Ich bin gegangen - Jutta Reinert - E-Book

Ich bin gegangen E-Book

Jutta Reinert

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Marion und Jutta treffen aufeinander als angehende Schwiegermutter und Schwiegertochter. Marion ist die Freundin von Juttas Sohn Oliver. Beide, Mutter und Sohn haben immer ein sehr herzliches und fröhliches Miteinander gepflegt. Marion kommt aus einer zerstörten Familie, die sehr unglücklich ist. Die Mutter schon früh verloren, hat sie Angst vor der schwierigen Stiefmutter und dem kalten Vater. Sie zeigt sich kühl und distanziert, was von Jutta nur schwer zu verstehen ist, trägt sie selber doch ihr Herz und ihre Gefühle auf der Zunge. Auch wenn Marion sehr verschlossen ist, mag Jutta dieses junge, traurige Menschenkind. Vor allem, als sie fühlt, wie sehr ihr Sohn seine Freundin mag. Sie geht lieb und freundlich mit Marion um, und versucht ihr Vertrauen zu gewinnen. Marion fühlt sich in der Familie ihres Freundes immer wohler und ist häufig dort zu Gast. Bald schon ist sie mehr bei Olivers Familie als in ihrer eigenen. Da Jutta zu den eigenen Schwiegereltern nie ein vernünftiges Miteinander hatte aufbauen können, legt sie sehr viel Wert darauf, mit der eigenen Schwiegertochter in spe ein gutes Verhältnis aufzubauen. Es gelingt ihr auch, aber von Marions Familie wird ihnen das Leben schwer gemacht. So wird Jutta unterstellt, sie würde Marion Drogen geben. Es beginnt eine harte Zeit, in der auch die große Liebe von Marion und Oliver auf die Probe gestellt wird. Marion wird magersüchtig, hält es zu Hause nicht mehr aus und flüchtet zu Olivers Familie. Jetzt beginnt ein Kleinkrieg, der sich für alle Beteiligten als sehr Nerven belastend herausstellt. Es geschehen Dinge, die Jutta und ihr Mann nie für möglich gehalten hatten. Doch sie halten zu den jungen Menschen und Jutta hilft Marion, zusammen mit ihrem Arzt, ihre Magersucht zu besiegen. Eine aufreibende Zeit kann auch positiv enden und die Liebe zweier junger Menschen gewinnt gegen Hass und Missgunst. Das Buch geht auf die verschiedenen Situationen ein und die Episoden werden mal aus Juttas und mal aus Marions Sicht geschildert. Es ist spannend zu erleben, wie ein und die gleiche Situation von zwei verschiedenen Menschen unterschiedlich gesehen wird.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jutta Reinert

Ich bin gegangen

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Marion: Verlorene Kindheit

Jutta: Traurige Augen

Marion: Kein Tag wie jeder andere

Jutta: Prüfungen des Lebens

Marion: Wünsche ohne Erfüllung

Jutta: Hilflosigkeit und Wut

Marion: Wenn Gefühle zerbrechen

Jutta: Vom Leben geprägt

Marion: Allein im Sturm

Jutta: Unverständnis

Marion: Weihnachten, das Fest der Liebe

Jutta: Versteckter Hass

Marion: Entscheidungen

Jutta: Herz oder Verstand

Marion: Zuflucht

Jutta: Große Veränderungen

Marion: Zeit für Gefühle

Jutta: Freude und Leid

Marion: Eiserner Wille

Jutta: Entscheidungen

Marion: Bösartigkeit und Hass

Jutta: Leben und leben lassen

Über die Autorin

Impressum

Jutta Reinert

Ich bin gegangen

Wenn verwandte Seelen aufeinandertreffen

Gesellschaftsroman

Impressum

Texte: © Copyright Jutta Reinert

Umschlag: © Copyright Sven-Oliver Reinert

Überarbeitete Auflage Juli 2024

Copyright © Jutta Reinert / Alle Rechte vorbehalten

Die Verwertung des Textes, auch auszugsweise, ist ohne Zustimmung urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Mikroverfilmung, Übersetzungen und die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

Vorwort

Vor einigen Jahren, als ich begann, mich mit dem Schreiben zu beschäftigten, bat mich meine Schwiegertochter, ihre Geschichte zu schreiben.

Da sie damals Hals über Kopf aus ihrem Elternhaus, vor Vater und Stiefmutter geflüchtet war, um bei mir vor der Tür zu stehen, war ihr Vater natürlich nicht gut auf mich zu sprechen.

Marion war zur Zeit ihrer Flucht kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag.

Es fiel mir nicht leicht, mich gegen alle Regeln der Gesellschaft und gegen ihren Vater zu stellen. Doch als ich sah, wie sehr sie in ihrem Elternhaus litt, wie sie zitternd, ängstlich und total mager vor mir stand, ließ ich nur mein Herz sprechen. Ich nahm sie auf und zog mir damit den Zorn und die Verachtung ihres Vaters zu.

Nicht, dass sie denken, er hätte seine Tochter so sehr geliebt, dass er vor Gram und Sorge nicht mehr hätte schlafen können, nein, es ging ihm nur um sein Geld.

In den nächsten Jahren wurden wir von ihrem Vater regelrecht verfolgt. Er beschimpfte uns, brachte haarsträubende Gerüchte in Umlauf und ließ uns nicht in Ruhe.

Marion zuliebe hielten mein Mann und ich uns zurück. Auch nachdem Marion mich immer wieder bat, ihre Geschichte zu schreiben, blieb ich dabei, mich von diesem Mann nicht provozieren zu lassen.

In Ruhe ließ er uns nicht. Auch viele Jahre nach Marions fluchtartigem Auszug, setzte er falsche Gerüchte in Umlauf und hetzte andere Menschen gegen mich auf. Es war merkwürdig, Marions Vater ging nur auf mich los, mein Mann oder auch mein Sohn, der sie schließlich liebte und mit nach Hause gebracht hatte, wurden von ihm verschont. Er hatte es nur auf mich abgesehen. Heute weiß ich allerdings warum.

Eine lange Zeit war vergangen, als Marion mich wieder einmal bat ihre Geschichte zu schreiben.

Weil ein erneuter Versuch ihres Vaters, gegen mich zu wettern, sehr getroffen hatte, stimmte ich unter einer Bedingung zu: Marion musste mir dabei helfen das Buch entstehen zu lassen. Denn, ihre Gedanken und Gefühle konnte ich zwar formulieren, sie mussten mir von ihr aber geschildert werden.

Während dieser Zeit kamen wir uns viel näher, als wir es zuvor eh schon waren. Ich versuchte mich in sie hineinzuversetzen und während wir oft stundenlang sprachen, erschien es mir manchmal, als wäre ich ganz plötzlich Marion. Ich nahm

ihre Gefühle und Ängste auf und es passierte uns, dass wir gemeinsam weinten. Sie, um ihre verlorene Jugend, und ich, weil "mein Kind" auch heute noch litt.

Ich verstand, was in ihr vorging, ich durchlebte alles mit ihr noch einmal. Alle schlimmen Begebenheiten kamen wieder in uns hoch und wir stellten fest, dass vor allem Marion kaum etwas verarbeitet, sondern nur verdrängt hatte.

So entstand unser gemeinsames Buch, in dem vorgefallene Ereignisse mal aus meiner und mal aus ihrer Sicht beschrieben und geschildert werden.

Denn jeder sieht die Dinge, die um ihn oder mit ihm geschehen, aus seiner eigenen Sicht, aus seinem Empfinden. Und jeder Mensch hat seine eigene Art mit Kummer, Sorgen und Nöten umzugehen.

Jutta: Erste Kontakte zu Marion

Ein strahlend schöner Vorfrühlingstag mit einem leuchtend blauen Himmel wärmte bereits die Menschen auf angenehme Weise. Es war der Tag, an dem ich meine zukünftige Schwiegertochter kennenlernen sollte.

Ich kam gerade mit meiner Freundin Ulrike von meinem Therapeuten nach Hause. Ich musste ihn aufsuchen, weil ich durch viele boshafte Attacken, die sich meine Schwiegermutter seit Beginn meiner Ehe immer wieder gegen mich ausdachte, seelisch nicht zurechtkam. Ich hatte zu der Zeit mit Ängsten, Herzbeschwerden, Schweißausbrüchen und Panikanfällen zu tun, die mir das Leben zur Hölle machten. Allerdings war ich auf dem Weg der Besserung.

Da mein Therapeut seine Praxis in einer anderen Stadt hatte, fuhr Ulrike jede Woche mit mir dorthin. Lieb und anhänglich, wie es ihrer Art entsprach, wollte sie mich, ihre beste Freundin, nicht allein lassen.

Gemeinsam betraten Ulrike und ich unser Haus. Wir hörten Stimmen.

Am Morgen hatte mir mein fast siebzehnjähriger Sohn erzählt, dass am Nachmittag Freunde zum Kaffeetrinken kommen würden.

Ich hatte das nicht weiter hinterfragt, da ich diese Art Besuche kannte.

Mein Sohn schleppte, seitdem er sprechen konnte, immer wieder Freunde mit nach Hause. Das war meinem Mann und mir sehr recht. Zum einen sollte unser Sohn wissen, dass seine Freunde gern gesehene Gäste in unserem Hause waren, zum anderen kannten wir dadurch auch seinen Umgang und mussten uns um ihn keine Sorgen machen.

Obwohl ich anmerken muss, er machte uns niemals Sorgen. Er war ein pflegeleichtes Kind. Unser Umgang mit ihm war herzlich. Wir liebten ihn von ganzem Herzen und wussten uns von ihm geliebt. Er war zu jedem Menschen freundlich und friedfertig und so angenehm und sonnig wie dieser Tag, den ich hier schildere.

Ein junges Mädchen kam gerade unsere verschnörkelte, braune Holztreppe herunter. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Trotzdem erschien mir ihr Gesicht gleich vertraut, doch ich konnte dieses Gefühl nicht richtig einordnen. Erst später erkannte ich, dass mein Sohn mir mal ein Bild von ihr gezeigt hatte.

Sie wirkte elfenhaft, mit den langen, blonden Haaren, die sich glatt und unendlich lang um ihren Kopf schmiegten. Ihre Haut war Porzellan ähnlich hell und zart. Der Körper schien überschlank, obgleich ich dies durch die weite Bekleidung, die sie trug, nur erahnte.

Ihr Fuß stockte in der Luft, als sie Ulrike und mich sah. Sie blieb mitten auf der Treppe stehen, schaute uns wortlos an und wirkte wie erstarrt. Ich wusste nicht genau, wie ich mich verhalten sollte. Es umgab sie eine Aura, die für mich unmöglich zu deuten war.

Sie hatte etwas an sich, was mir meinen coolen Spruch, mit dem ich die Freunde meines Sohnes sonst begrüßte, im Halse stecken bleiben ließ.

Es waren ihre Augen, die mich abhielten.

Auch sie waren, wie die ganze Gestalt, auffallend hell. Ihre Augen hatten eine eigene Sprache.

Sie wirkten traurig und ängstlich zugleich. Ich empfand sie einerseits leblos und andererseits vermochten sie viel auszudrücken.

Nachdem mir alle möglichen Gedanken in Sekundenschnelle durch den Kopf schwirrten,

fing ich mich allmählich.

Ulrike sah mich schon fragend an, so sprachlos kannte sie mich nicht.

Mein Unterbewusstsein hatte mir damals sofort signalisiert, hier treffen zwei verwundete Seelen aufeinander, ohne dass sie an diesem Tag davon wussten.

Ich räusperte mich kurz und sagte dann: „Guten Tag, ich bin die Mutter des jungen Mannes, den du hier besuchst.“

Oh Gott, ich merkte selbst, wie unnatürlich und gestelzt meine Worte klangen, so sprach ich sonst nie.

Langsam kam sie Schritt für Schritt die restlichen Treppenstufen herunter. Dabei ging ihr Blick an uns vorbei.

Sie reichte mir ihre Hand, ohne mich anzusehen. „Ich heiße Marion. Hoffentlich sind sie nicht böse, dass ihr Sohn mich mit nach Hause gebracht hat."

Ich lachte sie freundlich an. „Aber nein! Ich finde es schön, dich kennenzulernen. Am Telefon haben wir schon miteinander gesprochen.“

Seit mein Sohn sie vor zwei Monaten kennengelernt hatte, hatte ich öfter mal mit ihr

telefoniert, wenn sie bei uns anrief.

Ich betrieb zu der Zeit einen Kosmetiksalon, der in einem kleinen Anbau an unserem Haus untergebracht war. Deshalb war fast immer ich am Telefon, um die Gespräche entgegenzunehmen.

Es war mir da schon aufgefallen, wie schüchtern sie wirkte, kaum dass sie einen Satz ohne zu stottern und sich zu räuspern herausbrachte. Auch heute wirkte sie auf mich gehemmt.

Und wieder waren es ihre Augen, die mich davon abhielten, weiterzusprechen. Es entstand eine unnatürliche Stille, wie sie in unserem Haus sonst nicht üblich war. Deshalb war ich froh, als mein Sohn die Treppe herab stürmte. Liebenswürdig wie immer begrüßte er Ulrike und gab mir einen Kuss auf die Wange.

Er legte Marion den Arm um die Schulter und sagte mit seiner ruhigen, ausdrucksstarken Stimme.: „Das ist Marion, Mutsch. Ich habe dir schon von ihr erzählt.“

Ich nickte. Es verschlug mir die Stimme, meinen sonst fröhlichen Sohn ernst und erwachsen mit diesem traurig wirkenden Mädchen zu sehen. Mein Sohn erschien mir auf einmal um Jahre gereift, wie er sie beschützend in seinem Arm hielt und seine blauen Augen wie bittend auf mich gerichtet. Nur wusste ich nicht, um was er mich in diesem Moment stumm und trotzdem flehentlich bat. Irgendwie spürte ich seine Hilflosigkeit und konnte sie doch nicht deuten.

Meinen Sohn und mich verband eine sehr intensive Bindung, ohne dass ich ihn an mich fesselte, jedenfalls gab ich mir alle erdenkliche Mühe, ihn nicht an mich zu binden. Ich erzog ihn frei und zur Selbstständigkeit und betrachtete ihn als meinen Freund. Von klein an war er für mich eine eigenständige Persönlichkeit, und wenn ich ehrlich bin, das schönste Wunder, was es je in meinem Leben gegeben hat und geben wird.

Ich versuchte, meinen Humor wieder zu finden, der mich nur selten verließ.

„Habt ihr Ulrike und mir noch ein Stück Kuchen übrig gelassen oder alles verputzt?“

„Wir wollten gerade erst anfangen Kaffee zu trinken, Niki und Thilo müssen jeden Augenblick hier sein.“

Thilo war ein langjähriger Freund meines Sohnes und Niki war Thilos erste große Liebe. Als ich in Richtung Esstisch schaute, entdeckte ich, dass mein Sohn hier unten in unserer Essecke den Tisch gedeckt hatte, anstatt wie üblich in seinem Zimmer.

Ich weiß nicht, warum ich diesem Umstand Bedeutung beimaß, aber es wirkte alles steif und unnatürlich, so wie es zu meinem eher unkomplizierten und unkonventionellen Sohn nicht passte.

Sonst nahm er Kaffee und Kuchen oder auch nur kalte Getränke mit in sein Zimmer und er und seine Freunde saßen fröhlich auf dem Bett, den Sesseln oder auch auf dem Boden. Alles war zwanglos, lustig und so, wie junge Menschen halt sind.

Doch heute war alles anders. Auch mein Sohn wirkte verändert, er erschien mir wie ein junger Mann, der ganz schnell Verantwortung für ein Wesen übernommen hatte, das mir gänzlich fremd war.

Seine Augen blickten sie liebevoll und zärtlich an, er ging sanft und freundlich mit ihr um. Es war nicht zu übersehen, wie sehr er in dieses blasse Menschenkind verliebt war.

Ich horchte in mich hinein, ob so etwas wie Eifersucht in mir entstand. Doch es waren

andere Gefühle, die mich beschlichen. Gefühle, die ich damals nicht einschätzen konnte, von denen ich heute aber weiß, dass mein Unterbewusstsein den Hilferuf eines verunsicherten, ängstlichen und im Herzen einsamen Menschenkindes aufnahm, ohne es zu wissen.

Ich fühlte mich seltsam zu ihr hingezogen und beobachtete sie. Wenn sie meinen Blick auf sich gerichtet fühlte, senkte sie verschämt die Augen, kaum dass sie sich traute die Tasse an den Mund zu führen. Ihre Hände zitterten ein wenig.

Es kam mir in den Sinn, wie schrecklich ich mich bei der ersten Begegnung mit meiner Schwiegermutter gefühlt hatte. Ich spüre noch ihre kalten Augen, sehe ihre arrogant, hochgezogenen Augenbrauen.

Fröstelnd ziehe ich selbst heute noch die Schultern zusammen, wenn ich an die Begegnung denke, der noch viele in der gleichen unangenehmen Weise folgen sollten.

Ob Marion auch so fühlt?, fragte ich mich, und beschloss spontan sehr lieb zu ihr zu sein, damit ihr diese schrecklichen Stunden mit einer bösen Schwiegermutter erspart blieben. Ich glaube aber, ich erahnte schon damals, dass es nicht die Angst vor mir war, die sie so erstarrt wirken ließ, sondern eine innere Traurigkeit, die sie umgab. Sie hatte

Angst Gefühle zu zeigen, um nicht verletzt zu werden. Doch das wusste ich an diesem ersten Tag noch nicht. Erst später konnte ich erkennen, wie sehr dieser junge Mensch sich nach Liebe und Fürsorge sehnte.

So sehr sie sich wünschte von einem Menschen geliebt zu werden, so sehr hatte sie auch Angst davor, sich Gefühlen zu öffnen. Zu oft war sie scheinbar in ihrem jungen Leben verletzt, gedemütigt und zurückgestoßen worden.

Ich war bemüht die Stimmung etwas aufzuhellen. Es gelang mir jedoch nur mäßig. Mein Sohn lachte manchmal unnatürlich laut, Niki und Thilo hatten nur Augen füreinander und Marion gab kaum einen Laut von sich.

Schon nach kurzer Zeit gab ich Ulrike ein Zeichen, dass sie sofort verstand.

„Wir gehen eine Runde mit Tapsy spazieren“, sagte ich betont munter. „Die Kleine hat ihren Spaziergang heute noch nicht gehabt.“

Tapsy war unsere kleine schwarze Pudelhündin, die unser Sohn zu Weihnachten bekommen hatte, als er vier Jahre alt war. Sie war zum heutigen Zeitpunkt schon über zwölf Jahre und tüchtig gebrechlich.

Wir alle liebten den kleinen Hund von Herzen. Besonders unser Sohn hing an ihr. Marion stand vom Tisch auf und streichelte Tapsy zart über den Kopf. Ich hatte sie auf den Arm genommen und hielt Marion das Tier hin.

„Du kannst sie gerne auf den Arm nehmen, wenn du möchtest. Sie liebt es, gestreichelt zu werden.“

Vorsichtig, als könnte sie ihr wehtun, nahm sie Tapsy auf den Arm und schmiegte ihr Gesicht in das einstmals schwarze, jetzt aber ergraute Fell des kleinen Hundes. Es war ein rührendes Bild, das sich uns bot. Zum ersten Mal traf das Lächeln ihres Mundes auch ihre Augen.

„Ich hätte auch gerne ein Tier gehabt“, bemerkte sie wie nebenbei, „aber meine Eltern waren nicht dafür.“

Freundlich sagte ich zu ihr. „Du kannst zu jeder Zeit kommen und mit Tapsy schmusen.“

Sie sah mich eindringlich an, als wollte sie ergründen, ob ich meine Worte auch ernst meine. Ich nickte ihr aufmunternd zu, nahm den Hund und ging mit Ulrike hinaus. Als ich die Haustür

hinter mir geschlossen hatte, seufzte ich.

„Mein Gott“, platzte Ulrike heraus, „so unnatürlich und angespannt habe ich es noch nie bei euch empfunden. Dieses blasse Geschöpf ist mir ein wenig unheimlich.

Ich hakte sie unter und wir gingen gemeinsam auf die Straße. Da wir in einer ruhigen Wohnstraße wohnten, konnten wir Tapsy ohne Leine laufen lassen.

„Ich bin auch froh, dass wir beide ausgerissen sind. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Die Mädchen, die er bisher mit nach Hause brachte, waren lustige, manchmal sogar freche Geschöpfe, die viel Leben in sich hatten. Ich weiß auch nicht, sie wirkt so leblos und traurig.“

„Na, hoffentlich bleibt dein Sohn nicht an ihr hängen.

Sie passt nicht zu seiner aufgeschlossenen und fröhlichen Art.“

Nachdenklich sah ich sie an.

„Ulrike, ich glaube, ich habe gerade eben meine zukünftige Schwiegertochter kennengelernt.“

„Ach, das kann man nicht sagen, die beiden sind jung, da kommen noch jede Menge andere Mädchen. Dein Sohn ist sehr charmant.“

„Jung ist gut, denke bitte daran, ich war viel jünger, als ich meinem Mann begegnet bin. Und er ist immer noch meine große Liebe.“

„Ja, ihr seid die berühmte Ausnahme. Normal kann man eure frühe Bindung auch nicht nennen.“

Sie lachte mich an und vergnügt gingen wir durch den herrlichen Sonnenschein, der zu dieser noch recht frühen Jahreszeit schon angenehm wärmte.

Tapsy wurde schnell müde, wir merkten ihr an, dass sie eine betagte Dame war. Also beschlossen wir den Rückweg anzutreten, um sie nicht zu überlasten.

Die jungen Leute hatten sich in das Zimmer meines Sohnes zurückgezogen. Der Tisch war abgeräumt, das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine eingeräumt. Von oben hörten wir leise Musik und gedämpfte Stimmen. Es ging nicht besonders lustig im Raum meines Sohnes zu. Nur spärlich drang verhaltenes Gelächter zu uns herunter.

Ulrike verließ mich etwa eine Stunde später. Kurz darauf betrat mein Mann unser Haus. Wie fast immer begrüßten wir uns zärtlich. Er nahm mich in den Arm, küsste mich und strich mir mein Haar aus der Stirn. Ich schmiegte mich an seine Brust und genoss seine Nähe.

„Oliver hat Marion mitgebracht, du weißt, das Mädchen, von dem er uns in der letzten Zeit oft erzählt hat“, flüsterte ich meinem Mann zu.

„Und, wie gefällt sie dir?", fragte er leise zurück. Ich hob die Schultern. „Ich denke, du solltest dir selbst ein Urteil bilden. Auf jeden Fall ist sie hübsch. Etwas blass zwar, aber sie hat was.“

Mein Mann grinste mich an. „Keine eifersüchtige Mutter, die ihren Sohn vor bösen Mädchen bewacht?“, neckte er mich.

Ich verdrehte die Augen. „Ich bin nicht deine Mutter. Außerdem weißt du, ich neige nicht zu Eifersucht.“

Ich hatte mir fest vorgenommen keine Freundin, die mein Sohn jemals nach Hause mitbringt, derart zu demütigen, wie meine Schwiegermutter es mit mir auch heute noch tat. „Gott sei Dank! Eine Frau in der Familie, die ihre Schwiegertochter nicht leiden kann, reicht auch.“

Flüchtig wunderte ich mich. Scheinbar ahnte auch mein Mann, dass dieses Mädchen etwas

Besonderes für unseren Sohn zu sein schien.

Er hatte sich mit Oliver über seine neue Freundin unterhalten. Ihn auch hin und wieder liebevoll gehänselt, wenn die Schwärmerei unseres Sohnes zu stark wurde.

Noch mit seinem Aktenkoffer in der Hand ging mein Mann die Treppe hinauf. Ich schlich mich hinterher, neugierig, wie Marion sich meinem Mann gegenüber verhalten würde.

Er klopfte an die Tür zum Zimmer unseres Sohnes und wartete, bis er die Stimme von Oliver hörte, die ihn hereinbat.

In unserer Familie war es eine Selbstverständlichkeit an die Tür unseres Sohnes zu klopfen und nicht einfach in sein Zimmer zu stürmten, genau wie unser Sohn bei uns anklopfte, wenn unsere Tür verschlossen war.

Wir finden, jeder Mensch hat ein Anrecht auf ein kleines Stück Eigenleben und Privatsphäre. Kinder genauso wie Eltern.

Nachdem unser Sohn ihn hereinbat, öffnete mein Mann mit einem lauten „Hallo“ die Tür. Er machte zwei Schritte in das Zimmer hinein, ich hinter ihm her.

Mein Mann begrüßte zuerst unseren Sohn, wie

immer mit großer Herzlichkeit. Marion war wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und sah ihn ängstlich an. „Das ist Marion“, stellte unser Sohn sie vor.

„Und ich bin Olivers Vater. Hallo, Marion, schön dich kennenzulernen. Ich habe schon viel von dir gehört.“

Ernst blickte Marion ihn an. Leise sagte sie. „Oliver hat mir auch schon viel von ihnen erzählt.“

Mein Mann begrüßte Thilo und Niki mit einem lockeren Spruch, auf den Thilo auch sofort einging.

Marion hatte sich wieder in den Sessel gesetzt, den Blick auf den Boden gesenkt. Als mein Mann sie nochmals ansprach, stahl sich ein leichtes Lächeln um ihre Lippen. Sie antwortete ihm höflich aber recht kurz angebunden.

Gegen seine sonstige Gewohnheit verließ mein Mann recht schnell das Zimmer unseres Sohnes. Meistens setzte er sich zu den jungen Leuten, um einen Augenblick mit ihnen zu klönen. Doch heute war alles anders.

Mein Mann ging in sein gegenüberliegendes Büro, um seinen Aktenkoffer abzustellen. Ich folgte ihm.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, gab aber keinen Laut von sich.

Meine Neugierde wuchs von Sekunde zu Sekunde. Ich wollte wissen, wie Marion auf meinen Mann gewirkt hatte. Also setzte ich mich auf eine Ecke seines Schreibtisches und sah ihn erwartungsvoll an.

Er grinste und ich bemerkte, er hielt mich mit Absicht hin.

Ich knuffte ihn an seinen Arm. „Los, nun sag schon, wie sie dir gefällt.“

„Ich kann nicht viel sagen, ich habe kaum einen Satz mit ihr gewechselt. Sie sieht gut aus, da hast du recht. Ein bisschen blass vielleicht und traurig, aber ansonsten niedlich.“

„Also ist dir auch aufgefallen, wie traurig sie wirkt. Ich finde, sie sieht nicht aus wie ein fröhlicher, junger Mensch.“

„Dann lass uns mal abwarten. Eventuell taut sie auf, wenn sie öfter bei uns ist.“

Nach einer weiteren Stunde verabschiedeten sich die jungen Leute. Marion bedankte sich höflich bei mir und verließ schnell unser Haus. „Ich bringe Marion nach Hause und bin zum Abendessen zurück“, sagte mein Sohn.

Ich hatte ihn zur Haustür begleitet und antwortete lächelnd: „Ist gut mein Schatz, wir warten mit dem Abendessen auf dich. Bring Marion nur in Ruhe nach Hause.“ Sie schaute mich erstaunt an. Ich wunderte mich über diesen Blick, konnte ich ihn aber nicht deuten.

Sie setzte sich auf den Rücksitz des kleinen, schon älteren Motorrades, welches mein Sohn zu der Zeit fuhr. Der Helm, den mein Sohn ihr reichte, schien ihre zarte Gestalt fast zu erschlagen. Mein Sohn gab Gas und fuhr los. Marion hob kurz ihre Hand und klammerte sich dann bei Oliver fest. Schnell entschwanden sie meinem Blick. Nachdenklich ging ich ins Haus zurück. Ich wusste nicht, was mit mir los war, aber meine Gefühle signalisierten mir, es würde etwas Unvorhergesehenes auf mich zukommen.

In den nächsten Tagen versuchte ich, meinen Sohn ein wenig nach den häuslichen Verhältnissen seiner Freundin auszuhorchen.

„Ich weiß kaum etwas über ihre Eltern, sie erzählt mir nichts. Wenn ich sie frage, weicht sie mir aus. Sie nimmt mich auch nie mit zu sich rein, ihre Mutter würde das nicht gerne sehen.

Ich kenne die Eltern nicht und liefere sie nur

zuhause ab.“

Ein paar Tage später brachte Oliver Marion wieder mit zu uns. Er hatte sich mit ihr in der Stadt getroffen und wir nicht damit gerechnet, die beiden zu sehen. Am frühen Abend, mein Mann und ich saßen in unserem Wohnzimmer, standen die beiden plötzlich im Raum.

Mein Mann hatte die Füße auf den Couchtisch gelegt, was er sonst kaum tat. Als er Marion erblickte, lachte er über ihr erstauntes Gesicht. „Normalerweise weiß ich, dass es sich nicht gehört die Füße auf den Tisch zu legen, aber es ist gerade so gemütlich.“

Sie nickte bedächtig mit dem Kopf und sagte dann. „Ich finde es nicht schlimm.“ Sie lächelte uns freundlich an, gab uns die Hand und verschwand mit unserem Sohn in seinem Zimmer.

Ich bereitete unser Abendessen vor und deckte den Tisch für vier Personen, anschließend rief ich meinen Sohn und bat zum Essen zu kommen. Mein Sohn kam allein die Treppe herunter.

„Wo ist Marion? Will sie nichts essen?", fragte ich erstaunt. Die Freunde unseres Sohnes saßen

häufig mit an unserem Esstisch.

„Sie will nicht und meint, sie wolle uns nicht stören.“

„Sie stört uns nicht. Geh zu ihr und bring sie mit herunter. Du kannst sie nicht allein in deinem Zimmer sitzen lassen. So etwas hat es bei uns noch nie gegeben.“ Nach ein paar Minuten kam er mit Marion an der Hand zurück. Sie setzte sich auf ihren Platz und traute kaum sich zu bewegen.

Wir versuchten sie in ein Gespräch zu verwickeln, was uns aber nur schwer gelang.

Erst als ich nach ihrem Beruf fragte, wurde sie ein wenig gesprächiger.

„Ich habe gehört, du lernst Altenpflege? Ein schöner, aber bestimmt auch anstrengender Beruf, oder?“

„Es ist ein schöner Beruf und anstrengend ist er auch. Aber was ich am schlimmsten finde, ist die ständige Konfrontation mit dem Tod. Da komme ich nur schlecht mit zurecht. Es sind oft liebe alte Menschen, die wir schon lange pflegen und die dann von heute auf morgen nicht mehr da sind. Manchmal gehe ich abends nach Hause und wenn ich am nächsten Morgen meinen Dienst anfange, ist erneut ein alter Mensch gestorben, der am Vortag noch lebendig gewesen war. Das belastet mich ziemlich, aber damit muss ich mich wohl abfinden.“

„Ich bewundere deine Kraft, Marion. Ich könnte solch einen Beruf nicht ausüben. Das Leid und Elend, mit dem du täglich zu tun hast, würde ich nicht verkraften.“ Sie lächelte mich lieb an. „Sie haben auch einen wunderschönen Beruf, Kosmetikerin möchte ich auch gerne sein.“

„Und warum bist du es nicht geworden? Es gibt heute hervorragende Schulen.“

Hart lachte sie. „Damit sollte ich meinen Eltern mal kommen, für sie ist das kein Beruf, sondern höchstens eine Beschäftigung.“

„Na, Beschäftigung ist gut. Ich habe eine lange Ausbildungszeit hinter mir. Allein zwei Jahre Heilpraktikerschule und dann noch die Kosmetikschule. Ich glaube, ich weiß über den menschlichen Körper recht gut Bescheid.“

Ich bemerkte, wie ich innerlich wütend wurde auf Menschen, die ich nicht kannte. Aber ich empfand es als anmaßend, über etwas zu urteilen, von dem man keine Ahnung hat.

„Deine Eltern scheinen über meinen Beruf nicht gut informiert zu sein, sonst wüssten sie, dass man für diesen Berufszweig eine Menge lernen

muss.“

„Nein, Ahnung haben sie nicht, aber sie lehnen alles ab, was mit Kosmetik zu tun hat. Ich darf mich auch nicht schminken.“

„Und warum darfst du das nicht?“

„Meine Mutter sagt, dann sehe ich aus wie ein Flittchen, einfach und billig.“ Bei dem Wort Mutter stockte sie ein wenig, was mich aufhorchen ließ.

‚Das wird ja immer besser’, dachte ich. ‚Ich habe mich nie sonderlich stark geschminkt, für meinen Beruf sogar äußerst wenig. Aber ich glaube, ein leicht geschminktes Gesicht sieht immer gepflegt aus und keineswegs billig.‘

Marion hatte die Worte verächtlich gesprochen, so als ob sie kein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hat. Ich spürte, wie unangenehm ihr dieses Thema war, deshalb sagte ich schnell: „Das ist auch eine Sache des Geschmacks. Ich nehme an, deine Mutter trägt kein Make-up.“

Ihr Gesicht hatte inzwischen die Farbe einer reifen Tomate angenommen. Sie schüttelte den Kopf.

„Nun nimm erst einmal eine Scheibe Brot, sonst verhungerst du uns. Du bist ziemlich schlank“, versuchte mein Mann die Situation zu überbrücken. Er wusste, wenn jemand meinen geliebten Beruf beleidigte, ging mir das sehr zu Herzen.

Leider war ich zu der Zeit, als ich Marion kennenlernte, noch sehr empfindlich und durch die Attacken meiner Schwiegermutter auch nicht widerstandsfähig gegen Angriffe von außen.

Marion aß nur eine halbe Scheibe Brot dünn mit Käse belegt, und als mein Sohn sie aufforderte, mehr zu essen, lehnte sie dankend ab.

Und dann passierte das Malheur. Sie stieß gegen ihre Tasse und der Tee ergoss sich über mein blütenweißes Tischtuch.

Sie sprang auf und zitterte am ganzen Körper, Tränen stiegen in ihre Augen und rollten in kleinen Sturzbächen über ihre Wangen.

„Verzeihung“, stammelte sie, „ich bin oft ungeschickt. Zuhause passiert es mir laufend, dass ich etwas verschütte.“

„Macht nichts“, beruhigte ich sie, „ich habe eine Waschmaschine. Mach dir keine Gedanken darüber.“

Ich ging in die Küche, holte ein Tuch und tupfte die Flüssigkeit, soweit möglich auf. Natürlich blieb ein brauner Fleck zurück.

Oliver hatte sie zwischenzeitlich auf den Stuhl

zurückgezogen und streichelte beruhigend über ihre Hand. Sie zitterte weiterhin und konnte sich kaum beruhigen. Sie war wegen dieser Lappalie völlig aus dem Häuschen.

Es dauerte auch nicht lange, da bat unser Sohn, den Tisch verlassen zu dürfen.

Natürlich durfte er. Es war nicht zu übersehen, wie aufgeregt Marion war.

Als ich eine Weile später die Treppe hochstieg, hörte ich aus Olivers Zimmer ein leises Weinen und die schluchzende Stimme von Marion.

„Deine Eltern werden mich nie wieder einladen und auch nicht mehr mögen, wie ich mich aufgeführt habe.“

„Kein Stück“, antwortete mein Sohn, „so reagieren meine Eltern nicht. Jedem passiert das irgendwann einmal, dass er etwas verschüttet.“

Ich klopfte an die Tür und betrat das Zimmer meines Sohnes.

„Marion, ich habe auf dem Flur noch immer dein Weinen und deine Worte gehört. Was machst du dir für Gedanken. Selbstverständlich kannst du jederzeit zu uns kommen. Warum regst du dich nur so auf?“

Ich streichelte ihr über die Hand, gern hätte ich

sie in meinen Arm genommen, wie es zu meiner Art passt. Ich zeige meine Gefühle meistens recht deutlich, doch eine unbegründete Scheu hielt mich davon ab.

Sie schluchzte weiter und war nicht zu beruhigen.

„Meine Eltern sagen ständig, ich würde mich tollpatschig anstellen und nicht wissen, wie man sich benimmt. Sie sind oft böse mit mir, weil mir solche Dinge häufig passieren.“

„Hier ist keiner böse auf dich. Jetzt vergisst du die Sache und ihr zwei lacht miteinander, das ist viel schöner als traurig zu sein.“

Mit diesen Worten verließ ich das Zimmer und wunderte mich über ihre merkwürdige Verhaltensweise, allerdings konnte ich auch nicht verstehen, warum ihre Eltern scheinbar recht heftig auf solche Belanglosigkeiten reagierten. Noch oft sollte ich mich im Laufe der nächsten Zeit über die etwas merkwürdige Art wundern, mit der ihre Eltern mit ihr umgingen.

Marion: Verlorene Kindheit

Es war für mich recht merkwürdig, den Eltern von Oliver gegenüberzustehen. Er hatte mir viel von ihnen erzählt und ich wunderte mich darüber, wie lieb und freundlich er von ihnen sprach.

Im Allgemeinen war es unter Jugendliche unüblich positiv über die Eltern zu sprechen. Eher hörte man Sätze wie: „Meine Alten nerven mal wieder“ oder ähnliches. Die meisten verstanden sich nicht so gut mit ihren Eltern, zumindest gaben sie es nicht zu, ihre Eltern gern zu haben.

Ganz anders Oliver. Nie hörte man ein böses Wort über seine Eltern. Er sprach voller Hochachtung von ihnen. Es war zu erkennen, dass er sehr an seinen Eltern hing. Wenn er von seiner Mutter sprach, schwang auch immer ein wenig Zärtlichkeit in seiner Stimme.

Überhaupt gefiel es mir, dass er keine Angst hatte seine Gefühle offenzulegen. In meinem Elternhaus wurde mit Gefühlen sparsam umgegangen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann mein Vater mich jemals in den

Arm genommen hatte.

Vielleicht als ich ein Kind war, aber seitdem ich heranwuchs, zeigte er keine Zärtlichkeit mehr für mich.

Als Oliver mir sagte, dass ich mit ihm nach Hause kommen sollte, um mit Thilo und Niki bei ihm Kaffee zu trinken, wurde mir einigermaßen mulmig.

Selbst durfte ich kaum Freunde mit nach Hause bringen, meine Stiefmutter mochte die Unruhe im Haus nicht.

Bis zu diesem Zeitpunkt wusste Oliver noch nicht, dass ich eine Stiefmutter hatte. Ich sprach nur ungern darüber, weil ich mich schämte, eine Stiefmutter zu haben. Denn meine Stiefmutter erfüllte vollkommen das klassische Klischee, das es über Stiefmütter gibt.

Nicht, dass sie mich und meinen Bruder schlug oder körperlich züchtigte, nein, es war ihre kühle Art, unter der ich litt.

Gerne hätte ich nach dem Tod meiner Mutter eine Frau an der Seite meines Vaters gehabt, der mir Fürsorge und zärtliche Gefühle entgegenbringt.

Leider war meine Stiefmutter nicht in der Lage

mir Gefühle zu zeigen. Sie versorgte unseren Haushalt perfekt, immer war alles sauber und aufgeräumt, doch es fehlte an Wärme und Gemütlichkeit.

An diesem Nachmittag, zwei Monate vor meinem siebzehnten Geburtstag, fuhr ich mit dem Bus zu Oliver. Ich freute mich auf ihn. Obwohl wir uns noch nicht so lange kannten, war er zu einem wichtigen Menschen in meinem Leben geworden. Er war ruhig und angenehm in seinen Umgangsformen, dabei stets fröhlich und freundlich. Aber er konnte auch ernst sein und aufmerksam zuhören, wenn er merkte, dass ich wieder einmal mit meinen Gefühlen und Ängsten nicht zurechtkam.

Er war einfach anders als die jungen Männer, die ich sonst kannte. Meistens war er von einer ruhigen Gelassenheit, die ihn weit erwachsener erscheinen ließ, als es in unserem Alter üblich war. Oliver bekundete mir seine Gefühle, ohne mich zu bedrängen. Er war zärtlich zu mir, streichelte über meine Wange oder mein Haar, sah mich lieb an oder flüsterte mir liebevolle Worte ins Ohr.

Es war für mich echt schwer, ihm zu zeigen, dass ich ihn auch gernhatte. Im Laufe der Jahre, seitdem meine Mutter gestorben war und ich mit zwölf Jahren auf Mutterliebe verzichten musste, hatte ich gelernt, meine Empfindungen zu verstecken. Und wenn ich heute zurückblicke, bin ich dankbar, dass Oliver meine spröde Art nicht zum Anlass nahm, sich von mir zu trennen.

In meinem Magen schienen Schmetterlinge zu fliegen, als ich auf Olivers Elternhaus zuging. Das Haus gefiel mir. Die Fassade bestand aus roten Klinkern, die Fenster waren weiß. Durch die Sprossen wirkten sie anheimelnd und einladend.

Mir wurde schlecht, als ich behutsam auf den Klingelknopf drückte. Doch noch bevor die Klingel anschlug, wurde die Tür von Oliver aufgerissen. Strahlend stand er vor mir.

„Da bist du ja, schön dass du gekommen bist.“ Er ergriff meine Hand, hauchte mir einen leichten Kuss auf die Wange und zog mich ins Haus. Wir kamen durch einen kleinen Vorflur und betraten dann ein großes Wohnzimmer.

Es war schon merkwürdig, ich hatte in diesem Moment nur einen Gedanken. ‚Wie groß mochte dieser Raum sein?’ Ich dachte bei mir. ‚Das sind bestimmt sechzig Quadratmeter.’ Verstohlen sah

ich mich um.

Links ging eine Treppe in das obere Stockwerk. Großzügig in den Raum gestellt war eine braune Sitzgarnitur im Altdeutschen Stil, bestehend aus einem dreisitzigen Sofa einem Couchtisch und drei schweren Sesseln. In einer anderen Ecke, in der Nähe einer Tür, von der ich später wusste, dass sie in die Küche führte, stand ein dunkelbrauner runder Esstisch mit sechs hellbeige bezogenen Stühlen. Ein brauner Schrank, passend zum anderen Interieur nahm eine ganze rechte Wand ein, ohne dass er den großen Raum in irgendeiner Weise kleiner erscheinen ließ. Überall standen Grünpflanzen oder bunte Blumensträuße. Auf mich wirkte es sehr vornehm, und es gefiel mir, keinen kitschigen Nippes zu sehen, sondern nur wenige dekorativ angeordnet Gegenstände.

Alles sah großzügig aus und weder konservativ und muffig wie in meinem Elternhaus. Meine Stiefmutter hatte das ganze Haus mit Nippes Figuren verschandelt. Bei uns war alles lieblos, kleinbürgerlich und ohne Atmosphäre. Obwohl es qualitativ sicher hochwertige Gegenstände waren.

Oliver zeigte mir sämtliche Räume, selbst vor dem Schlafzimmer seiner Eltern machte er nicht halt. Ich empfand, wie stolz er auf alles war, was er mir vorführte. Er ging so selbstverständlich mit den Dingen um. Es war für ihn nicht das Haus seiner Eltern, sondern es war sein Zuhause, in dem er sich wohlfühlte.

Ich durfte mir in meinem sogenannten Zuhause nicht mal eine Scheibe Brot schmieren. Meine Stiefmutter wollte nicht, dass jemand in ihrer Küche herumwirtschaftet, wie sie sich auszudrücken pflegte.

Wir waren auf unserer Besichtigungstour im Badezimmer angekommen, als ich im unteren Teil des Hauses Stimmen hörte.

Mein Herz klopfte wie wild, als ich daran dachte, wie Olivers Mutter reagieren würde, wenn sie sah, dass er mir das ganze Haus gezeigt hatte. Ich wusste, meine Stiefmutter hätte völlig sauer reagiert. Mein einziger Gedanke war Flucht.Ich wollte mich der Begegnung nicht aussetzen. Es graute mir davor, in ihren Augen eventuell Missbilligung zu erkennen, oder schlimmer noch, wenn sie ihren Unwillen verbal ausdrücken würde.

Ich ließ Oliver stehen und begab mich auf die Treppe. Ich hatte erst einige Stufen hinter mich gebracht, als die Tür aufging und Olivers Mutter mit ihrer Freundin vor mir stand.

Mein Fuß stockte in der Luft. Ich hörte fast auf zu atmen. Am liebsten hätte ich mich in „nichts“ aufgelöst.

Doch alle Aufregung war umsonst. Olivers Mutter strahlte mich an und begrüßte mich liebenswürdig.

Trotz ihrer Freundlichkeit fühlte ich mich schrecklich unwohl in meiner Haut. Ich war es nicht gewohnt, dass man unkompliziert mit mir umging und es auch noch als selbstverständlich erachtete, dass sein Kind, in diesem Falle Oliver, Freunde mit nach Hause bringt.

Ich fühlte mich seltsam zu Olivers Mutter hingezogen. Sie wirkte auf mich

natürlich, warm und herzlich. Und obgleich Oliver mir erzählt hatte, dass sie sehr unter dem schlechten Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter litt und dadurch seelisch angeschlagen war, erschien sie mir mit einer inneren Fröhlichkeit behaftet zu sein, die sich deutlich in ihren Augen widerspiegelte.

Und es erschreckte und faszinierte mich gleichermaßen, wie sie mit ihrem Sohn umging. Da war so viel Innigkeit in ihrer Stimme, wenn sie mit ihm sprach. Mich beschlich das Gefühl, dass sie seine Gedanken erahnte, noch bevor er sie aussprach. Ich erkannte deutlich, dass hier zwei Menschen vor mir standen, die eine starke innere Verbundenheit füreinander hegten.

Oliver hing augenscheinlich sehr an seiner Mutter. Dennoch kam nie der Verdacht auf, er sei ein Muttersöhnchen. Im Gegenteil, seine Freunde, die ich im Laufe der vergangenen Wochen kennengelernt hatte, fanden es super, dass er ein derart gutes Verhältnis zu seinen Eltern hatte.

Ständig waren Freunde von Oliver bei ihm, und sie verhielten sich, als ob sie in seinem Elternhaus auch zuhause seien. Olivers Eltern gingen freundlich und unbefangen mit seinen Freunden um, und es war zu erkennen, dass sie sich wohlfühlten und gerne kamen. Es ging immer lustig zu und war ein ständiges Kommen und Gehen, wie ich es von zuhause nicht kannte. Ich brachte nur selten Freunde mit nach Hause. Und wenn meine Mutter es vereinzelt gestattete eine Freundin mitzubringen, dann fühlte diese sich meistens in meinem sterilen und kalten Elternhaus nicht wohl und verließ mich nach kurzer Zeit wieder.

Oliver nahm ich nicht mit herein zu mir. Es war mir peinlich, weil ich wusste, wie meine Stiefmutter Rena sich ihm gegenüber verhalten würde. Außerdem wollte ich auf keinen Fall, dass er erfuhr, dass meine Mutter tot ist.

Als ich nach der ersten Begegnung mit seinen Eltern, am Abend in meinem Bett lag, weinte ich schrecklich. Es war mir zu Bewusstsein gekommen, wie sehr ich meine Mutter vermisste. Ich geriet ins Träumen und dachte an meine Kindheit. Meine Mutter war zwar eine strenge, aber gerechte Frau gewesen, die alles für mich getan hatte. Schon als kleines Mädchen musste ich wegen eines Augenfehlers eine Brille tragen, was mich stark belastete. Meine Mutter versuchte, mir so gut sie konnte zu helfen, mit dieser Behinderung, wie ich es als kleines Mädchen empfand, zurechtzukommen.

Soweit ich mich erinnere, konnten mir meine Eltern schon damals nicht die Liebe und Zärtlichkeit geben, die ich brauchte und mir wünschte.

---ENDE DER LESEPROBE---