckte Kähne wegzunehmen und nach der Neustadt überzuführen.

Der schlaue Führer dieses kecken Haufens, Obrist Brendel, war wunderlicherweise ein Deutscher und interessierte demnächst durch seinen ungeheuren Bart, der an üppiger Vegetation alle Vorstellung übertraf und ihm bis zum Gürtel reichte. Brendel hatte dem Vernehmen nach früher in österreichischen Diensten gestanden, wo er, wie man sagte, sich genötigt gesehen, jenen reglementswidrigen Auswuchs, da er ihn nicht abschneiden wollte, in langen Flechten unter die Uniform zu knöpfen. Als ihm aber auch dies verleidet worden, habe er endlich in der Vorliebe für seinen Bart seinen eigentlichen Beruf erkannt und sei Kosak geworden. In Dresden erfreute sich dieser bärtige Obrist einer dreifachen Huldigung. Die nichts von seiner Herkunft wußten, feierten ihn als Russen und furchtbaren Barbaren, die anderen als wohlgesinnten deutschen Landsmann, und alle, die mit ihm in Berührung kamen, freuten sich seiner kräftigen und jovialen Persönlichkeit. Er ward schnell zum Löwen des Tages; aber obschon man ihn nach Kräften zu fetieren suchte, konnte er sich doch mit dem faulen Leben nicht vertragen. Er mußte vorwärts und die Nachhut der Franzosen weiterdrängen.

Der Marschall Davout war zwar unmittelbar nach Sprengung der Brücke mit dem Kerne seiner Truppen abgezogen, doch standen in der Altstadt immer noch 3000 Mann, die mit der Pudelmütze nicht wegzuschlagen waren. Da geschah es aber, daß wir etwa in der zweiten Nacht nach Brendels Ankunft durch starken Trommelwirbel und ein schwerfälliges Gerassel aus dem Schlafe aufgestört wurden. Jedermann dachte an den Einmarsch eines Armeekorps mit zahlreicher Artillerie, und man war daher nicht wenig erstaunt, am nächsten Morgen die Straßen leer und alles beim alten zu finden. Der ganze Spektakel war nichts anderes gewesen als ein Gespenst, das Brendel heraufbeschworen, um die Franzosen aus der Altstadt wegzuschrecken. Er hatte nämlich aus den benachbarten kleinen Städten und Ortschaften die sämtlichen Trommler der Schützengesellschaften zusammentreiben und durch die Straßen der Neustadt wirbeln lassen. Hinter ihnen fuhren mit Steinen schwer beladene Leiterwagen. Die Franzosen aber hatten richtig Schein mit Sein verwechselt: sie waren abgezogen, und Brendel schwamm mit seinen Kosaken durch den Strom, sie zu verfolgen. Erst hinter ihnen schloß ein interimistischer Holzbau die große Bresche in der Brücke.

Jetzt brachte jeder Tag sein Neues. Auf die Kosaken folgten reguläre russische Truppen. Das Wintzingerodesche Armeekorps zog größtenteils durch Dresden, und zwar in bester Haltung mit Sang und Klang, mit fliegenden Fahnen und umgeben von dem Nimbus der gerechten Sache, für die es stritt. Solche Durchmärsche mit anzusehen, wäre an und für sich schon gut genug gewesen; wir Kinder aber hatten dabei noch ein spezifisches Interesse. In der russischen Armee nämlich dienten viele Livländer, unter denen sich leicht Verwandte finden konnten, eine Menschenklasse, die uns Kindern bis dahin fremd geblieben war, da die Familien des Vaters wie der Mutter so weit von uns zu Hause waren. Wir sahen daher jeden russischen Offizier darauf an, ob nicht vielleicht ein Onkel in ihm stecke, suchten auch einzelnen, die uns wohlgefielen, durch vertrauliches Zunicken eine Entdeckung zu erleichtern, an der ihnen, wie wir meinten, ebensoviel gelegen sein mußte als uns selbst. Auf diese Weise erhielten wir manchen freundlichen Gruß zurück, ohne jedoch zu unserem Zweck zu kommen. Aber die rechten Onkels stellten sich ganz von selber ein, und o wie klopfte mir das Herz, als ich eines Morgens in der Haustür stehend, von einem anreitenden Husarenoffizier gefragt ward, ob hier mein Vater wohne. Es war ein Vetter meiner Mutter, namens Georg von Bock, ein wunderschöner junger Mann vom stattlichsten Aussehen. Fast verschlang ich ihn mit den Augen und hatte eine Freude, die nur durch die vergangene Verwandtendürre erklärlich werden konnte. An seinem Arme ging ich stolz durch die Straßen bei den präsentierenden Posten vorüber und fühlte mich nicht schlecht geschmeichelt, wenn begegnende Soldaten Front vor uns machten. Das war doch anders als mit Talkenberg! Und o wie anziehend waren die Gespräche dieses Onkels für groß und klein, denn er hatte die ganze Kampagne in Rußland mitgemacht und erzählte in trefflicher Weise als Augenzeuge von den Schlachten bei Smolensk, bei Moshaisk, bei Mali-Iaroslawez und von den Greueln an der Berezina. Leider konnte er nicht immer bleiben: er mußte weiter, wie andere liebe Verwandte, die ihm folgten, und wie ein Traumbild sind mir diese ersten Russen mit ihren Onkels hingeschwunden.“

***

MEINST DU, DIE RUSSEN WOLLEN KRIEG?

Jewgeni Jewtuschenko

Хотят ли русские войны? Хотят ли русские войны? Спросите вы у тишины Над ширью пашен и полей, И у берёз и тополей. Спросите вы у тех солдат, Что под берёзами лежат, И вам ответят их сыны – Хотят ли русские, Хотят ли русские, Хотят ли русские войны!

Meinst du, die Russen wollen Krieg? Meinst du, die Russen wollen Krieg? Befrag die Stille, die da schwieg im weiten Feld, im Pappelhain, Befrag die Birken an dem Rain. Dort, wo er liegt in seinem Grab, den russischen Soldaten frag! Sein Sohn dir drauf Antwort gibt: Meinst du, die Russen woll’n, meinst du, die Russen woll’n, meinst du, die Russen wollen Krieg?

Не только за свою страну Они погибли в ту войну, А чтобы люди всей земли Спокойно ночью спать могли. Спросите тех, кто воевал, Кто вас на Эльбе обнимал,- Мы этой памяти верны. Хотят ли русские…

Nicht nur fürs eig’ne Vaterland fiel der Soldat im Weltenbrand. Nein, daß auf Erden jedermann in Ruhe schlafen gehen kann. Holt euch bei jenem Kämpfer Rat, der siegend an die Elbe trat, was tief in unsren Herzen blieb: Meinst du, die Russen woll’n …

Да, мы умеем воевать, Но не хотим, чтобы опять Солдаты падали в бою На землю горькую свою. Спросите вы у матерей, Спросите у жены моей, И вы тогда понять должны – Хотят ли русские…

Kampf hat uns nie schwach gesehn, doch nie mehr möge es geschehn, daß Menschenblut, so rot und heiß, der bitt’ren Erde werd’ zum Preis. Frag Mütter, die seit damals grau, befrag doch bitte meine Frau. Die Antwort in der Frage liegt: Meinst du, die Russen woll’n …

… Поймёт и докер, и рыбак, Поймёт рабочий и батрак, Поймёт народ любой страны

Es weiß, wer schmiedet und wer webt, es weiß, wer ackert und wer sät – ein jedes Volk die Wahrheit sieht:

Хотят ли русские, Хотят ли русские, Хотят ли русские войны!

LEIPZIG – JEWTUSCHENKO – ICH

Peter Gosse

Aus: Peter Gosse. „AN UND FÜR SICH“. Berichte, Briefe, Bilder.

Passage-Verlag 2005.

„Nun, wie geht’s so in Ihrem Leipzig“, fragt mich Jewtuschenko, der sibirische sowjetrussische Dichter. Seit einigem nimmt er für sechs Monate im Jahr eine Poesie-Professur in den USA wahr (der eine Tag Unterricht pro Woche läßt – zdorowo! wunderbar! – viel Zeit für das eigene; dann zieht es ihn wieder nach Moskau.) Vorm Jahr war er ein paar Tage zu Lesungen in Sachsen unterwegs und also auch – dank der wundervollen Rührigkeit der Frau Peter vom „Haus des Buches“ – in der Bach- und Leibnizstadt. „Nun, wie geht’s so in Ihrem Leipzig?“

Oder sagt er: „in Deinem Leipzig?“ Ein lustiges Hin und Her zwischen Siezen und Duzen; wir kennen einander nur flüchtig, indes seit Jahrzehnten. Ende der Fünfziger lud ich ihn zu einer Lesung ins Moskauer Energetik-Institut (an dem ich studierte) und führte mit einem Lob auf sein kurz vorher erschienenes Gedichtbuch „Apfel“ ein. Er, der damals Fünfundzwanzigjährige, darauf bissig und in saalfüllender Lautstärke: „Apfel? Ein Griebsch ist es allenfalls, den die übrig gelassen haben!“ Das Auditorium, erinnere ich mich, schwieg. Es schwieg auf eine irgendwie außerordentliche Weise: verwundert, bewundernd, beklommen, euphorisiert, was weiß ich.

Also Leipzig heutzutage, wie ist es? Von Zensur natürlich keine Spur. Denn wenn im Ortsblatt nichts davon zu erfahren ist, daß Dichter wie Braun, Kirsch, Dieckmann, Pietraß und Rosenlöcher eines schönen Abends eine Anthologie sächsischer Liebesgedichte mit heiterer Hingabe vorstellen, und zwar in keiner geringeren Räumlichkeit als dem ehrwürdigen Festsaal des Alten Rathauses, dann kann das ja verursacht sein durch Platzmangel: etwa über einen unbedingt berichtenswerten Auftritt heavy-metallener Barden im easy Auensee ist unbedingt zu berichten, etwa nicht, ja? Aber ja, nicht?

„Naja“, sage ich daher und für Jewgeni wohl ein wenig zusammenhanglos, „in der deutschen Fassung Ihrer Memoiren sind diverse Kapitel getilgt; besonders leid tut es mir um Ihr Gespräch mit Che Guevara. In Leipzig, anders eben als in München, wäre das nicht geschehen; solche Dreistigkeit (oder Angepaßtheit) im noblen Verlag Faber & Faber? Ausgeschlossen.“

Nun ja, diese Stadt ist unsereinem alles andere als gleichgültig. Man ist in ihr geboren, man wird in ihr sterben, von autonomer eigener Hand oder nicht, und zwischendurch hat man hier ein höchstes, ein vom Wünschen befreiendes Glück empfangen, ein Glück, welches dessen Endlichkeit als normal, ja marginal empfinden macht. Will sagen: man läßt ungern etwas kommen auf diesen Marktflecken. „Ziemlich genau über unserm Tisch, im Turm oben, hat übrigens Goethe das Zeichnen erlernt“, versuche ich also Leipzig noch schmackhafter zu machen; wir sitzen im Ratskeller. Doch Jewtuschenko richtet den Blick durchaus nicht aufwärts. „Welche Feinheit“, befindet er mit Blick auf den Proschwitzer Weißwein, auch der sächsische Sauerbraten verdiene uneingeschränkte Aufmerksamkeit – Goethes zeitversetzte Nähe hin oder her.

Mein letzter Anlauf: Schostakowitsch. Der Komponist, der Jewtuschenkos „Stepan Rasin“ und „Babi Jar“ vertont hat und dessen Genialität der Dichter am Abend fulminant preisen wird – er ist hier gewesen, keine zwei Steinwürfe entfernt, in Bachs Kirche – wolle er nicht vorbeischauen? „Gute Idee“, meint J. mit behaglichem Blick auf die, überdies emsige, Kellnerin.

„Indes muß, wer gläubig ist, nach Jerusalem pilgern?“

„Guter Satz. Na zdorowje.“

„Prost. Sehr guter Satz. Leider schon von Belinski.“

Es ist aber wohl etwas anderes gewesen, das den Dichter am Ratskeller-Stuhl hat haften lassen, nämlich – so deuchte mich – eine sympathische kleine Unruhe, ob die Lesung angemessen besucht werde. War dem heutigen Leipzig noch geläufig, mit welchem umstürzlerischem Furor er und die ihm damals Nahen – Achmadulina, Wosnessenski, Roshdestwenski – seit den Mittfünfziger Jahren auf das hingestrebt waren, was dann als Glasnost und Perestroika das Welt-Vokabular erweiterte und glücklich dem Leipziger Jahr 1989 Vorschub leistete?

Nun, Jewtuschenko betörte das sehr vielköpfige Auditorium erwartungsgemäß. Man muss ihn nicht gekannt haben, um jetzt von ihm, dem Siebzigjährigen, in Atem gehalten zu werden. Die Reihe der seinem Namenszug wünschenden schlängelte sich durch den großen Saal; womöglich dauerte die Signierstunde länger als die Lesung. Und mir fiel so etwas wie meine Essenz hinsichtlich Leipzigs ein: Diese Stadt macht nicht groß über sich denken, sondern groß über sich hinaus. Anschließend, bei superber Mai-Scholle im „Telegraph“, sprach ich und fand mich unübertrieben: „Radistschew war in Leipzig, 20 Jahre danach Karamsin, 200 Jahre danach Jewtuschenko.“

„Danke, Freund.“

„Danke für den Freund, doch warum so unaufgekratzt?“

„Du besitzt das Geheimnis der Kühle, wenn du weißt, dass dein Blut nicht mehr alt wird.“ „Welch Satz.“

„Wieder nicht von mir. Sondern?“

„Nun.“

„Du willst Dichtung unterrichtet haben? Lorca.“

Was aber, wenn die Lesung missraten wäre? Heutzutage, ein Jahr später, wäre – sage ich mir – leicht Abhilfe zu schaffen. Nämlich man gehe hinüber ins neue Museum und tröstete sich. Tröstete sich mit dem Anblick der Trillerpfeifen. Wie sie aber auch in ihrem großartigen kubischen Raum so prachtvoll geradlinig herunterhängen in ihrer stattlichen Übergröße und, willig wie sie sind, in äußerster Präzision der Schwerkraft folgen – das hätte nicht einmal ein Künstler präziser hingekriegt! Dazu dieses Rot, in das sie getunkt sind – welch delikates Rotbauchunken-Rot mit seinem phänomenalen Stich ins, ahne ich, Rotwurst-Rote! Wenn sie nun gar noch trillerten, die Pfeifen – aber nein doch, man kann nicht alles haben, Menschenskind! Sei doch nicht so unmäßig in deinem Begehr! Reichen denn diese Triller-Instrumente, trotz sie stumm sind, nicht doch aus, um dich in eine lindernde Trance verfallen zu lassen? In einen lieblichen Traum, wie ihn weiland Swedenborg, in Leipzig froh daliegend, geträumt haben will: „in extasibus vigilibus“, – „im Zustand wacher Verzückung“?

***

BRIEF AN F.

Peter Gosse

Der Dichter Jessenin (gewiss wäre zuträglich, du läsest Dich in ihn ein wenig hinein) – er beendet dreißigjährig sein Leben (im Petersburger Hotel „Angleterre“ übrigens, eine dürftige Marmortafel erinnert ihn) und hinterlässt einen Achtzeiler (mit seinem Blut geschrieben, wie es heißt), der so schließt:

W etoj shisni umeret ne nowo,

No i shitj konetschno ne nowej.

Sterben ist im Leben ja nichts Neues,

doch zu leben ist natürlich auch nicht neuer.

Majakowski erwidert dem toten Kollegen mit einem flammenden Aufruf: Sich töten? Nein doch: nado wyrwat radost is gaduschtschich dnej – Freude gilt es herbeizureißen aus den zukünfti-gen Tagen. (Freilich erschießt er sich alsbald selber.)

Warum erzähle ich Dir das?