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Das Selbstverständnis von Männern und Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten ebenso verändert wie der Pfarrberuf. Dem Ineinander beider Veränderungsprozesse im Kontext des gesellschaftlichen Wandels geht dieses Buch nach. Seine Beiträge untersuchen Genderfragen im Pfarrberuf in Ost- wie Westdeutschland, dem europäischen Ausland und den USA. Dabei zeigen sich widersprüchliche Entwicklungen: Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen lösen sich auf und sind zugleich immer noch präsent. Die Debatte über Genderfragen im Pfarrberuf, die unter dem Stichwort der "Feminisierung" oft oberflächlich geführt wird, erhält durch die empirischen Forschungen und theoretischen Beiträge weiterführende Impulse.
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Seitenzahl: 538
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Das Selbstverständnis von Männern und Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten ebenso verändert wie der Pfarrberuf. Dem Ineinander beider Veränderungsprozesse im Kontext des gesellschaftlichen Wandels geht dieses Buch nach. Seine Beiträge untersuchen Genderfragen im Pfarrberuf in Ost- wie Westdeutschland, dem europäischen Ausland und den USA. Dabei zeigen sich widersprüchliche Entwicklungen: Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen lösen sich auf und sind zugleich immer noch präsent. Die Debatte über Genderfragen im Pfarrberuf, die unter dem Stichwort der 'Feminisierung' oft oberflächlich geführt wird, erhält durch die empirischen Forschungen und theoretischen Beiträge weiterführende Impulse.
Dr. Simone Mantei ist Inhaberin der Pfarrstelle für Theologische Frauenforschung an der Universität Mainz. PD Dr. Regina Sommer ist Referentin für Theologische Ausbildung bei der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel. Prof. Dr. Ulrike Wagner-Rau lehrt Praktische Theologie an der Universität Marburg.
Simone Mantei Regina Sommer Ulrike Wagner-Rau (Hrsg.)
Geschlechterverhältnisse und Pfarrberuf im Wandel
Irritationen, Analysen und Forschungsperspektiven
Verlag W. Kohlhammer
Alle Rechte vorbehalten © 2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany
Print: 978-3-17-022957-0
E-Book-Formate
pdf:
978-3-17-026420-5
epub:
978-3-17-027170-8
mobi:
978-3-17-027171-5
Einleitung
I. Gender und Pfarrberuf heute – praktisch-theologische und soziologische Perspektiven auf das Berufsverständnis
Simone ManteiNeue Vielfalt – Problem oder Potenzial? Auswirkungen des Geschlechterrollenwandels auf Wirklichkeit und Verständnis des Pfarrberufs
Kornelia SammetPfarrberuf und Geschlechterverhältnis. Eine soziologische Perspektive auf die Situation in den deutschen Kirchen
David PlüssMännlichkeitskonstruktionen im Pfarramt. Auf der Metaebene verheddert
Maria DammayrGeschlecht als Joker? Professionalität in der Kirche zwischen Ökonomie und Ethik
Kerstin MenzelGeschlechterverhältnisse im Pfarrberuf. Ostdeutsche Entwicklungen
Katrin Hildenbrand„… dass ich die treue Gehilfin meines lieben Mannes bin“. Geschlechterkonstruktionen im Pfarrhaus
Kerstin SöderblomLebensformen im Pfarramt
II. Empirische Studien
Paula NesbittClergy and Gender in US-American Sociology of Religion Research and Debate
Kati NiemeläFeminization of the Theological Field and its Implications for Church Life. Analysis of the Growth of Women in Ministry in Finland
Anke WiedekindBerufs- und Lebensperspektiven von jungen Theologinnen und Theologen
Ursula OffenbergerStellenteilende Ehepaare im Pfarrberuf. Empirische Befunde zum Verhältnis von Profession und Geschlecht
III. Ästhetische Repräsentanz von Pfarrer und Pfarrerin
Inge KirsnerZum Bild protestantischer Pfarrerinnen und Pfarrer im Film
Inger Littberger Caisou-RousseauKarl-Artur Ekenstedt in Selma Lagerlöf’s Novels Charlotte Löwensköld and Anna Svärd. A Christian Man’s Dilemma
Klaus EulenbergerEine Glaswand hinter dem Altar? Literarische Spiegelungen des geistlichen Amtes in seiner Wahrnehmung durch Männer und Frauen
IV. Pfarrberuf und Geschlechterverhältnis in der Perspektive kirchlicher Personalplanung und Gleichstellungspolitik
Regina SommerWandel im Pfarrberuf und seine Auswirkungen auf die theologische Aus- und Fortbildung
Ilse JunkermannDie Perspektive kirchlicher Personalplanung und Gleichstellungspolitik
Kristin BergmannPfarrberuf und Geschlechterverhältnis. Von der formalen Gleichstellung zu gleichen Verwirklichungschancen
V. Beobachtungen und Forschungsperspektiven
Gerald KretzschmarGeschlechterverhältnisse und Pfarrberuf im Wandel. Tagungsbeobachtungen
Ulrike Wagner-RauForschungsperspektiven
Autorinnen und Autoren
Seit gut dreißig Jahren üben Frauen und Männer in den Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland den Pfarrberuf mit gleichen Rechten aus. Die Auseinandersetzungen über die Frauenordination gehören in diesem geographischen und konfessionellen Umfeld der Vergangenheit an. Dennoch ist der Blick auf die Geschlechterverhältnisse im Pfarrberuf weiterhin von wissenschaftlichem Interesse. Denn gleichzeitig mit dem Wandel der Rollen von Mann und Frau in Gesellschaft und Kirche hat sich auch der Beruf der Pfarrerin und des Pfarrers verändert. Aufbrüche, zuweilen aber auch die Reproduktion traditioneller Muster im Geschlechterverhältnis bestimmen Selbstverständnis und Praxis der Pfarrerinnen und Pfarrer. Zugleich wird das Bild des Pfarrberufs in diesem Zusammenhang neu konturiert. Der Dynamik und wechselseitigen Beeinflussung beider Veränderungsprozesse im interdisziplinären und internationalen Austausch nachzugehen, ist das Thema dieses Aufsatzbandes. Insgesamt ist die Situation in den Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland von einer zunehmenden Selbstverständlichkeit in der Repräsentanz der Geschlechter gekennzeichnet. Ca. 33,5 % aller im Pfarrberuf Tätigen sind Frauen (vgl. EKD-Statistik 2009), das heißt sie haben die Minderheitensituation in der Berufsgruppe hinter sich gelassen. Die Ordination von Frauen wie Männern wird als ein theologisches Kennzeichen evangelischer Identität thematisiert.
Auf der Leitungsebene allerdings kann bis heute nicht von einer angemessenen Repräsentanz der Geschlechter gesprochen werden. Zugleich gibt es Hinweise darauf, dass traditionelle Zuschreibungen im Blick auf das Geschlechterverhältnis weiterhin in der beruflichen Praxis wirksam werden: Parallel zum wachsenden Frauenanteil unter den Theologiestudierenden hat sich eine Debatte um die sogenannte „Feminisierung“ des Pfarrberufs entwickelt, in der die Entwicklung nicht nur beschrieben, sondern auch als problematisch bewertet wird.1 Geschlechtsspezifische Zuschreibungen und die Gefährdung, traditionelle Rollenbilder zu reproduzieren, finden sich auch in der Rollenverteilung und Aufgabenzuordnung von Ehepaaren, die sich eine Pfarrstelle teilen.2 Offenbar ist gegenwärtig mit einem Nebeneinander von tiefgreifender Veränderung und partieller Reproduktion traditioneller Vorstellungen im Geschlechterverhältnis zu rechnen, das analytisch nicht ohne vertiefte empirische und theoretische Studien einzuholen und zu erhellen ist. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass auch nach einer längeren Geschichte der Gleichberechtigung subtile Mechanismen der Ungerechtigkeit zu beobachten sind.3 Obwohl der Pfarrberuf wie andere Professionen in der modernen Gesellschaft von seinen rechtlichen Rahmenbedingungen und Ausbildungsvoraussetzungen her genderneutral gefasst ist, bleibt die Frage bestehen, inwieweit dennoch geschlechtsbezogene Vorstellungen die beruflichen Interaktionen und Strukturen, die inhaltlichen Orientierungen und die biographischen Entscheidungen im Alltag des Pfarrberufs präfigurieren.
Die berufssoziologische Forschung hat die Aufmerksamkeit dafür geschärft, dass in der Arbeitsorganisation insgesamt Mechanismen und Zuschreibungen einer geschlechtsbezogenen Arbeitsteilung wirken, die allerdings durch den Wandel im Geschlechterverhältnis in den letzten Jahrzehnten brüchig geworden sind.4 Wie sieht die Entwicklung der Veränderungen im Blick auf den Pfarrberuf aus? Diese Frage ist nicht zu beantworten, wenn man nicht im Blick behält, dass die historische Prägung dieses Berufs als klassische Profession im 19. Jahrhundert eng verknüpft war mit Differenzierungen im Geschlechterverhältnis5 und dass seine theologische Begründung erst im 20. Jahrhundert die im evangelischen Verständnis prinzipiell angelegte Inklusion der Geschlechter einholen konnte.6
Die Beiträge in diesem Band wählen unterschiedliche theoretische und empirische Zugangsweisen und betrachten den Pfarrberuf in verschiedenen Kontexten, um das Ineinander von Veränderung auf der einen und Mechanismen traditioneller Beharrung auf der anderen Seite zu beschreiben und zu analysieren. Es wird nicht nur das Geschlechterarrangement thematisiert, sondern es kommt auch die Frage in den Blick, wie dieses mit dem Selbstverständnis und der Organisation des Pfarrberufes insgesamt verknüpft ist.7 Die unterschiedlichen historischen und gegenwärtigen Kontexte in Ost- und Westdeutschland werden gesondert in den Blick genommen.8 Nicht zuletzt wird die Notwendigkeit deutlich, nach den geschlechtertheoretischen Implikationen aktueller Leitbilder des Pfarramts zu fragen und dabei auch die Perspektive des Verhältnisses von Männlichkeit und Pfarrberuf zu integrieren.9 Denn die praktisch-theologischen Konzeptionen des Pfarrberufs haben die Genderkategorie bislang kaum explizit thematisiert. Gleichwohl transportieren die in den letzten Jahrzehnten vorgelegten Berufstheorien implizit Geschlechterbilder der Pfarrpersonen, deren Analyse für die zukünftige Orientierung von Theorie und Praxis des Pfarrberufes unerlässlich ist.
Historisch gesehen repräsentierte das Pfarrhaus das Ideal der bürgerlichen Familie, in dem Beruf und private Lebensform eng aufeinander bezogen waren. Für die Struktur des Pfarrberufs hatte diese komplementäre Zuordnung der Geschlechterrollen eine prägende Bedeutung, weil die Pfarrfrau nicht nur für die Ordnung des privaten Lebens im Pfarrhaus zuständig war, sondern ebenso als „Gehilfin“ des Pfarrers den Bereich der familiären Fürsorge bis in die Gemeinde hinein ausdehnte. Bis in die Gegenwart spiegelt sich diese Konstruktion in Erwartungen, die an Pfarrer und Pfarrerinnen und ihre Partner und Partnerinnen gestellt werden.10 Ebenso ist es zu beobachten, dass die Veränderung der privaten Lebensformen und Lebensweisen, die mit dem Wandel der Geschlechtsrollen einhergeht, das Leben im Pfarrhaus prägt und das Verständnis der Profession beeinflusst.11
Bedeutsam für die Entwicklung des Pfarrberufs ist auch die Frage nach der Orientierung des theologischen Nachwuchses. Dabei interessiert zum einen der Blick auf Lebens- und Familienplanung, die spätestens dann für das Geschlechterarrangement entscheidende Auswirkungen hat, wenn sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft stellt.12 Zum anderen regt der Befund einer finnischen Studie dazu an, der Frage nachzugehen, inwieweit auch in Deutschland die theologische Orientierung des Nachwuchses Einfluss darauf hat, wie sich das Verhältnis der Geschlechter in der Zukunft des Pfarrberufes gestaltet – je nachdem, ob sie eher liberal oder eher konservativ ausfällt.13 Genauere Erkenntnisse in dieser Hinsicht sind auch für das kirchenleitende Handeln notwendig und aufschlussreich.14
Ein neues Feld der geschlechterbewussten Pastoraltheologie tut sich auf in der Analyse der ästhetischen Konstruktionen des Bildes von Pfarrer und Pfarrerin in Literatur, Film und Medien.15 Dass überhaupt Pfarrerinnen in diesem Zusammenhang auftreten, ist ein Hinweis auf eine sich im öffentlichen Diskurs durchsetzende Selbstverständlichkeit ihrer Existenz. Zugleich wird in den einschlägigen Werken die Widersprüchlichkeit deutlich, mit der die jeweiligen Geschlechtscharaktere gezeichnet werden. Zuschreibungen, die als „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“ erscheinen mögen, stehen neben fluiden Bestimmungen der Rollen und Charakterbilder, die auf die erfolgten Veränderungen verweisen.
In zwei Beiträgen am Schluss werden weiterführende Forschungsperspektiven bedacht, die – wie der gesamte Band – eine Weiterführung des wissenschaftlichen Nachdenkens über Geschlechterfragen und Pfarrberuf anregen wollen.16
Die Drucklegung dieses Buches, das die erweiterte Dokumentation einer Tagung an der Philipps-Universität Marburg im März 2011 darstellt, wurde durch Druckkostenzuschüsse aus unterschiedlichen Quellen ermöglicht. Wir danken der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, dem Konvent Evangelischer Theologinnen e.V. und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD) für die Unterstützung.
Heike Mevius erstellte die Druckvorlage. Iris Cramer und Philipp Meyer unterstützten die Korrekturarbeiten. Auch ihnen sei herzlich gedankt!
Nicht zuletzt geht unser Dank an Jürgen Schneider und Florian Specker aus dem Lektorat des Kohlhammer-Verlages für die bewährte Begleitung des Projektes.
Marburg, Januar 2013
Simone Mantei
Regina Sommer
Ulrike Wagner-Rau
Frauenforschungsprojekt zur Geschichte der Theologinnen Göttingen (Hg.), „Darum wagt es, Schwestern …“, Neukirchen-Vluyn 1994.
Gildemeister, Regine / Robert, Günther, Die Macht der Verhältnisse. Professionelle Berufe und private Lebensformen, in: Dies., Geschlecht und Macht, Wiesbaden 2008.
Gildemeister, Regine / Wetterer, Angelika (Hg.), Erosion oder Reproduktion geschlechtlicher Differenzierungen. Widersprüchliche Entwicklungen in professionalisierten Berufsfeldern und Organisationen, Münster 2007.
Janowski, J. Christine, Umstrittene Pfarrerin, in: Greiffenhagen, Martin (Hg.), Das evangelische Pfarrhaus, Stuttgart 1984, 83–108.
Rabe-Kleeberg, Ursula, Frauenberufe – zur Segmentierung der Berufswelt, Bielefeld 1992.
Wagner-Rau, Ulrike, Gender – (k)ein Thema? Erwägungen zur Geschlechterfrage in Kirche und Pfarrberuf, in: Haese, Bernd-Michael / Pohl-Patalong, Uta (Hg.), Volkskirche weiterdenken. Zukunftsperspektiven der Kirche in einer religiös pluralen Gesellschaft, Stuttgart 2010, 119–131.
1 Vgl. Wagner-Rau, Gender – (k)ein Thema?, 2010.
2 Vgl. den Beitrag von Ursula Offenberger in diesem Band.
3 Vgl. den Beitrag von Paula Nesbitt in diesem Band.
4 Vgl. Wetterer/Gildemeister, Erosion oder Reproduktion, 2007.
5 Vgl. Gildemeister/Robert, Die Macht der Verhältnisse, 2008.
6 Vgl. Janowski, Umstrittene Pfarrerin, 1984.
7 Vgl. den praktisch-theologischen Beitrag von Simone Mantei und – aus soziologischer Perspektive – die Beiträge von Kornelia Sammet und Maria Dammayr in diesem Band.
8 Vgl. den Beitrag von Kerstin Menzel in diesem Band.
9 Vgl. den Beitrag von David Plüss in diesem Band.
10 Vgl. den Beitrag von Katrin Hildenbrand in diesem Band.
11 Vgl. den Beitrag von Kerstin Söderblom in diesem Band.
12 Vgl. den Beitrag von Anke Wiedekind in diesem Band.
13 Vgl. Kati Niemeläs Vorstellung einer empirischen Studie aus Finnland in diesem Band, die entsprechende Differenzen zwischen männlichen und weiblichen Studierenden ergeben hat.
14 Vgl. die Beiträge aus kirchenleitender Perspektive in diesem Band von Regina Sommer, Ilse Junkermann und Kristin Bergmann.
15 Vgl. die Beiträge von Inge Kirsner, Inger Littberger Caisou-Rousseau und Klaus Eulenberger in diesem Band.
16 Vgl. die Beiträge von Gerald Kretzschmar und Ulrike Wagner-Rau in diesem Band.
Simone Mantei
God needs all kinds of people
Philipp Potter
Geschlechterrollen in Deutschland haben sich im 20. Jahrhundert gewandelt. Der vorliegende Beitrag fragt nach Auswirkungen dieses Wandels auf den Pfarrberuf. Er erkundet zunächst, ob sich die Wirklichkeit des Pfarrberufs und sodann auch sein Verständnis durch die neuen Geschlechterverhältnisse verändert haben und, wenn ja, wie.
Der Beitrag richtet sein Augenmerk dabei weniger auf pfarramtliche Aufgaben als auf die Akteure und Akteurinnen selbst sowie ihre kulturellen und organisationsstrukturellen Rahmenbedingungen. Zunächst werden die Konturen der neuen gesellschaftlichen Geschlechterarrangements in Erinnerung gerufen. Im Spiegel des Pfarrdienstrechts sowie auf der Grundlage einer eigenen quantitativ-empirischen Studie über pastorale Berufsverläufe werden sodann Auswirkungen des Wandels auf die Berufswirklichkeit skizziert. Abschließend wechselt der Beitrag von der deskriptiven (pastoralsoziologischen) auf die normative Ebene. Er fragt nach bisherigen und künftigen Implikationen der neuen Geschlechterverhältnisse für das Verständnis des Pfarrberufs und plädiert für den Neuansatz einer Pastoraltheologie der Vielfalt, die pastorale Identität und individuelle Diversität konstruktiv aufeinander zu beziehen sucht.17 Die Geschlechterthematik im Pfarrberuf weist somit über sich selbst hinaus auf die aktuelle Grundsatzfrage nach einer pluralismusfähigen Pastoraltheologie und Personalpolitik.
In jeder Gesellschaft gibt es Verhaltenserwartungen und Normen, die sich an bestimmte Gruppen richten. In unserem vom Konzept der Zweigeschlechtlichkeit geprägten Kulturkreis strukturieren sich die Erwartungen und Normen unter anderem entlang der Geschlechterkategorie. Verhaltensweisen werden einem bestimmten Geschlecht zugewiesen, das heißt ‚gegendert‘, und in Geschlechterrollen (gender roles) zusammengefasst.18 Sie bündeln, was im jeweiligen kulturellen Kontext als typisch ‚männlich‘ bzw. ‚weiblich‘ angesehen wird.
Geschlechterrollen normieren Verhalten, reduzieren Vielfalt und strukturieren Wahrnehmung. Sie sind jedoch keine Naturprodukte, sondern kulturelle Konstrukte. Was für Männer oder Frauen als typisch bzw. akzeptabel gilt, ergibt sich nicht – wie gemeinhin postuliert – aus der ‚Natur‘ der Frau bzw. des Mannes, sondern aus gesellschaftlichen Übereinkünften. Geschlechterzuschreibungen sind sowohl historisch kontingent als auch milieu- und kulturabhängig.19 Sie sind folglich wandelbar, was sich bereits an verschieden konturierten Geschlechterverhältnissen in den neuen und alten Bundesländern nachvollziehen lässt.20 Der Wandel von Geschlechterrollen ist allerdings ein nur bedingt steuerbares, da langwelliges gesellschaftliches Phänomen. Das Individuum findet sich stets eingebettet in gesellschaftliche Geschlechterstereotype, die es nicht beliebig variieren kann. Zum einen hat es sie größtenteils selbst habitualisiert, das heißt als Wesensmerkmale übernommen. Zum anderen manifestieren sie sich unter anderem in staats- und dienstrechtlichen Regelungen, die dem unmittelbaren Zugriff ebenfalls entzogen sind.21 Den individuellen Gestaltungsmöglichkeiten sind somit strukturelle Grenzen gesetzt.
Im zurückliegenden Jahrhundert vollzog sich ein Paradigmenwechsel von einem streng hierarchischen zu einem egalitären Geschlechterverhältnis mit weitreichenden Folgen insbesondere für die weibliche Geschlechterrolle. Frauen erhielten zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals Zugang zu höherer Bildung und konnten das Abitur sowie universitäre Studienabschlüsse erlangen.22
Mit der Übertragung des aktiven wie passiven Wahlrechts 1918 erhielten Frauen in Deutschland ferner die Chance zu gesellschaftlicher Mitbestimmung und konnten erstmals (mindestens formal) Einfluss nehmen auf die rechtliche Ausgestaltung des Geschlechterverhältnisses in Staat, Gesellschaft und im Berufsleben der Moderne.23 Ihre zunehmende Inklusion ins Erwerbsleben ging im Verlauf des 20. Jahrhunderts unter anderem mit wachsender materieller Autonomie und einer Diversifizierung der Lebensformen einher.24
Im Zuge des Paradigmenwechsels vom Leitbild eines hierarchisch strukturierten zu einem egalitären Geschlechterverhältnis erhielten Frauen im zurückliegenden Jahrhundert zwar erstmals breiten Zugang zu Bildung, gesellschaftlicher Mitgestaltung und entlohnter Arbeit. Doch finden sich auch im 21. Jahrhundert noch Relikte der Geschlechterhierarchie, so dass gegenwärtig z.T. widersprüchliche Geschlechterarrangements kommuniziert werden.
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