Gestern waren wir noch sexy - Jutta Reinert - E-Book

Gestern waren wir noch sexy E-Book

Jutta Reinert

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Beschreibung

Die Sieben gilt als magische Zahl. Sieben Weltwunder, sieben Himmelskörper, Siebentagewoche… Doch wenn dann 70 Kerzen auf der Geburtstagstorte brennen, ist sie dann auch noch magisch? Zwei Autorinnen in den 70ern werfen einen amüsierten und auch nachdenklichen Blick auf das, was der Spiegel jetzt zutage fördert: Hängeärmchen, Speckröllchen, nicht mehr alles an seinem ursprünglichen Platz. Aber auch auf alte Männer, von denen die wenigsten sich noch als Bachelor eignen. Und ernste Themen drängen sich auf. Das Leben ist nicht mehr ganz so easy. Die Kräfte lassen nach, es zwickt und zwackt, Schicksalsschläge, Krankheit und Tod rücken näher. Und dennoch kann das Leben noch Spaß machen. Es liegt oft auch an der eigenen Einstellung.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jutta Reinert

Gestern waren wir noch sexy

heute genießen wir die Zeit

Inhaltsverzeichnis

Schön schrecklich

Der Schönheitswahn treibt seltsame Blüten

Das Leben ist nicht planbar

Wie Eltern unser Leben prägen

Beziehung im Alter

Alte Männer

Sind wir eine aussterbende Spezies?

Das Leben ist unberechenbar

Verlotterte Rentner

Osteoporose, Blutdruck, Herz und Ruhestätte

Wie alt will ich werden?

Würde im Alter

Tod

Über die Autorin Jutta Reinert

Über die Autorin Regine Schneider

Impressum

Regine Schneider / Jutta Reinert

Gestern waren wir noch sexy

heute genießen wir die Zeit

Zwei Freundinnen plaudern über ihr Leben ab 70

Impressum

Texte: Regine Schneider / Jutta Reinert Cover: Sven-Oliver und Dag-Detlef Reinert

1. Auflage Januar 2025

Website: www.juttas.welt-24.de

© Copyright Alle Rechte vorbehalten 2025

Jutta Reinert / Regine Schneider

Die Verwertung des Textes, auch auszugsweise, und des Covers ist ohne Zustimmung der Autorinnen und der Grafiker urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch für Hörbücher, Vervielfältigungen, Verfilmungen, Übersetzungen und die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

Vorwort

Kennengelernt haben wir uns in der Nachmittags-Talkshow Hans Meiser, die im September 1992 die erste ihrer Art war. Der Talkmaster brachte nach eigenen Angaben erstmals normale Menschen ins Fernsehen. Damals ein riesiger Erfolg für ihn mit 40 Prozent Marktanteil zu Spitzenzeiten. Und wir zwei, Jutta und Regine, hatten die Schwiegermütter am Wickel. Jede hatte ein Buch zu dem immer wieder kehrenden Thema geschrieben. Bei Jutta machten die Schwiegermütter dick, bei Regine quälten sie so manche Partnerschaft. Wir waren uns also schon damals einig.

Zum zweiten Mal trafen wir uns im „Nachtcafé“, wo uns die inzwischen verstorbene Eva Renzi einen Joint anbot. Jutta und ich dachten unisono: durchgeknallt. Ihre Tochter Anuschka flippte kameragerecht aus. Wir hatten weitere Talkshowmeetings und so ergab sich eine längere Beziehung die bis heute hält und naheliegend beschlossen wir, ein gemeinsames Buch zu schreiben.

Hans Meiser ist 2023 verstorben und wir beide sind darüber jetzt alt geworden. Die Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Wir fühlen uns nicht alt, aber manches Mal wird uns deutlich gemacht, dass wir es jetzt sind. Die Anzahl unserer Lebensjahre beweisen ja auch nicht das Gegenteil. Wir sind derselbe Jahrgang.

Jutta ist irgendwann nach Spanien gezogen aber den Plan gemeinsam ein Buch zu schreiben haben wir über die Jahre weiterverfolgt. Es war so weit als wir beide 70 wurden. „Wie fühlst du dich?“ fragte ich Jutta nachdem ich einen Kommentar von ihr gelesen hatte. „Schrecklich“, antwortete sie. Ich fand die 7 als erste Zahl vor meinem Alter auch mehr als gewöhnungsbedürftig. Mit 70 und mehr ist man wohl alt und im letzten Abschnitt seines Lebens.

Es entstand ein reger Austausch über unsere sehr unterschiedlichen Leben, über große Freuden und auch Schicksalsschläge. Wir haben uns ungefiltert geschrieben, was uns bewegt hat, was uns besorgt hat, was uns glücklich gemacht hat.

Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, wir haben sicher nicht alle Aspekte des alt seins beleuchtet, es ist kein Sachbuch und kein Ratgeber. Es ist ein sehr persönlicher Austausch ohne literarischen Anspruch.

Schön schrecklich

Regine: So ging es los

Eigentlich überhaupt nicht schön. Warum bin ich nicht als Grönlandwal geboren? Die werden 500 Jahre alt. Dann wäre ich heute in der Pubertät. Und so fühle ich mich auch. Aber nein. Ein böses Erwachen. Von einem Tag zum anderen bekommt man die Sieben vor den Latz geknallt. Und kriegt noch Glückwünsche.

Ich wollte keine Blumen und Geschenke. Schon gar nicht 70 Kerzen auf der Torte. Die kriegt man ja gar nicht ausgepustet. Ich habe mich bemüht, diesen „Festtag“ zu ignorieren und ihn wie jeden anderen zu verbringen. In meiner Vorstellungswelt war 70 immer der Beginn des Greisenalters. Aber ich fühlte mich nicht als Greisin, als ich morgens wach wurde.

Meine Tante Herta, Schwester meines verstorbenen Vaters, Bäuerin aus dem Sauerland, Schweinemast und immer eine westfälische Zuchtstute im Stall, wie meine gesamte umfangreiche bäuerliche Verwandtschaft, die über Westfalen verteilt lebt, prophezeite mir: „Ab 60 geht es bergab." Hm, die Vorhersage konnte ich in meinen 60er-Jahren nicht bestätigen. Da spürte ich noch kein nennenswertes Nachlassen meiner Lebenskräfte. Aber was mag mir jetzt blühen?

Meine Tante wurde 80, dämmerte ihre letzten Lebensjahre dement vor sich hin, bis eine Lungenentzündung Erbarmen mit ihr hatte und sie dahinraffte.

Ich durchlebte die 40er, 50er und 60er-Jahre mit wunderbaren Vorbildern aus prominenten Kreisen. Schauspielerinnen, Politikerinnen, Karrierefrauen aus der Wirtschaft, die mit dem Alter angeblich immer besser wurden. In der Zeit schrieb ich: „Powerfrauen – die neuen 40-jährigen“, „Wir haben noch viel vor – Frauen mit 50“ und auch die 60er wurden glorifiziert. Kein Gedanke an bergab.

Frauen starteten neu durch, lösten sich aus Mustern, die ihnen nicht bekamen, sie präsentierten sich in Hochform, machten sich unabhängig und sahen dabei unfassbar gut und attraktiv aus. Befreit, stark und schön. Die Jahre konnten ihnen scheinbar nichts anhaben.

Damit identifizierte ich mich lange. Als Journalistin und Buchautorin interviewte ich viele von ihnen. Hannelore Elsner, Christiane Hörbiger, Rosel Zech, Heide Simonis.

Alle sahen im höheren Lebensalter toll aus, waren klug, erfolgreich und selbstbewusst. Wie sie ihre letzten Jahre verbrachten, weiß niemand. Darüber habe ich nichts in den Medien gefunden. Irgendwann waren sie tot. Alle dienten mir und meiner Generation als Vorbilder. Dank ihnen glaubte ich lange, auch mir wird immer alles möglich sein. Es war so viel Jugendlichkeit in meinem Kopf. Jugendwahn. Alles auf jung.

Gebrechen? Krankheit? Schicksalsschläge? Altersfalten? Kamen wenig vor. Welches Rüstzeug man fürs Alter braucht? Wir doch nicht.

Die Sieben als erste Zahl des Alters rückt einiges zurecht.

Mein 70-ster Geburtstag war wie eine Vollbremsung für meine Unbefangenheit. Dafür brauchte ich keinen Schicksalsschlag. Es fühlte sich an wie ein Innehalten. Die Frage, wie kann ich mich auf die eindeutig letzten Jahre meines Lebens einrichten?

Mit 70 habe ich mindestens drei Viertel meines Lebens hinter mir. Es geht nicht mehr vorwärts, bergauf, immer weiter. Keine Ahnung, wie viele Jahre mir noch bleiben. Mich angemessen in dieser Lebensspanne einzurichten, fällt mir nicht leicht.

Meine Rente ist sehr überschaubar, weil ich über lange Strecken Freelancerin war. O. k., ich kann noch ein bisschen schreiben, was ich auch mit Freuden tue. Die meiste Zeit habe ich frei gearbeitet und Bücher und Artikel geschrieben. Klar, ich habe Ersparnisse, aber soll ich jetzt vom Eingemachten leben?

Ich gebe zu, dass ich nicht besonders viel Positives mit dem Alter verbinde. Schon gar nicht in einer Gesellschaft, in der nur Jugend und Jungsein gewürdigt wird. Dennoch habe ich beschlossen, das mit Fassung zu tragen. Ich bin Seniorin. Punkt. Natürlich binde ich es nicht jedem auf die Nase. Ich höre Sätze wie: „Hast dich aber gut gehalten. Ich hätte dich höchstens auf 65 geschätzt.“ Ein Kompliment? Will sich da jemand einschmeicheln? Wie ich für andere aussehe, ist mir schleierhaft.

Ich sehe mich im Spiegel wie immer. Die Natur scheint meinen Anblick gnädig abzufedern. Dadurch, dass meine Augen nicht mehr so scharf sehen, bemerke ich die veränderte Optik nur abgeschwächt.

Was verbinde ich mit dem Begriff einer Seniorin? Tatsache ist zunächst einmal, dass uns vieles verwehrt wird.

Wir bekommen keinen Hund aus dem Tierheim, uns werden Mietwagen vorenthalten, eine Risikoversicherung abzuschließen geht nicht mehr. Man könnte ja sterben, ehe genug eingezahlt wurde. Wo ist dann das Risiko?

Auch die Versicherung fürs Auto wird mit den unfallfrei gefahrenen Kilometern nicht mehr günstiger. Und erst die Sterbegeldkasse. Diese Versicherung verspricht, die Bestattungskosten abzudecken. Die ist aber nur günstig, wenn man mit 20 Jahren angefangen hat, einzuzahlen. Mit 20 denkt man aber nicht ans Sterben.

Wenn ich einen Flug buche, wird nach meinem Geburtsdatum gefragt. Dann muss ich immer wie verrückt nach unten scrollen, bis mein Geburtsjahr erscheint.

Es schummeln sich Zustände ins Leben, an die ich nie gedacht habe. Treppenlift, Rollator, batteriebetriebenes Fahrrad.

Selbstredend benutze ich jetzt auch die Gesichtscreme von L'Oréal, für die Jane Fonda Reklame macht. Wer weiß allerdings, wie viel Weichzeichner über ihrem Bild liegen. Immerhin schürt das die Fantasie, dass eine gute Gesichtscreme die Haut strafft und wir es uns wert sein sollen, diese zu verwenden. Selbstverständlich gehe ich auch zur Fußpflege und dort treffe ich auf Menschen, die selbst an ihre Füße gar nicht mehr herankommen.

Bis auf einen Reitunfall während eines Turniers, bei dem ich mir bei einem Sprung das Genick gebrochen habe, hatte ich noch keine schwerwiegende Verletzung oder Krankheit. Der zweite Wirbel von oben, der Axis unter dem Atlas war in vier Stücke gebrochen. Ich hatte großes Glück, weil ein wachsamer Notarzt mich in die Spezialabteilung des Hamburger UKE brachte und der nächste Platz im OP meiner war.

Die Medulla Oblongata, das Atemzentrum, war unversehrt.

Ein wunderbarer Arzt hat es geschafft, mir mit einem Titanwirbel meine Beweglichkeit zu erhalten.

Ich sage inzwischen, mein Mann hat mehr gelitten als ich, weil Genickbruch im Volksmund mit Tod gleichgesetzt wird. Aber ich war einfach noch nicht dran und saß bald wieder auf meinem Pferd.

Jutta: Die Siebzig soll kommen

Oh, mein Gott! Muss ich heute wirklich aufstehen? Nein, ich will nicht! Ich will diesen für mich unschönen Tag nicht erleben. Heute werde ich siebzig und bin nicht gerade begeistert davon. Etwas schwerfällig hebe ich meine Beine aus dem Bett. Schwerfälliger als sonst? Ich fange an, mich genau zu beobachten. Bin ich jetzt alt und kann plötzlich nichts mehr? Im Badezimmer schaue ich in den Spiegel. Es hat sich nichts verändert. Ich sehe noch genauso aus wie gestern. So sehe ich also mit siebzig aus. Ein bisschen müde, nicht mehr taufrisch, irgendwie alt. Was für ein Nonsens ist dieser Gedanke, schimpfe ich mit mir. Wie kannst du nur so blöd sein. Vielleicht hilft dir eine kalte Dusche.

Ich wurde an meinem Ehrentag sehr verwöhnt und am Abend war ich etwas versöhnt mit meinem siebzigsten Geburtstag. Es gibt so viele Menschen, die mit ihrem Alter echte Probleme haben. Es sind vor allem Frauen, habe ich das Gefühl. Ich glaube, Männer empfinden das nicht so schlimm. Jedenfalls sprechen sie nicht ständig davon. Woran das liegt, ist sicher nicht ganz so einfach herauszubekommen.

Vor einiger Zeit sagte eine Freundin zu mir, sie fände es ganz furchtbar, dass ihr die Männer inzwischen nicht mehr hinterherschauen.

Oje! Sie hatte Probleme und konnte sich schlecht damit abfinden, dass die Haare dünner werden, die Haut schlaffer und Fältchen sich breitmachen. Aber ist es wirklich schrecklich, wenn sich die Männer nicht mehr den Hals nach einem umdrehen, so wie früher? Tun sie ja noch, aber es sind eben ältere Männer, nicht mehr die schicken, knackigen Jungs. Vielleicht schaut auch ihr reizender Ehemann den jungen und schicken Frauen zu oft hinterher. Das war aber schon immer so, auch als sie noch flott und jugendlich aussah.

Ganz sicher ist außerdem der sogenannte Jugendwahn unserer Zeit schuld daran, dass sich die meisten Frauen im fortgeschrittenen Alter unsicher und unzufrieden zeigen.

Ich habe an meinem Geburtstag viel an meine verstorbene Mutter gedacht. Sie war würdevoll und ohne große Bedenken alt geworden. Sie hatte ihre Ehrentage immer groß, fröhlich und lustig gefeiert. Sich über ihre vielen kleinen Fältchen, die ihr Gesicht überzogen, aber nie beschwert. Sie wird immer ein großes Vorbild für mich sein, denn sie nahm das Leben, wie es kam und machte immer das Beste daraus. Ich hatte nie Probleme mit den Jahren, die unaufhaltsam auf mich zukamen. Weder die Fünfzig noch die Sechzig bereiteten mir Schwierigkeiten. Warum jagte mir nur die Siebzig kalte Schauer über den Rücken?

Mit siebzig ist man eben alt. Ich finde, neunundsechzig klingt viel jünger. Wie albern ist das nur. Ich beginne an mir zu zweifeln.

Aber rund um mich herum jammern alle Frauen über die Siebzig. Keine findet sich mehr schön und attraktiv. Sie beklagen, dass ihnen viele Dinge schwerfallen, haben keine Lust mehr zum Kochen und Bügeln – strengt eh sehr an.

Und Besuch bekommen? Ach nein, das macht nur Arbeit. Die Frau ab siebzig nimmt nicht mehr so intensiv am Leben teil. Auch die berufliche Laufbahn ist zu Ende. Sie wird nicht mehr gebraucht und viele Dinge machen einfach keinen Spaß mehr. Ist das Leben wirklich langsam vorbei?

Ist ab jetzt nur noch angesagt, am warmen Kaminofen zu sitzen, ein Buch zu lesen oder den Fernseher einzuschalten? Müssen wir uns innerlich und durch unsere Handlungen darauf vorbereiten, dass die letzten Jahre auf uns zukommen?

Ja! Laut Statistik ist das so. Die meisten Menschen verlassen in dem Jahrzehnt zwischen siebzig und achtzig Jahren unsere schöne Welt.

Verdammt! Das will ich aber nicht. Ich habe mir vorgestellt, noch wenigstens zwanzig Jahre zu leben. Schließlich lebe ich gerne, auch wenn mein Leben manchmal schwer verlaufen ist. Das Leben kann wirklich schön sein. Wir müssen nur positiv und mit offenen Augen unsere Umwelt aufnehmen.

Ganz so einfach ist es dann aber wohl doch nicht. Es gehört schon eine Menge eigener Wille dazu. Alt werden braucht Mut, um auch die nicht so angenehmen Dinge anzunehmen.

Der Schönheitswahn treibt seltsame Blüten

Regine: Schönheitswahn und die Männer

Welche Gedanken die Tatsache hervorruft, dass die Sieben die nächsten Jahre bestimmt, ist schon gewöhnungsbedürftig. Für mich fühlt es sich tatsächlich an wie ein neuer Lebensabschnitt. Dazu bin ich Rentnerin.

Ein Attribut meines Alters ist mein Hörgerät. Die Lesebrille sowieso. Meine Haare dünnen aus. Das nervt mich, und ich finde es nicht annähernd so unkompliziert, wie die Fernsehwerbung behauptet. Ich fühle mich eingeschränkt und das Gerät im Ohr ist manches Mal ein Störfaktor. Vielfach am Tag taste ich, ob es noch sitzt und sich nicht aus dem Staub gemacht hat. Na ja, damit habe ich mich arrangiert.

Eitel bin ich durchaus, und ich habe mir sagen lassen, dass das auch nicht aufhört. Die Mutter eines guten Freundes ist über 90 und immer noch versessen auf die neueste Mode. Es scheint also egal zu sein, wie geschrumpft, verknittert oder kahl um den Kopf herum man ist, man will bis ans Lebensende gut aussehen.

Den Versuch, mein jugendliches Aussehen zu bewahren, habe ich vor einigen Jahren in Istanbul gestartet. Um es vorwegzunehmen, mit sehr mäßigem Erfolg. Ich hatte ein Jahr lang dort gelebt. Die Istanbulerinnen aus der Mittelschicht, die ich in der Zeit kennenlernte, gehen mit Schönheitskorrekturen sehr viel unbefangener um als wir Deutschen.

Eine meiner türkischen Freundinnen, Ayse, 72 (ich vermute älter, aber das verrät sie nicht, sie ist komplett zusammengeflickt, sieht seit zehn Jahren gleich aus) nahm mich mit zu ihrem Schönheitsdoc. Der musterte mich abschätzend und meinte, gegen die beginnenden Oberlippenfältchen sollte ich etwas tun. Zudem könnte er meine Augenpartie so unterspritzen, dass meine Tränensäcke verschwinden würden. Und mit unsichtbaren Fäden könnte er die erschlaffende Wangenpartie nach oben ziehen. Verlockend!

Eintausend Euro in bar. Hm, weniger verlockend. Hier in Deutschland hätte ich gesagt, kommt nicht infrage. Unseriös.

Aber dort, in einem Kreis überaus gepflegter und geboosterter Frauen, bei denen die Eingriffe gekonnt gemacht waren, ließ ich mich hinreißen. Alt aussehen könnte ich immer noch.

Okay, machen wir uns ans Werk. Ayse hielt meine Hand und das Pieksen tat gar nicht so weh. Nur ein bisschen. Etwa eine halbe Stunde stach der Doc mir im Gesicht herum. Mir fiel dabei natürlich der blöde Spruch ein: „Wer schön sein will, muss leiden“.

Nach der Behandlung, der Doc war hoch konzentriert, blickte er mich zufrieden wohlwollend an und sagte: „Du musst das zwei Stunden wirken lassen, dann siehst du das komplette Ergebnis.“

Ich fragte noch halbherzig nach eventuellen Nebenwirkungen, aber der Meister seines Fachs wies mich autoritär zurück.

---ENDE DER LESEPROBE---