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GESPRÄCHE ÜBER TIROL 2024 Sechs bekannte Tiroler Persönlichkeiten, sechs faszinierende Leben, sechs Erzählungen ganz persönlicher Momentaufnahmen: Sportmanager Harti Weirather gibt Einblick in seine jahrzehntelange Tätigkeit in den Bereichen Skisport, Sportmarketing und Eventmanagement. Barbara Zitterbart erzählt davon, wie sie als junge Frau die Führung einer Firma in einer männerdominierten Branche bestritten hat. Bekannt für ihr Engagement in der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft berichtet Marina Baldauf vom Umgang mit Krankheit und Sterben. Wir erfahren vom Wirken auf Bühnen und Leinwänden des Schauspielers Tobias Moretti und begleiten Fritz Unterberger auf seinem Werdegang vom Lehrling zum Autohändler bis hin zum Multi-Unternehmer. Querdenker und Seilbahnunternehmer Jakob Falkner spricht über seine Arbeit und die Realisierung der James-Bond-Erlebniswelt. RedakteurInnen der Tiroler Tageszeitung fassen die teils unbekannten Geschichten in persönliche Porträts.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2024
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GESPRÄCHE ÜBER TIROL
Landeshauptmann Anton Mattle:
Tirol – erzählt von seinen Menschen
Silvia Lieb
Tiroler Geschichte(n) zum Leben erwecken
Dr. Esther Mitterstieler
GESPRÄCHE ÜBER TIROL
Fred Steinacher
Zeitreise der besonderen Art!
Marco Witting über Harti Weirather
Mit Abfahrten nach oben
Verena Langegger über Barbara Zitterbart
„Harmonie war auch dem Vater wichtig.“
Monika Schramm über Marina Baldauf
Endlichkeit als Teil des Lebens
Joachim Leitner über Tobias Moretti
„Während des Wellengangs zurückschauen, das können nur Untergeher“
Benedikt Mair über Fritz Unterberger
Höher, schneller, scheitern, weiter
Alexander Paschinger über Jakob Falkner
Mein Name ist Jack – Jack Falkner
Anton Mattle, Landeshauptmann von Tirol (Foto: Land Tirol/Emanuel Kaser)
In diesem neunten Band der Reihe „Zeitzeugen“ kommen sechs unterschiedliche Persönlichkeiten zu Wort, die uns einen unverstellten, sehr ehrlichen Blick auf Tirol aus nächster Nähe ermöglichen: auf ihr eigenes Leben, das vielfach keine geradlinige Erfolgsgeschichte bietet, sondern auch Situationen des Scheiterns und des wieder Aufstehens, des Perspektivenwechsels und des Durchhaltens einschließt.
So wechselt der frühere Musikstudent Tobias Moretti angesichts der Zwölftonmusik, der er mit eigenen Worten hinterherhinkte, zum Lkw-Lenkrad, an dem der heute preisgekrönte Charakterdarsteller während der Fahrten seine Texte für das Vorsprechen an der Falkenberg-Schauspielschule in München lernte.
Fritz Unterberger erlebte als uneheliches Kind nicht nur eine entbehrungsreiche, sondern auch eine von Vorurteilen geprägte Jugend. Aber anders als andere, besser als die anderen startete er damals als einer der ersten Autohändler, der über Schauraum, Spenglerei und Lackiererei, Waschanlage sowie Reifenlager für die Kundinnen und Kunden verfügte.
Diese konsequente Gesinnung der Innovation teilt er mit Seilbahnunternehmer Jack Falkner, der sich beim Kinofilm „James Bond 007 – Spectre“ hartnäckig für den Drehort Tirol einsetzte: Die erfolgreiche Umsetzung der bisher größten Filmproduktion in Tirol ist nicht zuletzt ihm zu verdanken – einschließlich der Realisierung der James-Bond-Erlebniswelt am Gaislachkogel.
Der spätere Abfahrtsweltmeister Harti Weirather hatte wiederum schon mit 13 Jahren seinen ersten Sponsorvertrag mit dem Skihersteller Kneissl verhandelt. Nach der Profikarriere baute er gemeinsam mit Hanni Wenzl einen der größten, auch für die Hahnenkammrennen in Kitzbühel zuständigen Sportvermarkter auf.
Sie war im Sommer nicht im Schwimmbad, sondern auf der Alm. Im Alter von 21 Jahren musste Barbara Zitterbart nach dem Tod ihres Vaters, der eigentlich mit Herz und Seele Bauer war, die Geschäftsführung eines Entsorgungsunternehmens übernehmen. Barbara Zitterbart gilt mittlerweile in Tirol als Pionierin für ein neues Umweltbewusstsein in Sachen Recycling und Entsorgung.
Der Umgang mit Krankheit und Sterben ist vom Wunsch nach Verdrängen geprägt. Marina Baldauf hat als Gründungsmitglied der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft vor über 20 Jahren eine andere Entscheidung getroffen, um schwerstkranken und sterbenden Menschen sowie deren Angehörigen eine würdevolle Begleitung anbieten zu können.
Allesamt sind sie beeindruckende Persönlichkeiten, die Tirol prägen. Ich bedanke mich für das Teilen ihrer Geschichte mit der Öffentlichkeit – sie sollen uns Inspiration und Motivation sein. In der Hoffnung, auch Ihr Interesse geweckt zu haben, lade ich Sie ein, Tirol auf den folgenden Seiten mit den Augen dieser sechs Persönlichkeiten kennenzulernen.
Ihr
Anton Mattle
Landeshauptmann von Tirol
Silvia Lieb, Vorstandsvorsitzende der Moser Holding (Foto: Rita Falk)
Liebe Leserin, lieber Leser,
mit der 9. Ausgabe unserer Zeitzeugenreihe „Gespräche über Tirol“ halten Sie ein weiteres spannendes Stück der jüngeren Geschichte Tirols in Händen. Es sind kurzweilige Porträts außergewöhnlicher Persönlichkeiten entstanden, mit denen die Tiroler Tageszeitung gemeinsam mit dem Land Tirol und dem ORF Tirol von Jänner bis September 2024 Gespräche führen durfte. In vollbesetzten Veranstaltungssälen in Innsbruck, öffentlich und bei freiem Eintritt, denn die Zugänglichkeit für alle Interessierten war uns ein besonderes Anliegen.
Mir liegt die Teilnahme bei unseren regelmäßigen Zeitzeugengesprächen auch persönlich sehr am Herzen. Denn hier gelingt es besonders gut, Tiroler Geschichte(n) lebendig werden zu lassen. Das mag zum einen an der sorgfältigen Auswahl der Gesprächspartner liegen, die oft unterschiedlicher nicht sein könnten. Es mag aber auch an der Persönlichkeit des Moderators und Buchautors Bernhard Aichner liegen. Ihm gelingt es auf charmante Weise, eine lockere Gesprächsatmosphäre zu schaffen und seinem Gegenüber oft ganz neue, unbekannte Seiten zu entlocken.
Bei vielen Geschichten und Anekdoten beginnt dann auch für die Zuhörerin/den Zuhörer die Zeitreise im Kopf. Erinnerungen an vergangene Zeiten werden wach, natürlich aus einer ganz persönlichen Perspektive, die uns vor Augen führt, dass auch wir selbst ein schönes Stück Tiroler Geschichte miterleben durften.
Redakteurinnen und Redakteure der Tiroler Tageszeitung haben nun diese Gespräche zu Papier gebracht. Gedruckt und gebunden stehen sie der Nachwelt zur Verfügung. Mit Persönlichkeiten wie der Präsidentin der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft Marina Baldauf, dem Ausnahmeschauspieler Tobias Moretti, Sportlegende Harti Weirather und Unternehmergrößen wie Barbara Zitterbart, Jakob „Jack“ Falkner und Fritz Unterberger ist eine bunte Mischung entstanden, die viel Abwechslung und interessante Einblicke garantiert.
Mein besonderer Dank gilt allen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, unseren Partnern Land Tirol und ORF Tirol und allen, die sich dafür eingesetzt haben, Tiroler Geschichte gemeinsam für die Nachwelt erlebbar zu machen.
Viel Spaß bei Ihrer persönlichen Zeitreise wünscht Ihnen
Silvia Lieb
Vorstandsvorsitzende der Moser Holding
Dott.ssa Esther Mitterstieler, Landesdirektorin ORF Tirol (Foto: ORF/Roman Zach-Kiesling)
Wenn jemand über eigene Erfahrungen spricht, hört man gerne zu. Die Gesprächsreihe „Zeitzeugen“, die nach einer pandemiebedingten Pause heuer einen erfolgreichen Neustart hingelegt hat, bestätigt diese alte Radioregel. Land Tirol, Tiroler Tageszeitung und ORF Tirol haben vier Männer und zwei Frauen eingeladen, über ihre bemerkenswerten Lebensläufe mit Moderator und Autor Bernhard Aichner zu sprechen. Entstanden sind daraus eindrucksvolle Abende mit einem begeisterten Publikum. Sportmanager Harti Weirather hat sein Auditorium mit Anekdoten seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Skisport, im Sportmarketing und im Eventbereich unterhalten. Es ging um Höhen und Tiefen seiner Karriere und auch darum, wie er die Zeit gemeinsam mit Frau und Familie – oft viel auf Achse – erlebt hat.
Eine Frau, die sich im Wirtschaftsleben behauptet und in einer männerdominierten Branche einen Namen gemacht hat, ist Barbara Zitterbart. Sie hat erzählt, wie sie als sehr junge Frau in die Führung der Firma eingestiegen ist und wie sie das auch für die nächsten Jahre geprägt hat. Im Gespräch wurde deutlich, wie wichtig ihr die Zufriedenheit der Mitarbeiter:innen ist.
Der Abend mit Marina Baldauf war sehr berührend: Sie hat die Tür zur Tiroler Hospiz-Gemeinschaft weit aufgemacht und Einblicke gewährt in den Alltag im Hospiz, von der Gründung bis zum Umbau in Hall, in die Auseinandersetzung mit dem Thema „Sterben“. Eine Frau, die nicht nur Großartiges geleistet hat, die sich auch noch einmal dazu hat überreden lassen, erneut für die Hospizbewegung aufzutreten.
Tobias Moretti überraschte das Publikum damit, dass er sich am Anfang seiner Karriere schwertat, Bühnendeutsch zu lernen. Die meisten kennen ihn noch als den charmanten Inspektor Richie Moser in „Kommissar Rex“. Als Moretti aus der Serie ausstieg, löste er damit beinahe eine Staatsaffäre aus. Italiens Premierminister Silvio Berlusconi wollte ihn überzeugen weiterzumachen, doch Moretti stieg aus und zog weiter.
Unternehmer Fritz Unterberger sprach sehr offen über seine nicht einfache Kindheit und Jugend, die ihn für sein späteres Leben gelehrt hat, mit welcher Einstellung man Ziele erreicht. Der Werdegang vom Lehrling bei einem Autohändler bis hin zum Multi-Unternehmer hat das Publikum ebenso gefesselt wie Fritz Unterbergers offener Umgang mit einer schweren Erkrankung.
Jakob Falkner ging nicht gerne zur Schule, und er hatte eine besondere Beziehung zu seinem Vater – das und vieles mehr erzählte der Ötztaler Tourismusfachmann. Auch wie es war, ganz am Beginn an der Seilbahnkasse zu sitzen. Der Querdenker und Marketingspezialist sprach über den Aufwand der James-Bond-Produktion, und wie es gelang, James Bond nach Sölden zu bringen.
Auszüge aus den Interviews wurden in ORF Radio Tirol gespielt, die gesamten Zeitzeugengespräche konnten nach der Veranstaltung digital auf ORF-Sound (30 Tage lang) nachgehört werden. Mit dem Buch „Gespräche über Tirol“ werden sie zu unvergesslichen Erinnerungen.
Viel Spaß beim Lesen!
Esther Mitterstieler
Landesdirektorin ORF Tirol
Projektkoordinator Fred Steinacher (Foto: GEPA)
Ich erinnere mich noch genau an den Start dieser Zeitzeugenserie im Jahr 2012, die mittlerweile fast jährlich – Ausnahme Corona – zu einer ganz besonderen Zeitreise geworden ist; stets im Mittelpunkt dabei eine Reihe großartiger Tiroler Persönlichkeiten, die uns mit ihren Lebensgeschichten teilhaben ließen an Erlebnissen und Erinnerungen. Und wenn nun das Buch zur neunten Staffel mit den in Kapitel gefassten Erzählungen griffbereit zum „Schmökern“ vor Ihnen liegt, dann drängt sich einmal mehr die schon damals diskutierte Frage auf: „Gibt es etwas Faszinierenderes, als mit Menschen der Gegenwart in die Vergangenheit einzutauchen?“
Die Antwort ist ein klares Nein!
Durchaus verständlich bei dem „Sextett“, das heuer im Großen Saal des Landhauses die Fragen ihres „Reisebegleiters“ Bernhard Aichner zu spannenden Antworten nützte, und in aufmerksam belauschten Gesprächen die BesucherInnen auf eine jeweils abwechslungsreiche, durchaus abenteuerliche persönliche Zeitreise entführten. Egal, ob es sich dabei um Harti Weirathers Husarenritt zum WM-Titel handelte, oder das von Unternehmergeist geprägte Leben und Wirken der Barbara Zitterbart; beeindruckend die Geschichte über das Hospiz als Lebenswerk von Marina Baldauf und das „Drehbuch“ der faszinierenden Karriere des Tobias Moretti, die ergreifende Lebensgeschichte des Multi-Unternehmers Fritz Unterberger bis hin zu Jack Falkner, der vom jugendlichen „Rebellen“ zum Tourismus-Visionär reifte und als solcher nach wie vor mit Taten beeindruckt. Fazit?
Ein lesenswertes Buch über große TirolerInnen und ihre ganz persönlichen Geschichten.
Ein herzliches Danke an Bernhard, der untermauerte, dass er nicht nur Krimi „kann“, den KollegInnen der TT, die mit ihren Beiträgen einzigartige Erinnerungen als wertvolles Dokument aufbereitet haben, der Elfriede Palestrong vom Land sowie natürlich dem Haymon Verlag.
Ich darf Sie, verehrte LeserInnen, einmal mehr einladen zu einer außergewöhnlichen Zeitreise und wünsche dabei viel Spaß!
Fred Steinacher
Projekt-Koordinator
Moser Holding
Zwei Karrieren in einem Leben – Harti Weirathers Erfolgsgeschichte.
Von Marco Witting
Harti Weirather im Zeitzeugengespräch mit Bernhard Aichner. (Foto: Thomas Böhm)
Ein Sieger der Hahnenkammabfahrt, der nach eigener Aussage nur der dritterfolgreichste Skifahrer in der eigenen Familie war. Ein Abfahrtsweltmeister, der seine allergrößten Erfolge abseits der Piste im Business gefeiert hat. Eine österreichische Ski-Ikone, die vielleicht nicht ganz oben im heimischen Sport-Olymp angesiedelt wird. Aber ein Sportler mit Ecken und Kanten, ein erfolgreicher Manager, der oft den steinigen Weg gegangen ist. Ein ehrlicher Analytiker, mit Schmäh und Charme und Sinn für die Familie und den Blick über den Tellerrand.
Der „kleine Harti“ hatte immer einiges zu tun im heimatlichen Wängle, und beim traditionellen Almabtrieb wurde jede helfende Hand gebraucht … (Foto: privat)
Harti der Lausbub, damals mit Blick von der Alm ins Tal; heute schaut der Weltmeister aus Wängle vom Starthaus am Hahnenkamm auf die Mausefalle und über Kitzbühel. (Foto: privat)
Früh übt sich, wer ein Weltmeister werden will – Hartis Talent war schon als Zehnjähriger aufgefallen … (Foto: privat)
All das ist Harti Weirather, der eigentlich im Pass den Vornamen Hartmann stehen hat. Doch alle Welt kennt ihn eben als Harti. Als den Mann, der im ikonischen weißen Skianzug mit roten Streifen in Schladming Abfahrtsgold 1982 holte und eine Ski-Nation erlöste. Und viele wissen, dass der Skifahrer, der die goldene Gams in Kitz holte, sie seit Jahren als Vermarkter finanziell vergoldet. Doch was weiß man sonst über diesen Ausnahmeathleten und Topmanager? Wie ist ein Mann, der eine sportlich noch erfolgreichere Frau daheim hat und abseits der Skipiste gemeinsam mit ihr in ungeahnte Höhen aufstieg?
Nett. Im besten Sinne dieses Wortes. Charmant. Witzig. Ein Mensch, der gerne und gut Anekdoten von früher erzählen kann. Ein Mann, der bescheiden auftritt und bescheiden geblieben ist. Harti Weirather ist kein Lautsprecher. Keiner, der das Rampenlicht auch nach der Karriere als Skifahrer gebraucht hat. Aber einer, der etwas zu sagen hat. Und er ist ein Familienmensch. Das merkt man schnell, wenn man mit ihm spricht. Auch wenn die Erfolge in Sport und als Vermarkter wohl ihren Preis in Form von Zeit gefordert haben.
Harti Weirather präsentierte sich beim Zeitzeugengespräch in Innsbruck im Februar 2024 als eloquenter Gesprächspartner, einer, der mit seinen Geschichten das Publikum zu unterhalten wusste. Abseits der Bühne war er genauso. Am Boden geblieben. Und man bekam im Gespräch mit ihm eine Idee davon, mit welchem Fleiß und mit welcher Akribie er sein Leben lang gearbeitet hat. Als Sportler. Als Unternehmer. Und dabei doch nie vergessen hat, woher er kommt. Es ist eine bewundernswerte Beharrlichkeit, die den Außerferner auszeichnet. Das zeigt sich schon früh, etwa bei seinem ersten Sponsorengespräch. Er sei wohl nicht immer der geduldigste Mensch gewesen in der Vergangenheit, sagte Weirather bei einem Mittagessen in Innsbruck in Vorbereitung dieses Buches. Und man möchte hinzufügen, dass er wohl auch immer noch ehrgeizig ist und das Feuer noch immer brennt. Denn das Wort Stolz kommt ihm erst ganz spät über die Lippen – und es betrifft nicht Vergangenheit oder Gegenwart, sondern die Zukunft.
In einer auf Erfolge und Quoten ausgelegten Sportwelt, die es auch schon in den 70er- und 80er-Jahren war, gehen die vielen Schattierungen, die vielen Facetten, die Hartmann Weirather als Mensch und Charakter in sich trägt, oft verloren. Dieser Beitrag soll die eine oder andere Facette aufzeigen. Vor allem aber ist es die Geschichte des Harti, von ihm selbst erzählt.
Geboren wurde er am 24. Jänner 1958 in Reutte. Am Ende einer erfolgreichen Sportkarriere stehen sechs Weltcupsiege und Gold bei der Ski-WM auf heimischem Boden in Schladming. Doch weil die Karriere verletzungsbedingt recht abrupt endete, schlug er noch ein weiteres Kapitel auf. Der Rest ist Geschichte. Hier wird sie erzählt.
Wir, die noch nie im Starthaus einer Weltcupabfahrt gestanden sind, können wohl nicht erahnen, was der Moment bedeutet. Die Uhr tickt erbarmungslos nach unten. Piep. Piep. Pieep. Und dann stürzt man sich, zwei Highspeed-Ski unter den Sohlen, in ein weißes Nichts, auf eine absichtlich vereiste Piste. Schiebt, als wäre die Steilheit des Geländes nicht schon genug Antrieb, mit den Stöcken ein paar Mal an – und geht dann in die Hocke. Von 0 auf 100 in einem Wimpernschlag. Doch schon am Start wird eben die Grundlage gelegt. Für Sieg. Oder Niederlage. Für den zukünftigen Erfolg.
So gesehen, ist das Leben nicht viel anders als ein Skirennen. Und niemand weiß, wie weit es dich in der ersten Kurve raustreibt.
Harti Weirathers Start ins Leben war ein einfacher. Das Starthaus war ein altes Bauernhaus im Außerfern. Und die Einfachheit, die Bescheidenheit dieser ersten Meter auf der Strecke, die waren einprägsam. Eindrucksvoll schilderte der spätere Spitzensportler das im Zeitzeugengespräch mit Bernhard Aichner. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Den hatten meine Eltern damals gemietet. Da war unten der Stall und obendrauf eine Wohnung, die so zusammengeschustert war. Dusche gab es keine und im Winter war es ganz krass. Da hast du beim Gang auf die Toilette über den Balkon müssen. Da warst du das erste Mal im Schnee. Dann war da so eine Holztür, wo so ein Herz drauf war. Und dann musstest du, wenn es in der Nacht geschneit und gewindet hat, gleich als Erstes den Schnee wegräumen vom Häusl. Und dann hast du dich aber nur ganz kurz auf das Plumpsklo gesessen. Da hat man damals schon schnell sein müssen, praktisch. Aber wirklich schnell. Weil da ist alles eingefroren.“ Im persönlichen Gespräch erklärte er dann auch, wie sehr er sich als Kind für die eigene Wohnsituation geschämt habe. „Ich weiß noch sehr gut, da war ich im Kindergarten und nachher auch in der Schule, dass ich mich geschämt habe, meinen Schulfreund einmal mit heimzunehmen. Weil ich mir gedacht habe, ich kann das gar nicht zeigen, wo wir da wohnen. Das geht gar nicht. Das ist mir schon noch in Erinnerung geblieben.“
Gleich mit seinen ersten Anekdoten hatte Weirather das Publikum im Großen Saal des Landhauses zum Lachen gebracht und in den Bann gezogen. Da saß dieser erfolgreiche Sportler und Manager und erzählte Geschichten, die wohl viele im Publikum von früher selbst noch kannten. Doch wie schafft ein Bauernbub aus ärmlichen Verhältnissen den Sprung in den Skiweltcup?
Hartis Vater war Bauer. Schneepflugfahrer. Und Skilehrer. Damit war der erste wichtige Schwung für die spätere Karriere angesetzt. „Mein Vater hat ein riesiges Herz für den Skisport gehabt und mir irgendwann kleine Bretter gekauft. Da war noch kein Belag drauf, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Da bin ich oft bei uns in den Sindenbichl gestapft. Kaum ist man da ein paar Meter gefahren, dann waren wegen des fehlenden Belags wieder richtige Stollen drauf. Die hat man dann wieder abkratzen müssen. So habe ich aber dann angefangen. Dabei wurde es schon als kleiner Bub schnell klar, dass das meine ganz große Leidenschaft war.“ Drei Jahre war Harti damals – und auch wenn die Liebe zum Sport da war, absehbar waren die späteren Erfolge damals natürlich nicht.
Als Erster in der Früh auf die Piste und als Letzter runter. Das war damals das Motto. Unter anderem am Hahnenkamm. Aber nicht dem in Kitzbühel, der sollte erst später eine große Bedeutung erlangen, sondern jener in Reutte. „Damals hat es nichts anderes gegeben für mich“, erzählt er. Die letzte Gondel noch erwischen und ins Café Diana, wo der Vater mit den Gästen auf einen Absacker gegangen ist, denen er zuvor das Skifahren beigebracht hat. „Dann musste er heim in den Stall und ich noch Hausaufgaben machen.“
Eigentlich hätten sich die Eltern das alles gar nicht leisten können, sagt Weirather rückblickend. Es sei ihm ein „echtes Rätsel“, wie man in diesen bescheidenen Verhältnissen den Kindern trotzdem so vieles hat ermöglichen können. Ein Beispiel dafür? „Also die Eltern waren immer unglaublich, was die immer für uns gemacht haben. Ich werde nie vergessen, da war mein Vater bei einer Tierversteigerung. Er ist mit unserem kleinen Auto hingefahren und mit zwei kleinen Eseln für meinen Bruder und für mich zurückgekommen. Der Vater hat die Sitze aus dem Auto rausgeräumt und ist und hat für uns Buben die zwei Esel gekauft. Meine Mutter, die hat ja fast der Schlag getroffen, als sie die Esel im Auto gesehen hat. Ich frage mich, wie sehr es wohl in dem Wagen gestunken hat.“ Das alles, weil die Buben einmal gesagt hätten, dass sie gerne Esel am Bauernhof haben würden.
Wenn Harti Weirather über diese Zeiten spricht, dann hört man Demut und Dankbarkeit aus seiner Stimme. Er hat nicht vergessen, woher er kommt. So sagt er, angesprochen auf seine Kindheit: „Wir sagen immer, wie wir aufgewachsen sind, das war eigentlich ein Traum. Weil, im Gegensatz zu heute, konnten wir da einfach alles machen und das teilweise auch sehr selbstständig. Allein wenn ich mich erinnere, wie klein ich war und das erste Mal mit dem Traktor gefahren bin, nämlich als ich groß genug war, um mit dem Fuß die Kupplung zu drücken.“
Der Vater Skilehrer. Der Sohn mit einer großen Leidenschaft für die zwei Bretter, die ihm die Welt bedeuten. Den Traum, im Skisport etwas zu erreichen, den hatten und haben wohl viele Tirolerinnen und Tiroler. Doch ganz an die Spitze schaffen es nur die wenigsten.
Organisiert war in dieser Zeit nicht viel. „Ich habe die Schultasche ins Eck geworfen, bin auf die Piste, bis der Skilift zugesperrt hat. Das war einfach so. Dann hat es Kinderskirennen gegeben, wo man gesehen hat, der Harti ist eigentlich ganz gut. Das nimmt dann seinen Lauf. Ich musste aber sehr schnell selbstständig werden. Der Vater hat keine Zeit gehabt, sich da besonders zu kümmern, weil er selbst eben viel Arbeit gehabt hat. Dann habe ich festgestellt, ich habe da schon eine Chance.“
Diese Chance hieß Skihauptschule Neustift. Wobei, typisch für das ganze Leben des Außerferners, der Weg und die Geschichte dorthin eine ungewöhnliche ist. Er hat davon nämlich in der Tiroler Tageszeitung in einem Artikel gelesen und gewusst, da muss er hin. „Die Eltern haben das dann ermöglicht, obwohl wir das Geld nicht hatten.“
In Neustift sei es hart gewesen am Anfang. „Man muss sich vorstellen, du bist mit elf Jahren da weg. Weg vom Bauernhof. Weg von deinem gewohnten Umfeld und allem. Dann bist du komplett woanders mit anderen Leuten. Wir waren zu viert in einem Zimmer und es waren jetzt nicht die hygienisch besten Umstände“, sagt Weirather mit einem vielsagenden Lächeln im Gesicht.
Aber: Es kam Organisation in das Leben des talentierten Skifahrers. „Ja, da ist natürlich das Ganze schon sehr strukturiert abgelaufen. Da hatte ich am Vormittag Schule und am Nachmittag hat man trainiert. Das war für mich echt super. Von der Basis her hat das schon sehr gut gepasst.“
Nach der Skihauptschule ging es in die Kaderschmiede nach Stams. Das sei „die logische Schlussfolgerung“ gewesen. Den mühsamen Weg ins Außerfern nach Hause hat der junge Skigymnasiums-Schüler stets per Autostopp gemacht. Auch heute nur noch schwer vorstellbar. Den Weg in die alte Heimat macht Harti übrigens noch immer regelmäßig, um die Familie zu besuchen. Dass er wie damals oft bis zu drei Stunden für die Fahrt über den Fernpass braucht, liegt aber mittlerweile am Verkehr und nicht mehr an fehlenden Mitfahrgelegenheiten. In Stams teilte sich Weirather zwei Jahre lang übrigens das Zimmer mit einem anderen Sporthelden Österreichs. Ein gewisser Anton Innauer war der Bettnachbar.
Der Autostopp zog sich die ersten Jahre durch die Karriere des aufstrebenden Sportlers. Ohne eigenen Führerschein, ohne elterliches Taxi musste er schauen, wie er zu den diversen Rennen kam. „Jeder hat selber schauen müssen, wo er bleibt“, sagte Weirather im Zuge der Gespräche einmal. Ein Satz, der sich einprägt und nachhallt. So kam an einem verlängerten Wochenende vom Österreichischen Skiverband der Anruf, dass am Samstag ein Einsatz bei einem FIS-Rennen in der damaligen Tschechoslowakei möglich sei. „Dann habe ich zum Vater gesagt, du bring mich raus da, am Katzenberg bei Reutte. Dann habe ich die Ski zusammengepackt und war eineinhalb Tage unterwegs nach Jasna.“ Wie? Mit Autostopp, im Zug ohne Ticket und wieder per Anhalter. „Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe, aber ich war dort. Es hat da nicht ständig einen Teambus gegeben, der einen abgeholt hat. Das war letztlich so. Da hat sich keiner gekümmert, das war halt so.“ Doch die Pointe kommt zum Schluss: „Da war ich eineinhalb Tage unterwegs, war auf der Strecke super unterwegs und fädle am zweitletzten Tor ein und es haut mich, wie sagt man so schön, auf die Goschen. Man kann sich vorstellen, wie schön die Rückfahrt war.“
Es gibt viele Anekdoten aus dieser Zeit. Auch jene, als Harti Weirather einen halben Winter lang keine Einsätze bekommen hat, weil er in einem „sensationell gelben“ Slalom-Pulli, den er übrigens über drei Ecken von Legende Pierro Gross erstanden hat, beim Einfahren den halben Stangenwald abgeräumt hat. Den wieder aufzustecken war für die Trainer eine riesige Arbeit und sorgte nicht nur für einen knallroten Kopf beim Coach, sondern eben für eine gewisse Stehzeit.
Selbstständigkeit. Engagement. Gewieftheit. Das hat Harti Weirather schon immer ausgezeichnet. Und er war nicht nur skifahrerisch seinen Kollegen voraus. Auch in Sachen Cleverness. So verschaffte er sich in jungen Jahren seinen ersten eigenen Sponsorvertrag. Wie? Durch Hartnäckigkeit und Frechheit. „Ich habe in der TT von einem Millionenvertrag von Kneissl mit Karl Schranz gelesen.“ Er rief vom Münzautomaten aus ständig bei der Firma Kneissl an und bat zigfach um einen Termin beim legendären Skihersteller Franz Kneissl. Per Autostopp reist er, nachdem er die Sekretärin ‚traktiert‘ hatte, ohne Erlaubnis der Schule nach Kufstein, wird letztlich zum Unternehmens-Chef vorgelassen und überzeugt diesen, ihm nicht nur neue Ski zu geben, Stöcke, Hauben und Handschuhe. „Dann wollte mich der Herr Kneissl schon hinauskomplimentieren. Dann habe ich ihm aber noch vorgejammert, dass ich ja kein Geld hätte und ständig als Schwarzfahrer unterwegs sein muss. Dann hat er mir einige tausend Schilling gegeben.“ Woher der Mut kam, wollte Bernhard Aichner daraufhin wissen. „Ich hatte ja nichts zu verlieren. Mit weniger habe ich nicht heimfahren können“, sagte Weirather daraufhin lachend, in einer ihm so typischen schelmischen Art. Schon damals zeigt sich der Geschäftssinn von Weirather, ein Umstand, der nicht nur als späterer Erfinder des Kopfsponsors im Skizirkus, sondern auch als Unternehmer Niederschlag findet.
Harti Weirather während seiner spektakulären Fahrt zur WM-Goldmedaille in Schladming 1982. (Foto: Imago)
Der 24. Mai 1986 – der Tag, an dem Harti seine Hanni erst zum Traualter und dann auf Händen in den „Greatlerhof“ trug; in seiner Heimatgemeinde Wängle. (Foto: privat)
Franz Heinzer und Harti Weirather – beide gewannen in Österreich WM-Gold: Heinzer 1991 in Saalbach, Weirather 1982 in Schladming. (Foto: Imago)
Anfangs war der spätere Abfahrer im Slalom vorn mit dabei. Doch es ging dann relativ rasch in die Speed-Disziplin. Der Konkurrenzkampf war damals riesig. „Als Jugendlicher fährt man immer alles. Dann war es halt einfach so. Fast alle Jungen wollten in die Abfahrt. Das war die Königsdisziplin.“
Eine Nation und ihre Skihelden. Die Liste ist lang. Schranz. Klammer. Moser-Pröll. Sie prägten die 70er-Jahre. Die Konkurrenz damals: riesig. Allein aus Weirathers Jahrgang (1958) waren zig Top-Läufer, die später alle den Sprung in die Weltelite schafften. Starke interne Konkurrenz sorgte auch dafür, dass man selbst immer besser wird. „Allein bei der Qualifikation sind wir teilweise mit 16 Mann angetreten – und am Ende waren nur noch acht einsatzfähig“, erzählt Harti Weirather rückblickend. Ein Umstand, der aktuell wohl ganz anders aussehen würde. Doch damals, so sagt er es oft, war es halt anders. Und Konkurrenz belebt eben auch das Geschäft und macht den einzelnen Athleten dann wohl auch stärker.
Für die Olympischen Spiele in der unmittelbaren Heimat, Innsbruck 1976, kam Weirather noch nicht infrage. 18 Jahre alt war er damals. Und am Tag, als Franz Klammer zur Ski-Ikone wurde, hatte Harti Weirather auch einen wichtigen Termin. Führerscheinprüfung. Kein Autostopp mehr. Und am Prüfungstag leere Straßen. „Ich werde es nie vergessen, Innsbruck war leer gefegt. Das kann man sich nicht vorstellen. Ich habe das nie mehr so erlebt. Einfach unglaublich. Da war einfach niemand mehr unterwegs. Und die meisten waren am Patscherkofel oder schon daheim vor dem Fernseher. Ich habe das Rennen dann bei meinem Onkel daheim miterlebt. Und umso mehr ist das Gefühl bei mir entstanden, wow, irgendwann will ich es einfach auch schaffen. Also Führerschein an diesem Tag war genial, aber irgendwann einmal Olympia mitfahren oder was gewinnen, da am Stockerl stehen, das war der Traum.“
Besonderer Antrieb für Weirather war auch, dass Kollegen aus seinem Jahrgang, allen voran Jimmy Steiner, schon in der Weltspitze mitfuhren. Das spornte auch den Außerferner an. In der Saison 1978/79 etabliert er sich dann im Weltcup, sammelt die ersten Punkte und vor allem Erfahrungen. Etwa beim Material. Während
