Geschichten vom LaoWai - Erhard Scherner - E-Book

Geschichten vom LaoWai E-Book

Erhard Scherner

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Beschreibung

Es verging wohl kein Tag auf Pekings Straßen, an dem man ihn nicht LaoWai gerufen hätte. Doch das Wort, von den Begriffen für Ausländer der vielleicht Schillerndste, fand sich in keinem der berühmten Wörterbücher. Offenbar war es urplötzlich und erst vor abzählbar wenigen Jahren aufgetaucht. War nun Oller Westler gemeint? Tollpatsch? Oder beides? - Die Verbindung der zwei Schriftzeichen alt/ehrwürdig und draußen erwies sich als unübersetzbar. Aber das Wort war nicht zu überhören. Und manchmal wies eine Mutter ihr Kind zurecht: "Das sagt man nicht! Und nicht so laut!" Er trug es bald missmutig, bald heiter. War er nicht drinnen im Mittereich auch immer draußen?! - So nahm er die Benennung einfach an.

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Erhard Scherner

Geschichten vom LaoWai

Innenansichten aus China

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Herkunft des LaoWai

Anna erzählt einen Film

Unterwegs

Leere Flasche

Immerhin

Tiefe Wälder, stille Seen

Das Gesicht verlieren

Die Eselspeitsche

Über Autos

Notiz für Enthusiasten

Kin Ping Meh, beziehungsweise Werther

Pekingoper

Als er ihr ein Kästchen mit alter chinesischer Medizin reichte

Einmal noch nach Hangzhou

Weng ma mi ba mi hong

Anführer

Im Himmel der Hunde von Peking

Das klappt immer

Der Dolmetsch

Der Meisterbrief

Verwunderung

Gulliver

Chinagras

Der verlorene Frühling

Am Grabe des Konfuzius

Eine alte Frau

Kälte

Frau Liu

Eingabe an die großen Erfinder

Grüne Gaze

Die Aussicht

Fu - das Glück

Trank und Aussicht

Akkommodation

Speier

Der Ticker

Schwierige Stelle

Der Pass

Der Pistolenschütze

Das Interview

Zikade

Privilegium

Filzpappel

Der Grashalmjunge

Wenn LaoWai down ist

Wer aber ist LaoWai?

Höflich

Von Erhard Scherner bei uns als eBook erschienen

Impressum neobooks

Herkunft des LaoWai

Mit denGerüchten, wie LaoWai in die Welt geraten sei, und China istwohldieWelt,wollen wir uns nicht aufhalten.Er istdaund in einem beliebigen Menschenstrom einfach nicht zuübersehen.Berührend, wenn er durch die gemächlicheMengedrängt. Linkisch ziehter seinen großen breitkrempigen Hut und entschuldigt sich unentwegt, woesnichtszuentschuldigengibt. Und in was für einer Sprache! Ein wenigMitleid,nicht zu viel freilich, wäre angebracht. Alle Defizite sind ihm untilgbar ins Gesicht geschrieben, mal vonder Naseabgesehen.DahatNüwa,alssie dieMenschenerschuf, ein wenig zu kräftig in den Erdendreckgepatscht.Und istohneBesinnen gleich zum Brennofen gelaufen, malsehen, was wird. Und so war's denn auch. Immer wird dasWichtigsteim Leben ohne alle Erfahrung gemacht.Soist die Nullserie der nassen Tonklöße schwarz geraten, bliebwohlzu lange in der Glut. Beim zweiten Anlauf hat Nüwa den Ofen ein bisschen zu zeitig geöffnet -'swarn alles Weiße. Beim dritten Mal warNüwa sichihrer Sache sicher, was man daraus erschließenkann, dass sie den Ofen von vornherein mit tönernen Männlein und Weibleinrechtbevölkerte. Welch fröhliches Gewimmel,das sich bald in die Ebenen und die fruchtbaren Tälerergoss! Das war ansehnlich. LaoWai aber, es ist ihm anzumerken, war Nüwas zweiter Versuch.

Anna erzählt einen Film

Nachdem in der Friedrichstraße 169, also Ecke Französische, die einmal mächtigeSprit-Zentralein dem eher schmucklosen Saal mit einem Abschiedsbankett, letzten Sprit ausreichend, implodiert war - historische Rolle beendet! - hatte die Zunft der Schreiber, bettelnd beiIntertext,immer mal Zugriff auf dieses Zimmer, den, sag ich mal, berühmten Sitzungssaal 201, denn hier richtete mitunter, meist unerwartet, Anna Seghers ihr Wort an die Mitstreiter, fein aus den Augen lächelnd, sprach mit breitem pfälzer Dialekt, aber doch viel zu leise, dass die Älteren unter uns, falls sie am Ende der Tischreihe saßen, angestrengt eine Hand hinter die Ohrmuschel hielten, um sich nichts entgehen zu lassen. Ich hatte vor Jahresfrist eine Sinologin geheiratet, die keine Romane schreibt und freute mich, die Mainzer Sinologin zu hören, die vor allem ihrer Erzählungen und Romane wegen in der Welt geachtet war.

Als folgte sie einer Eingebung, plötzlich aufstehend, nahm Anna Seghers das Wort. War's auf einer kleinen Konferenz? Ging es um den Realismus? Oder wieder einmal um die Wahrhaftigkeit? Wer schreibt, müsse dem Volke nahe sein, flüstert die noch stets anmutige Frau,er müsse dessen Hoffnung und Sehnsüchte teilen. Niemandem dürfe es erlaubt sein, über die Köpfe der Leute hinwegzureden, sie würden ohnehin nur das tun, was sie verstanden hätten, ja, was ihr Herz - oder sagte sie: ihre Seele? - berührt. Und schon erzählt Anna einen Film, einen chinesischen, aus den Revolutionsjahren, den sie vor einiger Zeit angeschaut habe: Eine Gruppe von Bauern, vielleicht die Einwohner eines Dorfes, sei, um dem Hungertode zu entgehen, vor einer gewaltigen Dürre nordwärts geflüchtet. Zu diesen Bauern, die in der Ödnis auf den gnadenlos verkarsteten Boden niedergesunken waren, sei plötzlich ein Trupp revolutionärer Soldaten gestoßen. Ihr Anführer habe sich sogleich vor die am Boden Kauernden gestellt und eine flammende Rede gehalten: "Wir sind", sagte der, mit weiter Hand in die Ferne weisend, "im Auftrag der Revolution durch das unwegsame Gebirge gezogen; wir haben die eisigen Wasser bezwungen" - doch die ausgehungerten Bauern verharrten apathisch auf der Erde."In blutigen Scharmützeln", fuhr der Redner fort, "haben wir die Feinde geschlagen; auch die grausame Wüste, die wir durchquerenmussten, hat uns nicht verschlungen"-die Bauern stöhnten und schwiegen. "Und im Süden die großen Gewitterstürme, sie konnten uns nicht entmutigen, denn ..." Da stieß einer dereben noch völlig verzweifelten Bauern seinen Nachbarn an und sagte: "Hörst du, es hat geregnet daheim?"–

Als Anna einen Film erzählte, war ich, lang vor der Abreise, bereits unterwegs zu den durstenden Bauern Chinas und den mutigen Soldaten mit der großen Geste, sehnsuchtsvoll unterwegs.

Heute ist gewiss, dass ich nicht recht hingehört, jedenfalls nicht verstanden hatte, was Anna gesagt hat, als sie einen chinesischen Film erzählte.

(1996)

Unterwegs

Auch wenn ich auf dieser Straße bloß

Als Ameise oder Käfer kröche,

Ich käme mir groß

Und beneidenswert vor.

Ai Qing

Auf dieser irren staubigen Straße

von WEISSNICHTWOHER nach WERWEISSWOHIN

trabe ich, beschwingt, betroffen,

seitdem ich dir begegnet bin.

Auf dieser irren staubigen Straße

siehst du ein Ameislein mutig marschiern.

Ich bin verloren, seit ich dich traf:

ich fürchte, ich könnt dich verliern.

Auf dieser irren staubigen Straße

bin ich zu Hause, wo immer ich bin.

Mich freut, mit dir diese Straße zu gehn

aus WEISSNICHTWOHER nach WERWEISSWOHIN.

Leere Flasche

Wenn auf Pekings Fernbahnhof niemand sein Schildchen hebt, auf dem dein Name steht, dann tauche beherzt in das quirlende Leben. Du bist unkundig, man sieht es dem Gesicht an, du bist reich, das verrät deine Hautfarbe.Alle Langnasen sind reich, wenn die nur wollen und nicht blöde sind. Weiß man doch, sollen das Geld nur rausrücken,die Knauser.

Es nützt dir nichts, jene abzuschütteln, die dich aufdringlich in ein Schwarztaxi oder ein graues zu locken suchen. Grad hast du dir durch den entgegenflutenden Menschenstrom den Weg gebahnt, wird es dir am offiziellen Stand nicht besser ergehen: Die Herren Schofföre wollen, egal wohin, eine lange Tour mit dir fahren, wünschen auch den lästigen Taxameter abzuschalten und eine Pauschale mit dir auszumachen. Sollst dich schnell entscheiden, die Transsibirische Eisenbahn hat soeben Hunderte ausgespuckt. Da wäre es gut, eine Einheimische an der Seite zu haben, die nicht auf den Mund gefallen ist und in angemessenem Jargon Paroli böte. Aber hülfe das?

Als zwei junge Leute - sie gelben, er weißen Gesichts - vier Koffer im Taxi zu verstauen suchen, wehrt der Fahrerab und verlangt, das nächstwartende Fahrzeug mit dem Gepäck zu beladen. Die junge Chinesin protestiert. "Misch dich da nicht ein!" zischelt der Fahrer. - "Und ob ich mich einmische!" - "LaoWai hat's doch." - "Es gibt Europäer, die's nicht haben", argumentiert die Frau. "Manche kommen, du wirst staunen, weil sie ohne China nicht leben wollen, dieser hier, zum Beispiel.Aber reich ist er nicht!" - "Woher weißt du das?" - "Es ist mein Mann." - "Ach so, 'ne leere Flasche", brummt der Fahrer.

(1995)

Immerhin

Die Frühstückszeit ist vorbei, auch in der kleinen Ladenstraße der Pekinger Fremdsprachenschule. Der junge Koch mit seinen Gehilfen ist beim Aufräumen. Aber LaoWai darf noch unter dem blau und rot gestreiften Regendach Platz nehmen, das die Aprilsonne leuchten macht. Er erhält, wie gewünscht, fleischgefüllte Teigtaschen, seine Frau eine Schüssel mit Nudeln. "Die Köche setzen sich hungrig zu Tisch", sagt er. Die Frau, mit den Holzstäbchen nach den Nudeln greifend, nickt.

Am Nebentisch putzt die junge Serviererin eilig etwas Lauch. Ein Stück Porree fällt zu Boden. "Sieh mal",sagt LaoWai, "jetzt hebt sie den Porree von der Erde auf und wischt ihn an der Schürze ab".

"Immerhin", sagt die Frau.

Tiefe Wälder, stille Seen

Unter den Ausländern in Peking, die sich für kurz oder länger hier niedergelassen, gibt es nur wenige Finnen. LaoWai ist ein einziges Mal, und auch nur für kurze Minuten, einer Finnin begegnet. Aber das war nicht irgendeine. Die finsteren Mienen flüchtiger Bekannter lassen ihn wissen: "Du hast sie vertrieben, hast sie krank gemacht, du Monster, hergelaufenes!"

Natürlich geht es um Hilja, wen sonst. Es geht immer um Hilja, wenn hier Ausländer ins Schwärmen oder ins Fluchen geraten, vor allem Junggesellen, die gelangweilt in den Kontors um das World Trade Center hocken. Oder sie schrubben als Sprachlehrer an schlecht zahlenden Hochschulen ihre drei, vier Jahre runter, um wieder nach Europa oder in die Staaten abzutauchen.

Schon kurz nach seiner Ankunft hatte LaoWai von Hilja erzählen hören; keiner, der nicht von ihrer Schönheit, ihrer Sanftmut sprach oder doch von hellem, weich flutendem Haar, das jedermann bezaubere. Ihm schien das gewiss freundliche Geschöpf vertraut nach allem, was man so redet in den Klubs, in denen sie, nebenbei gesagt, nie einer getroffen hatte. Es ist auch nicht leicht, ihr in der Stadt zu begegnen, in der sie lebt und wohnt, oder doch wohnte - in einem der grauen quadratischen Häusermit stillem Innenhof,worin sich leben und atmen lässt, Alt-Peking, das auf der Abrissliste steht. Von dort sollte man sie schwerlich verjagen können, wenn Macht und Einfluss des Mannes so stark sind, wie man munkelt.

"Ach, die finnische Teufelin, vergaffst dir die Augen, was soll' s", meinte ein junger Bankkaufmann. - Andere sprachen von Hilja wie von einem nordischen Engel, wieder welche, als sei sie eine kosmische Erscheinung: "Taucht wie ein Komet auf, hinter den Bergen draußen, taucht ebenso unter, unberechenbar". - "Ist mit einer Papiermühle hier hängen geblieben, die die Finnen vor zehn, zwölf Jahren gebaut haben. Liebt'n Chinesen, einen vornehmen, scheuen, ausgerechnet einen Chinesen." - "Die beiden Kinder musst du gesehen haben, Zwillinge, Mädchen und Junge, so was hast du nicht gesehen."

Nun schwärmt ihm nicht von der Schönheit eurochinesischer Kinder. - LaoWai ahnt doch, dass die trauliche Vereinigung des Ungleichen alle Lebenskräfte, Körper wie Geist, immens zu steigern vermag, mögen die Kleingeister hier wie dort die Stirn runzeln und murmeln: "Weiß und gelb, das passt nicht zueinander", und: "Es kann nicht gut gehen!"

Zöge man aus allem Gehörten ein Fazit - Hilja, die Finnin, hieße es, ist eine überaus schöne, kluge, gewiss wohlhabende Frau, das mochte hingehen, und eine vollkommen glückliche.Letzteres war's denn wohl, was LaoWai, ihm selbst noch unbewusst, bestimmte, sich auf die Suche zu machen. Er kennt keine vollkommen glücklichen Menschen, glaubt fest, es gibt sie nicht. So hat er kreuz und quer die alten Viertel der Stadt durchstreift, vergeblich.

Doch denkt nicht schlecht von LaoWai, wenn er nun, um einer schönen Frau oder einer verrückten Idee willen, mal im überfüllten Bus, mal in einer der gelben Billigtaxen in die Berge aufbricht, wann immer sich ein freier Tag auftut, um zwischen den verfallenden und den inzwischen restaurierten Klöstern und Grabpagoden einherzuwandern - er ist lang nicht hier gewesen. Freut sich über die waghalsig angepflanzten Latschenkiefern und Wacholdersträucher, die die Hänge mühsam hinaufklettern, wo einmal kräftige Wälder gestanden haben, ehe all die Kaiser, Äbte und Vögte für ihre Paläste, Klöster, Befestigungen, ihre Häuser und Schiffe die Pracht herunterschlagen ließen. Fragt auch mal einen Tempelwächter oder Mönch nach einer schönen jungen Frau mit hellem Haar, die Chinesisch spricht und Zwillingemitsich führt, ein Mädchen, einen Jungen, schön und zart wie sie selbst, doch mit fast schwarzem Haar.

Denkt nicht böse vom ihm, der einfach neugierig ist nach all dem Gewäsch an den Bars, er will niemanden kränken oder betrüben, schon gar nicht einen freundlichen, herzlichen Menschen, mit dem ein kleiner Schwatz lohnte. Da wird er seine Worte nicht auf der Goldwaage wägen. Sollte er aber.

An einem freundlichen Herbstnachmittag ist LaoWai, abseits der Touristenströme, in den Westbergen zu einemrecht verfallenen Tempelgelände aufgestiegen, das in den alten Prospekten gerade noch, in den neuen noch nicht erwähnt wird. Ist, an den grimmig dreinblickenden, überdimensionalen Torhütern vorbei, in den Vorhof getreten. Unter einem Persimonenbaum, um den sich, wie um alles übrige, niemand zu kümmern schien, sieht er zwei Kinder ungeniert nach den faustgroßen Früchten langen, während sich in einiger Entfernung eine Europäerin vor einer Stele Notizen macht, die auf dem Rücken einer gewaltigen Steinschildkröte ruht.

Wie LaoWai näher tritt, schaut die Frau auf, streicht sich das helle Haar aus dem Gesicht. "Verzeihen Sie", sagt LaoWai, "sind Sie nicht Frau Hilja?" - "Und Sie sind der Deutsche, der Geschichtenmacher, der mir in die Klöster nachfolgt, ich habe davon gehört", entgegnet sie spöttisch. - "Ich mache keine Geschichten", sagt LaoWai verlegen, während sie eine Steintreppe erklettern, um eine bessere Aussicht zu gewinnen, "aber es ist wahr, ich wollte Sie gern einmal sehen".

"Lasst die Persimonen, erst muss der Frost in die Früchte", ruft die Mutter, "vorher schmecken sie nicht". Aber da kommen die zwei schon, der Mund, die Hände vom Saft verschmiert. Und nun wollen sie auf die Brüstung gehoben sein. Weithin kahle Felswände, fern an einem Hang leuchtet roter Ahorn auf. Die Bergzüge strecken sich in herber Schönheit. Unten tief im weiten Kessel liegt Peking, man kann es nur ahnen angesichts der vagen Konturen unter der flimmernden Glocke vonRauch und Staub. "Es ist schön hier draußen", sagt LaoWai, noch immer verlegen, "eine karge Landschaft; Sie, gewiss, sind anderes gewohnt - tiefe Wälder, stille Seen ... "

Da bricht ein Schluchzen aus der Frau, Tränen stürzen, die Kinder fahren herum, LaoWai steht gelähmt, Frau Hilja setzt die Zwillinge auf die Erde, packt sie an den Händen, stürzt der Steintreppe zu.

"So warten Sie doch", ruft der Deutsche.

Das Gesicht verlieren

Eine Freundin fragt LaoWai, was es in China auf sich habe, sein Gesicht zu verlieren. Umständlich sucht LaoWai nach einer Antwort:

Dasjenige, was in der physischen Realität schlechthin unverlierbar ist (von ein paar schrecklichen Sonderfällen abgesehen), kann im Geistigen in China (und rundum) ziemlich rasch geschehen. Wohl jeder im Mittereich fürchtet sich, sein Gesicht zu verlieren, jeder sucht es unbedingt zu vermeiden, und gefährdet bereits dadurch das also gehütete Antlitz. Wer kann es bis zu End' erklären, was das eigentlich ist -das Gesicht verlieren?Zwischen Wirklichkeit und Anschein tritt dieses Phänomen in zehntausend Varianten und Unmöglichkeiten zutage, und allein die Frage nach seinem Wesen macht jeden Chinesen verlegen. So habe ich mir Zurückhaltung auferlegt, sagt LaoWai, suchte die von meinem Gesprächspartner ausgesandten Signale, bewusste wie unbewusste, recht aufzunehmen und zu verstehen. Dann gerate ich nicht in die Gefahr, jemandem unzumutbar zu nahe zu treten. Ich suche es zu unterlassen, mein Gegenüber, im Namen gründlicher Klärung, zum Äußersten zu treiben, ihm Ausweg oder Rückzug zu versperren. Werdies recht verstünde und beherzigte, dem eröffne sich eine reiche Skala von Schattierungen zwischen preußischem JA und preußischem NEIN.

"Du sprichst reichlich abstrakt!“ hört LaoWai die Freundin einwenden. So rettet er sich in ein Beispiel, aber eines nur: In der auch sonntags viel befahrenen Ausfallstraße Richtung Sommerpalast, noch vor der modernen Stahlplastik, die aussieht Wie ein "Mahnmal für den unbekannten Korkenzieher", stehen an den größeren Kreuzungen und würdig in Weiß, so Kopfbedeckung wie Handschuhe, Polizisten, um den Strom der Fahrräder und Autos recht zu regulieren. Da kommt, voll des Sommerglücks und getreu der Devise:Ein Rad und Rückenwind, die Freundin hintendrauf-daistgutfahren!ein Pärchen daher geradelt. Solch gravierende Missachtung der Staatsautorität ist für den Polizisten, der die zwei sogleich entdeckt, ein starkes Stück. Er winkt sie zu sich heran, nimmt kurz die Hand an den Schirm und zieht den Block mit den Strafzetteln. Aber eh noch der verlegene Augenblick der Belehrung plus Entrichtung des Bußgeldes kommt, springt die junge Frau kokett vom Gepäckständer und erklärt mit sanftem Augenaufschlag: "Entschuldigen Sie bitte, Herr Verkehrspolizist, aber wir hatten Sie nicht gesehen, tatsächlich nicht.“

Unverzüglich winkt der Polizist die zwei in den Strom der Verkehrsteilnehmer zurück und tippt die Hand an den Mützenschirm. - Ahnst du, liebste Freundin, wie schön es ist, sein Gesichtnichtverloren zu haben?

Die Eselspeitsche