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International anerkannte PraktikerInnen der Gestalttherapie berichten über ihre Arbeit mit Paaren und gehen dabei auf wesentliche Themen wie Intimität, Scham und das Geben und Nehmen in Paarbeziehungen ein. Sie nehmen verschiedene Klientengruppen in den Blick und berichten unter anderem auch über die therapeutische Arbeit mit heterosexuellen, schwulen und lesbischen Paaren, mit wiederverheirateten Paaren und mit Traumaüberlebenden und Missbrauchsofpern. Ein Buch nicht nur für TherapeutInnen (und solche, die es werden wollen), sondern ganz ausdrücklich auch für Interessierte und Betroffene.
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Seitenzahl: 733
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gestalttherapeutinnen & Gestalttherapeuten für Paare
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Praxisadressen von Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten. Informationen siehe letzte Buchseite
Gordon Wheeler
Vorwort: Der Gestaltansatz im Kontext
Die Herausgeber
Die Autorinnen und Autoren
Gordon Wheeler
Einführung: Warum Gestalt?
Teil I: Theorie
1
Gordon Wheeler
Reflexionen über den gestalttherapeutischen Ansatz in der Arbeit mit Paaren
2
Judith Hemming
Kontakt und Wahl: Die gestalttherapeutische Arbeit mit Paaren
3
Hunter Beaumont
Selbst-Organisation und Dialog
4
Netta R. Kaplan & Marvin L. Kaplan
Prozesse der Erfahrungs-Organisation in Paar- und Familiensystemen
Teil II: Praxis
5
Patricia Papernow
Therapie mit wiederverheirateten Paaren
6
Allan Singer
Gestalt-Paartherapie mit schwulen Paaren: Die Erweiterung des therapeutischen Gewahrseinshintergrundes
7
Fraelean Curtis
Gestalt-Paartherapie mit lesbischen Paaren: Anwendung von Theorie und Praxis auf die lesbische Erfahrung
8
Isabel Fredericson und Joseph H. Handlon
Die Arbeit mit dem wiederverheirateten Paarsystem
9
Mikael Curman und Barbro Curman
Die Gestalt-Paargruppe
10
Pamela Geib und Stuart Simon
Traumaüberlebende und ihre Partner aus gestalttherapeutischer Sicht
Teil III: Perspektiven
11
Robert Lee
Scham bei Paaren: ein unbeachtetes Thema
12
Joseph Melnik und Sonia March Nevis
Intimität und Macht in langjährigen Beziehungen: Systeme aus gestalttherapeutischer Sicht
13
Cynthia Oudejans Harris
Die Grammatik der Beziehung: Gestalt-Paartherapie
14
Richard Borofsky und Antra Kalnins Borofsky
Geben und Nehmen
15
Joseph Zinker und Sonia March Nevis
Die Ästhetik der Gestalt-Paartherapie
Stephanie Backman
Epilog: Der ästhetische Blickwinkel
Anhang
Praxisadressenliste
Gestalttherapeutinnen & Gestalttherapeuten für Paare
Für diejenigen Leser, die den Gestaltansatz nur in seiner späten Version kennen, als Fritz Perls in seinen Workshops das Psychodrama und die Arbeit mit dem leeren Stuhl inszenierte, wird dieses Buch eine Überraschung darstellen – eine freudige und konstruktive Überraschung, wie wir glauben. Während Perls in seiner Arbeit Konfrontation, Individualismus und eher starke Rhythmen (über-)betonte, geht die hier dargestellte Perspektive auf die Arbeiten von Kurt Lewin, Kurt Goldstein, Lore Perls, Fritz Perls (vor allem sein Frühwerk), Paul Goodman, Isadore From sowie einige Autoren der letzten zwanzig Jahre zurück: Edwin und Sonia March Nevis, Erving und Miriam Polster, Gary Yontef, Joseph Zinker und andere. Viele von ihnen waren unsere Lehrer, und sie alle haben auf ihre Weise die verschiedenen Aspekte von Kontakt und Kontext, Dialog und Wachstum in der Beziehung unter phänomenologischen Gesichtspunkten betrachtet und dabei einen konstruktivistischen Standpunkt zum Selbst als dem Lebenskünstler und »Organisator des Feldes« eingenommen.
Da sich der hier vorgestellte Ansatz von einigen der allgemein verbreiteten Vorstellungen stark unterscheidet, erscheint es angebracht, kurz auf seine Besonderheit einzugehen und zu sehen, wie er sich in den größeren Zusammenhang psychologischer und psychotherapeutischer Konzepte einfügt. Diese Darstellung wird relativ kurz ausfallen, weil die Geschichte der Psychologie als einer Wissenschaft, und der Psychotherapie als einer praktischen Disziplin innerhalb dieser Wissenschaft, nur etwa 100 Jahre alt ist – alt genug, um einen Überblick zu geben, aber vielleicht immer noch jung genug, um ihre Hauptströmungen in Kurzform zusammenzufassen.
Der Gestaltansatz im Kontext anderer Ansätze
Seit den Anfängen der Gestalt-Wahrnehmungsforschung, die unsere Einsichten in die menschlichen Denk- und Erfahrungsprozesse revolutioniert hat, ist mehr als ein Jahrhundert vergangen. Vielleicht ermöglicht uns der zeitliche Abstand zu den Pionieren der Wahrnehmungsforschung ein klareres Verständnis der Implikationen ihrer Sichtweisen für das Verhalten, die Affekte, die Kognition und die Bedeutung als den eigentlichen Bestandteilen von Erfahrung. Im folgenden sollen einige dieser Implikationen kurz dargestellt werden.
Unsere Wahrnehmung ist so strukturiert, daß wir nicht einzelne Teile oder »Reize« additiv erfassen, wie ältere Behaviorismus- oder Assoziationsmodelle annehmen, sondern Ganzheiten wahrnehmen. Wir erfassen gleichzeitig das gesamte Feld – oder versuchen es zumindest –, und die einzelnen Teile erhalten Bedeutung durch die Beziehung zu diesem Verstehenskontext.
Was wir erleben, ist dieses Erfassen des gesamten Feldes; unsere Erfahrung eines beliebigen Ereignisses liegt nicht in diesem Ereignis selbst, sondern in der Bedeutung, die wir ihm geben. Ungeachtet ihrer jeweiligen Terminologie oder Ausrichtung muß die Psychotherapie die Auseinandersetzung mit dieser konstruierten Bedeutung beinhalten.
Das heißt, es gibt kein Sehen ohne Interpretation und keine Wahrnehmung, die nicht immer auch ein Fühlen und Bewerten mit einschließt. Es gibt keine Erfahrung vor der Bedeutung, sondern beide entstehen im selben Akt und Prozeß des Welt-Begreifens. Diese Erkenntnis wird durch die neuere Hirnforschung bestätigt, die immer deutlicher zeigt, daß das gesamte Gehirn an der Organisation der Wahrnehmung und des Denkens beteiligt ist, und daß Wahrnehmung und Erinnerung durch Affekte vermittelt werden.
Unser Verhalten ist nie bloß Ergebnis innerer »Triebe« und »Verstärkerschemata«, wie das in der klassischen Freudschen Theorie oder dem Behaviorismus angenommen wird. Verlangen, Triebe und Konditionierung mögen manchmal von Bedeutung sein, aber unser aktuelles Verhalten wird immer durch unsere »Landkarte« vermittelt und organisiert, durch das Erfassen des gesamten Feldes, also des Zusammenhangs der wahrgenommenen Risiken und Möglichkeiten und deren Verhältnis zu unseren Zielen und Bedürfnissen.
Dasselbe gilt für die systemische Sichtweise. Systemische Ansätze tun manchmal so, als seien »systemische Kräfte«, »Homöostase« und dergleichen nicht bloß Muster oder Beschreibungen, sondern »reale« Sachverhalte. Aus Sicht des Gestaltansatzes sind die systemischen Bedingungen im wesentlichen Teil des Feldes, aber worauf es ankommt, ist das subjektive, konstruierte Verständnis dieser systemischen Bedingungen, denn daraus formt sich die persönliche Reaktion des einzelnen. Mit anderen Worten: es geht nicht so sehr um unsere Sicht des »Paar-Systems«, als vielmehr um die Sichtweise des Paares selbst, und diese gilt es zu erforschen.
Das wiederum bedeutet, daß wir nicht auf die Ereignisse an sich reagieren, sondern auf unsere Wahrnehmung der Ereignismuster und ihre Bedeutung »im Feldzusammenhang«. Erst dadurch können wir uns auch unter veränderten Bedingungen orientieren. Bei genauerem Hinsehen können wir gar nicht anders, denn schließlich hat nicht das gerade Geschehene Bedeutung für unsere Zukunft und unser Überleben, sondern das, was unserer Einschätzung nach als nächstes geschehen wird. Diese Fähigkeit ist eine Funktion unseres Feldverständnisses.
Solche Muster und Verstehensweisen sind bedeutungsvolle subjektive Konstrukte, Überzeugungen und Erwartungen, die von einem Paar, einer Familie oder einer größeren sozialen Gruppe geteilt und unterstützt werden können. Ebenso können diese Konstrukte aber auch zu Konflikten innerhalb des Paares, der Familie oder zwischen Gruppen führen. Jede Therapie hat die Aufgabe, diese oft unbewußten Erwartungen an die Oberfläche zu bringen und zu benennen, oder zu »dekonstruieren«.
Wenn wir mit anderen Menschen zu tun haben, dann agieren und reagieren wir nicht auf deren Verhalten an sich, sondern auf unser projektives Verständnis ihrer Motive und Gefühle, die diesem Verhalten zugrunde liegen. Auf dieser Erkenntnis basiert die gesamte sozialpsychologische Attributionstheorie, die im wesentlichen auf die Arbeit Kurt Lewins zurückgeht. Die klinische und entwicklungstheoretische Bedeutung liegt darin, daß der Gestaltansatz im Kern ein intersubjektives Modell darstellt, was für die psychodynamischen, behavioristischen oder systemischen Modelle nicht unbedingt zutrifft.
Unsere Erfahrungswirklichkeit ist immer ein subjektives Konstrukt, zusammengesetzt aus dem, was wir im Augenblick »da draußen« sehen (der »Figur«) und unseren gleichzeitig wahrgenommenen Überzeugungen und Erwartungen (in der Gestaltterminologie: dem »Hintergrund«, in der psychoanalytischen Ausdrucksweise: der »Übertragung«).
Damit sich Verhalten dauerhaft ändern kann, muß sich die subjektive Realität verändern, die konstruierte »Landkarte« oder der Hintergrund früherer Wahrnehmungen, Erwartungen und Überzeugungen, denn diese bilden die gegenwärtige »Ursache« des Verhaltens (im Sinne von »Kontrollbedingungen«, die mit dem »da draußen« Gegebenen in Wechselwirkung stehen).
Unter Lernen verstehen wir die Veränderung unserer »Landkarte«, also der von uns konstruierten Bedeutung, was dazu führt, daß unser zukünftiges Verhalten durch ein neues Weltverständis bestimmt wird. Um es noch einmal zu sagen: das trifft für jedes Lernmodell zu. Aus Sicht des Gestaltansatzes bezeichnen Wahrnehmung, Zuhören, Lernen und die Reorganisation des Verhaltens im Prinzip denselben Prozeß der Überprüfung einer neuen »Figur« vor dem Hintergrund des vorhandenen Vorverständnisses – und umgekehrt.
Bedeutung, Gefühl und Erfahrung kann man nicht sehen. Wenn man wissen will, wie jemand das Feld konstruiert oder erlebt, muß man ihn danach fragen oder zunächst eine Intervention einbringen und ihn anschließend fragen. Dieses Ausprobieren oder Testen ist die klinische Anwendung der Lewinschen Methodologie der »Handlungsforschung«. Wenn man die unsichtbaren Regeln und Strukturen (den »Hintergrund«) eines Systems erforschen will, muß man eine neue »Figur« einführen (eine Intervention oder ein Experiment) und darauf achten, wie das System darauf reagiert. Diese Reaktion – des einzelnen, des Paares oder der Familie – ist dann Gegenstand des Dialogs.
Wenn es darum geht, etwas Neues zu lernen und ein neues Verständnis zu entwickeln, also die Struktur des Hintergrundes zu verändern, dann spielen die Umstände des Dialogs eine entscheidende Rolle. Der phänomenologische Aspekt dieses Ansatzes zeigt sich in dem ernsthaften Interesse daran, wie sich die Welt aus der Sicht des Klienten darstellt, wie Bedeutung organisiert und konstruiert wird – an all den Dingen, die der Klient vielleicht nicht bewußt in Worte fassen kann, die er aber in diesem Dialog möglicherweise zum erstenmal artikuliert. In diesem Sinne stellt der Gestaltansatz die phänomenologische Tradition der Philosophie in die empirische und intersubjektive Welt des Labors und der klinischen Praxis.
Den anderen zu kennen heißt für den Therapeuten oder den Beziehungspartner, dessen Konstruktions- und Sichtweise zu kennen, und zwar sowohl inhaltlich als auch prozessual. Hier kommen wir der Bedeutung des Wortes Intimität sehr nahe, denn Intimität bedeutet, die innere Welt, den »Hintergrund« des anderen zu kennen und ihm die eigene innere Welt zugänglich zu machen. Darin besteht der qualitative Unterschied zwischen Intimität oder dem intimen Prozeß und anderen Arten zwischenmenschlicher Prozesse.
Die Sichtweise hängt vom Standpunkt ab. Die Vielfalt der Wirklichkeiten – in der Paarbeziehung, der Familie, der Gruppe und dem Sozialgefüge – ist nicht nur unvermeidlich, sondern diese verschiedenen Wirklichkeiten bilden den Grundstoff, aus dem Kontakt, Dialog, Austausch, aber auch Konflikt, »Widerstand« und Kreativität entstehen. Wie bei fast allen bisher genannten Punkten, ergeben sich auch hieraus wichtige und unmittelbare Konsequenzen für die Therapie, insbesondere für die Paartherapie.
Jemand anderen zu beeinflussen (abgesehen von der Möglichkeit direkter Belohnung oder Bestrafung) bedeutet, »in seine Welt einzutreten«, zumindest bis zu einem gewissen Grad, um so die Chance zu erhöhen, diese Welt auf eine andere, neue Weise zu organisieren und zukünftiges Verhalten und Erfahrung zu verändern. Selbst bei der Arbeit mit wirksamen Verhaltensschemata und Verstärkern müssen wir einiges darüber wissen, wie die Welt der Person, die wir beeinflussen wollen, aussieht, was dieser Person wichtig ist, was sie will, erwartet oder befürchtet, denn andernfalls bleiben die Verstärker, die wir anbieten, unwirksam. Auch hieraus ergeben sich tiefgreifende und herausfordernde Folgen für die Einzel-, Paar- und Familientherapie.
In seinen Grundaussagen und seinem theoretischen und methodologischen Kern ist der Gestaltansatz konstruktivistisch und »dekonstruktivistisch«, intersubjektiv, dialogisch und phänomenologisch. Mit anderen Worten: er basiert auf Perspektiven, die eine Reihe anderer Modelle nur mit Schwierigkeiten berücksichtigen können, vor allem bei dem Versuch, ausgehend von der Vorstellung eines »isolierten Selbst« eine Theorie zu entwickeln, die der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen in der Paar- und Familientherapie gerechter wird. (Die Arbeit des Stone-Centers, mit seinem Modell des »Selbst-in-Beziehung«, das auf einer feministischen entwicklungstheoretischen Perspektive aufbaut, ist dafür ein sehr schönes Beispiel). Als phänomenologisch bezeichnen wir den Versuch, die Struktur und die Dynamik der Konstruktion von Erfahrung zu verstehen. In der Gestalttherapie betrachten wir diese phänomenologische Perspektive nicht nur als klinische oder ethische Verpflichtung gegenüber der Integrität der Erfahrung des Patienten, sondern auch als Schlüssel zur Verhaltensänderung, und zwar aus denselben Gründen, die wir vorhin kurz dargestellt haben und die in den einzelnen Kapiteln dieses Buches noch ausführlich besprochen werden. Im übrigen sind wir der Ansicht, daß dieser »phänomenologische Konstruktivismus« der vielversprechendste Weg ist, um das langersehnte und schwer zu erreichende Ziel einer einheitlichen Feldtheorie des menschlichen Verhaltens und der Erfahrung – und damit auch die Vereinheitlichung oder zumindest die Kontextualisierung der vielfältigen Anwendungen und Bereiche des überaus breitgefächerten Feldes der Psychologie zu erreichen: von der Neuropsychologie bis hin zum Subjektivismus und von der klinischen Einzelarbeit bis hin zur Arbeit mit verschiedenen »Systemebenen« – dem Paar, der Familie, der Gruppe, der Organisation und der Gesellschaft im allgemeinen. Insbesondere für uns Paar- und Familientherapeuten, die wir am Scheitelpunkt des Innerpsychischen und Zwischenmenschlichen arbeiten, wäre es ein großer Segen, uns einer einheitlichen Sprache der individuellen, der Beziehungs- und der systemischen Dynamik bedienen zu können, anstatt – so wie jetzt – permanent umschalten zu müssen, wenn wir die Ebenen wechseln. Ohne behaupten zu wollen, daß der Gestaltansatz in seinem gegenwärtigen Zustand diesem übergeordneten Ziel sehr nahe käme, können wir doch sagen (und in den folgenden Kapiteln hoffentlich zeigen), daß eine seiner großen Stärken für Paartherapeuten darin besteht, zwischen den verschiedenen Ebenen von Aufmerksamkeit und Intervention hin und herwechseln zu können; für die psychodynamischen, systemischen und behavioristischen Ansätze, aus denen der Gestaltansatz z.T. hervorgegangen ist und die er zu integrieren versucht, hat dieser Anspruch immer eine Hürde dargestellt. Natürlich ist jedes Modell eine Landkarte oder eine Analogie, in der Unbekanntes auf Bekanntes bezogen wird und wo man sich auf einige zentrale Themen konzentriert. Eine gute Möglichkeit, einen Ansatz zu beschreiben, und einzuschätzen, wie er zu unserem persönlichen Stil und unseren Wertvorstellungen paßt, besteht darin, seine zentralen Metaphern zu untersuchen, mit Hilfe derer die unendliche Vielfalt an Besonderheiten innerhalb des Feldes auf einfacher strukturierte Ganzheiten reduziert werden. Die zentralen Metaphern des Gestaltansatzes entstammen den kontextuellen und holistischen Sichtweisen der Evolution und der Ökologie, der Relativität und des Indeterminismus. Deshalb geht es in diesem Modell um Organismus und Entwicklung, um Organisation und Kontakt, um das Selbst als Subjekt, um Grenzen, Energie und das Feld. All dies steht in scharfem Kontrast zu den klassischen Freudschen und behavioristischen Ansätzen, deren Analogien auf ein wesentlich älteres wissenschaftliches Vokabular zurückgreift: die Newtonschen Kräfte, Fernwirkung, lineare Kausalität, Objektivismus und die Ideen des neunzehnten Jahrhunderts mit ihren Morsealphabeten, der Hydraulik und den Kreisläufen der druckbetriebenen Dampflokomotive. Auch die alten systemischen Modelle basieren auf mechanistischen Vorstellungen, obwohl die drei klinischen Traditionen (die psychodynamische, die behavioristische und die systemische Tradition) im Laufe des Jahrhunderts eine Entwicklung durchlaufen haben, die eine deutliche Annäherung an die Idee des »gesamten Feldes« oder (wie wir sagen würden) an die Gestaltperspektive aufzeigt.
Diese Orientierung am »Feld-Modell« prädestiniert den Gestaltansatz für die Auseinandersetzung mit dem intersubjektiven sozialen Feld des Paares, der Familie, des Teams oder der Gruppe bzw. der intersubjektiven inneren Welt des einzelnen. Die theoretische Formulierung und praktische Anwendung dieser Auseinandersetzung – insbesondere für den Paartherapeuten – ist Gegenstand dieses Buches. Die Kapitel sind unter drei Überschriften zusammengefaßt: Theorie, Praxis und Perspektiven, doch es sollte deutlich gemacht werden, daß diese Einteilung lediglich der Schwerpunktbildung dient und keine klare Trennung vorstellt. In Anlehnung an Lewins berühmten Satz »Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie«, lag uns als Herausgebern daran, die Darstellung sowohl der Theorie als auch der Praxis (und der Perspektive) in jedem Kapitel dieses Buches zu unterstützen. Wir haben uns bemüht, den Gebrauch eines gestaltspezifischen oder anderer »Jargons« zu vermeiden. Wo spezielle Ausdrücke der Gestalttheorie zur Klärung beitragen konnten, haben wir die Autoren ermutigt, Synonyme oder Umschreibungen anzufügen, wie das einem Ansatz, der sich seiner »Erfahrungsnähe« rühmt, gebührt. So hoffen wir, den Lesern und Leserinnen ein Buch anzubieten, das – je nach persönlichem oder professionellem Interesse – auch kapitelweise und ohne die Notwendigkeit, sich zum besseren Verständnis der einzelnen Abschnitte zuerst durch eine separate theoretische Abhandlung zu kämpfen, gelesen werden kann.
Die einzelnen Kapitel selbst sind sehr unterschiedlich und reichen von der Behandlung spezieller Themen und Fragen von Intimität, Sprache und Macht bis hin zu speziellen Anwendungen und Klientengruppen wie Mißbrauchsopfer, homosexuelle Paare und Zweitehen. Gleichzeitig sind die einzelnen Kapitel durch wiederkehrende gestaltspezifische Gesichtspunkte und Implikationen miteinander verbunden, von denen viele in diesem Vorwort bereits kurz angerissen wurden.
In einer stärker praxisorientierten Weise befaßt sich auch die Einleitung noch einmal mit diesen Aspekten. Anstelle einer umfassenden Darstellung der Theorie der Gestalttherapie, die andernorts ohne weiteres zugänglich ist, soll dort versucht werden, den Ansatz selbst und die gestaltspezifische Anschauungsweise einer Reihe von Themen und verschiedenen Dimensionen des therapeutischen und des Paarprozesses vorzustellen. Diese Themen sind gruppiert nach den Rubriken: Phänomenologie und Widerstand, Grenzen und Energie, Unterstützung und Scham, die experimentelle Haltung, Befriedigung und die Kontextualisierung von Modellen. Jede Kategorie hat zwei Schwerpunkte: erstens, die Besonderheit der Gestaltperspektive im Hinblick auf den jeweiligen Aspekt des Paarprozesses aufzuzeigen, und zweitens darzustellen, wie diese andere Perspektive unsere Arbeit erhellen kann bzw. wie wir sie ganz direkt und praktisch anwenden können, um uns selbst in der Paardynamik zu orientieren und dem Paar eine Orientierungshilfe für die Entwicklungsaufgaben zu geben, die vor ihm liegen.
Unmittelbar aufgegriffen werden diese Themen im ersten Kapitel, wo speziell die Natur der Intimität und des intimen Prozesses aus gestalt-phänomenologischer Sicht untersucht wird. Dabei liegt die Betonung auf der Frage, welche Konsequenzen sich daraus für die eigentlichen Prozeßfähigkeiten und Interventionen sowohl des Therapeuten als auch der Beziehungspartner ergeben. Die Grundthese des ersten Kapitels lautet: Intimität ist weder eine Ergänzung noch ein Gegenstück zur individuellen Entwicklung, sondern ein wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses. Diese Sichtweise wird unsere Vorstellung darüber, worum es in der Arbeit geht, welches die Aufgaben des Therapeuten bzw. des Paares sind und wie sie bewältigt werden können, verändern.
Im zweiten Kapitel zeigt Judith Hemming, eine leidenschaftliche Gestalttherapeutin aus England, anhand der Theorie und des klinischen Experiments, wie der Gestaltansatz erfolgreich angewendet werden kann, um die tiefsten Sehnsüchte und Ängste des Klienten zu ergründen. Dieses Kapitel hätte in jedem der drei Abschnitte des Buches untergebracht werden können. Wir haben uns dafür entschieden, es in den theoretischen Teil aufzunehmen, weil es eine sehr kreative Integration von Theorie und Praxis darstellt, in der jeder Teil den anderen mitprägt und bereichert.
Im dritten Kapitel beschäftigt sich Hunter Beaumont, ein amerikanischer Gestalttherapeut, der in Deutschland lebt und arbeitet, mit der schwierigen Situation solcher Paare, deren Beziehungsprozeß für den Selbstzusammenhalt eines oder beider Partner eher eine Bedrohung als eine Unterstützung darstellt. Diese Patienten werden in konventionellen Diagnosen oft als »narzißtisch« oder »borderline« bezeichnet und sehen ihre Stabilität und ihr Beziehungsengagement häufig durch die Intimität des therapeutischen Prozesses bedroht. Neben der Auseinandersetzung mit dem Selbst und dem Selbst-Prozeß in diesen schwierigen klinischen Fällen, bietet Beaumont auch einen neuen Rahmen und eine theoretische Begründung für die Natur und den Prozeß des Dialogs an; dieser Begriff taucht in der modernen Paar- und Familientherapie immer wieder auf, aber nur selten wird er auch definiert oder theoretisch begründet. Beaumont zeigt, warum der Dialog – ähnlich wie die Intimität in den Überlegungen des ersten Kapitels – die notwendige Folge einer phänomenologischen, selbst-organisatorischen Perspektive ist. In leicht veränderter Form erschien dieses Kapitel zuerst im British Gestalt Journal und wurde 1993 mit dem Nevis-Preis für außerordentliche Beiträge auf dem Gebiet der Gestalttherapie ausgezeichnet. Wir sind stolz darauf und freuen uns, diesen Artikel hier noch einmal veröffentlichen zu können.
Netta und Marvin Kaplan, die in Kanada und Israel leben, haben in ihren Vorträgen und Schriften eine ganze Reihe von Beiträgen über die Theorie der Selbst-Organisation im Zusammenhang mit dem Gestaltansatz vorgelegt. In diesem Band widmen sie sich diesen Fragen unter klinischen Gesichtspunkten. Auch die Begriffe Selbst-Organisation und selbst-organisierende Systeme tauchen im Zusammenhang mit Paar- und Familientherapie neuerdings überall auf, häufig jedoch ohne klaren Bezug zu den subjektiven Prozessen individueller Affekte und Erfahrungen. Durch die Möglichkeit, innerhalb einer einzigen klinischen Terminologie zwischen intrapsychischen, zwischenmenschlichen und systemischen Ebenen wechseln zu können, klärt der Gestaltansatz diesen Bezug und stellt ihn in einen klinischen Begründungszusammenhang.
Wie sich das für einen experimentellen und erfahrungsorientierten Ansatz gehört, bildet der zweite Teil, »Praxis«, den größten Abschnitt des Buches. Teil 2 beginnt mit einem Beitrag von Patricia Papernow, einer in den USA sehr bekannten Expertin auf dem Gebiet der Zweitehen- und Stieffamilienforschung. Mit Hilfe des Gestaltmodells nähert sich Papernow dem Problem der Zweitehe auf eine mit vielen klinischen Beispielen illustrierte entwicklungs- und erfahrungsorientierte Weise an. Ihr neustes Buch Becoming a Stepfamily (1993) wurde ebenfalls mit einem Nevis-Preis ausgezeichnet, und zwar dem Preis für größere Arbeiten in Buchform. Papernow demonstriert uns ihre Herangehensweise an die Paarbeziehung, die für den Erfolg und das gesunde Zusammenleben der neuen Familie maßgeblich ist. Angesichts der Tatsache, daß Zweitehen und Zweitfamilien in unserer Gesellschaft fast schon die Norm darstellen, ist es nicht nur für Paartherapeuten hilfreich, sich mit der speziellen Dynamik und den Fragen dieser weitverbreiteten und herausfordernden Form der Paarbeziehung vertraut zu machen.
Im achten Kapitel behandeln Isabel Fredericson und Joseph Handlon, beide in zweiter Ehe miteinander verheiratet, dasselbe Thema unter einem anderen Gesichtspunkt, nämlich der Arbeit mit dem Lebenshintergrund wiederverheirateter Paare. Ebenso wie die anderen Beiträge, die sich mit bestimmten Klientengruppen befassen, setzt auch dieser Artikel zwei Schwerpunkte: erstens, den Paartherapeuten darüber zu informieren, wessen er sich in der Arbeit mit dieser Klientengruppe bewußt sein sollte, und zweitens zu demonstrieren, wie die Anwendung des Gestaltansatzes in diesem besonderen Fall aussieht. Mit ihrer langjährigen Erfahrung als Lehrer und Praktiker sind die beiden Autoren bestens für diesen Beitrag ausgerüstet, der auch (oder gerade!) für diejenigen Therapeuten eine gedankliche Herausforderung darstellen wird, die selbst in Zweitehen leben.
Im sechsten Kapitel lenkt Allan Singer unsere Aufmerksamkeit auf Fragen im Zusammenhang mit männlichen homosexuellen Paaren in der Therapie: welche Gemeinsamkeiten mit heterosexuellen Paaren gibt es, und wo liegen die wesentlichen Unterschiede? Der Theorie der Gestalttherapie zufolge führt ein veränderter Hintergrund notwendig zu einer veränderten Bedeutung der Figur. Hat auch die Figur des intimen Kontaktes und das Verlangen nach dem intimen anderen in homosexuellen Beziehungen einen universellen Charakter, so unterscheidet sich der Hintergrund homosexueller Paare in der Gesellschaft doch deutlich von dem heterosexueller Paare. Singer hat eine außergewöhnliche Fähigkeit, diese Unterschiede zu beschreiben, ohne dabei den universellen Zusammenhang aus dem Blick zu verlieren; gleichzeitig macht er den Wert des Gestaltansatzes für die Orientierung in der Arbeit und die Fundierung dieser umfassenden und komplexen Perspektive deutlich.
Fraelean Curtis wählt für ihr Kapitel über lesbische Paare und »die lesbische Erfahrung« einen ähnlichen Zugang, obwohl sie in Übereinstimmung mit den anderen Autoren des zweiten Teils auch deutlich macht, daß es so etwas wie eine einheitliche »lesbische Erfahrung« nicht gibt, sondern ebenso viele, wie es einzelne Frauen und Paare gibt, die sich als lesbisch identifizieren. Dasselbe gilt für wiederverheiratete Paare, Mißbrauchsopfer usw. Wir glauben, daß es eine besondere Stärke des Gestaltansatzes ist, den vielfältigen Besonderheiten des einzelnen Paares gerecht zu werden, ohne dabei die Gemeinsamkeiten und besonderen Erfahrungen ganzer Gruppierungen und die grundlegende Universalität dieses Themas aus den Augen zu verlieren.
Im neunten Kapitel berichten Barbro und Mikael Curman aus Schweden über ihre Erfahrungen mit Gestalt-Paargruppen. Die Gruppe, so behaupten und zeigen die Curmans, stellt eine für die Erforschung von Paarbeziehungsfragen besonders geeignete Grundlage dar. Auch die Hindernisse, die in der Arbeit mit Paargruppen auftreten können, werden in diesem Kapitel erörtert. Die Curmans, die sich sehr stark für die skandinavische Gestalt-Akademie engagieren, gehören zu der großen und produktiven Gemeinschaft von Gestalttherapeuten in Europa, deren Gestalt-Ausbildungsprogramme – ähnlich wie psychodynamische und behavioristische Verfahren – in mehreren Ländern durch das staatliche Gesundheitswesen als zugelassene psychotherapeutische Methode anerkannt werden. Daß dieser Artikel – ebenso wie drei weitere in diesem Buch – von einem Paar geschrieben wurde, ist für uns als Herausgeber eine zusätzliche Bereicherung für das ganze Projekt, ganz im Sinne der Gestalttheorie, die (mit den Worten Paul Goodmans) so argumentieren würde, daß Unterscheidungen wie »Therapie« und »wirkliches Leben« oder »persönlich« und »professionell« zwar manchmal hilfreich sein können, aber dennoch »falsche Gegensatzpaare« sind, die zwar verschiedene Pole oder Aspekte, nicht aber separate Kategorien des einheitlichen Erfahrungsfeldes darstellen.
Den Abschluß des »Praxisteils« bilden Pamela Geib und Stuart Simon mit ihrem Beitrag über die Therapie mit Paaren, bei denen einer der Partner von schweren frühen Trauma- oder Mißbrauchserfahrungen betroffen ist. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen können für Therapeuten und Klienten gleichermaßen erschreckend sein und eine große Herausforderung darstellen. Vielleicht war es deshalb in der Vergangenheit manchmal unvermeidlich, daß die Mißbrauchsdynamik in der therapeutischen Aufarbeitung – wenn auch unbeabsichtigt und in milderer Form – noch einmal zum Vorschein gebracht wurde, indem man dem Mißbrauchsopfer bzw. -überlebenden auch in der gegenwärtigen Beziehung die Opferrolle zuwies, selbst wenn eine aktuelle Mißbrauchserfahrung nicht vorlag. So etwas passiert vor allem dann, wenn das langwierige und aufreibende Ringen um Heilung von dem Mißbrauchsopfer in der aktuellen Beziehung für wichtiger gehalten und als bedeutsamer erlebt wird als die gegenwärtige Erfahrung mit dem Partner. Hier kann sich die phänomenologische und ganzheitliche Begründung des Gestaltansatzes unterstützend auswirken, indem sie die gegenwärtigen Erfahrungen und Sichtweisen jedes Partners gleichermaßen ernst nimmt und zeigt, daß dies möglich und notwendig ist, ohne gleichzeitig die harte und brutale Wirklichkeit des Mißbrauchs zu verharmlosen.
Der dritte Teil, »Perspektiven«, beginnt mit einem hervorragenden Beitrag zur Theorie der Gestalttherapie, der Scham und zur Paartherapie. Der Autor, Robert Lee, hat sich sehr intensiv mit der Dynamik der Scham im therapeutischen Prozeß und der entsprechenden Literatur auseinandergesetzt. Auch dieses Kapitel hätten wir in jedem der drei Abschnitte des Buches unterbringen können. Der Grund, warum wir ihm diesen Platz gegeben haben, liegt in den drei verschiedenen und sich gegenseitig befruchtenden Perspektiven. Die zunehmende Aufmerksamkeit der Selbstpsychologie gegenüber dem Thema Scham, wie sie in der neueren psychodynamischen Literatur sichtbar wird, ist nicht nur wegen ihrer klinischen und erfahrungsorientierten Bedeutung besonders interessant, sondern auch aufgrund ihrer Tendenz, den psychodynamischen Ansatz von seinem Erbe des »isolierten Selbst« zu befreien und einer Perspektive des sozialen Feldes näherzubringen, die über die einerseits bereichernden Einsichten, und andererseits begrenzte Sprache der Objekt-Beziehungs-Theorie hinausgeht. Die Haltung der Gestalttherapie führt diese Bewegung zu ihren logischen Konsequenzen, indem sie die Individualität aus ihrer intersubjektiven Erfahrungsgrundlage ableitet, anstatt einer mehr objekt- als subjektorientierten theoretischen Terminologie eine Sprache der Beziehung »hinzuzufügen«.
Joseph Melnick und Sonia March Nevis, die auf eine lange und fruchtbare gestalttherapeutische Zusammenarbeit zurückblicken, stellen in diesem Buch ihre Weisheit und Erfahrung in den Dienst der Auseinandersetzung mit der Wechselbeziehung zwischen Intimität und Macht. Die hier eingenommene prozeßorientierte Sichtweise zeigt deutlich, daß beide Konzepte untrennbar miteinander verbunden sind und kann die Arbeit jedes Therapeuten bereichern.
Das Thema Sprache fasziniert Cynthia Oudejans Harris schon seit langem. In ihrem neuesten Buch beschäftigt sich die Autorin und Gestalttherapeutin mit dem komplementären Gegenstück zur Sprache, dem Schweigen – in diesem Fall das Schweigen über den Naziterror in deutschen Nachkriegsfamilien (Das kollektive Schweigen, 1992) und den Auswirkungen dieses Schweigens auf die Entwicklung und Identität der nachfolgenden Generationen. In dem hier vorgelegten Artikel untersucht sie die Auswirkungen unserer Sprachgewohnheiten auf unser Verständnis von Erfahrung und Beziehung. Die bekannte Gestaltregel, in der Gegenwartsform und direkt »zu« dem anderen zu sprechen (anstatt »über« ihn), wird in diesem Beitrag sowohl anhand theoretischer Überlegungen aus der Linguistik und der Emotionalitätsforschung als auch am Beispiel der klinischen Praxis begründet.
Die Beziehungsperspektive, die mit dazu beiträgt, daß der Gestaltansatz für die Arbeit mit Paaren besonders geeignet ist, wird in Kapitel 14 eingehend untersucht, wo Richard und Antra Kalnins Borofsky ihr Modell von Geben und Nehmen als strukturierendem und diagnostischem Instrument der Paartherapie darstellen. Das auffallend Neue ist auch hier, daß die Autoren ein wohlbekanntes Thema unter dem Blickwinkel des gesamten Feldes betrachten. Sie geben uns ein Werkzeug an die Hand, das jeder Therapeut an wichtigen Punkten innerhalb des Prozesses und mit den verschiedensten Klientengruppen überdenkenswert finden wird.
Das letzte Kapitel dieses Buches wurde von Joseph Zinker und Sonia March Nevis geschrieben, die sicherlich als Pioniere der Gestalt-Paartherapie angesehen werden können. Zusammen mit Erving und Miriam Polster ist Zinker für eine breitere klinische Leserschaft zweifellos der z.Zt. bekannteste Autor gestalttherapeutischer Literatur. Sein neues Buch zu diesem Thema, Auf der Suche nach gelingender Partnerschaft. Gestalttherapie mit Paaren und Familien (1997) gründet sich, ebenso wie der hier vorgelegte Beitrag, auf einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren, in denen er zusammen mit Nevis an der Anwendung und Neuformulierung des Gestaltmodells für die Arbeit mit »intimen Systemen« gearbeitet hat. Seit vielen Jahren leiten die beiden gemeinsam das Center for the Study of Intimate Systems am Gestalt-Institut Cleveland und haben ihren Paartherapieansatz durch die Rundbriefe dieses Zentrums weltweit einer großen Anzahl von Therapeuten zugänglich gemacht. In diesem Buch stellen sie ihre einzigartige Mischung aus persönlicher Wärme, Weisheit und theoretischer Tiefe in den Dienst der eigentlichen Erfahrung des Paartherapeuten, indem sie Erkenntnisse und Gesichtspunkte aufzeigen, die für jeden Therapeuten hilfreich sein können, sowohl in der Arbeit mit Klienten als auch in anderen Bereichen des Beziehungslebens.
Den Epilog hat meine Mitherausgeberin Stephanie Backman geschrieben, deren Charme und therapeutisches Feingefühl nicht nur in diesem Beitrag sichtbar werden, sondern die auch das ganze Buch und die Arbeit an seiner Vorbereitung begleitet hat. Backmans Betrachtung der »ästhetischen Sichtweise« in der Therapie ist eine lebhafte Demonstration der Integration des persönlichen, professionellen und maßvollen Gebrauchs der Selbsterfahrung, eines der besten Merkmale der gestalttherapeutischen Arbeit. Aus gestalttherapeutischer Sicht ist es immer und in jeder professionellen Disziplin ein potentiell zerstörerischer Fehler, die zentrale Stellung subjektiver Erfahrung um einer mythischen »Objektivität« willen zu verleugnen, die eher dem Schutz des Forschers oder Therapeuten als den Interessen des Klienten dient. Backman zeigt hier, daß Subjektivität nicht im »falschen Gegensatz« zur Professionalität stehen muß, sondern die Fachkenntnis fundieren, dem therapeutischen Fokus als Orientierung dienen und die Selbsterfahrung des Klienten prägen kann. Auch diese Sichtweise kann unsere gesamte Arbeit bereichern.
So ist dieses Buch also ein wirklich reichhaltiges und nahrhaftes Menü. Wir hoffen und glauben, daß die Ideen und Perspektiven dieses Buches Sie als Leser, egal in welcher Tradition Sie stehen und wie Ihre persönliche Synthese aus therapeutischer Erfahrung und Methodik aussieht, zum Nachdenken anregen, die permanente Reorganisation des Feldes, also das Wachstum unterstützen und den Enthusiasmus und die Energie, die Sie mit Ihrer Arbeit verbinden, auffrischen werden. So jedenfalls ging es uns. Dieses Buch ist unseren Lehrern am Gestalt-Institut von Cleveland gewidmet, aber darüber hinaus möchten wir auch unsere Verlegerin Becky MvGovern und ihren Kollegen beim Jossey-Bass-Verlag, und insbesondere Mary White für ihre unerschöpfliche Unterstützung dieses Projektes danken; und Tom Backman, der die Stellung hielt, während wir draußen arbeiteten.
Cambridge, Massachusetts im August 1994
Gordon Wheeler
Unseren Lehrern und Mentoren,
den Gründern des Gestalt-Instituts Cleveland
Marjorie Creelman
Cynthia Oudejans Harris
Elaine Kepner
Ed Nevis
Sonia March Nevis
Joseph Zinker
sowie den verstorbenen Rennie Fantz
und Bill Warner
von denen wir immer noch so viel lernen –
voller Zuneigung, Dankbarkeit und Achtung
Stephanie Backman und Gordon Wheeler
Gordon Wheeler, Ph.D., ist Psychologe und arbeitet u.a. in eigener Praxis mit Kindern und Erwachsenen. Er ist Mitglied des Lehrkörpers des Gestalt-Instituts Cleveland und Chef-Herausgeber der GIC-Edition in Zusammenarbeit mit dem Jossey-Bass-Verlag. Seine neuesten Veröffentlichungen sind: Kontakt und Widerstand. Ein neuer Zugang zur Gestalttherapie (1993) und Das kollektive Schweigen (1992), das er zusammen mit Cynthia Oudejans Harris aus dem Deutschen ins Amerikanische übersetzt hat. Z.Zt. arbeitet er an einem Buch, das sich mit dem Männerbild in Homers Ilias beschäftigt.
Stephanie Backman, MSSA, BCD, arbeitet in freier Praxis in Portland, Maine und in Wellfleet, Massachusetts. Sie gehört ebenfalls dem Lehrkörper des Gestalt-Instituts Cleveland an, ist außerdem Supervisorin und Mitglied der American Family Therapy Academy.
Hunter Beaumont, Ph.D., ist klinischer Psychologe und arbeitet in freier Praxis in München. Bevor er 1980 nach Deutschland kam, arbeitete er u.a. als Trainer am Gestalt Institute of Los Angeles. Viele seiner Beiträge, in denen er sich umfassend mit dem Thema Selbst und Charakterstörungen aus gestalttherapeutischer Sicht auseinandersetzt, sind in deutscher Sprache entstanden.
Antra Kalnins Borofsky, Ed.M., ist Gestalt- und Familientherapeutin und arbeitet seit 19 Jahren mit einzelnen, Paaren und Familien. Sie ist Mitbegründerin und Kodirektorin des Center for the Study of Relationship am Boston Gestalt Institute. Sie lebt in Cambridge, Massachusetts.
Richard Borofsky, Ed.D., ist klinischer Psychologe, Doktor der Pädagogik und arbeitet in freier Praxis in Cambridge, Massachusetts. Seit 23 Jahren ist er Kodirektor des Boston Gestalt Institute und lehrt Gestalttherapie sowohl in den USA als auch in Europa. Zusammen mit seiner Frau gründete und leitete er das Center for the Study of Relationship und ist Lehrbeauftragter an der Harvard Medical School.
Barbro Curman ist klinische Kinderpsychologin. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern der Skandinavischen Gestalt-Akademie, wo sie die vierjährigen Ausbildungsprogramme leitet. Sie lebt in Schweden und arbeitet dort in freier Praxis sowohl als Psychotherapeutin als auch im Bereich Organisationsberatung.
Mikael Curman, ursprünglich Ökonom, arbeitete viele Jahre als Organisationsberater für große Firmen in Schweden. Seit 1985 arbeitet er außerdem in freier Praxis mit einzelnen, Paaren und Gruppen.
Fraelean Curtis, LICSW, BCD, blickt auf eine mehr als zwanzigjährige klinische Erfahrung zurück. Sie ist Dozentin an der Salem State College School of Social Work in Salem, Massachusetts und arbeitet in freier Praxis in Boston, wo sie Supervision, Beratung und Ausbildungsworkshops für die Arbeit mit lesbischen und schwulen Klienten anbietet.
Isabel Fredericson, Ph.D., ist bereits seit 1968 als Gestalttherapeutin mit einzelnen, Paaren, Gruppen und kleineren Organisationen tätig. Sie unterrichtet an verschiedenen Universitäten und gehört dem Gestalt Institute of Cleveland an. Zusammen mit ihrem Mann, Joseph Handlon, gründete sie das Santa Barbara Gestalt Training Center.
Pamela Geib, Ed.D., ist Lehrbeauftragte im Bereich Psychiatrie an der Harvard Medical School und gehört zum Lehrkörper des Studiengangs Paar-und Familientherapie am Cambridge Hospital. In Cambridge und Newton, Massachusetts, arbeitet sie in freier Praxis vornehmlich mit Paaren und Jugendlichen.
Joseph H. Handlon, Ph.D. ist emiritierter Vorsitzender des Psychology Program am Fielding Insitute. Er lehrt an der Princeton University, in Stanford und an der Case Western Reserve University und gründete gemeinsam mit seiner Frau, Isabel Fredericson, das Santa Barbara Gestalt Training Center.
Cynthia Oudejans Harris, M.D. gehört zu den Begründern des Gestalt Institute of Cleveland, wo sie nach wie vor als Trainerin arbeitet. Daneben arbeitet sie in freier psychiatrischer Praxis mit einzelnen, Paaren und Familien. Zusammen mit Gordon Wheeler übersetzte sie The Collective Silence: German Identity and the Legacy of Shame. aus dem Deutschen (Das kollektive Schweigen).
Judith Hemming, M.A., ist assoziiertes Mitglied im Bereich Ausbildung und Supervision des Gestalt Psychotherapy Training Institute of Britain, sowie Mitherausgeberin des British Gestalt Journal. Mit ihrem pädagogischen Hintergrund arbeitet sie als Psychotherapeutin, Trainerin und Beraterin sowohl in London als auch im Ausland.
Marvin L.Kaplan, Ph.D., arbeitete lange Zeit als Professor für klinische Psychologie an der University of Windsor, wo er Gestalt-Gruppen- und Familientherapie lehrte. Gemeinsam mit Netta Kaplan leitet er in mehreren Ländern Ausbildungsworkshops mit dem thematischen Schwerpunkt der Selbst-Organisation der Erfahrung, einer theoretischen Grundlage der Gestalttherapie, mit der die Kaplans sich intensiv auseinandergesetzt haben. Seit 1990 leben beide in Israel.
Netta R. Kaplan, Ph.D., arbeitet in freier Praxis in Israel, wo sie den Ansatz der Selbst-Organisation der Erfahrung in ihrer Arbeit mit einzelnen, Paaren, Familien und Gruppen anwendet. Außer in ihrer Praxis engagiert sie sich in Ausbildungsprogrammen und Beratungstätigkeiten in Israel und Irland.
Robert Lee, Ph.D., ist klinischer Psychologe. Seine gestalttherapeutische Ausbildung erhielt er am Gestalt Institute of Cleveland. Seine Beiträge beschäftigen sich umfassend mit dem Thema Scham. Zusammen mit Gordon Wheeler gab er 1996 das Buch The Voice of Shame: Silence and Connection in Psychotherapy heraus, das sich mit der Dynamik von Scham unter gestalttherapeutischen Gesichtspunkten beschäftigt. In seiner Praxis in Cambridge und Newton, Massachusetts, arbeitet er vorwiegend mit Paaren.
Joseph Melnick, Ph.D. ist klinischer Psychologe und machte seine Gestalttherapieausbildung am Gestalt Institute of Cleveland. Während er früher Als Assistenzprofessor für Psychologie an der University of Kentucky arbeitete, konzentriert er sich gegenwärtig auf die Arbeit in seiner Praxis in Portland, Maine, wo er als Psychotherapeut und Organisationsberater tätig ist. In zahlreichen Veröffentlichungen hat Melnick sich mit therapeutischen Fragen auseinandergesetzt und ist heute Herausgeber des International Gestalt Review.
Sonia March Nevis, Ph.D., gehört seit mehr als 30 Jahren dem Lehrkörper des Gestalt Institute of Cleveland an. Sie ist die Leiterin des Center for the Study of Intimate Systems und war vorher Direktorin für Professionelles Training an diesem Institut. Sie hat in vielen Ländern Gestalttherapie gelehrt und arbeitet z.Zt. als Psychotherapeutin in eigener Praxis, wo sie schwerpunktmäßig mit Paaren und Familien arbeitet. Darüber hinaus ist sie als Supervisorin tätig.
Patricia Papernow, Ed.D., ist eine amerikaweit anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Stieffamilie. Ihr neuestes Buch, Becoming a Stepfamily (1993), in dem sie die Entwicklungsstadien wiederheirateter Paare und Zweitfamilien beschreibt, wurde mit dem Nevis-Preis für außergewöhnliche Beiträge innerhalb der Gestalttherapie ausgezeichnet. In zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Stieffamilie wird sie immer wieder zitiert und ist auch bei den Medien als Expertin auf diesem Gebiet sehr gefragt. In Cambridge und Newton, Massachusetts, arbeitet sie als Psychotherapeutin in freier Praxis.
Stuart Simon, LICSW, BCD, studierte Sozialarbeit an der Boston Univerity. Am Gestalt Institute of Cleveland absolvierte er das Intensive Postgraduate Training Program. In seiner Praxis in Boston konzentriert er sich vornehmlich auf die Arbeit mit Paaren, Gruppen und Traumaüberlebenden.
Allan Singer, LICSW, BCD, arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis in Boston, Massachusetts. Seine gestalttherapeutische Ausbildung erhielt er am Gestalt Institute of New England und am Gestalt Institute of Cleveland. Im Rahmen universitärer und klinischer Programme unterrichtet er zu Fragen schwuler, lesbischer und bisexueller Identität.
Joseph Zinker, Ph.D. gehört seit vielen Jahren zum Lehrkörper des Gestalt Institute of Cleveland, wo er auch als Leiter der Postgraduiertenprogramme und Mitglied des Center for the Study of Intimate Systems arbeitet. Sein 1982 in Deutschland erschienenens Buch Gestalttherapie als Kreativer Prozeß (amerikanische Erstausgabe 1977) wurde von der Fachzeitschrift Psychology Today als Buch des Jahres bezeichnet und gilt bis heute als Klassiker der gestalttherapeutischen Literatur. Sein neues Buch heißt Auf der Suche nach gelingender Partnerschaft: Gestalttherapie mit Paaren und Familien (1997). Zinker zählt zu den weltweit bekanntesten Autoren und Lehrern der Gestalttherapie und arbeitet als solcher in den USA, Kanada, Europa, Südamerika und Asien.
Worin besteht eigentlich der Gestaltansatz, und warum sollten wir uns als vielbeschäftigte Psychologen, Kliniker oder aus anderen Gründen an den Fragen und Schwierigkeiten von Paarbeziehungen Interessierte, damit beschäftigen? Was hat uns dieser Ansatz zu sagen, das andere Stimmen, andere Modelle nicht bereits gesagt hätten? Wahrscheinlich sind die meisten von uns als Paar- und Familientherapeuten Produkte und Produzenten von mehr oder weniger gelungenen Kombinationen verschiedener psychodynamischer und systemischer Ansätze, die wir, um uns zu orientieren und unsere Arbeit zu verbessern, im Laufe der Zeit in einem flexiblen Rahmen zusammengefaßt haben. Vielleicht haben wir noch die Erkenntnisse und Techniken einer ganzen Reihe weiterer Verfahren mit eingebaut, entweder weil sie uns vielversprechend erschienen oder weil wir die Grenzen der überlieferten Traditionen und Methoden erreicht hatten. Kognitiv und behavioristisch und kognitivbehavioristisch, strukturell und strategisch, Eriksonianisch, neurolinguistisch, Modelle von Abhängigkeit und Koabhängigkeit, Mißbrauch und Heilung, systemische Selbstregulation und Autopoiese – diese und andere Ansätze haben uns auf einem schwierigen Gebiet noch kompetenter gemacht, auch wenn sie uns manchmal verunsichert haben und wir den Boden unter den Füßen zu verlieren glaubten. Warum also diesem ohnehin schon verwirrenden und manchmal kakophonisch anmutenden Potpourri noch eine weitere Stimme hinzufügen? Oder, um die Frage noch einfacher zu stellen: Was kann dieser Gestaltansatz uns geben, und was können wir damit anfangen, das wir mit den vorhandenen Ansätzen nicht ebenso gut könnten? Wird diese neue Sichtweise mit den alten konkurrieren? Sie ersetzen? Oder, wie wir später diskutieren werden, wird dieses Gestaltmodell sein immanentes holistisches Versprechen erfüllen und die anderen Ansätze konzeptualisieren, so daß unser Angebot an technischen Variationen sich zur organisierten Erfahrung einer bedeutungsvollen Wahl entwickelt? Jede Methode, jede paartherapeutische Richtung zielt letztendlich darauf ab, daß wir bei einem bestimmten Paar zu einer bestimmten Zeit unter bestimmten Voraussetzungen und mit bestimmten Zielen eine bestimmte Intervention einsetzen. Aufgabe einer Methode ist es, dieses manchmal verwirrende Material zu organisieren und uns dadurch einen Fokus zu ermöglichen, eine Art, zu sehen, um uns bestimmte Entscheidungen zu erleichtern. Aber wie sollen wir vorgehen, um diese Modelle zu ordnen? Hier kann uns die Gestaltperspektive mit ihrem theoretischen und phänomenologischen Interesse an der Organisation der Erfahrung weiterhelfen. Wie das im einzelnen aussieht, werden wir später noch sehen.
Das Gestaltmodell
Die Wurzeln des Gestaltmodells reichen mehr als ein Jahrhundert zurück bis in die Anfänge der Wahrnehmungsforschung durch Exner und Ehrenfels, Wertheimer, Koffka und Kohler. (Das Interesse an der Organisationsform der Erfahrung hingegen geht mindestens bis auf die Griechen zurück und wurde von den Philosophen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts wieder aufgenommen, vor allem von Kant, dessen Arbeiten wiederum starken Einfluß auf Paul Goodman hatten). Neben Goldstein u.a. hatte vor allem Kurt Lewin, der Wegbereiter der Sozialpsychologie, der Gruppendynamik und der Organisationsforschung, sich die Aufgabe gestellt, diese frühen Arbeiten zum Wahrnehmungsprozeß auch auf den klinischen und den sozialen Bereich auszudehnen. Durch Lewins Arbeit fand das Gestalt-Wahrnehmungs-Modell den Weg vom Labor in den »wirklichen Lebensraum« von Zielen, Wahlmöglichkeiten, Konflikten, Austausch und anderen »echten« Prozessen und Problemen. Der Ausdruck Gestalttherapie fand erst ab 1951 Verwendung, als Paul Goodmans bahnbrechendes theoretisches Werk Gestalt Therapy – Excitement and Growth in Human Personality erschien, das aus einer früheren, inzwischen anscheinend verlorengegangenen Monographie von Fritz Perls hervorgegangen war.
Aufbauend auf der grundlegenden Arbeit früherer Generationen, die sich mit den »Gesetzmäßigkeiten« der Wahrnehmung und des Denkens beschäftigt hatten, und stark beeinflußt durch Ranks Idee vom Selbst als Künstler, war es Goodmans besonderes Verdienst, eine neue Sichtweise formuliert zu haben, in der das Selbst als Integrator des Feldes erscheint, als Organ oder Funktion der Beziehung zwischen der privaten, scheinbar abgetrennten Welt des »inneren« Lebens (in der westlichen Tradition im allgemeinen als »Individuum« bezeichnet) und der »äußeren« Welt der anderen, die natürlich ebenso an diesem Feld-Integrationsprozeß beteiligt sind. Diese Beziehung nannte Goodman »Kontakt«. Den Prozeß der Konstruktion, in dem die »innere« und die »äußere« Welt in eine zusammenhängende Handlung mündeten, bezeichnete er als das Selbst. Hier wird deutlich, daß der Gestaltansatz von Anfang an beziehungsorientiert war (heute würden wir heute sagen: »intersubjektiv«) und in seinem Kern einen interessanten Gegensatz zu vielen anderen klinischen Modellen darstellte, einschließlich natürlich des psychodynamischen Modells und seiner Nachfolger, die noch immer mit der Frage beschäftigt sind, wie sich das Beziehungsbedürfnis mit einem ursprünglich individualistisch geprägten Menschenbild zusammenbringen läßt. Für unseren Zweck, die Erörterung von Paardynamik und Paartherapie, wäre es – vorsichtig ausgedrückt – vielversprechend, mit einem Modell zu beginnen, das die Realität beider elementaren Pole der Erfahrung und des Lebens, also Individuum und Beziehung berücksichtigt, anstatt mit einem, das in seinen Grundannahmen über die menschliche Natur und das Selbst diesen zweiten Pol verneint und dann versucht, in der Therapie an Beziehungsproblemen zu arbeiten.
Seit Goodman und Perls hat der Gestaltansatz eine ganze Reihe z.T. kritischer, aber auch sehr nützlicher Erörterungen und Erweiterungen erfahren, angefangen mit den Klassikern von Polster und Polster (1983) oder Zinker (1993), über eine entwicklungsgeschichtliche und revisionistische Kritik von mir selbst (Wheeler, 1993) bis hin zu einer exzellenten und sehr ansprechenden Übersicht von Latner (1992). All diese Arbeiten liegen vor und sind ohne weiteres zugänglich. Anstatt den Versuch zu unternehmen, diese Beiträge hier nun wieder aufzurollen, wenden wir uns direkt einem Thema zu, das für uns alle, die wir uns theoretisch und praktisch mit den Herausforderungen von Paarbeziehungen beschäftigen, dringender und von größerer praktischer Bedeutung ist, nämlich der Frage: was kann dieses Modell uns geben, und warum sollten wir Zeit und Mühe investieren, um mehr darüber zu erfahren? Wir werden uns diesen Fragen unter sechs verschiedenen Gesichtspunkten zuwenden und dürfen erwarten, sechs »Perspektiven« – oder neue Anschauungsweisen kennenzulernen, die wir unmittelbar auf die Schwierigkeiten und Möglichkeiten unseres Denkens und unserer Arbeit mit dem Gestaltansatz anwenden können: (1) Die phänomenologische Sichtweise: Erfahrung, Prozeß, Widerstand; (2) Grenzen (und das Konzept der »Energie«); (3) Unterstützung (und ihr Gegenteil, Scham); (4) Das Experiment und die experimentelle Haltung; (5) Befriedigung; und (6) Kontextualisierung. Jeder dieser Punkte steht für ein Thema oder eine Gruppe von Themen, die von anderen Modellen aufgegriffen werden; jeder Punkt wird geklärt und aus der Gestaltperspektive heraus zur direkten praktischen Anwendung gebracht.
Die phänomenologische Sichtweise: Erfahrung, Prozeß, Widerstand
Was bedeutet dieser etwas unheimliche Begriff Phänomenologie? Unter Phänomenologie verstehen wir das Erforschen der Organisation von Erfahrung. In diesem Zusammenhang meinen wir damit die Art und Weise, in der das Leben eines Menschen organisiert ist, und zwar von seinem Blickwinkel aus betrachtet, also so, wie dieser Mensch sein Leben versteht und ihm Sinn verleiht. Eine phänomenologische Perspektive einzunehmen heißt, zu versuchen, einen Zugang zur Erfahrung des anderen zu finden, die Welt des anderen und sein Verhalten so zu verstehen, wie er es erlebt, und nicht von einem äußeren, voreingenommenen Standpunkt aus. Das mag ziemlich einfach und selbstverständlich klingen, aber es gilt zu bedenken, daß die wenigsten Psychotherapien und Persönlichkeitstheorien eine solche Haltung einnehmen.
Die meisten Erklärungsmodelle menschlichen Verhaltens und Erlebens sind entweder retrospektivisch (das gegenwärtige Verhalten wird in irgendeiner Form durch die Vergangenheit »verursacht«) oder »objektiv« organisiert (d.h. man betrachtet die Person von außen) – oder beides. Sowohl retrospektivische Systeme wie die klassische Psychodynamik als auch die meisten behavioristischen Modelle betrachten das Verhalten als durch vergangene Ereignisse oder Ereignismuster determiniert. »Triebmodelle«, wie etwa das Freudsche Modell, suchen nach einer vergangenen Ereigniskonfiguration, in der ein innerer Trieb oder eine Triebenergie auf bestimmte Weise freigesetzt wurde, und leiten daraus ein mehr oder weniger stark an sexuellen Fetischen oder anderen Zwängen orientiertes Muster für die zukünftige Freisetzung desselben Triebes ab. Dem einzelnen selbst wird die Fähigkeit, hinsichtlich dieses Musters irgendeine Entscheidung zu treffen oder sich dessen gar bewußt zu sein, nicht zuerkannt (zumindest so lange nicht, bis die Interpretation des Therapeuten ihm zu mehr Klarheit verholfen hat).
Wenn man genau hinschaut, beziehen sowohl die klassische Lerntheorie als auch behavioristische Modelle im wesentlichen dieselbe Position wie ihre langjährigen Rivalen der Freudschen Tradition. Auch hier wird die Ursache gegenwärtigen Verhaltens direkt in einem vergangenen Ereignis oder »Verstärkerschema« gesehen, durch das ein sich unerbittlich wiederholendes Muster verankert wurde. Und wieder ist der Mensch selbst im wesentlichen draußen, ist Akteur des eigenen Verhaltens, sein Träger, aber nicht die treibende Kraft in dem Sinne, daß er Quelle oder Schöpfer von etwas Neuem wäre. In beiden Modellen kommt die Bedeutung des Verhaltens von außen, vom Therapeuten oder dem Forscher, der die vergangene Ursache aufdeckt. Die Bedeutung liegt in der bereits vergangenen Ursache, die offengelegt und dann durch die Therapie (mit Hilfe des Therapeuten) verändert werden muß. Bedeutung und vergangene Ursache sind ein und dasselbe, eine andere Bedeutung gibt es nicht. In Modellen dieser Art ist der Klient natürlich der letzte, von dem angenommen wird, daß seine Meinung über die Bedeutung seines eigenen Verhaltens hilfreich sein könnte, denn diese Bedeutung ist ja verborgen und muß erst durch eine externe Perspektive aufgedeckt werden. Wenn wir den Klienten in diesem System überhaupt auf seine eigene Erfahrung ansprechen, dann nur, um als externe Beobachter mehr historische Daten zu sammeln und dadurch unsere eigene Konstruktion von Ursache und Bedeutung zu untermauern.
Das alles hat natürlich recht wenig mit unserer eigenen Lebenserfahrung zu tun, denn wir organisieren unser Leben und unsere Erfahrung keineswegs retrospektivisch, sondern im Gegenteil: prospektivisch, vorausschauend. Mit anderen Worten: Wir sind immer und notwendig damit beschäftigt, irgendwo hinzukommen, etwas zu erreichen oder zu vermeiden, uns abzusichern, anzunähern, anzukommen, etwas zu schaffen oder zu verhindern, und gleichzeitig (und das ist entscheidend) setzen wir all diese Ziele in Beziehung zueinander. Das bedeutet Leben. Wären wir nicht darauf ausgerichtet, uns und unsere Welt auf diese Weise zu organisieren, würden wir es schlechterdings nicht sehr weit bringen, weder als einzelne noch als Spezies. Der größte Teil meines Lebens – zumindest des aktiven Teils – ist ein riesiges Flechtwerk aus großen und kleinen Zielen, eingegangenen Risiken, (hoffentlich) abgewendeten Gefahren, aus Plänen, Hoffnungen und Ängsten – und den Myriaden von Abmachungen und Kompromissen, in denen ich das eine tue und das andere lasse – alles so gut zusammen- und ineinandergefügt, wie die Umstände es gerade erlauben.
Wenn man mich also fragt, warum ich etwas tue, wird meine Antwort wahrscheinlich nicht auf die Vergangenheit hinweisen, sondern auf etwas, das meine Gegenwart oder die Umstände meiner Zukunft betrifft, irgendein Ziel oder Risiko, das nach meiner subjektiven Einschätzung näher oder weiter weg zu rücken scheint und an dem ich festhalte oder das ich zu bewältigen versuche oder dem gegenüber ich mich in irgendeiner anderen Weise verhalte, und zwar so, wie ich es in meiner jetzigen Situation betrachte. Für mich als Agierenden und Reagierenden hat mein gegenwärtiges Verhalten eine gegenwärtige Ursache in der gegenwärtigen Welt, wie ich sie verstehe und mir vorstelle. Oder, um mit den Worten Kurt Lewins zu sprechen, wir suchen nach der Ursache gegenwärtigen Verhaltens in der gegenwärtigen Dynamik des Feldes (vgl. die Diskussion in Marrow, 1964). Wenn man mich also nach meiner Erfahrung fragt, dann kann ich sagen, meine Erfahrung besteht nicht nur aus meinem Verhalten, ja nicht einmal nur aus meinen Gedanken und Gefühlen, sondern aus all dem zusammen, gefärbt durch meine Ziele und auf sie bezogen, im Feld der Gegenwart, so wie ich es wahrnehme. Demnach ist Erfahrung alles andere als ein simples »Getriebensein« aus der Vergangenheit heraus, sondern ist immer gegenwarts- und zukunftsorientiert. Wenn man mich fragt, warum ich mich in einer bestimmten Weise verhalte, dann glaube ich, in diesem Sinne eine plausible Erklärung geben zu können.
Es stimmt wohl, daß ich mein Verhalten manchmal selbst nicht so ganz verstehe. Vielleicht irritiert es mich sogar hier und da, wenn man mich fragt, »was ich zu tun glaube«; oder es ist mir peinlich, entweder, weil es mich nicht interessiert oder weil ich plötzlich befürchte, keine gute Antwort geben zu können. Aber gerade diese Peinlichkeit zeigt ja, daß ich normalerweise davon ausgehe, eine vernünftige Erklärung dafür zu haben, was und warum ich etwas tue. Und sicherlich ist es völlig normal, ob im Leben oder in der Therapie, daß ich im Gespräch mit einem Freund, meinem Partner, meinem Therapeuten oder auch mit einem Fremden versuche, meine eigenen Gründe zu erforschen. Aus phänomenologischer Sicht läßt das nicht darauf schließen, daß ich von einem unbekannten Trieb oder einer mystischen Kraft der Vergangenheit bestimmt werde, sondern eher, daß ich vielleicht nicht sehr viel Erfahrung mit solchen Gesprächen habe, sei es mit mir selbst oder mit anderen. Vielleicht fehlt mir eine ausgeprägte Sprache der Gefühle oder ich bin es nicht gewohnt, mein Verhalten und meine Erfahrung zu reflektieren (an dieser Stelle sei bemerkt, daß eine Sprache der Gefühle oder die Gewohnheit der Reflexion in diesem Sinne keine »Luxusartikel« sind, die ein paar Leuten durch die Therapie zur Verfügung stehen, sondern natürliche und elementare Entwicklungsleistungen, die in direktem Verhältnis zur Lebensqualität und der mehr oder weniger erfolgreichen Organisation eines stimmigen und befriedigenden Lebens stehen).
In diesem Fall würden wir sagen, daß in meiner Entwicklung mit einiger Wahrscheinlichkeit das »empathische Spiegeln« gefehlt hat, das die Entwicklung einer Sprache der Gefühle und der Reflexionsfähigkeit begünstigt. Aber – und das ist der entscheidende Punkt sowohl für die Therapie als auch für die Paarbeziehung – die gegenwärtige Erfahrung der Empathie, des Zuhörens und des Spiegelns fördert die gegenwärtige Entwicklung dieser Fähigkeiten, und über kurz oder lang werde ich die aktuellen Gründe entdecken, nach denen ich mich und meine Welt »hier und jetzt« organisiere. Und auf der Metaebene dieses Lernprozesses werde ich auch herausfinden, wie ich solche Dinge über mich und andere entdecken kann. Auch hier ergeben sich unmittelbare und bedeutsame Konsequenzen für die Paarbeziehung und die Paartherapie.
Die Dinge so zu betrachten heißt nicht, davon auszugehen, daß die Vergangenheit in meinem Verhalten und meiner Erfahrung keine Rolle spielt. Das tut sie sehr wohl, und zwar auf indirekte und kraftvolle Weise, weil sie meine gegenwärtigen Erwartungen und Überzeugungen geformt hat, und diese Erwartungen und Überzeugungen – ebenso wie meine Wünsche und die Wahrnehmung meiner selbst und der Welt, wie sie sich gegenwärtig darstellt – dienen dazu, mein Verhalten und meine Erfahrung in der Gegenwart zu prägen und zu überprüfen. Für den Paartherapeuten beinhaltet das eine sehr feine aber weitreichende Akzentverschiebung, und zwar von »Was ist dir widerfahren? Wie hat man dich in der Vergangenheit behandelt?« zu »Was erwartest du heute von deinem Partner? Wie sehen deine Hoffnungen und Befürchtungen hier und jetzt aus? Wie willst du jetzt von diesem Menschen und in eurer gemeinsamen Beziehung behandelt werden?« Und folglich: »Was bist du bereit, dafür zu tun? Möchtest du diese Erwartung enttäuschen, darüber verhandeln, daran festhalten, etwas auspropieren?« In den meisten Paartherapiesystemen haben beide Fragestellungen ihren Platz, sowohl die vergangenheits- als auch die gegenwartsbezogene. Der entscheidende Unterschied besteht in der Akzentverlagerung, die ihrerseits eine Wende im Handlungsablauf widerspiegelt, und zwar von der Zurückhaltung zur Unmittelbarkeit, von der Vergangenheit, als die Partner in verschiedenen Welten lebten, zu ihrer lebendigen Beziehung, wie sie sich heute darstellt und dem, was sie daraus machen wollen. All das ist Ausdruck der experimentellen Haltung, die mit der phänomenologischen Verlagerung von der Vergangenheit zur Gegenwart einhergeht, und die später noch ausführlicher besprochen werden wird.
Dieser Wechsel zur phänomenologischen Perspektive führt auch zu einem neuen Verständnis eines anderen bedeutsamen Konzeptes der Paartherapie, nämlich des Prozeßbegriffs, der ebenfalls häufig angewendet, aber weitgehend unbestimmt gelassen wird. Sicherlich bezeichnet Prozeß in keinem System einfach nur »alles, was geschieht«. Damit hätten wir ein völlig überdimensioniertes und sinnloses Gewirr von Daten, ja noch nicht einmal das, denn der Begriff Daten impliziert bereits eine Auswahl aus der verwirrenden Vielfalt sinnlicher Eindrücke und ihre Organisation nach bestimmten Kriterien. Wenn wir hier vom »Prozeß« sprechen, dann meinen wir damit vielmehr Ereignisse und Verhaltensweisen (einschließlich innerer Ereignisse und Verhaltensweisen wie Gedanken, Gefühle und Überzeugungen) bezogen auf das, was die Beteiligten zu tun versuchen, sowohl in einem bestimmten Augenblick als auch in ihrem Leben überhaupt. Prozeß bezeichnet also nicht »alles, was passiert«, sondern alles, was im Hinblick darauf passiert, was jemand erreichen will, im Hinblick auf die Bedeutung, die er dem gegenwärtigen Feld, so wie er es sieht, zukommen läßt, und im Hinblick auf die Organisation alles dessen entsprechend seiner subjektiven Wahrnehmung und Ziele.
Diese Unterscheidung zieht nicht nur für die Therapie unmittelbare Konsequenzen nach sich. Was, wenn jemand keine klaren Vorstellungen davon hat, was er erreichen oder verhindern will oder nicht damit vertraut ist, den Zusammenhang zwischen Verhalten und Absicht, zwischen Handlung und Wirkung zu spüren? Aus einer Gestaltperspektive heraus können wir als erstes feststellen, daß wir alle, ob Psychologen oder nicht, ein solches Bild sofort als pathologisch erkennen. Als Kliniker denken wir unmittelbar an Begriffe wie »impulsgetrieben«, »soziopathisch«, »verhaltensgestört«, »organische Störung« oder »Retardierung«. Entwicklungspsychologisch suchen wir nach schweren Störungen früher Bindungen, nach Verletzungen, die noch vor der »narzißtischen« Phase liegen könnten (weil die »narzißtische« oder narzißtisch organisierte Persönlichkeit, wie wir lieber sagen würden, im Zusammenhang mit dem Schutz eines fragilen Selbst-Prozesses eine kohärente Organisation aufweist). All das bekräftigt unsere phänomenologische und erfahrungsnahe Gestaltperspektive, denn das unverwechselbar Menschliche und von Natur aus Gesunde ist die Organisation des Selbst und des Verhaltens im Hinblick darauf, was für uns Bedeutung hat (und daher unsere Vermutung einer frühen Bindungsstörung, denn eben diese grundlegende Verbindung zwischen Selbst und Bedeutung, zwischen Verhalten und Ziel scheint zu fehlen oder verkümmert zu sein). So sind und müssen wir beschaffen sein; und eben das bedeutet – in einem sehr wirklichen Sinne – Leben, sowohl als kohärentes Selbst als auch in Partnerschaften und anderen Beziehungen.
In weniger schwerwiegenden Fällen können wir davon ausgehen, daß dieses Bindeglied, diese organisierte Verbindung, hervorgebracht und im Dialog mit dem intimen anderen geklärt werden kann (in diesem Fall also mit dem Partner und mit Hilfe des Therapeuten). Und wiederum ist das Ergebnis des Dialogs nicht bloß die Klärung eines aktuellen Konfliktes oder einer Enttäuschung, sondern erstens ein verfeinerter Prozeß, in dem man sich selbst und den anderen in der Zukunft erkennt, und zweitens eine Verbesserung der Lebensqualität. Doch selbst in Fällen größerer Beeinträchtigung sind wir als Gestalttherapeuten noch davon überzeugt (und diese Annahme ist empirisch fundiert), daß eine solche Organisation und Verbindung zumindest potentiell existiert, und daß der Mensch eine natürliche Disposition hat, sich »zu verbinden« und das Selbst auf diese Weise zu organisieren.
Diese Sichtweise führt zu einem radikalen Wandel unserer Vorstellung von »Widerstand«, genauer: unserer Vorstellung darüber, was Widerstand ist und wozu er gut ist. Aus meiner Sicht als Klient oder Partner, der verstanden werden möchte, bedeutet »Widerstand« einfach, daß ich nicht das Gefühl habe, richtig verstanden zu werden. Dahinter steckt sicherlich immer auch eine mehr oder weniger ausgeprägte Protesthaltung (oder Resignation oder Verzweiflung oder alles zusammen) und die Frage, ob mein Partner, Therapeut oder sonst jemand mich überhaupt richtig verstehen kann, bzw. (was auf dasselbe hinausläuft) ob ich mich so ausdrücken kann, daß ich hoffen darf, jemals richtig verstanden zu werden. Auch hier ist es wichtig im Hinterkopf zu behalten, daß diese Überzeugung, diese Hoffnung oder Resignation hier und jetzt, also in der Gegenwart auftreten, und daß sie in den Dialog, in die Entdeckungen und das Experiment mit einfließen müssen; sie müssen ins Spiel gebracht werden, sowohl im Kontext der Therapie als auch im Leben des Paares.
Widerstand ist Information, ist die entscheidende Rückmeldung, und zwar im dialogischen System wie auch im Leben außerhalb der Therapie. Therapeuten wissen, daß die hartnäckigsten Probleme nicht durch den Widerstand hervorgerufen werden, sondern durch Resignation und Verzweiflung, durch den Verlust der Hoffnung, daß selbst der Widerstand noch produktiv auf das Feld einwirken könnte. In diesem Fall muß sich die therapeutische Arbeit zunächst auf die Förderung der Widerstandsenergie konzentrieren, sie muß die Verzweiflung auf die Ebene des Protestes heben, die gedämpfte Stimme würdigen und dazu einladen, jede Verletzung auszusprechen; aber das ist nur möglich, wenn man aufrichtig daran interessiert ist zu erfahren, was dem Klienten oder Partner hier und jetzt nicht gut bekommt – außerhalb des Rahmens klinischer Kategorien oder Urteile wie »überhöhte Ansprüche«, »Unreife« oder gar »Borderline« und »Narzißmus«. »Borderline« heißt ja eigentlich nur, daß jemand in diesem Augenblick durch mich eine unerträgliche Verletzung erfährt, gerade jetzt – während wir miteinander reden, und zwar so sehr, daß er eine bedrohliche Art von Selbstentfremdung erlebt. In diesem Fall ist es kaum hilfreich, ihn darauf hinzuweisen, wie schnell er in einen solchen Zustand gerät (Wie mein Mentor Edwin Nevis es ausgedrückt hat, ist das kein »lehrfähiger Augenblick,« abgesehen davon, daß der Betreffende meist selbst allzugut um seine Empfindlichkeit weiß.). Die Aufgabe besteht vielmehr darin, diesen Moment und diese Verletzung im Dialog zu verhandeln (oder als Lehrer und Therapeut den Prozeß des Paares zu begleiten). Mit Hilfe der phänomenologischen Sichtweise, durch die wir die Gültigkeit der bestmöglichen Konstruktion von Erfahrung und Bedeutung würdigen, derer der Klient im Augenblick fähig ist, finden wir unweigerlich die Stelle im Prozeß, an der wir den anderen verletzt oder verpaßt haben. Hier wird unser eigenes »Selbstsystem«, unser Zusammenhalt und unsere Grenze zum Thema; wir müssen uns entscheiden, ob wir erklären und uns verteidigen oder zuhören und uns dem anderen öffnen – womit wir eine weitere polare Dynamik der Paarbeziehung und des Lebens ansprechen.
Grenzen und »Energie«
Fast jede Art von Paar- und Familientherapie gebraucht das Wort Grenze in der einen oder anderen Weise, normalerweise allerdings, ohne den Versuch einer prozeßhaften Definition zu unternehmen und die therapeutischen Implikationen deutlich zu machen. In der Begrifflichkeit der Gestalttherapie bezeichnet Grenze einfach jeglichen »Unterschied im Feld«. Da unsere Wahrnehmung auf der Registrierung von Unterschieden beruht, sind Grenze, Wahrnehmung und Gewahrsein für den Prozeß ein und dasselbe. Und da unser »Feld« per definitionem ein phänomenologisches ist, also unsere Welt, wie wir sie sehen, bezeichnet Grenze alles, was »da draußen« für mich einen Unterschied darstellt. Und genau wie die Wahrnehmung, ist nach gestalttheoretischem Verständnis auch die Grenze nicht nur eine Markierung, ein passiv wahrgenommener Unterschied, sondern ist immer in ein zusammenhängendes Ganzes eingebaut; darin sehen wir die Bedeutung der Gestaltrevolution in der kognitiven Psychologie vor mehr als hundert Jahren. D.h. es gibt keine Wahrnehmung, keine Erkenntnis eines Unterschiedes oder einer Grenze ohne Bedeutung, keine Loslösung oder »Entbindung« der Wahrnehmung selbst oder »dessen, was wir sehen« von seinem Platz und seinem Wert innerhalb des gesamten Feldes oder »Lebensraumes« (um noch einmal auf Lewins bekannten Begriff zurückzugreifen). Grenzen zu schaffen und Bedeutung zu schaffen ist auf der Prozeßebene ein und derselbe konstruktivistische Akt, es ist der Prozeß, der unserer menschlichen Natur entspricht (»menschliche Natur« als das, was wir nicht nicht-tun können).
Was aber sind zu einem gegebenen Zeitpunkt die »bedeutsamen Unterschiede« für den Partner oder einen anderen Menschen? Die Antwort des Gestaltpsychologen Kurt Lewin lautet: das Bedürfnis organisiert das Feld. Das, hinter dem du her bist, was du erreichen willst – in diesem Moment, oder im Leben insgesamt – bestimmt den positiven oder negativen Wert dessen, was du in der Welt siehst (auch hier zeigt sich die Identität von Sehen und Bewerten aus gestalttherapeutischer Sicht). Das ist natürlich eigentlich nur eine andere Ausdrucksweise für denselben Gedanken, den wir im vorherigen Abschnitt entwickelt haben: wir organisieren das »Feld« hinsichtlich dessen, was für uns Bedeutung hat, d.h. wir lenken unsere Aufmerksamkeit darauf, wählen Teile aus, bewerten sie und setzen sie in Beziehung zu einem organisierten Ganzen, zu einem Zielzustand. Tun wir das nicht, dann ist unser Verhalten rein zufällig oder aber eine permanente Wiederholung, was auf dasselbe hinausläuft; in jedem Fall erhalten wir ein Muster oder das Fehlen eines Musters, das wir als pathologisch betrachten.
Bei den meisten Paaren und Klienten, die unter weniger starken Störungen leiden, können wir beobachten, daß unklare Grenzen – in bezug auf das Selbst, auf Gefühlszustände oder in bezug auf die Frage: Wer ist wer, und wer will was? – unklare und unbefriedigende Lebensläufe hervorbringen. Legt man das Bild zugrunde, das
