Verlag: Campus Verlag Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Geschlechtergeschichte - Claudia Opitz-Belakhal

Die Geschlechtergeschichte ist aus der historischen Forschung und Lehre nicht mehr wegzudenken. Sie verdankt viele Anregungen der Sozialgeschichte, hat sich aber auch neueren Entwicklungen, etwa der Historischen Anthropologie und der Neuen Kulturgeschichte, geöffnet und die dort geführten Diskussionen mit geprägt. Claudia Opitz- Belakhal legt in diesem Band den Fokus auf die Debatten um Konzepte und Methoden der Geschlechtergeschichte, auf die Auseinandersetzungen um die Kategorie "Geschlecht" sowie auf die Geschichte der Geschlechterrollen und der Sexualität. "Eine Einführung in die Geschlechtergeschichte (...), die nicht nur EinsteigerInnen Orientierung gibt, sondern auch für diejenigen, die Geschlechterforschung betreiben, neue Einblicke in bzw. Sichtweisen auf die feministischen Debatten der letzten drei Jahrzehnte vermittelt." Zeitschrift für Sexualforschung

Meinungen über das E-Book Geschlechtergeschichte - Claudia Opitz-Belakhal

E-Book-Leseprobe Geschlechtergeschichte - Claudia Opitz-Belakhal

Claudia Opitz-Belakhal

Geschlechter-geschichte

2., aktualisierte und erweiterte Auflage

Campus Verlag

Frankfurt/New York

Über das Buch

Die Geschlechtergeschichte ist aus der historischen Forschung und Lehre nicht mehr wegzudenken. Sie verdankt viele Anregungen der Sozialgeschichte, hat sich aber auch neueren Entwicklungen, etwa der Historischen Anthropologie und der Neuen Kulturgeschichte, geöffnet und die dort geführten Diskussionen mit geprägt. Claudia Opitz- Belakhal legt in diesem Band den Fokus auf die Debatten um Konzepte und Methoden der Geschlechtergeschichte, auf die Auseinandersetzungen um die Kategorie "Geschlecht" sowie auf die Geschichte der Geschlechterrollen und der Sexualität.

»Eine Einführung in die Geschlechtergeschichte (...), die nicht nur EinsteigerInnen Orientierung gibt, sondern auch für diejenigen, die Geschlechterforschung betreiben, neue Einblicke in bzw. Sichtweisen auf die feministischen Debatten der letzten drei Jahrzehnte vermittelt.«

Vita

Claudia Opitz-Belakhal ist Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit in Basel.

Inhalt

1. Einleitung

2. Von der Frauengeschichte zur Geschlechtergeschichte

2.1 Gender – eine (macht-)analytische Kategorie

2.2 Kritik der Kategorie »Geschlecht«: Erfahrung vs. Diskurs

2.3 Geschlecht als Markierung und tracer

2.4 Von gender zur queer theory

2.5 Doing gender – Geschlecht als Praxis

2.6 Narrating gender

2.7 Staging gender

2.8 Intersektionalität

2.9 (K)Ein gender turn?

3. Weiblich – männlich? Geschlechterbilder und Geschlechterordnungen im Wandel

3.1 »Natur« und »Kultur« der Geschlechter

3.2 Männliche (Natur-)Wissenschaften?

3.3 Vom Ein- zum Zwei-Geschlechter-Modell

3.4 Universität und Wissenschaften ohne Frauen?

3.5 Geschlechtersymbole und ihre (Be-)Deutungen

3.6 Geschlechtsidentitäten im Wandel

3.7 Kritik des Geschlechterrollen-Konzepts

4. Klasse, Stand und Geschlecht

4.1 Frauen als (ausgebeutete) »Klasse«?

4.2 Von der Frauen(erwerbs)arbeit zum »Wirtschaften mit der Geschlechterordnung«

4.3 Geschlechtergeschichte der Ökonomie

4.4 Geschlecht und materielle Kultur

5. Nation, Ethnizität und Geschlecht

5.1 Race, class und gender

5.2 Vom Antisemitismus zur jüdisch-deutschen Geschichte

5.3 Nation, Nationalismus und Geschlecht

5.4 Ethnizität und Geschlecht in postkolonialen Kontexten

5.5 Geschlechtergeschichte und Globalgeschichte

6. Öffentlich vs. privat?

6.1 Wider die Dichotomie »öffentlich – privat«

6.2 Öffentlichkeit(en) und die »Ordnung der Geschlechter«

6.3 Geschichte des (Nicht-)Privaten: Ehe, Haushalt und Familie

6.4 Geschichte der Sexualität(en)

7. Vom weiblichen Widerstand zur Politik der Geschlechter

7.1 Geschichte der Frauenbewegungen und des Feminismus

7.2 Kontinuität oder Kontingenz des Feminismus?

7.3 Querelle des femmes als (Proto-)Feminismus?

7.4 Weibliche Macht und »Listen der Ohnmacht«

7.5 Politikgeschichte als Geschlechtergeschichte

7.6 Militärwesen, (staatliche) Gewalt und Geschlecht

8. Das Geschlecht der Geschichte

8.1 Männliche Geschichtsschreibung?

8.2 Verwissenschaftlichung als Vermännlichung der Geschichte

8.3 Geschlechtergeschichte und »Allgemeine Geschichte«

8.4 Periodisierungen in der Geschlechtergeschichte

Nachwort zur 2. Auflage

Auswahlbibliographie

Sachregister

1. Einleitung

Die Geschlechtergeschichte hat sich in den 1980er und 1990er Jahren aus der sogenannten »Frauengeschichte« heraus entwickelt. Sie kann mittlerweile auf eine jahrzehntelange, erfolgreiche Entwicklung zurückblicken, die zur Institutionalisierung von entsprechenden Studiengängen und Professuren im In- und Ausland sowie zu einer unübersehbaren Fülle von Einzelstudien und Gesamtdarstellungen geführt hat. Sie versteht sich weniger als eine neue Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, sondern ist von ihrer Entstehungsgeschichte her dem Anspruch verpflichtet, »die Geschichte umzuschreiben« – und damit auch die geschichtliche Traditionsbildung und die geschichtswissenschaftliche Methodenlehre in ihrer ganzen Breite zu kritisieren und zu reformieren. Es gibt deshalb praktisch keinen Themenbereich, der von geschlechtergeschichtlichen Forschungen nicht (an-)diskutiert und kritisch durchleuchtet wurde; kein theoretisches Problem, das in der Geschlechtergeschichte nicht mit durchdacht und problematisiert wurde. Dieser Anspruch macht es schwer, mit einem Einführungswerk zu suggerieren, es gäbe einen verbindlichen Wissenskanon der Geschlechtergeschichte.

Zudem ist die Geschlechtergeschichte interdisziplinär angelegt. Sie bezieht Anregungen aus vielen Disziplinen und Theorien – von der Ethnomethodologie bis zur Sprachphilosophie, vom Marxismus bis zur Psychoanalyse. Sie ist der Sozialgeschichte und der »historischen Sozialwissenschaft« eng verbunden, hat sich vor allem aber neueren methodisch-theoretischen Entwicklungen geöffnet, wie etwa der »Historischen Anthropologie« oder der »Neuen Kulturgeschichte«, und sie hat die dort geführten Debatten teilweise federführend mitbestimmt. Und schließlich ist die Geschlechtergeschichte ein internationales Projekt, dessen nationale Standorte zwar deutlich markiert sind, das aber sehr häufig durch internationale Debatten (insbesondere im angloamerikanischen Raum) angeregt und vorangetrieben wird.

Diese Verknüpfung mit vielen Diskussionen und Problemfeldern innerhalb und außerhalb der Geschichtswissenschaft macht es zu einer erheblichen Herausforderung, knapp und informativ in die Geschlechtergeschichte einzuführen, zumal dann, wenn sie gleichzeitig epochenübergreifend angelegt sein soll. Um diese Herausforderung bewältigen zu können, lege ich in dieser Einführung den Akzent auf die methodologischen Debatten, die die verschiedenen Epochen und historischen Teilgebiete in unterschiedlicher Weise betroffen haben oder betreffen. Dabei stellt die deutschsprachige Diskussion einen Schwerpunkt dar, der aber ständig durch den Blick auf angloamerikanische und europäische Diskussionen ergänzt und korrigiert wird. Auch kann und will ich meine wissenschaftliche Heimat in der (europäischen) Geschichte der Frühen Neuzeit nicht verleugnen, die mich immerhin befähigt, über die Grenzen der Moderne hinaus auf das weite Feld der »Vormoderne« zu blicken. Dies macht es möglich, einige (Vor)-Urteile der modernen Geschichtsforschung wie der Frauenbewegung in Frage zu stellen und dagegen neue Forschungsperspektiven aufzuzeigen, wenn auch viele spannende Debatten und Forschungsergebnisse im Bereich der Geschichte des Altertums und des Mittelalters wie aber auch in der Geschichte außereuropäischer Regionen leider nicht berücksichtigt werden konnten.

Im Folgenden werden wichtige Problemstellungen der Geschlechtergeschichte in ihrer Entwicklung und ihren Ergebnissen jeweils knapp präsentiert. Entlang zentraler Begriffe und Konzepte werden Forschungsdiskussionen und Ergebnisse der Geschlechtergeschichte (auch) epochenübergreifend dargestellt. Da alle hier behandelten Teilaspekte einer kritischen geschlechtergeschichtlichen Praxis eng miteinander verbunden sind, ließen sich einige Überschneidungen hie und da nicht vermeiden. Querverweise sollen andererseits sicherstellen, dass Zusammenhänge, die durch die systematische Darstellungsweise auseinanderdividiert werden mussten, nicht verloren gehen. Aufgrund der methodologisch-theoretischen Ausrichtung dieser Einführung finden sich hier keine Überblicke zu Themen wie »Frauen in der Antike« oder »Geschlechterbeziehungen im Mittelalter«, sondern die entsprechenden Forschungsergebnisse sind den systematischen Fragestellungen zugeordnet – was im Übrigen auch für Themen wie »Ehe« oder »Frauenarbeit« und »geschlechtsspezifische Arbeitsteilung« gilt. Hilfestellung bei der Suche nach solchen Themen gibt auch das Schlagwortverzeichnis am Ende des Buches.

Es ist unmöglich, die geschlechtergeschichtliche Forschung in ihrer ganzen Breite angemessen zu präsentieren, und vieles wird hier infolgedessen nur knapp angerissen oder gar nicht berücksichtigt. Dies gilt namentlich für die Erforschung außereuropäischer Kulturen und Ereigniszusammenhänge, aber auch für den gesamten nord- und osteuropäischen Raum, weil mir dafür die sprachlichen Kompetenzen fehlen. Auch die »Geschichte der Männlichkeiten«, die meines Erachtens nach ein integraler Bestandteil der Geschlechtergeschichte ist, für die es aber aktuelle Einführungen gibt (vgl. Martschukat/Stieglitz 2018), wird nur knapp abgehandelt; allerdings finden sich in praktisch allen Kapiteln Überlegungen und Darstellungen, die für die Geschichte der Männlichkeiten von Bedeutung sind.

2. Von der Frauengeschichte zur Geschlechtergeschichte

Die Geschlechtergeschichte ging aus der »historischen Frauenforschung« oder »Frauengeschichte« (amerikanisch »her-story« – als Gegensatz zu »history« als »his-story«) hervor, die im Rahmen der Neuen Frauenbewegung zu Beginn der 1970er Jahre entstand und deren Zielen verpflichtet war: Aufdecken der Unterdrückung von Frauen in Vergangenheit und Gegenwart und Aufzeigen von Befreiungspotentialen für die Zukunft (vgl. Opitz-Belakhal 2008). In dem Maß, wie dank der »Frauengeschichte« Wissenslücken über Frauen in der Geschichte gefüllt wurden, konnte sich der Blick inhaltlich wie vor allem auch methodisch ausweiten. Die ersten Forschungen waren insbesondere der »weiblichen Erfahrung« in der Vergangenheit und, damit verbunden, der Geschichte »frauenspezifischer« Bereiche, wie Familie, Reproduktion, Mutterschaft, aber auch Frauenarbeit und Frauenbewegung usw. gewidmet gewesen. Doch Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre wurde es als zunehmend unbefriedigend empfunden, dass »klassisch männliche« Bereiche, wie etwa Staat und Öffentlichkeit, Politik, Krieg und Militärwesen, bislang kaum berücksichtigt worden waren und damit zentrale Rahmenbedingungen weiblichen Lebens und Handelns unterbelichtet blieben.

Infolgedessen verlagerten sich die Forschungsinteressen der hier engagierten Frauen (und wenigen Männer) in Richtung auf die »Geschlechtergeschichte«. Diese bedeutete nicht nur eine Erweiterung im Hinblick auf die »Männergeschichte«, sondern brachte auch eine grundlegende methodologische Neuorientierung. Diese Neuausrichtung ist mit anderen innerwissenschaftlichen Entwicklungen, zum Beispiel mit der Öffnung der Sozialgeschichte hin zur »Neuen Kulturgeschichte« oder der »Historischen Anthropologie«, eng verbunden. Die Entwicklung führte damit von einer stark sozialgeschichtlich orientierten »Frauengeschichte«, deren Gegenstand klar definiert (»Frauen als [unterdrückte] soziale Gruppe«) und deren Anliegen deutlich umrissen waren (»Unterdrückung deutlich machen und damit zu ihrer Beendigung beitragen«), hin zur Geschlechtergeschichte. Deren Gegenstand ist viel offener und weiter ausgreifend definiert: Sie untersucht Geschlechterbeziehungen in allen denkbaren historischen Gesellschaften, »geschlechtlich markierte« Herrschaftsverhältnisse und Hierarchien in jeder Epoche, an jedem denkbaren historischen Ort, in jedem historischen (Teil-)Gebiet. Ihr Anliegen reicht vom Nachweis geschlechtlicher Unterdrückung über die Logiken des gendering bis hin zur Dekonstruktion von gesellschaftlichen Ein- und Ausgrenzungsprozessen, soweit sie geschlechtlich motiviert oder codiert sind. Sie nähert sich damit all jenen Ansätzen an, die wir heute mit den US-amerikanischen Begriffen queer, diversity oder intersectionality bezeichnen. Im Folgenden seien die wichtigsten Stationen und Ergebnisse dieser Entwicklung knapp dargestellt.

2.1 Gender – eine (macht-)analytische Kategorie

Sex and gender

Während Joan Kelly-Gadol 1976 noch von den »social relations of the sexes« als zentralem Gegenstand feministischer Geschichtsforschung schreiben konnte (vgl. Kelly-Gadol 1989b), dekretierte Gerda Lerner 1984 die Abtrennung des Biologischen vom Sozialen als Selbstverständlichkeit der feministischen Forschung: »Biologisches Geschlecht (sex) ist eine Tatsache, gesellschaftliches Geschlecht (gender) ist eine historische und kulturbedingte Schöpfung« (Lerner 1984: 406). Sex bezog sich demnach auf »physische Attribute«, die anatomisch und physiologisch determiniert gedacht wurden. Gender dagegen wurde als die Summe der psychologisch bzw. gesellschaftlich bestimmten Normen und Vorstellungen verstanden. Die Soziologin Ann Oakley sprach von sex als einer biologischen Größe, der gegenüber gender »a matter of culture« darstelle. Gender beziehe sich auf soziale Klassifikationen in »männlich« und »weiblich«. Sex sei unveränderlich, gender hingegen variabel (vgl. Griesebner 2003: 43).

Diese begriffliche Unterscheidung von sex und gender erschien lange Zeit als plausibler Ansatz, um den realen Geschlechterverhältnissen und der gesellschaftlichen Konstruktion von Weiblichkeit(en) und Männlichkeit(en) auf die Spur zu kommen. Dennoch zeigte die Forschungspraxis, dass die theoretisch postulierte Abtrennung von sex und gender erhebliche Probleme mit sich brachte. Den empirischen Arbeiten lag nämlich unausgesprochen die Annahme zu Grunde, dass das historisch variable Geschlecht (gender) immer und überall an einen von Natur aus eindeutig vergeschlechtlichten Körper gebunden sei und man infolgedessen weibliches und männliches Handeln, weibliche und männliche (Gruppen-)Identität klar unterscheiden könne. Das stärkte zwar einerseits die Einheit der Frauengeschichte, andererseits führte es aber zu einer Fortschreibung des Dualismus von Natur und Kultur, jener »alten Scheidelinie zwischen vermeintlich Vorgegebenem und Gemachtem, Unveränderbarem und Veränderbarem« (Klinger 2000, zit. n. Griesebner 2003: 43; vgl. auch Kap. 3).

Werden Handlungen von Frauen interpretiert, ohne die vergeschlechtlichenden Konstruktionsprozesse zu analysieren, die ihnen zu Grunde liegen, so bleiben die Ergebnisse darauf beschränkt zu beschreiben, was Frauen historisch jeweils zugestanden (oder auch: angetan) wurde. Ungewollt leisten Historikerinnen und Historiker damit einen Beitrag zur Naturalisierung der Geschlechterdifferenz – und dies zu einer Zeit, da soziobiologische Erklärungen für gesellschaftliche Phänomene und Probleme auf dem Vormarsch sind (vgl. Griesebner 2003; Wiesner-Hanks 2001).

Dagegen hatte schon 1981 Gianna Pomata argumentiert, die in der »Naturalisierung« bzw. »Biologisierung« der weiblichen Lebensbereiche und -erfahrungen eine spezifische Ausgrenzungsstruktur der Geschichtsschreibung erkannte. Frauen waren ihrer Meinung nach »das Primitive im Eigenen«, das durch Biologisierung enthistorisiert wurde (Pomata 1983; ital. Original 1981). Noch schärfer kritisierte 1988 Gisela Bock dieses dichotomische Konzept von sex und gender. Die Abtrennung einer biologischen von einer sozialen Kategorie bewirke, dass Erstere gegenüber der Letzteren eine scheinbare Objektivität erhalte und damit die Ausgrenzung und Abwertung dessen, was mit »Weiblichkeit« assoziiert werde, noch verstärke. Dass Biologie keineswegs etwas »natürlich« Gegebenes ist, sondern selbst »eine genuin soziale Kategorie mit einem genuin sozialen Sinnzusammenhang«, ist für Bock evident. Zudem sei das Biologische vor allem weiblich konnotiert. Auf »biologische« Gegebenheiten werde im allgemeinen nur im Hinblick auf Frauen Bezug genommen. Biologie sei damit keine objektiv-neutrale Kategorie, sondern ein auf Frauen bezogener Wertbegriff, »genauer: eine Metapher für ›Minderwertigkeit‹« (Bock 1988).

Die Auflösung der Trennung von sex und gender erfolgte dennoch erst Ende der 1980er Jahre, als Joan Scott mit ihrer Definition eine grundlegende Kritik, aber auch neue Anknüpfungspunkte für die Frauen- und Geschlechtergeschichte lieferte. Ihre Neudefinition von gender ermöglicht eben jene Analyse der Konstruktion von Geschlecht, die sowohl sex wie gender umfasst. Auch sex, das biologische Geschlecht, wird hier als Effekt eines kulturellen Konstruktionsprozesses verstanden und geht insofern im sozialen Geschlecht (gender) auf. In ihrem Aufsatz »Gender: Eine nützliche Kategorie der historischen Analyse« kritisiert Scott die in der feministischen Forschung ihrer Meinung nach zu starke Betonung der Zweigeschlechtlichkeit und deren vermeintliche Unveränderlichkeit. Sie setzt ihr eine Perspektive entgegen, die »die Festschreibung des binären Gegensatzes von Mann und Frau als der einzig möglichen Beziehung« aufhebt (Scott 1994: 48).Dafür schlägt sie eine doppelte Definition von gender vor, die eine Öffnung der feministischen (nicht nur) historischen Forschung und ein erhöhtes Maß an Reflexivität ermöglichen soll:

»Gender ist ein konstitutives Element von gesellschaftlichen Beziehungen und gründet auf wahrgenommenen Unterschieden zwischen den Geschlechtern, und gender ist eine grundlegende Art und Weise, Machtbeziehungen zu bezeichnen. Veränderungen in der Organisation sozialer Beziehungen entsprechen immer auch Veränderungen in der Repräsentation von Herrschaft, aber die Richtung des Wandels kann variieren« (Scott 1994: 48).

Scott verwirft also die Idee einer »biologischen« oder auch »natürlichen« (Zwei-)Geschlechtlichkeit und betont die Bedeutung der »Wahrnehmung« von Unterschieden. Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind nicht einfach da, sondern sie entstehen, so Scott, durch »Wahrnehmung« und »Repräsentation« bzw. durch Sprache und Diskurse. Diskurse sind ihrer Auffassung nach, Foucault folgend, durch Machtverhältnisse kontrollierte und bestimmte Rede- und Denkweisen. Nicht genetische, hormonelle oder anatomische Unterschiede zwischen Frauen und Männern sind demnach ursächlich für Rollenbilder und Selbstwahrnehmung und für soziale Hierarchien und Ausschlussmechanismen verantwortlich, sondern die Schlussfolgerungen, die aus solchen Unterschieden gezogen werden. Diese interessieren deshalb auch die Geschlechterforschung ganz besonders.

Auf diese Weise verankert Scott die Kategorie gender/»Geschlecht« gleichzeitig in der Allgemeinen Geschichte und definiert sie als ein zentrales Moment aller denkbaren Herrschaftsbeziehungen – also sowohl zwischen Männern und Frauen, als auch zwischen Ethnien, Staaten oder anderen gesellschaftlichen Institutionen und Gruppierungen.

Wie lässt sich nun gender / »Geschlecht« praktisch erfassen und damit auch erforschen? Scott gibt dafür wiederum »vier miteinander verbundene Elemente« an, an denen sich Geschlechterbeziehungen und -ordnungen festmachen lassen: Das erste Element bilden »kulturell verfügbare Symbole, die eine Vielzahl von Repräsentationsformen erzeugen« – zum Beispiel Eva und Maria als Symbole der Frau in der westlichen christlichen Tradition, aber auch Mythen des Lichts und des Dunkels, der Reinheit und Verschmutzung, Unschuld und Korruption etc., die den Geschlechtern zugeordnet werden. Das zweite Element bilden normative Konzepte, die Interpretationen dieser Symbole vorgeben bzw. solche, »die versuchen, metaphorische Möglichkeiten einzugrenzen und zu limitieren« – einschließlich der konflikthaften Auseinandersetzungen um Deutungsmöglichkeiten und -grenzen. So kann Maria durchaus als wichtigste Heilige, aber eben nicht als »Göttin« bezeichnet und betrachtet werden, ohne entsprechende Sanktionen seitens der katholischen Kirche hervorzurufen.

Das dritte Element ist die Dimension des Politischen, das heißt die Bezüge von gender zu gesellschaftlichen und politischen Institutionen und Organisationen. So werden zum Beispiel in der Politischen Theorie der Frühen Neuzeit Herrscherfiguren als »Ehemänner« ihres Landes oder als Väter ihrer Untertanen tituliert und damit alle, Herrscher wie Länder und Untertanen, geschlechtlich »markiert« und ihre Beziehung zueinander als hierarchisch festgeschrieben (der Ehemann rangiert vor der Ehefrau, der Vater vor den Kindern).

Die vierte Dimension ist die subjektive Identität der historischen Akteurinnen und Akteure, die ihrerseits via Sozialisation, Normen, Repräsentationen usw. geprägt bzw. »konstruiert« ist und entsprechende Wahrnehmungen und Verhaltensweisen hervorbringt (Scott 1994: 52–55).

Subjektivität oder subjektive Identität geht zurück auf den Begriff Subjekt, der seit der Aufklärung als Ausgangspunkt von Erkenntnis der Individuen verstanden wird. Subjektivität ist demzufolge die Bedingung, aber auch die Begrenzung von Erkenntnisfähigkeit im Subjekt, das von seiner Umwelt und äußeren Bedingungen abhängig ist. Identität ist demzufolge die Summe von subjektiver Befindlichkeit, Welt- und Selbstsicht. Die Geschlechtsidentität wird durch Geschlechternormen und -diskurse geprägt, ist aber, wie die Subjektivität auch, historisch wandelbar und individuell unterschiedlich ausgeprägt. Nach Scotts gender-Konzept lassen sich deshalb auch nicht einfach weibliche und männliche Subjektivität(en) und Identität(en) unterscheiden, sondern es geht vor allem darum, die jeweiligen historischen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen für Identitätsbildung und Sujektivität(en) in den jeweiligen Diskursen herauszuarbeiten. Daneben spielt auch die Frage eine zentrale Rolle, wie Geschlechtsidentitäten Wahrnehmungen, Erfahrungen und Handlungen von Individuen beeinflussen.

In Scotts gender-Konzept lassen sich Differenzen und Hierarchien aller Art integrieren, also auch ethnische, nationale, sexuelle oder sonstige. Die Geschlechterforschung erweitert damit ihr Forschungsfeld erheblich. Herrschaftsverhältnisse werden allerdings kaum mehr als »materielle« Ausbeutung von Menschen, sondern in erster Linie als Dominanz über »kulturell verfügbare Symbole« und Repräsentationsformen – und gegebenenfalls in zweiter Linie, über bzw. von Institutionen und Organisationen – verstanden. Die Dominanz der Sprache als Repräsentationssystem ist in diesem Forschungsansatz unübersehbar, die Beziehungen und Handlungen bzw. Handlungsmöglichkeiten von Individuen (beiderlei Geschlechts) verschwinden dagegen praktisch hinter den Kulissen der Repräsentationen und Diskurse. Das hat Scott auch sofort ernstzunehmende Kritik und energischen Widerspruch eingebracht, vor allem von solchen Forscherinnen, die weibliche Identität und Erfahrung (von Unterdrückung) und weiblichen Widerstand bzw. weibliche Handlungsmöglichkeiten (agency) in der Vergangenheit untersuchten. So kritisierte Laura Lee Downs die dekonstruktivistische Methodik Joan Scotts, diese setze Wahrheit und Geschichte, textliche und soziale Beziehungen in eins. Das wenig überraschende Ergebnis von all dem sei, dass sich Scott mehr für gender als eine Metapher der Macht als für gender als eine gelebte und labile soziale Beziehung interessiere (Downs 1993). Damit hat sie durchaus recht, wenn man allein Scotts gender-Definition hernimmt, wo die subjektive Seite des Forschungsprogramms, also die Frage nach Subjektivität, Geschlechtsidentität und weiblichen oder männlichen kollektiven Erfahrungen nur einen ganz geringen Teil ausmacht gegenüber den gesellschaftlichen Institutionen, den »Bildern« bzw. dem Kampf um Repräsentationen und Definitionsmacht, denen wesentlich mehr Aufmerksamkeit zukommt.

Agency

Andererseits hat Joan Scott selbst über die Geschichte des Feminismus und über feministische Akteurinnen geforscht und dabei auch intensiv über Subjektivität, Identität und agency nachgedacht. In einem 1983 erstmals publizierten Aufsatz wies sie auf die Probleme hin, die aus einer solchen Forschungsorientierung erwachsen:

»Es erscheint offensichtlich, dass es einer Vorstellung von der Eigenart und Besonderheit aller menschlichen Subjekte bedarf, wenn man Frauen als historische Akteure begreifen will. Historikerinnen können nicht einen einzelnen, universellen Repräsentanten für die verschiedenen Gruppen in jeder Gesellschaft oder Kultur verwenden, ohne der einen Gruppe besondere Bedeutung gegenüber einer anderen zuzuschreiben. Besonderheit wirft jedoch Fragen nach kollektiven Identitäten auf sowie danach, ob alle Gruppen jemals die gleiche Erfahrung teilen können.« (Scott 1993: 50)

Es muss also vielmehr gefragt werden: »Wie werden Individuen Mitglieder gesellschaftlicher Gruppen? Wie werden Gruppenidentitäten definiert und gebildet? Was bringt Menschen dazu, als Mitglieder einer Gruppe zu handeln? Sind Prozesse der Gruppenidentifikation allgemein oder variabel? Wie bestimmen diejenigen, die durch mehrfache Unterschiede gekennzeichnet sind (schwarze Frauen oder Arbeiterinnen, Lesben der Mittelschicht oder schwarze lesbische Arbeiterinnen) den Vorrang der einen oder der anderen Identität? Können diese Unterschiede, die zusammengenommen die Bedeutungen der individuellen und kollektiven Identitäten ausmachen, historisch begriffen werden?« (ebd.)

Scotts Ansicht nach muss historische Forschung die allgemeinen bzw. strukturellen Bedingungen individueller (geschlechtlicher) Identitätsbildung und Subjektivität untersuchen und herausarbeiten, also die Bedingung der Möglichkeit weiblichen Handelns in den Mittelpunkt der Untersuchung rücken. Sie darf nicht eine fixe »weibliche« oder »männliche«, »lesbische«, nationale oder ethnische Identität einfach voraussetzen. Dennoch spielt nach Scott bei diesem Identifikationsprozess die Geschlechtszugehörigkeit die primäre Rolle:

»Der Begriff ›Geschlecht‹ deutet an, dass Beziehungen zwischen den Geschlechtern ein primärer Aspekt sozialer Organisation sind (anstatt eine Folge von, etwa, ökonomischem oder demographischem Druck), dass männliche und weibliche Identitäten weitgehend kulturell festgelegt werden (nicht von Individuen oder Gruppen jeweils eigenständig definiert werden) und dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern hierarchische Gesellschaftsstrukturen bilden und umgekehrt, Hierarchien die Beziehungen zwischen den Geschlechtern bestimmen« (Scott 1993: 49 f.).

Mittlerweile hat sich der auf Scott zurückgehende Begriff von gender/»Geschlecht« in der Geschlechtergeschichte weitgehend durchgesetzt. Allerdings betonen viele Historikerinnen, beide Traditionen feministischer Geschichtsforschung – die (der Frauengeschichte verpflichtete) erfahrungsgeschichtliche wie die diskursanalytische nach Scott – seien gleichgewichtig zu behandeln. Kathleen Canning etwa sieht (Quellen-)Text und (sozialen) Kontext bzw. Diskurs einerseits und weibliche Erfahrung und Handlungsfähigkeit andererseits als zwei gleichwertige Bereiche, auf die sich historische gender-Analysen richten müssen, um überzeugende Ergebnisse zu erzielen. Überzeugende historische Erkenntnisse sind für sie solche, die der Komplexität sozialer Wirklichkeiten gerecht werden und die insbesondere garantieren, dass Frauen als Handlungsträgerinnen nicht erneut aus der historischen Forschung herausfallen (Canning 1994; vgl. auch Newman 1991; Strasser 2000).

2.2 Kritik der Kategorie »Geschlecht«: Erfahrung vs. Diskurs

Seit Beginn der 1990er Jahre wurde auch in der deutschsprachigen Forschung bevorzugt die »Konstruktion von Geschlecht« in den verschiedensten historischen Kontexten untersucht, diskursive »Geschlechterordnungen« wurden analysiert und deren Wandel aufgezeigt. Der Gegenstand der bisherigen »Frauengeschichte«, Frauen, wurde zur fraglichen Kategorie erklärt (vgl. Opitz 2001). Im Mittelpunkt der Kritik an der bis dahin gültigen Orientierung der Frauengeschichte stand die Infragestellung der weiblichen Erfahrung als kritischem Standort für die feministische Forschung. Gegen die Überzeugung einer großen Zahl von Forscherinnen, dass weibliche Erfahrung eine völlig neue Sicht auf die Geschichte ermögliche, argumentierten die Vertreterinnen der Geschlechtergeschichte, weibliche Erfahrung sei Teil eines umfassenden historischen Diskurses, der weibliche Identität und Erfahrung hervorbringe und strukturiere. Einmal mehr war es Joan Scott, die in einem berühmt gewordenen Aufsatz die historische »Beweiskraft« der (eigenleiblichen) Erfahrung grundsätzlich in Zweifel zog und damit auch die Bedeutung der Erfahrung von Frauen oder anderen unterdrückten Gruppen, etwa Homosexuellen, Afroamerikanerinnen etc. als Bezugspunkt einer kritischen Geschichtsbetrachtung in Frage stellte (Scott 1991a).

Es entspann sich in der Folge eine heftige Kontroverse darüber, welchen Stellenwert geschlechtsspezifische (nicht zuletzt physische) Erfahrungen für die Geschlechterforschung haben. Barbara Duden polemisierte heftig gegen eine Geschichte von Frauen »ohne Unterleib« und auch andere kritisierten die »Verdrängung des Leibes aus der Geschlechtskonstruktion« (Duden 1993; vgl. die Beiträge in den Feministischen Studien 11. Jg., H. 2, 1993). Die aus dieser Auseinandersetzung resultierende Erkenntnis, dass Körperlichkeit nur über Sprache erfahrbar und vermittelbar ist, hat sich mittlerweile zwar weitgehend durchgesetzt. Sie ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einem völligen Infragestellen oder Ausblenden von physischer »Materialität« und damit auch von unterschiedlichen, geschlechtsspezifischen Erfahrungen von Frauen und Männern in der Vergangenheit. Vielmehr, so betont Kathleen Canning, sei der Erfahrungsbegriff wesentlich breiter und umfassender, als dies von Joan Scott eingeräumt würde. Innerhalb der Debatte über »Diskurs vs. Erfahrung« seien beide Begriffe letztlich »deterministisch festgelegt«, einander diametral gegenübergestellt und dadurch verfälscht worden (Canning 1999). Umgekehrt kritisiert Canning aber auch einen verkürzten, ahistorischen Diskursbegriff als problematisch (ebd., zur Debatte über Diskursbegriffe in der Geschichtswissenschaft vgl. auch Landwehr 2018: 59–88).

Verkörperung

Der Hinweis auf die diskursive Einbettung von weiblicher Erfahrung bedeutet insofern nicht das Ende der Frauen- oder Geschlechtergeschichte, sondern führt vielmehr neue Forschungsfragen ein – vor allem die Frage, wie diskursive Formationen auf Körper bzw. verkörperte Subjekte einwirken. Dadurch erst werden die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungen von Diskursen erkennbar. Auch Wechselwirkungen von individueller Aneignung von Diskursen und Widerständigkeit gegen Diskurse sind dadurch (wieder) in den Blick zu bekommen. Vor allem schlägt Kathleen Canning vor, statt eines vereindeutigenden und fixierten Verständnisses von »Körper« eher einen Prozess ins Auge zu fassen, der mit »Verkörperung« (embodiment) zu umschreiben wäre. Dabei seien »verkörperte Praktiken« (etwa durch Sozialisation, aber auch durch Schmerzerfahrungen etc.) ebenso bedeutsam wie Erinnerungen bzw. Gedächtnisformationen, die (auch) über Körper erfahren und verinnerlicht werden (Canning 1999: 505 f.).

Phantasie und Erfahrung

Die Frage nach dem Stellenwert subjektiver Handlungen (auch, aber nicht nur von Frauen) in der Vergangenheit ist dann neu zu stellen. Das zeigt auch der jüngste methodologische Versuch von Joan Scott über millenial phantasies, das heißt über den Zusammenhang von »Phantasie und Erfahrung«. Ausgehend von der grundlegenden Erkenntnis, dass nicht nur die Neue Frauenbewegung, sondern auch schon frühere soziale Bewegungen der (gemeinsamen) Erfahrung einen zentralen Stellenwert zuschrieben, stellt Scott (durchaus selbstkritisch) fest: »Erfahrung mag ›bloß‹ diskursiv sein, aber die Berufung auf sie hat mächtige Wirkungen: Sie mobilisiert ansonsten disparate Anhänger, sich zu definierbaren sozialen und politischen Gruppen zu formieren« (Scott 2001b: 78). Das heißt, durch ihre soziale und politische Relevanz wird Erfahrung »real« und »(geschichts-)mächtig«. Dass es zu einer solchen (geschichts-)mächtigen Gruppenbildung kommt, hat nach Scotts Auffassung viel mit unbewussten oder halbbewussten Prozessen der Identifizierung zu tun – die durch Phantasien gefördert oder gar bewerkstelligt werden. »Phantasie ist bei der Entäußerung individueller wie kollektiver Identität im Spiel: sie extrahiert Kohärenz aus der Konfusion, sie reduziert Vielfältiges auf Einzigartiges und versöhnt unerlaubte Wünsche mit dem Gesetz. Sie ermöglicht es Individuen und Gruppen, sich eine Geschichte zu geben« (ebd.: 79). Scott zieht auch hier eine Reihe von (nicht nur feministischen) Theoretikerinnen und Philosophen – bis hin zu Sigmund Freud – heran, um dieses neue Projekt zu begründen. Es richtet sich letztlich allerdings wiederum nur auf das von Scott schon länger bearbeitete Feld des politischen Feminismus und der Frauenbewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Lyndal Roper

Einen zeitlich und thematisch weiter ausgreifenden Versuch, sich der Subjektivität und Erfahrung von Menschen in der Vergangenheit anzunähern, hat die englische Historikerin Lyndal Roper unternommen. Ausgehend von der kritischen Sichtung älterer Theorien zur Subjektivität und Selbstwahrnehmung (etwa die Arbeiten der Soziologen Max Weber und Norbert Elias) und der Schriften moderner Theoretiker und Theoretikerinnen wie Michel Foucault und Joan Scott kommt auch Roper zu dem Schluss, dass eine »Historisierung von Subjektivität« und (Körper-)Erfahrung ohne Berücksichtigung einer physischen Evidenz und Materialität nicht auskommen kann (Roper 1995: 39 f.). Roper plädiert deshalb für eine »Annäherung an die Subjektivitäten [der Vergangenheit]«, die »die kollektiven Elemente von Kultur anerkennt, ohne die individuelle Subjektivität zu bagatellisieren« (Roper 1995: 47). Zu diesem Zweck erscheint es ihr unerlässlich, mit Hilfe psychoanalytischer Theorieangebote diejenigen Dimensionen der subjektiven Erfahrung und damit auch der geschichtlichen Prozesse »zum Sprechen zu bringen«, die als »Unbewusstes«, Nicht-Sprachliches, Verdrängtes der diskursanalytischen Erforschung von Körper-Geschichte entzogen sind. Auch sie schlägt vor, dafür individuelle oder kollektive Phantasien zu untersuchen – in ihrem Fall sind das Phantasien über Hexerei, Sexualität, Mutterschaft und andere Emanationen des Körperlichen (vgl. Roper 1999).

Lynn Hunt

In ähnlicher Weise hat die amerikanische Kulturhistorikerin Lynn Hunt darauf hingewiesen, dass »der linguistic turn bis jetzt wenig dazu beigetragen hat, den Status des Psychologischen innerhalb der Kultur- und Sozialforschung zu verändern«, obwohl »zu erwarten gewesen [wäre], dass das Selbst genau die Stelle sein würde, an der sich die Interessen von Psychologie, Ethnologie und linguistic turn überschneiden« (Hunt 1998b: 671 f.). Besonders feministische Forscherinnen hätten sich der Frage der Subjektivität in der Geschichte angenommen, allerdings seien sie zu sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen gekommen. Sie selbst plädiert dafür, aus dem Disput über Erfahrung, (Geschlechts-)Identität und Subjektivität keine weitere Auflage einer alten Streitfrage über freier Wille vs. Determinismus zu machen. Vielmehr solle »der Kategorie des Selbst verstärkte historisch-systematische Beachtung« zukommen, denn schließlich sei »das Selbst der Knotenpunkt, an dem das Individuum Erfahrung hat« (ebd.: 681).

So erweist sich der Streit um »Erfahrung« vs. »Diskurs«, der insbesondere die Debatten der 1990er Jahre geprägt hat, schlussendlich als ein Streit um falsche Alternativen. Nur in der gleichzeitigen Beachtung von (sozialen oder diskursiven) Strukturen und Subjektivitäten wird sich insbesondere eine geschlechtergeschichtliche Perspektive weiter entwickeln können (vgl. dazu auch Bos u. a. 2004).

2.3 Geschlecht als Markierung und tracer

Die Wissenschaftshistorikerin Monika Mommertz hat in einem Aufsatz dafür plädiert, die Möglichkeiten, die Geschlecht als marker oder Markierung bietet, besser zu nutzen. Statt mit dem Begriff »Geschlecht« eine über Zeiten und Räume hinweg mehr oder weniger gleich bleibende Differenz der Existenzformen von »Männern« und »Frauen« zu postulieren, sollte »Geschlecht« zunächst als eine kulturell konstruierte und codierte »Markierung« verstanden werden (Mommertz 2004). Mit »Geschlecht als Markierung« lassen sich bestimmte Vorannahmen über die Allpräsenz oder Gleichförmigkeit von Geschlechterkonstrukten weitgehend vermeiden – unter anderem, weil zuallererst zu überprüfen ist, ob der markierten Differenz im je untersuchten (kulturellen) Kontext überhaupt eine Bedeutung zukommt. Davon ausgehend lässt sich dann die Frage stellen, wie geschlechtliche Differenz in unterschiedlichsten historischen Kontexten mit Bedeutung versehen, »aufgeladen« oder »besetzt« wurde – und im Weiteren diskutieren, welcher Stellenwert der geschlechtlichen gegenüber anderen Markierungen jeweils zukam. Solche geschlechtlichen Markierungen werden nicht nur Individuen und Gruppen zugeschrieben (Männer, Arbeiter, Soldaten bzw. Mütter, Frauen, Krankenschwestern etc.), sondern auch Institutionen (»Vater Staat«, »Mutterland«, Tochtergesellschaft) und Tätigkeiten (etwa: Gewalt ist männlich, Gefühl weiblich; Kriegführen ist männlich, Pflegen und Nähren weiblich usw.). Dies eröffnet der geschlechtergeschichtlichen Forschung die Möglichkeit, Institutionen, Strukturen und Repräsentationen mit ihren methodischen Instrumentarien ebenso zu befragen wie etwa Personen und deren Handlungen bzw. Identitäten.

Geschlecht als tracer

Als Markierung konzipiert, lässt sich »Geschlecht« zudem als tracer gebrauchen, so führt Mommertz weiter aus, mit dessen Hilfe geschlechtlich organisierte Aspekte eines jeweils nicht – oder nicht auf greifbare Weise – von Geschlechterbildern, -konzepten, -diskursen etc. geprägten Untersuchungsgegenstandes zu eruieren wären. Mit tracer verbindet Mommertz die Idee einer »Spurensuche« zur Sichtbarmachung von sozialen Prozessen und Logiken – ähnlich wie dies in den modernen Naturwissenschaften der Fall ist, wo mit diesem Begriff eine Substanz bezeichnet wird, aus deren Reaktionen auf eine vorgegebene Untersuchungsumgebung neue Erkenntnisse gewonnen werden. So könnte man Geschlecht als tracer etwa für die Sichtbarmachung von Grenzziehungen, Ein- und Ausschlüssen, Hierarchisierungen etc. nutzen – eine Möglichkeit übrigens, die schon in Scotts gender-Begriff angelegt ist. Mit Geschlecht als tracer lässt sich die frauen- bzw. männergeschichtliche Blickrichtung gezielt umkehren: »Statt den Folgen für Frauen [bzw. Männer] stehen die Wirkungen der Geschlechterdifferenz in der und auf die Untersuchungsumgebung […] zur Debatte« (ebd.: 21 f.). Damit lassen sich insbesondere Institutionen wie »Wissenschaft«, »Staat«, »Politik« usw. geschlechtergeschichtlich erforschen, in denen es zumindest über Jahrhunderte hinweg kaum oder gar keine Frauen gab und/oder die Geschlechterdifferenz zunächst »unwesentlich« erscheint (vgl. dazu auch Mommertz 2016).

2.4 Von gender zur queer theory

Interessanterweise hat sich Joan Scott selbst gut ein Jahrzehnt nach der »Erfindung« der Kategorie »Geschlecht« sehr kritisch über den von ihr lancierten gender-Begriff geäußert. In einem Diskussionsbeitrag behauptet Scott – »gegen einen ziemlich breiten feministischen Konsens« –, gender sei vielleicht nicht mehr die nützliche Kategorie, die sie einmal war – »nicht, weil ›der Feind‹ die Oberhand gewonnen hätte, sondern weil diese Kategorie die jetzt anstehende Arbeit nicht zu leisten vermag« (Scott 2001a: 43 ff.). Als zentrales »Unvermögen der Kategorie gender« bezeichnet Scott »die Weigerung, sich auf das körperliche Geschlecht einzulassen« (ebd.: 44). Dabei, so Scott, lasse sich weder auf der begrifflichen noch auf der konzeptionellen Ebene das biologische vom sozialen Geschlecht klar unterscheiden. Um die unproduktive Trennung von körperlichem und identitätsbasiertem Geschlecht zu überwinden, schlägt nun auch Scott einen Rückgriff auf die Psychoanalyse vor. Sie geht dabei von der Annahme aus, »dass die Kategorien ›Mann‹ und ›Frau‹ Ideale zur Regulierung und Kanalisierung von Verhalten, nicht aber empirische Beschreibungen tatsächlicher Personen sind, die diesen Idealen nie gerecht werden können« (ebd.). Dabei ermöglichten soziale und politische Institutionen die Erfüllung dieser normativen Männlichkeits- und Weiblichkeitsideale, bisweilen erzwängen sie diese sogar. Wie das genau vor sich geht, versucht Scott gewissermaßen in einer »psychohistorischen Wende« durch den Blick ins Innere historischer Akteurinnen (und gegebenenfalls auch Akteure) herauszufinden. Kernbegriff ihrer neuerlichen Beschäftigung mit sex and gender ist dabei der der »phantasies«, der individuellen und vor allem kollektiven Phantasien. In ihnen lässt sich ihrer Auffassung nach ebenso sehr die Dimension der »sexuellen Differenz« wie die der »gesellschaftlichen« respektive »kulturellen Konstruktion von (Geschlechts-)Identitäten« finden, denen ja schon die frühe Frauenforschung – als »weibliche Erfahrung« vs. »gesellschaftliche Norm« – ihr Hauptaugenmerk gewidmet hat (Scott 2001b).

Sexing the body

Insbesondere die physische Dimension des gender-Begriffes neu denken will auch die queer theory. Ihr Anliegen ist die Radikalisierung der Kritik an und der Historisierung von Geschlechtlichkeit. Sexing the Body lautet programmatisch der Buchtitel der Mitbegründerin der queer studies, Ann Fausto Sterling (Sterling 1988 [orig. 1985], Sterling 2000). Er bezieht sich auf die Beobachtung – die auf Judith Butlers Arbeiten zurückgeht –, dass geschlechtlich definierte Körper ebenso gesellschaftlich »hergestellt« werden wie Identitäten und Geschlechterrollen. Erst durch ihre geschlechtsspezifische »Imprägnierung« und stets wiederholte Präsentation (etwa durch Kleidung, Gestik, Sprache, aber auch durch medizinische Eingriffe) werden Körper als »männlich« oder »weiblich« erfahrbar – und zwar von »innen«, von den Individuen selbst, ebenso wie von »außen«, von den Personen, mit denen sie interagieren. Auf diese Weise wird auch Sexualität bzw. sexuelle Orientierung in den Körper »eingeschrieben« oder kulturell hergestellt (vgl. Butler 1991; 1997 [Orig. 1993]; Hall u. a. [2013]).

Heteronormativität

Dieser Zusammenhang wurde in den queer studies zunächst vor allem im Feld der Erforschung von Homosexualität bzw. Transsexualität hergestellt und diskutiert; dabei wurden Phänomene wie Homophobie als Teil eines systematischen Zwangsapparates analysiert, der zunächst mit dem Begriff der »Zwangsheterosexualität« (compulsory heterosexuality) umschrieben wurde (vgl. Rich 2004). Häufiger ist heute allerdings von »Heteronormativität« die Rede.

Heteronormativität beschreibt eine Weltanschauung, die Heterosexualität als soziale Norm postuliert. Damit geht ein meist unhinterfragtes, ausschließlich binäres Geschlechtersystem einher, das Männer und Frauen unterscheidet und in welchem das biologische Geschlecht mit Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung gleichgesetzt wird. Der Begriff wurde zunächst als Kritik von Heterosexualität als Norm und Homosexualität als Abweichung davon benutzt. Heteronormativität beschreibt aber auch ein gesellschaftliches Normen- und Ordnungssystem. Man geht ganz selbstverständlich davon aus, dass sich jeder Mensch heterosexuell entwickelt. Somit gilt eine »heterosexuelle Vorannahme«. Die Entwicklung zur Heterosexualität wird nicht hinterfragt und nicht erforscht. Sie ist der Standard, an dem alles andere gemessen wird. Dagegen betrachtete beispielsweise schon Sigmund Freud jeden Menschen als prinzipiell »polymorph pervers«, billigte also jedem eine vielschichtige, komplexe, nicht eindeutig gegengeschlechtlich festgelegte Sexualität zu.

Diese Ordnung strukturiert nicht nur das Zusammenleben von Menschen, etwa hinsichtlich der Norm der heterosexuellen Ehe oder des monogamen Begehrens, sondern strukturiert die gesamte Vorstellungswelt (beispielsweise in Form von binären Denkmodellen wie Mann/Frau, Kultur/Natur usw.). Die Heteronormativität durchzieht dadurch alle wesentlichen gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche, sowie die Subjekte selbst. Die gesunde Körperlichkeit wird heterosexuell definiert, auch bei der Betrachtung und Beschreibung anderer Kulturen.

Der Begriff der Heteronormativität und die damit verbundene kritische Infragestellung etablierter (Ordnungs-)Vorstellungen resultiert aus der Verbindung von kritischer Geschlechterforschung mit der Schwulen- und Lesbenbewegung, die sich fast zeitgleich mit der Neuen Frauenbewegung formierte. Die wichtigsten Ziele der Schwulen- und Lesbenbewegung – Anerkennung von sexueller Vielfalt und Gleichstellung homosexueller Personen und Praktiken mit heterosexuellen – haben in erweiterter Form in die queer theory und die queer studies Eingang gefunden.

Queer ist ein Begriff, der ähnlich wie gay zunächst als Negativbeschreibung für sexuell deviante Personen und entsprechendes Verhalten gemeint war. Ausgehend von »postmodernen« Konzepten der Identitätskritik betont er die Dimension der Offenheit und der Grenzüberschreitung im Denken und Sprechen über gesellschaftliche Ordnungsmodelle generell sowie das Infragestellen von »natürlichen« Begründungen solcher Ordnungsmodelle im Besonderen. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich geschlechtliche Orientierungen und Begehren durch soziale Interaktionen, Erfahrungen und Alltagspraktiken etablieren und nicht »angeboren« oder einem Menschen wesenhaft sind; sie sind daher instabil und komplex, heterogen und vielschichtig und lassen sich nicht durch einfache Zuordnungen (zum Beispiel als Homo- vs. Heterosexualität) fassen.

Insofern steht die queer theory auch in einem deutlichen Gegensatz zu Forschungsansätzen im Feld der Homosexualitätsforschung, die auf eine klare homosexuelle Identitätspolitik dringen. Ihr Kernbegriff queer (dt.: quer, falsch) betont die Notwendigkeit einer kritischen Reflexion von Identifikationsprozessen bzw. die Unmöglichkeit, sich »eindeutig« zu identifizieren und damit anderen/alternativen Identifikationspotentialen das Existenzrecht gleichsam abzuerkennen und somit Differenz(en) zu leugnen (vgl. Hark 1993 mit weiterführender Literatur). Queer kann nach Eve Kosofsky Sedgwick »das offene Geflecht von Möglichkeiten, Lücken, Überlappungen, Dissonanzen und Resonanzen, Bedeutungs›verirrungen‹ und -exzessen« bezeichnen, die in der Artikulation der konstituierenden Elemente des Geschlechts und der Sexualität einer Person entstehen können (Sedgwick 1993).

Michael Warner hat den Begriff als Konzept des Widerstands gegenüber den »Regimes der Normalität« definiert, das heißt als Medium einer umfassenden Kritik an soziosymbolischen, nicht zuletzt auch wissenschaftlichen Normierungs- und Normalisierungsprozessen, die unter anderem, aber nicht allein durch Heterosexualität gekennzeichnet sind (Warner 1993). Queer ersetzt andere, ältere Begriffe – wie etwa den gender-Begriff – allerdings nicht vollständig, sondern setzt sie in ein neues Feld mit weiteren theoretischen und/oder spezifischeren thematischen Bezügen. Insofern kann auch ohne Weiteres von queer women oder queer masculinities gesprochen werden (vgl. etwa Wilcox 2009; O’Donell/O’Rourke 2006; Mounsey 2007). Im Deutschen wird der Begriff als nicht adäquat übersetzbar empfunden und ist bislang nur in der englischen Version im Umlauf.

2.5 Doing gender – Geschlecht als Praxis

Eine weitere, in der Geschlechtergeschichte deutlich besser verankerte Möglichkeit, der biologischen Begründung der Geschlechterdifferenz zu begegnen, ist der Hinweis auf die nicht nur historisch, sondern auch situativ variablen Geschlechtsidentitäten. »Das Geschlecht […] ist nicht etwas, was wir ›haben‹ oder ›sind‹, sondern etwas, was wir tun«, schrieb 1993 etwa Carol Hagemann-White in einem Diskussionsbeitrag zur »Kategorie Geschlecht« (Hagemann-White 1993: 68).

Die Formel doing gender soll zum Ausdruck bringen, dass Geschlechterdifferenzen und -identitäten erst in der sozialen Interaktion, also im alltäglichen Miteinander, vollzogen und realisiert werden (können). Darauf hatten 1987 die Ethnologin Candace West und ihr Kollege Don Zimmerman hingewiesen, die davon ausgehen, dass gender ein Produkt »performativer Handlungen« ist. Die geschlechtliche Identität und Rolle wird also durch ein situationsgerechtes Verhalten und Handeln erworben und ausgeübt – und zwar nicht ein für alle Mal, sondern sie wird in jeder Situation, in der Menschen zum Handeln gezwungen sind, aufs Neue aktualisiert (vgl. Kotthoff 1993; 2003).

Wichtig ist im Konzept des doing gender aber, dass Individuen nicht als »Gefangene« von (diskursiven oder anderen) Strukturen gedacht werden, also gleichsam als gesellschaftlich fix programmierte Automaten. Sie werden als Akteurinnen und Akteure betrachtet, die in jeder Situation ein mehr oder weniger breit gefächertes Repertoire von Verhaltensweisen und Bedeutungen vorfinden, aus dem sie auswählen können (und müssen), um sich »zu verhalten« (to perform, performance). Geschlechterdifferenz und -hierarchie wird infolgedessen in den alltäglichen Interaktionen hervorgebracht, bestätigt, verschoben, umgedeutet und also auch verändert. Dieses in der Theorietradition der Ethnomethodologie verankerte Konzept basiert auf ähnlichen Grundannahmen wie das gender-Konzept von Joan Scott, betont aber gegenüber diesem den Inszenierungscharakter von Geschlechtsidentitäten. Am deutlichsten hat diesen Zusammenhang Judith Butler herausgearbeitet, die unter anderem schreibt, dass »Akte, durch die die Geschlechterzugehörigkeit konstituiert wird, performativen Akten in theatralischen Kontexten ähneln, die den Anschein von Substantialität [erzeugen], an welche das weltliche gesellschaftliche Publikum einschließlich der Akteure selbst nun glaubt und die es im Moment des Glaubens performiert« (Butler 2002: 302).

Beide Konzepte, das diskursanalytische wie das ethnomethodologische, weisen einige wichtige Gemeinsamkeiten auf. Sie gehen beide davon aus, dass Geschlechtsidentität weder angeboren, überzeitlich oder unveränderlich noch bei allen Menschen gleich ausgeprägt ist. Dennoch zeigen sich in der Forschungspraxis immer wieder Unterschiede oder gar Unvereinbarkeiten beider Ansätze, insbesondere hinsichtlich der Bedeutung von Subjekten bzw. Subjektivität in historischen Prozessen. Doing gender ist durchaus dazu geeignet, agency, also Handlungsmöglichkeiten von Individuen und Gruppen – etwa von Frauen und Männern vor Gericht (vgl. Gleixner 1994) oder in politischen Auseinandersetzungen (vgl. Canning 1994) – sichtbar zu machen. Dagegen betont die Diskursanalyse eher die strukturellen Zwänge und die Machtkonstellationen, die zu Ausschluss, Diskriminierung und Ohnmacht von Personen(gruppen) führen. Aus Sicht der Diskursanalyse wird immer wieder die »naive« Vorstellung von weiblicher Handlungsfähigkeit (agency) kritisiert, die eingebettet und damit weitgehend aufgehoben sei im größeren Zusammenhang diskursiver Strukturen und Prozesse (vgl. zum Beispiel Scott 1994). Doch bleibt aus dieser Sicht letztlich unklar, woher historischer Wandel kommen kann und inwiefern diskursive Kontexte von menschlichem bzw. weiblichem Handeln/Sprechen/Schreiben berührt oder auch verändert werden. Nicht zuletzt deshalb operieren neuere geschlechtergeschichtliche Arbeiten sowohl mit diskursanalytischen wie mit handlungsanalytischen Methoden. Handlungen von Feministinnen zum Beispiel sind dann nicht grundsätzlich oder in ihren Wirkungen »feministisch«, sondern sie könnten durchaus genau jene diskursiven und gesellschaftlichen Strukturen bestätigen, gegen die sie sich in ihren (Sprech-)Handlungen gerichtet hatten. Andererseits können auch »nichtfeministische« Handlungen und Akteurinnen und Akteure durchaus zu einem emanzipatorischen sozialen oder kulturellen Wandel beitragen, selbst wenn sie dies nicht explizit intendieren (vgl. Koven 1997).

Undoing gender

Dem doing gender steht darüber hinaus das undoing gender gegenüber, das Irrelevant-Machen bzw. die (relative) Irrelevanz von Geschlechtszugehörigkeit oder Geschlechterdifferenz in gegebenen Interaktionen und Situationen. Agency – Handlungsfähigkeit – ist damit deutlich zu unterscheiden von »intentionaler Handlung« bzw. Intention, auch wenn beides in der Praxis eng beieinander liegt bzw. in die Forschungsperspektive mit einbezogen werden muss. Dabei sind allerdings gender performances der individuellen Intention von Akteurinnen und Akteuren weitgehend entzogen, zumal, wie Helga Kotthoff betont, »gender-Performanz so komplex [ist], dass sich undoing oft nur auf einer Verhaltensebene abspielt, nicht aber auf allen« (Kotthoff 2003: 131). Es ist zwar umstritten, ob gender in allen sozialen Interaktionen die relevanteste Identitätskategorie der Akteurinnen und Akteure ist und auch interaktiv als solche ständig inszeniert wird. Gender-Forscherinnen diverser Disziplinen sind sich jedoch darin einig, dass es sich dabei um eine master identity