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Beschreibung

Lassen Sie sich überraschen von einem bunten Kaleidoskop aus Geschichten über das Hachinger Tal, was dort so oder auch anders ist, sein wird oder hätte passiert sein können. Frei erfunden oder doch hart an der Realität. So vielseitig wie imaginär auch das gestrandete Treibgut am Hachinger Bach ist, so farbig sind auch unsere Geschichten. Reiten Sie mit Buffalo Bill durch den Forst, bestaunen Sie das UFO im Landschaftspark, steigen Sie zum gläsernen Octahedron hinauf. Eine Abkühlung im Schwimmbad ist auch vorgesehen. Oder ziehen Sie es vor, in den Bach zu springen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Alle handelnden Personen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind Zufall

und keine Absicht.

Inhaltsverzeichnis

Vorneweg

Michael Fromholzer

Buffalo Bill in Unterhaching

Fluffig

Die Erstbesteigung des Perlacher Mugl

Die Tiefgarage

Kristin Windisch

Auf und davon

Nixensage

Corona-Spaziergang

Ein normaler Schultag

Reinhold Glasl

Gigantopolis

Letzter Versuch

Erlösung unerwünscht

Näxts Moi – Unddahaching

Viktoria Sonblum

Schokolade macht glücklich

Rittertreffen

Sonntagsausflug

Daniel Brodski

Verstehen Sie Spaß?

Die Versicherung

Thermobecher und Bollywood

Ein verrückter Tag oder Kleider machen Leute

Claudia Semmler

Ding Dong, 3 Minuten vor dem Badezimmerspiegel

Es ist still geworden in meinem Herzen

Stefan Franck

Der Unsichtbare

Liyahs Weg

Gertraud Schubert

Flavia

Der fünfte Ludwig

Frau Bach

Die Müllerstochter von Haching

Erlkönig 2020

Eisenhut und Stechapfel

Das Feenschloss im Rodelberg

Kilian Winter

Elevator-City

Fundstück – Jedem Topf seinen Deckel

Laterne, Laterne

Wahrheit oder Pflicht

Der Elefant in der Wasserrutsche

Manchmal gibt’s ein Happy End

Vorneweg

Bestimmt sind Sie schon einmal am Hachinger Bach gestanden und haben sich gewundert, was so alles vorbei schwimmt. Die Hachinger Autoren – ein bunter Haufen von Schreibwütigen zwischen 16 und 70 Jahren – haben ihre Netze ausgelegt und das Treibgut aufgefischt. Die Sammlung ihrer Schätze, 36 Geschichten, kurze, lange und ganz lange, breiten sie hier vor Ihnen aus: Nachdenkliches, Märchenhaftes, Skurriles, Lustiges, Romantisches – sogar Corona taucht auf. Schon stecken Sie mittendrin in einer Zeitreise, die Sie aus der Zukunft in die Vergangenheit schleudert und wieder zurück in die Gegenwart.

Ob Perlacher Mugl, das Erdbeerfeld oder das Schwimmbad – Sie werden danach das Hachinger Tal mit anderen Augen sehen als gestern.

Alle Autorinnen und Autoren leben im Hachinger Tal oder haben zumindest einige Zeit hier verbracht. Trotz Umzug nach Berlin oder Schwaben ist die Verbindung nicht abgerissen.

Auch neue Mitschreiber sind herzlich willkommen.

Wenn Sie uns kennenlernen wollen, schauen Sie auf unseren Blog oder unsere Facebook-Seite.

https://hachingerautoren.wordpress.com/ oder

https://www.facebook.com/HachingerAutoren/

Dort finden Sie die Termine und den Ort unserer Treffen (einmal im Monat) sowie die monatliche Schreibaufgabe.

Wir bedanken uns beim Agenda-Treffpunkt, der uns den Raum für unsere Treffen seit vielen Jahren zur Verfügung stellt.

Danke an Sabine fürs Korrekturlesen, an Klaus-Peter für das Layout und an Kristin für das Umschlagbild.

Mein ganz persönlicher Dank geht an meine Mitschreiber. Ihr habt Euch von Eurer besten Seite gezeigt. Es ist einfach toll, mit euch nach unserem ersten gemeinsamen Buch "Bananen bremsen nicht" jetzt auch noch "gesterndanach-mittendrin" auf die Beine gestellt zu haben.

Unterhaching, November 2020

Gertraud Schubert

Herausgeberin

Michael Fromholzer

Buffalo Bill in Unterhaching

Traudl Tischlinger sitzt da mit ihrer Tasse Kaffee im Herrgottswinkel, zeigt stolz auf ein Foto, lacht und sagt: »Er war hier, natürlich war er hier.«

Es gibt keinerlei Beweise, dass er tatsächlich hier gewesen ist. Nur eben dieses Foto, dieses schlechte Foto. Das zeigt Buffalo Bill vor der St. Korbinianskirche. Oder eben angeblich den Buffalo Bill.

»Vergleichen Sie bitte dieses alte Foto! – Übrigens«, sagt sie jetzt, »ist dieses Familienbesitz.« Ihr Großvater habe es damals fotografiert, so die Überlieferung. Und dass sie dieser Buffalo Bill und überhaupt der Wilde Westen im Allgemeinen nie losgelassen habe.

»Vergleichen Sie nur das Foto mit dieser sehr guten Photographie von Buffalo Bill!« Sie zeigt dabei auf ein anderes Foto in einem amerikanischen Buch. »Da sehen Sie doch dieselben Gesichtszüge. Ebenso ist die Statur doch nicht zu übersehen.«

Wir fragen nach, wie denn Buffalo Bill überhaupt hierher gekommen sein soll?

»Vielleicht«, sagt sie, »haben Sie schon einmal von seiner Wildwest Show gehört? Mit dieser war er auf Europatournee und sie führte ihn vom 19. April bis zum 5. Mai 1890 eben nach München auf die Theresienwiese. Dort hielt er seine Wildwest Show ab.« Ihr Großvater Korbinian habe die Show besucht und dann dieses Foto vor der Korbinianskirche gemacht. Darum sei das Foto so wichtig.

»Mein Großvater«, fügt Frau Tischlinger jetzt hinzu, »hat uns Enkelkindern oft die Wildwest Show ausgemalt.« Und dass er wirklich verdammt gut erzählen hat können, der Korbinian. Einige Wortlaute habe sie noch heute in Erinnerung. Sie zitiert ihn:

»Der Indianerüberfoil, grad so weggschossn hamses, die Rothäute und der ander is mitm Tomahawk kemma, wollt an Buffalo Bill – mia ham eahm oilweil Ochsen-Willi ghoaßn – wollt an Willi daschlogn, na hat er eahm mit da Pistoln as Hirn ausse gschossn.« Und dass ihre Mutter den Großvater immer ermahnt habe, nicht so brutal zu erzählen.

»San doch koane Butzerln mehr«, hat er dann immer gesagt. Traudl Tischlinger ist nicht mehr zu bremsen, sie erzählt weiter als wäre sie selbst dabei gewesen:

»Wias d‘Rindviecher mitm Lasso eigfanga ham, na hats a paar Buam vom Pferdl obighaut. Mitzogn hamses de Viecher durch den Baaz, weils grengt hot, und plötzlich sans aufgstandn, de Buam, und ham wieda a Kroft ghobt und hams doch no gfangt, die Rindviecha. Und de Indianer ham tanzt, aber a Schuhplattler war eam liaba, dem Korbinian.«

Am Kachelofen haben sie und ihr Bruder diese Geschichten besonders gern gehört. Und sie habe schon immer von einem eigenen Pferd geträumt. Wildwest am Kachelofen und Großvater erzählt – ein Kindheitstraum also.

Aber wie ist der Ochsen-Willy denn nun nach Unterhaching gekommen? Traudl Tischlinger überlegt nicht lange. An den Vormittagen vor der Show habe der Ochsen Willy lange Ausritte gemacht, so wurde erzählt. Da sei er an der Isar entlang geritten, ja die Isar muss für ihn so was wie der Rio Grande gewesen sein. Mit dem Pferd durch die Isar, eben an einer seichten Stelle. Vielleicht beim Fort Grünwald vorbei. – Sie sagt tatsächlich Fort Grünwald. – Oder schon an der Marienklause hinauf und weiter durch den Perlacher Forst. Und wie sie das so erzählt im Herrgottswinkel von den Ausritten, da sieht man ihr an, dass sie selbst gerne ein Pferd gehabt hätte.

Über die Wiesen und Auen muss er weiter geritten sein, da wo heute das Ortszentrum, der Ortspark ist, direkt auf den Turm von St. Korbinian zu.

»Und so is er daher kemma auf seim Roß, da Ochsen-Willy«, diese Worte ihres Großvaters hat die Traudl immer noch im Ohr. Nach einem kurzen Gespräch habe er ihn fotografiert und sie habe eben dieses Foto noch heute.

Woher denn seit jeher diese Faszination von Wildwest und Buffalo Bill rührt?

»Ach das«, winkt die Traudl ab, »mein Bruder Josef und unsere Freunde haben als Kinder im Wald, im Perlacher Forst, immer schon Überfälle aller Art gespielt – Verfolgungsjagden, Indianerüberfälle, Banküberfälle, Räuber und Gendarm. Über den Gartenzaun – und wir waren im Wald und spielten los. Auch auf den nahen Feldern liefen wir rum.«

Und dass sie es liebten nicht nur bei Sonne draußen zu sein. »Kaum hatten wir im Geschichtsunterricht über den amerikanischen Bürgerkrieg gesprochen, so spielten wir auch diesen nach.«

»Wir waren in der Natur«, betont sie jetzt. »Die Wiesen im Forst waren die Prärie, und über die Felder haben wir die Alpen gesehen, so waren das die Rocky Mountains.« Und ihre Augen leuchten, eine Art Heimatliebe und glückselige Erinnerung in ihrem Blick und ihrer Stimme.

Heimlich habe sie nachts unter der Bettdecke die Western Comics ihres Bruders gelesen, später Karl May und Bücher über die amerikanische Siedlergeschichte.

»Ich wollte nicht nur in die Geschichten meines Großvaters eintauchen.« Diese Wild-West-Welt, sagt sie, wäre ein Teil von ihr geworden.

Westerngeschichten am Kachelofen und Kriegsspiele im Perlacher Forst, eine behütete Kindheit in Unterhaching also. Und natürlich sei Buffalo Bill durch das Foto von ihrem Großvater Korbinian auch ein Stück Familiengeschichte. Auch wenn es ein schlechtes Foto sei, das, wir fragen vorsichtig nach, aufgrund seiner Qualität naturgemäß keinen Beweis darstellen könne.

Traudl Tischlinger sitzt in ihrem Herrgottswinkel mit ihrer inzwischen kalt gewordenen Tasse Kaffee. Sie zeigt auf die dreckige Photographie und lächelt:

»Er war hier! Natürlich war er hier. Ich weiß es.«

Fluffig

(inspiriert durch »Der Fänger im Roggen«)

Sie hat immer von dem Erdbeerkuchen ihrer Mutter geschwärmt, aber ich sollte wohl von Anfang an erzählen, falls Sie das überhaupt interessiert.

Ich kannte sie vom Sehen, als sie neu in unsere Klasse im Lise-Meitner-Gymnasium kam. Sie wohnte erst seit Anfang der Sommerferien am anderen Ende der Robert-Koch-Straße, in der ich aufgewachsen war. Sie kam von Hamburg oder Bremen oder Stuttgart mit ihren Eltern hierher. Ihr Vater wurde versetzt, sie hat mir sonst nie viel über ihn erzählt.

Es gab einen Supermarkt in der Nähe, in dem ich oft einkaufte, und da habe ich sie wohl ein paar Mal gesehen. Vielleicht haben wir uns gegrüßt, aber das weiß ich, verdammt nochmal, jetzt nicht mehr. Sie stand also etwas schüchtern rum, als die Lehrerin sie vorstellte. Das Schüchtern-Sein war eigentlich überhaupt nicht ihre Art, aber da hörte ich zum ersten Mal ihren Namen. Daniela. Ihr wurde ein Platz direkt vor mir zugewiesen.

Ich starrte also ständig auf ihren Hinterkopf und ihr verflucht schönes Haar. Das haute mich jedes Mal um. Und wenn sie dann beim Lehrerwechsel oder auch mitten in der Stunde die Haare schnell zu einem Zopf flocht, wurde der Blick auf ihre Schulter frei. Ich meine, sie saß da jeden Tag vor mir und ich konnte das halt gut beobachten. Echt jetzt, schöne Haare werfen mich immer um.

Wir haben dann schnell festgestellt, dass wir den gleichen Heimweg über den Pittinger Platz haben und so haben wir dann angefangen uns zu verstehen.

Wir konnten gut miteinander quatschen. Ich meine, das ist schon komisch, dass ich mit einem Mädchen so gut quatschen kann. Die meisten fangen dann mit irgendeinem Mist an, der mich überhaupt nicht interessiert. Oder sie stellen sich als verlogen heraus.

Nicht, dass ich Mädchen nicht mag. Nein wirklich, im Gegenteil. Ich kenne auch echt blöde Lügner- und Angeberjungs. Der Frank zu Beispiel, redet immer zu mir, ich sei sein bester Freund und so weiter, aber zu seinem Geburtstag hat er mich nie eingeladen. Da war immer nur der saublöde Björn zum Feiern gekommen. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt hingegangen wäre zum Frank. Ich dachte, wenn mich Daniela zu ihrer Geburtstagsfeier einladen würde, ich würde echt sofort hingehen.

Auf alle Fälle, mit Daniela konnte ich gut quatschen und Quatsch machen. Und irgendwann nahm ich einfach Mal ihre Hand beim Heimgehen. Nur ihre verdammte Hand, weiter nichts. Sie erzählte mir schwärmend von dem guten Erdbeerkuchen ihrer Mutter.

»Immer frisch und immer fluffig«, sagte sie. Sie verwendete echt das verdammte Wort fluffig, das hat mich umgehauen. Und ich hätte gut Lust gehabt, jetzt einen zu essen. Sie sagte danach zum Abschied, ich solle doch einmal zum Lernen vorbeikommen, in Deutsch haben wir ja nächste Woche Schulaufgabe. Nicht, dass wir beide schlecht in Deutsch gewesen wären, wir mochten es sogar. Und genau darum war das eine super Idee.

»Morgen?«, fragte Daniela mich.

Ich antwortete: »Morgen passt.« Ich hatte sie heimbegleitet und ging ans andere Ende der Straße zurück. Irgendwie konnte ich mich kaum konzentrieren. Ich freute mich wirklich verdammt, mit ihr zu lernen.

Am nächsten Tag gingen wir nach der Schule wie immer zusammen heim und wir trafen uns tatsächlich am Nachmittag zum Lernen. Ihre Mutter war wirklich nett, sie fragte immer, ob wir was trinken wollten und stellte uns Limonade und Kekse hin, falls das jemanden interessiert. Ich mochte ihre Mutter, ihren Vater habe ich nie gesehen.

Ich meine, wir lernten wirklich verflixt gut miteinander und es war ein herrlicher Nachmittag. Vor allem, weil wir danach noch im Ortspark in der Abendsonne saßen. Wir schauten den Enten mit ihren frisch geschlüpften Jungen zu und ich hielt ihre verdammte Hand.

Es war einfach zu drollig mit den Enten. Die schwammen als richtige Familie über den See. Na ja, See ist übertrieben, aber die Enten waren verflixt nochmal eine echte Familie.

Wir saßen einfach da und schauten und ich hielt immer noch ihre Hand. Wir schwiegen und lachten.

»Darf ich?«, fragte sie und legte den Kopf auf meine Schulter, ohne meine Antwort abzuwarten. Das haute mich echt um, dass sie das einfach gemacht UND gefragt hat.

Wie wir so da saßen, fragte ich sie nach ihrem Vater. Sie antwortete nicht. Und rührte sich nicht. Ich fragte, ob er heute vielleicht geschäftlich unterwegs sei. Ich meine, wir gingen fast jeden verfluchten Tag zusammen heim und heute war ich beim Lernen bei ihr und jetzt saßen wir hier und ich darf doch echt nach ihrem Vater fragen. Hab ihr doch auch viel über meine Familie gesagt.

»Warum zum Teufel«, dachte ich, »antwortet sie nicht.« Und da sah ich es: Sie weinte.

Ich nahm sie in den Arm und küsste im Gesicht ihre Tränen weg, überall küsste ich sie weg, auf der Wange, am Hals, auf der Nase, weil sie, verdammt nochmal, nicht aufhören konnte zu weinen. Mit meiner Hand strich ich durch ihr Haar und übers Gesicht. Vielleicht beruhigt es sie, wenn ich sie küsse und ich wollte es gerade tun, da drehte sie sich weg. Einfach weg. Beinah hätte ich sie verdammt nochmal geküsst, aber ich ließ sie einfach so in meinen Armen liegen und hielt sie fest.

Irgendwann stand sie auf und wir gingen heim, schauten nochmals zu den Enten, aber sie waren nicht mehr da. Auf dem Weg redeten wir kaum etwas, ich brachte Daniela nach Hause. Und da stand sie vor ihrem Haus und sagte einfach: »Danke.«

Da hätte ich beinah angefangen zu flennen, falls das jemanden interessiert. Ich meine, das war wirklich herzzerreißend, dieser ganze gottverdammte Nachmittag mit ihr. Und jetzt stand sie da und sagte danke, das muss man echt erlebt haben.

Irgendwann hörte ich, ihr Vater sei plötzlich schwer erkrankt. Ob er damals noch lebte, ich weiß es verdammt nochmal nicht.

Am nächsten Tag war irgendetwas mit ihr anders, sie war zwar irgendwie schon wie immer, etwas war, zum Teufel nochmal, anders mit ihr. Wir gingen zusammen heim, das schon, aber es gab eine leichte Distanz zwischen uns. Sie ließ mich sogar ihre Hand nehmen, ich fand, sie fühlte sich schwerer an. Zu fragen traute ich mich nicht, ich wollte sie doch nicht wieder weinen sehen.

Warum ich gerade jetzt an den Erdbeerkuchen ihrer Mutter denken musste – den ich nie gekostet habe – kann ich nicht sagen. Mir fiel aber das Wort ein, das Daniela dafür verwendete: fluffig. Daniela war nicht mehr so fluffig. So schlug ich einfach vor, sie solle heute zu mir kommen. Und das bejahte sie. Ich glaube, das baute sie etwas auf, ein Anflug eines Lächelns war auf ihrem Gesicht und mich baute es gleichfalls auf.

Daniela kam mit dem Rad zu mir, ein bisschen lernten wir, aber es war anders. Ich meine, als ich bei ihr war, lief es leichter. Nicht, dass wir uns schwer getan hätten mit den Hausaufgaben, dem Lernen und dem ganzen verflixten Schulzeug. Beide schienen wir etwas unaufmerksamer als sonst. Wir machten Fehler, genau jene, die wir oft bei dem anderen verbessert hatten.

»Wir könnten noch etwas im Perlacher Forst radeln«, sagte ich zu ihr.

»Die Luft und die Bewegung«, so dachte ich, »könnten uns etwas ablenken.« Und genau das taten wir.

Wir fuhren eine Weile parallel und plötzlich fing Daniela an wie vom Teufel geritten zu radeln. Sie strampelte, als ginge es ums nackte Überleben. Ich meine, so kannte ich sie nicht, dass sie plötzlich ganz wild wurde und so. Natürlich wollte ich sie einholen und fing ebenfalls an verflucht schnell zu radeln.

Wir machten echt ein Wettrennen durch den Perlacher Forst. Die Bäume und Wiesen strahlten im Abendrot, ein leichter Wind ließ ihr wundervolles Haar wieder flattern durch die Lüfte. Wir waren zwei wildgewordene Radler im abendlichen Forst. Es war wunderbar, eine Befreiung. Die ganzen Tränen, die ganze Distanz strampelten wir schlichtweg ins Nichts.

Auf einer Waldwiese legten wir uns außer Atem hin. Wir lagen, verdammt nochmal, einfach da. Einfach nebeneinander. Der Wind rauschte, wir keuchten und die wehenden Gräser streiften uns im Gesicht. Ihre Hand hielt ich nicht, dennoch war es, als täte ich es. Wir spürten einander im wehenden Gras.

Die Erstbesteigung des Perlacher Mugl

Wohl kaum eine andere Erstbesteigung dürfte historisch soweit zurückgehen wie diese: Es war weder die erste Erstbesteigung in der Geschichte des Alpinismus, noch eine sehr frühe. Der Perlacher Mugl ist heute nach der Erschließung seiner Erstbesteigung ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer und Mountainbiker. Vom Pavillon am Gipfel genießt man einen herrlichen Blick auf die Alpen.

Die Umstände, die dazu führten, gehen nämlich auf Ereignisse lange vor der Entstehung des Mugls zurück. Zunächst war auf dem heutige Gelände der sogenannten Ami-Siedlung die Wagen- und Maschinenfabrik Gebrüder Beißbarth OG. Keiner der Leser wird sich wohl heute daran noch erinnern können.

Später dann, 1934, wurde das Gelände von der NSDAP genutzt. Nach Kriegsende 1945 wurde das Gelände durch die US Army besetzt, wie so vieles in Deutschland, gerade im bayrischen Raum. Die Amerikaner erinnerten sich ihres tapferen Soldaten Francis Xavier McGraw, der am 19. November des Jahres 1944 bei Schevenhütte während der Schlacht am Hürtgenwald gefallen war. Und sie nannten die Kaserne nun McGraw-Kaserne und bauten diese erheblich aus.

Da diese ein städtebauliches Hindernis darstellte, beschloss man 1970 die Kaserne mittels des McGraw-Grabens zu untertunneln, genauer gesagt zu unterführen, damit die Münchner schneller in die Berge und von dort zurück kommen können.

Und jetzt erst beginnt so richtig die Geschichte des Perlacher Mugls und seiner Erstbesteigung. Mit dem Aushub des Grabens und dem Bau einer U-Bahn Haltestelle in Obergiesing wurde nämlich der Perlacher Mugl im Perlacher Forst aufgeschüttet. Man entschloss sich, zwei Bunker aus dem 2. Weltkrieg, die im Perlacher Forst standen, mit genau diesem Aushub zu überschütten.

Noch viel länger davor war es eine Jagdwiese für die Wittelsbacher, die dort in der Nähe im 18. Jahrhundert ein Jagdschloss besaßen. Sie sehen also, ohne das Jagdschloss, den 2. Weltkrieg und die US Army hätte es weder den Perlacher Mugl noch dessen Erstbesteigung gegeben.

Jemand der diese Geschichte äußerst interessiert verfolgte, war der in Indien geborene und später nach Unterhaching gezogene Peter W. Ramid. Als er 1970 in Mumbai nämlich erfuhr, dass ein neuer Berg im Perlacher Forst gebaut wurde, war er sofort Feuer und Flamme. Peter W. Ramid hatte extreme wie hochalpine Erfahrungen mit neuen Routen und spektakulären Besteigungen, nicht nur im Himalaya. Er hatte die Welt des Alpinismus in den 1960er Jahren in Aufruhr versetzt.

Ausbeutung des Gebirges und Sensationslust, mediensüchtig – dies alles waren Vorwürfe, denen sich Peter W. ausgesetzt sah. Die gesamten Alpinisten der Welt, auch Reinhardt Mosner, Heinz Kummerländer, Gertraud Kaltenberger und weitere Stars der Szene, hatte er gegen sich. Der Bürgermeister von Mumbai erklärte ihn zur Persona non grata und so kam ihm das beschauliche Unterhaching gerade recht. Er packte seine Sachen und seine gesamte alpine Ausrüstung ein, nahm einen Direktflug Mumbai – Mugl mit der Mugl Airline ohne Umsteigen in München zum Flugplatz Neubiberg. Dieser grenzt an das Gemeindegebiet von Unterhaching an.

Dort auf dem Fliegerhorst schlug er sein Lager mit Genehmigung des Militärs auf. Mit Hilfe des Militärs, das ihm genaue Karten zur Verfügung stellte, plante er seine Route. Er erkundigte sich über lokale Besonderheiten und ließ sich von einem General mitsamt seiner Ausrüstung direkt an den Fuß des Mugls fahren. Hier schlug er erneut sein Lager auf. Und da sah er es erst: um auf den Hauptgipfel zu gelangen war ein Aufstieg über einen niedrigeren Vorhügel auf der Nordseite nötig. Zum Hauptgipfel musste er also zuerst wieder absteigen, um diesen dann direkt erreichen zu können. Er beschwerte sich beim General über das ungenaue – wohlgemerkt militärisch schlechte – Kartenmaterial. Dieser jedoch urteilte, das sei heute militärisch uninteressantes Gebiet.

Daraufhin umrundete Peter W. Ramid im Alleingang das Massiv des Mugls um einen exakten Überblick über die alpine Lage zu haben. Der direkte Anstieg des auf der Südseite gelegenen Hauptgipfels schien ihm zu steil und unwegsam. Er kehrte nach der Umrundung niedergeschlagen in sein Lager zurück. Auch das Wetter spielte nicht mit, es regnete tagelang. Er wartete und wartete am Fuße des Mugls. Tagelang.

Natürlich führte Peter Tagebuch und zeichnete dort auch klimatische Bedingungen auf. Er beobachte die Wolken und die Bäume im Wald. Die Flora und Fauna erlebte er aus nächster Nähe und er führte seismographische Untersuchungen durch. Er befürchtete vom nahen McGraw-Graben Erschütterungen. So glaubte er sich ähnlichen Bedingungen ausgesetzt wie beim San-Andreas-Graben in San Francisco. Es entstanden exakte, topographische Berichte über Geologie, Tierwelt und Klima im Hachinger Raum. Diese wären heute sicher sehr wertvoll, doch der anhaltende Regen machte sie unlesbar.

Schlagartig änderte sich das Wetter, es wurde richtig schön. Er beobachte den Himmel einige Tage und da er ein gutes Gedächtnis hatte, was seine Aufzeichnungen betraf, glaubte er starten zu können. Weiterhin blieb es schön. Peter W. Ramid stieg bei wunderbarem Wetter an der Nordflanke hoch. Der Aufstieg war dennoch beschwerlich, da der Weg auf der schattigen Nordseite unwegsam und vom Regen her – trotz anhaltender Sonne – noch aufgeweicht und sumpfig war. Er seilte sich an. Aber seine alpine Erfahrung kam ihm hier natürlich zugute. Den Vorgipfel auf der Nordseite erreichte er ohne Zwischenfälle. Ob er den Abstieg um an den Hauptgipfel zu gelangen, noch wagen sollte, überlegte er jetzt. Da er aber sich doch nicht so mit den örtlichen Bedingungen vertraut fühlte wie angenommen und wie es aus seinen Aufzeichnungen wohl zu schließen gewesen wäre, verschob er sein Vorhaben auf den nächsten Tag.

Am nächsten Tag blieb es schön. Ein fachmännischer Blick auf die Wolken und er urteilte sein am Vorabend abgebrochenes Vorhaben heute starten zu können. Natürlich hatte er auch was Wolken betraf hochalpine wie meteorologische Erfahrungen, schließlich dürfen wir trotz der Strapazen hier am Perlacher Mugl nicht vergessen, dass Peter W. Ramid sämtliche Achttausender im Himalaya-Gebiet bereits bestiegen hatte. Nun, der Abstieg gefiel ihm außerordentlich. Den Hauptgipfel immer im Blick, doch er wusste genau, jene alpinen Ziele, die so nah erscheinen, würden lang und beschwerlich werden.

Zunächst gestaltete es sich einfacher als gedacht, und er konnte jetzt die Landschaft und Natur genießen. Die Flora und Fauna, die seltenen und vorher nie gesehen Pflanzen nahm er erst jetzt richtig wahr. In seinen Aufzeichnungen war dies eher wissenschaftlicher Natur gewesen. Er spürte jetzt – trotz des nahen und möglicherweise beschwerlichen Aufstiegs – eine Leichtigkeit, und er war von Rotkehlchen, Eichhörnchen und Maulwürfen fasziniert. Letztere hatten wohl den Perlacher Mugl schon bestiegen. Im Himalaya hatte er diese Tiere noch nie gesehen. Unbeschwert und fröhlich erreichte er die Senke vor dem Hauptgipfel.

Da er den Abstieg langsam gegangen war, was sicher auch den zermürbenden und dem beschwerlichen, nordseitigen Aufstieg geschuldet war, entschied er, den finalen Anstieg am nächsten Tag zu bewältigen. Außerdem fand er, er könne beim Anstieg in Zeitverzug geraten und er wollte nicht, dass es finster wurde und er sich womöglich noch verirrte. Oder gar die Bergwacht rufen. So schlug er sein Lager in der Senke zwischen den beiden Gipfeln auf. Das Wetter blieb bärig – ein Begriff, der ihm ebenso wenig bekannt war, wie das kommende – ein leichter Wind stellte sich gegen Abend ein. Womit Peter W. Ramid allerdings genauso wenig vertraut war wie mit Eichhörnchen, waren die Fallwinde.

Und so kam es, dass der am Nachmittag noch leichte Wind sich im Laufe des Abends zu einem hier allseits bekannten Phänomen entwickelte: dem Föhnsturm. Peter bekam es nun wirklich mit der Angst zu tun. Der Föhnsturm rüttelte an seinem Zelt, wie er es selbst aus seinen extremen Erfahrungen aus dem Himalaya nicht für möglich gehalten hätte. Und so harrte er abermals unter radikalen und für ihn unbekannten, lokalen Umständen, in seinem Zelt, wenige Meter vor dem Hauptgipfel des Mugls aus. Da er aus seinem Erfahrungsschatz schöpfen konnte, gelang es ihm rechtzeitig das Zelt entsprechend zu sichern.

Der Föhnsturm dauerte die ganze Nacht und in der Senke war er diesem logischerweise auf frappante Art ausgesetzt. Nie hätte er sich träumen lassen, jemals wieder unter derartigen Umständen kurz vor einem Gipfel zu biwakieren. Wieder war er ermattet, niedergeschlagen und es trieb ihn nicht nur die Sorge um, jemand anders könnte ihm diese Erstbesteigung streitig machen, sondern auch jene um das nackte Überleben.

Sein entsprechender Scharfsinn aber veranlasste ihn hier, nicht um der Erstbesteigung willen zu handeln, sondern diese äußerst angespannte Situation, so gut er es gewohnt war, hinzunehmen. Vor wie vielen Achttausendern war er zunächst gescheitert, weil ihn derartige Umstände daran gehindert hatten. So erinnerte er sich beispielsweise an eine vergleichbare Situation am K2, wo er schon glaubte, er müsse mit seinem Leben bezahlen. Der Sturm am K2 erschien ihm ähnlich unüberwindbar wie jetzt hier am Perlacher Mugl. Es tobte und heulte.

Und es kam noch schlimmer: jene Föhnwolken, die er am Nachmittag naturgemäß nicht zu deuten wusste, da er nicht vertraut mit dieser Wolkenformation war, weiteten sich zu einem Hagelsturm aus. Sein Zelt wurde durchlöchert, es war zwar schneesicher, aber diese riesigen Körner hielt es nicht aus. Derartige tennisballgroße Körner hatte er selbst im Himalaya noch nie erlebt. Er wusste natürlich, dass auch diese im Himalaya-Gebiet durchaus auftauchen konnten, doch kannte er dort besser die Wolken und sonstigen meteorologischen Bedingungen als hier im Voralpenraum. Seine Kleidung wurde durchnässt. Er bekam Platzwunden durch die überdimensionierten Hagelkörner.

Es war grauenvoll, so kurz vor dem Gipfel möglicherweise zu scheitern. Peter W. Ramid konnte nichts anderes zu tun als warten und ausharren. Natürlich versuchte er mit seinem Funkgerät SOS-Signale zu senden und die Bergwacht zu erreichen, doch das Unwetter machte jegliche Frequenz unmöglich. Er zitterte und bangte um seine nackte Existenz. Später sollte er einmal sagen, dies sei eine der schlimmsten Situationen in seiner gesamten alpinen Erfahrung.

So wie jeder Sturm sich legte, legte sich aus dieser. Doch an einen Anstieg war nicht zu denken, der Weg war von den riesigen Hagelkörnern unpassierbar geworden. Und so wurde er abermals genötigt, sein Vorhaben aufzuschieben. In seiner nassen Kleidung fror er, doch da der Sturm sich gelegt hatte und die Aussichten auf den Aufstieg sich gebessert hatten, entschied er sich dagegen umzukehren oder erneut Hilfe zu rufen. Er zündete ein Lagerfeuer an und gottlob hatte er genügend Vorräte dabei. So wurde ihm empfohlen, sei er in einer Notlage, so könne er die Weißwürste aus der Konservendose am Lagerfeuer kochen und diese dann verzehren. Das, so wurde ihm gesagt, kann Wunder bewirken. Sehen wir es ihm nach, dass er sich nicht an die Tradition hielt, diese vor dem Zwölfuhrläuten zu verspeisen.

Und so geschah es: Nach zwei Tagen war er wieder trocken, ihm gelang es auch während sonniger Abschnitte seine Wäsche im Wind zu trocknen. Da fühlte er sich an die Gebetsfahnen im Himalaya erinnert. Diese alte Tradition bestärkte ihn, sein Vorhaben durchzusetzen. Bayrische und tibetische Traditionen haben also diese Erstbesteigung möglich gemacht.

Von diesen Bräuchen beseelt, startete Peter W. Ramid motiviert die letzten finalen Meter zum Hauptgipfel des Perlacher Mugls. Das Wetter blieb günstig. Da der Weg steil war, benötigte er ein Steigeisen, an den eher schattigen Stellen war der Weg noch etwas schlammig. Er seilte sich an. Er kam mäßig voran. Der Aufstieg zog sich hin, die steile Flanke war aber dennoch nicht unmöglich.

Schritt für Schritt erlangte er plötzlich und unerwartet den Gipfel. Er strahlte und war überwältigt ob der Aussicht und seines Erfolges. Das Wetter hatte aufgeklart und so genoss er einen spektakulären Ausblick auf die Alpen. Vor ihm erstreckte sich die gewaltige Ausdehnung des Perlacher Forstes in alle Himmelsrichtungen und dahinter thronten fast uneinnehmbar die Alpen. Er schmeckte eine Träne, und als er die Alpen in der Ferne sah, war sein Jagdinstinkt wieder geweckt. Er sollte noch viele Gipfel der Alpen unter weniger dramatischen Umständen besteigen.

Der einzige Beweis für die Erstbesteigung des Mugls ist dieser Bericht von einem Freund, der Peter W. Ramid sehr gut kannte. Heute steht ein Pavillon auf dem beliebten Aussichtsberg, dort wird über die regionale Wald- und Forstgeschichte bis zurück zur Eiszeit erzählt. Es erinnert nichts mehr an Peter W. Ramids große Leistung, nichts mehr an seine Strapazen und Todesängste.

Nicht einmal ein Eintrag im Gemeinde Archiv.

Die Tiefgarage

Manchmal bläst der Wind den Sound des Hachinger Stadions durch den Ort, man hört das Raunen nach einer verpassten Chance oder das Trommeln der Fans. Oder den Klang des Bürgerfestes, verwehte Versatzstücke der Blasmusik durch Unterhaching. Doch dieses Jahr schwieg Unterhaching. Denn da herrschte der Lockdown: Kein Trommeln der Fans, keine Blasmusik, kein traditionelles Feuerwerk am letzten Tag des Bürgerfestes – Unterhaching war still.

Doch wie nach jeder Stille, wie nach jeder Ruhe, so kommt der Sturm zurück. Vielerorts in Deutschland gab es Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Da wollte Unterhaching in nichts nachstehen. Zumal dort der Landschaftspark ideale Bedingungen bot für eine Massen-Demonstration. Die Sicherheitsabstände könnten dort gut eingehalten werden, so hieß es. Die Anti-Corona-Demonstration am 13. Juni 2020 wurde genehmigt. Ebenfalls genehmigt wurde, dass die Demonstrierenden zum Rathausplatz ziehen durften. Die Teilnehmerzahlen explodierten. Manche sollen sogar bis aus der Hauptstadt hergekommen sein.

Natürlich gab es Ansprachen von Professoren, die alles für Humbug hielten, die alles ins Lächerliche zogen. Die unsinnigen Maßnahmen! Die Wahrheit sei einzig und allein, den Lockdown habe es nur gegeben, um Kinder zu entführen, um aus deren Blut einen Verjüngungstrank zu brauen.

»Während Sie zu Hause eingesperrt waren, wurden ihre Kinder entführt, um ihr Blut zu rauben …« Gerade diese Aussagen wurden bejubelt. Viele Transparente und Banner ragten in die Luft. Der Zug der Demonstranten marschierte nun in Richtung Rathausplatz, natürlich unter entsprechendem Polizeiaufgebot. Hundertschaften von Polizisten waren zur Stelle.

Natürlich hielten sich die Demonstranten nicht an die Maskenpflicht, die Polizei ließ sie dennoch gewähren. Es war ja alles friedlich. Die Durchsagen und Warnungen der Polizei, die Maskenpflicht einzuhalten, wurden nicht befolgt. Der Zug ging gesittet, aber laut auf den gesperrten Straßen, weiterhin ohne Maske. Schließlich gelangte er zum Rathaus. Vorgesehen war das gesamte Arsenal zwischen Bahnhof, Rathaus und Ortspark zu nutzen. Das versprach den gebührenden Abstand und Sicherheit. Es wurde voll und eng.

Denn im Ortspark formierte sich eine eher unerwartete Gegendemonstration, die ständig »AHA« – AHA bedeutete: Abstand, Hygiene, Atemschutzmaske – brüllte und ebenfalls Schilder hoch hielten. Die Situation eskalierte. Vielleicht brachten sich auch die Demonstranten gegenseitig so richtig auf die Palme.

Auf alle Fälle nahmen sich radikale Demonstranten vom Landschaftspark jetzt die Telefonzelle auf dem Unterhachinger Rathausplatz vor. Sie stemmten sich dagegen und wuchteten sie zu Boden. Diese zerbarst. Es gab aber keine Verletzten, was der Umsicht der Umwuchtenden zu verdanken war. Die Polizei versuchte mit voller Einsatzbereitschaft ein paar von ihnen festzunehmen, was durchaus gelang.

Nun sprang einer der Demonstranten auf die umgestürzte Telefonzelle, zog eine Pistole raus und schoss in die Luft. Für Sekundenbruchteile herrschte absolute Stille. Die Polizei rief per Megaphon: »Lassen Sie die Waffe fallen!« Mehrere Waffen richteten sich auf den Telefonzellenmann.

Dieser schrie ebenfalls durch ein Megaphon: »Wir befreien eure Kinder! Sie werden in Geheimgängen in der Tiefgarage unter dem Rathausplatz gefangen gehalten!«

Die Polizei forderte weiter auf, die Waffe fallen zu lassen, die immer noch in die Luft gehalten wurde. Einigen Teilnehmern gelang es, tatsächlich mehrere Gitter, die als Belüftung für die Tiefgarage dienen, herauszubrechen. Sie drangen in die Garage ein.

Die Gegendemonstranten agierten aufgebracht und durchbrachen die Sicherheitsabsperrungen. Es gab Handgreiflichkeiten und kurz darauf ein Hauen und Stechen, es fielen Schüsse. Wer wohl zuerst geschossen hatte? Tumulte, Prügeleien, weitere Schüsse. Mehrere Demonstranten waren tatsächlich bewaffnet: Pistolen, Messer. Die Polizei forderte militärische und medizinische Verstärkung an.

Einstweilen ging es weiterhin drunter und drüber, die Demonstranten schossen auf die Polizisten, diese zurück. Die Prügeleien gingen ebenfalls weiter, es wurde brutal zugeschlagen mit Bannern und Messern. Nicht nur die Wasser des Brunnens am Unterhachinger Rathausplatz färbten sich rot. Blut rann über das Ortswappen am Brunnen. Sirenen heulten und Blaulicht flackerte.

Die anderen suchten mit Fackeln die Tiefgarage nach versteckten Geheimgängen ab …

Man spürte ein leichtes Beben als die Panzer anrollten. Die Demonstranten sprangen zur Seite und die Panzer standen auf dem Rathausplatz. Manche prügelten sich noch, die Schüsse aber verstummten. Das Geräusch eines Hubschraubers hätte man in der Ferne hören können, wäre es ganz still gewesen.

Messerattacken gab es weitere, die Polizei nahm etliche Demonstranten fest. Einzelne versuchten sich mit Schüssen zu wehren. Die anderen verirrten sich im Untergrund der Tiefgarage. Der Hubschrauber landete direkt neben dem Brunnen und viele flohen jetzt über die Felder nach Taufkirchen oder in Richtung Perlacher Forst. Einige Radikale hielten dennoch ihre Stellung. Sämtliche vorstellbare Einsatzfahrzeuge hatten mittlerweile den Rathausplatz unter Kontrolle, der Platz war vollgestellt. Auch im Ortspark fuhr etliches militärische Gerät auf.

Und dann geschah es: Der gesamte Rathausplatz brach ein, krachte in die darunter liegende Tiefgarage. Die Bücherei, das Rathaus, der Hubschrauber, die Panzer sanken wie in Zeitlupe nach unten. Die Scheiben der Fenster zersprangen, die Wände barsten. Bücher, Akten, Messer, Scherben, Pistolen, Verletzte fielen durcheinander und wurden unter den Trümmern begraben zwischen Panzern und Hubschraubern. Einzig und allein der Brunnen blieb auf einer tragenden Säule stehen.

Etliche Tage wurde nach weiteren Verletzten gesucht. Die Vorgänge, Rücktrittsgesuche sowie statische Maßnahmen zur Stärkung des Ortszentrums wurden aufgrund des verwüsteten Rathauses in der Bayernwerk Sportarena diskutiert.

Nach Tagen lag endlich wieder Stille über dem Rathausplatz, das Schnattern der Enten und Gänse vom nahe liegenden See war zu hören, die Stundenschläge der Kirchenglocken und der Wind trug auch das Rauschen der Autobahn zu dem zerstörten Platz.

Über diese Vorgänge wurde niemals berichtet, auf unserer Internetseite finden Sie weitere detaillierte Berichte und Fotos: Wir fanden diese Aktion war ein voller Erfolg.

Besuchen sie uns: www.radikalimhachingertal.de

Kristin Windisch

Auf und davon

Mürrisch kickte Kyra einen Stein aus dem Weg. Sie hatte die Schnauze voll von Einhörnern. Seit dieser seltsame Professor verdächtige Spuren gefunden hatte, die laut seiner Aussage definitiv nur von einem dieser gehörnten Pferde stammen könnten, spielte das ganze Hachinger Tal verrückt. Zig Menschen waren täglich im Perlacher Forst unterwegs, dem Ort, wo Hufabdrücke, Haare und Kratzspuren, die wohl von dem Horn stammten, gefunden wurden. Wer nicht mit suchte, trug zumindest eins der Einhorn-T-Shirts, die extra für die Suche auf Befehl vom Professor angefertigt wurden. Sogar Kyras beste Freundin Luna war von dem Trend erfasst worden. Jeder außer Kyra war begeistert. Es waren Menschen aus ganz Deutschland und sogar fremden Ländern angereist, nur um die Attraktion des Hachinger Tals zu entdecken. Als das Forschungsinstitut auch noch ein Preisgeld für den Finder ausgelegt hatte, hatte sich die Zahl der suchenden Irren verzehnfacht.

Kyra verstand gar nicht, was so toll daran war. Es gab schließlich auch andere gehörnte Tiere, wie zum Beispiel Nashörner, die zwar auch gejagt wurden, aber nicht so extrem. Jedenfalls war Kyra vermutlich die einzige, die nicht verrückt nach Einhörnern war.

Rums!

»Aua!«, schrie Kyra empört.

»Selber aua«, kam es zurück.

Verwundert hob das Mädchen den Kopf. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass sie gegen einen Baum gerannt war. Das passierte ihr manchmal, wenn ihre Gedanken auf Wanderschaft gingen. Aber für gewöhnlich antworteten ihr die Bäume nicht. Als sie so da stand und sich ihr schmerzendes Knie rieb, sah sie ein weißes Pferd mit einer silbernen Mähne und Schweif und mit einem Horn direkt vor sich.

»Das ist dann wohl das Einhorn«, dachte Kyra. Gleichzeitig wunderte sie sich, warum sie der Fakt, dass sie vor einem Einhorn stand, nicht im Geringsten überraschte.

»Bist du ein echtes Einhorn?«, fragte sie, als sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte.

»Natürlich«, kam es prompt zurück, »aber bist du denn ein richtiger Mensch?«

Kyra nickte nur stumm und starrte auf das Maul des Einhorns.

»Wie schafft es das nur? So zu reden, ohne die Lippen zu bewegen«, fragte sich Kyra stumm.

»Gedankenübertragung«, erscholl eine Stimme in ihrem Kopf, »sehr praktisch, über weite Entfernung möglich und – das ist das Beste – völlig lautlos.«

»Aha«, dachte Kyra. Dann schwiegen sie eine Weile und starrten sich an.

»Wow, ich habe noch nie einen echten Menschen gesehen«, platzte das Einhorn heraus.

»Habt ihr wirklich Geräte mit denen ihr fliegen könnt? Könnt ihr das nicht auch so? Esst ihr wirklich andere Tiere? Ich finde das ja extrem grausam. Wie geht das denn? Leben ist doch etwas Schönes und Einmaliges. Wie kann man das einfach so zerstören?

Oh, ich plappere mal wieder viel zu viel. Das mache ich immer, wenn ich aufgeregt bin. Dabei habe ich mich doch noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Flunx. Also eigentlich habe ich noch einen viel längeren Namen, aber den kann sich niemand außer meinen Eltern merken. Ich übrigens auch nicht. Deswegen sage ich immer einfach nur Flunx«, plapperte das Einhorn drauf los.

Kyra versuchte krampfhaft dem Gespräch zu folgen und trotzdem die Fragen nicht zu vergessen. Als Flunx sie plötzlich erwartungsvoll ansah, begriff Kyra erst allmählich, dass sie jetzt an der Reihe war, sich vorzustellen:

»Ähm, also, ich heiße Kyra, ja, wir haben Flugzeuge, nein, wir können nicht ohne fliegen und ja, viele Menschen essen Fleisch. Kannst du denn fliegen?«

»Natürlich«, antwortete Flunx, lief los, sprang nach einigen Schritten ab und galoppierte in der Luft weiter. Das Einhorn flog einen Kreis, bremste scharf, um direkt vor Kyra wieder auf dem Boden aufzusetzen.

Kyra blieb der Mund einige Sekunden offen stehen und sie sagte dann: »Also, irgendwie sieht das ein bisschen aus, als würdest du in der Luft schwimmen.«

»Ja, so ähnlich geht das auch.«

Kyra runzelte die Stirn, dann fragte sie: »Was machst du eigentlich hier? Leben die Einhörner nicht in einem geheimen anderen Land?«

»Ja, hinter den Regenbögen. Ich wurde rausgeschmissen.«

Bei diesen Worten senkte Flunx beschämt den Kopf und fing recht unwillig an zu erzählen: »Ich habe einen großen Fehler gemacht. Als ich dem großen Einhornrat eine sehr wichtige Schriftrolle überbringen sollte, habe ich versagt und die Rolle ist in den großen Weiten des Menschenlands verschwunden. Der Einhornrat hat sofort Späher ausgesandt, die die Schriftrolle auch schnell wiedergefunden haben, aber ich wurde als Strafe zurückgelassen. Ich soll das Vertrauen eines Menschen gewinnen. Erst wenn ich diese Aufgabe erfüllt habe, werden sich die Tore öffnen und ich kann nach Hause zurückkehren.«

»Aber woher weißt du denn, ob ein Mensch dir vertraut?«

Flunx zögerte. »Es…ähm…also…das weiß ich selber nicht genau, aber«, er straffte seine Schultern, »das werde ich schon noch rausfinden.«

»Selbst wenn du das rauskriegst und es auch irgendwie hinbekommst, woher weißt du, dass du auch wirklich zurück kannst?«

»Rengbong«, nuschelte Flunx verlegen.

»Wie bitte?«, hakte Kyra nach.

»Ein Regenbogen«, platzte das Einhorn schließlich heraus. »Wenn die Tore sich öffnen, erscheint in der Menschenwelt ein Regenbogen als Übergang zwischen den Welten. Aber versprich mir, dass du das niemandem verrätst. Das ist das größte Geheimnis der Einhörner.«

Kyra nickte nur, überrumpelt von dem Fakt, dass die Welt der Fabelwesen ihr ganzes Leben lang vor ihrer Nase hing.

Ein Knacken ließ die zwei herumfahren. Hinter ihnen traten drei Jäger aus dem Dickicht der Bäume. Grinsend standen sie da mit erhobenen Gewehren, die direkt auf Flunx zielten.

»Na sieh mal einer an, ein kleines Mädchen findet das große Einhorn«, spottete einer der Männer. Ohne groß nachzudenken stellte sich Kyra schützend vor das Einhorn, die Arme ausgebreitet, um den Jägern so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.

»Hau ab, Mädel, du stehst im Weg. Geh weg von dem Viech.«

Doch selbst wenn Kyra gewollt hätte, hätte sie dem Befehl der Männer nicht Folge leisten können. Es war fast so, als wäre das Blut nicht nur in ihren Adern gefroren, sondern hätte auch den Rest ihres Körpers zu Eis erstarren lassen.

»Du musst lügen, Kyra. Sag einfach, du hast mich verkleidet, weil du so ein Fan bist oder so«, schickte Flunx ihr einen Gedanken.

»Ähm, das … das ist gar kein Einhorn. Ich habe es so verkleidet«, sagte Kyra wenig überzeugend.

Die Jäger brachen in schallendes Gelächter aus.

»Ja nee, ist klar, und ich bin der Weihnachtsmann. Wo willst du denn die Verkleidung überhaupt her haben?«, fragte einer der Jäger hämisch.

Kyra sagte das Erste, was ihr einfiel: »Die Hörner gibt's doch jetzt überall zu kaufen und die silbernen Haare sind äh … Lametta.«

Jetzt kriegten die Jäger sich nicht mehr ein vor Lachen und die Verzweiflung des Mädchens wuchs. Wenn Flunx in die Fänge der Männer gelangte, würde er da nicht wieder lebend rauskommen.

»Schnell, steig auf. Wir laufen einfach weg«, offenbarte das Einhorn seinen neuesten Plan. Ihre Zweifel verdrängend hievte sich Kyra auf Flunx Rücken, krallte sich in seiner Mähne fest und sie galoppierten los. Die wütenden Schreie der Jäger ignorierend preschten die zwei Freunde durch den Perlacher Forst, auf und davon.

Epilog:

Natürlich mussten sich die zwei Freunde bald voneinander verabschieden, denn Kyras Wille, Flunx zu retten, hatte das Tor zurück in die Einhornwelt geöffnet. Als Abschiedsgeschenk schenkte Flunx Kyra ein Armband aus seinen Schweifhaaren.

Nur wenige Tage später stand in den Zeitungen, dass es kein Einhorn gäbe, das sei lediglich ein Experiment über Verhaltensweisen der Menschen gewesen.

Nixensage

Kichernd schlüpfe ich aus meinem Versteck hinter einem Stein und mache mich auf den Heimweg. Ich hatte mal wieder Menschen geärgert und ich hatte Glück, die zwei Mädchen, die ungefähr in meinem Alter, also dreizehn, gewesen sein mussten, waren sehr schreckhaft. Beim großen Poseidon, die haben so laut gequiekt, dass die Fische in einem Kilometer Entfernung aufgeschreckt wurden. Dabei hatte ich doch nur mit meinen magischen Kräften gespielt und das Wasser des Hachinger Bachs, meines Heimatgewässers, ordentlich spritzen lassen.

Wir, die Nixen, Nixen – nicht Meerjungfrauen, von mir aus noch Flussgeister, aber Meerjungfrauen sind viel zickiger und eingebildeter als wir. – Na ja auf jeden Fall, leben wir Nixen in kleinen Völkern zusammen in Flüssen und Bächen und beschützen unsere Heimat so wie die Menschen es mit dem Land tun, oder jedenfalls tun sollten. Wir haben eine Hierarchie und mein Vater ist der Anführer meines Volks. Ich werde also irgendwann in seine Fußstapfen treten, aber bis dahin ist noch genug Zeit. Mein Vater macht seinen Job super, achtet aber sehr darauf, dass alle die Regeln einhalten und sich nur von abgestorbenen Pflanzen ernähren. Auch unsere Kleidung, die aus einem T-Shirt und einer Hose besteht, wird aus diesem Material gemacht.

Ein Flussbarsch schwimmt an mir vorbei und nickt mir freundlich zu. Ich erwidere diese Geste. Innerhalb unseres Reviers herrscht Frieden mit den Fischen, die normalerweise unsere natürlichen Feinde sind. Unser Dorf kommt in Sicht, viele Steinhöhlen perfekt für unsere Durchschnittsgröße von fünfzehn bis siebzehn Zentimetern.

Als ich gerade in unsere zentral gelegene Höhle schwimmen will, erhasche ich einen kurzen Blick auf die braunen Haare meines Vaters. Während ich näher heran schwimme, sehe ich, dass er sich mit einem der Mitglieder des Rates der Entscheidungen wild gestikulierend unterhält. Ich versuche das Wasser so leise wie möglich durch meine Kiemen strömen zu lassen und mit zwei weiteren starken Schlägen mit meinen durch Schwimmhäute verstärkten Händen und Füßen näher zu kommen. Endlich kann ich hören, was sie besprechen.

»Wir müssen vorsichtig sein. Ich will nicht, dass jemand aus dem Dorf von der Aktion heute Nacht etwas mitbekommt«, sagt mein Vater gerade. Sein Gesprächspartner nickt und die beiden Nixenmänner verabschieden sich. So leise wie möglich husche ich durch den Höhleneingang nach Hause. Kurz nach mir kommt mein Vater an mit tiefen Runzeln auf der besorgten grünen Stirn.

Abends liege ich in meinem Bett und denke nach, obwohl ich eigentlich schlafen sollte. Ich grübele darüber nach, was mein Vater vorhat, bis mich plötzlich ein Geräusch aus den Gedanken reißt. Ich schleiche mich aus meinem Bett und spähe gerade rechtzeitig durch den Türspalt, um meinen Vater durch die Höhle Richtung Ausgang schwimmen zu sehen. Schnell schlüpfe ich aus meinem Zimmer und beeile mich ihm nachzukommen. Ich komme mir wie ein Spion oder Geheimagent aus einer Menschengeschichte vor, wie ich da vorsichtig, um nicht entdeckt zu werden, meinem Vater bis an eine Menschenbrücke folge.

Dort angekommen wartet mein Vater und ich suche mir schnell ein sicheres Versteck. Gerade rechtzeitig habe ich meine langen braunen Haare, die widerspenstig wie immer überall im Wasser durch die Gegend wuseln, sortiert und aus dem Sichtfeld meines Vaters gefischt, als drei Nixen angeschwommen kommen.

Erst auf den zweiten Blick erkenne ich drei alte Schulfreunde von meinem Vater, die schon oft bei uns zum Abendessen gewesen waren. Einer von ihnen ist eindeutig der Typ von heute Mittag. Er wurde mir zwar mal vorgestellt, aber Namen entfallen mir so oft, wie die Menschen ihren Beschützerjob vergessen. Ich glaube es war irgendwas mit T oder P? Na ja, ist ja auch egal.

Inzwischen angekommen, unterhalten sich die vier Nixen flüsternd, so als wüssten sie, dass ich sie beobachte. Trotz der extrem guten Schallübertragung unter Wasser verstehe ich deswegen auch nur vereinzelte Wörter: » … lange … bald … aufhalten … Chemieverbrecher ...«

Bei dem letzten Wort zucke ich zusammen. In den letzten Jahren hat die Zahl der Menschen, die ihren Chemie-Abfall illegal in Gewässern entsorgen, deutlich zugenommen.

Die vier Nixenmänner verteilen sich. Ich weiß kaum wie mir geschieht, da geht der Kampf auch schon los, denn anscheinend sind die Menschen inzwischen auch da und haben bereits mit ihrer Entsorgung begonnen. Verzweifelt versuchen die Nixen die Chemiebrühe vor dem Eintauchen ins Wasser zu stoppen. Unter Aufbringung all ihrer magischen Kräfte zwingen sie die giftige Flüssigkeit zurück in ihre Gefäße. Dafür müssen sie jedoch über Wasser und die Luft anhalten, was sie höchstens für zehn Minuten aushalten würden. Für mehrere Minuten, die sich wie Stunden anfühlen, kämpfen die Nixen gegen die Schwerkraft an.

Nach und nach geben vier der fünf Verbrecher auf und alle drei Freunde meines Vaters sinken erschöpft auf den Boden des Bachs. Nur der letzte Mensch will partout nicht aufgeben und meinem Vater geht langsam aber sicher die letzte Atemluft aus. Ich will erleichtert aufstöhnen, als auch der letzte Chemieverbrecher sein Fass voll Gift zurückzieht und auch mein Vater endlich unter Wasser sinken kann.

Doch statt erleichtert zu sein erstarre ich zu Stein, als ich sehe, wie sich ein Tropfen Chemiebrühe wie in Zeitlupe vom Rand des Behälters löst und direkt auf die rechte Schulter meines Vaters tropft. Ich weiß, dass der Kontakt mit dem Zeug auch nur in der geringsten Menge tödlich für uns Nixen endet. Ich will schreien, aber es hat sich ein dicker Kloß in meinem Hals gebildet, der mich daran hindert. Eine unbeschreibliche Welle von Wut auf die Menschen kommt über mich, die mich dazu bringt, an die Oberfläche zu schwimmen.

Gerade rechtzeitig tauche ich auf und sehe, wie einer der Verbrecher erneut ansetzt, das Gift in unseren Bach zu kippen. Beinahe schon kochend vor Wut tauche ich wieder ab, aber nur um die ganze Wasseroberfläche mit meinen magischen Kräften zu verhexen. Sobald die Chemie unseren Bach berühren würde, sollte die Magie den Abfall zurück schleudern.

Ich höre noch, wie die Verbrecher verwundert aufschreien und »Schnell weg hier!« rufen, da bin ich auch schon am Boden des Bachs bei meinem Vater, um den sich bereits alle seiner drei Freunde versammeln. Schlaff wie ein Toter liegt er da, mit geschlossenen Augen. Ich will schon ansetzen meine Kräfte erneut zu benutzen, um ihn zu heilen, als er die Augen öffnet und langsam den Kopf schüttelt.

»Nein, auch der beste Arzt könnte mir nicht mehr helfen.« Seine Stimme klingt so brüchig und schwach, dass mich die Verzweiflung regelrecht überflutet.

»Aber du kannst noch nicht sterben, du bist erst 44, viel zu jung, um schon den Geist aufzugeben«, sage ich. Ich weiß wie kindisch und naiv das ist, aber ich habe keine Ahnung, was ich hätte sagen sollen. Mein Vater hustet und beginnt dann wieder zu sprechen.

»Hör zu, ich habe das für dich gemacht, damit du ein gutes Leben haben kannst, ohne Giftmüll. Führe meinen Kampf weiter. Es gibt noch so viel mehr Verbrecher, die du in deinem Leben aufhalten musst. Wenn du so bleibst, wie du bist, kannst du alles schaffen. Du musst nur an dich glauben. Schütze, was du liebst und gib niemals auf.«

Seine Stimme war immer dünner geworden, bis sie kaum noch zu hören ist. Auch seine Atemzüge sind inzwischen extrem abgehackt. Meine klaren grünen Augen haben sich im Blick seiner braunen verfangen und dann von einem Moment auf den anderen sind seine Augen glasig, und ich weiß., dass es vorbei ist.

Corona-Spaziergang

»Langweilig! Wir sind jetzt seit einer Woche jeden Tag denselben Weg lang spaziert. Jeden Tag dieselben Büsche, Bäume und Steine!«

»Wenn du mal weniger trampeln würdest wie ein Elefant im Porzellanladen und mehr auf deine Umgebung achten würdest, könntest du auch interessante Tiere und Pflanzen sehen.«

»Oh wow, eine Ameise, wie niedlich.«

»Jetzt lass dieses Augenverdrehen mal bleiben und hör auf so ironisch zu reden.«

»Okay, aber mal ehrlich. Seit diesem Ausbruch des Corona-Virus mache ich jeden Tag dasselbe: Aufstehen, frühstücken, Arbeitsaufträge für die Schule, mittagessen, noch mehr Schulzeug, Langeweile haben, spazieren gehen, abendessen, den Fernseher anschalten und anschauen, was gerade so kommt, schlafen. Und dann geht’s wieder von vorne los. Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber ich freue mich schon auf die Schule und darauf, mir sieben Stunden pro Wochentag Lehrer anzuhören.«

»Ja ja, ich weiß, was du meinst. Mir geht’s doch auch nicht anders. Aber das Lernen zu Hause hat doch auch Vorteile.«

»Ach ja? Und welche, wenn ich fragen darf? Alles ist total unverständlich und manche Lehrer sind so übermotiviert, dass sie den Stoff in zehnfacher Geschwindigkeit durchhauen. In Englisch zum Beispiel haben wir innerhalb der letzten fünf Wochen so viele Lektionen gemacht, wie im bisherigen halben Jahr.«

»Ähm nee, so meinte ich das nicht. Aber, äh, es ist doch super, dass ähm … man sich die Aufgaben und seine Zeit selber einteilen kann und äh …«

»… und man muss trotzdem lauter Abgabefristen beachten. Ja, schönen Dank auch. Darauf kann ich getrost verzichten.«

»Aber schau doch mal, sonst kommen wir nie so oft raus und genießen die frische Luft.«

»Oh doch, das tun wir und zwar in den Schulpausen. Aber was bleibt uns denn anderes übrig? Alle Sportanlagen sind geschlossen und irgendwo müssen wir ja hin mit unserer überschüssigen Energie. Außerdem wollen wir ja nicht an Vitamin-D-Mangel sterben.«

»Geht das überhaupt? – Und außerdem ist das doch nicht der einzige Grund fürs Spazierengehen. Das Wetter ist super und zwar seit Wochen. Das muss doch ausgenutzt werden.«

»Oh ja, juhu, Waldbrandgefahr und das schon im April. Dieses Jahr ist wundervoll!«

»Jetzt hör auf zu meckern und sieh die Sache mal positiv!«

»Sieh die Sache mal positiv. Pah, nichts werde ich tun. – Aber ich sollte definitiv aufhören Selbstgespräche zu führen. Mein Gesprächspartner ist mir zu optimistisch, und sind Leute, die mit sich selbst reden, nicht verrückt? – Da sieht man es schon wieder, so weit hat uns Corona also gebracht.«

Ein normaler Schultag

Gähnend öffnete ich die Augen. Die knarzenden Schritte meiner Mitbewohnerin Maria auf der Treppe hatten mich, wie fast jeden Morgen, geweckt. Ich reckte und streckte mich so lange bis das dumpfe Müdigkeitsgefühl der vergangenen Nacht aus meinen Gliedern verschwunden war und trottete dann gut gelaunt nach unten in die Küche, in der Maria mir mein Frühstück schon gemacht hatte.

Sie selber aß nichts in der Früh. Stattdessen wuselte sie immer aufgeregt durchs ganze Haus – Katzenwäsche und so‘n Zeug, sagt sie dazu – bis sie mir noch einmal über den Kopf strich, um gestresst zur Arbeit zu fahren.

Ich ließ mir dafür immer besonders viel Zeit morgens. Wirklich Sorgen zu spät zur Schule zu kommen machte ich mir nicht. Wir wohnten nur einen Katzensprung – haha, schon wieder ein Wort mit Katze, wie äh passend – von dem Gymnasium entfernt und zudem kam und ging ich eh, wann ich wollte.

Genau wie jeden Morgen lief ich nun also gemächlich in Richtung Schule, nicht ohne noch durch einige Gärten zu streifen und dem hübschen Kater von nebenan einen schönen Tag zu wünschen. An der Schule angekommen benutzte ich den Hintereingang, denn auf den Trubel, der sonst immer entstand, wenn ich vorne zum Haupteingang reinging, hatte ich gerade keine große Lust. Ich war trotz meiner morgendlichen Streifzüge früh dran und beschloss mir gut zu überlegen, in welchen Unterricht ich heute gehen würde, anstatt mich wie sonst immer vom Zufall leiten zu lassen.

Es war Montag, da hatte die 6b, bei der ich sehr gerne im Unterricht saß, Kunst. Nee, mit dem Fach hatte ich schon schlechte Erfahrungen gemacht. Einmal wurde ich von Farbe getroffen und sah aus wie die dicke gepunktete Katze aus der Gegend. Als Maria dann abends nach Hause kam, hat sie mich gebadet, ein Albtraum!

Hm, die 8e vielleicht? Obwohl, die hatten gleich Mathe bei dieser Lehrerin, die die Kreide so auf der Tafel quietschen ließ, dass sich einem die Schnurrhaare aufrollten. Nach einigem weiteren Überlegen entschied ich mich schließlich für die 10c. Die hatten gleich Geschichte, das war relativ interessant.

Gut gelaunt machte ich mich auf den Weg. Die wenigen Schüler, die ich auf den Gängen traf, sprachen mich alle mit einem meiner Spitznamen an. Cookie, Nala, Mäuschen und Mieze waren nur einige wenige Beispiele. In der Schule kannte mich jeder, aber meinen richtigen Namen wussten nur die wenigsten. Als ich endlich am richtigen Klassenzimmer ankam, streckte eine Schülerin den Finger aus und zeigte auf mich: