Steine der Macht - Hartmut Witt - E-Book

Steine der Macht E-Book

Hartmut Witt

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Beschreibung

In einer phantastischen Welt werden die letzten freien Menschen von finsteren Mächten stark bedrängt. Nur kleine freie Menschenreiche blieben übrig. Eines davon ist das Inselreich Samobali. Beschützt von mächtigen alten Zauberern ist diese Insel Zufluchtsort, und Ort des Friedens. Doch unter den Schutzsuchenden sind auch Verräter, und so gerät Samobali in Gefahr während die Zauberkräfte schwinden. Amon Tih ein junger kreativer Handwerker fühlt in sich Großes zu tun, rein zufällig ist er mit der begabtesten jungen Zauberschülerin Mira befreundet. So ergibt sich, dass die alternden Zauberer Amon, Mira und den Kämpfer Ult für eine fast unmögliche, lebensbedrohliche Aufgabe auserkoren: Der magische weiße Stein der Macht von Samobali soll mit den Energien 6 anderer Steine der Macht geladen werden, nur sind davon 2 in den Händen der Feinde....ein spannendes ungeheuerliches Abenteuer beginnt...

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Hartmut Witt

Steine der Macht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zusammenfassung

Vorwort

1. Ein böser Traum

2. Samobali

3. Amon Tih

4. Tagewerk

5. Schlechte Nachrichten

6. Durha Maria

7. Rottas

8. Der Rat der Zauberer

9. Hektischer Aufbruch

10. Die Unterwasserwelt

11. Die Schreckensinsel

12. Der Drachenkönig

13. Schwere Verluste

14. Lichtblicke

15. Die Reise in den Westen

16. In den wilden Sümpfen Ulugurus

17. In der Wüste Zamba

18. Der stachelige Kakteenwald

19. Elfomar

20. Die Reise nach Hatallma

21. Hatallma und der Dumpo Hutab

22. Der Diebstahl des Schwarzen Steins

23. Im Reich der Furken

24. Die Ladung mit dem Schwarzen Stein

26. Entscheidungen

27. Die Ladung des Roten Steins und die Hilfe von Belladonna

28. Die Befreiung von Mira

29. Kurzzeitige Heimkehr nach Samobali

30. Die Reise in den Norden

31. Peinliche Panne

32. Lingby

33. Die Zwergenstadt Durinnsheim

34. Der Kampf

35. Samobali, Insel des Friedens

Vita

Impressum neobooks

Zusammenfassung

In einer phantastischen Welt drohen mächtige Feinde, die letzten freien Menschen zu unterjochen.Doch es gibt kleine Zellen des Widerstandes. Auf der kleinen Insel Samobali im zentrischen Meer haben Zauberer mit starken Schutzzaubern eine Insel des Friedens geschaffen.Aber die Magie schwindet, Verräter bringen Feinde nach Samobali, der magische Weiße Stein von Samobali gerät in Gefahr.

Amon Tih, ein junger Handwerker, fühlt den Drang, etwas Großes zu tun. Er ist kreativ, mutig und rein zufällig mit der begabten jungen Zauberin Mira Falong befreundet. Als er seine Träume der Weisen Durha Maria anvertraut, sieht der Rat der Weisen in Amon und Mira die geeigneten Menschen, um eine äußerst gefährliche Mission zu erfüllen: Der magische Weiße Stein soll mit der Kraft der anderen sechs Steine aufgeladen werden. Doch zwei der Steine befinden sich in den Händen der Feinde.

Hastig brechen sie zu einer abenteuerlichen Reise auf, geraten in unglaubliche, lebensbedrohliche Gefahren, drohen mehrfach zu scheitern, verlieren Freunde und bekommen unerwartete Hilfe. Doch zuletzt lauert ein übermächtiger, schwarzmagischer Feind auf Amon.

Vorwort

Diese Geschichte nahm seine Anfang in meiner Jugend, als ich als Hippie in wilden, wechselnden Wohngemeinschaften eines überbevölkerten, kleinen Hauses am Rand eines kleinen Dorfes in Süddeutschland von der idealen Gesellschaft und alternativen Lebensformen träumte. Inspiriert von der Fantasy-Welt Tollkiens wollte ich eine eigene Welt schaffen, in der übertrieben dargestellt die reale Welt einfließen sollte. Ich wollte auch manche Sichtweisen von Tolkien und anderer Fantasy-Autoren nicht annehmen und habe meine eigene Version der Naturwesen und Fantasy-Völker geschaffen.

Einiges aus dieser Geschichte stammt noch aus meiner naiven Jugend-Vorstellung. Die fröhliche Hippie-Love-and-Peace-Gemeinschaft wurde getrübt durch den Druck der Gesellschaft in den 70ern: Hausdurchsuchungen und ständige Kontrollen durch Ordnungskräfte, wenn ein vollbesetzter bunter Hippie-VW-Käfer in eine Kleinstadt einfuhr. Man vermutete den Unterschlupf der aufkommenden RAF in alternativen Gemeinschaften, in der sich wild zusammengewürfelt junge, meist langhaarige Menschen zusammen taten, im Glauben aus der „normalen“ Gesellschaft ausbrechen zu können, in der nur brave Familientradition, biedere Arbeit und Gehorsam gegenüber dem Staat zählte, und alles andere im höchsten Grade verdächtig war.

Sicherlich hatten wir damals junge Menschen manches übertrieben. Zum Beispiel am heiligen Sonntag nackt am Dorfrand über die Straße zu gehen oder in großen Gruppen nackt im Dorfbach oder einem nahen See zu baden, nachts in wilder Lagerfeuer-Romantik zu feiern, zu musizieren und zu singen, statt sittsam ins Bett zu gehen. Die Hippies hatten auch ihre menschlichen Schwächen und Lebensgrundlagen-Realitäten, an denen ihre Gemeinschaften, auch die, in der ich lebte, zerbrachen.

Natürlich wird man einige Anleihen aus meinen Leben in diesem Roman finden. Ich bestehe aber darauf, dass die Geschichte ein frei ersponnener Mischmasch aus eigenen Vorstellungen, Satire, klassischen Fantasy-Bildern, Drogenerfahrungen, Märchen, Mythen und der Anthroposophie ist und nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Ich habe diese Geschichte in größeren Abständen fünfmal neu begonnen. Da ich immer wieder nach meinem Internet-Nicknamen Amon gefragt wurde, den ich dem Protagonisten der Geschichte entliehen habe, habe ich mich entschieden, die auf endlosen Bergen handgeschriebener Zettel und Zeichnungen entstandene Geschichte zu Ende zu bringen. Das Ergebnis liegt hiermit nun vor. Ich wünsche allen interessierten Lesern viel Vergnügen und hoffe, niemanden damit zu langweilen.

Hartmut Witt

Inhalt

1. Ein böser Traum

Amon hörte widerliche Schreie einer ihm unbekannten Art in der Dämmerung. Er nahm wahr, dass sie aus dem nicht weit entfernten Nachbarort kamen. Die Neugier trieb ihn an zu erfahren, was die Ursache wäre. Er rief sein Pferd, das willig von der Weide herantrabte. Ohne es zu satteln schwang er sich auf seinen Rücken. Er ritt im schnellen Trab hinunter in die Furt und über die nächste Anhöhe in das dahintergelegene Dorf.

Der Anblick entsetzte ihn. Die Szene beherrschten riesige, seltsame, grau schillernde Vögel mit großen Schnäbeln, auf deren Rücken krummnasige, lederbeschuppte Kreaturen saßen. Von diesen Vögeln stammten die Schreie, die wie Dissonanzen aufeinander reibenden Metalls klangen. Es roch nach Blut und altem Öl. Der Geruch stammte von den Ausscheidungen dieser Vögel, die fast menschengroße, rotgelbschmierige Kuhfladen aus dem Hinterteil auswarfen und damit das Gras verätzten. Die Menschen des Nachbardorfes waren scheinbar versklavt worden. Sie waren völlig schweißgebadet, dreckig und schafften allmögliche Kisten heran.

Ein großes, himmelhohes Tor aus Nebel führte in eine graue Dunkelheit, aus dem diese Vögel scheinbar gekommen waren. Die Kisten wurden auf die Vögel verladen. Ein glatzköpfiger Mensch mit großem froschartigem Mund stand grinsend, der Szenerie beiwohnend, in der Nähe eines dieser Vögel. Ein älterer Mann ließ erschöpft eine Kiste fallen. Sofort hüpfte ein Vogel heran, schnappte sich den Mann und verschlang ihn mit zwei ruckartigen Bewegungen. Man sah an den Verdickungen des Halses, wie er in der Kehle des Vogels herunterrutschte.

Jetzt sahen einige der Sklaven Amon und deuteten auf das Tor. Ein alter Mann näherte sich ihm, ließ seine Last fallen und rief: „Dich schickt der Himmel. Bitte geh für uns durch das Tor! Befreie uns!“ Weiter kam er nicht. Ein anderer Vogel hüpfte heran und verschlang den alten Mann genauso, wie es der andere zuvor getan hatte. Erschreckt scheute sein Pferd und sprang einen Satz zurück. Doch weder die Vögel noch die seltsamen Reiter, und auch nicht der glatzköpfige Mensch schienen ihn zu sehen. Stattdessen wurde ein anderer Mann von dem glatzköpfigen Froschgesicht in der Inselsprache angehalten, die Kiste aufzusammeln.

Flehentlich schauten ihn die anderen Sklaven an. Amon durchzuckte es. Er wollte ihnen helfen. Er nahm seinen Mut zusammen und hielt auf das Tor zu, als plötzlich ein weiterer Vogel hindurch geflogen kam und einen schrecklichen Schrei ausstieß. Da scheute sein braves Pferd erneut. Es bäumte sich wiehernd auf. Amon, der einen Moment zu spät nach der Mähne griff, rutschte vom Rücken des sattellosen Pferdes … und erwachte.

Er hatte nur geträumt. Ein böser Traum. Er schaute sich um. Er lag im Bett seines Zimmers, das er in einer Hausgemeinschaft junger Holzhandwerker hatte. Sie Sonne ging gerade auf. Es war Zeit aufzustehen. Als er von dem schrecklichen Traum noch etwas benommen in die Gemeinschaftsräume eintrat, sah er bereits Linus Falong in der Küche werkeln. Sie grüßten sich und es dauerte nicht lange, da kamen, angelockt vom Duft frischen Brotes und Kräutertee, Britta und Mikel dazu. Alle Vier verband ihre Berufung für das Holzhandwerk und ihre Freude, gemeinsam Musik und Theater zu spielen.

Amon Tih war gerade mal 21 Jahre alt. Er war der jüngste von ihnen. Ein schlanker, kräftiger, goldhaariger, hellhäutiger Mann mit spärlichem Bartwuchs, langen, glatten Haaren und kräftigen Schultern. In seinen blauen Augen lag eine kleine, gelbe Sonnenscheibe. Seine Vorfahren stammten aus dem Norden des Ostkontinents, den Dunlanden. Sein typischer Langschädel zeugte davon.

Linus war 23 Lenze alt und etwas kleiner und schmächtiger im Körperbau. Er hatte lange, schwarze Haare und einen kräftigen Bart. Er war blauäugig und stets braungebrannt. Auch seine Vorfahren stammten nicht von der Insel, sondern aus den Flusslanden von Midarien auf dem Westkontinent.

Mikel war ein kräftiger Bursche, 22 Jahre, blond gelockt, bärtig und blauäugig. Auch ihm sah man sofort an, dass seine Vorfahren keine Einheimischen waren, sondern ebenso nordischer Herkunft wie Amon.

Britta war mit 27 Lenzen die Älteste unter ihnen. Eine hochgewachsene schöne Frau, aber ebenso wenig aus einer einheimischen Familie. Ihre Hellhäutigkeit und strahlend blauen Augen verrieten, dass sie nördliche Vorfahren hatte. Ihr leichter Dialekt ließe sich in den Bergen Ateuras wiederfinden.

Die Hausgemeinschaft erzählte beim Frühstück gerne über ihre Träume, bevor sie zum Tagewerk wechselten. Amon gab seinen Traum zum Besten und die Mitbewohner hörten gefesselt zu. Keiner von ihnen wusste eine Erklärung des Traumes zu finden, denn die Insel Samobali lebte seit 50 Jahren in Frieden. Zwar kam es nach dem letzten der großen Kriege zu großen Wanderungen. Aber da die Insel eigentlich schon als überbevölkert galt, hatte man mit mächtigen Schutzzaubern dafür gesorgt, dass keine bösartigen Völker die Insel in der Mitte des zentrischen Meeres gefunden hatten. Doch aus Büchern und Erzählungen der Vorfahren und Reisenden wusste man, dass außerhalb der Insel immer noch wüste Kriege von Eroberer-Völkern stattfanden und die Reste der Menschheit versklavten.

Auch von großen, menschenfressenden Vögeln und ihren schuppenbesetzten Reitern hatte man gehört: Die Reiter tobten auf dem Westkontinent. Man nannte sie Dumpos. Sie waren gierige, landzerstörende Kreaturen, die gnadenlosen Raubbau betrieb. Der Sage nach waren die Dumpos Schöpfungen des Widersacher-Gottes Argomann und einem Menschenzauberer mit Namen Drago. Drago besaß übernatürliche Drachenkräfte und war zugleich der Fürst seines Volkes.

Bislang war noch nie einer dieser Vögel in oder über Samobali gesehen worden. Insofern empfanden alle Hausbewohner diesen Traum als schreckliche Vision. Sie überlegten, ob es sinnvoll wäre, den Rat der Weisen aufzusuchen, um sich den Traum deuten zu lassen.

Später als üblich beratschlagten sich die Vier, welches Tagewerk sie heute verrichten wollten. Sie sollten im Wald ein paar Bäume schlagen, die sie für den Hausbau benötigten. Denn aus einer andern Hausgemeinschaft entstand ein Paar, das Kinder bekam. So sollte für diese Wohnraum geschaffen werden. Britta hatte mit Hilfe eines alten Baumeisters namens Jabo die Pläne erstellt. Und da kam er auch schon.

Jabo war ein älterer Herr im Alter von etwa 65 Lenzen. Er war ein Einheimischer, der eine kupferbraune Hautfarbe, braune Augen, schwarze Haare, die mittlerweile mehr grau waren, sanfte Gesichtszüge und das typische sonnige Gemüt besaß. Sie begrüßten sich, sattelten ihre Pferde und machen sich ans Werk.

2. Samobali

Die paradiesische Insel Samobali lag im Herzen des Zentrischen Meeres. Sie wurde im Westen von dem Westkontinent, im Osten von dem Ostkontinent, im Süden von einer langen Felseninsel namens Schrecken und im Norden durch das Eismeer begrenzt. Ein subtropisches Klima, das eine ganzjährige Wachstumsperiode brachte, dazu ein reichhaltiger Boden und das Wissen um eine nachhaltige Feldwirtschaft ließ die Samobalikis keine Not verspüren. Landschaftlich hatte Samobali im Süden ein stattliches Gebirge, das nach Norden in eine sanfte Hügellandschaft abfiel. Im Osten lag eine kleine Ebene mit dem Lichtsee und der schönen Stadt Citta, die zugleich die größte der Insel war.

Samobali war nicht gerade groß. 125 km in der Länge und ebenso in der Breite mit leichter Tropfenform und ein paar kleinen vorgelagerten Inseln boten etwa 380.000 Menschen aus den unterschiedlichsten Völkern Lebensraum. Außerdem bevölkerten Zwerge die Berge, in den Wäldern lebten Elfen, in den Gewässern Nixen, die man nie versucht hatte zu zählen. Man kooperierte mit diesen Naturvölkern, teilte und genoss so die Vorzüge deren Wissens und Künste.

Das Wissen um die Schuld an den Kriegen, der Wunsch nach Frieden und die Erfahrung aus den unterschiedlichsten Herrschaftsformen hatte diese fast letzte freie Menschengemeinschaft zusammengeschweißt und ihre unterschiedliche Herkunft größtenteils vergessen lassen. Zudem verfügte man über eine Gesellschaft, die Gemeinnützigkeit unterstützte. Es gibt kein Geld auf Samobali, keinen Grundbesitz. Jeder besaß, was er nutzte, um daraus etwas für die Gemeinschaft zu produzieren. Das persönliche Ansehen richtete sich nach dem Nutzen für die Gemeinschaft. Die angesehensten Bürger wurden in den Rat der Weisen berufen. Und es gab einige, sehr angesehene Weise, denen man nachsagte, dass sie Zauberer bzw. Zauberinnen wären. Sie waren es auch, die den Zauberbann um Samobali zogen und damit die bedrohlichen Wesen von den angrenzenden Kontinenten sowie von der Schreckensinsel im Süden fernhielten.

Doch nicht alle Samobalikis waren grundsätzlich mit der friedvollen Haltung Samobalis zufrieden. Viele hatten ihr Hab und Gut auf dem Festland verloren, hatten Verwandte, die versklavt oder umgewandelt wurden. Dazu hörte man von einigen Widerstandnestern in den unterschiedlichsten Regionen, die sich Beistand erhofften. So gab es Reisende, die, wenn sie aus Samobali kamen, auch wieder zurückkommen durften. Und diese brachten auch regelmäßig Neuankömmlinge mit, wodurch die Bevölkerung Samobalis beständig wuchs. Das konnte auf Dauer bedrohliche Formen annehmen. Zudem konnte man nicht immer kontrollieren, welches Volk mitgebracht wurde.

3. Amon Tih

Amon war ein lebensfröhlicher Holzhandwerksgeselle, dessen Eltern früh an der Knotenkrankheit verstarben. Seine Eltern waren nach dem letzten großen Krieg nach Samobali gelangt, und das auf unterschiedlichen Wegen.

Der Vater Aldermar stammte von der Küstenregion Ateuras. Nachkommen einer dunländischen Kriegerfamilie waren dort nach den zahllosen Kriegen in der äußerst fruchtbaren Gegend hängen geblieben und lebten von den landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Aldermar brach aus der bäuerlichen Tradition mehrerer Generationen aus und erlernte das Holzhandwerk. Als die Feinde aus anderen Kontinenten eindrangen und das Land überschwemmten und unterjochten, riefen die Herrscher der Menschen in allen Ländern zur vereinten Schlacht auf. Es wurden alle waffenfähigen Männer gebraucht und es war auch an Amons Vater, in den Krieg zu ziehen, den die Menschen schließlich verloren, und damit alles Hab und Gut.

Die Furken beherrschten seither den größten Teil des Ostkontinents. Er beschrieb die Furken in etwa so: Sie sahen aus wie Hunde, nur liefen sie auf zwei Beinen. Es gab sehr unterschiedliche Rassen, ein paar davon ähneln Wölfen, andere Schakalen. Eigentlich waren sie nicht grundsätzlich böse, nur durchtrieben vom Jagdfieber und vollständig überzeugt von ihrem Glauben, dass alle Wesen der Welt werden müssten wie sie. Wer in ihrem Herrschaftssystem dienlich wurde, startete sehr tief, konnte aber schnell durch seine Taten in der Hierarchie aufsteigen. Aldermar erzählte seinem Sohn, dass er in der Hierarchie der Furken schnell aufgestiegen war, da sie sein Handwerk schätzten. Dies änderte sich erst, als ihn ein neidischer Konkurrent des Verrats und Mordes bezichtigte. In einem Umwandlungslager wurde er misshandelt und gefoltert. Doch ihm gelang die Flucht. Dank glücklicher Umstände schaffte er es, auf einem Schiff das Land zu verlassen. So kam er spät, völlig ausgemergelt und krank nach Samobali.

Die Mutter Amons hieß Hildega und war lange zuvor in Samobali eingetroffen. Sie stammte aus einer Menschen-Großstadt namens Burnlin im Reich der Borger, die im Krieg restlos zerstört wurde. Wie durch ein Wunder konnte sie mit einem Expressdrachen entkommen, dem letzten, der in der Stadt übrig geblieben war. Hildega entstammte einer Künstlerfamilie, die sich ein zusätzliches Brot mit Herstellung von Kleidungsstücken verdiente. Als sich die beiden fanden, gründeten sie eine Familie, aus der drei Kinder hervorgingen.

Amon hatte einen Bruder namens Gorgen, dessen kriegerische Leidenschaft irgendwann aus ihm herausbrach. Vor vier Jahren folgte er dem Ruf einer Untergrundbewegung auf dem Festland des Westkontinents. Seither gab es keine Nachricht mehr. Seine Schwester Wita zog es ebenso in die Ferne. Sie folgte dem Händler Michelunka, der alle Jubeljahre in Samobali auftauchte, um dann ungeheuerliche Geschichten aus aller Welt zu erzählen.

Amon war der jüngste Sprössling und erbte das handwerkliche Können seines Vaters und die Kunst des Improvisierens seiner Mutter. Er hatte die Seele eines Kriegers, die sich gelegentlich in tollkühnen Aktionen zeigte. Außerdem schärfte er seinen Geist in strategischen Brettspielen, was sein kämpferisches Herz bezähmte. Dieses zeigte sich beim gemeinsamen Musizieren gelegentlich durch wildes Trommeln. Seine Freunde brachen darüber oft in erheitertes Lachen aus. Er wurde von seinen Handwerkerkollegen wegen seiner kreativen Einfälle geschätzt, die nicht immer brauchbar waren, aber häufig auch die Lösungen in kniffligen Fragen brachten. Sein Gesellenstück hatte er diesen Sommer mit Bravour geschafft.

Wie alle Samobalikis besaß er eine einfache Grundausbildung in Magie, die sie mittels Gedankenkraft ausübten. Im Handwerk bedienten sie sich einer einfachen Naturmagie und beschwörten Elementarkräfte, so dass sich manches wie von Geisterhand gerührt bewegte. In Wahrheit halfen ihnen Naturgeister, die für sterbliche Augen unsichtbar waren und nur mit erlernter Hellsichtigkeit sichtbar wurden. Amon hatte den ersten Grad eines Magiers geschafft. Doch der Weg zu einem Meister beinhaltete noch sehr viel mehr. Er war nur ein kleiner Zauberlehrling, und als Handwerker würde er auch nicht viel mehr benötigen. Doch in ihm schlummerten der Wille und die Vision, etwas Großes zu vollbringen. Nur was, das wusste er noch nicht.

4. Tagewerk

An diesem Tage arbeiteten die vier Hausgenossen und der Baumeister Jabo im Wald am Hange des Berges. Jabo wählte die Bäume aus und Britta beschwörte die Naturkräfte. Die anderen Drei setzten die in den Zwergenschmieden gefertigten Beile ein und schlug Kerben und Keile in die Stämme, bis die Bäume fielen. Die entasteten und gedrittelten Stämme zogen sie mit Hilfe der Pferde ins Tal. Die frisch geschlagenen Nadelbäume von schlankem, geradem Wuchs verströmten einen sehr angenehmen Geruch. Im Tal befand sich am Fluss ein Sägewerk. Ein alter Sägewerksmeister arbeitete dort mit seinem Sohn und seiner Tochter. Das Sägewerk wurde mit Wasserkraft betrieben, alles schien mittels Zahnrädern und Antriebsriemen irgendwie miteinander verbunden. Wenn der Sägewerksmeister den Hauptriemen auflegte, lebte das Sägewerk auf und die Stämme wurden auf die entsprechenden Maße zugeschnitten. Ihr Tagewerk war erfüllt, als sie zehn Stämme ins Tal gezogen hatten.

Trotz der Hilfe der Elementarkräfte war dies eine körperlich harte Arbeit. Sie mussten einen weiteren Tag für die Waldarbeit verwenden, um das ganze Holz für den Hausbau der jungen Familie in dem Ort Gran Bellisen zusammen zu bekommen. Die Arbeitspläne hatten sie bereits angefertigt und die Berechnungen angestellt, um später an den richtigen Stellen die Holzverbindungen auszuarbeiten. So ließ sich die Holzkonstruktion nachher einfach zusammenfügen und mit Holzschrauben aus härterem Holz verbinden.

Ja, die Samobalikis bauten zumeist Holzhäuser. Nur vereinzelt mauerten sie mit Stein oder Lehmziegeln. Da das Klima fortwährend warm und angenehm war, reichten leichte Konstruktionen. Oft wurden nicht einmal Gläser eingesetzt. Ein Dach mit großen Überständen, gedeckt mit gebrannten Tonziegeln, sorgte dafür, dass der oft reiche Regen nicht in das Innere des Hauses gelangte.

Bevor die Sonne unterging, waren die Fünf in ihr Haus am Rande von Gran Bellisen zurückgekehrt. Das Haus lag auf einer kleinen Anhöhe keine fünfzig Meter entfernt von dem Fluss Isen, den man hinter dem Uferwald plätschern hörte. Dazwischen lag eine große Wiese, auf denen Pferde, Kühe und Schafe grasten. Die Fünf ließen ihre Pferde auf die Wiese und gaben ihnen für die Tagesarbeit zum Dank einige Körner Getreide und Obst. In der Küche machte sich bereits Jabos Frau zu schaffen. Sie hieß Pia, war etwas jünger als Jabo und ebenfalls Einheimische, eine rundliche Frau mit einem gütigen Blick. Die Ankömmlinge wurden herzlich begrüßt und mit einem herrlich duftenden Abendessen empfangen. Dankbar setzen sich an den Tisch und machten sich hungrig darüber her.

Satt und müde, doch noch nicht ausreichend bettschwer, nahm Mikel seine Flöte, Amon seine Trommeln und Linus seine Gitarre, und schon spielten sie lustige Weisen. Britta stimmte ein und sang dazu. Jabo und Pia hatten Spaß und summten die Melodie oder klatschten im Takt. Als die beiden zu späterer Stunde Abschied nahmen und zu ihrem nicht weit entfernten Haus im selben Ort aufbrachen, musizierten auch die vier Hausbewohner nicht mehr lange, sondern zogen sich für die Nacht in ihre Zimmer zurück.

5. Schlechte Nachrichten

An einem Tag in der Woche pflegten die Samobalikis auszuruhen. Dann dankten sie ihren Göttern für den Reichtum, den sie besaßen, genossen die Freude am Leben und unternahmen, wonach ihnen der Sinn stand, zum Beispiel einen Ausflug, Musizieren, Theater zu spielen oder Jemanden zu besuchen. Die Samobalikis nannten ihn den Tag der Götter.

Eine Brieftaube brachte Linus die Nachricht, dass seine Schwester Mira an diesem Tag zu Besuch kommen wolle. Sie würde jemanden namens Ult mitbringen, ein verwegener Reisender, der nach zehn Jahren Abwesenheit nach Samobali zurückgekehrt war. Das hörte sich spannend an, und sämtliche Hausbesucher freuten sich auf den Besuch aus der großen Stadt Citta am Lichtsee, die etwa 30 Kilometer entfernt lag und in der Mira Falong lebte. Üblicherweise kamen hier die Schiffe an, die ihre Ladung zum Handel anbieten wollten. Scheinbar hatte Ult auf seinen Reisen den Händler Michelunka getroffen, der ihn dann nach Samobali zurückbrachte. So musste auch Amons Schwester Wita wieder in Samobali sein.

Besonders freute sich Amon über den Besuch von Mira. Er hatte sich in sie verliebt. Mira war eine Schönheit, graziös, lange, schwarze Haare, strahlend blaue Augen, elfenhafte Gesichtszüge, und hatte die von Männern geliebten Kurven einer Frau in vorzüglicher Weise mitbekommen, einfach ein glückliches Geschöpf. Glücklich war Amon deshalb, weil Mira die Sympathie, die er für sie empfand, erwiderte. Noch waren sie kein Paar, aber sie hatten aneinander geschnuppert und es könnte etwas daraus werden.

Es war kurz bevor die Sonne den Höhepunkt über dem Horizont erreichte, als Mira und Ult eintrafen. Ult hatte die Statur eines Kriegers, kräftig gebaut, fast zwei Meter groß, 30 Lenze alt, blondhaarig gelockt, ein kräftiger, dunkler Bart, blaue Augen. Ein paar kleinere Narben im Gesicht und an den Händen zeigten, dass er wohl hatte kämpfen müssen. Er war mit einem umgehängten Schwert und Messern an den Gürteln bewaffnet, was in Samobali eher unüblich war. Mira lächelte Amon sonnig an, aber er spürte, dass sie etwas bedrückte. Sie umarmten sich lange, und auch Ult wurde, obwohl er vor Waffen strotzte, herzlich empfangen. Man kannte ihn von einem Nachbardorf, das er vor zehn Jahren verließ. Amon erinnerte sich nicht an ihn. Seine Eltern lebten zu diesem Zeitpunkt noch in Medrich, einem Ort in einem anderen Bezirk im Norden der Insel. Man lud die beiden zum Mittagsmahl ein und schon bald fing Ult an zu erzählen.

Ult hatte auf dem Westkontinent einige aufständische Nester der Menschen besucht. Amon erfuhr zu seiner Überraschung, dass Ult seinen Bruder Gorgen getroffen hatte. Er halte sich in einem Stollen unterhalb der Dumpo-Hauptstadt Hatallma auf, aus denen heraus sie einen erbitterten Überlebenskampf führen würden. Die Dumpos, die nicht selbst arbeiteten, versuchten die Menschen in den Stollen auszulöschen. Sie siedelten Rottas an, die sich rasch in Höhlen auf den Schreckensinseln ausbreiteten. Rottas waren rattenartige Wesen, doch liefen sie auf zwei Beinen und waren nur etwa zwergengroß. Innerhalb weniger Jahre wurde den Dumpos klar, dass sie einen Fehler begangen hatten. Die Rottas vermehrten sich rasant. Als ihre Beutezüge gegen die Menschen in den Stollen wegen deren heftigem Widerstand nicht genug Beute brachte, um der schnell wachsenden Horde Futter zu bieten, griffen sie auch in der Oberwelt an. Sie erbeuteten Sklaven und unaufmerksame Dumpos oder deren Haustiere.

Die Dumpos holten sich aus diesem Grunde das nächste schreckliche Wesen heran, das inzwischen auf den Schreckensinseln die Herrschaft übernahm, die Warmardare. Warmardare waren die absoluten Killerwesen. Sie waren etwas größer als Menschen, mehr als doppelt so schnell und etwa siebenmal so kräftig. Sie hatten schwarze Nasen, spitze Zähne, funkelnde, schwarze Augen und waren vollkommen behaart. Die Dumpos zogen ihnen Uniformen an und versprachen ihnen reichhaltige Beute. So begannen die Warmardare unter den Rottas aufzuräumen. Ab und zu wurde auch ein Mensch in den Stollen ihr Opfer. Doch auch mit ihnen bekamen die Dumpos Schwierigkeiten. Denn die Warmardare hielten sich nicht an die Absprachen. Sie verselbstständigten sich und bildeten bald Gangs mit eigenen Gesetzen.

So war das Leben in den Stollen für die Menschen die reinste Hölle. In den Gängen drohten Angriffe der Rottas und ab und zu verfolgte sie auch ein Warmardar, die nur mit größter Mühe zu besiegen waren. Die Menschen hatten mit aufwendigen Spiegeln etwas Sonnenlicht unter die Erde gebracht. Da der Großteil der Stollen aber dämmrig blieb, ernähren sich die tausend Krieger und Kriegerinnen hauptsächlich von gezüchteten Pilzen. Gorgen sähe jedenfalls entsprechend bleich aus, berichtete Ult weiter. Er habe eine Frau, eine Kriegerin, gefunden, und sie hätten mittlerweile ein gemeinsames Kind, einen Sohn im Alter von knapp einem Jahr. Gorgen würde gerne der Hölle den Rücken kehren und mit seiner Familie zurück nach Samobali reisen. Er hätte den Überlebenskampf in den Tunneln satt. Doch die Tunnel mit seiner Familie lebend zu verlassen gestalte sich schwierig. Und noch schwieriger wäre es, ein geeignetes Gefährt für die Seereise nach Samobali zu finden.

Ult selbst wurde von Dumpos im Süden Sadinos ergriffen, als er von seinem Besuch in der Wüste bei einem anderen Widerstandsnest der Menschen zurück an die Küste gelangen wollte. Er wurde versklavt und nach Hatallma gebracht. Dort konnte er entkommen und gelangte wie durch ein Wunder unbehelligt in die Tunnel der Menschen. Fast wäre er geradewegs in ein Rottaloch hineingelaufen. Doch ein Mensch entdeckte und bewahrte ihn vor dieser tödlichen Gefahr. Mit Hilfe der Menschen fand er auch wieder hinaus. Ausreichend bewaffnet, durchquerte er die stinkenden Kanäle Hatallmas in einem rostigen Fass bis ans Meer. Dort fischte ihn der Händler Michelunka aus dem Kanal, der mit seinem Schiff auf ihn wartete.

Amon hörte gefesselt zu. Zumindest wusste Amon jetzt, das Gorgen noch lebte. Allerdings waren die Nachrichten, die er nun seiner Schwester Wita hörte, bedeutend schlechter. Sie hatte von einer Droge gekostet, die üblicherweise von den Sklaven getrunken wurde und sei ihr verfallen. Die Droge wurde von den Dumpo-Alchemisten geschaffen. Ein süßer, seltsam schmeckender Trunk, der den Sklaven den Willen auf ihre Befreiung nahm. Er schaffte eine dumpfe Glückseligkeit.

Michelunka war nach Hatallma gereist, um bei den Alchemisten der Dumpos ein Gegenmittel zu besorgen. Er war einer der wenigen geduldeten freien Menschen, da er über genügend Kapital besaß, um mit den Dumpos Geschäfte zu machen und von ihnen geschätzte Gewürze handelte. Das Gegenmittel allerdings erwies sich als ebenso übel wie die Droge selbst. Ihr fielen die Haare aus und ihr Wesen veränderte sich. Michelunka beschloss, die Hilfe bei den Magierinnen und Heilerinnen von Samobali zu suchen. Nun wusste Amon auch, warum Mira so bedrückt war. Wut über die Dummheit seiner Schwester kam bei ihm auf.

Die schlechten Nachrichten rissen nicht ab. Auf der Reise über das Meer gab es nirgendwo eine friedvolle Insel. Überall herrschte Krieg. Auf den Inseln nahe dem Westkontinent hatten Dumpos die Herrschaft übernommen. Partisanen wurden noch von den Furken unterstützt. In der Mitte des Meeres änderte sich das Bild zugunsten der Furken, die ihrerseits gegen die von den Dumpos unterstützten Partisanen kämpften. Auf den Inseln in der Nähe Samobalis herrschte Anarchie. Dort breiteten sich von den Schreckensinseln Rottas aus, denen die Warmardare folgten. Im Kampf jeder gegen jeden gewannen meist die stärkeren Warmardare. So herrschte überall Verwüstung und es war für die Menschen nur unter Einsatz ihres Lebens möglich, an Nahrungsmittel zu gelangen. Hilfe bekamen sie gelegentlich von den Nixen, die ihnen Nahrung aus einer geheimnisvollen Unterwasserstadt der Menschen brachten.

Michelunka hatte Ult außerdem berichtet, dass er in Hatallma einen weiteren Samobaliki getroffen hatte. Sie hatten flüchtig Blicke getauscht. Michelunka gefiel die Gesellschaft nicht sonderlich, in derer sich der Samobaliki befand. Es waren fein gekleidete, goldbehangene Dumpos, die von dicken Glühstäben Rauch schluckten und mächtige Qualmwolken durch Nasen und Münder wieder ausbliesen. Michelunka selbst hatte meist mit weniger feinen Warenhändlern zu tun. Und er fragte sich nun, wie der Samobaliki wohl zu dieser Gesellschaft kam. Michelunka kannte den Samobaliki nicht beim Namen. Er hatte ihn einmal im Hafen in Citta gesehen, als er sich selbstgefällig bei den Fischern bediente und dafür unfreundliche Bemerkungen erntete.

In der Gesellschaft der Dumpos richtete sich die Hierarchie nach deren angehäuften Reichtümern. Es ist ihre Art, ständig mit ihrem Vermögen zu prahlen. Ihre größte Furcht war daher, beraubt oder bestohlen zu werden. Die Häuser der besonders feinen Dumpoherren waren Festungen, die mit künstlichen Augen überwacht wurden. Bissige Leguane liefen innerhalb der Mauern Wache. Die Häuser waren aus flüssigem Fels ohne jegliche Fenster gegossen. Wer sich ohne Anmeldung näherte, wurde mit automatischen Kanonen beschossen. Die Warenhändler besaßen ebenfalls gegossene Felsenburgen, doch von kleinerem Ausmaß. Es hingen überall künstliche Augen, die ein einzelner Dunkelgnom überwachte. Dunkelgnome sind den Zwergen ähnlich. Mittels böser Magie nahm man ihnen den Willen, um nur den Befehlen ihrer Herren zu gehorchen. Diese Dunkelgnome gehörten zur Basis der Macht der Dumpos.

Die Sonne senkte sich am Horizont. Es würde Nacht werden, bis sie nach Citta zurückzukehrten. Zu gebannt hatten die Hausbewohner den Erzählungen von Ult gelauscht. Die Zeit war wie im Fluge verstrichen. Keiner von ihnen hatte es bemerkt. Man bot den Gästen ein Nachtlager an. Mira fragte Amon, ob sie in dieser Nacht das Bett mit ihm teilen dürfe. Die Geschichten waren zwar ziemlich bedrückend, doch Miras Bitte ließ das Herz Amon vor Begeisterung rasen. Er konnte es kaum erwarten, dass sich die anderen Hausbewohner in ihre Zimmer verabschiedeten und Ult ein Lager im Gemeinschaftsraum bereitet wurde. Amon hatte nicht vor, Mira in irgendeiner Weise zu bedrängen. Doch zu seiner Überraschung übernahm Mira die Initiative und bescherte ihm eine Liebesnacht, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte. Es war spät in der Nacht, als die beiden eng umschlungen in den Schlaf fanden. Jetzt war es geschehen. Amon glaubte, seinen Verstand verloren zu haben, so verliebt war er.

Als Mira und Ult am nächsten Morgen zurück nach Citta ritten, brauchte Amon seine ganze Selbstbeherrschung, um sich ihnen nicht anzuschließen und keine Minute mehr von Miras Seite zu weichen. Doch es wartete Arbeit auf die Gemeinschaft. Das Haus für die junge Familie sollte aufgestellt werden. In den letzten Tagen hatten sie in der Sägerei die Verbindungen in die Holzbalken eingearbeitet. Die Balken waren vor Ort nur noch zusammen zu fügen, womit aus der Idee ein fertiggestelltes Bauwerk wurde.Doch Amon war an diesem Tag nicht bei der Sache, ihm unterliefen Fehler. Beinahe wäre er vom Dachstuhl abgestürzt. Linus hatte ihn geistesgegenwärtig abgefangen, und so hatte Amon gerade rechtzeitig das Gleichgewicht wiederfinden können. Dafür durfte sich Amon den Rest des Tages die Scherze der anderen anhören, was ihn langsam, aber sicher, wieder auf den Boden zurückholte.

6. Durha Maria

Amon hatte immer wieder Alpträume, nur die Geschöpfe der Bedrohungen wechselten. Er schob es auf die Erzählungen von Ult, die in seinem Unterbewusstsein Fuß gefasst hatten. Doch dann träumte er von seiner Schwester Wita, die sich in Gesellschaft einiger Dumpos befand, dazu ein Warmardar. Er hörte, wie sie über seine Freundin Mira sprachen und fragte sich, ob die Dumpos Mira gefangen nehmen wollten. Mira hatte in Citta eine Ausbildung zur Magierin begonnen und war überaus begabt. Sie beherrschte einen Zaubertanz, mit dem sie mit Wesen der übersinnlichen Welt in Verbindung treten konnte. Außerdem hatte Mira mit Hilfe ihrer Meisterin ein pflanzliches Mittel gefunden, das gegen die seltsame Krankheit von Wita Wirkung zeigte. Amon schnaubte vor Wut und wollte mit aller Macht seine Freundin beschützen. In diesem Traum konnte er fliegen. Er nahm Anlauf, breitete seine Arme aus und erhob sich in die Lüfte. Als er in Citta ankam, war es bereits zu spät, die Wohnung von Mira war verwüstet, seine Freundin verschwunden. Er schrie: „Neeeiiin!“, und wachte auf.

Er hatte tatsächlich geschrien. Britta kam verwundert in sein Zimmer, um nach ihm zu sehen. „Ach, wieder nur ein schrecklicher Traum“, entgegnete er. „Amon, ich rate dir, gehe doch mal zur Durha Maria und erzähle ihr von deinen Träumen“, meinte Britta, nachdem ihr Amon von seinem Traum erzählt hatte. Amon folgte Brittas Rat und schickte der Durha Maria eine Taube. Noch am selben Tag überbrachte die Taube ihre Antwort, dass die Durha Maria ihn in einigen Tagen erwarte. Amon arbeitete an diesen Tagen wie gewohnt. Nur für den Tag, den ihm die Durha Maria anbot, hielt er sich frei.

Es war ein sonniger Morgen. Der Fluss Isen und die Weide, auf denen die Pferde grasten, waren noch etwas nebelbehangen von dem kräftigen Regen, der sich in der Nacht ergossen hatte. Die Durha Maria lebte in dem Dorf Mon Gabon auf dem gleichlautenden Berg im Süden, der hoch über das Isental ragte. Amon rief sein Pferd Jojo, das freudig antrabte. Er sattelte es und ritt flussaufwärts im Isental. Im Wald folgte er der Straße, die sich in geschlungenen Wegen steil den Berg erklimmend empor schlängelte. Die Berghänge waren bewaldet. Mischwald, darin in häufiger Zahl der gute Hausbaum, ein immergrüner Nadelbaum, der schön und schlank meist die anderen Bäume überragte und deshalb von Amon oft für den Hausbau gefällt wurde.

Amon war in Gedanken bei seiner Freundin Mira. Sie trafen sich jetzt an jeden Tag der Götter, oft auch einen oder zwei Tage länger, wann immer ihre Zeit es zuließ. Sie wechselten zwischen Gran Bellisen, dem Vogelhaus, wie das Haus der Hausgemeinschaft auch genannt wurde, da tatsächlich viele Vögel im und am Haus nisteten, und dem Haus in Citta, das der Zauberschule angehörte, in der Mira arbeitete. Er liebte sie über alles in der Welt und würde vermutlich alles tun, um sie zu beschützen, obwohl sie das eigentlich selbst besser könnte, als Amon je vermochte.

Bei den Besuchen in Citta traf er auch seine Schwester Wita und deren Mann Michelunka. Witas Anblick verursachte Amon Schmerzen. Wita nahm sich selbst nicht als krank wahr. Stur und angewidert empfand sie das Mitleid, das man ihr entgegenbrachte. Sie verstehe nicht, warum man sie nicht einfach in Ruhe ließe. Satanol sei eine hervorragende Droge. Man hätte keine Sorgen mehr und empfinde großes Wohlbehagen. Schlimm sei nur, wenn die Wirkung aufhöre. Das Beste wäre, immer genügend Vorräte dieser Droge zu haben, dann wäre die Welt in Ordnung. Aber das Gegenmittel, das Michelunka von den Alchemisten der Dumpos beschafft habe, wäre auch nicht schlecht. Als Michelunka gerade nicht in der Nähe war, flüsterte sie Amon ins Ohr: „Sie macht mir Lust, den da loszuwerden, seinen Reichtum zu nehmen und Samobali endgültig den Rücken zu kehren.“Er schaute ihr lange ins Gesicht und sah die aufgeschwemmten Züge. Ihre Mundwinkel waren verächtlich nach unten gezogen. Das ausgedünnte Haar und ihre Haut wurden zunehmend von Schuppen bedeckt. Er schüttelte den Kopf und sagte zu seiner Schwester: „Du bist krank, Wita!“ Woraufhin sie ihn anherrschte: „Du verstehst nichts, Amon!“ Seither vermied er es, seine Schwester zu besuchen. Von Mira wusste er, dass Michelunka Rat in ihrer Zauberschule gesucht hatte und dass Mira und ihre Meisterin nach einem Gegenmittel forschten.

Gedankenverloren hatte er das Dorf Mon Gabon erreicht. Kurze Zeit später traf er bei der Durha Maria ein, die ihn erwartete. Die Durha Maria war eine kleine, alte Frau mit einer warmen Ausstrahlung. Sie trug ein purpurnes Gewand, hatte lange, grauweiße Haare und strahlend blaue Augen. Ihre Falten im Gesicht verrieten, dass sie gerne lachte. In ihrem Haus und im Garten waren allerhand magische Gegenstände, seltene Pflanzen, Gerätschaften und Bücher. Ein Kolkrabe saß direkt am Eingang in einem Busch und rief gut verständlich „Hallo“ Das Haus und die Einrichtung vermittelten den Eindruck eines ziemlichen Durcheinanders.

Trotz ihres hohen Alters war die Durha ziemlich temperamentvoll. Sie hatten sich bis dahin weder besucht noch gesehen. Aber als sie Amon kommen sah, lief sie ihm entgegen und rief: „Sei gegrüßt, Amon!“ Sie drückte ihn, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in ihr Audienzzimmer. Es war mit mächtigen Bücherregalen eingerichtet. In einer Ecke saß ein großer Uhu, der bei ihrem Eintritt in das Zimmer kurz die Augen öffnete und gleich wieder schloss. „Ja, lieber Amon, du hast mir geschrieben, dass du eigenartige Träume hast. So setzte dich bitte und erzähle mir davon!“ Die Durha setze sich ihm gegenüber und Amon berichtete ihr seine Träume in allen Einzelheiten. Sie hörte Amons Erzählungen aufmerksam zu, stellte keine Fragen und ließ ihn einen Traum nach dem anderen erzählen.

Als er aufgehört hatte, schwieg sie einen kurzen Moment. Sie betrachtete Amon und es war so, als ob sie seine Aura durchleuchten würde. Dann sagte sie ganz ruhig: „Amon, ich sehe in dir einen jungen Mann, der voller Mut, gar Tollkühnheit steckt, und eine kräftige Portion Großmut, die dich von vielen fähigen Samobalikis unterscheidet. Du bist achtsam und steckst voller Ideen. Deine Freundin zählt zu den fähigsten Magierschülerinnen von Samobali. Ich würde sogar sagen, sie ist die beste junge Zauberin, die wir auf Samobali haben. Deine Träume sind eine Mischung aus Visionen und Ängsten. Solche Visionen würden wir gerne von Samobali fernhalten. Doch unsere Kräfte schwinden. Wir haben allen Samobalikis einen Schlüssel gegeben, ungehindert durch den magischen Schutzwall hinein- und hinaus zu kommen. Es werden immer mehr Menschen nach Samobali gelangen wollen, und schon jetzt haben wir fast die Grenze erreicht, um allen ein angenehmes Leben und Freiheit zu gewähren. Die Natur auf Samobali ist reich gesegnet. Doch trotz unseres Wachstumszaubers werden die Rohstoffe immer knapper. Es kommen immer mehr Menschen, die voller Hass durch das Erlebte sind, durchtränkt oder verseucht. Wir haben Mühe, die geeigneten Mittel zu finden, um alle zu heilen.“

Amon fiel sofort seine Schwester ein. „Ja Amon, wir wissen um deine Schwester“, nahm die Durha den unausgesprochenen Gedanken Amons auf: „Wir arbeiten daran, ein Gegenmittel zu finden. Doch aufhalten können wir den körperlichen Verfall nicht. Ich will dir etwas aus der Vergangenheit verraten, um dir klarzumachen, welche Mächte hier im Spiel sind. Aus unseren Mythen wissen wir, dass die Menschen früher von Göttern geleitet wurden. Diese wandelten unter uns. Der göttliche Plan aber war, dass die Menschen selbst zu Göttern werden. Dazu mussten sie die Führung aufgeben und Widersacher-Götter zulassen, damit der Mensch frei entscheiden kann. Denn nur wer freien Willen hat, ist göttlich. Die Götter zogen sich auf die Sterne oder andere Welten zurück. Götter des Zwielichts bekamen ihre Chance, die Menschen in die Irre zu führen. Sie beseelten menschliche Führer, die sich den anderen überlegen glaubten. Sie wollten herrschen und es brachen endlose Kriege aus. Einige Zauberer versuchten, die Fähigkeiten von Tieren und Mensch zu vereinen. Der Zauberer Drago erschuf die Dumpos, indem er Mensch und Drachen verband. Sie erhielten langes Leben. Doch die ruhelose Gier nach Reichtum hielt in ihren Herzen Einzug. Der Zauberer Anubi experimentierte mit den übersinnlichen Kräften von Schakalen und Wölfen. Sein Volk veränderte sich auch äußerlich, ihnen wuchsen größere Ohren und ein Fell. Sie waren die Vorfahren der Furken.

Die veränderten Völker rühmten sich mit ihrer Überlegenheit. Andere Stämme folgten ihren Beispielen. Die ursprünglichen Menschen drohten, ausgerottet zu werden. Mächtige Schutzzauber stoppten die Umwandlungen. Der Zauberer Rex schaffte ein Bündnis unter den Menschen und entwickelte eine Waffe, die dem Expansionsdrang der neuen Völker Einhalt gebieten sollte. Es gelang ihm, Insekten zu vergrößern und mit Hexenzügeln zu kontrollieren. Was daraus entstand war ungeheuerlich: Eine Armee, die auf Riesenlibellen flog, Ameisen die wahnsinnige Kräfte hatten. Furken und Dumpos wurden zurückgeschlagen, so steht es auch in den Geschichtsbüchern. Doch mit der aufkeimenden Macht der Menschen entstand auch wieder Zwietracht.