Gestohlenes Glück - Viola Maybach - E-Book

Gestohlenes Glück E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie "Der kleine Fürst" in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Alles beginnt mit einem Schicksalsschlag: Das Fürstenpaar Leopold und Elisabeth von Sternberg kommt bei einem Hubschrauberunglück ums Leben. Ihr einziger Sohn, der 15jährige Christian von Sternberg, den jeder seit frühesten Kinderzeiten "Der kleine Fürst" nennt, wird mit Erreichen der Volljährigkeit die fürstlichen Geschicke übernehmen müssen. "Der kleine Fürst" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. »Der arme Kerl«, flüsterte Anetta von Garnier ihrer Schwester Mara zu. »Er hat bald alles verloren!« Mitfühlend hing ihr Blick an dem schmalen dunkelhaarigen jungen Mann, der von seiner Umgebung nichts wahrzunehmen schien. Er saß an einem der Rouletttische im Spielcasino von Monte Carlo. Seit sie ihn beobachteten, waren die zwei Säulen, zu denen er seine Chips säuberlich aufgeschichtet hatte, immer kleiner geworden. Jetzt blieben ihm gerade noch drei oder vier – er war offenbar unschlüssig, wie er sie setzen sollte. »Er hätte besser rechtzeitig aufgehört«, flüsterte Mara zurück. »Er muss doch längst gemerkt haben, dass er heute einfach kein Glück hat!« Mara war die Ältere der beiden Schwestern, vor kurzem hatte sie ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, Anetta war zwei Jahre jünger. Wo sie auch auftauchten, die Schwestern Garnier, erregten sie Aufsehen, jede auf ihre Weise. Mara war eine schmale blonde Schönheit, mit durchsichtiger Haut und dunklen Augen, die in interessantem Kontrast zu den hellen Haaren standen. Anetta dagegen hatte rötliche Locken, graue Augen, und alles an ihr schien rund zu sein: die Figur, das Gesicht und sogar der niedliche Mund. Vor zwei Wochen hatten sie in Rom das Kreuzfahrtschiff »Victoria« bestiegen. Die Reise, die in Gibraltar enden würde, war ein Geschenk der Eltern zu Maras Geburtstag gewesen, sie hatte sich die Begleitung ihrer Schwester gewünscht. Noch heute Nacht würde das Schiff von Monte Carlo Richtung Marseille ablegen. Die beiden jungen Frauen freuten sich auf das, was noch vor ihnen lag. Schon jetzt hatten sie viel Interessantes gesehen und zahlreiche Bekanntschaften geschlossen.

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der kleine Fürst – 332 –Gestohlenes Glück

Hat Mara sich in den falschen Mann verliebt?

Viola Maybach

»Der arme Kerl«, flüsterte Anetta von Garnier ihrer Schwester Mara zu. »Er hat bald alles verloren!« Mitfühlend hing ihr Blick an dem schmalen dunkelhaarigen jungen Mann, der von seiner Umgebung nichts wahrzunehmen schien. Er saß an einem der Rouletttische im Spielcasino von Monte Carlo. Seit sie ihn beobachteten, waren die zwei Säulen, zu denen er seine Chips säuberlich aufgeschichtet hatte, immer kleiner geworden. Jetzt blieben ihm gerade noch drei oder vier – er war offenbar unschlüssig, wie er sie setzen sollte.

»Er hätte besser rechtzeitig aufgehört«, flüsterte Mara zurück. »Er muss doch längst gemerkt haben, dass er heute einfach kein Glück hat!«

Mara war die Ältere der beiden Schwestern, vor kurzem hatte sie ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, Anetta war zwei Jahre jünger. Wo sie auch auftauchten, die Schwestern Garnier, erregten sie Aufsehen, jede auf ihre Weise. Mara war eine schmale blonde Schönheit, mit durchsichtiger Haut und dunklen Augen, die in interessantem Kontrast zu den hellen Haaren standen. Anetta dagegen hatte rötliche Locken, graue Augen, und alles an ihr schien rund zu sein: die Figur, das Gesicht und sogar der niedliche Mund. Vor zwei Wochen hatten sie in Rom das Kreuzfahrtschiff »Victoria« bestiegen.

Die Reise, die in Gibraltar enden würde, war ein Geschenk der Eltern zu Maras Geburtstag gewesen, sie hatte sich die Begleitung ihrer Schwester gewünscht. Noch heute Nacht würde das Schiff von Monte Carlo Richtung Marseille ablegen. Die beiden jungen Frauen freuten sich auf das, was noch vor ihnen lag. Schon jetzt hatten sie viel Interessantes gesehen und zahlreiche Bekanntschaften geschlossen. Der Alltag zu Hause im Süddeutschen schien in sehr weiter Ferne zu liegen: Dort warteten auf Anetta, die als Krankengymnastin arbeitete, zahlreiche Patienten, während Mara in einem Museum als Archivarin tätig war.

Doch noch befanden sie sich im glanzvollen Casino von Monte Carlo – und genau in diesem Augenblick verlor der unglücklich dreinschauende junge Mann seinen allerletzten Chip. »Oh!«, seufzte Anetta. »Er wirkt wie eine von diesen tragischen Romanfiguren, Mara. Hoffentlich tut er sich nichts an.«

Der junge Mann erhob sich, wobei er ein wenig taumelte. Er hielt sich einen Moment lang an der Tischkante fest, sein Gesicht wirkte benommen. Gleich darauf straffte er sich jedoch und ging mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern davon.

Mara beobachtete ihre Schwester von der Seite und fragte: »Willst du ihn retten, Netta? Dann lauf ihm nach und sag ihm, dass Geld allein nicht glücklich macht.«

Das war natürlich ein Scherz, aber zu ihrem größten Erstaunen ging Anetta ganz ernsthaft darauf ein.

»Ja, du hast Recht, ich glaube, das sollte ich tun. Wir haben ja noch zwei Stunden Zeit, bis wir zurück auf dem Schiff sein müssen, nicht? Sagen wir: in einer Stunde am Ausgang? Du wirst dich sicher auch ohne mich amüsieren.« Mit diesen Worten eilte sie dem traurigen jungen Mann tatsächlich nach.

»Sie ist verrückt«, murmelte Mara. »Vollkommen verrückt.« Es kam ihr aber nicht ungelegen, dass sie nun allein war – sie hatte sich in der letzten Viertelstunde bereits ein wenig gelangweilt beim Beobachten des unglücklichen Spielers, aber Anetta war nicht zum Weitergehen zu bewegen gewesen. Jetzt jedoch konnte Mara tun und lassen, was sie wollte.

Sie hatte auch schon ein bisschen gespielt, es aber ziemlich uninteressant gefunden. Man musste wohl risikofreudiger sein, als sie es war – oder man musste verzweifelt Geld brauchen und auf ein Wunder hoffen. Beides war bei ihr nicht der Fall.

Sie bewunderte die elegante Garderobe mancher der anwesenden Damen, freute sich an der Pracht des Gebäudes und überlegte gerade, ob sie es vielleicht einmal an einem der Tische versuchen sollte, an denen Karten gespielt wurden, als jemand zu ihr sagte: »Ab heute Abend werde ich Ihr Tischnachbar sein, Frau von Garnier.«

Sie drehte sich verwundert um und sah sich einem Mann gegenüber, dem sie noch nie in ihrem Leben begegnet war. Er musste etliche Jahre älter als sie sein, sie schätzte ihn auf Anfang bis Mitte Dreißig, und er sah geradezu unverschämt gut aus. Seine Haut war gebräunt, trotz der Jahreszeit, und seine Augen kamen ihr sehr blau vor. Da er fast einen Kopf größer war als sie – und sie war wahrhaftig nicht klein! – blickte er auf sie herunter. Das tat er mit einem Lächeln, das ein wenig Spott zu enthalten schien. Sein Gesicht war gut geschnitten, mit einer kräftigen, geraden Nase und einem Mund, dem ein energischer Zug anhaftete.

»Ich kenne Sie nicht«, erwiderte sie.

Er deutete eine Verbeugung an – und auch das tat er auf eine leicht spöttische Weise. »Verzeihen Sie, dass ich meine guten Manieren vergaß und mich nicht zuerst vorgestellt habe: Maurice de Cherbourg.«

Ihre Verwunderung wuchs. »Comte de Cherbourg?«, fragte sie.

»In der Tat, ja«, erwiderte er.

»Der Name ist mir natürlich geläufig. Ich dachte allerdings, Ihre Familie sei im Ausland, Comte.«

»Bravo!« Jetzt war sein Lächeln breiter, um seine Augen breitete sich ein Kranz von Fältchen aus. »Sie sind bemerkenswert gut informiert. Ja, es stimmt: Wir leben auf La Réunion, im Indischen Ozean.«

»Interessant«, murmelte Mara. »Und wieso sprechen Sie so gut Deutsch?«

»Das habe ich meinem schweizerischen Internat zu verdanken, auf dem ich dreisprachig aufgewachsen bin.«

»Aber ich verstehe noch immer nicht, woher Sie meinen Namen wussten. Und wieso Sie mein Tischnachbar werden. Sie sind doch gar nicht auf der ›Victoria‹!«

»Ab heute schon«, erklärte der junge Graf. Er wies auf einen Mann, der sich etwa zehn Meter von ihnen entfernt mit einer sehr eleganten alten Dame unterhielt. »Kapitän Hartenstein war so freundlich, mir Ihren Namen zu verraten und mich an Ihren Tisch zu platzieren. Darf ich Sie um einen Gefallen bitten? Würden Sie Maurice zu mir sagen? Ich hänge nicht sehr an meinem Titel, und ich bin frei aufgewachsen, auf meiner Insel spielen derlei Dinge keine allzu große Rolle.«

»Dann sagen Sie Mara zu mir«, erwiderte Mara. Es gefiel ihr, wie er ›auf meiner Insel‹ gesagt hatte. Sie kannte La Réunion nicht, aber sie war sicher, dass es ein paradiesischer Ort war – mit Palmen, weißem Sand und einem Meer, das vermutlich so blau war wie seine Augen. »Wie sieht es auf Ihrer Insel aus, Maurice?«, fragte sie.

»Wie stellen Sie es sich vor?«

Sie sagte ihm, was sie zuvor gedacht hatte, und er brach in herzliches Gelächter aus. »Sie haben es haargenau getroffen«, sagte er dann. »Alles, was man sich so vorstellt, wenn man vom perfekten Urlaubsort träumt, finden Sie auf meiner Insel.«

»Und Sie haben sie dennoch verlassen?«, wunderte sich Mara.

»Ab und zu muss man auch mal etwas Anderes sehen«, erklärte Maurice. »Ich war lange nicht in Europa gewesen, es wurde Zeit.«

»Und was machen Sie da unten?«, fragte Mara neugierig. »Immer Urlaub? Oder arbeiten Sie auch?«

»Natürlich arbeite ich«, antwortete er, sichtlich amüsiert. »Ich könnte es nicht aushalten, den ganzen Tag nichts zu tun. Wir haben große Plantagen, die wir bewirtschaften – Gewürz- und Obstplantagen, außerdem haben wir vor ein paar Jahren ein exklusives Hotel eröffnet. Das war ein Lieblingsprojekt meines Vaters, und tatsächlich hat sich das Hotel zu einem großen Erfolg entwickelt. Na ja, und dann besitzen wir noch eine kleine Fluglinie...« Er brach ab und lächelte verlegen.

»Dann haben Sie allerdings genug zu tun«, stellte Mara fest, woraufhin sie beide lachten.

Er gefiel ihr außerordentlich gut. Es war so leicht, mit ihm zu reden, er konnte interessant erzählen, und er bewegte sich in diesem Casino mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der bereits in der ganzen Welt herumgekommen ist. Sie freute sich sehr darüber, dass sie ihn von nun an bis zum Schluss ihrer Reise jeden Tag sehen würde.

Als ihr Blick irgendwann auf die Uhr fiel, rief sie erschrocken: »So spät schon! Ich muss zum Ausgang.«

»Aber wieso denn? Es ist doch noch reichlich Zeit, bis das Schiff ablegt.«

»Ich bin mit meiner Schwester verabredet«, erklärte Mara. »Sie ist auch hier im Casino, wir wollten uns am Ausgang treffen.«

»Darf ich Sie begleiten?«, fragte Maurice.

»Ja, natürlich, gern«, antwortete Mara.

Als sie jedoch den Ausgang erreichten, war Anetta nirgends zu sehen. »Sie wird schon gegangen sein«, vermutete Mara. »Ich bin ja zu spät.«

»Dann lassen Sie uns gehen«, schlug er vor und bot ihr höflich seinen Arm.

Sie dankte ihm und hatte mit einem Mal das Gefühl, ein paar Zentimeter über dem Boden zu schweben. Dieses war, das stand fest, der bisher schönste Abend ihrer Reise.

*

»Danke, Anetta«, sagte der traurige junge Mann, der sich als Felix Baum vorgestellt hatte. Sie duzten sich bereits, Anetta war in diesen Dingen schon immer sehr unkompliziert gewesen. »Ich weiß nicht, was ich ohne dich getan hätte.«

»So darfst du nicht reden«, ermahnte sie ihn. »Es ist doch nur Geld!«

»Nur Geld!« Sein Lachen klang verzweifelt. »Es war das Letzte, was ich hatte – oder fast das Letzte. Dabei wollte ich endlich von diesem verdammten Schiff herunter.«

»Von welchem Schiff?«, fragte sie verdutzt.

»Der ›Victoria‹«, antwortete er düster. »Das ist so ein Kreuzfahrtschiff, weißt du, es...«

»Aber da bin ich auch!«, rief sie. »Meine Schwester und ich reisen seit Rom mit der ›Victoria‹.«

»Das glaube ich einfach nicht!«, stellte Felix fest.

»Aber wieso sind wir uns denn noch nicht über den Weg gelaufen?«, fragte Anetta verwundert.

»Na, weil es ein riesiges Schiff ist – da passiert das nicht so leicht«, meinte Felix. »Außerdem: Ich arbeite dort, als Pianist, in einer der Bars. Wahrscheinlich bist du da noch nicht gewesen. Aber ich kann dir nur sagen: Ich hasse diese Arbeit. Und ich wünschte mir, ich hätte heute Abend so viel Geld gewonnen, dass ich das Schiff gleich hier hätte verlassen können.«

»Du Ärmster«, sagte Anetta mitfühlend. »Während meine Schwester und ich uns amüsieren, musst du arbeiten.«

Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln. »Schon gut«, murmelte er. »So schlimm ist es auch wieder nicht. Ich will nicht, dass du mich für einen Jammerlappen hältst.«

»Tue ich nicht«, erklärte sie. »Wenn ich heute Abend so viel Geld verloren hätte wie du, würde es mir auch nicht gut gehen. Und wenn ich eine Arbeit machen

müsste, die ich nicht mag, würde ich noch viel mehr jammern als du.«

»Was machst du denn?«

»Ich bin Krankengymnastin«, erklärte Anetta stolz. »Und zwar eine sehr gute – jedenfalls sagen meine Patienten das. Sie meinen, ich hätte magische Hände. Wenn du mal eine Massage brauchst, weil du völlig verspannt bist, sag mir bitte Bescheid, dann massiere ich dich kostenlos.«

»Kann sein, dass ich darauf zurückkomme.« Felix sprang plötzlich auf wie von der Tarantel gebissen. Sie hatten sich in bequemen Sesseln etwas abseits der Spieltische niedergelassen, wo sie in Ruhe miteinander reden konnten.

»Was ist denn?«, fragte Anetta erschrocken. »Noch eine Katastrophe?«

»Ich muss zurück zum Schiff, verflixt noch mal! Eine halbe Stunde, bevor wir ablegen, soll ich schon in der Bar spielen – und diese halbe Stunde beginnt in fünf Minuten. Dabei habe ich gestern schon eine Abmahnung bekommen, weil ich etwas gespielt habe, was dem Manager nicht gefiel.«

»Ich bin auch viel zu spät«, erklärte Anetta. »Ich war mit meiner Schwester verabredet. Ich komme mit dir, ja?«

»Aber nur, wenn du schnell laufen kannst – ich werde nämlich rennen.«

Er rannte tatsächlich, aber Anetta hielt mit. Als sie die »Victoria« erreichten, waren sie beide völlig außer Atem – aber sie hatten es immerhin geschafft, Felix’ Verspätung in Grenzen zu halten. Zudem hatte er – endlich einmal – Glück: Er war noch gar nicht vermisst worden. Als der Manager kurz nach seinem Eintreffen den ersten Kontrollgang machte, saß Felix bereits an seinem Arbeitsplatz und spielte.

Dass er dabei immer noch keuchte vom schnellen Laufen, bemerkte der Manager nicht.

*

»Schön, dass ihr den Weg nach Sternberg wieder einmal gefunden habt«, stellte Baronin Sofia von Kant fest, nachdem sie und ihr Mann Friedrich mit Lena und Bernhard von Garnier zu Abend gegessen hatten. Nun saßen sie in der Bibliothek, in deren Kamin ein munteres Feuer brannte. Eberhard Hagedorn, der seit langen Jahren Butler auf Schloss Sternberg war, servierte Kaffee und Kognak, erkundigte sich nach weiteren Wünschen der Gäste und zog sich dann, lautlos, wie es seine Art war, zurück.

»Ich schließe mich meiner Vorrednerin an«, erklärte Baron Friedrich mit einem Lächeln. »Und das nächste Mal müsst ihr eure Töchter wieder mitbringen.«

»Unbedingt«, stimmte Lena von Garnier zu. »Sie sprechen oft von euch, aber nun sind sie ja noch auf dieser Kreuzfahrt. Das war übrigens einer der Gründe, weshalb wir uns kurz entschlossen auf den Weg zu euch gemacht haben – wir sind ja jetzt völlig unabhängig. Mara und Anetta wohnen zwar nicht mehr bei uns, aber an den Wochenenden kommen sie doch noch immer ziemlich regelmäßig.«

»Und was hört ihr von ihnen? Gefällt ihnen die Kreuzfahrt?«

»Sie sind restlos begeistert«, lächelte Bernhard von Garnier. »Sie schicken uns immer SMS, wir sind also auf dem Laufenden über ihre neuen Bekanntschaften und die Attraktionen an Bord. Wir haben uns sogar schon überlegt, ob eine solche Reise nicht auch einmal etwas für uns wäre.«

Sie sprachen noch eine Weile über das Für und Wider eines Urlaubs auf dem Schiff, dann wechselte Lena das Thema: »Übrigens haben mich eure Kinder sehr beeindruckt, Sofia und Fritz. Und damit meine ich alle drei – man kann doch sagen, dass Christian jetzt euer drittes Kind ist?«

Die Baronin nickte nachdenklich. »Ja, so empfinden wir es auch, nicht, Fritz?«

Ihr Mann nickte. »Nicht nur wir übrigens, auch Christian sieht es so, und unsere beiden Kinder selbstverständlich auch. Anna und Konrad waren ja zuvor schon wie Geschwister für ihn, und wir denken, dass ihm das vieles erleichtert hat. Besonders mit Anna versteht er sich gut, obwohl sie zwei Jahre jünger ist als er – sie hängen ständig zusammen, und das gibt ihm Halt.«

Prinz Christian von Sternberg war der Sohn von Sofias Schwester, Fürstin Elisabeth von Sternberg, die gemeinsam mit ihrem Mann, Fürst Leopold, bei einem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen war, etliche Monate zuvor. Damals war Christian vom Ostflügel des Schlosses zu Familie von Kant in den Westflügel gezogen.

»Wie alt ist Christian jetzt?«

»Fünfzehn.«