Geschlossenes Spiel - Oliver Riede - E-Book

Geschlossenes Spiel E-Book

Oliver Riede

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Beschreibung

Helen Stein könnte glücklich sein. Sie ist attraktiv und lebt sorgenfrei an der Seite ihres wohlhabenden Mannes. Doch der Schein trügt. Als der gutaussehende Hannes in ihr Leben tritt, zögert sie nur kurz, bevor sie eine folgenschwere Entscheidung trifft. Eine Entscheidung, die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das von Frank und Marie Bartholomä auf den Kopf stellen soll. Denn plötzlich finden sich die beiden als Spielfiguren eines raffinierten Plans wieder. Es geht um Geld, viel Geld. Doch wer bestimmt die Regeln? Ein intelligenter Krimi um Liebe, Verrat und das ganz große Geld.

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Seitenzahl: 575

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Meiner Frau

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

1

Frank Bartholomä stellte eine kleine Tasse unter die Ausgabe der Kaffeemaschine und drückte auf dem Touchdisplay das Symbol für einen doppelten Espresso. Das Mahlwerk rumpelte und kurz darauf presste das Gerät zischend die braune Flüssigkeit in die Tasse. Mit dem Kaffee in der Hand lehnte er sich gegen die Arbeitsplatte aus Granit, spähte aus dem Küchenfenster und trank dann schlürfend seinen morgendlichen Espresso.

Der Kühlschrank summte leise, eine Fliege schoss gegen die Fensterscheibe, wieder und wieder. Frank beugte sich vor, eine Strähne seines dichten, schwarzen Haares fiel ihm ins Gesicht und er strich sie genervt hinter das Ohr. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er auf die gegenüberliegende Straßenseite.

»Sag mal, haben Milbergs ein neues Auto«, rief er über die Schulter.

Seine Frau Marie trat zu ihm ans Fenster. Mit beiden Händen band sie sich das lockige Haar zu einem Zopf und warf einen kurzen Blick nach draußen. »Wieso?«

»Da hinten, der schwarze Audi vor ihrem Haus.«

»Noch nie gesehen, glaube ich«, sagte sie achselzuckend. »Aber ich wüsste auch nicht mal, dass das ein Audi ist.«

»Ich könnte schwören, der stand hier in letzter Zeit häufiger.« Frank grinste vor sich hin. »Vielleicht hat die Milberg ja einen Liebhaber.«

»Die doch nicht.« Marie ging zum Kühlschrank, entnahm ihm eine Flasche Wasser und goss sich ein Glas ein. »Nee, die doch nicht«, wiederholte sie.

»Na, wer weiß?« Frank lachte und schaute auf seine Uhr. »Scheiße, schon so spät! Ich muss los.« Er stürzte den Rest Espresso herunter, stellte die Tasse scheppernd in die Spüle und stürmte an Marie vorbei.

»Wann kommst du heute?«, rief Marie ihm hinterher.

»Weiß ich noch nicht. Kann spät werden.« Er schlüpfte in eine schwarze Anzugjacke und zog die Hose am Gürtel zurecht.

Marie seufzte. »Na dann«, sagte sie leise.

Frank sah noch einmal in den Flurspiegel, dann riss er die Haustür auf und hetzte hinaus, die Aktentasche aus braunem Leder unter den Arm geklemmt. Es war ein warmer Morgen, ungewöhnlich warm für Mitte Mai. Er zog die schwere eiserne Tür zu und lief mit schnellen Schritten den Weg entlang des gepflegten kleinen Vorgartens zur breiten, mit ockerfarbenen Steinen gepflasterten Auffahrt. Hier stand der dunkelgraue BMW X5 wie ein riesiges Reptil aus Blech, die 21-Zoll-Felgen warfen die Strahlen der Morgensonne zurück.

Frank öffnete den Wagen und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sie waren bereits nach den wenigen Schritten bis zur Auffahrt schweißnass und er keuchte.

Möglicherweise sollte ich doch mal wieder Sport treiben, ging es ihm durch den Kopf. Er warf einen Blick in Richtung Küchenfenster, konnte Marie aber nicht entdecken. Das große Haus, von ihm entworfen, wirkte seltsam verlassen. Sein Handy vibrierte, Frank zog es aus der Innentasche seines Sakkos und warf einen Blick darauf.

Du hast mir gerade noch gefehlt, dachte er, als er die wie immer viel zu lange E-Mail eines Auftraggebers überflog. Seine Finger verkrampften sich um das Telefon, er atmete einmal tief durch, dann sah er hinüber zu dem schwarzen Audi.

»Die Milberg«, flüsterte er und musste schmunzeln, wuchtete sich dann auf den Fahrersitz, startete den Motor und setzte im Rückwärtsgang schwungvoll auf die Straße. Eine Hand lag auf dem Lenkrad, mit der anderen klickte Frank sich durch die E-Mails auf seinem Mobiltelefon. Seine Augen sprangen zwischen Fahrbahn und Display hin und her, so dass er nicht bemerkte, wie der Audi anrollte und kurz nach ihm die Straße entlangfuhr.

2

Der Kies knirschte unter den Reifen, als Hannes Cannstadt den schwarzen Audi auf den Mitarbeiterparkplatz hinter dem Gebäude lenkte. Das Bankhaus Stein befand sich im ehemaligen Anwesen eines vergessenen Industriellen in einer der besten Lagen der Stadt. Es war eine eindrucksvolle Villa mit einem großen, von Säulen getragenen Vordach. Ein gekiester Weg führte zum Haupteingang, neben dem ein goldenes Schild hing, in das der Name der Bank in altmodisch verschnörkelten Buchstaben graviert worden war. Auf dem großzügigen Grundstück mit dem gepflegten Rasen standen drei alte Eichen mit ausladenden Kronen. Ein schmiedeeiserner Zaun begrenzte das Anwesen.

Hannes stieg aus, strich seinen braunen Anzug glatt und zupfte die Krawatte zurecht, schnappte sich die Ledertasche vom Beifahrersitz und ging auf den Hintereingang zu. Stendahl stand an der Tür und rauchte mit hastigen Zügen. Er hob müde die Hand zum Gruß, dann drückte er die Zigarette auf dem Boden aus und warf die Kippe in den kleinen Mülleimer neben dem Eingang.

»Guten Morgen«, sagte er, Nikotingeruch hüllte ihn ein.

»Guten Morgen, Mark. Wie geht’s?«

»Kann nicht klagen.« Stendahl deutete auf den Audi. »Noch so zufrieden wie am Anfang?«

Hannes folgte seinem Blick. »Ja, doch. Ein nettes Auto.«

»Nett? Du machst mir Spaß. Da hat sich der Alte aber mal ziemlich spendabel gezeigt. Kannst du mir glauben.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ach, eine geht noch, was? Leistest du mir Gesellschaft?« Er zog die Zigarettenpackung aus der Hosentasche und zündete sich eine Zigarette an. Rauch wehte ihm in die Augen und er kniff sie zusammen. Als er sie wieder öffnete, waren sie feucht von Tränen.

»Würde ich gern, aber ich bin schon spät dran.«

»Kein Problem.« Stendahl zog gierig an der Zigarette.

Hannes fischte die schlichte weiße Keycard aus der Innentasche seines Sakkos und zog sie durch den Kartenleser neben der Tür. Ein leises Piepen, dann schnappte der Riegel in der schweren Holztür zurück. Er strich sich einmal durch sein dichtes, braunes Haar, dann betrat er den Eingangsbereich des Gebäudes.

Eine junge Frau mit braunen, zu einem Zopf gebundenen Haaren stand mit durchgedrücktem Rücken hinter einem Empfangstresen aus dunklem Holz, auf den der Schriftzug der Bank geprägt worden war. Als sie Hannes erkannte, schenkte sie ihm ein breites Lächeln.

»Guten Morgen, Hannes.«

»Guten Morgen, Nicole.«

»Heiß heute, oder? Und wir haben es gerade mal halb zehn.«

»Ja, wirklich erstaunlich. Aber Sie haben es ja zum Glück angenehm kühl hier.« Hannes wies auf die schmalen Schlitze der Klimaanlage in der Decke.

»Zum Glück.« Sie fächelte sich mit einer Hand theatralisch Luft zu. »Ansonsten gute Nacht.«

Hannes lachte und ein mädchenhaftes Lächeln huschte über das Gesicht der Empfangsdame.

»Der Chef schon da?«, fragte Hannes.

»Vor zehn Minuten nach oben.« Sie wies auf die breite hölzerne Treppe mit dem roten Teppich, die in das obere Stockwerk führte.

»Bibliothek?«, fragte Hannes.

»Nee, ist nur ein Telefonat. Das macht er im Konferenzraum. Irgendetwas mit Asien. Müller ist auch dabei.«

»Ach ja, die Beijing First Limited.«

»Genau, das war’s. Kann mir diese Namen nie merken.« Ihre zarte Nase kräuselte sich. »Nicht schlimm, oder?«

»Ach was, ich blicke da auch nicht immer durch. Ich bin dann im meinem Büro.« Er zwinkerte ihr zu.

»Einen erfolgreichen Tag wünsche ich Ihnen«, sagte Nicole Seiffert.

»Vielen Dank, für Sie auch.« Er ging zur Glastür, die den Bürobereich abtrennte. Mit der Hand an der Klinke drehte er sich noch einmal um. »Der neue Farbton steht Ihnen wirklich sehr gut.«

Sie senkte errötend den Kopf. »Das ist Ihnen aufgefallen? Ja, ich habe mal etwas ausprobiert. Nicht zu extrem?«

»Im Gegenteil: Sehr dezent. Hat was.«

Er lächelte und trat durch die Tür. Von dem Flur dahinter gingen zwei Büros ab – in einem davon arbeitete er –, bevor er sich in eine Art Großraumbüro öffnete. Auf der anderen Seite lag der Bereich von Doktor Ludwig Stein, dem Direktor.

Hannes betrat sein Büro, einen kleinen, zweckmäßig eingerichteten Raum: ein Schreibtisch vor dem Fenster, davor zwei Besucherstühle, deckenhohe Regale an einer Wand, hüfthohes Sideboard mit Schiebetüren an der anderen. Zweckmäßig – und unpersönlich. Aber das störte ihn nicht.

Er legte die Ledertasche auf den Tisch und stellte sich an das Fenster. Der Blick ging hinaus auf eine der alten Eichen. Wenn er den Hals ein wenig reckte, konnte er den obersten Zipfel der mächtigen Baumkrone sehen, darüber den fast irreal blauen Himmel.

Er drehte sich um, zog das Notebook aus der Tasche und fuhr den Computer hoch. Hannes hatte sich gerade in sein E-Mail-Programm eingeloggt, da hörte er das typisch kraftvolle Klopfen an der Tür und ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte Ludwig Stein in sein Büro.

Wie immer war sein Aussehen tadellos. Er trug einen maßgeschneiderten dunklen Anzug, bei dem die Bügelfalte wie mit dem Lineal gezogen über das Knie lief, ein strahlend weißes Hemd und eine unaufdringliche, dunkelblaue Krawatte, die von einer goldenen Nadel zusammengehalten wurde. Ein akkurat gefaltetes Einstecktuch rundete das Ensemble ab. Beim Anblick des Tuchs in Kronenfaltung musste Hannes unwillkürlich an eines seiner ersten Gespräche mit Stein denken, als dieser ihn belehrte: Das Einstecktuch, mein lieber Herr Cannstadt, ist ein vollkommen zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Accessoire für den Mann, das gar nicht hoch genug bewertet werden kann.

»Hannes, da sind Sie ja endlich«, sagte Stein und fuhr sich durch das kurzgeschnittene graue Haar. Das Gesicht war leicht gerötet, eine Ader an der rechten Schläfe trat hervor. Er war fast siebzig Jahre alt, ein gedrungen wirkender Mann – nicht gerade klein, aber irgendwie hatte Hannes immer das Gefühl, er würde von einer großen Last auf seinen Schultern zusammengestaucht – mit hellwachen grauen Augen.

»Unfall auf der Tangente.«

Stein winkte gehetzt ab. »Ja, ja, schon gut. Ich wollte da eine sehr wichtige Sache mit Ihnen besprechen.«

»Sicher. Worum geht es?«

»Nicht hier. In meinem Büro. Fünf Minuten?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, stampfte Stein aus dem Büro. Hannes warf einen schnellen Blick auf den Posteingang, dann sperrte er den Computer und griff sich Notizblock und Stift vom Schreibtisch. Er machte noch einen Umweg über die Kaffeeküche und trank in Eile einen Espresso. Als er den Büroraum durchquerte, grüßte er nach links und rechts, und stand exakt fünf Minuten später vor der offenen Tür von Steins Sekretariat.

»Herr Cannstadt, schön Sie zu sehen.«

»Ebenfalls, Frau Weiß. Wie geht es Ihnen?«

Steins Sekretärin stand kurz vor der Rente. Sie war dünn – streng genommen eher mager –, immer perfekt gekleidet, frisiert und geschminkt und rauchte Kette: stinkende, filterlose Zigaretten in einem silbernen Mundstück. Stets brannte eine davon, entweder zwischen ihren Fingern oder vergessen auf dem Rand des erstaunlicherweise immer glänzend sauberen Aschenbechers. Sie musste bei Stein eine Ausnahmeregelung erwirkt haben, denn das Rauchen im Gebäude war streng verboten. Ein Verbot, über das sich Stein gleichwohl oft genug selbst hinwegsetzte, wenn er in seinem Büro seine ebenso übelriechenden Zigarren abbrannte.

»Ich kann nicht klagen«, antwortete Frau Weiß. Weiter kam sie nicht, denn ein heftiger Hustenanfall schnitt ihr das Wort ab und sie winkte Hannes durch zu Steins Büro. Auf der Eichentür stand in goldenen Buchstaben Dr. Ludwig Stein. Hannes wusste nicht, in welcher Disziplin Stein den Doktortitel erlangt hatte, aber er vermutete irgendetwas in Richtung Geschichte. Vielleicht Philosophie? Viel Auswahl hatte es zu seiner Universitätszeit wahrscheinlich nicht gegeben. Hannes klopfte an.

»Na los, rein mit Ihnen«, hörte er die Stimme des Direktors und Hannes öffnete die Tür. Altmodische Eleganz empfing ihn in Steins Büro: Deckenhohe Bücherregale, Bilder von historischen Segelschiffen in barocken Bilderrahmen an den freien Wänden, zwei alte Ledersessel vor dem Schreibtisch aus dunklem Holz und ein kleiner, runder Tisch mit Whiskyflaschen und passenden Gläsern in einer Ecke.

Stein stand vor dem Fenster, eine Dokumentenmappe in der Hand, und sah hinaus in den Tag. Als Hannes eintrat, drehte er sich um, lächelte einnehmend und setzte sich in den ultramodernen Schreibtischstuhl, der kaum mehr war als ein auf einen verchromten Rahmen gespanntes schwarzes Netz mit Kopfstütze und in diesem Zimmer eigentümlich deplatziert wirkte. Der Stuhl machte ein teuer klingendes hydraulisches Geräusch, als er Steins Gewicht sanft nachgab.

»Ist der neu?«, fragte Hannes und deutete auf den Stuhl.

»Meine Frau will mir einreden, ich hätte Rückenprobleme«, erwiderte Stein achselzuckend und schmunzelte. »Na ja. Aber bequem ist er.«

Stein wies auf einen der braunen Ledersessel und Hannes nahm Platz.

»Wie lief es mit den Chinesen?«, sagte er.

»Fragen Sie nicht. Blutsauger. Sind wohl auf großer Einkaufstour, aber die haben Konditionen, da schlackern Ihnen die Ohren. Nein, das werden wir wohl beerdigen.«

»Ehrlich gesagt, hatte ich bei denen von Anfang an kein gutes Gefühl. Aber Müller wirkte so begeistert.«

»Na, das habe ich ihm ausgetrieben. Keine Geschäfte mit denen.« Stein schüttelte gedankenverloren den Kopf, dann schnipste er mit den Fingern und klopfte mit der flachen Hand auf die Mappe vor sich auf dem Tisch. »Weswegen ich Sie sprechen wollte: Der Name Sievert sagt Ihnen sicherlich etwas.«

»Einer unserer besten Kunden«, antwortete Hannes umstandslos. »Besitzt einige Schließfächer, lässt sein nicht unbedeutendes Wertpapierdepot von uns verwalten und schätzt das Bankhaus Stein darüberhinaus als zuverlässigen Kreditgeber für seine Unternehmen. Bisher ohne Rückzahlschwierigkeiten, wenn ich richtig informiert bin.«

»Sie machen Ihre Hausaufgaben, wie ich sehe. Nichts anderes habe ich erwartet.« Stein lächelte wohlwollend. »Außerdem ist Sievert noch ein langjähriger Freund von mir. Neuerdings spielen wir sogar zusammen Golf. Recht erfolglos meinerseits, wie ich gestehen muss. Er hängt sich natürlich ziemlich rein. Vor allem am neunzehnten Loch.« Er lachte trocken und die grauen Augen blitzten auf, dann wedelte er mit der Hand. »Egal. Sievert plant jedenfalls etwas Größeres in seinem Geschäftsbereich.«

»Was war das noch? Spezialglas, Baustoffe, etwas in der Richtung. Unspektakulär, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.«

Sein Gegenüber sah Hannes belustigt an. »Ehrlich gesagt teile ich Ihre Meinung. Aber unterschätzen Sie diese Firmen nicht. Das sind langsam gewachsene, hoch spezialisierte, zudem meist konkurrenzlose Unternehmen. Und dadurch sehr erfolgreich, mit entsprechenden Zahlen. Zwar mit der Ausstrahlkraft eingeschlafener Füße, aber sehr solide und das Rückgrat unserer Wirtschaft. Vergessen Sie das nie: Wenn es denen gut geht, geht es uns auch gut.« Stein atmete tief durch nach der kleinen Ansprache.

»Das werde ich mir merken, Herr Stein«, sagte Hannes.

»Auf jeden Fall plant er eine Erweiterung seines Geschäftsmodells.« Stein hatte die Mappe geöffnet und blätterte sich durch die Seiten. »Will sozusagen die letzte Meile auch noch abgreifen.«

»Einzelhandel?«, fragte Hannes, öffnete den Notizblock und schrieb ein paar Stichpunkte auf die linierten Seiten.

»Exakt.«

»Übernahme oder eigene Infrastruktur?«

Stein legte die Fingerspitzen aneinander. »Er hat da wohl eine Übernahme geplant. Überschaubares Filialnetz, aber an strategisch günstigen Orten. Und mit Ausbaupotenzial.« Stein hob die Schultern. »Na ja, ich persönlich bin mir nicht ganz sicher, ob das so lukrativ ist.« Er schob die Mappe über den Tisch.

»Die Skepsis teile ich. Ist der Markt nicht schon vollkommen abgesättigt?«, sagte Hannes, griff sich die Mappe und blätterte in den Unterlagen.

Stein erhob sich und ging zu dem Tischchen mit den Whiskyflaschen. Er musterte die Etiketten der Flaschen, zog eine davon hervor und goss sich einen Schluck ein, dann stellte er sich wieder an das Fenster und blickte hinaus. »Würde ich auch denken. Aber das zu analysieren, mein lieber Hannes, wird Teil Ihrer Aufgabe sein.« Er drehte sich um und sah ihm ins Gesicht, der goldbraune Whisky bewegte sich im Glas hin und her. »Sievert möchte das Bankhaus Stein mit der Ausarbeitung der Strategie beauftragen. Sollten wir ihn überzeugen, übernehmen wir die gesamte Beratung, finanzielle Begleitung und so weiter. Ein ordentliches Volumen.« Mit dem Glas in der Hand zeigte er auf Hannes. »Und ich möchte, dass Sie das machen.«

»Ich? Vielen Dank für das Vertrauen, aber –«

»Nichts aber«, unterbrach ihn Ludwig. »Ich weiß, dass dieses Projekt bei Ihnen am besten aufgehoben ist.«

»Aber Sievert wird doch von Stendahl betreut.«

Stein winkte ab. »Normalerweise schon, aber für diese Sache ist mehr analytisches Geschick nötig. Ich mag Stendahl, aber der ist eher ein Kumpeltyp, wenn Sie verstehen, was ich meine. Das hat seinen Wert, ohne Frage. Aber nicht dafür.«

»Haben Sie das schon mit ihm abgesprochen.«

»Er ist im Bild«, sagte Stein schmallippig.

»Ich meinte ja nur, ich möchte niemandem auf den Fuß treten.«

Ludwigs Blick entspannte sich. »Schon gut, das lassen Sie mal meine Sorge sein. Sie konzentrieren sich voll auf diesen Auftrag.« Stein trat wieder an den Tisch, stellte das Glas ab und beugte sich zu Hannes hinüber. »Hannes, ich vertraue auf Ihr Können. Noch ein paar mehr von Ihrer Sorte, und das Bankhaus Stein ist in ein paar Jahren wieder ganz oben.«

Er nickte gedankenverloren, dann umrundete er den Schreibtisch und ließ sich in den zweiten Lederstuhl plumpsen. Mit verschwörerischem Blick sah er Hannes an.

»Hannes, das ist eine große Chance für uns. Wenn wir das schaffen, eröffnen sich absolut neue Geschäftsfelder. Das kann ich niemand anderem geben.«

»Gut. Vielen Dank für das Vertrauen, Herr Doktor Stein.«

Ludwig hob beide Hände. »Sie müssen mir nicht danken. Liefern Sie einfach weiterhin so gute Arbeit ab.« Er griff sich einen Ringordner, der auf dem Schreibtisch lag, und wedelte damit in der Luft. »Übrigens, Ihre Präsentation zur Überarbeitung unserer Online-Strategie finde ich überzeugend. Vielleicht ein wenig zu radikal, aber das bekommen wir hin.«

»Dankeschön«, sagte Hannes.

Stein ging wieder zu der kleinen Bar, goss Whisky in ein weiteres Glas und bot es Hannes augenzwinkernd an.

»Bleibt unter uns.«

»Äh, ja, warum nicht? Danke.«

Hannes trank einen kleinen Schluck, spürte das Brennen im Hals und musste den Drang zu husten unterdrücken.

»Sie haben natürlich Recht, das klingt wirklich nach einer enormen Chance. Und vielleicht sollten wir noch einen Schritt weitergehen, wenn wir bei Sievert erfolgreich waren.«

»Was meinen Sie?«, sagte Stein.

»Na ja, ich habe noch einige Kontakte in die Biotech-Welt, Pharma und so weiter. Mal sehen, vielleicht ergibt sich da ja etwas. Die Branche ist im Umbruch, da wird immer viel fusioniert, gekauft, outgesourced. Da sollten sich für uns auch Möglichkeiten ergeben für Beratungsleistungen verschiedenster Art. Ich denke, in der Richtung sollten wir uns noch ein bisschen besser aufstellen in naher Zukunft.«

Stein hatte ihm mit glänzenden Augen zugehört. »Genau das meine ich. Sie haben den richtigen Esprit, Hannes. Heute sagt mal wohl Spirit, was?« Er leerte sein Glas und schenkte sich nach. »Gefällt mir, was Sie sagen. Das sollten wir sehr bald vertiefen. Aber jetzt kümmern wir uns erst einmal um Sievert.« Stein lehnte sich gegen die Tischkante. »Ich erwarte, dass Sie sich vollkommen auf diesen Auftrag konzentrieren. Ständige Erreichbarkeit, sofortige Erfüllung aller Anliegen, et cetera, et cetera. Wenn der alte Kerl aufs Klo geht, reißen Sie ihm das Papier ab. Verstehen wir uns?«

»Absolut. Da wird aber nicht viel Zeit für unsere Schachabende bleiben.« Hannes hob bedauernd die Schultern.

»Ja, das ist in der Tat schade. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, nicht wahr?« Stein streckte ihm sein Glas entgegen und sie stießen an. Die Kristallgläser erzeugten einen hellen, klaren Ton.

»Sicher nicht. Was ist mit den anderen Projekten?«

»Verteilen Sie nach Möglichkeit auf Stendahl und Wissmann.«

»Das wird sie nicht freuen.«

Ludwig nahm einen großen Schluck und sah Hannes mit zusammengekniffenen Augen an. »Möglich. Aber wenn ich immer nur nach dem gegangen wäre, was mich erfreut, würde ich heute irgendwo Bratwurst verkaufen.«

Hannes grinste. »Da ist was dran.«

»Das können Sie mir glauben. Ha! Ich bin wirklich froh, Sie an Bord zu haben. Nicht nur, was die Arbeit angeht, auch so, nun ...«

»Menschlich?«, schlug Hannes vor.

»Exakt.« Stein nahm einen Schluck Whisky. »Wissen Sie eigentlich, was man sich über Christian Mannteufel sagt?«

Hannes verzog das Gesicht. »Erinnern Sie mich nicht an den.«

»Ich weiß, dass Ihre Zeit bei Diessner & Falck nicht gerade angenehm war, umso mehr wird es Sie wahrscheinlich interessieren, dass Mannteufel ziemlich Gegenwind bekommt. Es läuft wohl nicht so gut in seiner Abteilung.« Stein grinste hämisch über den Rand seines Glases.

»Wundert mich nicht«, sagte Hannes und rümpfte die Nase.

»Ja, er hat scheinbar ziemlich gewütet, personalmäßig. Viele gute Leute entlassen. Hat sich Feinde gemacht.« Er zuckte mit den Achseln. »Na ja, nur gut, dass Sie rechtzeitig den Absprung geschafft haben.«

»Darauf trinke ich.«

Stein lachte kumpelhaft und sie ließen wieder die Gläser klirren. Plötzlich wurde die Miene des alten Mannes ernst. Er richtete umständlich seine Manschetten, dann stieß er sich von der Tischplatte ab, stand in steifer Haltung vor Hannes.

»Ich habe mir gedacht, ich meine, wo Sie ja im Prinzip in meinem Haus ein und aus gehen, unsere Schachabende«, seine Stimme senkte sich, »die Dinge, die ich Ihnen anvertraut habe...« Sein Glas wanderte von einer Hand in die andere. »Worauf ich hinauswill – ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich in Ihnen mittlerweile mehr als nur einen normalen Angestellten sehe. Ja, vielleicht sogar so etwas wie einen Freund.« Im letzten Satz schwang ein Hauch von Frage mit. Stein schien es auch bemerkt zu haben, denn er schüttelte den Kopf. »Nein, definitiv einen Freund. Und da wäre es doch weiß Gott mal an der Zeit, dass wir dieses alberne Sie gegen ein Du ersetzen. Oder?«

»Sehr gern.« Hannes erhob sich und streckte mit feierlicher Miene seine Hand aus. »Ludwig, ich danke dir für dein Vertrauen.«

»Und ich dir für den guten Job, den du machst.« Er schüttelte Hannes' Hand. »Und dafür, dass du mich beim Schach gewinnen lässt.«

»Moment, wer von uns beiden der bessere Spieler ist, steht ja wohl kaum zur Debatte. Da muss ich noch viel lernen.«

Stein drückte ihm lachend den Arm, dann klatschte er in die Hände. »Na gut. Und jetzt wieder an die Arbeit!«

»Auf jeden Fall.« Hannes stellte sein Glas auf dem Schreibtisch ab, an der Tür gab Stein ihm noch einen Klaps auf die Schulter und nickte ihm freundlich zu.

»Und über deine Ideen reden wir, sobald dieses Ding unter Dach und Fach ist.«

»Alles klar.«

»Ach, noch was.« Stein senkte die Stimme, obwohl Hannes sicher war, dass durch die dicke Bürotür nicht einmal die Schreie eines Mannes dringen würden, der auf einer Streckbank gefoltert wurde. »Ich denke, es ist besser, wenn wir hier im Büro weiterhin, na ja, einen formellen Umgang pflegen. Nicht, dass das Betriebsgefüge gestört wird.«

»Sicher, da haben Sie – da hast du Recht.«

Stein nickte lächelnd, ein wohlwollender, fast väterlicher Blick lag in seinen Augen. »Na dann.« Er öffnete die Tür.

Hannes ging zurück in sein Büro und entsperrte mit einem breiten Grinsen im Gesicht den Laptop. Alles lief genau nach Plan.

3

Die Sonne war ein glutroter Streifen hinter den Häusern und spiegelte sich als herabfließende Lava in den Fenstern der parkenden Autos. Es wurde dunkel, die Straßenbeleuchtung hatte sich schon eingeschaltet. Aus dem Erdgeschossfenster des Hauses fiel ein Lichtviereck auf den Rasenstreifen des Vorgartens. Hannes warf einen Blick auf das beleuchtete Ziffernblatt seiner Uhr, unterdrückte ein Gähnen und rieb sich die müden Augen. Erfolglos versuchte er, in dem Autositz eine bequeme Position zu finden. Er konnte nur hoffen, dass er bald seinen Posten würde räumen können.

Ein paar Minuten später bog der BMW endlich in die Straße ein. Hannes sank ein wenig in den Sitz hinunter und kniff gegen das grelle Licht der Scheinwerfer die Augen zusammen, dann wurde das Auto auf die Auffahrt des Hauses gelenkt. Im Licht der Straßenlaterne hatte Hannes für einen Moment den breiten Oberkörper von Frank erkennen können, das bullige Gesicht und das Haar, das ihm bis über die Ohren wuchs. Nachdem Frank den Motor abgestellt hatte, blieb er im dunklen Auto sitzen, ein kurzes Aufblitzen des Handydisplays, dann wieder nur die schemenhafte Gestalt hinter dem Steuer.

»Harter Tag? Willkommen im Club«, flüsterte Hannes.

Schließlich stieg Frank aus dem Auto, lief langsam und leicht gebeugt zur Haustür und verschwand im Gebäude. Hannes streckte sich und gähnte herzhaft. Nachdem fünfzehn Minuten später das Licht im unteren Geschoss ausgegangen war, wurde eines der oberen Zimmer schwach erleuchtet und er konnte eine Frau erkennen, die mit vor der Brust verschränkten Armen am offenen Fenster stand und auf die Straße hinaussah.

»Guten Abend, Marie«, sagte Hannes in die Stille seines Wagens.

Als hätte sie ihn gehört, drehte Marie den Kopf in seine Richtung – zumindest kam es ihm so vor –, dann schloss sie das Fenster und zog die Vorhänge zu.

Hannes schrieb im Licht seines Handydisplays etwas in ein Lederbüchlein, das er aus dem Fach in der Mittelkonsole gezogen hatte, startete dann den Wagen und fuhr langsam die Straße hinunter. Er warf noch einen Blick zu dem Fenster, an dem er Franks Frau gesehen hatte, konnte aber nichts erkennen. An der Ecke beschleunigte er und fädelte sich in den Verkehr in Richtung Innenstadt ein. Durch die geöffneten Fenster wehte der Duft von Tulpen und Hyazinthen und vertrieb seine Müdigkeit.

Er wohnte am Rand des Stadtzentrums. Eine ruhige Wohngegend, die schmalen Straßen wurden von großen alten Bäumen in Schatten getaucht. Seine Wohnung befand sich im ausgebauten Dachstuhl eines der vorherrschenden dreistöckigen Häuser und war vergleichsweise klein, aber Hannes mochte die Gegend und vor allem die Wohnung, denn von jedem Fenster sah man direkt in den Himmel. Außerdem gab es eine Dachterrasse, von der man über die Dächer und Hinterhöfe des Viertels blickte. Hier stand er gern, einen Kaffee in der Hand, und schaute in die Ferne.

Er parkte das Auto auf dem Stellplatz im Hinterhof, schloss die Haustür auf und nahm die Treppen bis zu seiner Wohnungstür. Er machte kein Licht im Treppenhaus, ihm gefiel das Gefühl von Vertrautheit, wenn er im dunklen Hausflur die Tür aufschloss und die finstere Wohnung betrat: Das Knarren des Dielenbretts kurz hinter der Wohnungstür, der herbe Geruch von Kaffee und Holz, die gedämpften Geräusche aus den anderen Wohnungen – Klirren von Geschirr, Musik, Fetzen eines Gesprächs –, die der Wind durch das offene Terrassenfenster hereintrug.

Hannes steckte den Schlüssel in das Türschloss, das Metall des Knaufs war trotz der aufgestauten Wärme im Hausflur kalt, da legten sich von hinten zwei Hände auf sein Gesicht. Er spürte die warme Haut auf seinen Augenlidern und der dezente Duft einer teuren Seife stieg ihm in die Nase.

»Überraschung.«

»Helen ... Du hast mich erschreckt.« Er zog ihre Hände von seinen Augen und drehte sich um. Schemenhaft sah er ihr Gesicht, das blonde Haar schien geisterhaft in der Luft zu schweben.

»Wie kommst du überhaupt hier herein?«, flüsterte Hannes.

»Die Dame aus dem ersten Stock hat mich hereingelassen.«

»Die alte Friedmann?« Hannes schüttelte in der Dunkelheit den Kopf. »Gerade dieses Tratschmaul. Du weißt doch, dass wir vorsichtig sein müssen. Wie lange stehst du denn schon hier?«

»Keine Ahnung. Eine Stunde?«

»Fuck.«

»Bitte, sei nicht böse. Ich musste dich einfach sehen.«

Hannes atmete tief durch, dann ergriff er ihre Hand und zog sie sanft zur Tür.

»Ja, tut mir leid. Lass uns reingehen.«

»Eine gute Idee.«

Helens Stimme klang trotzig. Als Hannes hinter ihnen die Tür geschlossen hatte, schmiegte sie sich mit ihrem schlanken, warmen Körper an ihn und suchte mit ihren Lippen seinen Mund.

»So, jetzt noch mal von vorne. Hey, mein Süßer.«

»Vorsicht, komm mir lieber nicht zu nahe. Ich bin ziemlich durchgeschwitzt.«

»Das, mein Lieber, steigert nur noch mein Verlangen nach dir.« Sie schnüffelte an seinem Hemd und brummte genießerisch. »Falls das überhaupt noch geht.«

»Ach wirklich?«, fragte Hannes, küsste ihre zarte Nase, die weiche Haut an ihrem Hals, und knöpfte Helens enganliegende Bluse auf.

»Allerdings.« Sie stöhnte leise, als er mit seiner Hand über ihre Brüste glitt.

»Wieviel Zeit hast du?«, fragte er.

»Genug.«

Ein warmer Wind wehte durch das geöffnete Fenster im Schlafzimmer und bewegte sanft die Vorhänge. Die gedimmten Strahler der Stehlampe ließen wenig mehr als Umrisse erkennen, die Lichter der Stadt malten bizarre Formen an die Zimmerdecke. Aus einer der Nachbarwohnungen wehte leise Jazzmusik über den Hof.

Helen lag mit angezogenen Beinen auf dem Bett, rauchte eine Zigarette und starrte an die Decke. Eine Haarsträhne klebte schweißnass an ihrer Stirn, der nackte Körper hatte die Farbe von Bronze. Neben ihr auf dem zerwühlten Laken hatte sich Hannes mit geschlossenen Augen ausgestreckt. Sein Atem ging gleichmäßig.

»Wann?«, durchbrach Helen die Stille.

»Was wann?«, sagte Hannes schläfrig.

»Du weißt genau, was ich meine. Also, wann?«

»Bald.«

»Bald. Was heißt bald?« Helen stützte sich auf einen Ellenbogen und sah Hannes an. Die Hand, in der sie die Zigarette hielt, beschrieb kleine Kreise in der Luft.

»Bald eben«, antwortete Hannes.

»Das sagst du jedes Mal. Ich wünschte, wir hätten das alles schon hinter uns«, seufzte Helen und legte sich wieder auf den Rücken. Feine Rauchkringel stiegen an die Zimmerdecke empor.

»Glaub mir, ich auch. Und ich arbeite daran.«

»Das weiß ich. Aber können wir das nicht irgendwie beschleunigen?«

»Hab einfach etwas Geduld. Wir dürfen nichts überstürzen«, gab Hannes zurück und setzte sich auf.

Helen zuckte mit den Schultern. »Geduld ist nicht gerade meine Stärke.«

»Ist mir noch gar nicht aufgefallen.« Er lachte leise und strich ihr über die Wange. Sie sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an und verzog den Mund.

»Sehr witzig.«

Helen sah wieder weg und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, die Zigarette baumelte zwischen ihren Lippen. Ihre großen, festen Brüste waren perfekte Kreise und hoben und senkten sich in gleichmäßigem Rhythmus. Helen war Anfang vierzig, aber der flache Bauch, die schlanken Beine und der wohlgeformte feste Po deuteten nicht im Geringsten darauf hin. Sie blies Rauch aus, nahm die Zigarette wieder zwischen die Finger und streifte die Asche am Rand des Aschenbechers ab, der auf dem Nachttisch stand.

»Sag mir einfach, wie lange ich noch warten muss«, sagte sie dann.

»Helen«, erwiderte Hannes gereizt. »Lass mich das einfach so durchziehen wie geplant, okay?«

Mit einem wütenden Schnauben sprang sie auf, drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus und stellte sich an das Fenster.

»Ja, ja. Du machst das schon«, sagte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. Der Sarkasmus in ihrer Stimme schnitt durch die Luft wie eine eiskalte Klinge.

Hannes sah sie stirnrunzelnd an, dann sprang er kopfschüttelnd aus dem Bett, die nackten Füße erzeugten ein flappendes Geräusch, als er ins Wohnzimmer und wieder zurück marschierte.

»Hier, bitte schön«, sagte Hannes. Helen drehte sich langsam um. Er hielt einen Papierstapel in der linken Hand und sah sie herausfordernd an. Der Stapel landete auf dem Bett und bedruckte Seiten, handbeschriebene Zettel, Straßenkarten breiteten sich wie ein Fächer auf der Matratze aus. Dann ging Hannes zu dem Stuhl in der Ecke, zog ein mit einem Gummiband zusammengehaltenes Notizbuch aus der Innentasche seines Sakkos, das über der Lehne lag, und wedelte damit in der Luft.

»Du hast Recht, ich mache das schon«, sagte er mit leiser, aber zorniger Stimme zu Helen und trat zu ihr ans Fenster. Er zerrte an dem Gummiband und öffnete das Büchlein, blätterte wie in einem Daumenkino durch die Seiten.

»Hier, Helen. So sieht eine vernünftige Planung aus. Schau ruhig hin. Oder glaubst du etwa, ich stelle mich zum Spaß jeden Tag da hin und sitze mir den Hintern breit? Wohlbemerkt, neben allem anderen, was ich sonst noch so tue. Zum Beispiel: Arbeiten. Was für dich ja bekanntermaßen ein Fremdwort ist.«

Hannes warf das Buch auf den Nachttisch. Es landete neben dem Aschenbecher und wirbelte eine kleine Wolke Zigarettenasche auf. Mit beiden Händen zeigte er auf die Dokumente auf dem Bett.

»Das gehört auch alles dazu. Die Vorbereitung für unser Leben danach. Und hier«, er öffnete eine Schublade des Nachttischs, zog zwei Flugtickets heraus und fuchtelte damit in der Luft herum, »das sind unsere Tickets in die Freiheit.« Er knallte die Flugtickets neben das Büchlein auf den Tisch und zeigte mit einem Finger auf Helen. »Ich bin also dran, Helen.«

Hannes wendete sich ab, marschierte durch das Zimmer, kehrte wieder um, blieb vor ihr stehen und tippte mit seinem Zeigefinger auf ihr Schlüsselbein.

»Und im Übrigen: Wenn du dich bei deinem Ehevertrag nicht so ungeschickt angestellt hättest, dann wäre all das hier nicht nötig.«

Er verschränkte die Arme und sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. Helen schwieg und knetete ihre Unterlippe, schließlich sagte sie mit leiser Stimme: »Entschuldige. Ich wollte nicht ...« Sie seufzte laut. »Du hast ja Recht. Ich kann es nur einfach nicht mehr ertragen, noch länger zu warten. Es geht nicht mehr.«

Sie war den Tränen nahe. Hannes legte seine Hände auf ihre Schultern und sah ihr tief in die Augen.

»Das weiß ich doch. Aber wir dürfen keinen Fehler machen. Ich muss dir wohl kaum sagen, was passiert, wenn wir die Sache verbocken. Mit mir. Mit uns.« Erzog sie in seine Arme und strich ihr sanft durch das Haar.

»Ich weiß doch«, sagte sie seufzend.

Sie spürte seine warme Haut, und bemerkte mit einem Mal die Kälte, die ihren nackten Körper durchzog. Auf ihren Armen hatte sich Gänsehaut gebildet und sie zitterte.

»Du frierst«, sagte Hannes.

Helen sah zu ihm auf und grinste. »Wärmst du mich wieder auf?«

»Musst du denn nicht los?«

Sie zuckte nur mit den Achseln und schob ihn mit Nachdruck zur Bettkante.

Hannes saß in seinem Büro, vor sich die Unterlagen zum Sievert-Auftrag ausgebreitet, als es an seiner Tür klopfte.

»Beschäftigt?« Steins Gesicht erschien im Türspalt.

Hannes sah auf und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Ah, hallo, Herr Doktor Stein.« Er stockte und sagte mit leiser Stimme und Verschwörermiene: »Ich meine natürlich – Ludwig. Komm doch rein.«

Er winkte Stein in den Raum, lehnte sich seufzend im Schreibtischstuhl zurück und streckte seinen Rücken durch. »Ich verschaffe mir gerade einen Überblick über Sieverts Firmenstruktur. Eingermaßen komplex.«

Ludwig trat lächelnd an den Tisch und warf einen Blick auf die Papiere.

»Ja, der alte Sievert hat sich da ganz schön was zusammengeschustert.«

Hannes nickte und lachte gequält. »Kann man wohl sagen.«

»Zeig mal her.« Stein setzte sich auf den Rand der gläsernen Schreibtischplatte und begutachtete die Dokumente. »Ist ja schlimmer, als ich befürchtet hatte«, sagte er schließlich stirnrunzelnd. »Na ja, du machst das schon. Falls du weitere Unterlagen brauchst, wendest du dich an Frau Weiß. Im Archiv sollte sich noch einiges finden lassen.«

Er erhob sich wieder, strich seine Hose glatt und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen.

»Immer noch kein gerahmtes Foto einer reizenden jungen Dame auf dem Schreibtisch.« Stein hob die Augenbrauen und sah aus dem Fenster.

»Was soll ich sagen?«, entgegnete Hannes.

»Ich weiß, ich weiß. Die Richtige war noch nicht dabei. Wo wir gerade beim Thema sind: Ich wollte dich eigentlich fragen, ob du uns beim Mittagessen Gesellschaft leisten möchtest.«

»Uns?«, fragte Hannes.

»Ja, meinem Mann und mir.«

Hannes zuckte leicht zusammen, als er ihre weiche, klare Stimme hörte. Helen betrat mit einem dezenten Lächeln den Raum, die Vormittagssonne spielte mit ihrem blonden Haar, und verlieh ihm die Farbe von Gold. Sie trug eine figurbetonte hellblaue Bluse, die ihren Busen dezent zur Geltung brachte, sowie eine dunkle Stoffhose und Hannes musste unwillkürlich an den gestrigen Abend denken. An den Körper unter diesem Outfit, an Schenkel, die seine Hüften umklammern, an ihre Brüste, die im Rhythmus seiner Stöße erzittern und an ihr Stöhnen an seinem Ohr.

Er schluckte und musterte Stein aus dem Augenwinkel, wischte sich so unauffällig wie möglich die schweißnassen Hände an seiner Anzughose ab. Erleichtert stellte Hannes fest, dass Stein ihn überhaupt nicht beachtete, er hatte sich Helen zugewandt und streckte mit einem strahlenden Lächeln die faltigen Hände nach ihr aus.

»Da ist sie ja. Komm her, meine Sonne.«

Helen tänzelte zu ihm, ein affektiertes Lächeln hatte sich in ihr Gesicht gebrannt, und sie lächelte immer noch, als Stein ihr Kinn in die Hand nahm, so als würde er einem Pferd vor dem Kauf ins Maul schauen wollen, und ihr Gesicht zu sich zog. Seine Lippen legten sich auf ihre und er stieß ein übertrieben lautes Kussgeräusch aus. Dann schwang er Helen in einer halben Drehung auf seine rechte Seite und legte ihr den Arm auf die Hüfte.

Eine zirkusreife Nummer, dachte Hannes. Stein genoss es zweifellos, seine hübsche Frau zur Schau zu stellen. Stolz war er dabei, wie ein pubertierender Schüler, der eine Affäre mit der heißen Englischreferendarin hat. Armer alter Trottel, sagte sich Hannes und hob gleichzeitig anerkennend die Augenbrauen.

»Alle Achtung, das sah bühnenreif aus.«

»Na ja, ich muss in Form bleiben, nicht wahr?«, sagte Helens Mann schmunzelnd und bedachte Hannes mit einem Du-weißt-schon-was-ich-meine-Blick.

»Das bist du ganz offensichtlich.«

Hannes reckte den Daumen in die Luft, während Helen an Steins Seite unauffällig mit den Augen rollte.

»Also, begleitest du uns?«, fragte Stein. »Ich habe an den Italiener um die Ecke gedacht.«

»Eigentlich gern«, sagte Hannes mit gequältem Gesichtsausdruck und deutete auf den Papierberg auf seinem Schreibtisch. »Aber ich möchte das heute noch soweit es geht voranbringen. Sievert möchte in ein paar Tagen eine Lagebesprechung. Also kein Mittagessen für mich heute.«

»Nun gut, da kann man nichts machen.« Stein zog seine Frau noch fester an sich und ließ die Hand an ihrer Hüfte entlanggleiten. »Helen hat mir gerade von ihrem erfolgreichen Abendessen gestern mit dieser Kunstjournalistin erzählt. Demnächst wird es eine neue Ausstellung geben.«

»Ludwig, das langweilt Herrn Cannstadt doch bestimmt schrecklich«, sagte Helen. »Außerdem halten wir ihn von der Arbeit ab. Du hast doch gehört, er hat viel zu tun.«

Ihr Mann zuckte mit den Schultern. »Ja, ja, du hast natürlich Recht. Hannes, du wirst dir die Ausstellung ja bestimmt ansehen, oder? Bist ja schließlich ein großer Fan meiner Frau.«

»Ähm.« Hannes räusperte sich und sah von Stein zu Helen und wieder zurück.

»Warst du nicht bei der Vernissage der großen Ausstellung im letzten Jahr dabei?«

»Ach ja, richtig. Ja, wenn es mein Terminkalender zulässt, sicher.«

Es entstand ein Moment der Stille. Hannes warf Helen einen verstohlenen Blick zu, sie hob andeutungsweise die Schultern, dann knuffte sie ihren Mann mit dem Ellenbogen in die Seite.

»Ja, sicher«, sagte Stein und schüttelte den Kopf, als ob er den Gedanken, den er gerade gehabt hatte, loswerden wollte. »Jetzt haben wir dich aber lange genug aufgehalten. Das mit Sievert läuft also, wie ich sehe. Ich schlage vor, dass du mir nächste Woche einen ersten Überblick gibst.« Er wandte sich an seine Frau. »Kommst du, Engel?«

»Gehst du ohne Sakko?«

Stein sah an sich herab. »Hoppla, bin gleich zurück.«

»Ihr duzt euch also neuerdings?«, fragte Helen, als ihr Mann das Büro verlassen hatte. Sie war mit zwei Schritten bei Hannes gewesen und hatte ihm einen kurzen, aber leidenschaftlichen Kuss gegeben.

»Seit gestern. Ging von ihm aus. Er war so gerührt von sich selbst, dass ich dachte, er fängt gleich an zu heulen«, sagte Hannes und unterdrückte ein Lachen.

»Alle Achtung. Dann seid ihr jetzt ganz eng, was?«

»Ist doch gut.«

»Sicher.« Sie zuckte mit den Achseln und lehnte sich gegen das Sideboard.

»War schön gestern«, flüsterte Hannes.

Helens Blick wurde sanfter und sie lächelte wie ein kleines Mädchen. »Ja, das war es.«

»Eine Kunstjournalistin also?« Hannes grinste.

»Ach, darunter kann er sich eh nichts vorstellen. Ist schon in Ordnung.«

»Jetzt durchsucht er bestimmt jeden Tag die Zeitungen.«

»Soll er doch.«

»Stolz war er aber schon irgendwie.«

»Ja, wer hätte das gedacht. Und das wegen meiner Galerie. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.«

Hannes drehte die Handflächen nach oben. »Du weißt halt, wie du Männer glücklich machen kannst.«

»Jederzeit.« Sie warf ihm einen lüsternen Blick zu. »Das weißt du.«

»Oh ja. Aber wir sollten unser Glück nicht allzu sehr strapazieren. Wir haben noch alle Zeit der Welt, wenn die Aktion über die Bühne gegangen ist.«

»Das stimmt. Aber ab und zu brauche ich einfach eine Dosis Hannes. In ehrlichen Worten: Einen guten Fick. Sonst drehe ich durch mit dem da.« Sie zeigte mit dem Daumen auf die Wand hinter sich. Schwere Schritte hallten vom Flur zu ihnen herein. »Wenn man vom Teufel spricht.«

Steins Gesicht erschien in der Tür. »Ich wäre dann soweit.«

»Na dann. Noch einen schönen Tag, Herr Cannstadt.« Sie zwinkerte Hannes unauffällig zu und verließ mit aufreizendem Hüftschwung das Büro.

»Bis später, Hannes«, sagte Stein noch, dann fiel die Tür zu. Hannes lehnte sich zurück, wischte sich mit der Hand über das Gesicht und stieß einen Schwall Luft aus.

4

Wenn es nach Helen gegangen wäre, hätte sie mit Ludwig nach der Hochzeit eine schicke Wohnung in der Innenstadt bezogen. Modern, frisch, hell. Mit allem Schnickschnack eben und vor allem näher dran am Leben der Großstadt, den Cafés, Theatern und eleganten Shoppingmeilen. Und wenn es schon ein repräsentativer Bau in vornehmer Lage sein musste, dann wenigstens eine vollständig nach ihren Vorstellungen entworfene Villa. Mit bodenhohen Fenstern und champagnerfarbenen Seidenvorhängen, die sanft vom Wind aufgebauscht werden. Helle Fußböden, moderne Möbel, ein luxuriöses Badezimmer. Ludwig hatte schließlich die Mittel dafür.

Stattdessen lebte sie seit zehn Jahren in der alten Villa Stein. Ein imposantes Gebäude mit der sandsteinfarbenen Fassade, der breiten Treppe mit den steinernen Löwen, die hinauf zum hölzernen Eingangsportal führte, den Säulen und vielen Verzierungen. Eindrucksvoll, keine Frage, dennoch war es in Helens Augen ein hoffnungslos veralteter Kasten mit dem Charme eines verstaubten Heimatmuseums.

Sie hasste diesen Klotz, der in seinem anachronistischen Geltungsdrang weithin sichtbar auf einer Anhöhe thronte. Sie hasste das geschwungene schmiedeeiserne Tor mit den verschnörkelten Initialen von Ludwigs Großvater Albert Stein, dem Erbauer der Villa. Sie hasste die steinernen Engelsfiguren, die am Ende des Zufahrtsweges standen, und sie hasste das knarzende Geräusch, wenn die wuchtige Eingangstür geöffnet wurde. Am meisten aber hasste sie es, dass sie es in zehn Jahre Ehe nicht geschafft hatte, die Villa an die Gegenwart anzupassen. In dem Punkt ließ Ludwig einfach nicht mit sich verhandeln. Er mochte das Haus so, wie es war. Knarrende Dielen, holzgetäfelte Wände, dicke Vorhänge mit altbackenen Vorhanghaltern – wie sie diese goldfarbenen Quasten verabscheute –, ein penetranter Geruch nach Holzpolitur und altem Zigarrenrauch. Die einzigen Zugeständnisse an Helens Sehnsucht nach ein wenig Moderne waren eine neue Heizanlage und der helle Teppich im Schlafzimmer gewesen.

Kaum zu glauben, sie schliefen sogar noch in dem alten Ehebett von Ludwig und seiner verstorbenen Frau. Wenig überraschend war es ein monströses Ding aus Holz, mit verschnörkelten Rosenschnitzereien und kitschigen geschwungenen Pfosten zur Befestigung eines Himmelbetts. Immerhin hatte sie die schweren Stoffe mit den floralen Mustern entfernen dürfen.

Überhaupt war der Geist von Martha, Ludwigs erster Frau, noch allgegenwärtig. Am offensichtlichsten war für sie das gerahmte Bild von Martha, das in Ludwigs Arbeitszimmer einen Ehrenplatz auf dem Kaminsims hatte. Eine gutaussehende Frau, wie Helen anerkennen musste, als sie die Fotografie das erste Mal betrachtet hatte. Gutaussehend auf eine spezielle, eine herbe Art. Damals hatte sie sich nichts dabei gedacht. Immerhin war Martha erst ein Jahr zuvor verstorben. Warum sollte er sie nicht in liebevoller Erinnerung behalten, schließlich waren sie vierzig Jahre verheiratet gewesen? Dass er die Aufnahme in dem goldenen Bilderrahmen aber auch nach Helens Einzug in die Villa nicht entfernte, fand sie dann irgendwann doch befremdlich. Als sie Ludwig ein paar Wochen später darauf ansprach, hatte er nur mit den Schultern gezuckt. Und so war das Foto auf dem Kaminsims geblieben, und jedes Mal, wenn Helen das Arbeitszimmer betrat, schenkte Martha ihr ein Lächeln.

Zuerst hatte Helen dieses sonderbare Gefühl verletzt, eine Art Nebenbuhlerin zu haben, die zwar in ihrem Grab – natürlich Seite an Seite mit den anderen verstorbenen Mitgliedern der Familie Stein – langsam wieder zu Muttererde wurde, aber dennoch irgendwie immer präsent war. Und da war ja nicht nur die Aufnahme, die Ludwig sich weigerte zu entfernen. Die gesamte Aura der Villa schien noch von ihr durchtränkt zu sein. Einen Anteil daran hatten sicherlich die vielen Gegenstände im Haus, die zweifellos Marthas Handschrift trugen. Etwa die hohe Vase neben dem Kamin im Esszimmer mit dem unpassend wirkenden Blumenmuster. Vielleicht ein Versuch von ihr, etwas Leichtigkeit in die drückende Atmosphäre aus dunklem Holz und dicken Vorhängen zu bringen. Oder die gestickten Lebensweisheiten hinter Glas, die in den meisten Räumen hingen. Sprüche, die dem Leben Zuversicht und Freude abtrotzen sollten. Helen hatte nie verstanden, warum sich jemand mit diesen Küchenweisheiten umgeben wollte. Martha Stein zumindest hatten sie nicht davor bewahren können, mit nicht einmal sechzig Jahren an Brustkrebs zu erkranken und bald darauf zu sterben – natürlich in dem Bett, das Ludwig jetzt mit ihr teilte. Immerhin, die Matratzen waren nach ihrem Tod erneuert worden, das hatte Helen überprüft. Die Ehe mit Martha war kinderlos geblieben, wie Ludwig Helen erzählt hatte. Es hatte wohl bei ihr ein Problem gegeben. Sie hatten über eine Adoption nachgedacht, aber Ludwig hatte letztendlich die Entscheidung dagegen getroffen. Er hatte ein leibliches Kind gewollt, und wenn Gott – oder wer auch immer, denn besonders gläubig war er nicht – andere Pläne hatte, dann würde er das akzeptieren. Seiner Liebe zu ihr, so hatte er unnötig häufig gegenüber Helen betont, hatte das keinen Abbruch getan. Vielleicht hatte es sie sogar noch enger zusammengeschweißt, und so weiter und so fort. Auch die Gespräche über seine verstorbene Frau und die subtilen aber doch unmissverständlichen Vergleiche zwischen Helen und ihr hatten sie zu Beginn ihrer Ehe mit Ludwig getroffen. Häufig hatte sie das Gefühl gehabt, besser sein zu müssen. Anders. Mehr wie sie, die Frau auf dem Kaminsims.

Aber mit den Jahren war es ihr gleichgültig geworden: Ludwig, Martha, dieser ganze Traditionsmist, die deprimierende Villa, ihre angebliche Verantwortung als Mitglied einer Dynastie. Ich bitte dich, Ludwig. Dynastie?

Helen stand am Fenster des Badezimmers im Obergeschoss. Das Rauschen des in die Badewanne fließenden Wassers lullte sie ein, und sie sah hinab in den Garten, der sich hinter der Villa erstreckte. Er war im englischen Stil gehalten, mit knorrigen alten Bäumen, die im Sommer fast obszön grüne Kronen besaßen. Alles hübsch in Ordnung gehalten von einem schweigsamen Gärtner. In der Mitte des Gartens befand sich ein großes steinernes Bassins, auf dem unzählige Seerosen schwammen. Durch das Wasser sah sie im Licht der untergehenden Sonne die Umrisse von Fischen huschen. Auch den Anblick dieses Wasserbeckens hasste sie mittlerweile.

Mit einem Seufzer wandte sich Helen vom Fenster ab, ging zur Badewanne und hielt eine Hand in das einlaufende Wasser, um die Temperatur zu überprüfen. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Die Inneneinrichtung aus Marmor, Gold und dunklem Holz war sicherlich nicht das, was sie sich unter einem gemütlichen Badezimmer vorstellte, aber trotzdem konnte sie diesem Raum immer noch am meisten abgewinnen. Ein paar Änderungen hier und da hätten eine große Wirkung gehabt, aber irgendwann hatte sie einfach die Lust verloren, immer wieder bei Ludwig darum zu betteln, einen Innenarchitekten und ein paar Handwerker zu beauftragen. Mir gefällt es so, wie es ist, das war seine Standardantwort gewesen.

Sie schraubte den Verschluss einer Flasche mit Lavendelbadeöl auf, ließ die zähe Flüssigkeit in das sprudelnde Wasser fließen und beobachtete, wie die dunkle Flüssigkeit verwirbelt wurde und langsam aufschäumte.

Helen entkleidete sich und stieg wohlig seufzend in die Badewanne. In den vergoldeten Armaturen sah sie die Spiegelung ihres Gesichts, das hochgesteckte blonde Haar, die feine Nase, die hohen Wangenknochen. Ich sehe immer noch gut aus, sagte sie sich und lächelte ihrem Spiegelbild kokett zu, während die untergehende Sonne das Badezimmer in ein weiches, orangefarbenes Licht tauchte.

Vielleicht lag es an der wohltuenden Wirkung des warmen Wassers, dass ihr Ärger verflog und sie stattdessen an Hannes dachte. Vielleicht aber auch einfach daran, dass sie kaum noch an etwas anderes denken konnte, als an ihn. Sie schloss die Augen, ließ sich noch tiefer in das Badewasser sinken und dachte mit einem Lächeln auf den Lippen an den gestrigen Abend. Sie konnte förmlich seine kräftigen und dabei so gefühlvollen Hände auf ihrem Körper spüren und die energiegeladenen, strahlend blauen Augen sehen, die oft diesen leicht spöttischen Ausdruck hatten. Sein sportlicher Körper, der sich mal sanft, mal fordernd auf ihr bewegte. Hannes wusste immer genau, was er mit ihr anstellen musste.

Helen spürte ein wohliges Kribbeln aus dem Bauch aufsteigen. Oh Gott, ich benehme mich wie ein Teenager, dachte sie und wunderte sich kaum darüber, dass es ihr egal war. Mit Hannes fühlte sie sich einfach gut. Und der Sex war ohne Frage der beste seit langer Zeit. Mit Sicherheit besser als alles, was sie mit Ludwig erlebt hatte. Zugegeben, hier lag die Messlatte auch ziemlich niedrig, aber sie hätte auch nicht sagen können, bei welchem Mann zuvor sie sich so gut gefühlt hatte.

Ja, sagte sie sich mit einem Lächeln auf den Lippen, sie würde wohl soweit gehen müssen, in ihrer Bewertung den Sex mit Hannes als den besten ihres Lebens einzustufen. Und bald würde sie so viel davon bekommen, wie sie wollte. Und vor allem, wann sie wollte. Nur noch ein wenig Geduld, nur noch ein paar Wochen die Zähne zusammenbeißen.

Plötzlich hörte sie Motorengeräusche, ein Wagen fuhr die Auffahrt entlang und stoppte. Kurz darauf öffnete sich die Eingangstür und fiel dann geräuschvoll wieder ins Schloss.

»Schatz!«, rief Ludwig. Der schöne Moment war weg, geplatzt wie eine Seifenblase. Helen hörte Ludwigs Schritte auf der Treppe, sein Schnaufen, und ihr gesamter Körper verspannte sich. Mit einem Mal kam ihr das eben noch wohlig warme Wasser eiskalt vor.

Die Tür öffnete sich und ihr Mann trat ins Badezimmer. Er sah erschöpft aus und wankte leicht, seine Gesichtshaut war gerötet, der Blick glasig. Der Geschäftstermin war offensichtlich ein Erfolg gewesen, zumindest was das Trinken anging.

»Hier bist du. Nimmst ein warmes Bad«, beschrieb er das Offensichtliche. Sein Lächeln wirkte wie eine Grimasse. Ludwig setzte sich auf den Badewannenrand und sie konnte jetzt deutlich den Alkohol in seinem Atem riechen. Whisky, nahm sie an. Er trank selten etwas anderes.

Helen lächelte ihm zu und hoffte, er würde nicht bemerken, dass sie eigentlich lieber sofort aus der Badewanne steigen und ihre nackte Haut bedecken würde. Sie hasste es, so vor ihm zu liegen. Der Schaum hatte sich an vielen Stellen bereits aufgelöst, ihre Brüste waren durch das Wasser zu sehen. Sein Blick ging in quälender Langsamkeit ihren Körper entlang.

Halte durch, sagte sie sich. Denke einfach an etwas Schönes. Es dauert nicht mehr lang. Das falsche Lächeln schmerzte in ihrem Gesicht.

»Wie war der Geschäftstermin?«, fragte sie und hoffte, mit der Frage seine Aufmerksamkeit von ihr ablenken zu können. Aber Ludwig ignorierte sie und starrte stattdessen auf ihre Brüste. Sie spürte zu ihrem Schrecken, wie sich ihre Nippel aufrichteten.

»Meine Helen«, krächzte er.

Verdammt, er sah ihr nicht einmal in die Augen. Mit zittrigen, eiskalten Fingern strich er ihr über das Gesicht, ließ sie dann in das Wasser gleiten, umspielte ihre Brüste. Sie musste all ihre Willenskraft zusammennehmen, um nicht seine Hand wegzuschlagen, aus dem Wasser zu springen und zu fliehen. Oder besser noch, ihm erst einen Schlag ins Gesicht zu versetzen und dann wegzurennen. Stattdessen schloss sie die Augen und versuchte sich an einem wohligen Seufzer, spielte ihm eine Leidenschaft vor, die sie nicht im Geringsten – nie, nie, nie – fühlte.

Jetzt begann er ungelenk ihre Brüste zu kneten, kniff ihr in das Fleisch, zog schmerzhaft an einer ihrer Brustwarzen, wahrscheinlich in dem männlichen Glauben, es würde ihr ungeheure Lust bereiten. Und irgendwie schaffte sie es, mit ihrer Zungenspitze lasziv über ihre Oberlippe zu streichen – im Geiste biss sie sich dabei fest mit den Zähnen auf die Unterlippe.

Immer noch die Augen geschlossen, hörte Helen, wie Ludwigs Atem schneller ging. Sie öffnete die Augen und sah seinen Blick. Sie hatten diese Art von Glanz in den Augen vieler Männer gesehen. Es gab wohl kaum einen eindeutigeren Blick bei einem Mann.

Ludwig erhob sich schwerfällig, Wasser tropfte von seiner Hand auf den Boden, er musste sich für einen Moment am Wannenrand abstützen.

»Ich erwarte dich im Schlafzimmer«, sagte er dann und wankte aus dem Badezimmer.

Helen konnte die Tränen nicht verhindern. Sie kamen einfach. Liefen ihre Wangen hinunter und tropften in das lauwarme Wasser.

Nur noch ein paar Wochen.

5

»Ja natürlich, Herr Sievert. Ihnen auch, vielen Dank. Auf Wiedersehen.« Hannes beendete das Gespräch und ließ das Telefon in der Innentasche seines Sakkos verschwinden.

»Der dürfte jetzt kalt sein.«

Mark Stendahl stand Hannes im Pausenraum des Bankhauses gegenüber und deutete auf die Tasse, die in der chromglänzenden Kaffeemaschine stand. »Tja, wenn der alte Sievert erst einmal ins Fabulieren gerät.« Er zwinkerte Hannes zu und stopfte sich einen Keks in den Mund. Krümel rieselten auf sein Hemd und die Anzugjacke.

»Ja, der Mann hat viel zu sagen«, gab Hannes zurück und goss den kalten Espresso in die Spüle. Er erwärmte die Tasse kurz mit heißem Wasser, stellte sie wieder unter den Auslauf der Maschine und wählte einen Espresso.

»Auf ein Neues. Und lass noch ein paar Kekse übrig«, sagte er schmunzelnd über die Schulter zu Stendahl.

»Hoppla, erwischt.« Sein Kollege lachte und rieb sich den üppigen Bauch. »Ist ja auch nicht so, als würde ich vom Fleisch fallen. Meine Frau sagt immer, Mark, iss nicht so viel, du solltest mal ein bisschen Sport treiben, bla bla. Dabei hat sie es gerade nötig.« Er zuckte mit den Achseln und schob sich noch einen Keks in den Mund. »Ach, aber irgendwie kann ich mich nicht dazu aufraffen. Weder zu dem einen noch dem anderen. Vielleicht sind manche Menschen auch einfach nicht dafür geschaffen. Was denkst du?«

Hannes musterte seinen Kollegen mit einem amüsierten Blick. Stendahl sah in der Tat wie jemand aus, der Sport nur aus dem Fernsehen kannte und seine fahle Haut ließ vermuten, dass er eher selten an die frische Luft ging. Dennoch, der Kollege konnte reden wie ein Wasserfall und machte durch seine offene, kumpelhafte Art schnell neue Kontakte. Wie Stein gesagt hatte. Ein echter Netzwerker eben.

»Ich denke, dass du auf deine Frau hören solltest«, sagte Hannes grinsend. Stendahl stemmte die Hände in die Hüften.

»Na klasse«, sagte er gespielt beleidigt. Dann lachte er, nahm den dritten Keks in die Hand und ließ ihn vor seinem Auge kreisen. »Sei’s drum.« Das Gebäck verschwand in seinem Mund und schmatzend fragte er: »Sag mal, wie läuft es denn jetzt mit der Analyse für Sievert? Bin ja sozusagen berufsmäßig daran interessiert, was?«

Hannes nickte mit zusammengepressten Lippen. »Ja, deswegen wollte ich eh noch mal auf dich zukommen. Stein hat mich da vollkommen kalt erwischt. Ich hatte keine Ahnung, dass er dich außen vor lässt.«

»Ach, mach dir da keinen Kopf. Auf den Auftrag wäre ich ja mal überhaupt nicht scharf gewesen. Ehrlich. Ich kenne den Sievert gut genug, um zu wissen, dass das ein Haufen Arbeit wird. Nee, lass mal, hab eh schon genug an der Backe. Und meine Frau hätte sich auch bedankt, das kann ich dir sagen.«

»Okay, dann bin ich beruhigt.«

Hannes fingerte einen Keks von der Schale, zerbiss ihn und spülte das Stück mit einem Schluck Espresso herunter.

»Tja, wie läuft es also? So weit ganz gut würde ich sagen. Ich bin aber immer noch skeptisch, was die eigentliche Idee angeht.« Er tunkte die andere Kekshälfte in den Kaffee, beobachtete, wie sich das Gebäck mit brauner Flüssigkeit vollsog.

»Hm.« Stendahl nickte und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Ich weiß, was du meinst. Aber wenn sich der Sievert etwas in den Kopf gesetzt hat, kannst du wenig machen, ihn davon abzubringen. Ging mir damals so mit diesem bescheuerten Fonds, in den er unbedingt investieren wollte. Den Mund habe ich mir fusselig geredet, echt. Zum Schluss musste der Chef persönlich intervenieren. Zum Glück, wie sich herausstellen sollte. Minus fünfundzwanzig Prozent, war schon auf minus vierzig.« Stendahl lachte mit zusammengekniffenen Augen. »Da war mir der Sievert aber vielleicht dankbar.«

»Kann ich mir vorstellen. Na ja, mal sehen. Nächste Woche treffe ich mich mit ihm und seinem Sohn. Du weißt schon: Kennenlernen, Skizzieren der Strategie, nächste Schritte planen, und so weiter.«

»Frederik Sievert ist auch dabei?«, fragte Stendahl mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ganz ehrlich, ein Säufer und Nichtsnutz. Der wird die Kohle vom Alten schneller durchbringen, als ich den Berg Kekse hier verdrücken kann. Und du hast gesehen, wie schnell ich bin.«

Er lachte wieder und noch ein Keks verschwand in seinem Mund.

»Tja, auf jeden Fall noch viel Spaß. Falls du Hilfe brauchst, Infos oder so, dann weißt du ja, wo du mich findest. Bis dann, Hannes.«

»Vielen Dank, ich komme darauf zurück. Und schön, dass du das so professionell siehst.«

»Schon gut.«

Mark Stendahl hob die Hand und wandte sich ab, an der Tür drehte er sich noch einmal um, wirkte einen Moment lang unschlüssig, dann sagte er leise: »Das wollte ich dir schon länger mal sagen. Gut, dass du da bist. So jemanden wie dich haben wir hier dringend gebraucht. Wundert mich, dass der Laden bis jetzt durchgehalten hat mit dem Personal.« Er hob beide Hände und grinste schief. »Und da schließe ich mich explizit mit ein. Versteh mich nicht falsch, die Kollegen sind alle nett, loyal, fleißig. Na ja ...« Er zuckte mit den Schultern und verschwand im Flur.

»Bis später«, rief ihm Hannes nach. Er trank den Rest seines Espressos, stellte die Tasse in die Geschirrspülmaschine und schob sich den letzten Keks in den Mund. Sein Handy brummte, er rieb sich die Gebäckkrümel von den Fingern, fischte das Telefon aus der Jackentasche und musterte das Display. Mist, was war denn jetzt? Hannes warf einen verstohlenen Blick in Richtung Flur, stellte sich dann mit dem Rücken zur Tür ans Fenster und nahm das Gespräch an.

»Du sollst doch nicht auf diesem Telefon anrufen«, flüsterte er. »Und dann noch, wenn ich hier bin.«

»Ich weiß«, sagte Helen mit stockender Stimme. Hannes hörte, wie sie die Nase hochzog, sie musste geweint haben. »Aber ich konnte nicht anders und, ach ich weiß nicht, ich habe das andere Telefon nicht gefunden und ... Scheiße.«

Sie schluchzte und Hannes sagte: »Warte kurz, ich gehe in mein Büro.«

Nachdem er die Tür geschlossen hatte, setzte er sich in seinen Schreibtischstuhl, horchte kurz nach draußen und ohne den Blick von der Bürotür zu nehmen, hielt er sich das Telefon wieder ans Ohr.

»So. Was ist denn los?«

»Hannes, Liebling, ich kann nicht mehr. Ich bin vollkommen am Ende. Bitte, lass es uns durchziehen. Bringen wir es endlich hinter uns.«

Sie begann zu weinen, leise schluchzend erst, dann immer lauter, unterbrochen von stoßhaftem Luftholen. Hannes wartete, lauschte dem Schluchzen und Schniefen.

Als er das Gefühl hatte, dass sie wieder etwas zur Ruhe gekommen war, fragte er: »Ist etwas passiert? Muss ich mir Sorgen machen?«

Für einen Moment war Helen still, dann sagte sie mit empörter Stimme: »Passiert? Nein, es ist alles in bester Ordnung. Wenn man mal davon absieht, dass dieser alte Lustmolch gestern besoffen bei mir im Badezimmer steht, mir die Titten zerquetscht, kurz darauf seinen runzligen Körper grunzend auf mir hin und her schiebt und mir seine ekelhafte Whiskyfahne ins Gesicht pustet. Und damit nicht genug: Ich muss noch auf leidenschaftliches Pornohäschen tun. Stöhne. Feuere ihn an. Ja, Ludwig, so ist es gut. Und er grinst, weil er sich für den Superhengst hält. Nein, Hannes, es ist alles in bester Ordnung!«

Den letzten Satz schrie sie so laut, dass Hannes das Telefon ein Stück von seinem Ohr weghielt. Dann weinte sie wieder. Hannes schwieg und rieb sich die Nasenwurzel.

Sicher, Helen war nicht zu beneiden, und wäre er an ihrer Stelle, wer weiß, ob er die Kraft hätte für all das. Er wusste, was er von ihr verlangte. Aber er musste auch die Übersicht behalten, durfte sich von seinem Mitleid für sie nicht von dem Plan abbringen lassen. Einem Plan, dem sie zugestimmt hatte.

»Helen, hör zu«, sagte er sanft. »Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst. Oder nein, eigentlich kann ich es nicht. Aber ich höre, dass es dir nicht gut geht. Und ich wünschte, ich könnte etwas für dich tun. Jetzt, in diesem Moment.« Er seufzte laut. »Aber du weißt genau, dass ich das nicht kann. Wir wussten beide, dass es schwer wird. Vor allem für dich natürlich.«

»Ja, genau. Vor allem für mich. Du spielst Schach mit ihm, trinkst Whisky und ich darf die Beine breit machen.«

»Ich weiß, und das tut mir leid. Wirklich.«

Sie schwieg und fast glaubte Hannes, sie hätte das Gespräch beendet, dann hörte er sie laut einatmen.

»Mann, was für ein Scheiß.«

»Nicht mehr lang. Ich komme gut voran. Und vielleicht bin ich ja auch einfach zu gewissenhaft. Also, ich bin gestern noch einmal alles durchgegangen. Das Haus, die Pläne, unsere Route, Dokumente und so weiter.«

»Ja?«, sagte sie erwartungsvoll.