Geschichten vom Bau - Hartmut Witt - E-Book

Geschichten vom Bau E-Book

Hartmut Witt

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Beschreibung

Geschichten aus dem Leben eines alternativen Bauhandwerkers. Vom Kampf im Alltag, bis hin zu einstürzenden Neubauten und gewagten Konstruktionen, dazu Begegnungen mit vielen interessanten Menschen, gemixt mit verrückten kreativen Einfällen und Banalitäten des Autors....

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Hartmut Witt

Geschichten vom Bau

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Anfang

Der erste Versuch

Konrad und der erste Tag

Raben-Horscht der Drecksack

Spaßvogel Ernscht und die Alkohol-Katastrophe

Schwierige Kundschaft

Frau am Bau?

Geoutet

Schoko

Ein Hänfling, das Knöllchen

Murks am Bau, hier auch schon im Barock

Kratzerchen

Muttersprache

Uns Uwe

Heidenei

Joe

Französische Helfer

Iwan der Schreckliche

Tolles Baufahrzeug

Buntspechte

Bauherrn

Murks im Blockhaus-Bau

Meisterstück

Richtsprüche

LKW und das Leidwesen der Vegetarier

Blume und Kuhwiesen

PPP in der CCCP

Meisterprüfung

Wo bäh

Ein „aberwitziger“ Alptraum

Haarnadel

Peterchen und das Morgenland

Ein Haus im Dornröschenschlaf

Balnot

Ex-Gogo-Girl sucht esoterische Zimmerei

Matsche

Ein Lehrlings namens Hippie

Nihat

Michl

Jesus Christ Superstar

Mieke und die Morgenlatte

Naturgewalten

Einstürzende Neubauten

Der Fröhliche Nix

Mikesch

Schweinhart und der Hammer-Opa

Raumschiff aus Holz in Ulm

Magic Ella

Impressum neobooks

Der Anfang

Vorwort

Die Geschichten in diesem Buch erzählen Bau-Erlebnisse aus meinem Leben. Die Idee, diese aufzuschreiben, kam mir, nachdem ich immer wieder gebannte Zuhörer hatte, wenn ich so manche Episode erzählte.

Für die, die mich nicht kennen, stelle ich mich kurz vor:

Jahrgang 1957, geboren in Pfullendorf/Baden.

Seit 2002 lebe ich in meinem „Zwergenhäusle“ in Blaubeuren.

Geschieden, Vater von vier Kindern, Großvater einer Enkelin.

Selbstständiger Zimmermeister mit ökologisch ausgerichteter Zimmerei seit 1990.

Insgesamt 37 Jahre Bauerfahrung.

Spielautor mit 25 Veröffentlichungen weltweit.

Spieleladen-Mitinhaber seit 2015, der Spielespatz in Ulm, zusammen mit Susanne Hirche.

Davor habe ich 10 Jahre den legendären Spieleladen Morgenland in Ulm betrieben.

Jetzt will ich Euch nicht länger aufhalten und lade Euch ein, in ein leicht verrücktes Bauleben einzutauchen. Ich wünsche vergnügliche Unterhaltung und viel Spaß beim Lesen.

Hartmut Witt

Danksagung

Ganz herzlichen Dank an Susanne Hirche und Peter Haßelberg für die Unterstützung bei Korrektur und Layout.

Inhalt

Ich bin vom Wesen her ein Luftikus, der 1.000 Ideen hat, sie aber selten zu Ende bringt. Erst das Leben lehrte mich eine gewisse Bodenhaftung.

Ich hatte als 18jähriger den Kopf voller Pläne: Selbstentwickelte Spiele, die meine „Hippie-Kommune“ begeisterten, Baupläne für einen Wander-Puppenzirkus, geschnitzte Marionetten als Darsteller, selbst geschriebene Theaterstücke, ein Fantasy-Buch, an dem ich schrieb. Meinen Lebensunterhalt bestritt ich mit dem Verkauf von selbstgemachten Kerzen und Handpuppen. Und da dies nicht ausreichte, konnte ich als Selbstständiger für ein Forstamt im Wald Stangen schlagen.

Dann kam eine Frau in mein Leben. Ich hatte keine Absichten, aber in meiner Hippie-Naivität machte ich ihr das Angebot, als Besucher mit mir das Bett zu teilen. Ich hatte davor etliche Besucherinnen in meinem Bett und es erfreute sie, dass sie mit mir als Gastgeber jemand bekam, der nicht jede Frau anbaggerte. Diesmal kam es anders, denn die neueste Bettgenossin übernahm die Initiative und ich erlag ihren Reizen. Das ungeplante Ergebnis war ein Kind und ich musste mir plötzlich überlegen, wie ich dem Ganzen eine solide Grundlage verschaffen konnte.

Ich hatte allerhand Ideen für alternative Lebensgemeinschaften, plante eine Auswanderung mit Gleichgesinnten und die Gründung einer Hippie-Gesellschaft irgendwo im Süden. Dazu musste jeder beitragen, was er konnte. Daher nahm ich einen Job in einer ungewöhnlichen Zimmerei an, die eine Waldorfschule errichtete. Da wusste ich, was mir liegen könnte: Ich würde Zimmermann! Schließlich hatte auch Jesus diesen Beruf erlernt, da konnte er nicht so schlecht sein.

Der erste Versuch

Ich heuerte bei einer alternativen Zimmerei an. Doch ziemlich schnell entpuppte sich der vermeintliche Meister als Lusche, der von der Zimmerei nicht viel Ahnung hatte. Den Titel hatte er wohl irgendwie ergaunert und seine Spezialität waren eher fröhliche Trinkgelage mit seiner alternativen Truppe als rühmliche Bauleistungen.

Also konnte das nichts werden. Dann doch klassische Zimmerei, zumindest eine, die für Anthroposophen (Anthros) arbeitet und biologische Materialien verwendet. Eine Täuschung, wie sich herausstellte. Für andere Kunden wurde kräftig mit der Giftspritze hantiert.

Mein rebellischer Geist trieb mich dazu, einen umfangreichen Artikel über die Gefahren von Holzschutz-Giften in mein Berichtsheft zu schreiben, den der Meister kommentarlos unterschrieb.

Da ich anders war als die üblichen Bauernbüble dieses Betriebes aber trotzdem ernst genommen werden wollte, mussten meine Leistungen besser als die der Kollegen sein und ich eine Fremdsprache erlernen: Schwäbisch. Denn auf dem Land war eines klar: Um kein Außenseiter zu bleiben „muscht Du schwätze wie die Leit“! Meine Eltern waren allerdings Ost-Flüchtlinge, auf dem Gymnasium hochdeutsch eher förderlich und ich stolperte über meine Lernfaulheit und meinem inneren Drang zum Klassenkasper. Jetzt aber entwickelte ich plötzlich Ehrgeiz!

Konrad und der erste Tag

Am ersten Tag im Ausbildungsbetrieb der gewählten Zimmerei begleitete ich mit einem Jung-Gesellen, der einfach gestrickt war. Es war ein komplizierterer Innenausbau, bei dem wir Unterkonstruktionen für eine Holzdecke bauen sollten. Konrad schickte mich in den oberen Teil des Ausbaus, der nur ein Problem hatte: Alles war schräg, ein Walmdach, während er sich unten mit den einfachen, geraden Flächen beschäftigen wollte.

Hm, da ich Vorstellungsschwierigkeiten hatte, wie ich das angehen sollte, fragte ich Konrad: „Sag mal, wie muss ich denn die Schrägen da oben konstruieren?“

Die Antwort von Konrad: „Des woiß I doch it, überleg Dir ebbes!“

Da wusste ich Bescheid!

Ich hatte mir etwas überlegt und es ging. Aber da ich eine freche Klappe hatte, foppte ich fortan Konrad: „Brauchst Du Rat, frag nicht Konrad, da gibt´s kon Rat vu Konrad!“

Konrad war es auch, der mich als Lehrling gleich in die Rolle des Kappo (Vorarbeiter) schubste. Der Alt-Geselle der Zimmerei war in der Meisterschule und der Hackordnung nach war jetzt Konrad an der Reihe, Kappo zu sein und beim Abbinden eines Daches den Aufriss zu machen. Der Dachstuhl war allerdings etwas komplizierter. Er hatte Kehlen und Walme, bei denen man schiften musste. Was sagt Konrad zum Meister, als der ihm die Aufgabe übergeben wollte?

„Ah wa, des isch mir zu kompliziert! Lass des doch den Hartmut machen, der ma so komplizierts Zeig!“ Da hatte ich meine erste richtige Könnensprobe und zum Glück passte alles.

Trotzdem wollte mich der Meister in der Ausbildungszeit betrügen und mich nach zwei Jahren - wie ursprünglich bei entsprechenden Leistungen vereinbart - nicht zur Prüfung zulassen, denn ein Auszubildender ist günstiger als ein Geselle. Ich habe ihn vor versammelter Mannschaft zur Rede gestellt. So bloßgestellt gab er schließlich kleinlaut nach, und ich dankte es ihm mit dem besten Abschluss eines Gesellen in seiner Betriebsgeschichte der Zimmerei. Nur mochte er mich deswegen gar nicht mehr, und nahm nun jede Gelegenheit wahr, mich runterzuputzen.

Ah und ja, noch eine Geschichte zu Konrad: Konrad war ein rechter Leichtfuß, ziemlich leichtsinnig, und gab einmal eine sehenswerte Vorführung an einen Lehrling über Sicherheit.

Er legte mit dem Lehrling als Laufweg einen Dielenbelag über eine Balkenlage und erklärte ihm, was eine „Mausefalle“ ist.

Zum Verständnis sei hinzugefügt, dass er damit meinte, wenn das Ende der Dielen nicht auf einem Balken aufliegt, sondern mit einem großen Überstand, dass die Diele, wenn man über das Ende läuft, herunter schnappt und der verdammten Schwerkraft zur Folge den Läufer unsanft eine Etage nach unten befördert.

Aber wie sah denn die Einweisung von Konrad aus?

Er legte eine Diele in Mausefallen-Manier über die Balkenlage, lief auf das Ende der Diele zu, begann hüpfend zu wippen und rief dem Lehrling zu: “Lueg her, des isch a Mausefalle!“

Nur hüpfte Konrad ein bissle zu fest und stürzte donnernd und spektakulär ab. Dumm nur, das er sich dabei einen Fuß brach. Doch die Show war eindrucksvoll und einprägsam!

Raben-Horscht der Drecksack

Es begegneten mir in meiner Laufbahn immer wieder „Feinde“, so auch hier. Raben-Horscht hatte in derselben Zimmerei gearbeitet wie ich bei meiner Schnupperzeit beim Waldorfschulbau. Nur hatten wir einen komplett unterschiedlichen Eindruck aus der Zeit mitgenommen. Mir waren die Anthro-Burgen sympathisch und ich mochte die dazugehörigen Anhänger der Theorien von Rudolf Steiner. Toll fand ich die Mittagstische, bei denen die Betreiber biologische Mahlzeiten, meist fleischfrei, anboten.

Anders die typischen Bauarbeiter, die oft lautstark meckerten und nach einem „Fetze Floisch“ oder einem Schnitzel riefen!

Raben-Horscht war da ein proletenhafter Vertreter des klassischen Typs, obgleich kein Schwabe und sprachlich mit mir mehr verwandt als der Rest der Zimmerei-Truppe. Aber die Anthros hasste er zutiefst, „Körnerfresser“ schimpfte er sie.

Als wir zu meinem Vergnügen ein Holzhaus für das entsprechende Klientel bauten, nahm er jede Gelegenheit wahr, um irgendwelche Bosheiten zu verrichten und stiftete auch den einen oder anderen Lehrling dazu an: Sie urinierten in die Sandschüttung der Holzbalkendecke, versteckten Heuler (leere Bierflaschen in der Konstruktion, damit der darüberstreichende Wind heulende Geräusche erzeugt), Essensreste und allerhand anderen Unrat. Ich hatte „Kriegszustand“ und kämpfte gegen diese Unsitten an, weshalb mich Raben-Horscht ebenso zu hassen begann.

Raben-Horscht war zudem Kleptomane. Er klaute alles, was für ihn irgendwie wert hatte. Er bestahl selbst Kollegen und keine Baustelle war vor seinen Diebeszügen sicher. Und das war auch sein Ende in dieser Zimmerei, als er ausgerechnet vor meinen Augen an einer Baustelle abräumte.

Spaßvogel Ernscht und die Alkohol-Katastrophe

Mit einem Kollegen hatte ich dagegen richtig Spaß. Ernscht war eigentlich Schäfer und hatte den Job irgendwann zum Zimmerei-Helfer gewechselt. Sein Humor gefiel mir. Er war feinfühlig, zurückhaltend, nie beleidigend, hatte einige Lebensweisheit und war eine Frohnatur.

Er erzählte mir von einem trinkfesten Pfarrer, dessen Trinkspruch mir aus satirischen Gesichtspunkten äußerst gut gefiel: „Der Feind muss vernichtet werden!“

Ja, ich hatte als Alkohol-Gegner einen schweren Stand in dieser Zimmerei. Die Richtfeste waren kräftige Besäufnisse. Und wenn ein Bauherr fragte, was er uns zu trinken anbieten könne, und ich mich vorsichtig meldete, dass ich Mineralwasser bevorzugen würde, wurde ich von den Kollegen niedergebrüllt: „Du wirscht doch a Bier saufe kenne!“

Die Stimmung zwischen mir und dem Meister war auf einem Tiefpunkt. Wir hatten mit viel Gift das Haus des Meisters erweitert und am selben Abend noch war das Richtfest im Haus des Meisters, als mir Ernscht von dem Pfarrer erzählte.

Ja, und danach waren Betriebsferien, also ein perfekter Zeitpunkt, um ausgelassen zu feiern.

Es kam schlimm, ich als „Alkohol-Feind“ vertrug ja schon mal gar nichts.

Beim ersten Bier, das mir eingeschenkt wurde, rief mir Ernscht augenzwinkernd zu: „Hartmut, der Feind muss vernichtet werden!“ Tja, da war es passiert. Ein seltsamer Ehrgeiz in mir erwachte mitzumachen. Ich stieg voll darauf ein und unterhielt die ganze Mannschaft, die bei den nie zur Neige gehenden Getränken den Trinkspruch immer lauter brüllte. Kaum hatte ich mein Glas leer, war es schon wieder von einem aufmerksamen Kollegen gefüllt worden. Sie machten sich ihren Spaß, mich abzufüllen!

Irgendwann verlor ich die Besinnung. Ich erwachte hart am Mittag des nächsten Tages auf dem Boden der Küche in meiner Wohnung und hatte die Hosen voll! Boah, wie peinlich. Ich hatte keine Ahnung, wie ich hergekommen war. Das letzte, was ich wusste, war, dass ich beim Prosten mit den Kollegen ein paar Gläser zertrümmert hatte!

Eine dunkle Vorahnung trieb mich ans Telefon und ich rief Ernscht an: „Ernscht, ich hatte einen Filmriss, habe ich irgendwas angestellt?“

Ernscht antwortete: „Ah wa, do sind halt ein paar Gläsle kaputt gange!“

Das beruhigte mich erst einmal, daran konnte ich mich ja erinnern.

Schlimmere Nachricht kam, als ich den Schwiegersohn des Meisters und meinen Nachbar traf.

„Hartmut, Du hascht des große Wohnzimmerfenschter in der neuen Wohnung mit einem Schnaps-Stamperl zerdeppert, als Du mit dem Trinkspruch ‚Der Feind muss vernichtet werden!‘ den Kopf des Meisters knapp verfehlt hast!“

Da fiel mir das Herz erst mal in die Hose. Ich war total geschockt. Letztlich entschied ich mich, sofort zum Meister zu fahren, um mich zu entschuldigen.

Der meinte ganz trocken: „Ah wa, it schlimm, warscht halt bsoffe!“

Aber natürlich wusste er den Bruch der Scheibe gewinnbringend zu nutzen und machte einen Big Deal aus der Reparatur.

Schwierige Kundschaft

Irgendwann erkannte der Meister meine Fähigkeiten. Er schickte mich immer zu den schwierigsten Kunden, da er gemerkt hatte, dass ich immer einen Weg fand, um diese zufrieden zu stellen.

Ein Bäuerle war besonders schlimm. Er wollte mithelfen und schickte schon einige Gesellen von der Baustelle weg, weil die seiner Meinung nicht genug zulangten. Er forderte vom Meister einen „schaffigen“ Mann.

Tja, da musste ich ran. Schnell hatte ich das Bäuerle durchschaut und ihn an die schlimmsten Arbeiten angestellt, wo er selber richtig schuften musste. Abends war er dann stehend k.o., mit Dreck überschüttet und von mir begeistert. Tja, so konnte er meine Leistung nicht kontrollieren, hatte aber das Gefühl, selbst effektiv gewesen zu sein.

Ein anderer alter Spinner bestand immer darauf, dass man nur mit seinem „Gschirr“ (Maschinen und Werkzeug) schaffen sollte. Ich tat ihm den Gefallen, obwohl das gar nicht so effektiv war. Aber der Kunde war begeistert, was man alles mit seinem „Gschirr“ schaffen kann.

Überdies sollte ich ihm einen verfaulten Balken ersetzen und musste das ganze Haus dazu anheben. Mit der richtigen Winde, die er hatte, war das kein Problem. Nur wollte er nicht aufhören mich anzufeuern, das Haus noch höher als notwendig anzuheben. „Treib a Kerle! Treib a! Weiter los weiter!“ Ich hatte das Spiel eine Weile mitgemacht, den Balken eingesetzt und das Haus wieder abgelassen. Danach klemmten alle Türen im Obergeschoss, aber der Alte war überglücklich.

Frau am Bau?

Der Ausbildungsmeister der Zimmerleute fragte bei der Gesellenprüfung: „Sind Frauen da? Zum Glück nein. Der Zimmermannsberuf ist noch eine richtige Männerdomäne! Da braucht es eben richtige Kerle!“

Wie erstaunt war ich, als einen schönen Morgens ein sehr hübsches Mädchen in den Zimmereihof in Arbeitsklamotten einlief. Und als ich mir beim Hämmern einen weiteren Blick nicht verkneifen konnte, traf ich mit Wucht meinen linken Daumen, pfff! Mein Gott, was für Schmerzen! Ich arbeitete weiter. Jahre später stellte sich heraus, dass der Daumen gebrochen war. Der Ausbildungsmeister hatte vielleicht doch Recht und das Mädel war nur eine Architekten-Praktikantin.

Geoutet

Ich zog mit der Familie weg aus Billefinge, dem Ort des Betriebes meiner Lehrzeit, und fand ein großes Bauernhaus. Dieses konnte ich unter 50 Bewerbern bevorzugt mieten, da ich als Zimmermann das Haus so toll renovieren könnte, was ich auch tat. Am neuen Standort kannte ich viele Menschen, da ich zurück zu meinen Geburtsort nach Pfullendorf zog. Als Alternativer war ich präsent bei der Gründung des Grünen Ortsverbandes und in der Kneipe des Treffpunktes diskutierte ich an einem Abend heiß mit einem älteren Herrn.

Als ich mich dann am Wohnort nach einem Zimmereibetrieb umschaute, wurde ich schnell zur Vorstellung eingeladen.

Als ich dem Zimmermeister des Betriebes vor Ort gegenübertrat, gab es einen Schreckmoment. Es war der Herr, mit dem ich so hitzig an dem Grünen-Abend diskutiert hatte. Autsch! Er stellte mich trotzdem sofort ein, aber es begann eine harte Zeit.

Anders als in dem ländlichen Betrieb hatte dieser einige sehr vortreffliche Zimmerleute. Ich hatte ungewohnte Konkurrenz unter den Kollegen und musste mein Können neu beweisen.

Dazu war ich als Grüner der totale Außenseiter. Da ich meine Meinung nicht hinter dem Berg halten konnte, jeder wusste ohnehin, dass ich ein Grüner war, gab es dann schon mal hitzige Gefechte auf dem Dach. Und wenn die Meute zusammen war, kam ich mir manchmal wie ein gehetztes Wild vor.

Aber ich biss mich durch, fand den Humor zurück, und die Kollegen zollten mir irgendwann auch Respekt. Am Schluss führte der Meister des Betriebes mit mir Diskussionen, bei denen ich nicht mehr sicher war, wer von uns nun ein Grüner ist. Und er nahm auch ein paar umweltschützende Tipps an, schätzte meine Kreativität und den Umgang mit Kunden und Architekten.

Schoko

Auch hier tauchte nach kurzer Zeit ein „Feind“ auf, der Schoko. Am ersten gemeinsamen Arbeitstag jammerte er mir die Ohren voll. Er hatte Selbstmordgedanken. Ich redete verständnisvoll mit ihm. Sympathisch war er mir nicht, denn er proklamierte einen Machtkampf in der Position der Truppe. Er glaubte, obwohl er die gleiche Anzahl an Gesellenjahren wie ich hatte, in der Hierarchie über mir zu stehen, da seine Bundeswehrzeit mitzählen würde. Auf solche Spielchen hatte ich überhaupt keine Lust, denn der Knabe hatte nicht viel drauf. Ein kräftiger, muskulöser, athletischer Bulle, der zwar rasend schnell sein konnte, wenn er „Quadratmeter“ machte, aber bei den Details hoffnungslos überfordert war. Ein typischer Bursche, bei dem der Witz von Handwerkern vortrefflich passte: Man deutet mit den Worten „Du muscht es it bloß do han“ auf die Muskeln des rechten Oberarms, „sondern au do!“, um dann auf die Muskeln des linken Oberarms zu deuten.

Blöderweise folterte mich das Konzept des Meisters, bevorzugt uns beide auf eine Baustelle zu schicken. Immer wenn er ausschließlich mit mir unterwegs war, war er ein Jammerlappen vor dem Herrn, wenn er mich anflehte, die schwierigen Details zu lösen. Kaum in der Meute fiel er über mich her, attackierte mich, in dem er mit Schussapparat Salven auf mich abfeuerte, beleidigte mich wegen meiner grünen Gesinnung, beschimpfte meine Frau und meine Kinder auf das Übelste. Dazu war er auch noch mein Nachbar. Ein Typ, der immer mit quietschenden Reifen anfuhr, zu schnell durch die Siedlungen sauste und bei Rasereien schon manches Auto zerlegt hat. Irgendwann sagte ich auf einem Dach zu ihm: „Sag mal Schoko, kannst Du eigentlich auch mal normal Auto fahren?“

Was war seine Antwort? „Halts Maul, du grüne Sau, wenn i snäxsdemol dei grüne Drecksbrut auf der Stross sieh, überfahr i sie!“

Da ging der Gaul mit mir durch. Obwohl er mir deutlich an Körperkraft überlegen war, raste ich auf ihn zu und verpasste ihm einen Faustschlag, dass er auf das Dach knallte.

Und was machte Schoko?

Er fing an zu heulen!

Was war ich froh, als der Knabe kündigte. Und was sagte die sehr reizende Frau des Meisters dazu?

„Zum Glück sind wir den los!“

Ein Hänfling, das Knöllchen

Die Belegschaft änderte sich, meine Position verbesserte sich, die Verantwortung wuchs, und eines Tages hatten wir einen neuen Lehrling, das Knöllchen. Ein kleiner schmächtiger, aber drahtiger Kerl.

Als die Meute mal wieder über mich herfiel und mir androhte, mich vom Dach zu „schuggen“, outete sich Knöllchen als Sympathisant der Grünen. Ey, plötzlich waren wir zu zweit, und bevorzugt nahm ich fortan Knöllchen mit auf meine Baustellen, als ich nach und nach mehr Befugnisse und Auswahlmöglichkeiten bekam und Baustellen als Vorarbeiter führen konnte.