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Mit Geschichte kommt man nicht nur in der Schule oder an der Universität in Berührung. Auch in außerakademischen Bereichen wird Geschichte produziert, verbreitet und genutzt. Vertreter*innen aus Wissenschaft und Praxis stellen in gemeinsam verfassten Beiträgen verschiedene Formen und Funktionen des Geschichte-Betreibens vor, zeigen Ähnlichkeiten, Überschneidungen sowie Unterschiede zwischen ihnen auf und erörtern ihre Bedeutung für gesellschaftliche Verständigungs- und (nicht nur schulische) Lernprozesse. So entstand ein systematischer, praxisnaher Überblick, der sowohl für die Wissenschaft als auch für den Unterricht zahlreiche Anregungen liefert.
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Seitenzahl: 1308
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Felix Hinz / Andreas Körber (Hg.)
Geschichte in der Gesellschaft: Medien, Praxen, Funktionen
Vandenhoeck & Ruprecht
Dr. Felix Hinz ist Professor für Geschichte und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.
Dr. Andreas Körber ist Professor für Erziehungswissenschaft unter Berücksichtigung der Didaktik der Geschichte und der Politik an der Universität Hamburg.
Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: © Andreas Körber
Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, StuttgartSatz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
UTB-Nr. 5464ISBN 978-3-8463-5464-3
Einführung
Warum ein neues Handbuch zu Geschichtskultur – Public History – Angewandter Geschichte?
Felix Hinz / Andreas Körber
I. Einzelanalysen
Historische Romane
Felix Hinz / Tanja Kinkel
Geschichtsmagazine
Stefan Bergmann / Manuel Köster
Historische Kinder- und Jugendliteratur
Christopher Wosnitza
Geschichtsschulbücher
Roland Bernhard / Markus Brogl
Historisierende Musik
Konstantin Voigt / Vladimir Ivanoff
Comics
Oliver Näpel / Thomas Dahms (Mitarb.)
Living History
Björn Onken / Michael Striewe
Stadtführungen in historischer Gewandung
Barbara Hanke / Nicola Aly
Spielfilme
Helene Albers / Kai Wessel
TV-Dokumentationen
Stefan Benz / Stefan Mausbach
Gesellschaftsspiele
Daniel Bernsen / Till Meyer
Digitale Spiele
Jörg Friedrich / Carl Heinze / Daniel Milch
Spielzeug
Christoph Kühberger
Touristisch aufbereitete historische Stätten und (Re-)Konstruktionen
Josef Memminger / Ruth Sandner
Geschichtsmuseen und Dokumentationszentren
Julia Kruse / Hannes Liebrandt
Gedenkstätten
Holger Thünemann / Oliver von Wrochem
Geschichtsvereine
Manfred Treml / Ernst Schütz
Geschichtswerkstätten
Bernhard Schoßig / Maximilian Strnad
Außerschulische Jugendbildung
Oliver Plessow / Konstantin Dittrich
Geschichtsagenturen
Andreas Körber / Dirk Reder
II. Zwischenbilanzen: Vergleichende Analysen
Geschichte als politisches Argument
Cord Arendes
Geschichte als moralisches Lehrstück
Anabelle Thurn
Geschichte als religiöse Beglaubigung
Wolfgang Hasberg
Geschichte als sozialer Fluchtort
Béatrice Ziegler
Die Antike in der Geschichtskultur – altehrwürdig, veraltet, exotisch und unterhaltsam
Björn Onken
Das Mittelalter – ein „erkalteter Erinnerungsort“ der vormodernen europäischen Geschichte
Thomas Martin Buck
Die Frühe Neuzeit in der Geschichtskultur – eine Epoche der Aufbruchsstimmung
Christine Pflüger
Neuzeit und Zeitgeschichte – die Zeit des „heißen Erinnerns“
Markus Furrer
III. Auswertung
Zusammenfassende Reflexionen
Felix Hinz / Andreas Körber
Anhang
Literatur- und Linkverzeichnis
Sachregister
Personenregister
Ortsregister
Werk-, Event- und Institutionenregister
Einführung
Warum ein neues Handbuch zu Geschichtskultur – Public History – Angewandter Geschichte?
Felix Hinz / Andreas Körber
1. Das Gegenstandsfeld
Herbst 2004/Frühjahr 2005: In Deutschland sehen ca. 4,5 Millionen Menschen Oliver Hirschbiegels auf einer Darstellung Joachim Fests beruhenden Kinofilm „Der Untergang“.1 Die vielfach gerühmte Akkuratesse vieler Einzelheiten, die schauspielerischen Leistungen nicht zuletzt Bruno Ganz’ als Hauptfigur ‚Adolf Hitler‘ scheinen für viele (nicht nur) Deutsche die Ereignisse im Bunker der Reichskanzlei am Ende des Zweiten Weltkriegs in besonderer Weise erfahrbar werden zu lassen. Sogleich wird sowohl über die Darstellung selbst und ihre Qualität, als auch über ihre gesellschaftliche Bedeutung und Wirkung gestritten: Ist die Darstellung Hitlers nicht als überhöhten Helden oder als Karikatur, sondern als Mensch ein letztlich notwendiger Beitrag zum Verständnis dieser Geschichte? Oder handelt es sich nicht vielmehr um eine Täuschung durch scheinbare Einlösung eines gar nicht einlösbaren Versprechens an Authentizität?
Sommer 2013: Anlässlich des 1800-jährigen „Jubiläums“ des Germanienfeldzugs unter dem römischen Kaiser Caracalla (211–217) marschiert eine Gruppe von 25 Männern und Frauen in weitestgehender, auf Quellenanalysen gestützter Nachahmung der Ausrüstung, der Unterkünfte und der Verpflegung sowie vorangehender und folgender Rituale die 145 km lange Strecke von Aalen nach Osterburken (beides Orte ehemaliger römischer Kastelle). Die Aktion sollte – nicht zuletzt mit der Teilnahme am Limesfest in Osterburken – auch eine öffentliche Vermittlung von Geschichte sein. Die Berichte auf der Webseite des Projekts zeugen aber insbesondere auch von einer je höchst persönlichen Bedeutung dieses Living-History-Events – bis hin zur Dominanz nicht explizit historischer, sondern gegenwärtig körperlicher Erfahrungsdimensionen: „Die Beine und der Rücken haben geschmerzt, aber wir haben allem getrotzt. Das große Heer kann uns nachfolgen. Wir sind bereit. Man wird sich unserer Taten erinnern“.2
Bei der Eröffnung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme 2005 versichert der damalige Hamburger Erste Bürgermeister Ole von Beust (2001–2010) der anwesenden Holocaust-Überlebenden Lucille Eichengreen in offenkundigem Bezug auf die kontroverse und zum Teil skandalbehaftete ‚Nachgeschichte‘ des früheren KZ-Standorts (u. a. mit zwei 1948 und 1970 auf dem Gelände errichteten Gefängnissen) man habe „gelernt“ und wolle „weiter lernen“. Gleichzeitig protestieren einige überwiegend schwarz gekleidete Aktivist*innen mit einem Transparent „Deutschland denken heißt Auschwitz denken“.3 Einige Überlebende des Lagers geben ihrer Irritation darüber Ausdruck, dass die zwischenzeitlich auf dem Gelände des früheren Lagers gewachsenen das damalige Aussehen verfälschenden Bäume nicht gefällt würden, während die Gedenkstättenleitung und der verantwortliche Architekt (in Abstimmung mit den verantwortlichen Gremien unter Beteiligung auch der „Amicale Internationale KZ Neuengamme“4) jegliche Rekonstruktion früherer Zustände ablehnen und mit dem Konzept der ‚Zeitschichten‘ den zeitlichen Abstand markieren wollen.
Soweit drei schlaglichtartige Szenen, welche sowohl die gesellschaftliche Bedeutung, als auch die Vielfalt und Komplexität von ‚Geschichtskultur‘ in heutigen Gesellschaften beleuchten – und entsprechend Fragen aufwerfen: Inwiefern drücken sie das jeweilige ‚Geschichtsbewusstsein‘ der beteiligten Akteure aus – und inwiefern beeinflussen und verstärken sie es auch? Inwiefern beruht dieses Geschichtsbewusstsein auf wissenschaftlich-schulischer Beschäftigung mit Vergangenheit, und inwiefern ist es selbst Ergebnis wiederum anderer öffentlicher Formen des Umgangs mit Vergangenheit und nicht-wissenschaftlicher Bedürfnisse? Inwiefern gehören diese drei Beispiele überhaupt einer Geschichtskultur und einem Geschichtsbewusstsein der deutschen Gesellschaft an – beziehungsweise inwiefern sind sie Ausdruck einer Vielzahl unterschiedlicher, sich überlappender und miteinander interagierender Bedürfnisse und Formen? Und schließlich: Welche Bedeutung haben Medien und Institutionen und Formen gemeinsamen Handelns für diese komplexe Geschichtskultur? Inwiefern gehören nicht nur die einzelnen Formen, sondern auch ihre Rezeption, die sich um sie entspinnenden Debatten zu dieser Geschichtskultur hinzu?
Diese einigermaßen willkürliche, auf Kontrast ausgerichtete Zusammenstellung zeigt bereits, dass keineswegs nur medial und ökonomisch ‚bedeutsame‘ Ereignisse wie etwa Kinofilme und ihre ‚Rezeption‘ zu diesem gesellschaftlichen Resonanzraum zählen, sondern viele, jeweils für sich weniger prominente Formen, wie beispielsweise die Begegnung mit Geschichte in einer öffentlichen Führung, die private Lektüre eine Geschichtszeitschrift, ein Gespräch über die heutige Bedeutung eines historischen Denkmals oder der Besuch eines ‚Mittelaltermarktes‘. Sie verdeutlicht das in mehrfacher Hinsicht differenzierte Spektrum ‚öffentlichen‘ Umgangs mit Geschichte in unseren heutigen westlichen Gesellschaften. Sie sind geprägt von ganz verschiedenen medialen Bedingungen und involvieren unterschiedliche körperliche und/oder mentale Aktivitäten. Es sind Formen einer transitiven ‚Vermittlung‘ historischer Darstellungen und Deutungen ‚an‘ ein Publikum ebenso vertreten wie solche einer intransitiven Beschäftigung, welche eher die eigenen Bedürfnisse der Aktiven anspricht. Sie adressieren jeweils unterschiedliche (temporale beziehungsweise epochale sowie sektorale) Ausschnitte des ‚Universums des Historischen‘5 in jeweils eigener, zum Teil einander scheinbar entgegengesetzter historischer Logik – von affirmativer Vergegenwärtigung einer als positiv wahrgenommenen oder imaginierten Vergangenheit bis hin zu schmerzhafter ‚negativer‘ Erinnerung an der eigenen Person oder Gruppe von anderen oder auch anderen von der eigenen Gruppe zugefügtem Leid beziehungsweise begangenen Verbrechen.
Die Liste der Beispiele ließe sich deutlich verlängern und damit die Komplexität steigern, denn auf Geschichte trifft man heute in freiheitlichen, pluralistischen Gesellschaften in fast unendlich vielen denkbaren Kontexten und Mischformen. Ihr aus dem Weg zu gehen, ist schlechterdings unmöglich, stellen Bezüge auf die Vergangenheit doch keineswegs nur ‚träges Wissen‘ dar, sondern erfüllen vielfältige gesellschaftliche Funktionen. Mit ihnen werden angesichts deutlicher Anzeichen grundlegenden Wandels (kollektive) Identitäten gebildet und aufrechterhalten, Erwartungen an die Zukunft plausibilisiert oder Handlungsoptionen reflektiert.
Was sollten Gesellschaften über dieses Spektrum der in ihnen verwirklichten und wohl auch oftmals strittig diskutierten Umgangsformen wissen? Warum und wie sollte Wissenschaft es erforschen? Weit davon entfernt, diese Dimension gesellschaftlicher Realität lediglich als allenfalls verzerrte ‚Rezeption‘ wissenschaftlich produzierten Wissens über Vergangenes abzutun, bearbeiten – neben der Soziologie, Psychologie und weiteren Disziplinen – seit mehreren Jahrzehnten unter den Schlagworten ‚Geschichtskultur‘ – ‚Public History‘ – ‚Angewandte Geschichte‘ und mit der Geschichtsdidaktik auch eine zugleich in der Geschichts- wie in der Erziehungswissenschaft verankerte Teildisziplin verschiedene geistes- und sozialwissenschaftliche Ansätze ein gemeinsames Gegenstandsfeld in Anwendung nur zum Teil übereinstimmender Perspektiven, Konzepte und Terminologien. Dies macht die interdisziplinäre Kommunikation über Geschichtskultur heute schwierig. Gegenüber einem klassischen Verständnis des Gegenstandes der Geschichtswissenschaft zeichnet sich das Feld der Geschichtskultur dadurch aus, dass es nicht in der Vergangenheit selbst angesiedelt ist, sondern unter vielfachen rezeptiven Brechungen in der Gegenwart. Aus diesem Grund ist die Geschichtskultur gerade auch für die Zeitgeschichte besonders interessant. Das Spektrum von Bedeutungen, die dem Vergangenem in der heutigen Gegenwart zugeschrieben werden, ist der Gegenstand analytischer wie programmatischer Zugriffe.
In der Geschichtsdidaktik, welche sich das hier im Fokus stehende Feld nach der Erarbeitung ihrer ‚Zentralkategorie‘ des „Geschichtsbewusstseins in der Gesellschaft“6 als die gewissermaßen ‚kollektive‘ Seite mit den wesentlichen Dimensionen der ästhetischen Formen von Bezügen auf Vergangenes, ihrer institutionellen Verstetigung sowie den politischen Funktionen der Verbindlichmachung und dem daraus entstehenden Charakter auch eines Politikfeldes erschloss,7 wird unter dem Begriff ‚Geschichtskultur‘ zuweilen vornehmlich der nicht-akademische und ‚außerschulische‘ Umgang mit Vergangenem8 gefasst. Diese Definition – partiell übereinstimmend mit Fragen nach Geschichte im ‚Alltag‘ –9 betont die Abgrenzung der Sphären und tendiert unberechtigter Weise dazu, ihnen jeweils wenn nicht gegensätzliche, so doch deutlich getrennte Formen von Rationalität und Sinngebung zu unterstellen.10
Die beiden anderen Begriffe (‚Public History‘ und ‚Angewandte Geschichte‘ beziehungsweise im englischsprachigen Raum auch ‚Applied History‘) haben bei aller inzwischen weitergehenden Differenzierung und Reflexion ihrerseits Stärken und Grenzen. So vereint der Begriff der ‚Public History‘ mindestens drei verschiedene disziplinäre Perspektiven, die sich unterschiedlichen Entstehungsgeschichten und Sprachräume verdanken. Der in den USA und in Australien geprägte Begriff umfasst bereits dort mehrere Verständnisse, so zum Beispiel dasjenige Charles Coles Jr. als „history for the public, about the public, and by the public“ (1994)11 oder im Britischen schlicht „popular history“, so Ludmilla Jordanova (2000). Martin Blatt hingegen definiert sie als „history that is done anywhere outside the classroom by anybody who is not employed in a university“ (1994). Entsprechend sind nicht nur die Resultate solcher außerakademischer Hervorbringung von Geschichte(n), sondern auch ihre (u. a. soziologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen) Voraussetzungen und Bedingungen sowie die konkreten Prozesse (doing history), die in ihnen erkennbaren Logiken und die in diesen Feldern verbreiteten Kriterien für die Beurteilung der Ergebnisse Gegenstand akademischer Forschung von Arbeitsbereichen der Angewandten Geschichte beziehungsweise Public History.
Ergänzt wird dieses in Deutschland erkennbare Verständnis von ‚Public History‘ als einer im wesentlichen nicht-akademischen Produktion und Nutzung von Geschichte durch andere Konzepte – zunehmend auch mit eigenen Studiengängen12 –, welche die Erforschung außerakademischer Arbeitsfelder für akademisch gebildete Historiker*innen und die Lehre für diese Felder der Professionalisierung zum Ziel haben. Diese intendieren zu einem bestimmten Grade auch eine spezifische Dimension von ‚Vermittlung‘ historiografischen Wissens (top-down). Sie haben in diesem Sinne Public History zwar zum Gegenstand, zählen aber selbst nicht dazu.13 Es geht um die ‚Nutzung‘ eines wesentlich in den Logiken akademischer Geschichtsforschung hervorgebrachten Wissens. Die ‚Angewandte Geschichte‘ hingegen, die sich aus der Tradition der Geschichtswerkstätten speist und eine gewisse Nähe zur ‚Applied History‘ aufweist, versteht sich eher als eine Bewegung, die ‚auf Augenhöhe‘ mit nicht historisch Studierten und Zeitzeug*innen und Methodiken der oral history arbeitet. Sie setzt sich zur Aufgabe, die Schwelle der Wissenschaft für die Öffentlichkeit abzusenken. Weder bei der Angewandten Geschichte noch bei der Public History kann man jedoch bereits von einer eigenständigen Disziplin sprechen. Letztere allerdings ist auch im deutschsprachigen Raum auf einem guten Weg dorthin.
Erst allmählich – und insbesondere auch vor dem Hintergrund der ebenfalls in den letzten 20 Jahren entstandenen Diskurse über Erinnerungskulturen, also über zeitgenössischen, generationenspezifischen Umgang mit Geschichte,14 sowie den dazugehörigen Politikfeldern (Geschichtspolitik, Erinnerungspolitik) – wurde auch von den nicht-vorrangig didaktischen Teilen der Geschichtswissenschaft15 die Vielfalt der nicht akademischen und nicht-professionell organisierten Formen der Hervorbringung und ‚Pflege‘ historischer Vorstellungen verstärkt in den Blick genommen. Stärker professionalisierte Bereiche – etwa die Erforschung der Logiken historischer Sinnbildung in Institutionen wie Museen und Bereichen wie den Massenmedien – hatten schon zuvor Aufmerksamkeit erfahren. Die prinzipielle (nicht notwendig faktische) Verbreiterung der gesellschaftlichen Verfügbarkeit auch von Medien der Darstellung und Verbreitung historischer Aussagen in der Hand interessierter Laien (insbesondere in Form des Internet)16 hat sicher ein Übriges getan, die Fragestellungen dieser zuvor stärker getrennten Bereiche zusammenzuführen. In gewisser Weise haben sich so unter dem Dach der Public History ‚quer liegende‘ Perspektiven auf die Medialität und Performativität, aber auch Institutionalisierung von ‚Geschichtsproduktion‘ in ihrer gesamten gesellschaftlichen Breite und Differenzierung etabliert.
Der vorliegende Band beabsichtigt jedoch nicht, noch einmal, wie bereits mehrfach geschehen,17 entweder Teile des Gegenstandsfelds selbst oder spezifische theoretische und konzeptuelle Zugriffe darauf für einzelne Teildisziplinen und/oder Arbeitsfelder zu reklamieren oder diese voneinander abzugrenzen. Es geht uns weder darum, die einzelnen Interessen- und Arbeitsfelder sowie ihre unterschiedlichen Institutionalisierungen daraufhin zu befragen, was sie für das historische Lernen in der Gesellschaft zu leisten vermögen, noch darum, eine irgendwie herausgehobene Stellung in deren Theoretisierung und Erforschung zu reklamieren. Vielmehr soll eine spezifisch didaktische, dabei aber analytische und reflexive Haltung eingenommen werden, von der aus mittels einer koordinierten Zusammenschau unterschiedlicher Perspektiven aus der und auf die Vielfalt dieser Zusammenhänge sowohl die jeweiligen unterschiedlichen Logiken und Formen historischen Lernens wie auch die jeweiligen Ansprüche an und Beiträge zu historischem Lernen in der Gesellschaft erkundet werden.
Hierzu soll von einem vielfältigen Spektrum unterschiedlicher gegenwärtiger Praxen und Institutionalisierungen ausgegangen werden, die jeweils sowohl auf Vergangenheiten verweisen wie auf ihre gegenwärtigen Bedeutungen, von einer Vielfalt an Gegenständen ganz unterschiedlicher Art als auch an Formen ihrer ‚Nutzung‘ innerhalb der Gesellschaft. Dabei ist unter ‚Nutzung‘ wiederum ein breites Spektrum an Anwendungen und den ihnen zugrunde liegenden Motivationen zu verstehen, die sich zum einen gegenseitig ergänzen und durchdringen können, oftmals aber auch geradezu auf unterschiedlichen Seiten eines geschichtsbezogenen Kommunikationsprozesses (also bei ‚Autor*innen‘ und ‚Rezipierenden‘ von Darstellungen, beziehungsweise ‚Anbietenden‘ und ‚Nachfragenden‘) deutlich unterschiedlich sein können. Sie alle unterliegen offenkundig nicht nur den unterschiedlichen Praxen und Medien (im Folgenden: „Objektivationen“), sondern prägen sie auch jeweils in ihren Erscheinungsformen.18
Von diesen Praxen und Institutionen her soll der Blick darauf gerichtet werden, was das Feld insgesamt ausmacht und was die jeweilige Praxis beziehungsweise Institution beiträgt sowohl zum Gesamtkomplex des gesellschaftlichen Umgangs mit Geschichte, zu ihrer Erforschung und Begleitung und schließlich zu Lernprozessen über Vergangenheit und ihre Bedeutung.
Das Thema des vorliegenden Bandes ist somit hochkomplex und terminologisch noch keineswegs abschließend definiert. Aus praktischen Erwägungen heraus entschlossen wir uns, den recht unscharfen Terminus ‚Geschichtskultur‘ „als Schirm“ zu nutzen, als Überbegriff über alle Formen des praktischen Umgangs mit Geschichte in einem Kollektiv – und nicht den im Britischen und US-Amerikanischen unterschiedlich verwendeten Terminus „Public History“, wie Marko Demantowsky es 2015 vorschlug.19 Diese Entscheidung fiel uns umso leichter, da wir gleichzeitig beschlossen, uns auf den deutschsprachigen Raum zu beschränken. Gerade weil wir die mit dem Umgang mit Geschichte verbundenen Phänomene zwar exemplarisch, aber dennoch durchaus breit ausloten wollten, schien uns eine Selbstbeschränkung zumindest in sprachlich-kultureller Hinsicht unabdingbar. Für diesen Band schrieben mithin nur Autor*innen aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz.
Der Entschluss, sich auf den deutschsprachigen Raum zu beschränken, ist somit zunächst pragmatischer Natur. Er beinhaltet nicht die Behauptung, dass Geschichtskultur (in diesem weiten Sinne) im deutschsprachigen Raum grundsätzlich anders strukturiert wäre oder anders funktionieren würde als in anderen Ländern, Kulturen und Sprachen. Auch die gegenteilige Behauptung, dass die von unseren Autor*innen dargestellten Erkenntnisse wie auch die aufgeworfenen Probleme und Fragen umstandslos auch auf andere Länder übertragen werden könnten, sei nicht aufgestellt. Vielmehr soll auch die Möglichkeit geschaffen werden, sie mit ähnlichen Untersuchungen zu anderen Räumen, Sprachen und Kulturen wie zu übergeordneten Maßstabsebenen (etwa europäischer und universaler Art) zu vergleichen und gegebenenfalls zu kontrastieren.20 Neben jeweils ‚autochthonen‘ Spezifika und Gemeinsamkeiten aufgrund unterschiedlicher Vergangenheiten (für Deutschland etwa die besondere Situation der unhintergehbaren Erinnerung an die Shoah und den auch außerakademisch geführten Diskurs über die daraus zu ziehenden Schlüsse zu Lehren und Verantwortung) werden dabei auch Fragen geschichts- und erinnerungskultureller Transkulturationen von Interesse sein, sei es auf überregionaler oder auf internationaler Ebene.
Die folgende Annäherung an das Gegenstandsfeld der Einzelbeiträge und der nachfolgenden vergleichenden Artikel dieses Bandes soll zunächst vom Kulturbegriff her erfolgen. Dieser umfasst mindestens Dimensionen oder Facetten, die ihrerseits nicht einfach bruchlos zueinander passen, sondern durchaus Spannungsverhältnisse aufweisen:
Zum einen wird unter ‚Kultur‘ das kollektiv Wertgeschätzte an gemeinsamem Tun und seinen zugehörigen Institutionen und Manifestationen gefasst. Das meint dann ‚Hochkultur‘ im Gegensatz zu Ausprägungen gemeinschaftlichen Verhaltens und Tuns, die eher negativ bewertet und daher ausgegrenzt werden. Entsprechend gibt es auch Nutzungen dieses Kulturbegriffs, die die eher von privilegierten gesellschaftlichen Gruppen ausgehende Wertskala darin problematisieren und andere Ausprägungen solchen Tuns mit Wert versehen – seien es klassen-, schicht-, milieu- oder andere gruppenspezifische ‚(Sub-)Kulturen‘. Gemeinsam ist ihnen allen der Aspekt, dass bestimmte Verhaltensweisen durchaus aufgrund ihrer Wertschätzung einer Pflege, andere hingegen einer aktiven Vermeidung und/oder Vernachlässigung sind.
Zum anderen besitzt der Kulturbegriff aber auch die Bedeutungsfacette, dass wesentliche Teile solcher Gemeinsamkeiten nicht zwingend der Bewusstheit zugänglich sind. Das betrifft gerade nicht nur absichtlich benennbare und somit ‚pflegbare‘ Tätigkeiten und Institutionen, sondern auch Formen der Wahrnehmung, des Fühlens und Wertens, der Gewohnheiten etc., die zumeist aufgrund ihres für selbstverständlich gehaltenen Geteiltseins innerhalb einer Gruppe nicht mehr aktiv benannt werden (können). Sie werden nur dann und wohl auch nur teilweise bewusstseinsfähig und aktiv bewusst zugreifbar, wenn Erfahrungen damit gemacht werden, dass es nicht nur auch anders geht, sondern auch anders praktiziert wird. ‚Kultur‘ erscheint dann als die unbewusste Ebene unterhalb der manifesten Ebene konkreten und benennbaren Tuns, seiner Institutionen, Medien etc.
Dieser zweite Kulturbegriff ist eng verflochten, nicht aber identisch mit einer dritten Facette, nämlich der Vorstellung, dass die Gemeinsamkeit bewusster Ausprägungen von Institutionen und Praktiken etc., die man gegenüber Gruppen mit jeweils anderen solchen Ausprägungen abgrenzen kann, Ausdruck ist für eine innere Geschlossenheit einer Gruppe, die somit definiert sei durch eine Gemeinsamkeit ihrer ‚Natur‘ und ihrer scharfen Abgrenzbarkeit gegenüber der ‚Natur‘ anderer Gruppen, die sich eben auch durch andere Praktiken und Institutionen auszeichneten. So wird eine vierte Dimension des Kulturbegriffs – nämlich die Entgegensetzung zur ‚Natur‘, die prinzipielle Verfügbarkeit wesentlicher äußerlicher Charakteristika – relativiert und geleugnet, insofern auf eine biologisch-ethnisch vorgegebene Differenzierung von nach innen homogener und nach außen scharf abgegrenzter Gruppen verwiesen wird, die sich in den verschiedenen Kulturen nur äußere.
In der jüngeren Kulturtheorie21 ist dieses letztere, Herder als Urheber zugeschriebene Modell voneinander scharf abgegrenzter und sich gegenseitig abstoßender ‚Kugeln‘,22 denen jedes Individuum (zumindest auf jeder Maßstabsebene) nur genau einer zugehören kann, stark kritisiert worden. Anregungen aus der lateinamerikanischen Transkulturationsforschung aufnehmend, die bereits in den 1940er Jahren auf Phänomene der Hybridisierung beziehungsweise métissage hinwiesen,23 wurde es, sofern es denn jemals als wissenschaftlicher Standard zu betrachten gewesen sein sollte, durch ein Modell von Kulturen als Entitäten sich überlappender und durchdringender sowie zudem dynamisch sich verändernder kultureller Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen ersetzt. Nicht im Sinne des oben skizzierten zweiten Kulturverständnisses einzelne Gruppen voneinander abgrenzend soll daher Geschichtskultur in den Blick genommen werden. Es geht also nicht darum, spezifische Geschichtskulturen einzelner Gruppen zu identifizieren. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass jede*r von uns mehreren Kulturen angehört, und Gesellschaften sich aus einem Geflecht ganz unterschiedlicher Gruppen zusammensetzen, die jeweils partiell Ausprägungen kulturellen Seins und Tuns gemeinsam haben, sich in anderen aber unterscheiden. ‚Kultur‘ ist somit nicht so sehr definiert durch vorausgesetzte und sich ausdrückende Kohärenz ihrer ‚Mitglieder‘ beziehungsweise der Angehörigen einer Gruppe, sondern hat die Funktion der Herstellung von ‚Kohäsion‘ zwischen ihnen, gerade angesichts ganz unterschiedlicher Konfigurationen von Gemeinsamkeit und Unterscheidung. ‚Kultur‘ als Bezeichnung für eine Struktur der Gesellschaft ist also immer selbst sowohl partiell als auch gruppen-, maßstabs-, und auch dimensionsbezogen. Es gibt – sich überlagernd und durchschneidend – Schicht-, und Klassen-, aber auch regionale und generationale Kulturen, wie es auch Musik- und Gesundheitskulturen gibt und solche des Umweltbezuges – auch dies in Verschränkung, also etwa hamburgische (auch) akademische Musik-Kulturen etc. – und eben auch Geschichtskulturen. Wenn wir von ‚Mitgliedern‘ oder ‚Angehörigen‘ einer Geschichtskultur sprechen, beziehen wir uns nicht auf einen diese von anderen abgrenzenden, sondern sie untereinander durch Vorstellungen und Praktiken verbindenden Zusammenhang.
Keine dieser Kulturen (und somit auch nicht die Geschichtskultur) ist homogen. Jede hat ‚weiche‘ Grenzen und ist zudem ständigen Transformationsprozessen unterworfen, die sowohl von innen wie auch von außen angeregt sein können. Gleichwohl lohnt sich das Konzept, weil es ermöglicht, nicht normativ vorausgesetzte Gemeinsamkeiten und Abgrenzung einfach zu entdecken, sondern nach der Art und dem Ausmaß, aber auch den Bedingungen und Grenzen von Gemeinsamkeiten zu fragen.
An diesem hybriden Kulturbegriff knüpft unser Projekt und das ihm zugrunde liegende Konzept von ‚Geschichtskultur‘ an. Letztere ist definiert worden als die „kollektive Seite“ des – ja selbst nach der Historik der DDR und später bei Karl-Ernst Jeismann schon keineswegs nur individuellen, sondern „in der Gesellschaft“24 zu verortenden – Phänomens menschlichen Geschichtsbewusstseins, sowie als „Inbegriff der Sinnbildungsleistungen des menschlichen Geschichtsbewusstseins“.25 Gerade letzterer Begriff verweist darauf, dass nicht allein die von Prozessen der temporalen, d. h. der Orientierung von Identität und Handlung in der Dimension von Zeitlichkeit, also jeweils post festum geprägte Umwelt der Bezüge zur Vergangenheit gemeint ist, sondern auch die entsprechenden Leistungen der Hervorbringung solcher Bezüge samt den ihnen zu Grunde liegenden Wahrnehmungen, Konzepten, Vorstellungen, Routinen etc. selbst. Diese schlagen sich in jeweils spezifischen Formen in den Objektivationen solcher Sinnbildungen nieder, sodass sie wiederum als Voraussetzungen und Prinzipien spätere Prozesse solcher Orientierung beeinflussen. In diesem Sinne ist Geschichtskultur zu begreifen als die Gesamtheit der innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe wirksamen Vorstellungen und Konzepte von, Einstellungen und Haltungen zu und praktischen Formen des Umgangs mit Vergangenheit. Diese Definition scheidet weder eine akademische Geschichtsforschung von einer außerakademischen noch von einer außerschulischen ‚Geschichtskultur‘, sondern setzt voraus, dass diese institutionellen Sphären Teil eines umgreifenden und potenziell einen gemeinsamen Diskurs darstellenden Zusammenhangs sind.
Die Vorstellung, dass Gemeinsamkeit bewusstseinsfähiger und auch bewusster Ausprägungen von Institutionen und Praktiken etc., Kulturen (im Plural) als nach ‚innen‘ homogen gedachte menschliche Gruppen definiere und sie gegenüber anderen, ebenso als ‚homogen‘ gedachten Gruppen eineindeutig abgrenze, ist normativ und nicht zuletzt deshalb auch angesichts moderner Kulturtheorien problematisch. Bei der Analyse von Geschichtskultur geht es gerade nicht darum, in spezifischen Praktiken jeweils ‚Eigenes‘ oder ‚Fremdes‘ beziehungsweise einzelne soziale (gar ethnische) Gruppen voneinander Abgrenzendes herauszuarbeiten, also gewissermaßen die ‚Kohärenz‘ der Vielfalt geschichtskultureller Zugangsformen zur Vergangenheit innerhalb einer sozialen Gruppe zu identifizieren. Vielmehr sollen durch deren Analyse die Spektren der sowohl innerhalb solcher Gruppen erkennbaren, als auch der Menschen unterschiedlicher sozialen Gruppen verbindenden Vorstellungen differenzierend analysiert werden. Nicht das ‚hinter‘ unterschiedlichsten Praktiken und Institutionen beziehungsweise ‚in‘ ihnen erkennbare Gemeinsame interessiert, sondern das die Kohärenz ‚der Kultur‘ Bestimmende. Diese Interessen, Vorstellungen und Praktiken werden somit nicht als Charakteristika sozialer Gruppen vorausgesetzt oder ihnen zugeschrieben, sondern kommen vielmehr als Dimensionen von Wahrnehmungen, Haltungen und Praktiken in den Blick, die – sowohl innerhalb sozialer Gemeinschaften differenzierend als auch Menschen unterschiedlicher Gruppen potenziell zusammenführend – geschichtskulturelle Kohäsion erzeugen und ermöglichen. Das heißt: Der Zugriff auf Geschichtskultur in diesem Band entspricht nicht der Suche nach Kohärenz, sondern nach den Kohäsion ermöglichenden gemeinsamen oder auch unterschiedlichen Vorstellungen geschichtskulturell aktiver Mitglieder unserer liberalen und pluralen Gesellschaften.
In diesem Sinne ist unser Begriff der Geschichtskultur analytisch gemeint. Gerade weil ein wesentlicher Teil der die Geschichtskultur(en) nicht gruppen-, sondern medien- und performanz-spezifisch bestimmenden Dimensionen – den jeweiligen Akteur*innen nicht bewusst sein muss, vielleicht gar nicht kann (auch dies ein wesentliches Element des modernen, analytischen Kulturbegriffs) – erscheint es sinnvoll, das Spektrum der unterschiedlichen Medien zum Ausgangspunkt zu nehmen, und von ihnen aus nach den jeweiligen Spezifika, aber auch den Gemeinsamkeiten zu fragen. Inwiefern diese Gemeinsamkeiten solche sind, die jeweiligen sozialen Lagen, ‚kulturellen‘ Hintergründen und unterschiedlichen Erfahrungen (etwa generationeller Art), oder aber solche sind, die den Besonderheiten spezifischer sozialer und medialer Bedingungen einer kulturnationalen Gesellschaft als Ganzes entsprechen, ist in der Zusammenschau zu reflektieren.
Es geht nicht darum, ‚eine‘ Geschichtskultur im Sinne einer vorausgesetzten Gemeinsamkeit (sei es ‚des deutschsprachigen Raums‘, oder beispielsweise ‚der Post-Moderne‘) in ihren Facetten und unter vorgegebenen Kategorien darzustellen, sondern von der Wahrnehmung eines vielfältigen Spektrums an Formen und Logiken des Umgangs mit Vergangenheit innerhalb unserer diversen und heterogenen Gesellschaft auszugehen.
Unter Geschichtskultur verstehen wir also gerade auch die je unterschiedlichen, aber eben nicht voneinander isolierten, sondern miteinander interagierenden, sich überlappenden Absichten, Hoffnungen und Befürchtungen, Bedeutungs- und Wertzuschreibungen, und somit auch über den jeweiligen Einzelfall hinausreichende Konzepte und Theorien dessen, wie unsere Gegenwart mit Vergangenheit im Allgemeinen und mit bestimmten Ausschnitten von Vergangenheit zusammenhängt – und schließlich auch Konzepte und Vorstellungen dessen, was überhaupt ‚Geschichte‘ beziehungsweise historische Narrative konstituiert und wozu sie jeweils gemacht sind.
In diesem Verständnis einer Gesamtheit der dem Umgang mit Geschichte in einer Gesellschaft zugrundeliegenden kulturellen Dimensionen ist Geschichtskultur immer auch ein ‚gesamtgesellschaftliches‘ Phänomen. Gleichzeitig unterscheiden sich konkrete Geschichtskulturen als zeitlich und räumlich umgrenzte Phänomene solcher überindividueller Umgangsweisen mit Vergangenheit deutlich voneinander. Auch wenn anerkannt wird, dass prinzipiell alle Mitglieder der Gesellschaft in irgendeiner Weise durch ihre jeweiligen Sinnbildungsleistungen an ihr beteiligt sind, sind die konkreten ‚Rollen‘ bei der Hervorbringung geschichtskultureller Phänomene durchaus nicht gleichmäßig verteilt. Das betrifft insbesondere die Frage danach, wessen Sinnbildungsleistungen über den unmittelbar persönlichen Raum und die einzelne Situation hinaus Verbreitung, Aufmerksamkeit und Konservierung erfahren. Ebenso betrifft es die Frage, in welcher Weise nicht nur die Mitglieder der Gesellschaft sich selbst, sondern auch andere als relevante Produzent*innen und Rezipient*innen historischen Sinns wahrnehmen, und inwiefern den Hervorbringungen einzelner oder mehrerer von ihnen in der Gesellschaft besondere Bedeutung und Dauerhaftigkeit zugestanden oder zugeschrieben wird.
2. Fragestellungen
Vom vielfältigen Spektrum dieser Praktiken, Institutionen und Medien aus ist danach zu fragen, (1) was sie beitragen zu einem ja nur analytisch fassbaren Gesamtkonzept ‚der Geschichtskultur‘, (2) welche Einsichten in beziehungsweise mindestens welche Fragen an die hinter den beobacht- und benennbaren Formen, Institutionen und Praktiken liegenden Wahrnehmungen, Perspektiven, Interessen, Motive, aber auch Konzepte und Begriffe dessen, was Geschichte ist, dies impliziert. Zudem sind ihre Funktionen und Kriterien für Vertretbares beziehungsweise Gewünschtes oder aber zu Vermeidendes im Umgang mit Geschichte zu ergründen. Die einzelnen Formen und Institutionen und die ihnen zugehörigen (in ihnen gepflegten, aber vielleicht auch abgelehnten) Praktiken deuten also nicht darauf hin, dass es fraglos etwas Gemeinsames in ‚unser aller Geschichtskultur‘ gibt, wohl aber darauf, dass es Aspekte und Facetten gibt, deren Erforschung, öffentliche Diskussion und auch didaktische Thematisierung zu einer Förderung und Pflege verantwortlicher demokratischer und nicht-exklusiver Geschichtskultur beitragen können.
Dies sei an einem Beispiel kurz erläutert: Der vorliegende Band enthält auch einen Beitrag zu Gedenkstätten.26 Ohne hier auf diesen konkreten Artikel eingehen zu wollen: Das Phänomen ‚Gedenkstätten‘ (einschließlich der langen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, des Engagements einiger, der Abwehr anderer) hat – so könnte man formulieren – unserer Geschichtskultur eine wesentliche Dimension hinzugefügt, nämlich die Entwicklung eines nicht nur verschweigenden und verdrängenden oder soziozentrischen Blickes auf das, was zuweilen als sensible, sensitive, verunsichernde, problematische oder auch klar als verbrecherische, negative Vergangenheit bezeichnet wird: nämlich auf Fragen von Schuld und Verantwortung in zeitlicher Dimensionen (auch als Widerlager zu Stolz und Heroismus) ebenso wie auf die Auseinandersetzung mit Begrifflichkeiten wie ‚Opfer‘, ‚Täter‘, ‚Mitläufer‘ – und gerade auch ihre Ambivalenzen. Und – das ist uns ganz wesentlich: Die Befassung mit den Opfern nicht nur als Opfer, sondern als Menschen mit eigenen Hoffnungen, Erwartungen und Plänen, mit durch die Verbrechen ihnen zwar zerstörter, nicht aber prinzipiell genommener menschlicher agency, hat auch unser aller Begriff von Geschichte verändert.
So sehr gerade die Gedenkstätten und die Erinnerung an Opfer der Verbrechen sich auch einer strukturellen Einordnung, einer Reduzierung auf ihre Exemplarizität widersetzen muss, so sehr kann und muss doch gefragt, werden, inwiefern die Entwicklung dieser Facetten der Geschichtskultur über die jeweils direkt thematisierten Vergangenheiten hinaus auf andere zeitliche, thematische und gruppenspezifische Aspekte eingewirkt haben. Wiederum am Beispiel der Gedenkstätten: Die ganze Diskussion um die Geschichte der DDR und vor allem des dortigen Unrechts wäre ohne die Existenz der Erinnerungskultur an die Opfer des Holocaust und des ‚Dritten Reichs‘ zweifellos anders verlaufen, hätte ganz andere Formen angenommen. Da gab und gibt es problematische Gleichsetzungen ebenso wie überzogene Unterscheidungen, vielleicht am Ende auch hilfreiche (und sicher unabgeschlossene) nötige Differenzierungen.
In gleicher Weise, damit soll das Beispiel abgeschlossen werden, scheinen wesentliche Errungenschaften (aber auch Probleme) des Erinnerns von Verbrechen und der Auseinandersetzung mit vergangener Schuld nicht von irgendwelchen Menschen früher, sondern solchen, die mit uns in einem nicht-zufälligen zeitlichen Bezug stehen, mit denen wir aber auch nicht identisch sind, der Auseinandersetzung mit verstörender Vergangenheit und ihrer oft ebenso verstörenden späteren Nachgeschichte und Erinnerung, nun Anwendung zu finden auf weiter zurückliegende Zeiten, nämlich vor allem die Kolonialgeschichte.27
In ähnlicher Weise wird man auch die anderen Beispiele daraufhin befragen können und müssen, was sie allgemein zu ‚unserer‘ Geschichtskultur beigetragen haben, beziehungsweise welche Aspekte daran sie erkennbar machen.
Und schließlich muss es zumindest die Geschichtsdidaktik auch interessieren, welche Bedeutung diese Erkenntnisse für historisches und geschichtskulturbezogenes Lernen in Schule und Hochschule besitzen. Wenn von ‚didaktischer Relevanz‘ sowohl der einzelnen thematische Beispiele als auch der quer liegenden Analysen zu ihnen die Rede ist, dann ist eben nicht nur gefragt, inwiefern die jeweiligen Institutionen und Praktiken dazu beitragen können, eine klassische ‚Vermittlung‘ von historischer Wahrheit, von Wissen und Können zu übernehmen, zu befördern. Vielmehr impliziert dies gerade auch die Frage danach, was eigentlich Mitglieder unserer Gesellschaft, und damit unserer ja gerade nicht uniformen Geschichtskultur, an Begriffen und Konzepten, an Einsichten und Fähigkeiten benötigen, um mit den jeweiligen Strukturen und Facetten von Geschichtskultur (selbst-)verantwortlich umgehen zu können.
Zur praktischen Erläuterung noch einmal das Beispiel der Gedenkstätten: Ohne eine auch schulische Thematisierung der Begriff ‚Opfer‘ und ‚Täter‘ in ihrer Ambivalenz, der Unterscheidung von Geschichte, Gedenken, Erinnern und wesentlicher Formen, kann die Spezifik der mühsam und keineswegs gesamtgesellschaftlich absichtlich gewonnenen Errungenschaften nicht verstanden werden. Was also können nicht nur Orte, Institutionen und Praktiken für historisches Lernen beitragen, sondern auch: Welche Formen historischen Lernens werden benötigt, um mit ihnen jeweils einzeln als auch mit dem Gefüge verantwortlich umzugehen? Das betrifft im Übrigen Schule, Hochschule und außerschulische Bildung mit Jugendlichen wie mit Erwachsenen gleichermaßen.
3. Experimenteller Charakter
Im genannten Sinne stellt das Vorhaben, das diesem Band zugrunde liegt, auch ein Experiment dar. Dies gilt für unseren Zugriff nicht von theoretischen Erwägungen dessen her, was ‚Geschichtskultur‘, ‚Public History‘ und ‚Angewandte Geschichte‘ als Gegenstände wissenschaftlicher Forschung, als Disziplinen dieser Forschung und als lehrende Hochschuldisziplinen voneinander unterscheidet und was sie gemeinsam haben. Worin ihre jeweiligen Fokussierungen und etwaige blinde Flecken liegen, ihre Stärken und Schwächen, wo sie einander ergänzen oder zueinander in Konkurrenz stehen, ist nicht der Ausgangspunkt für unseren Blick auf das Spektrum gesellschaftlicher Umgangsformen mit und Verhältnisformen zur Vergangenheit, sondern das Spektrum verschiedener Phänomene selbst.
Dieses Spektrum kann nicht enzyklopädisch und vollständig abgearbeitet werden. Es ist nicht nur aufgrund unserer aller begrenzter Arbeitskraft und begrenzter Ressourcen, aber auch der Begrenzung unserer jeweiligen Expertise unmöglich, sondern auch, weil das Spektrum selbst ein Mehr-Ebenenphänomen mit gegenseitigen Durchdringungen ist. Nicht Vollständigkeit und Repräsentativität im statistischen Sinne also, sondern Bedeutsamkeit im qualitativen Sinne streben wir an.
Wenn wir also nicht deduktiv von den Konzepten, sondern induktiv von den Phänomenen her und zu übergreifenden Kategorien und Einsichten hin fragen, dann geht es uns nicht darum, das sowieso nur partiell zu fassende Konstrukt ‚Geschichtskultur‘ in irgendeiner Weise vollständig zu erfassen. Wohl aber beabsichtigen wir, durch miteinander vergleichbare, gegebenenfalls auch kontrastierbare und zueinander in ein Verhältnis zu setzende Phänomene Facetten zu gewinnen, mit denen sowohl die jeweiligen Formen als auch das dahinter nicht nur zu Entdeckende, sondern als dahinter zu konstruierende Phänomen der Geschichtskultur(en) in unseren diversen Gesellschaften auch hinsichtlich seiner Mechanismen besser verstanden werden können.
Induktiv in dem Sinne, dass sich aus den Phänomenen her von selbst, nicht ohne Arbeit aber wohl doch ohne vorgängige Konzepte eine Theorie ergäbe, ist dies nicht gedacht gewesen, wohl aber so, dass nicht ein einziger, zuvor festgelegter theoretischer Rahmen die Auswahl und Thematisierung vollständig gesteuert hat. Vielmehr sollen die ‚Eigenlogiken‘ der verschiedenen Phänomene diese nicht in ein Prokrustesbett von Theorie pressen, sondern diese Eigenlogiken als Teile und Facetten der jeweiligen und der gesamten Geschichtskultur zur Geltung kommen lassen. Es geht dabei um unterschiedliche Interessen an Vergangenheit und um Motive, sich ihr zuzuwenden, um nicht so sehr dahinter, sondern in ihnen wirksame Vorstellungen darüber heraus zu arbeiten, was Geschichte allgemein beziehungsweise in unserer Gesellschaft ist, sein kann und soll.
4. Aufbau des Bandes
In den Beiträgen der ersten Ebene dieses Bandes (Teil I), die bestimmte Medien, Formen und Institutionen der ‚Geschichtskultur‘ vorstellt, haben wir versucht, jeweils zwei Perspektiven miteinander zu verschränken, nämlich (1) jeweils eine erfahrungsnahe und (2) eine wissenschaftliche Perspektive. In den meisten Fällen ist uns das auch gelungen. Verbunden wurden sie durch ein gemeinsames, aber letztlich offenes, zu eigener Perspektivik wie vergleichenden Bezugnahmen ermunterndes Frageraster.
Auf einer zweiten Ebene (Teil II), werden einige systematische Perspektiven auf das Feld der Geschichtskultur und Public History eingenommen – und zwar sowohl in Form einer partiellen Zwischenbilanz der Beiträge der ersten Ebene als auch darüber hinausgehend beziehungsweise diese selbstständig unterfütternd. Eine erste Serie solche Zwischenreflexionen betrifft die zeitliche Tiefenstruktur der Geschichtskultur, hier entlang der in der Geschichtswissenschaft traditionellen Epocheneinteilung fokussiert. Sie wird aber nicht einfach dem in den ersten Beiträgen vorgestellten Feld übergestülpt, sondern reflexiv gewendet und fragt nach der Bedeutung spezifischer Epochenbilder für die Geschichtskultur und Praxen der Public History.
Eine zweite Reihe thematisiert die politische, moralische und auch religiöse Dimension geschichtskultureller Formen und Praktiken wie auch die Möglichkeit einer Funktion der Geschichte als „sozialer Sehnsuchts- und Fluchtort“.28 Damit werden die den einzelnen geschichtskulturellen Formen und Praxen gewidmeten Beiträge der 1. Ebene nicht nur direkt miteinander vergleichbar, sondern es werden größere Linien erkennbar, die es wiederum ermöglichen, Geschichtskultur beziehungsweise den öffentlichen Umgang mit Geschichte nicht als eine Ansammlung untereinander unverbundener Praxen und Medien anzusehen. Vielmehr können sie nun als Facetten eines Gesamtzusammenhangs erkennbar werden, in welchem sich zwar nicht ein einheitliches Bewusstsein, doch aber gewissermaßen ‚hinter‘ den Phänomenen ein Spektrum von Gemeinsamkeiten und Unterschieden ausdrückt, die zu erkennen sowohl für die (nicht nur kritische) Reflexion als auch für eine Befähigung junger Menschen und auch Erwachsener zu Teilnahme und Teilhabe wertvoll ist. Diese will zwar nicht Begeisterung erzeugen, wohl aber anerkennende und gegebenenfalls auch freudvolle Beteiligung ebenso ermöglichen wie kritische und distanzierende Reflexion.
4.1 Einzelbeiträge (Ebene 1)
4.1.1 Co-Autorenschaft von Praktiker*in und Wissenschaftler*in
Der Grundgedanke dieser Anlage der Beiträge des Teils I ist es, sowohl einen Blick ‚von innen‘, d. h. aus den Praxen geschichtskulturellen Handelns als auch einen ‚von außen‘ auf solche Praxen anhand allgemeinerer Kategorien zu gewinnen. Diese sollen aber nicht isoliert nebeneinander gestellt (und somit womöglich im Ergebnis ‚gegeneinander ausgespielt‘) werden, sondern sich bereits im Vorfeld der Erarbeitung der Beiträge aufeinander beziehen. In diesem Sinne intendieren wir, eine Art (Zwischen-)Ergebnis eines solchen Dialogs aufscheinen zu lassen, welches beider Eigenlogiken in gegenseitiger Verschränkung, Befruchtung, aber gegebenenfalls auch Abgrenzung erkennbar macht. Die allgemeinen Schlussfolgerungen am Ende dieses Bandes fokussieren diese unterschiedlichen Logiken. Dort wird auch den Fragen nachgegangen, inwiefern konkrete Praktiken sich nicht nur an allgemeinen, theoretisch abgesicherten Konzepten dessen, was unter ‚Geschichte‘ jeweils zu verstehen sei, und wissenschaftlichen Kriterien für Plausibilität und Triftigkeit orientieren können und wollen, sondern auch an gesellschaftlicher Akzeptanz und Reichweite, an Aspekten des Wirtschaftens, der Orientierung auf mehr oder weniger heterogene Publika oder aber auf spezifische Gruppen von Betroffenen und Akteur*innen.
Gleichwohl ließ sich das Konzept der Theorie und Praxis zusammenführenden Doppelautorschaft weder völlig schematisch noch überhaupt in allen Fällen durchhalten. Das liegt zum einen daran, dass schon die verschiedenen Praxen und Institutionen in ganz unterschiedlichem Maße selbst wissenschaftlich orientiert und organisiert sind. In einigen Fällen sind die ‚Praktiker*innen‘ selbst in nicht unwesentlichem Anteil allgemein wissenschaftlich ausgebildet oder gar Historiker*innen, wie z. B. die ansonsten durchaus unterschiedlichen Beispiele der Museen und der Geschichtsvereine aufzeigen. Andere der vorgestellten und analysierten Praktiken sind demgegenüber dadurch charakterisiert, dass ihre Akteur*innen zwar oft ebenfalls wissenschaftlich gebildet sind, aber nicht unbedingt auf dem Feld der Geschichtswissenschaft, wie wiederum andere wesentlich auch von Liebhaberei und Laien-Engagement getragen werden.
Es sind aber nicht nur Strukturen des Gegenstandsfeldes selbst, welche dazu geführt haben, dass die Doppelautorenschaft durchaus unterschiedlich oder auch gar nicht realisiert wurde. Bisweilen ist die Rekrutierung arbeitsfähiger Autor*innen-Tandems schlicht nicht gelungen (oder aber dieselben sind ‚geplatzt‘), wodurch sich auch das Fehlen einzelner Beiträge erklärt.29 In mehr als einem Falle haben wir uns dennoch entschieden, den entsprechenden Beitrag der 1. Ebene im Band auch dann aufzunehmen, wenn er von nur einer*m Autor*in verfasst wurde, weil er entlang der von uns abgefragten Struktur bedeutsame Einsichten formuliert und Praxis-Perspektiven in anderer Art und Weise einbezieht.
Die funktionierenden Teams von ‚Praktiker*innen‘ und ‚Theoretiker*innen‘ wiederum haben ihre Zusammenarbeit durchaus nicht einheitlich gestaltet, was sich auch in den konkret entstandenen Texten niederschlägt. Die Spannbreite reicht von zwei recht deutlich voneinander getrennten Teilkapiteln für Theorie und Praxisbeispiel (Geschichtsvereine) über solche Beiträge, in denen die Praxisperspektive in Form einer Wiedergabe von Gesprächs- und gar Interview-Aussagen realisiert ist, bis zu offenkundig in mehrfachem Austausch deutlich integrierten Perspektiven, welche die Praxis- und Theorieperspektive zwar noch gut erkennen lassen, nicht aber mehr jeweils markieren (etwa Gedenkstätten). Man hätte als Herausgeber darauf aus sein können, hier die Einheitlichkeit zu perfektionieren und auf ein Modell zu dringen. Dies aber wäre sicher mit dem Verlust einiger weiterer Artikel zu erkaufen gewesen, vor allem, weil ein solches formales Schema auch deutlich erhöhte Anforderungen an die doch professionsspezifisch unterschiedlichen Arbeitsweisen und Zeitplanungen bedeutet hätte. Zudem erscheint es uns im Rückblick auch so, dass die Unterschiedlichkeit des Bezuges zwischen Theorie- und Praxisperspektive ihrerseits Einblicke erlaubt in einige Eigenheiten der jeweiligen Felder. Wir haben uns daher entschieden, die Unterschiedlichkeit beizubehalten.
4.1.2 Leitfragen
Ebenfalls nicht rein schematisch, aber doch stärker einheitlich ist die Struktur der Beiträge angelegt. Sie folgt einem Leitfaden an Aspekten, welche wir den Autor*innen-Teams im Vorfeld vorgelegt haben, und der im Folgenden kurz erläutert werden soll. Die einzelnen Beiträge thematisieren somit nicht nur jeweils institutions- beziehungsweise praxisspezifische Aspekte, sondern tragen in sich jeweils eine von uns als Herausgeber angeregte Perspektive, welche nachgelagert gegenseitige Bezugnahmen ermöglichen sollte, aber ohne dass jeweils in den Beiträgen explizite Vergleiche angestellt werden sollten.
Die gemeinsamen Aspekte sind dabei in den einzelnen Beiträgen wiederum nicht strikt systematisch aufgegriffen worden. Dies ist zum Teil einer sehr unterschiedlichen Informationsverfügbarkeit geschuldet, aber auch z. T. Ausweis der jeweiligen Perspektiven auf das eigene Feld. So lassen sich etwa für einzelne Felder die Aspekte von Akteur*innen/Produzent*innen und Publika deutlich trennen (Spielfilme), wogegen sie sich in anderen viel stärker überlappen (Living History).
Im Folgenden skizzieren wir anhand der den Autor*innen der 1. Ebene (Teil I) an die Hand gegebenen Leitfragen die Charakteristika der einzelnen Beiträge.
4.1.2.1 Charakterisierung
Den Beginn jedes Beitrags bildet eine allgemeine Charakterisierung der jeweils behandelten Form beziehungsweise des geschichtskulturellen Mediums. Dabei werden – wo einschlägig – neben einem etwaigen nötigen Überblick über gegebenenfalls unterschiedliche Bezeichnungen, Organisations- und Institutionalisierungsformen sowie Gattungen beziehungsweise Untergattungen und Ausprägungen auch Überschneidungen mit und Beziehungen zu anderen Bereichen der Geschichtskultur, epochale Schwerpunkt und ein kurzer Abriss der geschichtlichen Entwicklung angesprochen.
Diese Aspekte sind naturgemäß und in Abhängigkeit vom jeweiligen Gegenstand nicht in allen Beiträgen in gleicher Form und gleichem Umfang ausgeprägt, wie sich auch Ergänzungen und etwas andere Strukturierungen finden lassen. Gleichwohl offerieren alle Beiträge dem Leser eine einführende Abgrenzung und Charakterisierung des Gegenstands, welche die folgenden, spezifischeren Informationen vorab verortet. Einige Beiträge definieren zunächst klassisch ein allgemeines Medium beziehungsweise eine Gattung, um von dort her die Spezifik einer historischen Ausprägung und die geschichtskulturelle Relevanz zu begründen (Romane), beziehungsweise fokussieren unmittelbar auf ein geschichtsbezogenes subset eines solchen Mediums (Schulbücher, Zeitschriften). Andere setzen die Definition des Mediums eher voraus und nähern sich über eine Charakterisierung bestimmter Spezifika der geschichtskulturellen Bedeutung (Spielfilme) oder diskutieren gar zunächst in geschichtstheoretischem Zugriff die Bedeutung ihres Gegenstandes gegenüber ‚klassischer‘ Geschichtsschreibung (digitale Spiele).
4.1.2.2 Akteure und Rezipienten
Der zweite von den Autor*innen-Teams abgeforderte Aspekt betrifft gewissermaßen eine knappe, skizzenhafte Soziologie des jeweiligen Mediums beziehungsweise der Praktik, und zwar – sofern einschlägig – mit Informationen sowohl über das Spektrum typischer (und zuweilen auch bedeutsamer, untypischer) beteiligter ‚Produzent*innen‘ historischen Sinns und historischer Narrative als auch über dasjenige von Adressat*innen und Rezipierenden. Dabei war den Herausgebern bewusst, dass sich eine solche Trennung von Aktivität und Passivität gerade im Bereich Geschichte nicht immer klar würde durchhalten lassen, wo auch die Wahrnehmung historischer Darstellungen und Aussagen seitens der Rezipierenden nicht ohne eigene Sinnbildungsleistung möglich ist. Gleichwohl ergibt ein Vergleich der Angaben, dass es im Feld der Geschichtskultur deutlich unterschiedliche Strukturen der Beteiligung gibt – und zwar sowohl hinsichtlich sozialstruktureller Merkmale wie sozioökonomischer Milieus, Alterskohorten etc., besonders aber auch hinsichtlich der Rolle und Bedeutung spezifischer fachlicher Vorbildung.
Wichtig in der soziologischen Zusammenschau ist auch die Relation der beiden idealtypischen Gruppen zueinander – sie sind eben nicht in jedem Fall gleichermaßen getrennt. So gibt es in der Geschichtskultur sowohl sich vornehmlich ‚transitiv‘ an ein ‚fremdes‘ Publikum richtende, wie auch eher für die Aktiven selbst wahrgenommene Aktivitäten. Im Beitrag von Björn Onken und Michael Striewe wird beispielsweise dargelegt, dass es im Rahmen der Living History einerseits reenactments gibt, die ganz gezielt für bestimmte Zuschauergruppen inszeniert werden, andererseits jedoch auch solche, dem live-role-play (LARP) angelehnte, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit nur für die Darstellenden selbst durchgeführt werden. Die jeweiligen Strukturen dürften deutlichen Einfluss auf die Arten und Logiken der Repräsentationen von Vergangenheit haben. Bei intrinsischen Gebrauchsformen werden beispielsweise ökonomische Erwägungen eine geringere Rolle spielen. Auch fällt ein gesellschaftlicher Erwartungsdruck fort, was einerseits bedeuten kann, dass der Umgang weniger ‚populistisch‘ oder gar ‚reißerisch‘ erfolgt, andererseits jedoch auch außerhalb der sozialen Kontrolle über gängige Normen und Werte.
4.1.2.3 Selbstverständnis
Hinsichtlich einer Zusammenschau der in den einzelnen Beiträgen charakterisierten Formen des Umgangs mit Geschichte sollte in ihnen jeweils ein besonderes Augenmerk darauf gerichtet werden, das Geschichtsverständnis der Akteur*innen (beziehungsweise auch von Adressat*innen) herauszuarbeiten. Es geht dabei somit um das Selbst-Verständnis der Aktiven als sich mit der Vergangenheit Befassende, die dies entweder für sich selbst oder (wenngleich wohl nicht selbstlos) für andere tun. Dazu gehört eine Charakterisierung spezifischer Motivationen, gegebenenfalls eine Charakterisierung des diesem Tun zugrunde liegenden Bildes der gegenwärtigen Gesellschaft, des Verhältnisses zur institutionalisierten Geschichtswissenschaft.
Die Leitfrage nach dem ‚Selbstverständnis‘ zielt(e) somit auf eine Charakterisierung der jeweils von Akteur*innen wie auch von interessierten Rezipient*innen (Zielgruppe) oft vertretener Überzeugungen über den Charakter und den Wert der jeweiligen Form, sich mit Geschichte zu befassen. Solche Selbstverständnisse werden oftmals in Aussagen von Nähe und/oder Distanz zu anderen Formen (etwa schulischem Geschichtsunterricht und/oder akademischer Geschichtsschreibung) ausgedrückt, aber auch oft in Aussagen zu einer besonderen, individuellen, kollektiven beziehungsweise gesellschaftlichen Bedeutung der Befassung mit Vergangenheit. Sie ergibt somit oftmals Aufschluss über eigene oder an- beziehungsweise wahrgenommene Bedürfnisse der Zuwendung zur Geschichte.
In diesen Bereich gehört aber auch die Darstellung etwaiger in der jeweiligen community gültiger Kriterien für das Gelingen beziehungsweise die Qualität des eigenen Tuns, insofern diese nicht automatisch diejenigen einer weitgehend kognitiv und methodisch-abstrakt arbeitenden Geschichtswissenschaft sein müssen, sondern von diesen spezifisch abweichen können.
Nimmt man Ausformungen der Geschichtskultur in den Blick, die staatlich gefördert werden (z. B. Gedenkstätten oder Museen), ist durchweg ein Selbstbild als hohe kulturelle, wissenschaftliche oder moralische Instanz feststellbar. Doch auch in den meisten übrigen Ausformungen der Geschichtskultur gibt es Individuen oder Gruppen, die diesen Anspruch an sich stellen. So finden sich beispielsweise Autor*innen historischer Romane oder Comics, die sich durchaus als ‚Geschichtslehrer*innen‘ verstehen. Auch etwa unter Spieleentwickler*innen oder Produzent*innen von Internet Tutorials zu geschichtlichen Themen sowie praktisch allen anderen Objektivationen finden sich Personen mit diesem Impetus, ohne dass dies aber zu verallgemeinern wäre. Sehr viele suchen vornehmlich etwas anderes in der Geschichte als Erkenntnis wie beispielsweise Zerstreuung oder einfach eine Alternative zu ihrem täglichen, bisweilen vielleicht auch eintönigen Alltagsleben.
Ein anderer Aspekt des Selbstverständnisses wäre derjenige, dass es einige Formen der Geschichtskultur erfordern, sich in besonderer Weise in Empathie zu üben (z. B. Schauspieler im Theater, Living History, personalisierte digitale Spiele u. a.). Hier nun zeigt es sich, dass einige Akteur*innen der Geschichtskultur ihre in diesem Kontext eingenommene Rolle als ‚wirklicher‘ empfinden als diejenige ihres beruflichen oder familiären Lebens. Dieses Phänomen, dass die Welt, die die meisten Menschen als die gegebene und ‚reale‘ ansehen, als ‚zu virtuell‘ oder auch als zu hektisch und stressig, kurz als undurchsichtig-vielschichtig und überfordernd, mithin als ‚irreal‘ wahrgenommen wird, scheint gar nicht selten aufzutreten. Die geschilderte Situation weckt Sehnsüchte in eine einfache, archaische ‚Anderswelt‘, wie sie v. a. das an Primärerfahrungen reiche ‚Sekundärmittelalter‘ zu bieten vermag (z. B. Kochen über offenem Feuer, Schlafen im Zelt, deftiges Essen, deftige Sprache, deftige Zweikämpfe etc.). Inwiefern sich derart an reenactments Beteiligte immer „der historischen Abständigkeit der aufgeführten Ereignisse“ nicht nur bewusst sind, sondern auch nicht „einem oppositionellen oder eskapistischen Glauben an ein wahres Leben hinter den falschen Bildern“ verfallen,30 wäre durchaus weiterer Untersuchungen wert. Inwiefern dies auch die Motivationen gerade der reenactments als Hobby betreibender Laien betrifft, wäre im Einzelnen zu ergründen. Es bedarf ja gar nicht des Glaubens an eine vollumfänglich gelingende Immersion in eine andere und ein gelingendes Austreten aus der gegenwärtigen Zeit – die Intention reicht aus. Ein Mitglied einer ein konkretes französisches Truppenteil der napoleonischen Kriege darstellenden Gruppe bezeichnete Andreas Körber gegenüber im Gespräch seine dortige Tätigkeit als ‚Rekrutierungsoffizier‘ einmal als seinen ‚eigentlichen‘ Beruf.31 – Und wer wollte ihm da widersprechen? Wir leben in einer liberalen, diversen Welt, in der Identitäten nicht mehr vorbestimmt sind, sondern gefunden beziehungsweise entwickelt werden wollen und durchaus mehrdimensionale Facetten aufweisen können. Hier kann die Geschichtskultur auch wichtige psychologische Funktionen erfüllen.
4.1.2.4 Fremdwahrnehmungen
Die Leitfrage nach der Fremdwahrnehmung zielt – nicht genau ‚spiegelbildlich‘, aber doch in der Art eines Gegenschnitts – auf die Charakterisierung des ‚Images‘ der einzelnen Medien und Praktiken beziehungsweise Institutionen sowohl in anderen Bereichen der Geschichtskultur (einschließlich der Wissenschaft) als auch in der Öffentlichkeit insgesamt. Gerade die Kombination von Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen für die Autor*innenschaft der Beiträge sollte es ermöglichen, sowohl die interne Perspektive als Wahrnehmung des ‚eigenen‘ Images als auch dieses Image in der Außensicht zu beschreiben und somit erstens mögliche Spannungen zwischen Selbst- und (wahrgenommener wie realer) Fremdwahrnehmungen, zweitens Strukturelemente der Feldposition sowie drittens auch möglicherweise nur scheinbarer Diskrepanzen zu erkunden, welche ihrerseits ein Charakteristikum der Geschichtskultur als Ganzer wären.
So lässt sich konstatieren, dass einige Objektivationen der Geschichtskultur – obwohl eigentlich alle ihre Stärken und Schwächen haben und sich eine Wertigkeit kaum objektiv begründen ließe – einen besonders guten oder auch problematischen ‚Ruf‘ haben. Dazu gehört zum einen die Zuordnung zum gesellschaftlich als ‚Hochkultur‘ wahrgenommenen Bereich (z. B. Opern, Theater), auf der anderen Seite zu jenem, der eher als Subkultur – oder gar ‚Unkultur‘ – gewertet wird. Ein Beispiel für letzteres wären Comics. Diese wurden lange Zeit als ‚minderwertige‘ Medien ohne jeden Bildungswert, ja als ‚Schund‘ abgetan. Erst in jüngster Zeit (etwa seit „Maus. A Survivor‘s Tale“, 1980) änderte sich diese Wahrnehmung.
Generell kann man beobachten, dass sich Akteure der Geschichtskultur in ihrem Tun oft nicht angemessen wahrgenommen und beurteilt fühlen. Dies liegt einerseits daran, dass bestimmte Objektivationen nur von relativ kleinen communities gepflegt werden (z. B. Geschichtsmagazine). Andererseits werden an einige Formen der Geschichtskultur jedoch v. a. seitens der akademischen Analyse Kriterien angelegt, die ihnen nicht gerecht werden, da Wissenschaftler*innen ganz andere Maßstäbe setzen als die Akteur*innen. Deutlich wird dies nicht zuletzt immer wieder beim historischen Spielfilm: Wer hier nur danach beurteilt, inwieweit die ‚Fakten‘ stimmen, verkennt, dass ein Film, der ja in der Produktion besonders viel Geld kostet, v. a. die Auslagen um ein Vielfaches wieder einspielen soll. Er will also in erster Linie spannende Unterhaltung bieten (um zum Blockbuster zu werden) – und erst in zweiter Linie gegebenenfalls auch korrekt informieren. Entsprechendes gilt für die in der Entwicklung ebenfalls z. T. sehr teuren Branche der digitalen Spiele.
4.1.2.5 Problemfelder
Unter dem Stichwort „Problemfelder“ wurden die Autor*innen-Teams gebeten, spezifische, in der jeweiligen Geschichtskultur festzustellende fachliche, aber auch gesellschaftliche Problemlagen zu benennen und zu charakterisieren. Diese sind naturgemäß sehr unterschiedlich und haben auch deutliche Schnittmengen mit Aspekten der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Es können dazu gegebenenfalls problematische oder fragwürdige erkenntnistheoretische und/oder psychologische Prämissen des Tuns gehören, Attraktivität bestimmter Themen und Praktiken für extreme politische Milieus, aber auch ganz anderes.
Konkret zählen zu den Problemfeldern grobe Vereinfachungen, Personalisierungen und Dramatisierungen in vielfachen geschichtskulturellen Formen, die in ein enges zeitliches Korsett geschnürt sind (z. B. historische Spielfilme, Comics oder Stadtführungen in Gewandung) oder sich auch gegenüber Menschen gut verkaufen sollen, die sich eigentlich nicht sonderlich für Geschichte interessieren. Dies führt in nicht wenigen Fällen dazu, dass historische Mythen immer und immer wieder fortgeschrieben werden. Geschichtskultur bildet ein großes synreferentielles System. (Romanautor*innen schauen Filme, Filmproduzent*innen lesen Romane). Auf politischem Gebiet zeigen insbesondere diejenigen Bereiche der Geschichtskultur, die eine niedrige Partizipationsschwelle aufweisen, d. h. deren Konsum weder viel Geld erfordern, noch eine hohe Bildung oder sonstige Zugangsbeschränkungen oder Kontrollinstanzen vorgeschaltet haben, offenbar am ehesten eine gewisse Anfälligkeit dafür, dass sich in Nischen auch z. B. rechtsextremes Gedankengut ausleben lässt, das sich etwa nicht nur in einem über die Authentizitätsfunktion hinaus emphatischen Gebrauch von Symbolen wie Hakenkreuzen und Begriffen, sondern vielmehr auch den Darstellungen beziehungsweise Aktivitäten zugrunde gelegten Vorstellungen von ‚Eigenem‘ und ‚Fremdem‘, von nicht nur dargestellter, sondern geradezu verkörperten Vorstellungen von Treue, Ehre, Heldentum etc. ohne jegliche reflexive Distanzierung niederschlägt. Andere wiederum (wie v. a. der historische Roman) galten früher als gesellschaftliche Gefahrenquelle – sei es in Bezug auf sozialen Eskapismus, sei es hinsichtlich der Befürchtung, dass der Jugend (v. a. jungen Frauen) durch eine romantische Idealwelt nur ‚Flausen in den Kopf‘ gesetzt würden.
Die „Problemfelder“ umfassen somit ein breites Spektrum – von prekären Bedingungen für die Realisierung bestimmter Formen (geringe Nachfrage in relevanten Zielgruppen, starke Steuerung der Ausprägungen durch Erwartungen der Nachfragenden) über Spannungen innerhalb und zwischen Selbst- und Fremdverständnissen, bis hin zu gesellschaftlichen Aspekten der sich in geschichtskulturellen Formen ausdrückenden und/oder durch sie verstärkten Vorstellungen und Haltungen.
4.1.2.6 Lernrelevanz
Nicht strikt einheitlich sind auch die Perspektiven der Autor*innen-Teams auf den Aspekt „Lernrelevanz“. Dieser ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund interessant, dass die deutschsprachige Geschichtsdidaktik sich unter der Rubrik ‚Geschichtskultur‘ bereits früh um Formen ‚außerschulischer‘ beziehungsweise außer-akademischer Formen des Umgangs mit Geschichte befasst hat. Dieses Interesse beruhte dabei keineswegs allein oder auch nur vornehmlich auf der Verantwortung dieser Teildisziplin für institutionalisierte und insbesondere schulische Formen historischen Lernens und somit auf einem Interesse daran, inwiefern auch nicht spezifisch für die Schule entwickelte und produzierte Formen für sie genutzt werden können, sondern nimmt diese Formen vor dem Hintergrund der seit den 1970er Jahren postulierten Zuständigkeit für das „Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft“ (Jeismann) auch in ihren jeweiligen Eigenlogiken in den Blick. Mit der Pluralisierung der die gesellschaftlichen Zugriffsweisen auf Vergangenes und Geschichte32 wissenschaftlich untersuchenden Disziplinen – spätestens mit dem Aufkommen der Debatte um das kollektive Gedächtnis und die Erinnerungskulturen Ende der 1990er Jahre und Thematisierung von Geschichtsbezügen auch durch Literatur- und Politikwissenschaft sowie Psychologie und der Ausdifferenzierung von verwandten Konzepten (etwa Erinnerungs- und Geschichtskultur sowie jeweils -politik), verstärkt aber mit der expliziten Übernahme und Differenzierung der Konzepte ‚Public History‘ und ‚Angewandte Geschichte‘, – sollte es der Geschichtsdidaktik angelegen sein, sich zwar nicht auf den Bereich schulischen Geschichtsunterrichts zurückzuziehen,33 wohl aber, die Perspektive auf individuelle und kollektive Lernprozesse deutlich zu verstärken.
Es geht bei diesem Aspekt nicht allein darum, welchen Beitrag unterschiedliche Praxen und Institutionen der Geschichtskultur beziehungsweise öffentlicher Geschichte zu schulischem Geschichtsunterricht spielen können beziehungsweise in welcher Funktion sie dort erscheinen (etwa als Methoden oder Medien34 der ‚Vermittlung‘), sondern auch um die Frage danach, welche spezifischen Beiträge zur Entwicklung von Geschichtsbewusstsein die verschiedenen Praxen und Institutionen selbst für ihre Mitglieder und für ihre Publika zu leisten vermögen.
Ebenso aber gehen wir der Frage nach, welche Voraussetzungen bei Akteuren und Publika, aber auch bei Mitgliedern der Gesellschaft generell gegeben sein sollten, um mit den unterschiedlichen Formen der Geschichtskultur, ihren Eigenheiten, ihren Leistungen und Grenzen kritisch-reflexiv umgehen können, ohne dass damit verbundene Faktoren der Befriedigung, Freude und auch des Spaßes verdorben würden. Kurz: Die Leitfrage zielt nicht nur darauf, wie Geschichtsunterricht die unterschiedlichen Institutionen, Medien und Praxis ‚nutzen‘ kann, sondern auch darauf, welche Konzepte, Haltungen, Einsichten und Fähigkeiten schulischer Geschichtsunterricht entwickeln sollte, um Mitglieder der Gesellschaft zum Umgang zu befähigen, an solchen Formen wie an etwaigen Diskussionen über ihre Existenz, Sinnhaftigkeit und möglicherweise Regulierung teilzuhaben. Es wird also nicht nur von einer Prägung der gegenwärtigen Kultur durch Geschichte ausgegangen, sondern es sind Engagement und die reflexiv-kritische Teilhabe an der so stattfindenden gesellschaftlichen Aushandlung von Geschichtsvorstellungen beinhaltet.35
Für eine begriffliche Fassung der so bezeichneten didaktischen Perspektiven auf Geschichtskultur bietet sich folgende Terminologie an:
–Unter dem Begriff einer ‚produktionsdidaktischen Perspektive‘ können diejenigen Fragen, Konzepte und Einsichten gefasst werden, welche für vornehmlich außerschulische Produzenten historischer (Re-)Präsentationen und Aussagen mit hauptsächlich transitivem, d. h. auf ein Publikum gerichtetem, Charakter von Belang sind. Sie betrifft somit diejenigen Dimensionen, die gerade auch eine sich als wissenschaftliche Qualifikation außerakademischer ‚Profis‘ im Feld verstehende Public History theoretisch erfassen, empirisch erforschen und in der (wohl nicht ohne Grund oft projektförmigen) Lehre thematisieren muss.
–Verwandt, aber nicht deckungsgleich mit der zuvor genannten, und weitaus weniger explizit und formalisiert dürften die zu Beginn dieses Kapitels angedeuteten Fragestellungen und die sich daraus etablierenden Einsichten und Konzepte sein, die etwa dort zum Tragen kommen, wo in geschichtskulturellen Institutionen und Gruppierungen ‚Nachwuchsarbeit‘ betrieben wird, ohne dass eine explizit transitive Außenwirkung mitgedacht sein muss. Wo etwa im Rahmen von Reenactment-Gruppen junge oder neue Mitglieder über die Prinzipien des eigenen Tuns informiert und entsprechend sozialisiert werden, wo on-oder auch offline agierende communities analoger oder digitaler historischer Spiele36 Fragen der Authentizität oder der angesichts des historischen Gegenstandes ihres Spiels akzeptablen (z. B. moralischen oder empirisch triftigen) Gestaltung und Ausführung verhandeln und dabei historisch gelehrt und gelernt wird, kann man von einer ‚gruppendidaktischen Perspektive‘ sprechen. Es steht zu vermuten, dass bei ihr Aspekte der unmittelbaren Viabilität der gegenwärtigen Gruppenidentität und des eigenen Tuns andere Verbindungen mit solchen spezifisch historischer Triftigkeit eingehen als im zuvor genannten Fall.
–Wiederum zu unterscheiden von den bisher genannten beiden sind Perspektiven auf geschichtskulturelles Tun, in welchen danach gefragt wird, wie, d. h. mittels welcher Verfügung über nicht nur allgemein historische Einsichten, Begriffe und Konzepte, sondern solche, die die spezifische Form des Geschichtsbezugs betreffen, Nicht-Akteure das jeweilige Geschehen sowohl verstehen als auch vernünftig einordnen und beurteilen können. Zu dieser ‚rezeptionsdidaktischen Perspektive‘ gehören etwa Fragen nach medien- und praxisspezifischen Ausdrucksformen, ihren Reichweiten und Grenzen, aber beispielsweise auch solche nach den mit ihnen verbundenen kommerziellen Interessen oder den an ihnen beteiligten sozialen Gruppen.
–Von allen drei Perspektiven zu unterscheiden ist eine vierte, welche Aspekte aller zusammenführt unter der generellen Frage, mit Hilfe welcher Einsichten, Kenntnisse und Fähigkeiten Mitglieder der jeweiligen Geschichtskultur – unabhängig davon, ob als Aktive, Rezipient*innen oder auch skeptische Beobachter*innen – in die Lage versetzt werden, die Bedeutung sowohl der einzelnen geschichtskulturellen Formen als auch ihres ‚Zusammenspiels‘ vernünftig zu beurteilen und miteinander zu verhandeln. Das betrifft z. B. die nötigen Einsichten, die erforderlich sind, um gesellschaftlich nicht nur über ‚Sinn‘ und ‚Unsinn‘, sondern über Legitimität und Grenzen derselben etwa von historischen Erinnerungsfeiern, über historische Filme etc. nachdenken und mitreden zu können. Sie kann als ‚reflexionsdidaktische Perspektive‘ bezeichnet werden. Es ist diese Perspektive, welche (wohl in Kombination mit der vorherigen) wesentlich dazu geeignet ist, auch schulischem Geschichtsunterricht unterlegt zu werden, der die Geschichtskultur ernst nimmt und thematisiert, und somit die folgende und letzte Perspektive zu ergänzen.
–Abschließend zu nennen ist gewissermaßen eine herkömmlich ‚unterrichtsdidaktische Perspektive‘, die danach fragt, inwiefern Beispiele der unterschiedlichen geschichtskulturellen Formen im Unterricht einsetzbar sind. Diese Perspektive ist immer dort im Spiel, wo die Geschichtskultur nicht oder nicht vornehmlich als analytisch zu de-konstruierender Gegenstand, sondern als Mittel zu re-konstruktiver Beförderung historischer Erkenntnisse und Einsichten befragt wird: Inwiefern kann etwa die Einladung eines reenactors römischen Militärs dem Unterricht über antike Geschichte Anschaulichkeit verleihen, inwiefern ist es hilfreich für den Unterricht über den Nationalsozialismus, Spielfilme wie „Der Untergang“ im Unterricht zu zeigen, inwiefern eignen sich Besuche von KZ-Gedenkstätten nicht nur zur ‚Imprägnierung‘ Jugendlicher gegen Rechtsradikalismus, sondern zur ‚Vermittlung‘ des damaligen Geschehens? Inwiefern eignet sich Kinder- und Jugendliteratur zur Gewinnung historischer Einsichten – und nicht nur zur Etablierung von Klischees? Die aufgezählten Beispiele verdeutlichen bereits, dass eine reine Mittel-Zweck-Relation im Sinne der transitiven ‚Vermittlung‘ von ‚Wissen über Vergangenes‘ allzu verkürzt ist. Wesentlich in kontrastiver und differentieller Verbindung mit der rezeptionsdidaktischen und der reflexionsdidaktischen Perspektive kann sie Geltung beanspruchen. Die Zusammenschau der Einzelbeiträge zeigt denn auch, dass diese unterrichtsdidaktische Perspektive in vielen Fällen den Ausgangspunkt der Reflexionen des jeweiligen Lernrelevanz-Kapitels bildet, in beinahe allen Fällen aber die reine Mittel-Zweck-Relation verlassen und Aspekte der anderen Perspektiven, insbesondere der rezeptionsdidaktischen, mit einbezogen werden.
Die unterschiedlichen didaktischen Perspektiven reflektieren in gewisser Weise auch die Einsicht, dass Institutionen, Praxen und Medien der Geschichtskultur ihrerseits in einem Spannungsfeld stehen: Zum einen ‚gehören‘ sie den jeweiligen Aktiven und Trägern als den Gestaltern der jeweiligen Aktivitäten beziehungsweise auch ganz ökonomisch-juristisch den Inhabern und drücken somit individuelle als auch aggregierte Formen des Geschichtsbewusstseins aus – sie sind gleichzeitig nicht nur analytisch der allgemeinem Geschichtskultur einer Gesellschaft zuzurechnen, sondern prägen deren Charakter und wirken auf individuelle und kollektive Überzeugungen, Haltungen und Fähigkeiten ein. Als solche dürfen und müssen sie auch Gegenstand öffentlicher Wahrnehmung, Reflexion und Diskussion sein, zu der Geschichtsunterricht befähigen muss.
4.2 Vergleichende Beiträge in „Ebene 2“
Um die Ergebnisse der Ebene 1 einer ersten Auswertung zu unterziehen, fand am 29./30. März 2019 an der Pädagogischen Hochschule Freiburg eine von uns Herausgebern geleitete Tagung statt, an der ca. 50 Geschichtsdidaktiker*innen und Praktiker*innen der akademischen wie auch außerakademischen Geschichtskultur teilnahmen. Während die Autor*innen der Querschnittkapitel auf Grundlage der bereits vorliegenden Beiträge der 1. Ebene (Teil I) sowie anhand von den Herausgebern vorgegebenen Fragerastern unter Beigabe ihrer jeweiligen Fachexpertise pointierte Kurzvorträge hielten, wurden diese anschließend vom Publikum ausgiebig diskutiert, zu dem außer vielen Autor*innen der 1. Ebene auch gezielt Teilnehmende insbesondere aus dem Bereich der Geschichtsdidaktik geladen waren, die aufgrund ihrer Forschungsschwerpunkte substantielle Beiträge zur Auswertung zu liefern vermochten. An diesen ersten Teil schloss sich eine Workshop-Phase an, während der die Ergebnisse in mehreren, den vorliegenden Band beeinflussenden Absichten bereits weiter gedacht wurden. Das Ziel der Tagung bestand darin, die Auswertung auf eine möglichst breite Grundlage von Experten aus dem deutschsprachigen Raum stellen zu können, um somit einerseits bestehenden Konsens zu bestätigen, andererseits jedoch auch herauszuarbeiten, wo Dissens oder weiterer Forschungsbedarf bestehen.
Hierfür und hieraus sind die Artikel der 2. Ebene (Teil II) hervorgegangen, welche – vornehmlich, wenn auch nicht ausschließlich – auf der Basis der Beiträge der 1. Ebene einigesystematische Analysen von Strukturen der Geschichtskultur vornehmen. „Einige“ deshalb, weil eine ganze Reihe weiterer vergleichender und kategorisierender Perspektiven denkbar und tatsächlich auch wünschenswert sind, die aber den Rahmen dieses Bandes sprengen würden. Die Beschränkung auf die gegebenen Beiträge soll somit sowohl aufzeigen, dass und wie das (seinerseits nicht vollständig abgehandelte) Spektrum an Formen und Manifestationen auch über die in den Leitfragen vorgegebenen Aspekte hinaus gewinnbringend verglichen werden kann, andererseits aber den Eindruck bewusst vermeiden, dass damit das Potenzial solcher Vergleiche auch nur annähernd ausgeschöpft wäre.
Die Diskussionen und insbesondere die Workshop-Phase lieferten schließlich einen Pool von Ideen, die in die Auswertungen der Herausgeber eingeflossen sind. Genauso wenig, wie die Beiträge der 1. und 2. Ebene die vielfältigen Phänomene der (deutschsprachigen) Geschichtskultur zu fassen vermögen, sind diese Auswertungen als der Weisheit letzter Schluss zu betrachten. Wie bereits mehrfach betont, soll dieser Band den Zwecken dienen, a) durch exemplarische Akzente die Weite des Feldes zu ermessen, b) die Diskussion zwischen wissenschaftlichem und außerwissenschaftlichem Umgang mit Geschichte anzuregen sowie c) durch Aufzeigen von Desiderata zur weiteren Erforschung der Geschichtskultur zu ermuntern.
Die strukturellen Analysen dieses Teils werten dabei die Beiträge der vorangehenden 1. Ebene nicht einfach im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin aus und charakterisieren seine Relevanz auch dort, wo sie in den Beiträgen selbst nicht explizit oder nur angedeutet erscheint, unterfüttern sie mit eigenständigen Überlegungen und Theoretisierungen. Zum Teil können sie dabei auf bereits länger geführte Theoriediskurse zurück- und deren Konzepte und Terminologie aufgreifen, wenden diese aber durchaus differenzierend und reflektiert auf das in diesem Band vorgestellte Spektrum an. Das trifft etwa auf den Beitrag von Cord Arendes zu, der zunächst unter dem Titel „Geschichte als politisches Argument“ eine spezifische Funktionalisierungen nicht nur fachwissenschaftlich erarbeiteter Ergebnisse reflektiert, sondern das Verhältnis von Geschichte und Politik grundsätzlicher in den Blick nimmt.
Anders liegt der Fall hinsichtlich einer Distanzierungsfunktion von der Gegenwart. Dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit auch eine Mittel sein kann, tatsächlicher oder auch vermeintlicher Entfremdung modernen Lebens oder dessen Unattraktivität zu entkommen, ist ein sowohl in Bezug auf das Lesen historischer Romane37 als auch auf reenactments öfter geäußerter Topos. Die vornehmlich negative Funktion einer Alternative zur Gegenwart ist wohl zu einfach, wie insbesondere Vanessa Agnew gezeigt hat.38
