Konstantin Mugele erzählt - Erhard Scherner - E-Book

Konstantin Mugele erzählt E-Book

Erhard Scherner

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Beschreibung

Fortuna sei langweilig, sagt Mugele manchmal. Da irrt er. Es war doch ein grüner rotschnabliger Papagei, der ihm das Leben gerettet hat. Und dem Sohn. Überhaupt: In diesem geliebten, verruchten Jahrhundert braucht man Glück. Doch was Mugele sich nicht gewünscht hat, war eingetroffen. Zustände ähnlich der Jugendzeit kehrten zurück. Unbarmherzig. Da war ihm nichts vorzumachen. Von wegen: "Die Welt zu ihrem Glicke, dreht sie sich nicht zerricke" – ein Sprüchlein für Kinder. Ja erkläre mal einem zugereisten Steuerbeamten aus Köln, was 1947 im Prenzlauer Berg ein "Schulhelfer" war. Der ist ein freundlicher Mann, rheinisch-beschwingt, rettet Mugele mit "Referendar" in die mögliche Spalte. Aber mit Solidarität gegenüber einem "Sozialistischen Bruderland", sei´s als Verlagsredakteur, auch ausgeborgt beim Rundfunk, weiß er nichts anzufangen. "Entwicklungshilfe für China" kommt dem Beamten nicht in den Sinn. "Was soll sich dort entwickelt haben?! Weiß man doch." Mugele, nun missioniere nicht. Mag immer googeln, wen Neugier plagt. Wahrheit stehe für sich.

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Seitenzahl: 299

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Erhard Scherner

Konstantin Mugele erzählt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Im Scheunenviertel. Ein Fisch wird verhandelt

Die Juden-Zigarre

Hier ist alles still

Ohne Kompass

Billa

Der Krieg gegen die Vögel

Der chinesische Papagei

1.

2.

3.

4.

Wenn die Naturschützer ein Fest machen

Der gemischte Chor

Mein liebstes Stück Garten

Lampionblumen

Rasterfahndung

Die Machete

Impressum

Im Scheunenviertel. Ein Fisch wird verhandelt

Heute bin ich mit der Frage erwacht: Konstantin, wo kommst du her? - Manchmal träume ich nur Haare. Haare. Es gab eine Zeit, da war das kein Traum.

Was macht der gedrungene Mann, der mir den Rücken kehrt, nachts in der Küche? Reglos verharrt er ein paar Sekunden, vornübergebeugt. Ich habe ihn so sitzen sehn, in Herbst- oder Winternacht, nie sommers. Ich weiß auch, Vater wird sich noch mal hinlegen. Wenn er dann aufsteht, hat Mutter die Haare schon zusammengekehrt, aber richtig los werden wir sie nie. Sie spazieren durch Küche und Stube, unten, oben, überall. Die Schwester sammelt sie vom Kleid, der Bruder steckt sie in den Mund.

Vater ist Kürschner. Laden und Schaufenster besitzt er nicht, er setzt auch keine Annoncen in die Zeitung. Unter dem mächtigen Schild

RICHARD SPRUNG

SEIFEN - GROSSHANDEL

neben der Einfahrt zu Hof, Hinterhof und Hinterhinterhof hängt kein Schildchen

Kürschner Otto Mugele

Repariere Ihren Pelz!

Nähe Ihr Fell!

Erster Hof, rechter

Seitenflügel, 3. Stock

oder sowas. Aber eine Kürschner-Nähmaschine hat er, Erbstück vom Großvater. Urgroßvater hat nicht gewusst, was ein Kürschner ist, jedenfalls nicht genau, aber seit Großvater wissen es die Mugeles, und ich glaube, Vater will nicht, dass ich es genau weiß.

Die Nähmaschine hat ihren Sommerschlaf gehalten. Nun hat Vater fürs Fest und gegen den Frost Felle zu feuchten und auf zernarbte weiche Bretter zu zwecken, Felle mit durchgewetzten Rändern, Kanin, Kanin oder Katze, was weiß ich, Hamsterfellchen, mal rotbrauner Fuchs. Selten verirrt sich ein hohes Tier, Nerz oder Hermelin, in die Lothringer 17. Unser Haus liegt am Rande des ausgepowerten, verhurten, verwohnten, verwanzten Scheunenviertels. Und rot soll es auch sein. Aber das stimmt nicht - die Häuser sind gelb oder orangefarben, auch grau, der Putz blättert ab.

Kürschner ist ein schöner Beruf. Zum Besten, womit ein Kürschner umgeht, gehören die Tieraugen. Sie sind aus Glas, unter dem Fell mit Draht verbunden, aber später sieht man das nicht. Wenn man still und lange in sie hineinschaut, kann man merken, ob sie beutegierig oder traurig blicken.

Vater pustet auf die Haare der zwei zueinander gelegten Fellstücke, ehe er ins Pedal tritt. Zwischen zwei runden Metallscheiben zuckt die Nadel. Immer nachts. Schwarze Arbeit braucht Dunkelheit. Soll ich ihn an meinen Weihnachtswunsch erinnern? Ich weiß schon, vor dem Fest wird er keine freie Minute haben, mir aus Fellresten einen richtigen Teufelsschwanz zu nähen, auch nicht Heiligabend, da muss selbst der räudigste Pelz noch auf einen Kragen.

Mutter setzt Kaffeewasser auf, es gibt Kathreiner-Kaffee. Aus der Pfundtüte, von der uns ein Herr mit silbergrauem Schopf zulächelt, zählt sie die Löffel gerösteter und aufs feinste gemahlener Gerste in die Kanne. Das macht sie sehr gut. Aber sie zählt auch die Presskohlen für den Ofen aus - bei dieser Zählerei wird die Stube nicht warm. Zum Glück hat Vater in der MORGENPOST von einer guten Methode gelesen, wie man Kohlen strecken kann: Man weicht Zeitungen in einem Zuber ein - vorgesorgt hat, wer eine Zeitung hält. Die aufgeweichten Artikel rollt man zu kohlkopfgroßen Kugeln, dabei presst man das Wasser so gut man kann heraus und lässt sie ein paar Wochen trocknen. Es ist Papas Sommerarbeit, die papiernen Reden, Flutkatastrophen, Einbrüche und Rätsel, aber auch Bruno H. Bürgels Sonntagsbetrachtung des Sternenzelts in das Schaff zu tunken und rundzumachen.

Aber Artikel über Afghanistan schneidet sich Vater aus. Auch die hundert todsicheren Tipps WIE WERDE ICH MILLIONÄR?- eine ganze Zeitungsseite - bleiben vor Wasserbad und Verarbeitung bewahrt. Ich kann sie fast singen. Drehe jeden Pfennig hundert mal um, ehe du ihn ausgibst! ist einer davon. Ein anderer Tip lautet: In der Öffentlichkeit zeige dich stets in der Nähe von Besser- oder Höhergestellten! Das eine fällt leicht, das andere ist schwer zu machen, da es bei uns im Seitenflügel keine Höher- und keine Bessergestellten gibt. Vielleicht muss ich Familie Merz, eine Treppe unter uns, insofern sind sie tieferge-stellt, einmal ausnehmen. Sie haben keine Kinder - Kinder kosten viel Geld! - aber sie besitzen ein Radio, groß wie eine Eierkiste. Es steht auf Merzens Vertiko. Sonntags melden wir uns zur Märchenstunde am Nachmittag, Schwester Annemie und ich kommen in Potschen und bringen zwei Ritschen mit, das ist Schlesisch, und setzen uns dicht vor den Lautsprecher. Erst hatte ich die Hoffnung, der Gestiefelte Kater und der Müllersbursche, so klein sie auch sein mögen, träten einmal aus dem Kasten heraus; doch sie sind nur zu hören, aber ganz deutlich. Wir zeigen uns jeden Sonntag bei Familie Merz. Sobald die Großmutter und die Sieben Geißlein aus dem Bauche des Wolfs geschnitten sind, greifen wir unsere Fußbänke und bedanken uns schön. Dann wecken wir Mama und Papa, leider auch Bruder Hansi, und erzählen unser Erlebnis. Wir schwärmen von Zwerg Nase, manchmal von Jorinde und Joringel, immer aber von Merzens Radio. Wir Mugeles müssen auch eins haben, wenigstens ein kleines, kann doch sein, dass sie nicht nur am Sonntag Märchen erzählen. Vater stimmt uns zu - er braucht für Weltnachrichten sogar ein großes. Er spart und spart und wir alle sparen. Das Pfennigumdrehen gelingt uns, mal abgesehen vom Kauf der Morgenpost. »Mit den Kugeln kommt das Geld wieder rein«, tröstet Vater, »die bringen Hitze«. Aber in Wirklichkeit freut er sich über knackigen Frost. Da wird er, wenn er sich rasiert hat und gefrühstückt, seine Schuhe blank reiben und losziehen, bei den Kürschnermeistern nach Arbeit vorzusprechen. Wenn Berlin bibbert, hat Vater eine Chance.

*

Die Kochmaschine in der Küche hat mehrere Feuerstellen. Wird der große Wasserkessel aufgesetzt, nimmt Mutter mit dem Feuerhaken alle Ringe heraus. Wenn es schnell gehen muss, brennen wir Gas. Im Korridor steckt Mutter einen Groschen in den Automaten, zündet in der Küche die Flamme, in raschem Takt ist nebenan das Knacken zu hören - die Suppe wird warm. Der Topf gehört Frau Doktor Behm aus dem Vorderhaus. Die Behms haben ihn Mama anvertraut, ebenso die Schlüssel, mit denen sie von unserm Seitenflügel durch eine Doppeltür direkt in die Küche der Behms gelangt. Sie sind sehr zufrieden mit ihr. Vormittags, wenn Doktor Behm aufs Gericht geht, darf Mutter die Zimmer sauber machen zweimal die Woche, und ins Bad darf sie auch. Dort sind Kacheln rundum. Das Beste ist eine riesengroße eingelassene Wanne, in der gewiss alle Mugeles zugleich Platz hätten, und wir sind fünf. Manchmal darf Mama auch beim Kochen helfen. Einmal im Monat besorgt Mama Behms große Wäsche. Im Keller, in einer undurchsichtigen Dampfwolke, regiert sie allein, zwei Tage lang. Mittags kommt sie mit weichen zerwaschenen Händen aus der Tiefe und reibt Kartoffeln. Mit Zucker bestreute Kartoffelpuffer sind, glaube ich, die beste Speise, die es gibt. Mama hat dann großen Durst, und wir alle trinken einen ganzen Topf Malzkaffee leer, ehe sie wieder im Nebel der Waschküche verschwindet.

Behms sind großzügig. Was sie nicht aufessen, darf Mama durch die Doppeltür nach Haus tragen. »Das sind Brosamen«, sagt Vater, und manchmal sagt er Bettelsuppe. »Sie sollten dich lieber richtig bezahlen!«

Und dann wird Mama böse und fragt: »Und wie bezahlt man dich? Und wie viele Monate gar nicht? Wie lange soll das so weitergehen!«

Das ist der Augenblick, ich weiß es, wo der Streit um Afghanistan erneut ausbrechen könnte. Nun braucht Vater nur noch zu sagen: »Wir hätten der Einladung des jungen Königs an das deutsche Handwerk gefolgt haben sollen. Er ist vertrauenerweckend. Du hättest ihn sehen sollen, wie er mit wehendem Federbusch aus seiner Kutsche stieg - ein stattlicher Mensch. Ich würde es nicht sagen, wenn ich ihn Unter den Linden nicht selber beobachtet hätte. Hunderte sind gegangen und haben in Afghanistan ihr Glück gemacht - deutsche Ärzte und deutsche Architekten, Geologen und deutsche Bergingenieure, Tatsache. Wir haben die Zementfabrik und das Zündholzwerk gebaut ...«

»Und was soll da ein Kürschner?«

»An Schafffell, auch Persianer, mangelt es überhaupt nicht. Das sind Tatsachen. Sie haben Fuchs und Tiger und Leopard ...«

»Hyänen und Schakale«, höhnt die Mama.

»Spotte nur, Weib, hier gibt's Hyänen und Schakale auch - aber keine Arbeit, eine gottverfluchte Welt das.«

»Du redest wie ein Heide. Gewiss warten die Mohammedaner schon auf einen katholischen Kürschner aus Oberschlesien, der nicht Türkisch kann.«

»Und du siehst über Behms Kochtopfrand nicht hinaus, schlimm«, sagt Vater. »Auch in Afghanistan bleibst du unter Landsleuten, es gibt in Kabul eine Schule, eine deutsche Oberrealschule unter deutschen Lehrern. König Ahman Ullah hat hier in Berlin einen sehr guten Eindruck gemacht ...« Aber nun ist meine Schwester nicht mehr zu bremsen und ruft:

Die Rieselfelder sind geflaggt:

Ahman Ullah hat gekackt!

Dann haut Papa ihr eine Backpfeife, obwohl wir den Spruch über Ahman Ullah von ihm selber gelernt haben, und Mama ist wütend und schreit: »Geh doch nach Afghanistan, wenn du dich nicht beherrschen kannst!« Und Papa tut die Maulschelle leid.

Aber Vater sagt heute nichts, doch ich merke, die Suppe schmeckt ihm nicht, die gute Gemüsesuppe von Behms, mit Rindfleischstücken drin, und die besten Fleischstücke hat Mama extra für ihn aufgehoben - er hat nachts gezweckt und genäht und tags genäht und gezweckt und ist ziemlich weit gelaufen. Und es ist ziemlich gut und ziemlich schlecht, dass es kalt ist. Aber es müssen Groschen in die Teebüchse kommen, so ein Gasometer tickt und tickt und will gefüttert sein. Und das Jahr hat einen viel zu langen Sommer.

*

Ich habe nichts gegen den Sommer, sollen die Großen reden, was sie wollen. Ich mag es sehr, dass Vater Zeit für mich hat, viel Zeit. Wir singen, und es wird gezeichnet - ein Pferd, ein Schaf, ein Schwein. Schafe und Schweine gibt es bei uns nicht. Aber Pferde gehen jeden Tag bei uns aus und ein. Richard Sprung, dem unser Haus gehört und noch ein paar Häuser im Kiez, besitzt ein halbes Dutzend Pferde. Auf unserm Hof werden sie geputzt und geschirrt, ehe sie die Kisten mit Seife und Waschpulver in die Drogerien ausfahren. Die Pferde vom alten Sprung sind kleiner und schmaler als die Brauereipferde von Schultheiß und die Gäule von der Müllabfuhr, aber bestimmt sind sie flinker und schöner als alle Pferde, die sonst in unserer Straße verkehren. Nehmen wir mal die Polizeipferde. Eigentlich, gut ausgefuttert, sind sie schön. Wenn sie in die Leute reinrennen und die Schupos, vor Aufregung mit ganz rotem Kopf von oben schreien und mit dem Gummiknüppel nach links und nach rechts dreschen, dann sind sie kein bisschen schön. Warum wird geschrien und gedroschen? Ich weiß es nicht. Und warum laufe ich hinter den großen Jungen, die flinker sind als ich, zur Volksbühne? In der Menschenmasse, die hin und her wogt und aufbrüllt vor Zorn, verfangen sich die Pferde. Schon wird hier und dort ein forscher Reiter zu Boden gerissen, ein paar Tschakos fliegen wie Bälle über die Köpfe der Leute, verrollen im Rinnstein und an den Stufen des Theaters, und ich laufe, renne, pese, längst atemlos, und wieder der Letzte.

Und bezweifle meinen Alptraum: War's ein Film, der hier ablief oder - gedreht wurde? Aber Angst und Atemlosigkeit waren echt, das Menschengebrüll, das Schnauben der Pferde war echt, die beiden Tschakos waren echt, die die Beherztesten als Beute mit sich trugen - wie lebensecht wollten wir Räuber und Schupo spielen mit dem blitzenden Kopfputz, obgleich so ein Tschako selbst für Fritze Bronn zu groß ist, mit viel zu weitem Sturmriemen! Und gewiss waren Entsetzen und Entschlossenheit der Eltern echt, die die eroberten Bedeckungen der Staatsmacht unverzüglich im aschebraunen Müllkasten verschwinden ließen.

Zwei Häuser weiter Richtung Straßburger, vor Lewinsons Bäckerei, steht eine große gusseiserne Pumpe mit weit ausholendem Schwengel. Alle Gäule, die hier haltmachen, werden von uns bedient. Die braune Stute, die allwöchentlich ein grünes Wägelchen mit klein gehackten Holzscheiten durch unsere Straße zieht, erhält ihren Trunk. Der Besitzer läuft neben oder ein wenig vor dem Fuhrwerk, er geht von Hof zu Hof, schwingt eine Glocke und singt sein langgezogenes Lied:

Brennholz füüür Kartoffelschaaaln.

Bringst du einen Topf mit Küchenabfällen, reicht dir die Bauersfrau, die auf dem Wagen hocken bleibt, drei Hände voll Brennholz zurück. Auch für das Pferd, das den Eiswagen bugsiert, pumpen wir Wasser. Behms haben einen halben Block für ihren Eisschrank bestellt, im Emailleeimer trägt ihn Mutter in den zweiten Stock. Aber zu den Pferden von Bolle ist unser Verhältnis gestört, und nur wegen der Kunst. Wenn Bolles hoher weißer Kastenwagen auftaucht, rotten wir uns zusammen und schreien so laut und so kreischend wir können:

Bolle bimbim,

der Käse is dünn,

die Milch is dick,

Bolle is verrückt.

Ich will hier mal sagen, dass die Mugeles auf Bolle gar nicht angewiesen sind: Mutter holt sich die Milch kostenfrei in der Herz-Jesu-Kirche ab, und wenn welche übrig bleibt und schlickert, macht sie in einem Leinenbeutel Quark. Wir sind unabhängig. Wir brauchen Bolle nicht! Doch der Kutscher knallt wütend mit der Peitsche und wir verschwinden lärmend. Wenn Bolles Lieferwagen in die Alte Schönhauser einbiegt, kehrt das friedliche Leben zurück. Die Mädchen setzen ihre Puppen in die Aprilsonne, „Himmel-und-Hölle“-Hopse haben wir nach dem langen Winter wiederentdeckt, wir trieseln und spielen mit Murmeln.

Das Beste, was mir passieren kann, ist eine Tour mit einem von Sprungs Lieferwagen. Dann darf ich neben dem Kutscher auf dem Bock Platz nehmen und auch mal die Leine halten, während er die Kartons ablädt und in den Seifenladen schafft. Mein liebster Kutscher ist der drahtige und ziemlich kleine Herr Krusche, der sich früher mal als Jockey versucht hat. Hausbewohner, die er mag, dürfen seine Pferde streicheln. Aber dass ich mitfahre, das zu erreichen vermag nur Vater. Er ist groß wie Herr Krusche - die Kleinen verstehen sich.

Aber die Kleinen vertragen sich auch mit den ganz Dicken. In der Saarbrücker Straße wohnt ein Freund vom Vater, der ist über vier Zentner schwer. Er geht bedächtig durch die Straßen - man darf ihn grüßen und kostenlos angucken. In anderen Städten lässt er sich, wenn er auf Tournee ist, nur für Geld sehen. Bei einem Maßschneider gibt er dann eine neue Hose in Auftrag, und Papa, sein Freund, kriegt die alte. Die wird von Mama auf dem Waschbrett gewaschen, dann getrocknet und zerschnitten. Alsbald näht sie uns was, es ist schöner grüner Manchesterstoff, nur an Gesäß und Knien sind die Rillen abgewetzt. Ein Hosenbein reicht, uns drei Kinder neu auszustaffieren, etwas später kommen Papa und Mama dran, und wir Mugeles könnten alle in Grün gehen, aber es kommt nicht dazu, weil Mama es vermeidet.

Eigentlich müsste nützlich sein, wer mit Herrn Krusche mitfahren will. Aber wie ist man nützlich mit fünf? Hoch auf dem gelben Wagen könnte man für Pferd und Kutscher Lieder singen, immer eins nach dem anderen. Die Pferde würde es bestimmt freuen. Menschen sind schwieriger. Im Krankenhaus zum Beispiel waren sie erst über das hohe Fieber und meinen scharlachroten Hals erschrocken, aber als es wieder mit mir aufwärts und mit dem Fieber runter ging und die Schmerzen ausblieben, kehrte die Lust zum Singen zurück. Nun waren Arzt und Schwestern über die Lieder erschrocken, die aus meinem Hals kamen, und sie sagten: „Konstantin, solche Lieder kann man heute nicht mehr singen“. Und der Doktor guckte auf meine Krankenkarte am Fuße des Bettes und murmelte: „Na ja, Bülowplatz“. Woher weiß er, dass ich dort gern bin?

Ist ja auch nicht weit von uns, nur mal über den Damm und nochmal. Dort steht das Theater mit Stufen, auf denen man gut hopsen kann. Und drinnen machen sie Theater, aber nur Nachts. Vor der Volksbühne auf einem Steinsockel liegt ein toter bronzener Polizist, neben dem kniet ein zweiter Schupo mit gesenktem Tschako. Ich weiß nicht, warum der eine hier liegt, der andere kniet, aber ich merke, wie ich traurig werde, wenn ich lange auf Kunst gucke. Dabei bin ich mir sicher, dass ich Schupos nicht leiden kann. Aber ich werde Vater nicht fragen, er spricht nicht über Polizisten.

Andermal denke ich, Vater will, dass ich alles weiß, was er weiß. Interessant ist es, wenn wir über Städte und Flüsse sprechen. Also: Berlin - liegt an der Spree. London - liegt an der Themse. Prag - liegt an der Moldau. Warschau - an der Weichsel. Jede Stadt, die auf sich hält, liegt an einem schönen großen Fluss. Ich darf auch nach dem Land fragen, denn jede Stadt liegt in einem Land. Am liebsten spricht Vater über Paris in Frankreich. Das liegt, höre ich, an der Zähne. Das ist ulkig. Vater war noch nie in Paris, aber wir kennen uns aus: Erst muss man über die Havel, dann muss man über die Elbe und die Weser, dann über den Rhein, dann geht es durch die Maginotlinie, dann kommt man nach Paris. Das liegt an der Seine. Und dort steht der Eiffelturm. Den hat Misjöh Eiffel gebaut. Das merkt sich gut.

Ich kenne die fünf Erdteile und weiß, wo Wien und Budapest liegen. Je öfter wir zum Bülowplatz kommen, desto weiter gerate ich in die Welt. Die Hauptstadt von Italien - heißt Rom. Rom liegt am Tiber. Die Hauptstadt von Russland - heißt Moskau und liegt an der Moskwa. Schon hat das Städtische Gartenamt auch auf dem Bülowplatz Bänke abgeladen, wir nehmen unsern Stammplatz ein, freuen uns über die Sonne, und wie sie bereisen wir den Erdball.

Ein Herr in einem hellen, scharf gebügelten Anzug, mit weißem, gestärkten Hemdkragen und blauer Fliege, vom Hut, den eine weite verwegene Krempe ziert, bis zu den blanken Schuhen tipptopp, schlendert herbei, verharrt ein wenig, setzt sich zu uns auf die Bank. Aber wir lassen uns nicht abhalten, tiefer in die fernen Erdteile einzudringen: Die Hauptstadt von Mandschukuo? - Heißt Mukden. Liegt am Hunho. Dort hocken die Japaner. Die Hauptstadt von China? - Heißt Nanking. Nanking liegt - am Jangtsekiang. Die Hauptstadt vom alten China - heißt Peking. Aber wie heißt der Fluss?

Vater grübelt. »Vielleicht haben sie gar keinen.«

»Na so was, eine alte Hauptstadt ohne Fluss!« Als Ersatz bietet Vater an, dass in China die Chinesen leben. Die alten Chinesen haben die Seide und das Porzellan erfunden.

Noch schwieriger wird es mit Belutschistan – »hinten am Indus.«

Da weiß Vater keine Hauptstadt. »In Belutschistan leben die Belutschen«, tröstet er. Das interessiert mich sehr. »Und was haben die alten Belutschen erfunden?«

Vater denkt nach, murmelt was von Schafzucht, aber ich merke, er weiß es nicht.

»In Belutschistan«, sage ich, meiner Sache ziemlich sicher, »in Belutschistan haben sie die Lutscher erfunden.«

Der Herr in Hellgrau, der aufmerksam, ja mit Anteilnahme zugehört hat, fängt zu lachen an, verschluckt sich dabei, prustet. »Entschuldigen Sie, lieber Herr, aber Sie haben einen netten Jungen, ein helles Köpfchen. Gestatten Sie«, und der Hellgraue zieht den Hut mit der verwegenen Krempe, »Gulbransen und Co., Fisch-Großhandel, Export und Import.«

»Mugele«, murmelt mein Vater, »angenehm.«

Dabei merke ich, dass es ihm angenehm und zugleich unangenehm ist, sich mit einem reichen Fischhändler, vielleicht sogar steinreichen, zu unterhalten. Der aber ist ganz freundlich, hat eine sanfte Stimme und fragt: »Wie heißt denn der Junge?«

»Konstantin«, sage ich, dem Vater zuvorkommend.

»Soso, Konstantin - der Beständige, der Standhafte, ein sehr schöner Name«, sagt Herr Gulbransen, »ein Kaisername.« Das hatten Vater und Mutter nicht bedacht, als sie mich im kältesten aller Winter in der Herz-Jesu-Kirche über das große Taufbecken hoben. Ich soll geschrien haben.

»Ein helles Köpfchen«, wiederholt sich der freundliche Herr Gulbransen. »Und was soll der Junge einmal werden?«

Da bin ich gespannt, ob Papa erst Förster oder erst Kutscher sagen wird, aber er sagt beides nicht. »Arbeitslos wird er - wie ich wird er arbeitslos«, sagt Vater, »und mit Neunzehn, es sieht ganz danach aus, wird er Soldat, genau wie ich, und zieht in den Krieg.«

»Aber das muss doch nicht sein, Herr Mugele.«

»Nein, es muss nicht sein.«

Und nun bin ich ganz durcheinander, weil Vater meine künftigen Berufe nicht nennt, obwohl er sie genau weiß, und weil er über seine Arbeitslosigkeit spricht, über die er sonst mit Fremden nicht redet, und dass er Soldat war. Warum hat er es nie erzählt, jedenfalls mir nicht, wo wir uns doch hinten am Indus und sogar auf dem Mount Everest auskennen ... Aber da geraten Vater und Herr Gulbransen und Co. in ein langes Gespräch mit Ober- und Untertönen. Das wird ein richtiger Singsang, vor dem ich gleich zu den zwei Bronzepolizisten ausreißen werde, führe ich nicht schon mit dem Fischhandel über die Weltmeere bis nach Versailles, denn der Walfang ist uns verboten, obwohl auch die deutschen Kinder Lebertran brauchen, wenn er auch tranig schmeckt, indessen gesund, gesund, aber die Frau, eine gute, ganz liebe Frau, bekomme keine Kinder, leider, leider, da hätten sie nun alles, Haus und Garten und Segelyacht und Geflügel (oder sagte er Flügel?) und zwei Autos und eine Dosenfabrik und Kutter, diverse, nur leider, leider kein Kind, keine Walfangflotte, ob ich denn Geschwister hätte, da ließe sich doch was machen, so ein Bürschchen, es sei ihm aufgefallen von Anfang an, so ein kluges, aufgewecktes, müsse Griechisch lernen und Latein und Französisch und Klavier spielen und überhaupt hinaus in die Welt und wieder zurück, aufs Gymnasium, kurz, es wäre ihm eine Freude, oder Ehre, was solle er mit dem Mammon, etwas für die Bildung auf dem weiteren Weg, gewissermaßen an Kindes Statt, anzulegen oder einzusetzen, nicht aus den Augen, aus dem Sinn natürlich nicht, sondern monatlich, oder auch zweimal die Woche, vor allem an das Kind denken, da kann man sich doch einigen, nicht etwa zum Schaden, ganz im Gegenteil, Abstandssumme nicht, eher Zuschuss, oder für Herrn Mugele bezahlten Posten, gutbezahlt durchaus, vielleicht Buchhalter oder was, Kürschner nicht, gestatten Sie, mal die Hände zeigen, wird sich was finden, man müsse an die Zukunft, und sich nicht versündigen, so sei es nicht gemeint ...

Und ich blicke auf Vaters Hände, kleine Hände mit kleinen weichen Fingern, da findet sich nichts, nur an Daumen, Mittel- und Zeigefinger der Rechten sind Spuren vom Rauchen (Aus gutem Grund ist Juno rund!) - und plötzlich greift er meine Hand, und wir gehen, grußlos.

Als ob uns wer verfolgte, verfallen wir in einen raschen Schritt, hasten die Hirtenstraße lang, biegen links in die Grenadierstraße, tauchen ins Gedränge des Alexanderplatzes, verschnaufen. Straßenbahnen zerschneiden ratternd das Rasenrund, ein Doppelstockbus kurvt im Autogewühl, schert rechts aus, schluckt in raschem Halt die Fahrgäste, die Raucher klettern die offene steile Treppe hoch unters Dach, der Neuner. Vater bricht sein Schweigen, sagt: »Konstantin, wir schaffen's schon.« Und: »Was du haben musst, musst du haben.« Und ich freue mich, mitten im Sommer, wo es noch keine Fellreste gibt, denkt Vater schon an meinen Teufelsschwanz!

Großzügig lädt er mich zu einer U-Bahn-Fahrt ein, Teilstrecke. Da kehren wir schnell zum Bülowplatz zurück. Mama wartet schon mit dem Essen, aber diesmal ist es nicht so schlimm, Papa wird ihr alles erklären.

*

Heute bist du mit einer Frage erwacht. Streng dich an, wenn du dich erinnerst: vergiss! In den Akten steht ohnehin, wie es gewesen sein soll. Da bist du fein heraus, Mugele. Zwar hast du dir dein Schicksal nicht ausgesucht, wer hat das schon, aber willst du bestreiten, du hattest eine schöne Kindheit? Dein Weg zum Himmelsstürmer ist vorgezeichnet, von der ersten abscheulich kalten Januarstunde an. Nur, nicht einmal die hast du gemerkt, nicht Krise, Inflation, nichts von Papen, Hitler, Hindenburg, von Röhmputsch und van der Lubbe. Da ist die SA mit Fackeln zum ersten Mal durchs Brandenburger Tor gezogen, Thälmann, weg vom Bülowplatz, saß im Kerker, Dimitroff kam frei und stieg ins Flugzeug nach Moskau, ein Zeppelin zog quer über die Lothringer Straße und die Weltgeschichte kam ins Trudeln ... Doch die größte und wichtigste Entscheidung fiel, als mich Vater wortlos bei der Hand nahm.

Die Juden-Zigarre

Vom Vater, denk’ ich mal, ist nur Gewöhnliches zu erzählen. Er war klein, unauffällig, mit rundem freundlichen, manchmal auch erschrockenem Gesicht. Ein Oberschlesier, also Katholik, aber nicht besonders katholisch, jedenfalls weniger als Mutter. Sie, immerhin, strich mit dem Messer dreimal ein Kreuz über den Laib Brot, ehe sie ihn anschnitt. Später, im zweiten Krieg, ließ sie davon ab.

Auf der Suche nach Arbeit hatte es die Eltern, Vater vornan, aus Leobschütz nach Berlin verschlagen, gegen Ende der zwanziger Jahre. Leobschütz heißt heute Glubczyce und liegt in Polen. Ein Städtchen, nicht abgelegen genug, dass es der letzte Krieg verschont hätte. Anders als manches Gehöft, manche Straßenzeile, hat die ehrwürdige Stadtmauer überdauert, der beachtliche Rest. Die Kirchen sind neu erstanden und die Brauerei, vormals Weberbauer gehörig. Guttfreunds Kurzwaren-Großhandlung am Ring gibt es längst nicht mehr. Geisterte viele Jahre als jüdisches Kaufhaus durch das häusliche Gespräch. Weil: Mutter war Lehrmädchen bei Guttfreund, in jenem Weltkrieg, den niemand bezifferte, weil eine Wiederholung nicht vorstellbar schien. War anstellig und konnte gut rechnen, eine hübsche Dunkelblonde mit großen Augen, dreizehn Jahre wohlgelitten von Brotgeber und Kunden. Aber was half ihr ein gutes Zeugnis in der Tasche, wenn es für sie in der fernen Hauptstadt, dem Liebsten hinterher gereist, keine Arbeit gab. Dann die drei Kinder, geboren im Abstand je zweier Jahre, ich das mittlere. Musste nun alles Vater packen: Arbeit suchen, Arbeit suchen und, wenn er sie gefunden hatte, auch behalten. Bei Kürschnergesellen schwierig – sie leben mit der Saison, dann darben sie. Schlimm, wenn die Frühlingssonne heraufzieht und die Leute keine Pelze mehr tragen, wenn es keinen Mantel zu füttern gibt, kein Kaninchenfell auf einen Kragen muss. Lausige Zeiten in einer ziemlich lausigen Gegend, Lothringer Straße. Schwerer hatten es die Juden nebenan im Scheunenviertel, die wie Vater und Mutter hoffnungsvoll aus dem Osten zugereist waren. Auch bei uns im Hinterhaus gab es die eine oder andere jüdische Familie. Blieben mal kürzer, mal länger. Berlin war ein schwieriges Tor in die reichere Welt.

Umsichtig suchten die Eltern, uns Not nicht spüren zu lassen. War Leberwurst auf die Schrippe nicht zu haben, wurde Marmelade auf die Stulle gekratzt oder Zucker drauf gestreut. Krämer und Bäcker schrieben an, bis Vater sein Stempelgeld ausgezahlt bekam. Der wusste sich zu bescheiden. Zahlte unsere Schulden, kaufte eine Schachtel Zigaretten. Ging mit Mutter Skat spielen um Zehntel Pfennige zu einer befreundeten Familie am Wasserturm.

Die Feste kamen wie sie fielen. Gab es keinen Kuchen, gab es Kuchenkrümel, für einen Sechser eine ganze Tüte voll. Wenn im Frühling das Passahfest heran war, reichte Frau Urtel uns Kindern Matze aus, ungesäuertes Fladenbrot. Daran hatten die neuen Volksbeglücker nichts ändern können, jedenfalls in der Lothringer 17 nicht. Matze war köstlich. Und es war was zu essen.

Nur das Ungewöhnliche brachte alles durcheinander. Vaters Anstellung am Flughafen Tempelhof, Arbeit fürs ganze Jahr. Er durfte Fliegermonturen passgerecht machen, einen Pelzkragen reparieren, ehe der mit dem Piloten in die Lüfte abhob. Oben ist es immer kalt. Hat ihm einmal ein Flugkapitän, dem Vater fix geholfen hatte, als Dank eine Flasche „Lacrima Christi“ mitgebracht, Wein vom Fuße des Vesuvs. Vater war nicht gewohnt, Wein zu trinken, und wir wussten auch niemanden, dem wir die Flasche hätten schenken können. Fiel uns schließlich mein Klassenlehrer ein, Lehrer Feßler, nur so, ich hatte nichts ausgefressen und versetzungsgefährdet war ich auch nicht. Lehrer Feßler lehnte erst ab, dankte schließlich, als er wohl spürte, dass wir keinen Ausweg wussten, und übersetzte den Namen des Weines: Christusträne. Das berührte mich doch, den frisch gebackenen Ministranten von der Herz-Jesu-Kirche am Teutoburger Platz.

*

Für eine Zigarre aber, die Vater gelegentlich nach getaner Arbeit erhielt, hatte er Verwendung: die hob er sich für den Sonntagmorgen auf. Lächelte, löste genüsslich die Bauchbinde, ja, eine gute Zigarre, schnitt mit scharfem Messerchen die Spitze an, griff feierlich zum Streichholz, zog Luft, suchte mit rundem Mund einen Kreis aus Rauch über den Küchentisch zu zaubern, verschluckte sich regelmäßig, hüstelte, immer noch glücklich. Welch ein Duft, traulicher als Weihrauch. In solchem Augenblick bewunderte ich den Vater, dessen Pelzkragen auf einer Pilotenmontur bis nach Rom durch die Lüfte sauste, vielleicht in dieser Sonntagmorgenstunde.

Am 9. November 1938 – ich war neun und überhaupt schlief ich noch – tobten sich in unserem Kiez Eiferer an den jüdischen Läden aus. Fanatiker in Zivil probten Volkszorn, zeitig am Morgen. Der Horst-Wessel-Sturm?

Das aber weiß ich genau: Mein ganzer Schulweg, vom Bäcker in der Lothringer, die lange Schönhauser hinauf bis zur Katholischen Volksschule in der Oderberger – wie viele Läden, die Fenster zerschlagen, Auslagen verwüstet, beschmiert. Allenthalben, und mein Schulweg war lang: „Kauft nicht beim Juden!“ Auch: „Juda verrecke!“ Das Klirren der Scherben beim Kehren höre ich noch immer.

An einem Laden mit Tabakwaren räumten ein paar Leute geschäftig und unaufgeregt einfach ab. Im Schwung hüpfte eine Zigarre aus ihrer Holzschachtel und rollte mir vor die Füße. Die braucht keiner mehr, dachte ich, und griff zu. Vater soll sich freuen.

Als ich dem Vater mein Geschenk überbrachte, wurde er traurig. Böse sein war nicht seine Sache. Aber er verlangte, die Zigarre sofort zurückzutragen. Wie ungerecht, dachte ich, dem Heulen nahe. Aber: deutsche Jungen weinen nicht!

»Wohin denn?« rief ich.

»Dorthin, wo du sie hergeholt hast!«

Das war ein schlimmer Gang. Es dunkelte schon. Die wenigen Passanten starrten, schien es mir, auf die Juden-Zigarre in meiner klammen Hand. Ich schob sie hastig durch den Bretterverschlag, der nun die Scheibe des Tabakladens ersetzte. Dass ich mich schämte, brauchte es noch sieben Jahr.

Hier ist alles still

Ein Jahr war, da sind die Würfel gerollt, wie kaum je. Und ich, Konstantin, merkte es, einen schrecklichen Blitzstrahl lang. Und vorbei. Die andere Zeit drängt sich in meinen Tag, mal vage, mal konturenklar.

Damals war ich elf, ein spilleriges, blasses Großstadtkind. Vater hatte den Einberufungsbefehl erhalten, pünktlich zum Kriegsbeginn, Schwester und Bruder waren inzwischen kinderlandverschickt ins Mährische. Mit einem Brief aus Oberschlesien kam auf mich zu, was ich nicht ermessen konnte.

Liebe Anna,

schick uns den Konstantin. Wir füttern ihn wieder auf. Soll er mit unserm Ottchen herumstromern. Ein Gymnasium hat Krappitz auch. Hier ist alles still. Deine getreue Schwester

Olga.

Die Tante, wie sie leibt und lebt. Und der Onkel? Von Otto Dürr erwarteten wir wenig. Eine pommersche Beamtenseele und Zwölfender. Hatte wohl zugestimmt, obwohl er die Sippschaft seiner Frau nicht verknusen konnte – alle schlesisch, alle katholisch. Das wußten wir schon. »Ein Stubben», so Vaters Meinung.

Tantes Angebot war verlockend. Auch Berlin war inzwischen Ziel für Fliegerangriffe geworden. Aber Mutter würde allein bleiben in der Stadt, dienstverpflichtet für die Rüstungsbude Siemens-Plania in Lichtenberg. Mir machte sie Mut zur Reise. Auf Otto junior, Ottchen gerufen, freute ich mich. Nachzügler bei den Dürrs und genauso alt wie ich. Seinen älteren Bruder würde ich wohl nicht treffen. Der war schon Offizier, im Süden irgendwo.

*

Krappitz liegt dort, wo die Hotzenplotz in die Oder mündet. Dort soll ich heimisch werden einen Krieg lang, oder einen halben. Soll zu futtern haben und mein Abenteuer. So war’s ausgemacht im Spätherbst 40.

Mit Abschiedstränen am Schlesischen Bahnhof trat ich meine Reise an. Bis nach Oppeln war zu fahren, dann mit dem Bus. Kam nun ins Haus von Otto Dürr. Ein vierschrötiger Graukopf mit sorgfältig gepflegtem Lippenbärtchen. Den trugen damals viele.

Der Onkel, als er mich begrüßte, spielte den Milden und den Gestrengen: »Sollst es gut bei uns haben, Konstantin, willkommen am Ring 1. Aber Zucht und Ordnung müssen sein, sind wichtiger denn je.« Mit einem Seitenblick zu meinem Cousin gesagt: »Das gilt auch für Ottchen«. Fragte dann: »Jungvolk?«

Ich nickte. Schon will der Onkel etwas von den Luftangriffen auf die Reichshauptstadt wissen.

»Wir sammeln Granatsplitter«, sage ich. »Die tauschen wir gegen Bombensplitter, wenn’s in unserer Gegend gekracht hat. Die sind mehr silbern. Oder verkloppen sie gegen einen kupfernen Führungsring. Den gibt’s selten.«

»Habt ihr nichts Besseres zu tun? Nun gut. Wie geht’s Schwägerin Anna?«

»Geht schon«, sag ich.

»Jeder muss jetzt Pflichten übernehmen«, sagt der Onkel. »Und ihr? Einmal die Woche könntet ihr die Schuhe putzen, sagen wir am Sonnabend, alle Schuhe im Haus, und blitzblank. Wolln es erstmal dabei belassen.«

»Zu Befehl!«, ruft Ottchen, mein lieber guter Vetter, kräftig schon wie ein junger Bär, auch ein ganzes Ende größer als ich. Was jetzt kommen muss, weiß er. Wider Erwarten reicht uns der Onkel erst ein Taschengeld aus, beteuert dann aber: »Als ich Hufschmied lernte, was habe ich mich schinden müssen … «

Ich schiele andächtig zur Wand, wo die Innungsurkunde von Onkels Prüfung hängt, darunter, angeschrägt, eine Art Gesellenstück: Pferdehuf mit Eisen, in Silber gefasst. Der Onkel greift nach einem Priem, den steckt er sich hinter die angeschwärzten Zähne. Ende der Audienz.

*

Tante Olga, rundlich und viel kleiner als der Onkel, ist das ganze Gegenstück. Sie schloss mich in die Arme und sagte: »Jetzt gehen wir erst mal wiegen«.

Bin ich in Hänsel und Gretels Wald? – Wohl doch nicht. Die Tante ist eine Frau, die man vom ersten Augenblick an lieb haben muss. Das merke ich doch.

Auf dem Ring und in den Seitenstraßen – immer wieder wird Tante Olga gegrüßt oder zu einem kleinen Schwatz aufgehalten. Sie genießt das. Manchen stellt sie mich vor: »Das ist der Große von Schwester Anna, Konstantin, eine schlesische Lerge aus Berlin.« Sie steuert auf den Gemüseladen zu. Kolonialwaren steht über der Tür, aber drinnen gibt es nur Kartoffeln, Mohrrüben, Sauerkraut. »Was mag’s denn wiegen, das Bürschlein?« fragt die Tante, »Schwester Anna will’s bestimmt wissen …«

Ich muss auf die Kartoffelwaage steigen und kriege einen Apfel geschenkt. Tante Olga schreibt sich alles auf. Nun jeden Monat die Prozedur. Das weiß ich noch nicht. Im Fleischerladen wird Tante mit »Guten Tag, Frau Postmeister» begrüßt. Sie variiert ihren Spruch: »Ein bisschen mager das Berliner Bürschlein.« Reicht die Fleischmarken über den Ladentisch und fragt, für Bohnen und Stampfkartoffeln bestimmt, nach einem Pfund Kassler. Die Meisterin schneidet einen Zippel Brühpolnische ab und drückt ihn mir in die Hand. Ich beginne zu ahnen, was für ein mächtiger Patriarch ein Postinspektor ist, dort, wo sich die Hotzenplotz in die Oder wirft.

*

Rasch habe ich mir abgewöhnt, Krappitz ein rückständiges Nest zu nennen. Freilich, Onkel und Tante wohnen im schönsten Haus am Ring. Es hat ein hohes spitzes Türmchen. Ich, der Hauptstädter, bewundere beim Onkel den ersten elektrischen Kühlschrank, den ich zu sehen kriege. Der weiß von alleine, wenn er zu kalt wird! So bleibt die Butter frisch, die Tante Olga vorrätig hat.

Wie viele Einwohner Krappitz haben mag? 15 000? 18 000? Seit 700 Jahren schmiegt sich der Ort an die Oder, bangt, wenn sie über die Ufer tritt. Das alte Rathaus, ein hölzernes, soll vor mehr als 90 Jahren niedergebrannt sein. Auf dem Dach des neuen Rathauses steht eine mächtige Sirene. Die schweigt tags, schweigt nachts. Schweigt und wartet. Es ist eine schläfrige Stadt. Morgens kommt ein bisschen Tempo in die Leute. Sie gehen, Geld zu verdienen, ins Zementwerk, oder produzieren Papier, auch Pappe. Sie radeln über die Oderbrücke nach Ottmuth zur BATA-Schuhfabrik.

Ich gehe zur Schule, genauer in die „Städtische Mittelschule mit Zubringeeinrichtung, OS.“ In Klasse II b bin ich der Neue. Niemand hänselt mich. Eifersüchtig beschützt Ottchen seinen Cousin. Mit ihm legt sich niemand an. Fast alles, was kommt, ereilt uns gemeinsam. Wenn von der Schulleitung alle Schüler einen Schrieb für Zuhause in die Hand gedrückt bekommen, kriegen wir beide je einen. Zum Beispiel:

An die Eltern. Bitte achten Sie darauf, dass Ihr Kind auch daheim nur Deutsch spricht. Vergessen Sie nie: Deutsche sprechen deutsch! Polen sprechen polackisch!

Ob das gutes Deutsch ist, bin ich mir nicht sicher, aber Onkel und Tante kriegen ihren Zettel, einen von Ottchen, einen von mir. Und sind es zufrieden.

Dabei ist es eine respektable Schule, beinahe ehrwürdig. Sie hat sogar einen Karzer, mit Gitter und Schiebefenster. Auch in Krappitz quäle ich mich mit Rechnen herum, es bleibt bei schriftlich 5, mündlich 4 – mein Schicksal.

Mir gefällt die Deutschstunde. Wir lernen Gedichte, Balladen, auch ganz lange. Mit Schillers „Glocke“ fange ich mir eine Eins. Ich kriege das Amt des Vorbeters. Das hatten wir in Berlin, in der Blücherschule, nicht. Mit kräftiger Stimme bete ich am Morgen vor, es sind nur vier Zeilen, das ist keine Kunst:

Schütze, Gott, mit starker Hand,

unser Volk und Vaterland.

Wende unsres Volkes Not.

Arbeit gib und jedem Brot.