Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Es läuft nicht gut für Horst Jablonski. Erst verliert er seine Arbeit, dann geht seine Ehe in die Brüche. Zu allem Überfluss drangsaliert ihn sein neuer Bearbeiter im Job-Center. Einziger Lichtblick: das Stübchen. In seiner Stammkneipe sitzt er regelmäßig mit Dieter und Silke, die beide auch nicht vom Glück verfolgt sind, am Tresen. Als Jablonski durch Zufall an die Kombination zum Safe im Haus seines neuen Chefs gelangt, schmiedet er einen Plan. Gemeinsam mit Dieter und Silke will er in die Villa einsteigen und den Safe leeren. Ein einfacher Job, denkt sich das Trio. Doch dann geht alles schief und sie finden sich in einem irrwitzigen Kriminalstück wieder, das alles von ihnen abverlangt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 375
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Probleme sind Gelegenheiten zu zeigen, was du kannst.
Duke Ellington
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Der billige Kugelschreiber tippte im schnellen Stakkato auf die Tischplatte. Horst Jablonski starrte abwesend auf die gepflegten Hände, die den Stift hielten. Ohne Frage Hände, denen körperliche Arbeit fremd war. Ein zu breiter Ehering zierte den fast schon grazilen Ringfinger, das Licht der Neonlampe über dem Schreibtisch spiegelte sich im platinfarbenen Metall. Klavierhände, ging es Jablonski durch den Kopf. Nicht, dass er jemals einem Klavierspieler begegnet wäre. Aber so sagte man ja immer. Unwillkürlich warf er einen Blick nach unten auf seine Hände. Kurze, schwielige Finger, die Kuppe des rechten Daumens fehlte, seitdem er in der Nachtschicht vor etlichen Jahren mit der Hand in die Schneidemaschine gekommen war. Jablonski sah wieder auf. Der Mann im schicken dunkelblauen Anzug mit der glänzenden Krawatte, der sich mit jovialem Lächeln als »König, Ihr neuer Sacharbeiter« vorgestellt hatte, musterte mit gerunzelter Stirn den Monitor vor ihm. Die Augen bewegten sich gleichmäßig von oben nach unten, dann sprangen sie wieder nach oben, um ihre Reise von vorn zu beginnen. Dabei schnalzte er unaufhörlich leise mit der Zunge. Durch das Fenster hinter ihm sah Jablonski den wolkenverhangenen Berliner Sommernachmittag.
»Tja, Herr Jablonski«, sagte der Sachbearbeiter dann, lehnte sich lächelnd in seinem Stuhl zurück und ließ die Mine des Stifts in schnellem Tempo heraus- und wieder hineingleiten. Klick, klick, klick. »Ich habe mir Ihr Profil angesehen.«
»Profil?«, sagte Jablonski.
Herr König nickte bedeutungsschwer mit zusammengepressten Lippen. »Genau.«
Klick, klick, klick. Draußen begann es zu regnen, dicke Tropfen prasselten auf das Fensterbrett. Horst Jablonski fühlte, dass eine Reaktion von ihm erwartet wurde, hatte aber nicht die geringste Ahnung, was er sagen sollte. Was meinte der mit Profil?
»Was meinen Sie mit Profil?«, war dann auch alles, was ihm einfiel.
Sein Gegenüber sah ihn kurz belustigt an, schnellte dann in seinem Stuhl nach vorn und deutete mit dem Stift auf den Bildschirm. »Hier steht Ihr bisheriger beruflicher Werdegang. Ausbildung zum Feinmechaniker. Sechs Jahre bei Osram. Abgebrochene Meisterschule – na ja, das ist nicht so gut.«
»Da hatte ich schon Familie und musste ...«
König brachte ihn mit einer unwirschen Handbewegung zum Schweigen, ohne von seinem Bildschirm aufzusehen. »Ja, ja. Dann sechs Monate arbeitslos. Kann passieren, nicht wahr?« König lachte grunzend auf. »Schließlich fast dreißig Jahre bei der Süd-Berliner Papier GmbH, später aufgekauft durch die Global Paper Industries Ltd., vor fünf Jahren dann die Freisetzung.«
»Freisetzung?«, fragte Jablonski.
»Entlassung«, sagte König mit blasiertem Lächeln.
»Ach so. Freisetzung, ist ja drollig.«
»Wie auch immer. Ist doch gar nicht so schlecht Ihr, nun ja, Lebenswerk, oder?«
»Ich weiß nicht. Ganz in Ordnung, schätze ich«, sagte Jablonski achselzuckend.
»Das ist die eine Seite. Aber dann lese ich in Ihren Quelldaten, dass Sie dreiundsechzig Jahre alt sind.«
»Zweiundsechzig.«
»Bitte?«
»Zweiundsechzig. Ich habe im August Geburtstag. Sollte auch in Ihren Quelldaten stehen.«
»Von mir aus. So oder so, ich möchte ehrlich zu Ihnen sein.« Herr König bemühte sich um einen teilnahmsvollen Blick und nickte wieder bedeutungsschwer. »Das ist nicht einfach. Sie zu vermitteln, meine ich.«
»Nicht meine Schuld, dass die den Laden zugemacht und in den Osten verlagert haben. Und die Chinesen oder Inder oder sonst wer macht den Kram doch zum Spottpreis.«
»Niemand gibt Ihnen hier die Schuld, Herr Jablonski. Ich fühle da auch mit Ihnen, das können Sie mir glauben.« Er lächelte gequält. »Aber wir müssen der Realität ins Auge sehen, nicht wahr?«
Jablonski rieb sich die Schläfen. Er war müde, hatte nicht gut geschlafen in der letzten Nacht. Die Nervosität. Er hasste diese Termine, dieses Gefühl versagt zu haben. Nichts wert zu sein. Und das, nachdem er sich fast vierzig Jahre den Buckel krumm geschuftet hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und dann sitzt man einem glattrasierten Bubi gegenüber, der fast der eigene Enkel sein könnte und muss sich diesen Mist anhören. Aus eben dieser Nervosität hatte er gestern Abend dann auch möglicherweise ein, zwei Bier zu viel getrunken. Kopfschmerzen breiteten sich hinter der Stirn aus. Jablonski versuchte, ruhig zu bleiben.
»Ich meine ja nur«, sagte er. »Hab‘ da immerhin dreißig Jahre gearbeitet. Ganz unten habe ich angefangen, und zum Schluss war ich Schichtleiter, hatte Verantwortung für fünfzehn Kollegen. Dreißig Jahre.« Er schüttelte den Kopf. »Dreißig Jahre«, wiederholte er leise.
Der Sachbearbeiter schwieg, Jablonski hörte ihn leise mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte trommeln. Dann klopfte Herr König auf das Holz – einmal, zweimal – und sagte gutgelaunt: »Wissen Sie was? Ich mache hier einen Vermerk. Sagen wir ... drei Monate? Schaffen Sie das?«
Jablonski sah auf. »Schaffen? Was?«
»Na, wieder in Arbeit zu kommen natürlich. Ich meine, Ihre Erfahrungen, das ist ja, also so schlecht schätze ich das nicht ein. Drei Monate. Ist realistisch.« Er tippte etwas in die Tastatur, ließ den Zeigefinger zur Bestätigung wuchtig auf die Maustaste nieder und breite anschließend die Arme aus. »Das hätten wir, nicht wahr, Herr Jablonski?«
»Drei Monate nur? Also Herr Neumann hat eigentlich immer sechs Monate eingetragen.«
»Ja, der Herr Neumann. Netter Kollege, wirklich. Vielleicht an der einen oder anderen Stelle zu nett, wenn Sie verstehen, was ich meine.« König blinzelte dümmlich über den Schreibtisch. »Hat die Zügel ein klitzekleines bisschen zu locker gelassen. Wie auch immer, Herr Neumann genießt seinen vorzeitigen Ruhestand sicher in vollen Zügen. Und ich werde da jetzt entsprechend –« Er machte eine kurze Pause, legte die Fingerspitzen aneinander und sah an die Decke, als würden dort die Worte stehen, die er suchte. »Nachjustieren«, sagte König schließlich gedehnt. »Also, drei Monate, nicht wahr?«
»Ja, also, äh, danke.«
»Ich mache nur meinen Job«, flötete der Sachbearbeiter und strich sich das glatte schwarze Haar in Form. Dann bedachte er Horst Jablonski mit einem ernsten Blick. »Ich hoffe, ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Und natürlich werde ich weiterhin ihren Datensatz mit dem aktuellen Stellenpool abgleichen.«
Herr König erhob sich und reichte ihm über den Tisch eine Hand mit den dünnen Fingern. Wie von Jablonski befürchtet, war der Griff wachsweich. »Einen schönen Tag noch, Herr Jablonski«.
Jablonski sah wieder zum Fenster. Er konnte das gegenüberliegende Gebäude nur noch schemenhaft erkennen, so stark regnete es mittlerweile. Der Sachbearbeiter folgte seinem Blick, zuckte dann mit den Achseln.
»Na ja, machen Sie das Beste draus, Herr Jablonski, nicht wahr?«
»Sicher. Auf Wiedersehen.«
»Ganz bestimmt. Lassen Sie die Tür ruhig auf.«
Jablonski verließ das Büro, begleitet vom energischen Klacken der Computertastatur, und ärgerte sich darüber, dass er keinen Regenschirm mitgenommen hatte.
Die automatische Tür öffnete sich mit einem hektischen, elektronischen Dingdong. Dieter Wellenbrink sah von seiner Lektüre auf, einem Werbeprospekt, der die Vorzüge des neuen Skoda Octavias herauszustellen versuchte. Lustloser, schlurfender Gang, heruntergezogene Mundwinkel, die Hände in den Taschen der verbeulten Cordhose. Mit ziemlicher Sicherheit ein Nörgler, dachte Dieter. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Kunden, die das Autohaus Klauß (»Mit Klauß fahren Sie raus«) betraten, anhand einiger Merkmale einer Kategorie zuzuordnen. Im Laufe der vier Jahre, die er hier arbeitete, hatte er festgestellt, dass sich die Kunden, obwohl sie den äußeren Eigenschaften nach so verschieden waren – Alter, Geschlecht, Kleidung und so weiter –, in ihrem Verhalten erstaunlicherweise einer von nur drei Gruppen zuordnen ließen. Sicher, dann und wann gab es einen Ausreißer, aber insgesamt stand die empirische Studie auf ziemlich festen Füßen.
Der »Informierte« hatte vorab wochenlang das Internet befragt und Dutzende von Automagazinen gewälzt. Alles nur aus der diffusen Angst heraus, von dem freundlichen Verkäufer über den Tisch gezogen zu werden. Es gab nichts, was Dieter zu diesem oder jenem Modell sagen konnte, das nicht mit einem blasierten »Ist mir schon bekannt« kommentiert wurde. Das waren schwierige Verkaufsgespräche, denn wie sollte er jemandem ein Produkt schmackhaft machen, das der Käufer besser kannte als er selbst? Allerdings waren sie nicht halb so schwierig wie das Aufeinandertreffen mit Kunden der zweiten Kategorie. Diese stellten das genaue Gegenteil zum Informierten dar und ließen sich alles, wirklich alles bis ins kleinste Detail erklären. Bis zur Funktionsweise einer Schraube an der Unterseite der Beifahrertür. Seltsamerweise waren diese Art von Kunden fast ausnahmslos Frauen im Rentenalter, weswegen Dieter sie »Omas« nannte. Sie brachten ihn mit ihren Fragen nach dem was, wofür und warum schnell, viel zu schnell an die Grenzen seiner automobilen Weisheit, so dass er manchmal dazu überging, Bezeichnungen und ausführende Funktionen von Autoteilen zu erfinden. Da gab es dann eben den Lateralausgleichssensor oder das Turboregulationsrelais. Das Ärgerliche an den »Omas« war, dass sie nach zwei Stunden intensiven Verkaufsgesprächs mit einer bemerkenswerten Zuverlässigkeit den Kopf schüttelten, die Lippen schürzten und Sätze sagten wie: »Ich weiß nicht so recht, das sollte man ja auch nicht übereilen«. Anschließend stopften sie einen Haufen Werbematerial in den ausgebleichten Stoffbeutel und verließen den Laden.
Und dann waren da eben noch die »Nörgler«. Da sein Chef, Herr Klauß, gerade in einem Gespräch mit einer älteren Dame war (mit hundertprozentiger Sicherheit eine »Oma«), erhob sich Dieter seufzend von seinem Stuhl, trat hinter dem weiß lackierten Schreibtisch hervor, strich die Anzughose glatt und überprüfte mit der rechten Hand seine Frisur. Dann legte er ein Lächeln auf, schritt so energisch, wie es ihm an einem Donnerstagnachmittag (beziehungsweise an einem beliebigen Nachmittag in der Woche) noch möglich war, auf den Kunden zu und streckte ihm die Hand hin.
»Willkommen im Autocenter Klauß. Mit Klauß fahren Sie raus.«
Der Kunde ignorierte die ausgestreckte Hand und blickte sich missmutig um. »Lustiger Spruch«, murmelte er sarkastisch.
»Tja, das ist ...« Dieter leckte sich über die Lippen. Das Gespräch fing nicht gut an. »Nun gut, wonach suchen Sie? Ein Auto für sich, vielleicht für die Familie?«
Der Mann warf ihm einen Blick zu, als hätte Dieter ihn gefragt, ob er gern Mäusekot aß. »Sehe ich aus, als hätte ich eine Familie?«
»Also, ich weiß nicht.« Dieter merkte, wie ihm ein Schweißtropfen den Rücken herunterrann. Das dürfte schwierig werden. Und einmal mehr fragte er sich, warum er sich das an fünf, manchmal sechs Tagen in der Woche antat. Er wollte gar keine Autos verkaufen, im Grunde interessierte er sich nicht einmal besonders für Autos, zumindest nicht über ein rein praktisches Maß hinaus.
»Sie wissen es also nicht«, sagte der Mann, entnahm einem der im Verkaufsraum aufgebauten Metallständer ein auf dickes Papier gedrucktes Prospekt und fächelte sich theatralisch Luft zu. Was im Übrigen ein weiteres Merkmal der »Nörgler« war, denn die Luft im Geschäft war natürlich zu heiß, zu abgestanden, zu irgendwas.
»Ist das heiß hier, haben Sie keine Klimaanlage?«
»Schon«, bemühte sich Dieter einzuwenden, doch der Kunde hörte ihm gar nicht zu. Stattdessen schritt er jetzt an den ausgestellten Automobilen entlang. Allesamt Mittelklassewagen, so mittelmäßig wie der gesamte Laden in der mittelmäßigen Lage am Stadtrand von Berlin, nicht weit entfernt von dem ebenfalls mittelmäßigen Flughafen.
»Im Prinzip weiß ich gar nicht, was ich hier soll«, dozierte der Mann und strich sich den unsauber gestutzten Vollbart. »Ich meine, mein Auto tut es ja noch, nicht wahr? Aber da ich schon mal in der Nähe war ...«
Dieter war nicht ganz klar, was er damit meinte, lag das Autohaus Klauß doch weitab von allem, was man guten Gewissens mit »in der Nähe« bezeichnen könnte. Vor dem Eingang verlief die Bundesstraße, zwanzig Meter entfernt befand sich die Haltestelle einer Brandenburger Buslinie, die nächsten Nachbarn waren ein schäbig aussehendes Flughafenhotel und ein Nachtclub.
»Verstehe«, gab Dieter Wellenbrink vage zurück.
»Was können Sie mir denn so zeigen?«
Eine Stunde später verließ der Mann das Autohaus, nachdem er an jedem vorgestellten Modell etwas auszusetzen hatte – zu eckig, zu geschwungen, zu breit, zu schmal, zu wenig Fußraum im Fond, Raumangebot im Fond unnötig verschwenderisch, unübersichtliches Armaturenbrett, zu spartanisches Armaturenbrett, Spaltmaße, Türgeräusche, Beladungshöhe, Lage der A-Säule. Natürlich ohne eine Unterschrift unter einen Kaufvertrag gesetzt zu haben.
»Scheinbar gibt es hier doch nicht, wonach ich suche«, hatte er noch gesagt, dann waren die Flügel der automatischen Tür mit dem Dingdong, das Dieter an manchen Tagen bis in seinen Schlaf verfolgte, auseinandergeglitten und der Mann war hinaus in den heißen Sommernachmittag getreten.
Dieter atmete tief durch und ließ sich erschöpft auf den Stuhl plumpsen. Und nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum sich sein Leben so entwickelt hatte.
Herr Klauß, ein fleischiger, untersetzter Mann mit Glatze, in der sich das Licht der Deckenstrahler spiegelte, watschelte mit einem Lächeln auf ihn zu. »Mensch Dieter, was machst du denn für ein Gesicht?« Dieter zuckte nur mit den Achseln. »Kann halt nicht immer klappen«, sagte Klauß. »Wirst schon sehen, den nächsten Kunden schnappst du dir.« Dabei schlug er mit der Faust in die offene Hand, dass es klatschte. Dann lachte er und schlug Dieter aufmunternd auf die Schulter.
»Ja, bestimmt«, sagte Dieter müde.
Herr Klauß musterte ihn stirnrunzelnd, dann sagte er: »Na, dann mach mal ruhig Feierabend. Wir sehen uns morgen.«
»Danke, Herr Klauß.«
»Na klar. Und denk dran, mit Klauß fahren sie irgendwann alle raus.« Herr Klauß lachte, dass sein Doppelkinn hüpfte. Dieter nickte demütig und machte sich auf den Weg zur S-Bahn in Richtung Neukölln.
»Alter, du tropfst.«
Grölendes Lachen riss Jablonski aus seinen Gedanken. Er stand in der S-Bahn an der Tür und hatte auf der Fahrt aus dem ungeliebten Lichtenberg zurück in das kaum weniger ungeliebte Nord-Neukölln starr aus dem Fenster geblickt. Nach dem kurzen, aber heftigen Regenschauer war die Wolkendecke wieder aufgebrochen, und der Zug war durch eine fast schon magisch glitzernde Landschaft millionenfacher Reflexionen von Sonnenlicht auf Wassertropfen gefahren.
Jablonski sah hinüber zu der Gruppe von Halbstarken, die sich auf der für Fahrgäste mit Fahrrad reservierten Sitzbank ausgebreitet hatte. Skateboards, schiefe Frisuren, breitbeiniger Sitz, unverschämtes Grinsen. Dann blickte er an sich herab. Die Anzugjacke, das Hemd und die Stoffhose waren vollgesogen mit Wasser. Vom Fußende der Hose fiel ein Wassertropfen auf den zerkratzen Waggonboden und vereinte sich mit seinen Vorgängern, die bereits einen veritablen Teich um die Sohlen seiner durchnässten Lederschuhe gebildet hatten.
»Digga, der kann seine eigene Pisse nicht mehr halten«, krächzte es wieder aus der Gruppe.
Jablonski wollte etwas sagen, verkniff sich den Spruch aber, als er die unterschwellige Wut in den Augen der Jungs sah. Aggressiv waren die und bereit, sich auf ihn zu stürzen. Was war nur los mit der Jugend? Woher kam dieser Frust? Die hatten doch alles, von klein auf. Er hingegen hatte arbeiten müssen, schwer arbeiten. Aber vielleicht war es genau das. Keine Ziele. Langeweile. Und er wäre das perfekte Ziel bei der Suche nach ein wenig Action. Nein, danke. Jablonski nickte knapp und sah wieder aus dem Fenster. Dann wurde seine Station aufgerufen. Der Zug hielt im Bahnhof, er öffnete die Tür und stieg aus. Seine Schuhe quietschten bei jedem Schritt. Die Jugendlichen musterten ihn feindselig durch die Scheibe, blieben aber sitzen. Das Signal ertönte, die Türen schlossen sich wieder und der Zug fuhr an. Jablonski hob eine Hand und zeigte den Skatern grinsend den Mittelfinger. Dann stieg er die Treppe hinab auf die Sonnenallee.
Wenn man der nahezu parallel verlaufenden Karl-Marx-Straße mit einer gehörigen Portion Wohlwollen noch zuschreiben wollte, so etwas wie eine Flaniermeile zu sein, so war die Sonnenallee nur eine laute Verbindung zwischen zwei Punkten, die gesäumt war von Geschäften, in die Jablonski in neun von zehn Fällen keinen Fuß setzen würde. Handyshops, Dönerbuden, mit billigem Plastikschrott vollgestopfte Läden, in denen hinter dem Verkaufstresen stets die gleiche Art von übermäßig geschminkter Verkäuferin saß, die missmutig auf ihr Mobiltelefon starrte.
Jablonski hasste die Sonnenallee. Jedes Mal, wenn er den fettig-klebrigen Geruch der Fleischspieße roch, vor den Imbissbuden die auf Hochglanz polierten Luxusautos sah, die wie selbstverständlich auf der Fahrspur parkten, so dass sich der Bus noch mühsamer durch den Verkehr kämpfen musste, und sich dann den Bericht über das organisierte Verbrechen in diesem Bezirk ins Gedächtnis rief, den er vor einigen Wochen im Fernsehen verfolgt hatte, dann kam dieser Zorn in ihm auf. Alles ging irgendwie den Bach runter. Vorbei die Zeiten, als man stolz war auf das, was man mit ehrlicher Arbeit erreicht hatte. Wer sich anstrengte, stieg auf. Langsam, aber zuverlässig. Alles ohne Tricksereien oder krumme Dinger. So wie er selbst. Hatte es immerhin zu einem Reihenendhaus im Süden von Tempelhof geschafft. Zusammen mit seiner Susanne. Eine Tochter groß gezogen, ein normales Leben halt. Aber auch das war letztlich den Bach runtergegangen. Freiwillig wäre er kaum in diese Gegend gezogen, aber was war ihm übrig geblieben bei den Mietpreisen in Berlin? Das Haus hatte er ihr überlassen. In einem schwachen Moment hatte Jablonski gedacht, sie hätte es doch verdient, nach so vielen Jahren mit ihm. Großer Mist, so sah er das heute.
Er bog in seine Seitenstraße ab. Hohe Bäume klauten hier den Rest vom Sonnenlicht, das sich noch in die enge Straße verirrte. Kurz darauf stand Jablonski vor dem Haus mit der grauen Fassade. Der Putz bröckelte ab, die Namen am Klingelbrett waren teilweise dreifach überklebt worden, jedes Mal liebloser. Die Haustür stand wie immer offen. Unter den Briefkästen im Hausflur stapelten sich die achtlos weggeworfenen Werbeprospekte der letzten Wochen. Irgendwann würde sich jemand erbarmen und den ganzen Müll entsorgen. Jablonski weigerte sich standhaft, diese Aufgabe zu übernehmen. Beim Blick in seinen Briefkasten ärgerte er sich wieder einmal über das konstante Ignorieren des »Keine Werbung«-Aufklebers und stopfte die Zettel in den Briefkasten neben seinem. Durch den Innenhof kam er in den Seitenflügel. Die kleine Zweizimmerwohnung lag im Erdgeschoss. Zu mehr reichte sein schmales Geld vom Jobcenter nicht. Er dachte an den gepflegten Vorgarten in Tempelhof (natürlich Susannes Werk), das gemütlich eingerichtete Wohnzimmer (ebenfalls Susanne) mit dem großen Fernseher (sein Beitrag) und seufzte tief, als er die Tür aufschloss.
Die Luft war abgestanden. Dazu hielt sich der unterschwellige Geruch nach Schimmel und alter Frau äußerst hartnäckig. Er hatte es mit tagelangem Lüften probiert, hatte die Wände gestrichen, den alten Teppich entfernt, literweise Raumspray vernebelt – nichts hatte geholfen. Der Vermieter hatte während der Besichtigung achselzuckend auf das Bett im Schlafzimmer gezeigt, das noch bezogen war. »Die Wohnung ist sehr kurzfristig frei geworden«, war sein Kommentar dazu. Das Interesse wäre riesig, bei der Lage und dem Preis, hatte er mit einem schmalen Lächeln hinzugefügt. Zwei Wochen hatte Jablonski ausgemistet und renoviert, aber er machte sich nichts vor: Die Wohnung würde niemals mehr sein als ein Nord-Neuköllner Hinterhofloch.
Er schmiss die Dokumentenmappe auf den Küchentisch, zog die nassen Kleidungsstücke aus und stellte sich unter die heiße Dusche. Nur mit einem Handtuch um die Hüfte geknotet, den dicker werdenden Bauch ignorierend, öffnete er anschließend eine Flasche Bier, stellte sich an das Küchenfenster und schaute in den tristen Hinterhof.
Das Schlafzimmer sah aus wie der wahrgewordene rosarote Traum eines zwölfjährigen Mädchens. Ein breites Bett mit bunter Flauschdecke dominierte den kleinen Raum, auf einem Bord an der Wand über dem Kopfteil saßen Puppen in farbenfrohen Kleidern und starrten mit ihren glänzenden Augen ins Nichts. In dem kleinen Vitrinenschrank gegenüber standen ordentlich nebeneinander Einhornfiguren, gläserne Tierminiaturen und fröhlich grinsende Trolle. Lediglich das riesige Poster an der Wand mit dem halbnackten Paar, das sich vor einer Sonnenuntergangskulisse am Strand zärtlich in den Armen lag, deutete darauf hin, dass Silke Bessin kein Mädchen mehr war.
Sie stand vor dem Spiegel neben der Tür und knöpfte das dunkelblaue steife Hemd zu. Secu4U stand in gelben Buchstaben auf dem Brustaufnäher. Sie begutachtete ihr Spiegelbild, drehte sich, blickte über die Schulter in den Spiegel und zupfte den Stoff um ihr Gesäß locker. Kopfschüttelnd wandte sie sich ab.
»Blöde Uniform«, sagte sie leise zu sich. Silke ging durch den schmalen Flur in das winzige Badezimmer, in dem eben genug Platz war für ein spielzeuggroßes Waschbecken, eine Duschkabine und eine hinter dem Waschbecken in die Ecke gezwängte Toilette. Von der Ablage am Spiegel nahm sie einen Stift mit Wimperntusche und strich vorsichtig mit der Bürste über ihre Wimpern. Sie blinzelte einige Mal und musterte dann ihr Spiegelbild. Lange Sekunden blickte sie sich aus ihren blaugrauen Augen niedergeschlagen an, zuckte dann müde mit den Schultern und versuchte, mit den Fingerspitzen ihr strähniges braunes Haar zu richten.
Aus dem Flur ertönte der blecherne Gesang von Cyndi Lauper: All through the night. Silke streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus, verließ das Badezimmer und warf einen Blick auf das Handydisplay. Gregor, das war ja klar, dachte sie. Sie stellte den Anruf auf Lautsprecher und zog sich eine blaue Uniformjacke an, während sie sprach. Auch wenn sie es in den letzten Wochen glücklicherweise geschafft hatte, wieder ein paar Kilo abzunehmen, fühlte sie sich in der Uniform des Sicherheitsdienstes, für den sie arbeitete, immer irgendwie eingezwängt.
»Gregor, was gibt’s?«
»Hi Silke«, kam Gregors hohe Stimme aus dem Lautsprecher. Wenn er so gedehnt sprach, dann hatte er meistens ein Anliegen, das für sie mehr Arbeit bedeutete.
»Also?«
»Ja, die Sache ist die, mein Rücken bringt mich heute wirklich um.«
»Aha.« Silke war wieder vor den Spiegel im Schlafzimmer getreten und verrenkte sich halb den Hals, um sich von hinten sehen zu können. Der Stoff über ihrem Gesäß und den Oberschenkeln spannte unansehnlich. Ihre Stimmung wurde noch trübsinniger. »Ist ja mal was ganz Neues«, sagte sie schärfer, als sie es meinte.
»Nee, wirklich. Kann schon den ganzen Tag nur im Bett liegen.«
Silke wandte sich vom Spiegel ab, rieb sich ihre müden Augen. »Gregor, so wie ich dich einschätze, liegst du fast nur im Bett herum. Wo ist also der Unterschied?«
»Also das ist jetzt echt gemein. Heute ist halt echt schlimm.«
»Klar.« Silke seufzte. »Weißt du, vielleicht solltest du endlich mal ein bisschen abspecken, Sport treiben und so weiter.«
Gregor seufzte theatralisch. »Will ich doch. Das ist halt nicht so einfach.«
»Na ja. Dann muss ich heute wohl wieder mal allein Dienst schieben?«
Es entstand eine kurze Pause, bevor Gregor mit leiser Stimme sagte: »Sorry.« Es klang eher wie eine Frage.
»Das ist jetzt schon das dritte Mal in diesem Monat. Und du weißt, wie ich diese Nachtschichten allein hasse.«
»Es tut mir leid.«
Sie ging wieder in den Flur, zog die Schublade der Kommode auf und nahm den Schlüsselbund heraus, ließ ihn zwischen den Fingern klingeln. Dann lehnte sie sich gegen die Kommode und atmete tief durch.
»Schon gut«, sagte Silke mit sanfterer Stimme. »Kannst ja nichts dafür. Aber der Krause hat dich auf dem Kieker, das weißt du doch.«
»Der blöde Krause.«
»Allerdings.« Silke lächelte.
»Kannst du ein gutes Wort für mich einlegen, Silke?« Gregor klang so, wie sich Silke die Stimme eines geprügelten Hundes vorstellen würde, der sich bei seinem Peiniger lieb Kind machen wollte, weil ein Hund eben so war.
»Na klar«, sagte Silke. »Ich weiß aber nicht, ob das was bringt.«
»Hey, dir kann der Krause doch nicht widerstehen.«
Silke konnte Gregors Grinsen förmlich hören. »Schon klar«, sagte sie mit gespielt beleidigter Stimme.
»Na hör mal, wenn ich sehe, wie der immer auf deinen Hintern glotzt.«
Silke lachte kurz auf. »Du meinst meinen viel zu breiten Hintern?«
»Also, eins sag ich dir. Wenn ich nicht auf Männer stehen würde, dann würde ich dich gnadenlos anbaggern. Dich und deinen Hintern, der vielleicht, nur vielleicht, ein klitzekleines bisschen, also quasi unwesentlich breit ist.« Gregor kicherte sein typisches Gregor-Kichern, das sie so mochte und das ihr schon durch einige der schier endlosen, langweiligen Nachtschichten geholfen hatte. Wenn er ihr von seinem Leben berichtete, das so ganz anders war als ihres. Orte, die sie nicht kannte, eine Herangehensweise an das Thema körperliche Liebe, die ihr fremd und auch ein wenig unangenehm war. Aber sie hörte trotzdem gern zu. Sie saßen dann in ihrem kleinen Kabuff, tranken den widerlich bitteren Kaffee aus dem Automaten im Verkaufsraum und bewachten Autos, die sie sich in drei Leben nicht leisten konnten. Gregor war in dem knappen Jahr, das sie jetzt zusammen arbeiteten, so etwas wie ein Freund geworden, auch wenn sie sich außerhalb der Arbeit nie sahen. Seine wiederholten Angebote, doch mal mitzukommen am Wochenende, hatte sie bisher immer ausgeschlagen. Vielleicht war sie ja ein wenig prüde, denn der Gedanke, mit ihm durch die Gay-Bars der Stadt zu tingeln, erzeugte in ihr ein unbehagliches Gefühl.
»Danke, Gregor, auch wenn ich weiß, dass du es nicht ernst meinst.«
»Ach komm, du bist eine tolle Frau. Das kann sogar ich sehen.«
Silke zuckte mit den Achseln. »Lassen wir das. Ich werde auf jeden Fall nur Gutes über dich erzählen, falls der Krause fragt.«
»Dann vergiss aber nicht, sexy Unterwäsche anzuziehen dafür.«
»Gregor«, gab Silke mit mahnender Stimme zurück, fast hätte sie den Zeigefinger erhoben.
»Alles klar, alles klar, meine Liebe. Das war jetzt one step too far. Verstehe schon. Hey, ich danke dir Silke«, sagte er mit ungewohnt ernster Stimme.
»Kein Problem. Sieh zu, dass dein Rücken wieder gesund wird. Sonst bist du den Job los. Und das wäre wirklich schade. Auch für mich.«
»Ich liebe dich auch, mein Herz.« Wieder das Kichern. Silke musste grinsen. Auch weil sie wusste, oder zumindest ahnte, dass nicht der Rücken Schuld daran war, dass Gregor nicht zur Arbeit erscheinen würde, sondern eine heftige Feierei, die sich wieder bis in die Mittagsstunden des Folgetages gezogen hatte.
»Also, ich muss dann mal«, sagte sie.
»Klar. Ich wünsche dir eine ereignislose Schicht. Wir telefonieren die Tage.«
»Machen wir. Tschüss.«
Silke beendete das Gespräch und steckte das Handy in die Jackentasche. Dann nahm sie eine zerkratzte Frühstücksdose aus dem Kühlschrank und eine kleine Flasche Wasser aus dem Regal, schob beides in ihre Tasche und verließ mit einem Blick auf die Uhr ihre Wohnung.
Drei Aktenordner. Drei mit seiner krakeligen Handschrift beschriftete, mittelgroße, schwarze Ringordner – das war alles, was von seinem Leben mit Susanne übrig geblieben und den Weg mit ihm in seine neue Wohnung gegangen war. Versicherungen, stand auf dem einen. Arbeit, auf dem anderen. Und schließlich: Ehe/Scheidung. Die Ordner standen auf dem wackeligen Regal, das Jablonski zusammen mit nahezu der kompletten übrigen Einrichtung in einer Hauruckaktion in einem preiswerten Möbelgeschäft gekauft hatte. Er war zwar nicht ungeschickt, würde sich sogar als handwerklich einigermaßen begabt beschreiben – immerhin hatte er fast alle Reparaturen an seinem Haus selbständig durchgeführt – aber der Aufbau der Möbel hatte ihn fast den letzten Nerv gekostet. Sicher, Jablonski war nicht der in sich ruhende Buddha, eher im Gegenteil, aber das hatte sich schon als besondere Herausforderung für ihn dargestellt. Und so hatte er irgendwann im Laufe eines grauenvollen, wolkenverhangenen Nachmittags, an dem sich das Fehlen einer für die unerwartet knifflige Arbeit mit winzigen Schrauben und seitenlangen Aufbauanleitungen geeigneten Lichtquelle geradezu körperlich bemerkbar machte, die Waffen gestreckt und mit einem Achselzucken und einem großen Schluck von dem lauwarmen Bier (der bestellte Kühlschrank war aufgrund einer »technischen Störung im Logistikzentrum« nicht wie erwartet geliefert worden) den wackeligen und schiefen Zustand von Regal, Bett und Schrank akzeptiert. Erstaunlicherweise war noch keines der Möbelstücke zusammengefallen und so sah Jablonski auch keinen Grund, sich der Folter des Nachjustierens auszusetzen.
Drei Aktenordner, die im Grunde sein Leben beschrieben. Versicherungen, Arbeit und Ehe/Scheidung. Jablonski nippte an dem Bier, zog das Handtuch unter dem Bauch enger. Er hatte sich immer einigermaßen fit gehalten. Ein wenig Gewichte stemmen, Fahrrad fahren, früher das Boxen, aber in den letzten Monaten hatte eine Behäbigkeit von ihm Besitz ergriffen, die dazu führte, dass er sich kaum noch bewegte und der Kampf gegen die Pfunde immer schwerer wurde.
Jablonski griff nach dem dritten Ordner und blätterte in den Unterlagen. Viel gab es nicht. Er hatte sich nicht gegen ihren Willen gewehrt, sich von ihm scheiden zu lassen. Und so war das Ganze im Prinzip eine Formsache gewesen. Rechtskräftige Scheidung, das hatte er sich gemerkt. Als letztes Dokument war die Scheidungsurkunde eingeheftet. Im Namen des Volkes. Jablonski musste schmunzeln. Was zum Teufel hatte denn das Volk mit ihm und Susanne zu tun?
Beim Blick auf das Datum stutzte er. Morgen würde es ein Jahr her sein. Aber was war schon ein Jahr? Nach fünfunddreißig Jahren Ehe. Tatsächlich war es doch wohl so, dass er niemals so lange geschieden sein würde, wie er verheiratet gewesen war. Selbst bei bester Lebensführung nicht. Und da bestand wenig Hoffnung, bei der Menge an Currywürsten und den viel zu regelmäßigen Abenden im »Stübchen«.
Und nicht zum ersten Mal fragte er sich, wann das mit seiner Ehe den Bach hinunterging. Nicht mit Groll dachte er daran. Nein, er konnte Susanne vollkommen verstehen, kannte Jablonski doch seine Macken. Rückblickend war es eher ein Wunder, dass sie es überhaupt so lange mit ihm ausgehalten hatte. Andererseits, war es nicht er gewesen, der immer malocht hat, um ihr und der Tochter ein schönes Heim zu ermöglichen? Und was hatte er davon? Die Exfrau genoss jetzt in seinem Haus das Leben an der Seite dieses Arschs von einem Finanzbeamten und Gabi lebte im Ausland und hatten immer »irgendwie zu viel zu tun«, um sich mal nach seinem Wohlergehen zu erkundigen. Wenn er es also genau betrachtete, war da doch eine Menge Groll.
Und dann noch dieser Lackaffe im Jobcenter. Was wusste der denn schon vom wahren Leben? Saß sich seinen Hintern breit und klapperte mit den manikürten Händen auf der Tastatur herum. Jablonski hoffte nur, dass er ihn in Ruhe lassen würde. Er hatte genug geleistet – Arbeit, Haus, Familie, immer seine Steuern bezahlt, nie was verlangt. Jetzt hatte er keinen Bock mehr. Er leerte die Flasche, zog sich an und machte sich auf den Weg ins »Stübchen«.
Das »Stübchen« lag nur zwei Ecken von seiner Wohnung entfernt und war, wenn man ehrlich sein wollte, eine ziemlich heruntergekommene Spelunke. Beides kam Horst Jablonski sehr gelegen. So hatte er es nie weit, wenn ihm nach Gesellschaft und dem einen oder anderen Bier war und außerdem bestand wenig Gefahr, dass sich diese schrecklichen Studenten oder »Ich bin Schauspieler, vor allem experimentelles Theater«-Typen mit ihren schrägen Frisuren und seltsamen Brillengestellen, die alle diesen abwesenden und zugleich überheblichen Blick drauf hatten und sich hier wie eine langsam ausbreitende Krankheit breitmachten, in seine Kneipe verirrten. Und taten sie es doch einmal, sorgte Fred, der Besitzer/Gastwirt/bester Kunde mit seiner unnachahmlichen Ruppigkeit dafür, dass kaum einer von denen länger als auf ein hastig heruntergespültes Glas billigen Weißweins blieb. Um die wenigen, die diesen dezenten Wink zur Tür aus welchen Gründen auch immer nicht verstanden, kümmerte sich dann Jablonski oder einer der anderen Stammgäste. Ausschließlich verbal, versteht sich. Denn jeder, der hier regelmäßig verkehrte, meist schon seit Jahren oder wie der alte Günther seit Jahrzehnten, hatte eine klare Vorstellung davon, was er von seinem »Stübchen« erwartete. Und trendige Zugezogene gehörten nicht dazu. Da waren sich alle einig.
Horst Jablonski öffnete die schwere Holztür und atmete den herben Geruch nach verschüttetem Bier, kaltem Rauch und staubigen Sitzbezügen ein. Die Musikanlage, die bei angedrohter Prügelstrafe niemand außer Fred bedienen durfte, spielte leise die »Eagles«. Hotel California, wie jeden Abend, meist mehrfach. Jablonski blieb kurz an der Tür stehen und sah sich im dämmrigen Licht um. Fred, massiger Typ mit blankpolierter Glatze, stand an seinem Platz hinter dem Tresen und rauchte. Die Tische waren leer, nicht mal Günther war an seinem angestammten Platz in der Ecke, nur an der Bar saß Dieter, wie immer in einem seiner schicken Anzüge, die so gar nicht hierher passen wollten. Man kann nie zu gut gekleidet sein, sagte er immer und vermied es meistens, die Arme zu weit auf den Tresen zu legen, denn wenn Dieter bekannt war für seinen für die Verhältnisse des »Stübchens« extravaganten Bekleidungsstil, so war Fred bekannt für seine notorische Unlust, einen Wischlappen in die Hand zu nehmen.
»Dieter, grüß dich«, sagte Jablonski. Er wuchtete sich auf einen Barhocker neben Dieter Wellenbrink und klopfte ihm auf die Schulter. »Fred«, nickte er dem Wirt zu, der nur kurz mit dem Mundwinkel zuckte und dann ein Bierglas unter den Zapfhahn hielt. Es zischte verheißungsvoll, während das Bier schäumend in das Glas lief.
»Horst. Alles gut?« Dieter nahm einen langen Schluck und wischte sich anschließend den Mund mit dem Handrücken.
»Beschissener Tag«, sagte Jablonski.
»Wem sagst du das.«
Fred schob Jablonski das Bier hin. »Wohl bekomm’s, Horst.«
»Danke. Schreib’s auf, ja?«
»Was sonst?«, gab Fred mit einem angedeuteten Lächeln zurück.
»Sag mal«, sagte Jablonski nach einem Schluck Bier, »müssen hier eigentlich immer die schrecklichen Eagles laufen?« Er grinste Fred erwartungsvoll an.
»Pass auf, nur weil du zu meinen Stammgästen gehörst, breche ich dir jetzt nicht alle Knochen einzeln. Aber noch ein Wort gegen die Eagles und die Sache sieht ganz anders aus.«
Dieter erhob sein Glas und sagte in feierlichem Tonfall: »Hört, hört. Freds Regierungsansprache.«
Alle lachten und summten dann das Gitarrensolo von »Hotel California« mit. Schließlich sagte Jablonski: »Außerdem, Fred, du weißt, dass ich mal Boxer war.«
»Komisch, hab‘ nie von dir gehört. Wo war das, Weddinger Schulhof?«
»Das willst du gar nicht wissen, würdest dir nur ins Hemd machen«, gab Jablonski zurück.
Fred hielt sich gespielt ängstlich die Hände vor das Gesicht und widmete sich dann dem CD-Player. Umständlich wechselte er die silbernen Scheiben und kurz darauf plärrte »Smokie« aus den Boxen.
»Immer wenn man denkt, es kann nicht schlechter werden«, sagte Dieter leise zu Jablonski und ahmte das Geräusch von Erbrechen nach.
»Genau dasselbe habe ich mir heute auf dem Amt auch gesagt.« Jablonski stellte das Glas schwungvoll auf den Tresen zurück. »Stell dir mal vor, die haben mir einen neuen Sachbearbeiter zugewiesen.«
»Und?«, fragte Dieter.
»Und? Mensch, ich hatte so einen super Nichtangriffspakt mit dem Neumann. Ich ging ihm nicht auf die Eier und er hat mich dafür so halbwegs angenehm durchgeschleift.«
»Aber mal ehrlich Horst, so gar nicht arbeiten?«
»Damit bin ich durch. Nee, Dieter, ich habe mich jahrzehntelang krumm gemacht. Und wofür? Damit sich ein paar feine Pinkel die Taschen voll machen. Und als das nicht mehr gereicht hat, verkaufen die den Laden und tschüss. Das ist doch keine Art.«
»Ich kann ja verstehen, dass du sauer bist. Aber irgendwie muss es doch immer weiter gehen, oder?«
Jablonski verzog den Mund. »Da weiß ich aber nicht, ob das hier der richtige Ort dafür ist.«
Dieter sah sich um, die Lippen geschürzt, blasierter Blick. »Wieso? Ist doch ein hochwertiges Etablissement mit hervorragender Küche und ausgezeichnetem Weinkeller. Das Borchardt ist schier grün vor Neid.«
Jablonski lachte kurz auf.
»Borchardt?«, fragte Fred.
Bevor Dieter antworten konnte, öffnete sich die Tür. Gewohnheitsgemäß drehten alle die Köpfe zum Eingang.
»Die Sonne geht auf«, rief Jablonski, erhob sich und latschte hinüber.
»Alter Charmeur«, gab Silke Bessin mit rollenden Augen zurück, ließ sich aber von Jablonski den Handrücken küssen und dann an den Tresen geleiten.
»Silke, schön dich zu sehen«, sagte Dieter.
»Wie immer?«, fragte Fred.
Silke nickte, wischte mit einem Taschentuch über das Tresenholz, legte dann ihre Tasche ab und schob sich einen Stuhl zurecht. Dieter grinste: »Musst du doch nicht machen. Nicht wahr, Fred, du wienerst hier alles mehrmals am Tag.«
»So wie ich dir gleich eine wienere«, sagte Fred ohne eine Miene zu verziehen und goss Mineralwasser zu dem Weißwein. »Hier, meine Liebe, deine Weißweinschorle.«
»Danke, Fred.« Silke setzte das Glas an die Lippen und nahm einen kleinen Schluck.
»Heute noch Dienst?«, fragte Jablonski und deutete auf Silkes Uniformjacke.
»Hab noch eine Stunde Zeit.«
Dieter zeigte auf ihr Glas. »Und das?«
Silke zuckte mit den Achseln. »Wozu gibt es Pfefferminzbonbons. Außerdem, die Arbeit ist schrecklich eintönig und die Bezahlung schlecht. Wer will mir also nicht eine kleine Aufmunterung vorher gönnen?«
»Da hat unsere Silke vollkommen recht«, sagte Jablonski und schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. »Überall nur Ausbeuter. Ich verstehe sowieso nicht, weshalb du da noch hingehst.«
Silke kniff die Augen zusammen. »Äh, ich brauche das Geld? Miete, Essen, Fahrkarte.«
Jablonski stieß verächtlich die Luft aus.
»Unser Horst hier«, sagte Dieter, »ist damit ja fertig. Dafür lässt er sich jetzt von jemandem, der halb so alt ist wie er, gängeln. Tja, ist natürlich viel besser.«
Jablonski leerte sein Glas und hielt es Fred entgegen. »Noch eins, ja? Und Dieter, das habe ich ja nicht gesagt. Ist alles scheiße. Und unfrei, irgendwie.« Er blickte auf die Reihe von Flaschen mit Korn, Kräuterlikör und billigem Whisky in dem Regal hinter dem Tresen. »Man müsste halt einmal Glück haben, den großen Fang machen. Und dann, adieu ihr Sorgen.«
Silke legt ihm zögerlich eine Hand auf den Arm. »Ach Horst, was soll’s, oder?«
»Und außerdem«, warf Dieter ein, »du hattest doch deine Chance. Frau, Kind, Haus. Und hast es vermasselt.« Er strich sich über die Nase und fügte hinzu: »Genau wie ich.«
»Und das Ende vom Lied?«, grummelte Jablonski.
»Kopf hoch«, sagte Silke. »Wenn das nicht passiert wäre, hätten wir uns nie kennengelernt.« Sie suchte unsicher seinen Blick, aber Jablonski starrte immer noch geradeaus. »Also, wir drei«, bemühte sie sich betont locker anzufügen. Silke nahm ihre Hand zurück, drehte das Weinglas am Stiel langsam im Kreis.
»So, Kinder«, rief Fred in die entstandene Stille. »Jetzt mal nicht so traurig hier.« Er dreht die Musik etwas lauter.
Jablonski nickte. »Ich kann ihr ja nicht mal böse sein. Ich meine, es war doch klar, dass sie nicht lange allein bleibt. Sie ist immer noch hübsch, da würde doch keiner denken, dass sie Ende fünfzig ist, eher Anfang vierzig oder so. Schlank, schöne Haare, immer am Lächeln. Aber ganz ehrlich, so einen Sesselpupser von Beamtenarsch?«
»Wo die Liebe hinfällt«, merkte Dieter an.
Silke hatte ihr Glas geleert und schob es Fred hin. Dann kramte sie in ihrer Tasche nach dem Portemonnaie. »Nee, lass mal, meine Liebe« sagte Fred. »Geht aufs Haus. Kleine Motivationshilfe.«
»Danke, das ist lieb von dir. Ich muss dann mal los, Autos bewachen.«
Jablonski dreht sich zu ihr, sah ihr in die blaugrauen Augen. Sie war keine offensichtlich gutaussehende Frau, die Nase etwas zu groß, die Haut an den Wangen von feinen Aknenarben bedeckt, das dunkelbraune, fast schwarze Haar wirkte immer etwas strähnig, aber sie hatte einen sinnlichen Mund und faszinierende Augen, die für Jablonski aussahen wie zwei glattgeschliffene Steine in Milch. Besser hätte er es nicht ausdrücken können. Er mochte diese Augen und er mochte Silke, deren sanfte, ausgleichende Art immer diese beruhigende Wirkung auf ihn hatte. Die an vielen Tagen mitschwingende Melancholie in ihrem Wesen deutete für ihn allerdings darauf hin, dass auch sie ihre Kämpfe ausfocht.
Er nahm ihre Hände in seine. »Ach Silke, du hast echt was Besseres verdient.«
Sie lächelte schwach, Trübsinn schlich sich in ihren Blick. »Haben wir das nicht alle?«
Die Tür stand halb offen. Jablonski klopfte.
»Herein«, hörte er eine heisere Stimme.
Er trat in das Büro seines neuen Chefs und blieb an der Tür stehen. Viel Glas und Chrom, schneeweiße Regale, in denen lediglich hier und da ein Ordner stand, sowie einige große gerahmte Fotos, auf denen der Mann hinter dem riesigen Schreibtisch mit der Glasplatte von der Größe einer Tischtennisplatte mit wechselnden, ausnahmslos ebenso blonden wie hübschen Damen im Arm zu sehen war. Er grinst wie jemand in die Kamera, dem alles am Arsch vorbeigeht, dachte Jablonski und wahrscheinlich konnte man es auch nur mit dieser Einstellung zu einem Büro wie diesem bringen. Winterfeld Digital Services, hatte sein Vermittler im Jobcenter zu ihm am Telefon gesagt und die Worte ausgesprochen, als würden sie die letzten Geheimnisse der Welt erklären. Dieser verdammte Herr König hatte doch tatsächlich ernst gemacht und ihm in Rekordzeit eine Arbeit vermittelt. Facility Manager in einem der Top-Unternehmen unserer schönen Metropole, waren seine Worte gewesen und Jablonski hatte bei dem schleimigen Tonfall den Mund verziehen müssen. Und natürlich weit darüber hinaus, hatte sich der Herr König sofort selbst korrigiert. Jablonski konnte sein blasiertes Lächeln förmlich durch die Leitung höre. Arbeitsantritt bereits am übernächsten Tag.
»Stefan, ich meine der CEO Herr Winterfeld, braucht jemanden für die Sicherstellung des alltäglichen Geschäftsablaufs. Und zwar prontamente.«
»Prontamente?«, fragte Jablonski.
»Genau. Ich habe schon alles in die Wege geleitet, die Bürokratie geht ihren gewohnt langsamen Gang, aber sie, Herr Jablonski, sind doch einer von der flexiblen Sorte, dynamisch sowieso. Sie dürfen schon in zwei Tagen anfangen.«
Jablonski schwieg, lange. Schließlich sagte Herr König hörbar genervt: »Freuen Sie sich denn gar nicht?«
»Also, eigentlich passt mir das gerade gar nicht. So spontan, meine ich.« Horst Jablonski lief in seiner kleinen Küche auf und ab, Schweiß auf der Stirn, in den Achselhöhlen.
»Verstehe«, entgegnete sein Vermittler kühl. »Dann werde ich wohl einen entsprechenden Aktenvermerk machen müssen. Ausschlagen einer zumutbaren Arbeit ohne schwerwiegenden Grund.« Königs Stimme hatte ihren begeisterten Tonfall verloren und war jetzt trocken wie altes Brot.
»Na ja, ganz so ist es ja nicht. Es ist nur ... ich habe ... also, ich wollte...«
»Ich kann natürlich nicht sagen, wie das Verfahren ausgehen wird, aber glauben Sie mir, wohlwollend wird meine Position Ihrem Fall gegenüber kaum mehr sein.«
Jetzt war er also wieder nur ein Fall, dachte Jablonski.
König fuhr fort: »Aber von einer entsprechenden Kürzung der Leistungsbezüge können Sie mit Sicherheit ausgehen. Ihre Schonfrist ist ja streng genommen auch schon seit Jahren vorbei.«
Leistungsbezüge, Schonfrist. Jablonski war kein ängstlicher Mensch, aber diese Beamtenheinis und das ganze Amtsdeutsch machten aus ihm gegen seinen Willen jedes Mal ein vom zähnefletschenden Wolf in die Ecke getriebenes kleines Nagetier.
Er seufzte tief. »Also gut, was macht denn so ein Facility Manager?«
»Ach Herr Jablonski, wie schön, dass Sie Interesse an dieser abwechslungsreichen Tätigkeit haben. Hier die Details...«
Und so stand Jablonski jetzt hier in dem protzigen, aber irgendwie vollkommen leblosen Büro und versuchte, die bronzefarbene Frauenbüste mit den enormen Brüsten zu ignorieren, die er in einer Ecke neben dem Schreibtisch entdeckt hatte.
»Gefällt Sie Ihnen?«, fragte der Mann hinter dem Tisch, der seinen Blick bemerkt haben musste. Er stand auf, strich sich die gegelten, nach hinten gekämmten blonden Haare in Form. »Cassidy«, sagte er und ließ ein saugendes Geräusch mit den Lippen hören. »Ja, ja«, sagte er mit leiser Stimme und blickte ins Nirgendwo. Dann ging ein Ruck durch seinen Körper, er zupfte an seinen Anzugärmeln und ließ sich in den Schreibtischsessel fallen, der mit seiner dicken lederbezogenen Polsterung so gar nicht zum modernen, fast schon filigranen Rest der Einrichtung passen wollte.
»Kommen Sie doch rein«, rief er lauter als nötig, schwang die Beine auf die Tischplatte und lächelte geschäftsmäßig.
»Danke«, sagte Jablonski und trat an den Tisch.
»Jablonski, richtig?« Die stahlblauen Augen zeigten nichts von dem Lächeln auf seinen Lippen.
»Richtig. Herr König schickt mich.«
»Der gute Christian. Auf den ist halt Verlass, wie?«
Jablonski musterte den sicher zwanzig Jahre jüngeren Mann mit dem teuer aussehenden Anzug, der sich den nackten Oberkörper seiner Frau oder Freundin oder wem auch immer in Bronze in sein Büro stellte und eine Firma leitete, die angeblich zu »einem der Top-Unternehmen unserer schönen Metropole« und natürlich weit darüber hinaus gehörte, und sehnte sich mit einem Mal danach zu sagen, tut mir leid, habe mich in der Tür geirrt, um sich dann umzudrehen und diesen Kotzbrocken hinter seinem viel zu großen Schreibtisch, auf dem lediglich ein Laptop lag, dünn wie ein Briefumschlag, in Ruhe weitergrinsen zu lassen. Mit einem Mal kam ihm selbst seine schäbige Hinterhofwohnung wie ein wunderschöner Ort vor.
Stattdessen sagte er mit einem Nicken: »Denke schon.«
»Absolut. Aber hey, wo habe ich meine Manieren. Ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Stefan Winterfeld, Founder und CEO von Winterfeld Digital Services.« Er machte keine Anstalten, die Beine vom Tisch zu nehmen. Stattdessen zog er sich den Laptop in den Schoß und begann, auf der Tastatur zu klappern.
»Horst Jablonski«, sagte Jablonski und überlegte kurz, ob er seine Hand ausstrecken sollte. Auch wenn ihm dieser Winterfeld auf Anhieb mit jeder Faser seines Körpers unsympathisch gewesen war, so wusste er dennoch, was sich gehörte. Aber nach kurzem Zögern entschloss er sich dagegen. Winterfeld schien ihn auch schon gar nicht mehr wahrzunehmen.
Jablonski räusperte sich.
»Was?«, sagte Winterfeld. »Ach ja, den Rest übernimmt Wegner. Wartet bestimmt schon draußen.«
»Gut. Also dann ... danke.« Es klang eher wie eine Frage.
Winterfeld brummte nur unverständlich und Jablonski verließ sein Büro. Im Gang vor der Tür lehnte an der Wand ein schlaksiger Mann mit unreiner Haut und einem fusseligen Oberlippenbart.
»Tach, Thorsten Wegner. Kannst Thorsten zu mir sagen.«
Er roch stark nach Tabak und hatte schmutzige Hände. Schmieröl, vermutete Jablonski.
»Horst Jablonski.« Sie schüttelten sich die Hände und Jablonski sagte leise: »Der Neue.«
»Na dann, willkommen bei uns.« Wegner klopfte ihm auf die Schulter. »Ich führe dich mal rum und erkläre dir, was du als Hausmeister hier so zu tun hast.«
»Hausmeister?« Jablonski runzelte die Stirn.
»Hast du gedacht, du wirst hier als Vertreter vom Chef eingestellt?« Wegner lachte und musste dann heftig husten. Als er sich wieder erholt hatte, sagte er, noch immer nach Luft japsend: »Der war gut. Aber lass mal, Hausmeister ist doch auch ne feine Sache. Und so besonders viel ist hier auch nicht zu tun.
