Geschlechter -  - E-Book

Geschlechter E-Book

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Beschreibung

Geschlechter - ein hochaktuelles Thema, das viele Fragen aufwirft: Wie verstehen wir heute "Geschlechtsidentität "und wie sind Genderthemen in die Psychotherapieausbildung integriert? Sind wir vorbereitet auf das Problem von realen intimen Beziehungen in der Therapie und wie offen gehen wir damit um? Für wen wäre als TherapeutIn eine Frau besser, für wen ein Mann? Welche Rolle spielen Genderaspekte in der Gruppentherapie? Was müssen wir in der Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen mit einer Genderdysphorie beachten? Das vorliegende Buch erörtert diese und verwandte Fragen in fünf Kapiteln, die sich auf Vorträge bei den Lindauer Psychotherapiewochen beziehen.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Titelei

Die Autor:innen

Vorwort

»Wäre für diese Patientin nicht ein Mann besser?« – Dies und das zur Geschlechteranpassung in der Psychotherapie

Ansichten zu Geschlechterpassungen

Was ist mit Therapeut:innen?

Übertragungs- und GegenübertragungsKonstellationen und Komplikationen

Online-Befragung: Therapeut:innensicht auf Geschlecht in der Psychotherapie

Die Perspektive der Patient:innen

Fazit

Literaturverzeichnis

Genderaspekte in Gruppenpsychotherapie

Geschlechtsunterschiede und Geschlechterpassung in der Einzeltherapie

Bedeutung des Geschlechts in der Gruppenpsychotherapie

Geschlechterrelevante Befunde aus der Gruppendynamik

Geschlechtsabhängige Effekte von Gruppenpsychotherapien

Empirische Befunde zu Gruppenpsychotherapie und Geschlecht

Fazit

Literatur

Intime Beziehungen in der Therapie

Der symbolische Raum

Asymmetrie in der Therapie

Was ist mit symbolischem Raum – potentiel space – gemeint und wie »fühlt« er sich an?

Zerstörung des symbolischen Raums

Sexueller Missbrauch in der Kindheit

Abstinenz

Literatur

Psychotherapie bei transgender Kindern und Jugendlichen

Einleitung

Begrifflichkeiten

Sexuelle Orientierung

Geschlechtsidentität

Ausmaß an Leid

Kontroverse Einstellung zur Persistenz des Transerlebens

Transition

Kontroverse Einstellungen zur Transition

Pubertätsunterdrückende Hormonbehandlung

Gegengeschlechtliche Hormongabe

Geschlechtsangleichende Operation

Aufgaben der transgender kompetenten Therapeut:innen

Identifikation

Diskriminierung

Coming-out

Sexualität

Begleitung im Transitionsprozess

Literatur

Geschlechtsidentität im Wandel. Vom Merkmal zum intersubjektiven Prozess

Sexualität und das Sexuelle

Sex und Gender

Geschlechtsidentität und sexuelles Selbst

Vom Ursprung der Sexualität

Die Entwicklung der Geschlechtsidentität

Von der binären zur multiplen Geschlechterordnung

Fazit

Literatur

Stichwortverzeichnis

Personenverzeichnis

Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik

Herausgegeben von Michael Ermann und Dorothea Huber

Michael Ermann, Prof. Dr. med. habil., ist Psychoanalytiker in Berlin und em. Professor für Psychotherapie und Psychosomatik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Dorothea Huber, Professor Dr. med. Dr. phil., war bis 2018 Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der München Klinik. Sie ist Professorin an der Internationalen Psychoanalytischen Universität, IPU Berlin, und in der wissenschaftlichen Leitung der Lindauer Psychotherapiewochen tätig.

Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:

https://shop.kohlhammer.de/lindauer-beitraege

Dorothea Huber (Hrsg.)

Geschlechter

Neuere psychodynamische Aspekte

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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1. Auflage 2023

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:ISBN 978-3-17-043226-0

E-Book-Formate:pdf:ISBN 978-3-17-043227-7epub:ISBN 978-3-17-043228-4

Die Autor:innen

Cord Benecke, Prof. Dr. phil., ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie am Institut für Psychologie der Universität Kassel. Er ist Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker, Sprecher des Arbeitskreises Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) und in der wissenschaftlichen Leitung der Lindauer Psychotherapiewochen.

Michael Ermann, Prof. Dr. med., ist Psychoanalytiker in Berlin und em. Professor für Psychotherapie und Psychosomatik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Herausgeber der Reihe »Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik« im Kohlhammer Verlag.

Marga Löwer-Hirsch, Dr. phil., ist in freier Praxis in Düsseldorf und Berlin tätig als psychodynamisch arbeitende Supervisorin und Business Coach, Psychologische Psychotherapeutin (Psychoanalyse) und Balintgruppenleiterin.

Michaela Sanders, Päd. (M.A.) et Dipl. Inform., ist analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, zusätzlich Paar- und Familientherapeutin sowie Gruppenanalytikerin und Traumatherapeutin. Sie ist in München niedergelassen.

Bernhard Strauß, Prof. Dr. phil., ist Direktor des Instituts für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie der Universitätsklinik Jena. Er ist Psychologe, Psychoanalytiker sowie Gruppenanalytiker und aktuell einer der beiden Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie nach § 8 PsychThG.

Vorwort

Geschlechter: Ein Dauerbrenner-Thema auf kleiner Flamme oder tatsächlich hochaktuell? Die Herausgeberin denkt: Letzteres – Warum?

Auf der Basis eines bahnbrechenden Urteils des Bundesverfassungsgerichts ist es möglich geworden, offiziell neben männlich und weiblich, divers als drittes Geschlecht anzugeben. Es wurde eine S3 Leitlinie »Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit« vorgelegt, zur nachhaltigen Verbesserung der Trans-Gesundheitsversorgung mit individualisierter Behandlung und damit verbundener Abkehr vom One-size-fits-all-Ansatz.

Aktuell gibt es eine durchaus aufgeheizte Diskussion, ob jede:r Deutsche das eigene Geschlecht ab einem Alter von 14 Jahren selbst bestimmen darf, ohne Begutachtung, und es kündigt sich an, dass dieses Gesetz uns in unseren Psychotherapien viel beschäftigen wird, z. B. weil psychisch kranke Menschen oder Jugendliche mit Identitätskrisen den Geschlechtswechsel für eine Lösung ihrer Probleme halten und dann möglicherweise scheitern.

In der Medizin dominieren noch immer männliche Normwerte und Medikamente werden überwiegend an Männern getestet – wo bleibt da das zweite Geschlecht (obwohl wir doch eigentlich schon beim dritten sind)?

Wie weit sind diese aufgeworfenen Themen in der Ausbildung zu Psychotherapeut:innen integriert? Haben wir im Blick, welche Gegenübertragungsgefühle bei einem Cis-Therapeuten gegenüber einem Trans-Patienten entstehen? Oder: Wäre für diese Patient:in nicht ein Mann (eine Frau) besser? Sind wir durch unsere Ausbildung vorbereitet auf das Problem von realen intimen Beziehungen in der Therapie und wie offen gehen wir damit um? Wissen wir, was wir in der Psychotherapie mit transgender Kindern und Jugendlichen beachten müssen? Und welche Rolle spielen Genderaspekte in der Gruppentherapie? Wie verstehen wir heute Geschlechtsidentität?

Das vorliegende Buch versucht in fünf Kapiteln, die auf Hauptvorträgen der Lindauer Psychotherapiewochen 2022 basieren, diese Fragen zu klären oder zu vertiefen (beim Beitrag von M. Ermann handelt es sich um eine überarbeitete Fassung einer Vorlesung bei den Lindauer Psychotherapiewochen 2018).

Berlin, im Februar 2023Dorothea Huber

»Wäre für diese Patientin nicht ein Mann besser?« – Dies und das zur Geschlechteranpassung in der Psychotherapie

Cord Benecke

Vermutlich in den meisten psychotherapeutischen Praxen und Ambulanzen taucht immer mal wieder die Frage nach der Geschlechterpassung zwischen Patient:in und Therapeut:in auf. Meist in Bezug auf die:den ganz konkrete:n Patient:in. Dabei ist der gewählte Titel »Wäre für diese Patientin nicht ein Mann besser?« (gemeint ist hier natürlich ein männlicher Therapeut) nur eine Variante – die Frage lässt sich in allen Konstellationen durchspielen.

In diesem Beitrag möchte ich erstens einen Blick in die klinische Literatur zu dieser Frage werfen, zweitens den diesbezüglichen Stand der Empirie skizzieren und drittens eine eigene Studie, die an der Universität Kassel unter Mitarbeit von Studierenden in Vorbereitung auf die Lindauer Psychotherapiewochen 2022 durchgeführt wurde, vorstellen.

Auch wenn es auf den LPTW 2022 ausführlich um das Fluide und das Non-Binäre in der Genderwahrnehmung und -identifikation ging, beschränkt sich dieser Text hier auf die möglichen Passungen der Binärität, also auf ein schlichtes 4-Felder-Schema (▸ Tab. 2).

Wie ist das mit der Passung? Welche Konstellation ist für diese:n Patient:in besser? Diese Frage stellen wir uns gerade in Ambulanzen, z. B. bei uns in der Hochschulambulanz der Universität Kassel, ziemlich häufig.

In dem bekannten Lehrbuch »Praxis der Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch« von Senf und Broda gab es in der Auflage von 20071 ein Kapitel mit dem Titel »Geschlechtsspezifische Aspekte von der Psychotherapie« von Sellschopp-Rüppell und Dinger-Broda2 mit Unterkapiteln zu geschlechtsspezifischen Aspekten in der Theorie und Modellbildung, in der Einzeltherapie sowie in der Gruppentherapie und zu Unterschieden im Therapieerfolg zwischen Männern und Frauen. Ich werde auf einzelne Inhalte dieser Arbeit mehrfach zurückkommen. Die beiden Autorinnen ziehen folgendes Resümee: »Fragen nach der Bedeutung des Geschlechts sollte daher zukünftig weit mehr Aufmerksamkeit, zuallererst in der Forschung, gewidmet werden«3. Das war der letzte Satz in diesem Kapitel und entsprechend neugierig ist man auf die nächste Auflage des Lehrbuches auf dem Jahre 20124. Dort allerdings fehlt dieses Kapitel. Es ist nicht lediglich unverändert geblieben; das Kapitel ist einfach nicht mehr vorhanden. Dieses Thema, das eigentlich ein ganz wichtiges sein sollte, ist also komplett verschwunden. Tatsächlich spiegelt das einen Trend insgesamt in der Literatur wider: Man findet sehr viel Literatur zu diesem Thema in den 1970er/80er Jahren und dann wird es immer weniger, an Theorie oder Fallbeispielen oder Forschung.

Die ein oder andere Publikation gibt es dann doch, vor allen Dingen trifft man aber auf sehr viele Klischees. Beispiele: Frauen gelten als empfänglicher für interpersonelle Themen, emotional stärker am therapeutischen Prozess beteiligt; könnten Psychotherapie daher besser nutzen.5 Männer hingegen wollen handeln und nicht reden; glauben, stets hart, unbeugsam und unabhängig sein und die Kontrolle behalten zu müssen; um Rat zu bitten und Schwächen zuzugeben, widerspreche daher ihrem Selbstbild; seien gewohnt, Probleme zu verschweigen und allein klarzukommen; daher sei Psychotherapie oft keine Option, schon gar nicht bei einer Therapeutin.6 Und es gibt auch Klischees über Therapeutinnen und Therapeuten (▸ Tab. 1):

Tab. 1:Klischees über Therapeutinnen und Therapeuten

Therapeutinnen

Therapeuten

·

geduldiger, sensibler,

·

intuitiver, gefühlsorientierter, umsorgender und als

·

besser sozialisiert für heilende und helfende Berufe7

·

problemfokussierter,

·

direkter,

·

hierarchisch orientierter und

·

urteilender8

Dem »Mütterlichen« zugeschriebene Techniken: Halten, Containing, Spiegeln

Dem »Väterlichen« zugeschriebene therapeutische Techniken: Strukturgeben, Deuten, Konfrontieren, Klarifizieren

Therapeutinnen gelten als geduldiger, sensibler, intuitiver, gefühlsorientierter, umsorgender und überhaupt besser sozialisiert für heilende und helfende Berufe.9 Und die »dem Mütterlichen« zugeschriebenen Techniken sind Halten, Containing und Spiegeln – also ungefähr die allgemeinen Wirkfaktoren der Psychotherapie. Frauen können das besser – so liest man es zumindest in der Literatur. Und wir Männer, Therapeuten, sind problemfokussierter, direkter, hierarchisch orientierter, urteilender – so werden wir zumindest von Patient:innen wahrgenommen.10 Die dem »Väterlichen« zugeschriebenen Techniken sind Strukturgeben, Klarifizieren, Konfrontieren, Deuten – also eher die freudsche Variante. Diese schon alte Debatte innerhalb der Psychoanalyse, welche Technik – die eher väterlich/freudsche oder die eher mütterliche (Ferensci zugeordnete) – die heilsamere sei, ist sehr schön nachzulesen bei Haynal11. Immer wieder finden sich empirische Hinweise, dass Frauen und Männer unterschiedlich intervenieren, z. B.: »Female therapists intervene more empathically, whereas male therapists tend to use more confrontational techniques«12.

Auf die Frage, ob Frauen die besseren Therapeut:innen sind, komme ich später noch einmal zurück.

Ansichten zu Geschlechterpassungen

Also, wer passt denn jetzt mit wem besser zusammen? Immer wieder taucht in der Literatur die Ansicht auf, dass gleichgeschlechtliche Patient:in-Therapeut:in-Dyaden (Same-gender-Dyaden) zu einer erfolgreicheren Behandlung führen. In den 1970er Jahren ging es zwischenzeitlich soweit, dass man sagte, männliche Therapeuten sollten gänzlich darauf verzichten, weibliche Patientinnen zu behandeln13: »Male clinicians should stop treating women altogether!«14 – weil Männer das nun einmal nicht könnten, sie verstünden nichts von Frauen. Das war tatsächlich eine Forderung, die immer wieder auftauchte. Hier noch ein paar Zitate in Bezug auf diese Passung, also die Same-gender-Therapie:

»Einige Patient:innen suchen eine Same-gender-Psychotherapie, weil sie daran die Phantasie knüpfen, besser und tiefer verstanden zu werden, oder wählen hingegen eine:n Psychotherapeut:in vom anderen Geschlecht, um die opposite-gender-Sicht in ihre Therapie einzubeziehen.«15

Insbesondere bei den Themen Schwierigkeiten mit Sexualität und Partnerschaft, Problemen mit Schwangerschaft und Kindern sowie bei sexualisierter Gewalt und Traumatisierung bevorzugen Frauen eine Same-gender-Psychotherapie.16

»Männliche Patienten könnten bei einem Psychotherapeuten mehr Anforderungen phantasieren und deshalb eine Psychotherapeutin bevorzugen.«17

Diese wenigen Zitate lassen die Frage aufkommen: Ja, wer braucht denn da jetzt was? Das ist tatsächlich eine schwierige Frage. Insbesondere bei den Themen Schwangerschaft, Sexualität, Partnerschaft, Kinder, sexualisierte Gewalt, Traumatisierung bevorzugen Frauen Same-gender-Psychotherapie – naheliegender Weise. Insgesamt haben Frauen sehr viele Gründe zu Frauen in Therapie zu gehen – und Männer auch, siehe das obige Zitat von Schigl. Ja, also sagen wir so: Es wirft ein nicht so gutes Licht auf uns Männer. Und es würde bedeuten, dass sowohl Patientinnen wie Patienten lieber eine Therapeutin aufsuchen.

Bisher sind das Ansichten von Autor:innen. Nun versuche ich ein paar Zahlen hinzuzufügen und wir fangen einmal mit den unterschiedlichen Therapiezielen je nach Geschlecht an. In einer Befragung und qualitativen Analyse der Interviews wurden folgende Geschlechtsunterschiede in den Therapiezielen gefunden:18

·

Therapieziele von Patientinnen: mehr Selbstbewusstsein, Fähigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und die Kompetenz, Grenzen zu setzen.

·

Therapieziele von Patienten: berufliche Konfliktsituationen klären und Umgang mit Konkurrenz und Leistungsdruck verbessern.19

Interessant ist jetzt natürlich: Welche Therapieziele haben Therapeuten und Therapeutinnen für ihre Patient:innen? Hier die Ergebnisse einer Studie von Billingsley20, in der Vignetten fiktiver Patient:innen vorgelegt wurden, zu denen die Therapeut:innen Therapieziele erarbeiten sollten:

·

Therapeutinnen wollen für Patient:innen beiderlei Geschlechts mehr Durchsetzungsfähigkeit, mehr Selbstbewusstsein, mehr Rationalität.

·

Männliche Therapeuten wollen für Patient:innen beiderlei Geschlechts den Zugang zu Emotionen verbessern und Gefühle besser ausdrücken zu können.

Man fragt sich schon: Wer will da jetzt was für wen? Also man kann schon denken, die Patient:innen sollen das richten – wenn wir wieder an die Klischees denken – was wir selber irgendwie nicht können.

Hier ein paar Unterschiede zwischen Männern und Frauen als Patient:innen:

·

Ungefähr zwei Drittel, je nach Studie auch drei Viertel der Patient:innen sind weiblich, das Verhältnis Frauen zu Männern liegt bei ca. 70:30.21

·

Die Mehrzahl an Studien kommt zu dem Schluss, dass Patient:innen beiderlei Geschlechts sich in gleichgeschlechtlichen Dyaden wohler fühlen22 – zunächst. Ob das auch therapeutisch sinnvoll ist, ist eine andere Frage, aber erst einmal können Frauen in dieser Konstellation leichter eine Arbeitsbeziehungen aufbauen.

·

Frauen profitieren nach einer Studie von Ogrodniczuk et al.23 deutlich besser als Männer von Gruppentherapie. Die Autorinnen erklären dies mit der stärkeren Bindung der einzelnen Patient:innen an die Gruppe, die bei den männlichen Patienten schwächer ausgeprägt war. Ein anderer Grund könnte den Autoren zufolge sein, dass in den Gruppen meistens weitaus weniger Männer sitzen, welche sich dann ggf. ein bisschen verloren vorkommen könnten. Neuere Studien finden keine Unterschiede.24

Daran knüpft sich die generelle Frage an, ob sich Männer und Frauen bezüglich des Therapieerfolgs unterscheiden? Im Standardwerk der Psychotherapieforschung, dem »Handbook of Psychotherapy and Behaviour Change«25, findet sich ein Kapitel zu Faktoren auf Seiten der Patient:innen, die zu Outcome-Unterschieden führen. Und bei »Gender« ist das Fazit: »inkonsistent«: Es gibt keine klare Richtung, man kann nicht sagen, dass das eine Geschlecht mehr von Psychotherapie profitieren würde als das andere. So können wir im Moment nicht sagen, dass Frauen als Patientinnen die »besseren« Patient:innen sind, weil sie eigentlich, wie oben klischeehaft angenommen wurden, besser für Psychotherapie »geeignet« seien. Die empirische Outcome-Befundlage gibt das nicht her.

Was ist mit Therapeut:innen?

Wie entwickelt sich eigentlich das Geschlechtsverhältnis in unserem Berufsfeld? In Österreich ist die Anzahl der männlichen Therapeuten in den letzten 30 Jahren nur mäßig gestiegen, die Anzahl der Therapeutinnen hingegen sehr stark, sodass sich der Prozentanteil der Frauen von 63 % im Jahr 1995 auf 74 % im Jahr 2021 erhöht hat. In Deutschland waren 2017 72 % der PP-Kammermitglieder Frauen. Diese Verteilung entspricht auch dem aktuellen Geschlechterverhältnis der Psychologiestudierenden: zwei Drittel Frauen, ein Drittel Männer. Bei den Approbationsprüfungsabsolvent:innen für psychologische Psychotherapeut:innen sieht es nochmal anders aus: 85 % Frauen im Jahr 2020 laut dem letzten Bericht vom Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP).

Vor diesem Hintergrund ist die Frage, ob Frauen (entsprechend der Klischees) die besseren Therapeut:innen sind, nochmals interessanter. Einige einzelne ältere Studien aus den 1970er und 1980er Jahren26 zeigen, dass Therapeutinnen bessere Therapieergebnisse erzielen als ihre männlichen Kollegen – allerdings nur bei Anfänger:innen; bei erfahrenen Therapeut:innen fanden sich keine Unterschiede mehr. Es gibt eine Reihe von einzelnen Studien, die immer mal hier oder da was finden in die eine oder andere Richtung, aber daraus lässt sich kein allgemeines Urteil draus ziehen. Zumal sich die Befundlage über die Jahre offenbar geändert hat:

·

In ihrem Review für die 3. Auflage des »Handbook of Psychotherapy and Behavioral Change« kommen Beutler et al. 27 zu dem Schluss, dass weibliche Psychotherapeutinnen erfolgreicher als ihre männlichen Kollegen sind.

·

In einem späteren Review von Beutler et al.28 für das »Handbook« revidieren die Autor:innen den Einfluss der Geschlechtszugehörigkeit des:der Therapeut:in: »If any conclusion is warranted, it is that contemporary (recent) research has demonstrated even less of a predictable relationship between therapist sex and outcome than previously reported.«29

·

In der aktuellen Auflage des »Handbook«30 werden nur noch »nonsupportive studies (null findings)« aufgeführt, also Studien, die keinen Geschlechtsunterschied finden.

Studien mit signifikanten Ergebnissen gibt es 2021 also keine mehr; demzufolge findet sich kein Effekt vom Geschlecht der Therapeut:innen auf den Outcome. Und so gilt wohl noch das folgenden Resumée: »Sex and gender issues of both therapists and patients did not play a crucial role in any type of psychotherapy investigated.«31

Das sagt aber noch nichts zur Frage der Passung. Wie verhält es sich mit der Geschlechterkombination?