Geschichten vom Gehen und Wiederkommen -  - E-Book

Geschichten vom Gehen und Wiederkommen E-Book

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Beschreibung

Mama, Mutter, Mutsch ..., keine Beziehung ist so essenziell, so innig und so irritierend wie die zwischen Mutter und Tochter. Einundzwanzig Frauen erinnerten sich und teilten ihre Liebe mit. Vielleicht, liebe Leserin, erkennst du dich in diesen Texten wieder und findest Antworten darauf, was die Verbindung zwischen Mutter und Tochter so einzigartig macht. Liebe Töchter und Mütter, ich danke Euch. Ohne euren Mut euch zu erinnern, Frohes und Schmerzliches nochmals zu durchleben und zu Papier zu bringen, wäre diese Sammlung nicht das, was sie jetzt ist.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Mama, Mutter, Mutsch …,

keine Beziehung ist so essenziell, so innig und so irritierend wie die zwischen Mutter und Tochter. Einundzwanzig Frauen erinnerten sich und teilten ihre Liebe mit. Vielleicht, liebe Leserin, erkennst du dich in diesen Texten wieder und findest Antworten darauf, was die Verbindung zwischen Mutter und Tochter so einzigartig macht.

Die Herausgeberin

wurde in Thüringen geboren und lebt in Dresden.

Seit 2002 arbeitet sie als Verhaltens- und Teamtrainerin für Firmen und Organisationen und berät Menschen in Konfliktsituationen. Sie bildet aus, schreibt und referiert zu Themen, die das gute Miteinander in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. www.petra-erdmann.de

Als erfahrene Frau und Mutter zweier erwachsener Töchter begleitet und unterstützt sie seit 2007 Töchter und Mütter, deren Beziehung schwierig ist.

Die vorliegenden Texte entstanden im Jahr 2019 und stellen vorrangig das Erinnerungserlebnis MUTTER in den Mittelpunkt.

Liebe Töchter und Mütter, ohne euren Mut euch zu erinnern, Frohes und Schmerzliches nochmals zu durchleben und zu Papier zu bringen, wäre diese Sammlung nicht das, was sie jetzt ist.

Ich danke euch, ihr seid großartig.

Petra C. Erdmann

Inhalt

Angela: Komm, Pomi, wir schauen zurück

Astrid: Erkennen im Herzen

Bettina De Simone: Herbstzeitlose

Claudia: Licht und Schatten

Claudia: In Liebe und Dankbarkeit

Christine: Die Namen meiner Mutter

Elke: Erinnerungen an meine Mutter

Evelyne: Laterna magica

Gabriella: Gin

Gisela: „Meine liebe Mutsch“

Hansi-Christiane Magdalena: Brief an meine Mutter

Isolde: Die Geschichte vom Gehen und Wiederkommen

Janine: Was bleibt

Katharina: Ich wünsche mir bunte Flügel

Kristina: Svetik - Licht

Maria: Ich glaube, sie hat die Liebe gesucht

Sandra: An die beste Mama der Welt

Sybille: Altweibersommer

Ursula: Meine liebe Mama

Ute: Das Geheimnis meiner Mutter

Waltraud: Ich will das Beste für meine Tochter

Komm, Pomi, wir schauen zurück

Meine Schwester Bettina und ich gaben dir, unserer Mutti, viele Kosenamen: Klingo-Lingo, Pomi, Mio ...

Ich bin vier und im Sandkasten mit mir selbst im Gespräch. Du öffnest das Fenster und rufst mir zu: „Angela, deine Schnitte.“ Ich sause mit meinen weiten Latzhosen zum Haus – daher kommt mein Spitzname „Kleiner Muck“ - und fange die in einen Beutel verpackte Zwischenmahlzeit auf. Nun aber schnell zurück zum Sandkasten!

Ich bin sechs. Du läufst in den Tagen vor Weihnachten geschäftig von einem Raum zum anderen. Bettina und ich spüren: Da liegt eine besondere Überraschung in der Luft. Wir erblicken sie unter dem Weihnachtsbaum in einem Korb voller Heu: ein kleines, grau getigertes Kätzchen. Wir sind selig - eine Mieze! Achtzehn Jahre lang wird unsere Putzi uns zur schnurrenden, anhänglichen Gefährtin. Aber sie stirbt in deinen Armen, Pomi. Du hast dich rührend um sie gekümmert, hast dich nach Fisch für sie angestellt, ihr Kästchen gesäubert und den umständlichen Weg zum Tierarzt im Bus auf dich genommen.

Ich bin sieben. Bettinas Mandeln müssen herausgenommen werden. Wenn wir krank sind, läufst du zur „Vollform“ auf. Da kaufst du gleich einen ganzen großen Kübel Speiseeis, um Bettinas Hals zu kühlen. Ich bin begeistert: Vanilleeis zu jeder Mahlzeit!

Ich bin acht. Der Sommer ist heiß. Wir machen Urlaub im Erzgebirge, wo ich bei einer Wanderung unbedingt barfuß laufen will. Nun sind meine Fußsohlen voller Teer. Du hast eine Idee. In der Gaststätte bestellst du: „Ein Stück Butter, bitte!“. Es funktioniert ganz gut. Wie viele Tricks hast du noch auf Lager, Pomi?

Nun bin ich schon fünfzehn. Ein Herbarium für Biologie muss nach den Ferien abgegeben werden. Du läufst zielgerichtet mit dem Gräserbestimmungsbuch über die Felder auf Usedom, Vati und mich im Schlepptau. Gepresst werden die gefundenen Exemplare im Urlaubsquartier mit den Büchern, die wir uns aus der Ortsbibliothek ausgeliehen haben. Du erhältst die Note 1 für das ausgezeichnete Herbarium, für das dein Vater, unser Opa Erich, noch eine Mappe in Leder bindet. Was für eine Teamarbeit!

Ich bin sechzehn. Wir gehen mit der Klasse regelmäßig ins Theater, ins Kino, feiern Geburtstage und treffen uns zur Silvesterfeier. Von dir höre ich niemals: „Du bist aber um ... Uhr zu Hause!“ Du meinst, ich entscheide schon richtig. Wenn ich spät nach Hause komme, gehe ich auf Zehenspitzen an dein Bett. Du bist natürlich noch wach und fragst flüsternd: „Und - war es schön?“ Nun kannst du beruhigt einschlafen.

Ich bin siebzehn. Du wartest mit dem Mittagessen auf mich, wenn ich aus der Schule komme. „Wie war dein Tag?“, fragst du. Dann erzähle ich detailverliebt von meinen Schulstunden, von den Zetteln, die ich wieder heimlich mit meiner Banknachbarin Evi getauscht habe, und von den Gesprächen mit meinen Schulkameraden. Nie kommt es mir in den Sinn, dir etwas zu verheimlichen oder dich gar anzulügen. Du nimmst ja unermüdlich Anteil an meinen Erlebnissen, ermunterst mich, gibst Ratschläge. So wirst du zu meiner kritischsten Zuhörerin, zu meiner kreativsten Beraterin.

Du kümmerst dich um unseren Haushalt und den der Großeltern, um den weiträumigen Garten und die Buchführung der Buchdruckwerkstatt von Opa Erich. Trotzdem bist du geistig nicht ausgefüllt. Deshalb klebst du Gedichte von Rilke oder Eichendorff an den Heißwasserspeicher und lernst sie beim Aufwaschen. Noch mit neunzig rezitierst du mit Pathos deine Lieblingstexte und badest in der Klangfülle. Warum, Pomi, bist du nicht Buchhändlerin oder Bibliothekarin geworden, statt einen kaufmännischen Beruf zu lernen, der dich nicht begeistert? Du hungerst doch nach geistiger Nahrung. Deine wohlgeordneten Mappen zu Kunst und Literatur sind mir noch heute eine Quelle für meinen Unterricht in Deutsch und Englisch und inspirieren mich, eigene Sammlungen von Texten und Fotos zur Literaturgeschichte anzulegen.

Du bist eine geübte und enthusiastische Leserin, die Romane kritisch zu bewerten weiß. Und du bist traurig, wenn das Buch sich seinem Ende neigt – du musst das dir vertraut gewordene Leben des Protagonisten verlassen. Das tut dir weh. Wie viel erfüllter wäre dein Leben gewesen, hättest du in der Welt der Buch- und Wortkunst professionell gearbeitet!

Ich bin längst dreißig und habe eine Familie gegründet. Unser Sohn Peter ist ein Jahr alt. Ich möchte gern wieder Deutsch als Fremdsprache an drei Tagen in der Woche unterrichten. Du fällst eine Entscheidung, die deinen Tagesrhythmus auf den Kopf stellt: Du betreust – nachdem du schon Opa Erich und Oma Margarethe bis zu deren Tod wie selbstverständlich gepflegt hast – nun Peter, bis ich am Nachmittag wieder nach Hause komme. Deine Rückenprobleme nehmen zu, aber die tiefe Freude am Zusammensein mit deinem Enkel ist dir sofort anzusehen. Erschöpft, doch mit dir selbst in Balance, erzählst du von den Erlebnissen des Vormittags: Da waren das gemeinsame Singen, das Beobachten der Dampflok am Bahnhof oder die vielen neuen Wörter, die Peter gelernt hat. Vati übernimmt später einen Teil der Betreuung von Peter. Ich kann mir sicher sein, dass die Begleitung zum Kindergarten oder zur Grundschule bei ihm in sicheren Händen ist.

Du wirst siebzig. Eine Signallampe leuchtet in meinem Kopf auf: Du wirst nicht immer da sein. Ich werde ohne dich und Vati meinen Weg gehen müssen. Wie wird das sein – ohne mein anderes Ich, wie ich dich manchmal nenne? Ich bin zutiefst verunsichert, ich grüble. Noch über zwanzig Jahre werden wir in einem Haus leben, kann ich dich um Rat fragen, mit dir durch den Garten laufen, den ich mittlerweile gestalte. Aber das weiß ich ja an deinem siebzigsten Geburtstag noch nicht. Also entwickle ich meine Antennen, die dich beobachten und dann empfindlich reagieren, wenn es dir nicht gut geht. Meine Alarmbereitschaft trage ich künftig in mir. Wenn du stürzt, was bei deiner starken Wirbelsäulenverkrümmung oft passiert, versuche ich hilfreich zu sein, ohne gleich das Schlimmste zu befürchten. Umso mehr genieße ich es, wenn wir am Sonntag zusammen den „Tatort“ sehen. Am Tag steige ich mehrmals die Treppe hoch in eure Wohnung und bin erleichtert, wenn du von einem Buch lächelnd aufschaust: „Ach, da ist ja die Angela.“

Du bist einundneunzig. Vati ist vor einigen Monaten in unserem Haus verstorben. Nun verlangst du beständig nach mir. Du klopfst an meinem Arbeitszimmer an – du willst doch nicht allein sein. Der Pflegedienst kommt täglich. Du bist gut versorgt. Doch das ausdauernde Lesen will nicht mehr gelingen. Auch der Schlaf macht dir Sorgen. Ich spüre, dass du den Willen zu leben verlierst und ständig müde bist. Ist es diese fehlende Wachheit, die dich im Januar 2017 stürzen lässt? Es ist ein Oberschenkelbruch. Krankenhaus und Reha folgen. Du lächelst tapfer, wenn wir dich jeden Tag besuchen. Wir verzweifeln: Die Reha zeigt keine Erfolge. Du wirst nicht mehr allein laufen können, brauchst einen Rollstuhl. Wir reißen zu Hause die Schwellen heraus, damit du dennoch beweglich bist.

Im Februar kommst du zurück nach Hause. Du bist in einem Schwebezustand: Du spürst, dass du zu Hause bist. Und doch rufst du unentwegt in der Nacht „Hallo!“ und versuchst, aus dem Bett aufzustehen. Gegen Morgen lege ich mich zu dir ins Bett. Ich bin erschöpft und in Panik. So wird es nicht gehen. Ich muss eine Entscheidung treffen.

Du bist nun in der „Villa“, einer Pflegeeinrichtung. Auf deiner Etage werden vier Patienten von jeweils zwei Schwestern betreut. Wir besuchen dich jeden Tag.

Du fragst mich flüsternd: „Was bedeutet das alles?“ Ich nehme deine Hand und weine: „Das bedeutet, dass ich es nicht geschafft habe!“ Du schaust mich traurig an: „Weine doch nicht!“

In den letzten Tagen hast du nichts mehr gegessen und nicht mehr gesprochen. Wir wünschen uns nur eines – du sollst dich nicht mehr quälen müssen. Am 29. März 2017 - Bettina ist vor vier Stunden noch bei dir gewesen - kommt der Anruf: „Ihre Mutter atmet nicht mehr.“

Pomi, wenn du doch nur noch einmal sagen könntest:

„Ach, da ist ja die Angela.“

MUTTER: Gudrun, 1925-2017

TOCHTER: Angela, geb. 1959

Erkennen im Herzen

Du bist mir nah und doch weit weg. Du warst immer da und in meinen Gedanken, doch nicht so richtig greifbar. Ich frage mich schon lange, warum das so ist, und versuche, meine eigenen Erklärungen dafür zu finden.

Mein Gefühl lässt sich auf drei Worte herunterbrechen, hinter denen noch so viel mehr steht: Ich vermisse dich.

Du bist die älteste Tochter von drei Kindern. Deine jüngere Schwester ist vierzehn Jahre, dein Bruder sechzehn Jahre jünger. Deine Mutter war Hausfrau; sie hielt alle Fäden in der Hand, sie war es, die sich um alles gekümmert hat. Mein Opa, dein Vater, hatte als Tischlermeister eine leitende Funktion, und so war es Oma, die sich um Haus, Garten und Kinder kümmerte - die klassische Rollenverteilung, wie sie damals üblich war.

In meiner Erinnerung warst du immer da, immer da für mich, die Fäden zusammenhaltend. Sehr strukturiert und immer sehr kontrolliert. Gespräche unter Frauen über Frauendinge gab es kaum, wenn, dann nur an der Oberfläche.

Du hast als Lehrerin gearbeitet - streng, aber einfühlsam. Im Ort kannte dich jeder. Oft warst du sehr belastet: Konferenzen, Elterngespräche, Hausaufgaben, Vorbereitungen, Zeugnisse. Hast du am Schreibtisch gearbeitet, durften wir dich nicht ansprechen. Dein täglicher halbstündiger Mittagsschlaf war heilig. Wir wussten, du hast schlechte Laune, wenn wir dich stören.

Papa hat viel übernommen und viel mit uns gemacht. In meiner Erinnerung ist er viel präsenter, lebendiger, bunter als du.

Jetzt, mit meinem erwachsenen Denken und Fühlen und der eigenen Erfahrung und Belastung als Mutter, spüre ich eine Ungerechtigkeit in mir bei diesen Gedanken und fühle mich selbst nicht gut dabei. Ich fühle eine Ungerechtigkeit dir gegenüber, weil ich mir sicher bin, dass diese Erinnerung, dieses Gefühl in mir, dir nicht gerecht wird.

Als ich im Grundschulalter war, hattest du oft Migräne. Vorhang zu, leise sein, Schüssel ans Bett. Auch ich kenne inzwischen Migräne. Brutal.

Wir sind uns in vielen Dingen so ähnlich. Und das, wo ich doch, wie wohl viele Mädchen, bloß nicht wie meine Mutter werden wollte.

Ich bin mir sicher, du hattest einfach eine begrenzte Belastbarkeit. Migräne war dann der Ausweg deines Körpers, wenn es deiner Seele zu viel wurde. In diesem Moment fühle ich mich da wie eine Verbündete. Ein Frauending, unausgesprochenes Verständnis.

Heute wünschte ich mir, wir hätten Dinge häufiger ausgesprochen. Deine Generation hat das von den Eltern, die den Krieg in voller Länge miterlebt und erlitten haben, nicht vorgelebt bekommen. Dort ging es ums Existieren, Funktionieren. In meiner Generation verändert sich das aber. Ich möchte und kann Dinge und Gefühle benennen und möchte sie auch benennen dürfen.

Es gibt eine Situation, einen Moment, an den ich oft voller Rührung, voller Schmerz und voller Gefühl denke. Es war der Anfang. Der Anfang von Vielem was dann folgte. Du bekamst die Diagnose Brustkrebs. WHAM!

Plötzlich erscheint etwas endlich. Das Leben. Meine Mutter. Die, die immer da war für mich!

Wir gingen am Waldrand spazieren, mit Blick über die Sächsische Schweiz, bis nach Tschechien. Du liebtest diese Aussicht. Wir gingen dort alleine spazieren. Nur du und ich, Mutter und Tochter, Mama. Ich spürte, dieser Spaziergang war kein normaler Spaziergang. Er war wichtig, extrem wichtig. Dann sagtest du ganz unvermittelt: „Ich habe Angst!“

Wir schauten uns an, uns schossen die Tränen in die Augen und wir lagen uns in den Armen und weinten beide. Wie es weiterging, weiß ich nicht mehr genau. Es war nur ein kurzer, aber sehr heftiger und dabei unendlich ehrlicher Anflug von Schwäche. Menschlich. Dann waren wir beide wieder stark und stellten uns dem, was da auf uns wartete. Ein typisches Muster der Frauen in unserer Familie. Stark sein. Und das sind wir. Nur leider oft über unsere Grenzen hinaus.

Dann ging es los: Operation. Chemo. Du warst so tapfer. Und hast selbst dann noch versucht, mich zu schützen, mich nicht zu belasten. Papa war immer an deiner Seite und kümmerte sich liebevoll.

Du gingst aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand, langersehnt, wohlverdient.

Die Chemo schien deine Belastbarkeit noch weiter nach unten geschraubt zu haben. So richtig erholtest du dich nicht. Du warst unkonzentriert, vergesslich, schnell gereizt. Es wurde nicht besser, es wurde schlechter. Der Krebs kam aber zumindest nicht wieder.

Mit Ende fünfzig dann die nächste Schockdiagnose: Alzheimer. WHAM!

Papa war weiter an deiner Seite, machte alles möglich. Ich war inzwischen Mutter zweier lebhafter Kinder und auch oft an meiner Grenze der Belastbarkeit. - Und plötzlich war ich auf einmal die nächste Generation!

Ich bin die nächste Generation, aber ohne weibliche Berater in der Familie. Es gibt keine Oma mehr, mit der ich mich austauschen kann. Keine Mutter mehr, die im Leben steht und mir ihr Eintopfrezept erklärt oder wie man Senfsoße macht. Als meine erste Tochter, mein drittes Kind, nur wenige Tage nach der Geburt gestorben ist, hat mir eine „Wahl-Oma“ gezeigt, wie man Strümpfe strickt.

Nun ging es also los, das Abschiednehmen. Du wirst immer weniger. Du ziehst dich immer mehr aus dem Leben zurück. Schaust immer mehr nach innen.

Heute erkennst du mich nicht mehr, kannst meinen Namen nicht zuordnen. Aber ich bleibe deine Tochter, auch wenn du dich nicht mehr erinnern kannst. Und wenn wir uns begegnen, dann ist dort ein Erkennen im Herzen.

Erkennen. Im Herzen.

MUTTER: Birgit, geb. 1949

TOCHTER: Astrid, geb. 1976

Herbstzeitlose

Durch das hellgrüne Laub der großen Platane im Hof fiel ein Sonnenstrahl und tänzelte verspielt im Grau ihres Haares. Sie saß, wie jeden Tag, an ihrem Tisch im Schatten, vor sich ein Kreuzworträtsel und eine ausgekühlte Tasse Kaffee, in der Hand eine Zigarette.

Eva hatte sich zu ihr gesetzt, sie hatten zusammen hinaus aufs gekräuselte Meer geschaut, den milden Spätsommertag gepriesen. Dann schwiegen sie. „Mam, es geht mir nicht so gut, weißt du?“ Eva stockte. Julie drehte langsam den Kopf und ließ ihre Augen auf der Tochter ruhen. Ihr sanfter Blick, der oft abwesend wirkte, hatte jetzt aufgeklart, sie sah sie unverwandt an. „Ich bin so müde, Mam. Weißt du, so lange schon kämpfen wir.“ Eva fiel es schwer, den Anfang zu finden. Wann hatte sie sich das letzte Mal an ihre Mutter gewandt? Ihr von sich erzählt? Sie konnte sich nicht erinnern.

Früher war das anders gewesen. Wenn Eva nicht mehr weiterwusste, war da Julie. Immer hatte sie Eva über die Widrigkeiten des Lebens hinweggeholfen, hatte ihr zugehört, bis es nichts mehr zu sagen gab. Mutter war die Trutzburg, die sichere Zuflucht gewesen, die, der sie sich anvertrauen konnte, ohne belehrt zu werden. Und dann, wenn endlich alles von der Seele geredet war, hatte Mama sie fest in ihren Armen gehalten und sie so lange gewiegt, bis nichts von alledem mehr von Bedeutung gewesen war.