Trilogie einer Familiengeschichte - Jutta Reinert - E-Book

Trilogie einer Familiengeschichte E-Book

Jutta Reinert

0,0
14,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Dieser Sammelband enthält die drei in sich abgeschlossenen Romane einer Buchreihe mit der Bezeichnung Familientrilogie der Autorin Jutta Reinert. 1. >>Roman Schwiegermütter machen dick<< "Schwiegermütter machen dick" ist der erste Teil einer deutschen Familiengeschichte mit drei in sich abgeschlossenen Folgen. In der Protagonistin Julia werden zahlreiche Leserinnen ihre eigenen, ähnlichen Schicksale erkennen. Das sehr einfühlsam geschriebene Buch gibt in vielen lebensnahen Episoden die Konflikte und Probleme zwischen der ungeliebten Schwiegertochter und der beherrschenden Schwiegermutter wieder. Der auf Erfahrungen aufgebaute Roman zeigt aber auch Lösungsansätze für ein Miteinander auf. 2. >>Roman Mama, ab heute heißt du Oma<< Die in sich abgeschlossene Fortsetzung von „Schwiegermütter machen dick“ Nachdem Julia Ehrenfeld langsam wieder seelisch stabiler geworden ist, gerät sie in eine erneute Krise, als ihre Schwägerin ein zweites Kind bekommt und Julia erkennen muss, dass dies mit über vierzig Jahren für sie nicht mehr möglich ist. Sie empfindet sich als alt und nutzlos. Als ihre Schwiegertochter kurz vor Julias Silberhochzeit freudestrahlend zu ihr sagt: „ Mama, ab heute heißt du Oma“, gerät ihr Seelenleben vollständig aus dem Lot. Die liebevollen und positiven Gefühle für ihre Familie ändern sich. Schleichend tritt eine Entfremdung ein. Mit ihrem Enkelkind kommt sie nicht zurecht. Als dann noch ein faszinierender Mann in ihr Leben tritt, ist ihre Ehe in großer Gefahr. 3. >>Am Ende steht ein neuer Anfang<< Die derzeit finale Fortsetzung von "Schwiegermütter machen dick" und "Mama, ab heute heißt du Oma" Dunkle Wolken überschatten ganz plötzlich die heile Welt von Julia Ehrenfeld. Sie lebt mit ihrem Mann Nils in einer glücklichen Beziehung und genießt ihr Leben mit ihm, ihrem Sohn, der Schwiegertochter und zwei zauberhaften Enkelkindern. Nils erkrankt an Krebs und die ganze Familie muss den Ernst dieser schweren Krankheit erkennen. Julia versucht alles, ihrem Mann die Krankheit zu erleichtern und ihm und sich selbst Mut zu machen. Sie erfüllt ihm seinen Wunsch ein Haus in Spanien zu erwerben und umzubauen. Nils erlebt sein Traumhaus nur noch kurze Zeit und schließt dort für immer die Augen. Julia scheint ihren Lebensmut zu verlieren. Wege, wie es weiter gehen kann, zeichnen sich ab, doch sie hadert mit sich und ihrem Schicksal und weiß nicht, wohin ihr zukünftiger Weg sie führen wird. Der falsche Mann tritt in ihr Leben ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jutta Reinert

Trilogie einer Familiengeschichte

3 in 1 E-Book

Inhaltsverzeichnis

Band 1

Band 2

Band 3

Jutta Reinert

Roman

Impressum

Ein kalter Schauer lief Julia Ehrenfeld plötzlich über ihren Rücken. Sie schaute etwas erschrocken von ihrem Buch hoch, in dem sie gerade gelesen hatte. Nur sehr selten konnte sie sich den Luxus leisten, schon am Vormittag in eine Lektüre vertieft zu sein. Jetzt quälte sie fast so etwas wie eine Vorahnung. In ihrem Buch wurde der Tod eines Menschen erwähnt, der sich vorher nicht abgezeichnet hatte. Eine noch unbestimmte Furcht kroch in ihr hoch, die sie nicht einzuordnen wusste. Hatte das etwas mit meiner Familie zu tun? Ist sie etwa in Gefahr?

Über die Autorin

Impressum

Band 1

Jutta Reinert

Schwiegermütter

machen dick

Roman

Impressum

Text: © Copyright Jutta Reinert

Umschlag: © Copyright Sven-Oliver Reinert

3. Auflage

Copyright © Juli 2024 Jutta Reinert / Alle Rechte vorbehalten

Die Verwertung des Textes, auch auszugsweise, ist ohne Zustimmung urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Mikroverfilmung, Übersetzungen und die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

In ihrem großen, mit viel Geschmack gestalteten Badezimmer steht die vierzigjährige Julia vor dem Spiegel. Sie ist traurig und unglücklich, denn ihr Spiegelbild zeigt ihr deutlich, dass sie etliche Pfunde zu viel auf die Waage bringt. In den letzten Jahren hatte sie 40 Pfund zugenommen und das konnte sie nicht übersehen.

Julia seufzt und fragt sich, wie konnte es so weit mit ihr kommen? Im Allgemeinen legt sie sehr viel Wert auf ihr Äußeres und pflegt sich sorgfältig. Ihr Gesicht ist immer noch hübsch, die Haut glatt und weich. Sie streicht sich über ihre vollen, glänzenden Haare. Damit bin ich zufrieden, denkt sie. Als sie aber weiter an sich herunterschaut, treten Tränen in ihre Augen. Still weint Julia in sich hinein. Sie setzt sich auf einen aus Messing gefertigten Stuhl, der dem Bad einen vornehmen Anstrich verleiht.

Gerade, als sie sich müde zurücklehnt, kommt ihr Mann Nils, mit dem sie seit 22 Jahren verheiratet ist, ins Badezimmer.

„Aber Prinzessin", sagt er liebevoll, „wer wird an so einem schönen Sommertag morgens um 7:30 Uhr weinen?"

Julia wischt ihre Tränen fort. "Guten Morgen,

Liebling. Tut mir leid, ich bin heute Morgen eine schreckliche Heulsuse."

Nils nimmt sie in die Arme und Julia schmiegt sich an ihn.

Es ist ein gutes Gefühl, seine Wärme zu spüren und seinen Geruch aufzunehmen. Seitdem sie ihn kennt, benutzt er immer das gleiche Rasierwasser. Sie liebt diesen Geruch, der so gut zu Nils passt. Es ist schön, denkt Julia, auch nach den vielen Jahren ist er immer noch der wichtigste Mensch in meinem Leben. Das intensive Gefühl von Liebe und Geborgenheit, welches Nils ihr vermittelt, hat sich im Laufe der Jahre noch verstärkt.

Julia träumt in der warmen Geborgenheit seiner Arme, bis seine Stimme ganz leise fragt: "Prinzessin, gibt es noch Kaffee? Ich muss heute früher als sonst im Geschäft sein."

Nils ist selbstständiger Kaufmann und sehr tüchtig in seinem Beruf. Julia hilft oft in seinem Geschäft aus. Die Arbeit macht ihr Spaß und sie ist gerne mit Nils zusammen.

Als seine Stimme jetzt ihre Träume unterbricht, schreckt sie hoch. „Natürlich bekommst du dein Frühstück, es geht ganz schnell." Sie springt vom Stuhl hoch und rennt die Treppe ihres hübschen Einfamilienhauses herunter. Das Frühstück hat sie in ihrer modernen Küche schnell gerichtet.

In der Essecke des großen Wohnzimmers deckt Julia liebevoll den Tisch, so wie Nils es gern mochte. Auch heute genießt er den hübsch gedeckten Tisch und langt kräftig zu. Julia schenkt ihm Kaffee ein und streicht ihm dabei über sein schon etwas schütter gewordenes Haar. „Nils, ich komme heute erst gegen Mittag ins Geschäft, ich möchte noch einiges im Haushalt erledigen“, spricht sie ihren Mann an, „ich hoffe, es ist dir recht." „Aber sicher, komm, wenn du fertig bist. Ich glaube, du bist heute mit dem falschen Fuß aufgestanden, gönne dir etwas Ruhe."

Sie sieht ihn liebevoll an und ihre Augen sagen ihm, wie dankbar sie für seine Fürsorge ist.

Er steht vom Tisch auf, zieht sein Jackett über und greift nach seinem Aktenkoffer, den er immer bei sich trägt. Julia begleitet ihn zur Haustür. Das macht sie immer, wenn sie nicht mit ihm gemeinsam ins Geschäft fährt. Nils nimmt sie in die Arme und drückte sie an sich. „Heute Abend erzählst du mir was dich bedrückt und dann rücken wir deinem Kummer gemeinsam zu Leibe."

„Ist schon wieder gut“, sagt Julia, aber sie ist immer noch traurig und verstört.

Sie will Nils nicht damit belasten, er hat wieder einen anstrengenden Tag vor sich.

Müde und niedergedrückt geht sie in ihr Wohnzimmer zurück. Das harmonisch aufeinander abgestimmte Wohnzimmer wirkt gemütlich und strahlt Behaglichkeit aus. Die hellen Farben und die etwas verspielten Möbel passen zu Julias eher weichem Wesen. Wertvolle Perserteppiche runden das Bild zu einer harmonischen Einheit ab. Mein Gott denkt Julia, ich habe wirklich allen Grund glücklich zu sein. Ich habe ein schönes Heim, einen netten Mann, einen wunderbaren Sohn, und auch die zukünftige Schwiegertochter ist nach meinem

Geschmack.

Der 21-jährige Sohn Kai Ole und seine Verlobte Miriam wohnen in der kleinen Einliegerwohnung des Hauses, das Julia mit ihrem Mann vor zehn Jahren gebaut hatte. Beide, Julia und Nils verstehen sich prächtig mit Sohn und Schwiegertochter. Kai Ole arbeitet im Geschäft seines Vaters und Miriam als Kosmetikerin in einer Parfümerie. Das Verhältnis zu ihrem Sohn ist schon immer außergewöhnlich gut gewesen, und als Kai Ole seine Miriam mit nach Hause brachte, wurde die tiefe Liebe und Verbundenheit auch auf Miriam übertragen.

Julia nimmt ihre noch volle Kaffeetasse vom Esstisch und setzt sich in einen der großen, gemütlichen Sessel. Ihre Gedanken wandern zu dem Tag zurück, an dem sie ihren Mann kennenlernte. Sie war noch nicht ganz 16 Jahre alt gewesen, ein hübsches, junges Mädchen, zierlich und beinahe ständig fröhlich.

Nils war und blieb ihre erste große Liebe, die schon viele, viele Jahre andauerte.

Er war damals ein netter, freundlicher junger Mann von 19 Jahren und er liebte seine Julia vom ersten Augenblick an.

Alles hätte so wunderschön sein können, wäre da nicht Nils Mutter gewesen. Von der äußeren Erscheinung her eine sehr angenehme Person, aber Julia hat im Laufe der Jahre viel Böses durch ihre Schwiegermutter erleiden müssen.

Doch da sie Nils liebte, nahm sie sich gleich bei der ersten Begegnung vor, diese Liebe auf Nils Mutter zu übertragen. Leider wurde nichts daraus, denn Nils Mutter lehnte Julia von der ersten Minute an ab.

Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf. Julia half sich mit Schokolade über die Attacken ihrer Schwiegermutter hinweg. Sehr langsam, aber stetig schlich sich Pfund zu Pfund auf Julias Hüften.

Julia träumt sich, gemütlich in ihren Sessel gekuschelt, in die Zeit zurück, als sie Nils kennenlernte. Es hatte wundervoll begonnen, bis seine Mutter auftauchte und anfing, mir das Leben schwer zu machen. Julia überdenkt noch einmal das Schöne und Wunderbare, aber auch das Leid ihrer 22-jährigen Ehe.

Begonnen hatte es an einem Samstag im September. Sie war mit ihrer besten Freundin Inge verabredet gewesen. Gemeinsam wollten sie mit dem Fahrrad zu Inges Freund Ralf fahren. Ralf wohnte mit seinen Eltern in einem Haus am Rande der hübschen, mittelgroßen Stadt, in der Inge und Julia zuhause waren.

Julia holte gerade ihr Fahrrad aus dem Schuppen, der im Garten ihres Elternhauses stand, als sie Inge schon ungeduldig auf der Straße stehen sah.

Puh, dachte Julia, die hat es wieder mal eilig. Sie selbst hatte nicht viel Lust mit Inge dorthin zu fahren. Denn Inges Freund und noch vier andere junge Männer machten bei Ralf im Keller Beatmusik. Gerade diese schreiende Musik mochte Julia gar nicht. Lustlos schob Julia ihr Fahrrad nach vorne auf die Straße, wo sie von Inge schon voller Unruhe erwartet wurde.

Inges Stirn war in ärgerliche Falten gelegt: „Nun komm endlich, wir sind spät dran“, fuhr sie Julia wütend an. „Ist ja gut, jetzt bin ich da“, antwortete Julia mürrisch. Nicht gerade erfreut dachte sie daran, sich den ganzen Nachmittag Beatmusik anhören zu müssen. Aber sie wusste auch, dass sie Inge damit eine Freude machte. Sie hatte Inge nämlich sehr gern und lächelte sie freundlich an.

Die jungen Männer, die dort gemeinsam Musik machten, kannte Julia, bis auf Nils. Kaum hatten die beiden Freundinnen sich auf ihr Fahrrad geschwungen, fing Inge an die Vorzüge von Nils aufzuzählen.

Plötzlich fauchte sie Julia an: „Was ist los mit dir, hörst du mir eigentlich zu?" „Nein!“, gab Julia ehrlich zur Antwort, „der Typ interessiert mich nicht. Lass mich damit in Ruhe." Sie hatte gemerkt, dass Inge sie mit Nils verkuppeln wollte, doch daran hatte sie kein Interesse. Als Julia aufsah, bemerkte sie, dass Inge über ihren Ausbruch beleidigt war und musste über Inges Gesicht lachen. „Na, komm, Inge, mach wieder ein freundliches Gesicht. Es war nicht so gemeint, strahlte sie Inge an. Julia konnte nie lange böse sein, denn sie besaß viel Humor und war oft und gerne fröhlich. Inge war auch sofort bereit wieder und war oft und gerne fröhlich. Inge war auch sofort bereit wieder

freundlich zu sein. „O. k“, meinte sie, „ist in Ordnung."

Fröhlich fuhren die beiden Freundinnen in der herrlich warmen Sonne des schönen Herbsttages ihrem Ziel entgegen. Sie lachten sich an und freuten sich über den schönen Tag und ihre wunderbare Freundschaft. Solange Julia denken konnte, war die zwei Jahre ältere Inge ihre beste Freundin gewesen. Inge und sie wohnten in der gleichen Straße und sie machten in ihrer Freizeit fast alles zusammen.

Kurze Zeit später hatten sie Ralfs Elternhaus erreicht und wurden mit lautem Hallo im Beatkeller begrüßt. „Kommt herein, schön, dass ihr da seid. Ach, übrigens“, sprach Ralf Julia an, „das ist Nils, den kennst du noch nicht."

Der Keller war ziemlich dunkel. Blaue und rote Birnen in den Lampen gaben ein mattes Licht ab. In diesem Schummerlicht sah Julia einen jungen Mann auf sich zukommen. Verwundert stellte sie fest, dass ihr Herz auf einmal stürmisch zu klopfen begann. So nordisch kühl, wie sein Name, war der ganze junge Mann. „Guten Tag, Julia, schön dich zu sehen“, sprach er Julia an. „Ja, auch schön dich zu sehen“, tat sie gelangweilt. Lächelte ihn dabei aber dennoch freundlich an. Oh, dachte sie, der hat schöne, warme Augen, aber ansonsten Durchschnitt.

Julia seufzte und lehnte sich gegen einen kleinen Schrank, in dem Gläser standen. Nils stellte sich neben sie und Julia spürte, wie ihre Hände feucht wurden.

„Magst du Beatmusik?", fragte er sie freundlich. „Nein, überhaupt nicht!"

„Wie bitte, und warum bist du dann hier?", wunderte sich Nils. „Wegen Inge, sie ist meine beste Freundin“, antwortete Julia ärgerlich.

Der Typ bringt mich total durcheinander, wunderte sie sich über sich selbst.

Dann ging der Krach auch schon los. Beatmusik, wie sie im Jahre 1966 eben modern war.

Julia beobachtete Nils intensiver und musste sich eingestehen, dass er ihr gut gefiel. Zu gut für ihren Geschmack. Allerdings dachte sie, ich will trotzdem nichts mit ihm zu tun haben.

Die Zeit im Beatkeller verging recht schnell. Als Julia auf die Uhr schaute, erschrak sie, denn um diese Zeit hätte sie schon zu Hause sein müssen. „Mensch, Inge“, rief sie ihrer Freundin in Panik zu, „wir müssen nach Hause.“

Auf den Heimweg war es schon dunkel und Julia etwas unheimlich zumute. Sie mochte nicht in der Dunkelheit unterwegs sein.

Außerdem hatte sie Angst vor dem Donnerwetter ihrer Mutter, die es nicht schätzte, wenn ihre Kinder zu spät nach Hause kamen.

Und so kam es dann auch. Als Julia die Wohnung betrat, schaute ihre Mutter ärgerlich auf die Uhr. „Wann solltest du zu Hause sein, Julia?", fragte sie scharf. „Ja, ich weiß, entschuldige bitte, wir haben nicht auf die Uhr geschaut“, antwortete Julia kleinlaut. „Wasch dir die Hände und setz dich an den Tisch“, forderte ihre Mutter Julia streng auf.

Ihr Vater, ihre Schwester Dörthe und ihr kleiner Bruder Jan, saßen schon um den großen Tisch in der Küche, um das Abendessen einzunehmen. Schnell sauste Julia ins Bad, denn sie wusste, heute durfte sie ihre Mutter nicht mehr reizen. Julia hatte ein angenehmes Elternhaus. Ihre Mutter war eine kleine, etwas füllige Frau, die resolut und voller Energie durchs Leben ging. Mit ihr kam sie nicht ganz so gut aus, obwohl sie ihre Mutter sehr gern hatte.

Julia lief schnell in die Küche zurück und setzte sich an ihren Platz. Ihr Vater lächelte sie freundlich an: „Hattest du einen schönen Tag, Julia?" „Ja, Papa, es war sehr schön, wir hatten viel Spaß."

„Dass Julia fast eine Stunde zu spät kommt, dazu sagst du nichts?", fauchte die Mutter von Julia ihren Mann an.

Der aber antwortete nicht, sondern lächelte Julia nur lieb an. Ihr Herz flog ihrem Papa zu, sie liebte diesen sanften, freundlichen Mann sehr. Ihre Schwester Dörthe, fünf Jahre älter als Julia und im Wesen eher der Mutter ähnlich, lächelte spöttisch. Sie wusste allzu gut, dass Julia ihren geliebten Papa um den Finger wickeln konnte. Ihr kleiner Bruder Jan war sechs Jahre jünger als Julia und der erklärte Liebling von Julias Mutter. Er war wirklich süß, allerdings total verzogen. Endlich war das Abendessen vorbei und Julia froh darüber, der schlechten Stimmung entfliehen zu können. Sie freute sich darauf anschließend zu ihrer Großmutter Gretchen gehen zu können, die unten im Haus wohnte.

Julia betrat das Wohnzimmer ihrer Großmutter und die Augen der lieben, alten Frau leuchteten auf. Sie saß gemütlich in ihrem Sessel an dem herrlichen Kachelofen, den Julia so gern mochte. Abends wurde es schon kälter und man konnte den nahenden Herbst erahnen. Julias Großmutter erfreute sich an der Wärme, die der große Ofen abgab.

„Julchen, mein Liebling, wie schön, dass du zu mir kommst“, wurde Julia liebevoll von ihrer Großmutter empfangen. Sie setzte sich zu Füßen ihrer Großmutter und lehnte sich an ihr Knie. Das tat sie oft, wenn sie bei Großmutter Gretchen war. Sanft streichelte sie Julia über das Haar.

Großmutter Gretchen war eine warmherzige Frau mit viel Humor und Julia wünschte sich, später einmal so zu sein wie sie.

„Ach, Omi“, seufzte Julia, „Mutti ist böse auf mich. Ich bin fast eine Stunde zu spät nach Hause gekommen."

„Oh, je, du weißt, wie viel Wert deine Mutter auf Pünktlichkeit legt. Sie macht sich einfach Sorgen um ihre Kinder."

Julia wusste, dass ihre Mutter immer für ihre Kinder da war und alles sie tat.

Trotzdem kam Julia besser mit dem sanften Vater aus, und natürlich mit Oma Gretchen. Sie war die Mutter von Julias Vater. Mutter und Sohn waren sich im Wesen sehr ähnlich.

Überhaupt kam Julia mit sanften, freundlichen Menschen besser zurecht. Resolute und energische Personen flößten ihr eher Angst ein. Julia wünschte sich ihre Mutter zärtlich und gefühlvoll anstatt so energisch, wie sie sich gab. Erst viel später sollte Julia feststellen, dass ihre Mutter im Grunde ihres Wesens sehr gefühlvoll war. Das konnte sie mit ihren 16 Jahren nur noch nicht erkennen.

Nachdem Julia einige Minuten mit ihrer Großmutter gesprochen hatte, verabschiedete sie sich liebevoll von der alten Dame und wünschte ihr eine gute Nacht.

Julia verspürte heute erstmals an sich, dass sie ein Problem hat mit ihren Gefühlen zurechtzukommen. Sie wunderte sich darüber, denn bisher war ihre Gefühlswelt recht unkompliziert gewesen.

Ihre Gedanken schweiften immer wieder zurück zum Nachmittag im Beatkeller von Ralf und das Gesicht von Nils tauchte vor ihren Augen auf. So ein Blödsinn, schimpfte sie innerlich mit sich selbst, sei nicht albern, der Typ interessiert dich überhaupt nicht. Dennoch, auch als sie bereits eine Weile in ihrem Bett lag, dachte sie darüber nach, wann und wie sie Nils wieder sehen könnte.

Als sie Inge am nächsten Tag sah, fragte diese sofort: „Na, wie hat dir Nils gefallen?“ „Gar nicht“, antwortete Julia, „bitte, Inge, lass mich damit zufrieden.“

„O. k., reden wir nicht mehr darüber“, bekam Julia zur Antwort. Komisch, dachte sie, so schnell gibt Inge sonst nicht auf. Jedoch viel Zeit zum Nachdenken blieb ihr nicht, denn Inge plapperte munter weiter.

„Wie ist es, hast du Lust mit mir ins Hallenbad zu kommen?“

„Aber sicher, wann wollen wir gehen?“, antwortete Julia. Die beiden Freundinnen verabredeten sich für 15:00 Uhr und Julia freute sich sehr. Schwimmen war ihre Leidenschaft. Inge und sie gingen häufig ins nur wenige Minuten entfernte Hallenbad.

Am Nachmittag holte Julia Inge pünktlich von zuhause ab und wunderte sich, wie eilig Inge es wieder hatte. „Mensch, Inge, renn nicht so!

Das Hallenbad steht auch in fünf Minuten noch an seinem Platz, das stiehlt keiner.“

„Oh, Gott“, seufzte Inge, „du immer mit deiner Bierruhe, du kannst ruhig mal etwas schneller gehen.“ Julia verblüffte es immer mehr. Was sollte diese Hetze, es wartet niemand auf uns.

Darin hatte sie sich aber gründlich getäuscht. Nachdem sie sich umgezogen hatten und von den Duschräumen in die große Schwimmhalle gingen, fielen Julia fast die Augen aus dem Kopf. Am Rande des Schwimmbeckens stand Nils und lachte den beiden Mädchen entgegen.

Inge hatte diese Verabredung getroffen, ohne Julia davon zu erzählen. Aus gutem Grund, wie sie jetzt erfahren musste. Denn Julia zischte sie leise, aber wütend an: „Das hast du eingefädelt, Inge. Du hättest mit mir darüber reden sollen.“ „Aber Nils wollte dich gerne wieder sehen“, gab Inge ebenso leise zurück.

Mehr Zeit blieb den beiden nicht zum Reden, denn in diesem Moment stand Nils schon neben ihnen. Er begrüßte zuerst Inge mit einem freundlichen Handschlag, dann schaute er Julia an und bemerkte deren Verärgerung sofort. Er schaute sie lieb aus seinen warmen Augen an. „Nicht böse sein, Julia, ich wollte dich einfach wieder sehen und da haben Inge und ich gedacht, hier wäre dafür ein guter Ort.“

Ganz gegen ihren Willen strahlte Julia Nils an. „Macht nichts, ich wollte gerne zum Schwimmen gehen, und das Schwimmbecken hat auch Platz für dich“, sprach Julia, und sprang mit einem Kopfsprung in das Wasser. Als sie sich umsah, freute sie sich über die verdutzten Gesichter von Inge und Nils. Einige Sekunden später sprang Nils hinter Julia her und hatte sie mit schnellen Schwimmzügen kurz darauf erreicht.

„Du hattest recht, es ist wirklich Platz für uns beide im Wasser. Kannst du Inge und mir unsere kleine List nicht verzeihen?“

„Aber sicher“, gab sich Julia kühl, „ich bin nicht nachtragend.“

In den nächsten Wochen sahen sich Nils und Julia immer öfter. Entweder trafen sie sich beim Schwimmen oder in der Stadt. Inge arrangierte die Treffen, denn sie und Nils besuchten die gleiche Schule. Nils war allerdings ein Jahr weiter und machte im nächsten Frühjahr Abitur. Julia war zu Anfang ein wenig sauer, weil Inge diese Treffen mit Nils absprach und sie Julia dann mitschleppte, letztlich war sie aber damit einverstanden. Natürlich war sie viel zu stolz, Inge einzugestehen, dass sie Nils gerne leiden mochte. Schließlich hatte sie gesagt, der Typ würde sie nicht interessieren. Aber Inge wusste auch so Bescheid und nach einiger Zeit verabschiedete sie sich stets mit sehr gut zu durchschauenden Ausreden. Julia und Nils freuten sich dann, allein zusammen zu sein. Die beiden jungen Menschen kamen sich näher und waren sehr verliebt ineinander. Längst verabredeten sie sich ohne Inge und trafen sich immer häufiger.

Nach zwei Monaten holte Nils Julia das erste Mal von zuhause ab.

Julias Mutter hatte längst gemerkt, was mit ihrer Tochter los war, und wollte den jungen Mann kennenlernen, der ihrer Tochter den Kopf verdreht hatte.

Glücklich war sie über diese Verbindung nicht, denn nach ihrer Meinung, sei ihre Tochter noch zu jung für eine festere Bindung.

Julia war sehr aufgeregt und stand schon eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit bei Oma Gretchen am Fenster. Sie wollte Nils erst einmal ihrer Großmutter vorstellen.

Als sie endlich Nils die Straße heraufkommen sah, rannte sie ihm entgegen. Nils erkannte ihre Aufregung sofort.

„Aber kleine Prinzessin, was ist los mit dir? Es wird mir keiner den Kopf abreißen.“ Julia nahm ihn an die Hand und zog ihn in Großmutter Gretchens Wohnzimmer.

Großmutter Gretchen gab ihm in ihrer freundlichen Art die Hand und begrüßte ihn mit den Worten: „Guten Tag, junger Mann. Julia hat mir schon viel von dir erzählt.“ Nils lachte Julias Oma an und begrüßte die alte Dame ebenfalls freundlich mit den Worten: „Ich habe auch schon viel von ihnen gehört. Julia gerät jedes Mal ins Schwärmen, wenn sie von Großmutter Gretchen erzählt.“

Julia bemerkte sofort, die beiden waren auf einer Wellenlänge und eh sie sich versah, sprach ihre Oma auch schon weiter: „Du bist sehr nett, du darfst ‚Oma’ zu mir sagen.“

„Es ist mir eine große Ehre, liebe Oma“, sagte Nils ernsthaft. Julia war glücklich, denn an der Meinung von Oma Gretchen lag ihr viel.

Im gleichen Moment ging die Tür auf und Julias Mutter betrat das Wohnzimmer. Julia hielt den Atem an, wie würde ihre Mutter Nils begrüßen? Manchmal hatte sie eine recht burschikose Art und die mochte Julia an ihrer Mutter nicht. Aber alle Aufregung war umsonst, denn Julias Mutter gab Nils freundlich die Hand und begrüßte ihn mit den Worten: „Du bist also Nils, von dem Julia immer erzählt.“

„Ja, der bin ich, es freut mich sie kennenzulernen.“

Julias Mutter stellte noch einige belanglose Fragen und sagte dann: „Ihr wollt sicher gehen, lasst euch nicht aufhalten, nur bringe mir Julia pünktlich nach Hause. Sie muss morgen früh aus den Federn, weil sie eine Klassenarbeit in der Schule schreibt.“

Nils versprach, Julia pünktlich zuhause abzuliefern. Er wusste, Julias nächstes Zeugnis musste gut ausfallen. Julia wollte Zahntechnikerin werden und dazu gehörten gute Schulnoten.

Nils war selbst sehr ehrgeizig und unterstützte Julia, sich auf den Hosenboden zu setzen und fleißig für die Schule zu arbeiteten.

Aber darüber dachten die beiden in dem Moment nicht nach. Sie verabschiedeten sich von Oma und Mutter, fassten sich an der Hand und zogen los. Sie lachten sich an und freuten sich auf den Nachmittag, der vor ihnen lag.

Pünktlich, wie mit ihrer Mutter vereinbart, war Julia zum Abendessen wieder zu Hause. Die Familie saß schon um den großen Esstisch in der Küche und Julia setzte sich schnell an ihren Platz. Ihre Eltern legten viel Wert darauf, das Abendessen gemeinsam einzunehmen, denn es war die einzige Mahlzeit des Tages, wo alle Familienmitglieder beisammen sein konnten. Es wurde über alles erzählt, was am Tag gewesen war, und es viel und herzlich gelacht.

Julias Schwester Dörthe hielt sich nicht lange mit Vorreden auf, sondern fragte: „Na, kleine Schwester, dein Freund war heute hier, habe ich gehört. Was ist denn das für ein komischer Heiliger?“

Doch ehe Julia aufbrausen konnte, sagte Julias Mutter: „Hör auf zu sticheln, Dörthe. Nils ist ein netter höflicher junger Mann und ich habe nichts dagegen, wenn Julia sich mit ihm trifft.“

Julia freute sich über die aufmunternden Worte ihrer Mutter. Ihr Vater schaute sie lächelnd an und kniepte ihr mit einem Auge zu. Gewonnen hieß das, Mutti war einverstanden. Auch Oma Gretchen war voll des Lobes über den freundlichen, jungen Mann und nicht jedem erlaubte sie schließlich, Oma zu ihr sagen zu dürfen.

Von da an war Nils oft bei Julia zuhause. Er fühlte sich wohl in Julias Elternhaus, in dem immer sehr viel los war. Ständig gingen junge Leute ein und aus, Freunde von Julia und Dörthe sowie viele Spielkameraden vom kleinen Jan. Auch der Freund von Dörthe, Paul, war häufig bei Julias Eltern.

Nils verstand sich prächtig mit Julias Eltern. Julia freute es, wie prima Nils vor allem mit ihrer Mutter zurechtkam. Diese Zuneigung, hatte nie aufgehört. Julias Mutter wurde auch Nils Mutter und die beiden sollten

sich im Laufe der Jahre immer besser verstehen.

Die Zeit verging und Julia und Nils kannten sich inzwischen ein halbes Jahr. Sie mochten sich immer noch äußerst gern. Julia schätze die ruhige Art von Nils. Nils dagegen liebte die fröhliche, unkomplizierte Art, mit der Julia durchs Leben ging. Er liebte das kleine, zarte Persönchen und nannte sie seine kleine Prinzessin.

Allerdings fragte sich Julia, warum Nils manchmal traurig zu sein schien. Sprach sie ihn darauf an, lachte er und sagte: „Jetzt bist du bei mir und alles ist in Ordnung.“

Er äußerte sich wenig über seine eigene Familie. Julia wusste nur, sein Vater war Arzt und er hatte noch eine jüngere Schwester. Das hatte sie in Erfahrung gebracht, weil Julia ihn danach ausgefragt hatte. Mitunter erzählte er von seiner Oma Fischer und von seiner Tante Hertha, die beide in einer anderen Stadt wohnten. Tante Hertha war die Schwester seines Vaters. Von ihr berichtete er öfter und Julia deutete das so, dass er zu ihr eine besondere Beziehung hatte.

Es überraschte sich auch, dass Nils sie nie zu sich nach Hause einlud. Julia schleppte immer alle möglichen Freundinnen und Bekannte mit nach Hause.

Allerdings hatte Inge ihr mal gesagt, Nils nähme nie jemanden mit nach Hause, da seine Mutter das nicht gerne sehen würde.

Merkwürdig hatte Julia da gedacht, wenn ich mal Kinder habe, möchte ich wissen, mit welchen Freunden mein Kind zusammen ist. Aber sie machte sich weiter keine Gedanken darüber, denn mit Nils verstand sie sich gut und nur das war für sie wichtig.

Eines Tages fragte Nils, ob Julia am kommenden Samstag mit ihm zur Pudelausstellung gehen würde. Sein Königspudel Trixi nähme an der Ausstellung teil und er wollte gerne dabei sein. „Klar komme ich mit, ich freue mich darauf.“ Im gleichen Moment bereute sie ihre spontane Zusage, denn Nils sagte ganz beiläufig: „Meine Eltern und meine Schwester sind auch da, du kannst sie bei der Gelegenheit gleich kennenlernen.“

Am Tag vor dem besagten Samstag ging Julia wieder einmal zu Großmutter Gretchen hinunter. „Oma“, sagte Julia, „ich habe Angst vor morgen, weiß aber nicht warum. Ob die Eltern von Nils mich wohl mögen?“

„Aber sicher, Julia, dich muss man einfach gernhaben. Du bist ein hübsches, fröhliches Mädchen und wirst sehen, Nils Eltern werden nett zu dir sein.“

„Dein Wort in Gottes Ohr, Omi. Was soll ich anziehen? Gib mir bitte einen Rat.“ „Du hast den hübschen blauen Mantel und darunter ziehst du deinen weißen Rollkragenpullover. Damit siehst du frisch und adrett aus. Aber mache dir nicht so viel Gedanken, sie werden dich mögen“, wurde Julia von Großmutter Gretchen getröstet.

Auch Julias Eltern sprachen ihr Mut zu. Doch Julias Angst wurde nicht weniger, im Gegenteil, sie machte sich immer mehr Gedanken darüber, wie sie die Eltern von Nils für sich gewinnen könnte.

Der Samstag kam und ihre Aufregung wurde schier unerträglich. Schon sehr früh fing Julia an, sich umzuziehen und hübsch zu machen. Sie wollte bei Nils Eltern einen guten Eindruck hinterlassen.

Als Nils sie abholen kam, leuchteten seine Augen: „Toll siehst du aus. Ich bin stolz auf dich.“

„Hoffentlich finden das deine Eltern auch“, meinte Julia immer noch ängstlich.

Sie merkte, wie sich Nils Gesicht verschloss. Er sagte zwar: „Gewiss werden sie dich mögen, mach dir keine Sorgen.“

Julia kannte Nils inzwischen aber gut, um den leisen Unterton nicht zu überhören.

‚Ich weiß nicht, warum ich Angst in mir spüre‘, dachte sie bei sich, ‚ich bin sonst nicht so ängstlich.‘

Julia und Nils mussten 20 Minuten laufen, um die Halle zu erreichen, in der die Veranstaltung stattfand. Je näher sie dem Treffpunkt kamen, umso kälter fühlten sich Julias Hände an. Nils wurde auch beständig einsilbiger. Noch bevor sie ihn darauf ansprechen konnte, sagte er wie aus heiterem Himmel: „Julia, sollten meine Eltern nicht freundlich zu dir sein, mach dir nichts daraus, sie sind grundsätzlich so, es liegt nicht an dir.“ Er drückte sie zärtlich an sich. ‚Als ob er mich beschützen möchte, dachte Julia beklommen.

Weiter kam sie mit ihren trüben Gedanken nicht. „Es ist so weit, Julia, da vorne stehen sie, nur keine Angst, ich bin bei dir.“ Julia wurde das Gefühl nicht los, dass er nicht ihr, sondern sich selbst Mut zusprach.

Dann war es so weit. Julia stand das erste Mal in ihrem Leben vor Nils Eltern und seiner Schwester Gundula. Ihr Herz klopfte bis zum Hals und ihre Hände waren inzwischen eiskalt. Auch die schon wärmende Märzsonne konnte das nicht ändern. Die Kälte kam von der Aufregung, die Julia deutlich in sich spürte.

Nils legte ihr beruhigend die Hand auf den Rücken und schob sie seinen Eltern entgegen. Seine Stimme klang sehr geziert und unnatürlich, als er sie begrüßte: „Darf ich euch Julia vorstellen, liebe Eltern. Und das, Julia, sind meine Eltern, Herr und Frau Ehrenfeld, samt Tochter Gundula.“

Frau Ehrenfeld, ganz Dame, reichte Julia gerade mal ihre Fingerspitzen und sagte sehr leise: „Freut mich.“ Sie zog ihre Fingerspitzen sofort zurück, kaum dass Julia sie berührt hatte. Julia ertappte sich dabei, dass sie sehr unnatürlich sagte: „Vielen Dank, ganz meinerseits.“

‚Mein Gott, auf welcher Veranstaltung bin ich hier gelandet‘? schoss es ihr durch den Kopf. Sie schaute Nils an, der sie gequält anlächelte. Aber es ging schon weiter. Gundula reichte ihr ebenfalls nur die Fingerspitzen und neigte wirkungsvoll ihren Kopf.

Keine Begrüßungsworte kamen über ihre Lippen. Julia neigte ebenfalls geziert ihren Kopf und murmelte: „Sehr erfreut, Fräulein Ehrenfeld.“ Dr. Ehrenfeld, Nils Vater, war ein großer, gut aussehender Mann mit lauter Stimme. Im Gegensatz zu seinen beiden Damen fasste er Julias Hand fest, schaute sie von oben bis unten an und meinte dann: „Guten Tag, Julia. Ich muss sagen, so einen schlechten Geschmack hat mein Sohn gar nicht.“

„Guten Tag, Herr Ehrenfeld.“

Sofort ertönte die feine Stimme von Nils Mutter: „Herr Doktor Ehrenfeld, so viel Zeit muss sein.“ „Entschuldigen sie bitte“, hauchte Julia und ihr Gesicht lief über und über Rot an. Im gleichen Moment fühlte sie die Hand von Nils auf ihrem Arm und seine Augen blickten sie verzeihend an. Nils Mutter nahm ihren Sohn beiseite und sprach dann laut genug, dass Julia es auch hören konnte: „Wir möchten nicht mit dem Fräulein zusammen sein, mein lieber Junge, wir werden allein weiter gehen.“

Im nächsten Atemzug kam ein kaltes: „Guten Tag, mein Fräulein“, über ihre Lippen. Sie und auch Gundula entfernten sich mit einem hochmütigen Neigen ihres Kopfes.

Nur Nils Vater reichte seinem Sohn und Julia die Hand und wünschte beiden einen angenehmen Tag.

Julia dachte im ersten Moment, sie hätte diesen Auftritt geträumt. Doch Nils traurige Stimme holte sie in die Wirklichkeit zurück: „Tut mir leid, kleine Prinzessin. Ich hätte dir das gerne erspart, aber sie wollten dich unbedingt sehen. Sei nicht traurig, sie können leider nicht anders.“ Jetzt verstand Julia, warum Nils sie nie mit nach Hause genommen hatte. Sie streichelte Nils über die Wange und meinte: „Es war nur halb so schlimm. Deine Mutter und deine Schwester mögen mich nicht, was soll ich da machen? Dein Vater war doch freundlich. Es macht mir wirklich nichts aus.“

Aber Julia war schon schrecklich traurig.

Sie hatte sich die erste Begegnung mit Nils Eltern, besonders mit seiner Mutter anders vorgestellt. Nun war es nicht mehr zu ändern.

Julia und Nils gingen weiter und auf einmal strahlte Nils sie an: „Komm, mein Schatz, ich lade dich dort in die Cafeteria zu einer heißen Tasse Schokolade ein.

Das versüßt dir ein wenig den Ärger.“

Es wurde dann doch noch ein schöner Nachmittag. Nils freute sich als sein Hund bei der Bewertung des schönsten Pudels, den zweiten Platz belegte.

Nils Familie sahen sie während der Hundeausstellung nur noch von weitem.

Die beiden Damen nahmen keine Notiz von Nils und Julia, aber sein Vater winkte den beiden freundlich zu.

Nachdem Julia sich am Abend von Nils verabschiedet hatte, ging sie traurig ins Wohnzimmer von Oma Gretchen. Sie wollte sich Trost und Verständnis bei ihrer Großmutter holen. Als sie das Wohnzimmer betrat, war sie enttäuscht. Großmutter Gretchen war nicht allein, die ganze Familie hatte sich versammelt. Dörthe legte sofort los: „Na, Schwesterchen, erzähl, wie haben die hohen Herrschaften dich empfangen?“

Sie sah Julias Gesicht und ihr wurde sofort klar, etwas war nicht in Ordnung. Deshalb legte sie ihrer Schwester den Arm um die Schulter. „Tut mir leid Julia, es ist wohl nicht so gelaufen, wie du es dir gewünscht hast. Komm, setz dich hin und erzähl uns, wie es gewesen ist.“

So burschikos Dörthe sonst auch war, tat jemand ihrer kleinen Schwester weh, dann wurde sie böse und stand ihr bei.

Julias Mutter machte auf dem Sofa Platz und winkte ihre Tochter zu sich.

„Jetzt sprich, Julia. Waren sie nicht nett zu dir?“ Julia setzte sich neben ihre Mutter und begann zu erzählen, was ihr am Nachmittag widerfahren war.

Dabei fing sie an zu weinen: „Ich verstehe das Ganze nicht, die kennen mich gar nicht. Was habe ich falsch gemacht?“

„Nichts“, lies Dörthe sich vernehmen, „die Leute spinnen, daraus darfst du dir nichts machen.“ Unerwartet hörte Julia die Stimme ihres Vaters. Der sonst ruhige Mann war sehr erregt. „Was fällt diesen Leuten ein, sich meiner Tochter gegenüber so zu benehmen? Darüber werde ich mit Nils ein ernstes Wörtchen reden.“

„Ach, Papa, Nils kann nichts dafür. Es war ihm peinlich genug, dass seine Mutter und seine Schwester sich so benommen haben.“

„Das stimmt“, unterstützte Oma Gretchen ihre Enkelin. „Nils ist ein netter Junge, und für das Benehmen seiner Eltern nicht verantwortlich. Aber jetzt wissen wir wenigstens, warum er nicht möchte, dass Julia zu ihm nach Hause kommt.“

„Mach dir nichts daraus, mein Kind“, sprach Julias Mutter ruhig,

„manchen Menschen fehlt es an Herzensbildung und scheinbar gehören Nils Eltern dazu.“

„Nils hat versucht mich mit einer heißen Tasse Schokolade über den Ärger hinwegzutrösten“, warf Julia nun lächelnd ein, denn sie wollte nicht, dass ein schlechtes Bild auf ihn fiel.

Ihr Vater war immer noch verärgert. „Das hat meine Tochter nicht nötig, sich derart behandeln zu lassen und das werde ich Nils auch sagen.“ „Halt Nils da raus“, bat Julias Mutter ihren Mann. „Julia hat Recht, er kann nichts dafür. Julia muss selbst lernen, sich zu wehren.“ „Geh ins Bett, mein Kind. Schlaf ist die beste Medizin, um mit Kummer fertig zu werden“, meinte Großmutter Gretchen fürsorglich.

Der kleine Jan, der sich bisher still verhalten hatte, setzte sich auf Julias Schoß. „Soll ich die alle verhauen, damit sie freundlich zu dir sind?“, fragte er seine Schwester ernsthaft. Seine großen, dunklen Augen glänzten und man merkte ihm an, er hätte seine Schwester bis aufs Blut verteidigt. Er sah in seinem Zorn so komisch aus, dass die ganze Familie lachen musste und die allgemeine Stimmung besser wurde.

„Danke, mein Kleiner, jetzt habe ich keine Angst mehr, wenn du mich so tüchtig verteidigst“, und drückte ihren kleinen Bruder fest an sich. Irgendwie gab ihr der kleine Schutz, warum wusste sie nicht. In diesem Moment wurde ihr nur mal wieder bewusst, wie gern sie ihre Geschwister hatte.

Großmutter Gretchen reichte Julia eine Schale mit Schokolade: „Iss ein Stück Schokolade, meine Kleine, bevor du ins Bett gehst. Das ist gut für die Nerven.“ Julia griff in die Schale mit Konfekt und ließ die süße Schokolade genüsslich im Mund zergehen.

„Du hast recht, Omi“, meinte sie, „ein Stück Schokolade tut mir gut und tröstet mich über die Abfuhr hinweg.“ Sie nahm sich noch ein zweites Stück Konfekt und verabschiedete sich dann von allen.

Wurde an diesem Abend schon der Weg eingeleitet, sich gegen alle späteren Angriffe mit Schokolade zu trösten und auf diese Weise viele Pfunde zuzunehmen?

Obwohl Julia und Nils für den nächsten Tag nicht verabredet waren, stand Nils am frühen Nachmittag vor der Tür. Julias Mutter öffnete ihm und es sprudelte gleich aus ihm heraus: „Wie geht es Julia? Sie hat ihnen bestimmt von dem gestrigen Auftritt meiner Eltern erzählt? Ich mache mir große Sorgen. Sie ist so empfindlich und wirkte so verstört.“ „Nun komm erst mal rein“, sprach Julias Mutter und schob Nils ins Haus. „Julia geht es gut. Die ganze Familie hat sie gestern Abend getröstet und Omi hat sie mit Schokoladenkonfekt gefüttert.“

Als die beiden die Wohnung betraten, kam Julia auf Nils zu. „Wir waren für heute nicht verabredet. Ist etwas passiert?“, fragte Julia erschrocken.

„Nein, sei ganz ruhig. Ich wollte nach dem schrecklichen Auftritt meiner Eltern von gestern nach dir sehen. Geht es dir gut, Julia?“

„Ja, ich frage mich nur, was deine Mutter gegen mich hat, ohne mich zu kennen.“

Julias Mutter hatte sich diskret zurückgezogen, um die beiden allein zu lassen. Julia merkte, wie wütend Nils war, aber er sprach auch schon weiter: „Du bist schuldlos. Als ich meiner Mutter vor einiger Zeit von dir und deiner Familie erzählte, war sie sogleich gegen dich eingenommen. Sie meint, du passt nicht zu mir. Dein Vater sei nur Handwerksmeister und du würdest kein Abitur machen und wolltest lediglich Zahntechnikerin werden. Tut mir leid, kleine Prinzessin, sie hat einen schrecklichen Standesdünkel und glaubt, wir wären etwas Besseres, weil mein Vater Arzt ist.“

Julia spürte Zorn in sich hochkriechen, riss sich aber zusammen, weil sie Nils nicht wehtun wollte. Trotzdem konnte sie sich nicht verkneifen zu sagen: „Nils, ob deine Mutter meint, ich wäre zu einfach für dich ist mir egal, aber meinen Vater hat sie nicht anzugreifen. Er ist ein intelligenter und sehr lieber Mensch, was man von deiner Mutter nicht behaupten kann. Sie soll meinen Papa in Ruhe lassen, sonst wird sie mich von einer anderen Seite kennenlernen. Niemand hat das Recht schlecht über ihn zu urteilen.“

„Ist gut Julia. Ich verstehe dich vollkommen, bitte sei nicht böse.“

In diesem Moment ergriff Großmutter Gretchen das Wort. Sie hatte unbemerkt in der Tür gestanden und die Unterhaltung mit angehört. „Das stimmt, Nils. Deine Mutter hat nicht das Recht über unsere Familie herzuziehen. Wir sind ehrbare Menschen und müssen uns nicht

verstecken. Wie kommt sie dazu, so zu reden? Sie kennt uns nicht!“ Großmutter Gretchen ereiferte sich. Sie war eine friedfertige Person, aber wenn jemand ihre Familie angriff, konnte sie böse werden. „Oma, ich verstehe dich, aber was soll ich tun? Meine Mutter und meine Schwester sind arrogant. Ich schäme mich für diese hochnäsige Art, kann jedoch nichts daran ändern.“

„Du bist ja auch ein feiner Mensch“, meinte Oma Gretchen sofort versöhnlich.

Julia hatte großes Mitleid mit Nils. Ihm war die ganze Angelegenheit sehr unangenehm, und obwohl sie sich nicht sicher war, sagte sie: „Es ist schon in Ordnung Nils. Beim nächsten Treffen wird bestimmt alles besser. Deine Mutter will sicher nur das Beste für dich.“ Nils strahlte. „Siehst du, Oma. Die Warmherzigkeit hat Julia von dir und deshalb mag ich euch beide so gerne leiden.“

„Na, mein Lieber, du weißt, wie man Frauen um den Finger wickelt“, lachte Großmutter Gretchen ausgesöhnt.

„Was sagt deine Mutter dazu, dass du heute zu mir gekommen bist?“, fragte Julia. „Heute am Sonntag solltest du am Familienkaffeetrinken teilnehmen.“

„Ich weiß, aber es hat mir keine Ruhe gelassen, ich musste dich sehen.“ Er nahm sie behutsam in die Arme, als wäre sie zerbrechlich.

„Meine Mutter ist natürlich sauer. Meine Großeltern, die jeden Sonntag zum Kaffeetrinken kommen, waren auch ein wenig enttäuscht, vor allem meine Großmutter Fischer.“ „Dann solltest du schleunigst zurückfahren, damit du nicht noch mehr Ärger bekommst.“

„Willst du mich nicht länger bei dir haben?“, wollte Nils wissen.

„Ich wäre glücklich darüber, wenn du länger bliebest, aber ich möchte deine Eltern nicht noch mehr gegen mich aufbringen, versteh das bitte.“

Als Nils ging, ließ er Julia traurig zurück. Ich glaube, unsere Verbindung hat einen kleinen Knacks bekommen, dachte sie, und ihr Herz klopfte schmerzhaft.

In den nächsten Wochen gingen Julia und Nils einigermaßen vorsichtig

miteinander um. Sie hatten Angst, falsche Dinge zu sagen und dem anderen wehzutun.

Von Nils Mutter hörte Julia nichts weiter. Seine Mutter wird ihre Einstellung gegen mich nicht geändert haben, sonst hätte Nils es mir gesagt, also fragte sie ihn lieber nicht danach.

Das Thema Nils Eltern wurde von beiden ängstlich vermieden. Die erste Begegnung, die Julia mit dem Ehepaar Ehrenfeld und ihrer Tochter hatte, war für beide schmerzlich und unangenehm gewesen. Ihre Gefühle füreinander hatten sich durch den missglückten Auftritt jedoch nicht verschlechtert, sie waren stattdessen noch intensiver geworden.

Nach einigen Wochen kam Nils eines Tages einigermaßen bedrückt zu ihrer Verabredung. Julia war bereits in den letzten Tagen aufgefallen, dass Nils unglücklich war. Ihren diesbezüglichen Fragen war er immer ausgewichen, aber sie wusste auch so, dass ihn etwas bekümmerte.

An diesem Tag aber wirkte Nils so traurig, dass Julia nicht lockerließ. „Bitte, Nils, sag mir, was mit dir los ist. Ich merke seit Tagen, dass mit dir etwas nicht stimmt. Du machst einen so traurigen Eindruck, dass ich mir langsam Sorgen mache.“

Die beiden gingen durch den Schlosspark. Ihre herrliche Jugend, der schöne Frühlingstag und das erste zarte Grün wären dazu angetan gewesen, das Leben zu genießen. Vor allem deswegen, weil es die letzten Tage waren, an denen sie sich auch innerhalb der Woche tagsüber treffen konnten.

Nils hatte nämlich die Klausuren zu seiner Abiturprüfung hinter sich und wartete nur noch auf das Ergebnis, welches er in einigen Tagen erfahren würde.

Julia dagegen hatte den Abschluss ihre Schule schon in der Tasche und sollte in einigen Tagen ihre Ausbildung zur Zahntechnikerin beginnen. Beide konnten den Tag nicht wirklich genießen. Ein Schatten lag über ihnen, den Julia nicht deuten konnte, aber sie konnte ihn fühlen und er belastete sie.

Nachdem beide eine Weile schweigsam durch den Park spaziert waren, fing Nils endlich an zu sprechen. „Vor einigen Wochen habe ich ein Schreiben von der Bundeswehr erhalten, ich mochte es dir nur nicht erzählen. Ich muss in einem Monat in München meinen Wehrdienst antreten.“

Obwohl Julia immer damit gerechnet hatte, dass Nils zur Bundeswehr eingezogen wird, tat ihr Herz einen schmerzhaften Schlag. Jetzt ist es so weit, wovor ich Angst hatte, dachte sie beklommen.

Sie ergriff Nils Arm und drückte sich einen Moment an ihn. Mit rauer Stimme sagte sie dann: „München, Nils, das ist furchtbar weit weg. Kannst du da mal nach Hause kommen?“ Ihre Stimme war leiser geworden und sie konnte kaum weitersprechen.

Die Stadt, in der Julia und Nils zu Hause waren, lag ganz im Norden Deutschlands und damit weit von München entfernt.

Nils nahm sie bei den Schultern und schaute in ihre mit Tränen gefüllten Augen. „Natürlich komme ich so oft ich kann nach Hause, kleine Prinzessin. Ich weiß doch, jemand sehr Liebes wartet auf mich.“ Julia fühlte aber, dass da noch mehr war, was Nils bedrücken musste. Sie hatte ein gutes Gespür für unausgesprochene Dinge.

„Das ist nicht alles, oder? Ich merke, dass dich noch mehr Dinge belasten, Bitte sag mir auch den Rest, schlimmer kann es nicht mehr werden.“

„Julia, meine Mutter will mit dir sprechen. Sie möchte, dass wir uns trennen, weil wir in ihren Augen nicht zueinanderpassen. Da sie bei mir aber keinen Erfolg mit ihren Predigten hatte, hat sie mir angedroht, sofort mit dir zu reden, sobald ich in München bin.“

Erneut tat Julias Herz einen schmerzhaften Schlag, aber bevor sie antworten konnte, sprach Nils aufgeregt weiter: „Julia, sie wird versuchen Druck auf dich auszuüben. Ich habe ihr angedroht, zukünftig kein Wort mit ihr zu sprechen, falls sie ihre Drohung wahr macht, aber sie hat darüber nur laut gelacht. Ich habe Angst um dich. Du bist so empfindsam und ich kann dir nicht beistehen, weil ich weit weg bin.“ Julia konnte kaum glauben, was sie da zu hören bekam. „Das ist nicht ihr Ernst“, brauste sie ganz gegen ihren Willen auf, „schreckt die Dame vor nichts zurück? Sag jetzt die Wahrheit Nils, hat sie dich schon länger bearbeitet?“

Nils holte tief Luft: „Ja, meine Mutter versucht ständig mir Negatives

über unsere Verbindung einzureden und mir klarzumachen, dass es ihr Wunsch ist, dass wir auseinandergehen sollen. Sie wollte sogar mit deinen Eltern sprechen. Ich habe sie bis jetzt davon abhalten können, aber wenn ich nicht hier bin, kann es ohne weiteres passieren, dass sie bei deinen Eltern vor der Tür steht.

Julia lachte hart: „Soll sie nur kommen, bei meiner Mutter ist sie da an der richtigen Adresse, die lässt nichts auf ihre Kinder kommen, das weißt du."

Jetzt musste auch Nils lachen. „Du hast recht, die Abfuhr, die sie sich von deiner Mutter einhandelt, sollten wir ihr eigentlich wünschen. Aber lass uns jetzt nicht weiter über meine Mutter reden, dieses Thema ist unerfreulich. Viel schlimmer ist, dass wir beide lange Zeit getrennt sein werden.“

Julia seufzte: „Ich mag nicht daran denken, aber ich verspreche dir, ich schreibe dir jeden Tag und wir können auch ab und zu miteinander telefonieren.“

Mein tapferes Mädchen, es erstaunt mich immer wieder, wie vernünftig du sein kannst. Ich verspreche dir auch, so oft wie möglich zu dir zu kommen.“

Nils brachte Julia nach Hause und begrüßte auch noch Großmutter Gretchen, indem er Julia zu ihr begleitete. Er ging oft kurz zu der lieben, alten Dame in die Wohnung, wenn er Julia abholte, oder sie nach Hause brachte. Häufig traf er dann auch auf Julias Eltern, die stets ein Späßchen auf den Lippen hatten. Es ging lustig zu in Julias Elternhaus und das gefiel Nils. Er ging jedes Mal auf die Späße ein, die vor allem Julias Mutter mit ihm machte.

Doch heute war es anders. Er begrüßte zwar Großmutter Gretchen liebevoll und auch Julias Mutter bekam einen freundlichen Händedruck, aber er beschloss, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit schnell zu gehen.

Julia brachte ihn zur Tür und die beiden verabschiedeten sich liebevoll und traurig voneinander.

Als Julia zurück in Großmutter Gretchens Wohnzimmer kam, schauten Mutter und Großmutter sie fragend an: „Was war heute mit Nils los, der ist sonst nicht so kurz angebunden." Julia setzte sich zu Großmutter Gretchen und schmiegte sich in den Arm ihrer Großmutter. Sie brauchte jetzt die wärmende Nähe eines Menschen. Bei ihrer Großmutter fühlte sie sich geborgen und beschützt.

Julia begann zu erzählen und die beiden Frauen hörten geduldig zu. Nachdem Julia ihre Erklärung beendet hatte, ergriff ihre Mutter das Wort.

„Ich kann deine Traurigkeit verstehen, dass Nils so weit weg muss. Aber erstens ist das nur für die drei Monate der Grundausbildung und zweitens könnt ihr beide dadurch gut erkennen, ob ihr euch wirklich so gernhabt, wie ihr es im Moment glaubt. Es kann auch sein, dass die Trennung zur Folge hat: ‚Aus den Augen aus dem Sinn’, Und vor Nils Mutter brauchst du keine Angst zu haben, deine Familie wird nicht zulassen, dass sie dir Leid zufügt."

Großmutter Gretchen drückte Julia an sich: „Deine Mutter hat recht, mein Kind. Keiner darf dir etwas Böses tun, solange wir es verhindern können."

Großmutter Gretchen merkte, wie ihre Enkelin sich zusammenkrümmte und die Hand auf den Bauch presste: „Was ist los mit dir, Julia. Tut dir etwas weh?", fragte sie erschrocken.

Auch Julias Mutter war aufgestanden und fasste ihrer Tochter an die Stirn: „Kind, du bist ganz blass und deine Stirn fühlt sich heiß an. Wo tut es dir weh?"

Julia tippte auf den Bauch. „Ich habe heftige Bauchschmerzen und schlecht ist mir auch."

„Das ist die Aufregung, du gehst jetzt ins Bett und ich bringe dir Kamillentee."

Großmutter Gretchen strich Julia die Haare aus der Stirn. „Ich komme gleich zu dir ans Bett, meine Kleine“, sagte sie liebevoll.

Julia zog sich schnell aus und kletterte ins Bett. In ihrem Bauch brannte es wie Feuer und langsam bekam sie Angst. Sie freute sich, als ihre Mutter den Kamillentee brachte und sich zu ihr ans Bett setzte. Auch Julias Vater kam in ihr Zimmer. Er setzte sich ebenfalls an Julias Bett und ergriff ihre Hand.

„Wird schon wieder werden, Kind. Mutti meint, es wäre die Aufregung.

Du wirst sehen, morgen ist alles besser. Jetzt solltest du erst mal schlafen."

Er strich Julia übers Haar und trotz ihrer Schmerzen fühlte sie sich geborgen.

Sie merkte, ihre Eltern nahmen liebevoll Anteil an ihren Schmerzen. Nachdem auch Dörthe und der kleine Jan bei ihr waren, machte ihre Mutter das Licht aus und wünschte ihr eine gute Nacht.

Julia machte die Augen zu und versuchte einzuschlafen. Die Schmerzen in ihrem Bauch waren aber so heftig, dass an Schlaf nicht zu denken war. Sie sehnte sich nach Nils, der nicht bei ihr war. Es belastete sie, dass Nils zur Bundeswehr eingezogen wurde und sie ohne ihn in ihrer Heimatstadt zurückbleiben musste. ‚Ich habe mich schon so an ihn gewöhnt‘, dachte sie, ‚ich kann mir nicht vorstellen, ohne ihn zu sein‘. Die starken Bauchschmerzen hielten sie davon ab, weiter nachzudenken. Als ihre Schmerzen und die damit verbundene Angst stärker wurden, beschloss sie aufzustehen und zu ihrer Mutter zu gehen. Sie fühlte sich schrecklich elend und wollte nur noch zu ihren Eltern. Indem sie die Beine aus dem Bett tat, dachte sie, der Schmerz würde sie zerreißen. Sie konnte sich kaum auf die Füße stellen.

‚Nun nimm dich zusammen‘, schimpfte sie mit sich selbst. ‚Du wirst wohl noch laufen können. Langsam, Schritt für Schritt ging sie weiter. Schweiß brach aus und ihr wurde schrecklich übel.

Auf dem Flur angekommen, rief sie nach ihren Eltern. Prompt waren ihre Mutter und ihr Vater zur Stelle, auch Dörthe kam angerannt.

Julias Vater fing die schwankende Gestalt auf und rief aufgeregt: „Kind, was ist mit dir?" Julia konnte kaum antworten. „Papa, mein Bauch brennt wie Feuer und mir ist schrecklich schlecht“, hauchte sie. Julias Mutter reagierte wie immer verstandesmäßig und telefonierte sofort mit ihrem Hausarzt. „Der Doktor kommt gleich, Julia. Hab keine Angst, er wird dir helfen."

Ihr Vater hatte sie inzwischen ins Bett zurückgetragen und Julia war froh wieder zu liegen.

Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten und untersuchte Julia gründlich. Er war ein freundlicher älterer Herr, der die Familie schon lange betreute.

Er sprach Julia an: „Ich muss dich in ein Krankenhaus einweisen, du hast eine Blinddarmentzündung."

„Um Gottes willen“, hörte Julia ihren Vater rufen. Er war ständig aufgeregt, wenn es einem seiner Kinder nicht gut ging.

Julias Mutter dagegen blieb ruhig: „Wenn es sein muss, Herr Doktor, dann packe ich für Julia ein paar Sachen zusammen."

„Ich fürchte, dazu bleibt keine Zeit“, sagte der Arzt, „ich habe das Gefühl, der Blinddarm ist geplatzt und es wird höchste Zeit. Ich rufe einen Krankenwagen, der Julia ins Krankenhaus bringt. Zeigen sie mir bitte, wo ich telefonieren kann."

Nachdem Julias Mutter mit dem Arzt das Zimmer verlassen hatte, setzte sich Dörthe an Julias Bett und fasste nach deren heißer Hand. „Bleib ruhig, kleine Schwester, dir wird bald geholfen."

Julia klammerte sich an Dörthes Hand. „Ich habe Angst, Dörthe, bleib bei mir, bitte.

„Sicher bleibe ich bei dir, es wird alles gut werden“, antwortete Dörthe. Julia bekam danach nicht mehr viel mit. Das Fieber war gestiegen und die Schmerzen wurden schlimmer. Sie merkte nur, wie sie aus dem Bett gehoben und zum Krankenwagen getragen wurde. Ihre Mutter war ständig bei ihr und das tat Julia gut. Im Krankenhaus nahm eine Schwester sie in Empfang und rollte sie auf einer Trage ins Untersuchungszimmer. Der untersuchende Arzt ordnete umgehend an: „Sofort den OP fertigmachen, wir operieren."

Bevor er ihr die Spritze gab, hörte Julia noch die Stimme ihrer Mutter sagen: „Ich bleibe bei dir, mein Kind."

Dann schob man sie aus dem Zimmer und ihr schwanden die Sinne. Wie im Nebel vernahm sie Stimmen und blickte in ein sehr helles Licht. Dann spürte sie einen kleinen Einstich und fühlte danach nichts mehr. Als Julia wieder zu sich kam, hatte sie das Gefühl auf weicher Watte zu schweben. Vorsichtig schlug sie die Augen auf. Der Nebel, der ihre Gedanken beherrschte, machte es ihr schwer, die Augen zu öffnen.

Wo bin ich? Sie überlegte, was passiert war. Ganz allmählich kam die Erinnerung zurück.

Julia schlug endgültig die Augen auf und sah zu ihrer großen

Erleichterung ihre Mutter an ihrem Bett sitzen.

Als diese bemerkte, dass Julia aus der Narkose erwachte, fasste sie nach ihrer Hand und drückte sie liebevoll: „Na, da bist du ja wieder. Wie geht es dir mein Kind?"

„Ich weiß nicht genau“, hauchte Julia mühsam, „ich bin noch nicht ganz wieder da, Mama. Hast du Nils angerufen, er wird sich Sorgen machen?" „Aber Kind“, lachte Julias Mutter, „es ist mitten in der Nacht, da kann ich nicht bei Nils anrufen, seine Eltern würden sich bedanken."

„Du hast recht“, antwortete Julia schläfrig und mit schwerer Zunge, „aber gleich morgen früh rufst du ihn an, bitte."

Noch ehe ihre Mutter antworten konnte, war Julia erneut eingeschlafen.

Als sie das nächste Mal die Augen aufschlug, schien helle Sonne in ihr Zimmer hinein. Der Nebel und die weiche Watte, die sie in der Nacht gespürt hatte, waren verschwunden, dafür fühlte sie sich jetzt schwach und elendig.

Vor allem spürte sie starke Schmerzen in ihrem Bauch. Und wieder saß, wie schon in der Nacht, ihre Mutter an ihrem Bett.

„Mutti“, sagte Julia mit bereits etwas kräftigerer Stimme, „ich habe Durst, gibst du mir etwas zu trinken."

„Tut mir leid, das kann ich nicht. Du darfst noch nichts trinken, aber ich darf dir die Lippen mit Wasser benetzen, das hat die Schwester erlaubt." Sie stand auf, feuchtete einen Waschlappen an und fuhr damit über Julias Lippen.

Julia versuchte die Feuchtigkeit von den Lippen zu lecken, erreichte damit aber nicht viel. Ihre Lippen fühlten sich spröde an und ihr Hals war wie ausgedörrt.

Die Zimmertür wurde leise geöffnet und Julias Vater trat auf Zehenspitzen ins Zimmer.

Er strahlte, als er sah, dass Julia die Augen geöffnet hatte. „Da bist du ja wieder unter uns, Julia. Wie geht es dir, mein armes Kind?"

Er trat an Julias Bett und ergriff ihre Hand. Unbeholfen strich er seiner Tochter über die Wange.

Julia musste lächeln. Es war zu niedlich, wie linkisch ihr Vater wirkte, wenn er seine Gefühle zeigte. Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach er hastig weiter: „Omi, Dörthe und Jan lassen dich herzlich grüßen. Sie werden zu dir kommen, sobald du dich kräftiger fühlst."

Julia brannte eine Frage auf den Lippen. Noch ehe sie die aber loswerden konnte, wurde sie von ihrer Mutter beantwortet. Sie hatte geahnt, was die Tochter fragen wollte.

„Ich habe heute Morgen, als du noch geschlafen hast, bei Nils angerufen und ihm gesagt, was in der Nacht passiert ist. Er grüßt dich lieb und wird am späten Nachmittag kurz bei dir hereinschauen. Aber wirklich nur kurz, Julia, du bist noch zu schwach."

„Warum hat das eigentlich so höllisch weh getan, heute Nacht?", wollte Julia wissen.

„Dein Blinddarm war durchgebrochen und der Inhalt hatte sich schon in die Bauchhöhle ergossen. Die Operation war allerhöchste Zeit. Hast du vorher nie Bauchschmerzen gehabt?"

"Doch, manchmal, aber die waren immer recht schnell wieder vorbei. Jetzt tut es auch schrecklich weh. Haben die wirklich alles rausgeholt?" In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein Herr im weißen Kittel trat ein. „Ich bin ihr Arzt, junge Dame. Wie ich sehe, geht es ihnen ganz passabel."

„Na ja“, antwortete Julia leise, „der Bauch schmerzt sehr."

„Das sind die Wundschmerzen, das ist normal. Die Schwester gibt ihnen gleich eine Spritze, dann gehen die Schmerzen zurück. Ich glaube, ihre Eltern sollten auch nach Hause gehen, besonders ihre Mutter ist schon die ganze Nacht auf den Beinen."

„Meinst du, wir können dich allein lassen, Kind?", schaute Julias Mutter ihre Tochter skeptisch an.

„Ja, geht nach Hause. Ich bin auch müde und schlafe gleich bestimmt noch eine Weile".

Mutter und Vater verabschiedeten sich von Julia, nicht ohne zu versprechen, am Abend wiederzukommen.

Julia bekam eine Spritze gegen die Schmerzen und eh sie sich versah, war sie eingeschlafen. Ruhig und traumlos schlief sie ihrer Genesung entgegen.

Als sie wach wurde, spürte sie, noch ehe sie die Augen aufschlug, dass jemand sie ansah.

Ein großes Glücksgefühl erfasste sie, als sie die Lider hob und Nils direkt in die Augen sah.

„Kleine Prinzessin“, sprach Nils leise „was machst du nur für Sachen? Geht es dir etwas besser? Du bist ganz weiß und spitz um die Nase."

Julia lächelte ihn schläfrig aber unendlich glücklich an. „Nils, wie schön, dass du da bist. Ich habe dich schrecklich vermisst."

Er streichelte leicht über ihr Haar und seine Augen schauten sie mit so großer Zärtlichkeit an, dass es Julia warm ums Herz wurde. In diesem Moment hatte sie alle Ängste und Schmerzen vergessen, nur Nils zählte noch für sie.

„Ich soll dich von meiner Mutter grüßen, sie wünscht dir baldige Genesung."

„Lässt sie mich wirklich grüßen, Nils? Dann wird vielleicht doch noch alles gut“, stammelte Julia glücklich. Die Schmerzen, die sie spürte, waren ihr plötzlich egal. Sie hatte nur den einen Wunsch, dass Nils Mutter sie mögen sollte.

Lange konnte Nils nicht bei ihr bleiben, denn die Krankenschwester kam und bat ihn zu gehen, die Patientin bräuchte Ruhe.

Mit großer Behutsamkeit beugte Nils sich über Julia und nahm sie sachte in den Arm. „Ich komme morgen wieder, mein Schatz, und bis dahin hörst du schön auf das, was der Doktor sagt."

An der Tür drehte er sich noch einmal um und winkte ihr zu. Julia hob ebenfalls die Hand und schaute ihm hinterher.

Die Krankenschwester kam herein und schüttelte ihre Kissen auf. Anschließend lag Julia eine Weile mit offenen Augen da und dachte darüber nach, dass Nils Mutter sie hatte grüßen lassen. Bevor sie einschlief, überlegte sie glücklich, alles wird gut werden. Seine Mutter wird sich an mich gewöhnen und wir werden uns gut verstehen. Diesmal hatte sie im Schlaf einen sehr schönen Traum. Sie sah sich mit Nils und seiner Mutter auf einer grünen Wiese Hand in Hand spazieren gehen.

Wie gut, dass sie damals noch nicht wusste, was in Bezug auf Nils Mutter alles auf sie zukommt.

Nach zwei Wochen durfte Julia die Klinik verlassen. Sie fühlte sich noch schwach auf den Beinen aber die liebevollen Zuwendungen ihrer Familie und die von Nils ließen sie das alles schnell vergessen.

Ihre Lehrstelle als Zahntechnikerin konnte sie durch die Operation erst vier Wochen verspätet, anfangen. Ihre Mutter hatte jedoch alles für sie geregelt.

Nils besuchte sie täglich und sie machten kleine Spaziergänge, aber immer nur so lange, dass sie Julia nicht belasteten. Nils war in seiner Fürsorge rührend und Julia fühlte sich während dieser Zeit wirklich wie eine kleine Prinzessin.

So schön diese Tage auch waren, sie gingen schnell vorbei. Ehe sie sich versahen, war der Tag der Abreise für Nils gekommen. Nils sollte den Dienst fürs Vaterland antreten.

Am letzten Abend waren beide sehr traurig. Julia hatte Nils versprochen, ihn am Bahnhof zu verabschieden. Sie musste dafür ihren ganzen Mut aufbringen, denn Nils hatte ihr erzählt, dass seine Mutter auch dort sein würde.

Als sie am nächsten Tag am Bahnhof ankam, sah sie Nils schon mit seiner Mutter in der großen Halle stehen. Ein Koffer und eine Reisetasche standen neben den beiden.

Julia holte tief Luft und ging hin. Nils schaute sich suchend um. Julia sah, wie Frau Ehrenfeld ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat. In diesem Moment hatte Nils sie entdeckt und kam lächelnd auf sie zu.

Gemeinsam schlenderten sie dann zu Nils Mutter. Julia lächelte Frau Ehrenfeld freundlich an und streckte ihr die Hand entgegen. „Guten Tag, Frau Ehrenfeld“, sagte sie leise. Es war ihr ansehen, wie unglücklich sie sich fühlte.

Frau Ehrenfeld schaute herablassend auf Julia herunter. „Guten Tag, Fräulein Julia. Ich hoffe, es geht ihnen wieder besser."

Ohne Julias Antwort abzuwarten, sprach sie weiter: „Komm, Junge. Lass uns auf den Bahnsteig gehen, ich komme nicht gerne auf die letzte

Minute." Mit schnellen Schritten ging sie vorweg durch die Bahnhofshalle. Julia und Nils schnappten sich Koffer und Reisetasche und spurteten hinterher.

Auf dem Bahnsteig angekommen, legte Nils Julia den Arm um die Schulter und schmiegte sein Gesicht in ihr Haar. Es war Julia ein wenig peinlich, weil sie merkte, dass seine Mutter missbilligend zuschaute. Es dauerte auch nicht lange und Frau Ehrenfeld sagte sehr leise, aber überdeutlich: „Bitte lass das in der Öffentlichkeit, Nils, das schickt sich nicht und Fräulein Julia sollte auf ihren Ruf achten."

Julia wunderte sich, wie diese leise Stimme so schneidend klingen konnte.

Nils schaute seine Mutter kopfschüttelnd an. „Bitte, Mutter, hör auf immer über mich zu bestimmen. Ich liebe Julia und das kann jeder sehen."

Nils Mutter zuckte zusammen, sagte aber nichts dazu.

Julia fühlte sich unbehaglich in ihrer Haut, aber Nils hielt sie fest um die Schultern, sodass Julia sich nicht aus seiner Umarmung lösen konnte.

Sie ärgerte sich, weil sie sich nicht schon am Abend vorher von ihm verabschiedet hatte. Diese Situation gefiel ihr gar nicht.

Nachdem der Zug angekündigt wurde, rollte er langsam in den Bahnhof ein.

Nils schaute seine Julia niedergedrückt an. „Es ist so weit, kleine Prinzessin. Nicht traurig sein, ich rufe dich an, sobald ich kann." Er drückte sie noch einmal behutsam an sich und streichelte über ihre Wange.

Julia musste an sich halten, um nicht zu weinen. Ihr war schrecklich weh ums Herz, aber diese Blöße wollte sie sich nicht vor Nils Mutter geben.

Nils nahm auch seine Mutter kurz in den Arm und Julia setzte es in Erstaunen, wie kühl und damenhaft Frau Ehrenfeld sich von ihrem Sohn verabschiedete.