Gestrandet in Nairn - Karin Firlus - E-Book

Gestrandet in Nairn E-Book

Karin Firlus

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Beschreibung

Lena ist Aushilfslehrerin an einem Gymnasium in Speyer. Jeden Sommer läuft ihr Vertrag aus, ob sie einen neuen bekommt, ist immer unsicher. Als sie herausfindet, dass ihr Partner sie mit einer Kollegin betrügt, verlässt sie ihn und fährt in das Land ihrer Träume: Schottland. An der Nordküste hat sie eine Panne: Ihr altes Auto kann nicht mehr repariert werden. Sie sitzt in der Kleinstadt Nairn fest und ist verzweifelt: Zu Hause hat sie keinen Job und keine Wohnung, jetzt ist auch ihr Auto kaputt. Da bekommt sie einen dreiwöchigen Job als Haushaltshilfe bei einem Professor für Archäologie angeboten. Lena vereinbart eine Probezeit von zwei Tagen. Als sie den Professor kennenlernt, wartet eine Überraschung auf sie: Der vermeintlich ältere Herr ist ein attraktiver Mann Anfang vierzig. Ich habe meinen Roman dem schottischen Schauspieler John Hannah gewidmet (mit seiner Zustimmung natürlich), da er quasi Geburtshelfer war. Details zur Entstehung des Romans und der Widmung finden sich unter "Anmerkung der Autorin" hinten im Buch.

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zum Buch:

Lena ist Lehrerin für Englisch und Geschichte am Gymnasium. Als sie herausfindet, dass ihr Partner Erik sie mit ihrer Kollegin betrügt, verlässt sie ihn und entscheidet spontan,  eine Zeitlang in dem Land zu verbringen, von dem sie schon lange träumt: Schottland.

An der Nordküste hat sie eine Panne. Ihr altes Auto kann nicht mehr repariert werden und Geld, sich ein anderes zu kaufen, hat sie nicht – sie sitzt in einer Kleinstadt fest und weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Zur Autorin:

Gestrandet in Nairn ist der vierte Roman von Karin Firlus. Sie war Englischlehrerin und –Übersetzerin. Vor einigen Jahren wandte sie sich dem Schreiben zu, das inzwischen zu einer Sucht geworden ist.

Wenn Sie sie erreichen wollen:

[email protected]

Weitere Romane von Karin Firlus:

Einen Cappuccino, bitte!

(Teil I) (2015)

Will ich das überhaupt?  

(Teil II) (2015)

Schattenliebe–

ein Familienroman aus Schottland (2016)

Zusammen mit ihrer Literaturgruppe „Textträumer“:

Copyright: © 2017 Karin Firlus

Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN: 0401-384769 M

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung der Autorin reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Alle Bilder im Buch sind urheberrechtlich geschützt. Die Benutzung dieser Bilder ist nur mit schriftlicher Erlaubnis von Maria Knüttel gestattet, bei der alle Rechte liegen.

Umschlagabbildung/Umschlaggestaltung: Maria Knüttel, Limburgerhof. Kontakt: www.photography-mk.com

     Karin Firlus

Ich widme diesen Roman dem schottischen Schauspieler, John Hannah, da er quasi „Geburtshelfer“ war.

(Mehr dazu: siehe „Anmerkung der Autorin“)

Karin Firlus, Februar 2017

Kapitel

K  1: Es ist aus!

K  2: Reise mit Hindernissen

K  3: Unerwartetes Angebot

K  4: Hausführung

K  5: Mann, was für ein Mann!

K  6: Ein verwildeter Garten hat schon was

K  7: Eine Bilderbuchehe?

K  8: Endlich ein Buch!

K  9: Ein Stück schottische Geschichte

K 10: Ein Schloss und eine Vorlesung

K 11: Und er quält sich doch noch

K 12: Pure schottische Lebensfreude

K 13: Feigling!

K 14: Das war’s dann wohl …

K 15: Das Leben ist wunderbar – oder?

K 16: Sexuelle Not

K 17: Jetzt ist erst einmal reisen angesagt

K 18: Die ersten Zweifel nagen

K 19: Jetzt reicht’s!

K 20: Das darf doch nicht wahr sein!

K 21: Wieso ist Liebe so kompliziert?

K 22: Verunsicherungen

K 23: Das wurde aber auch Zeit!

K 24: Jetzt aber Butter bei die Fische!

Epilog

Kapitel 1: Es ist aus!

Seit ich dem Professor Deutsch beibringe, hinterfrage ich die Dinge, die mir begegnen, nicht mehr. Früher oder später ergeben sie einen Sinn. Aber im letzten Sommer, als ich Annas SMS las, fühlte ich mich vom Schicksal allein gelassen.

Wäre ich nicht so gutgläubig gewesen, hätte ich es vielleicht schon zuvor bemerkt. Zum Beispiel, als ich an einem Mittag im Mai früher nach Hause kam, weil ich mal wieder einen Migräneanfall hatte, wie so oft in letzter Zeit.

   Ich ließ den Elfer Grundkurs noch ihre Arbeit in  Englisch schreiben. Dann packte ich nach der fünften Stunde meine Tasche und fuhr langsam, weil mein Kopf schon erbarmungslos hämmerte, nach Hause.

   Dort angekommen, ließ ich meine Schultasche neben der Garderobe stehen, torkelte ins Schlafzimmer und ins Bett.

   Dass mittags der Rollladen noch unten war, registrierte ich nicht. Auch später, als ich mich, über die Toilettenschüssel gebeugt, übergeben musste, fiel mir das dritte gebrauchte Duschtuch, das zusammen mit meinem und dem von Erik auf dem Boden lag, nicht auf. Ich kniete vor der Toilette und würgte meinen Mageninhalt hinein.

   Als Erik kurz danach heimkam, lag ich auf der Couch im Wohnzimmer, ein kaltes Gelkissen auf der Stirn, und döste vor mich hin. Allmählich begannen die Tabletten, die ich in der Schule genommen hatte, zu wirken.

   Er fragte mich, seit wann ich zu Hause sei. Als ich sagte, ich sei kurz nach 12:30 Uhr heimgekommen,  sah er mich erschrocken an, fing sich aber gleich wieder. Danach ging er sofort ins Bad, räumte auf,  putzte und stellte eine Maschine Wäsche auf. Und ich war dankbar, dass er ausnahmsweise einmal beim Haushalt mit anpackte.

   Da Erik in der Firma, in der er seit acht Monaten als Leiter der Qualitätskontrolle arbeitete, meist die Spätschicht von sechzehn Uhr bis Mitternacht übernahm, hatte er vormittags, wenn ich in der Schule war, prinzipiell Zeit, um einiges im Haushalt zu übernehmen.  Denn außer einigermaßen kochen und den einen oder anderen Kuchen backen hasste ich nichts so sehr wie Putzen und Bügeln. Und da wir beide arbeiten gingen, hätte ich es als fair empfunden, wenn er wenigstens einen Teil der Hausarbeit übernommen hätte. Aber außer Müll zu entsorgen und ab und an zu saugen brachte er sich nicht ein.

   Ich bereitete dann nachmittags den Unterricht vor und stellte abends noch die gelegentliche Maschine Wäsche auf, aber den Großteil an Hausarbeit musste ich meist an den Wochenenden erledigen.

   Erik hatte keine Probleme damit, mich arbeiten zu lassen, während er stundenlang  am Computer saß und in irgendwelche Strategiespiele vertieft war.

   Allerdings hatte er seit einigen Wochen angefangen, samstags von vierzehn bis achtzehn Uhr eine halbe Schicht zu übernehmen. Einige Kollegen seien krank bzw. in Urlaub, da springe er eben ein. Ich dachte mir nichts dabei, ging einkaufen und nachdem ich geputzt hatte, bereitete ich Tests und Arbeiten vor. Sonntags attackierte ich verbissen die Bügelwäsche, während Erik joggen ging. Das gab er zumindest vor.

   Erst später fiel mir auf, dass er selten geduscht hatte, wenn er zurückkam.

   Sex hatten wir in letzter Zeit kaum noch. Aber ich dachte, es sei eben darauf zurückzuführen, dass Erik unter der Woche ausschlief, ich jedoch früh aus den Federn musste. Und auf Kommando sonntags morgens Lust auf Sex hatten wir beide selten. So lebten wir mehr oder minder reibungslos und eher gelangweilt nebeneinander her, wie so viele andere Paare auch.

   Hätte man mich gefragt, ob ich glücklich war, hätte ich mit den Schultern gezuckt. Was hieß schon „Glück“?

   Ich war gesund, hatte ein Dach über dem Kopf, einen Partner, und wenn es wie geplant lief, würden wir auch bald Kinder bekommen und vielleicht irgendwann heiraten. 

   Aber was ich vor allem anderen wollte, und das schon seit drei Jahren, seit ich mein zweites Staatsexamen in der Tasche hatte, war eine Festanstellung an einem Gymnasium in der Nähe. Bisher hatte ich immer nur Zeitverträge gehabt, die für ein halbes oder ein Jahr galten. Auch in diesem Jahr wies nichts darauf hin, dass sich in dieser Hinsicht etwas zum Besseren wenden würde. Anfang Juli, zu Beginn der Sommerferien, würde mein Zeitvertrag zunächst auslaufen. Und ob ich ab dem nächsten Schuljahr entweder arbeitslos sein würde oder, mit viel Glück, an irgendeiner anderen Schule einen befristeten Zeitvertrag bekäme, würde sich wohl, wie meist, erst einige Tage vor Ende der Ferien ergeben.

   Zwar herrschte grundsätzlich Lehrermangel, aber nicht in Englisch und Geschichte. Und genug Geld, um alle benötigten Lehrkräfte zu bezahlen, war auch nicht vorhanden. Also speiste man viele von uns Junglehrern mit Aushilfsstellen ab, die nie länger als maximal ein Schuljahr währten. Vor den Sommerferien war dieser Job dann beendet, was der Regierung ersparte, diese Lehrer über die Ferien bezahlen zu müssen.

         *

Von Mai bis Anfang Juni war Korrekturzeit angesagt. Das hieß für Erik, dass ich wochenlang kaum ansprechbar war und praktisch keine Freizeit hatte. Ich saß nachmittags und an den  Wochenenden am Schreibtisch und beschäftigte mich mit englischer Grammatik, der Umweltthematik in der Zehnten, dem amerikanischen Traum sowie diversen Epochen der europäischen Geschichte. Mir schwirrte der Kopf von Vokabeln, Grammatikformen und Jahreszahlen, und die Migräneanfälle, die mich seit dem Winter plagten, kamen seit einiger Zeit fast einmal pro Woche.

   Korrigieren war zeitintensiv und ermüdend, und wenn Erik dann wenigstens samstags abends mit mir ins Kino oder essen gehen wollte, war ich meist zu müde oder lustlos, weil ich im Geiste die Arbeiten vor mir sah, die sich auf meinem Schreibtisch türmten.

   Meine Kollegin Anna, die auch Geschichte unterrichtete, hatte zwar einen Festvertrag, aber nur für eine halbe Stelle. Sie beklagte sich, weil sie gerne eine ganze gehabt hätte.

   Immerhin hatte sie wesentlich mehr Freizeit als ich, und ich war mir nicht sicher, ob ich nicht gern mit Anna getauscht hätte. Die Unsicherheit, an jedem Schuljahresende erneut auf eine Anstellung hoffen zu müssen, war zermürbend und irgendwie auch erniedrigend.

   Als ich mein Studium begonnen hatte, hatte Lehrermangel geherrscht, und ich war davon überzeugt gewesen, einen krisensicheren Job ausgewählt zu haben. Inzwischen fragte ich mich, ob ich nicht doch hätte eine andere Berufswahl treffen sollen. Obwohl ich einen guten Abschluss hatte, brauchte man offensichtlich meine Arbeitsbereitschaft nicht. Diese Tatsache nagte gewaltig an meinem Selbstbewusstsein.

Als Ende der dritten Juniwoche dann endlich die Zeugniskonferenz stattfand und ich wusste, dass in diesem Schuljahr keine Korrekturen mehr anstehen würden, war ich erleichtert. Prompt, wie so oft, wenn ich mich entspannte, bekam ich während der Konferenz wieder Migräne und am nächsten Tag heftigen Schnupfen.  

   Ich war wieder einigermaßen fit, als die Schüler der zwölften Stufe in der zweitletzten Woche vor den Ferien auf Studienfahrt gingen, und da ich in einem Zwölfer LK Englisch unterrichtete, hatte mein Kollege Hartmut, der ihnen Französisch beibrachte, mich gefragt, ob ich ihn auf der Fahrt in die Ardèche begleiten würde.

   Etliche Schüler würden dort Kanufahren, andere wandern. Da ich keine Lust hatte, im Unterricht  Schüler  eine Woche lang sinnvoll zu beschäftigen, die so kurz vor den Ferien keinen Bock auf Schule mehr hatten, sagte ich zu.

   Eigentlich wäre ich lieber mit Anna nach Madrid gefahren, aber diese Reise kam nicht zustande. Also wurden wir beide auf andere Fahrten aufgeteilt. Letztendlich fuhr Anna überhaupt nicht, da sie einen Hexenschuss hatte – zumindest behauptete sie das einen Tag, bevor es losging.

Ich kam einigermaßen entspannt zurück und freute mich auf eine lässige letzte Unterrichtswoche und, vor allem, auf mehr Zeit mit Erik.

   Aber er reagierte seltsam abweisend auf meine Annäherungsversuche, und mir wurde bewusst, dass wir schon seit einigen Wochen nicht mehr miteinander geschlafen hatten. Ich setzte meine Hoffnung auf den gemeinsamen zweiwöchigen Urlaub, den wir Mitte der Ferien geplant hatten.

   Wir wollten einfach Richtung Loiretal fahren, um uns die Schlösser dort anzusehen, und an einem Plätzchen, das uns gefallen würde, bleiben.

     *

Am letzten Schultag waren noch einige von uns Kollegen ein Stündchen im nahen Biergarten. Anna saß dabei, ohne sich zu unterhalten, und nippte an einem Glas Orangensaft. Ich dachte bei mir, sie sieht so ferienreif aus wie ich mich fühle. Ich trank eine Rieslingschorle und ging recht beschwingt nach Hause. Jetzt waren erst einmal wohl verdiente Ferien angesagt und ich hatte vor, sie weidlich zu nutzen.

Kurz nach zwölf kam ich in unserer Wohnung an und schenkte mir in der Küche gerade ein Glas Wasser ein, als Eriks Handy  vibrierte. Es lag direkt vor mir auf dem Tisch, also schaute ich automatisch auf das Display. Es zeigte das lachende Gesicht von Anna.

   ‚Nanu‘, dachte ich, ‚was will sie denn von Erik‘? Reflexartig und ohne darüber nachzudenken, was ich da eigentlich tat, las ich die SMS:

   „Erik, ruf mich an, sobald du kannst. Ich bin eine Woche drüber …“

   Ich starrte auf das Display und las die Nachricht noch einmal, als Erik in die Küche kam, ein Handtuch um die Hüften geschlungen, die Haare vom Duschen noch feucht und verwuschelt.

   „Oh, du bist schon da?“ Er klang nicht begeistert.

   Wortlos hielt ich ihm sein Smartphone mit Annas SMS unter die Nase.

   Sein Gesicht verfärbte sich und er stammelte: „Lena, hör zu, ich wollte schon länger mit dir reden. Ich kann dir das erklären.“

   „Was gibt es da noch zu erklären?“ Ich spürte, wie aus dem Nichts heiße Tränen in mir aufstiegen. „Offensichtlich habe ich nicht gesehen, was sich direkt vor meinen Augen abspielte. Ich hätte allerdings nie für möglich gehalten, dass du mich so schamlos betrügen würdest, und das auch noch mit einer Kollegin. Mein Gott, ausgerechnet mit Anna! Und jetzt hast du sie geschwängert, ja? Na denn, ich wünsche der jungen Familie viel Glück!“

   Ich drehte mich abrupt um und rannte ins Schlafzimmer. Dort schloss ich die Tür hinter mir ab, damit er nicht hereinkommen konnte und die Tränen sah, die unkontrolliert über meine Wangen liefen. Diese Genugtuung wollte ich ihm nicht gönnen!

   Ich warf mich aufs Bett und heulte. Irgendwann dachte ich: ‚Und was wird jetzt? Natürlich werde ich nicht mit ihm in Urlaub fahren‘. Und reden wollte ich auch nicht mit ihm, das brachte nichts. Er hatte mich betrogen, das konnte ich nicht hinnehmen.

   Ich setzte mich auf und mein Blick fiel auf die Kommode, wo das Foto von uns beiden stand, wie wir glücklich in die Kamera lachten, hinter uns türkisfarbenes Meer. Wir hatten uns in unserem ersten gemeinsamen Urlaub auf Kreta fotografieren lassen.

   Da wurde mir mit einem Schlag bewusst, dass diese Zeiten der Vergangenheit angehörten. Ich würde mit Erik nie mehr glücklich lachen.

   Ich stand auf und wie in Trance begann ich zu packen. Keine Minute länger wollte ich mit einem Mann zusammen sein, der mich betrog und dazu noch mit einer anderen ein Kind bekam, das eigentlich hätte unseres sein sollen.

   Ich versuchte krampfhaft, das Bild vor meinem inneren Auge wegzuschieben, das mir gnadenlos Anna zeigte, die lustvoll stöhnend unter Erik lag, sein Kopf in ihren üppigen Brüsten vergraben.

Während ich wahllos Unterwäsche, Shirts und Hosen in meinen Koffer stopfte, hörte ich meine Mutter sagen: ‚Ach Kind, ich hatte mich so darauf gefreut, bald Großmutter zu werden. In deinem Alter wird es langsam Zeit…‘

   Dabei wurde mir bewusst, dass ich schon länger nicht mehr mit ihm unbeschwert glücklich war. Ab dann war nur eine Frage in meinem Kopf: „Wie ist das passiert?“ Ich hatte unsere zweijährige Beziehung immer als zufriedenstellend und problemlos eingestuft.

   Später, auf der langen Fahrt in den Norden, wurde mir klar, dass „nur zufriedenstellend“ keine optimale Basis für eine gemeinsame Zukunft war. Aber an dem Mittag, als ich packte, konnte ich nicht verstehen, was zwischen uns schief gelaufen war.

Als ich in der Nachttischschublade  mein Sparbuch und meinen Ausweis holte, fiel mein Blick auf das Kuvert. Ich hatte es ein Jahr zuvor von meinen Eltern zum Geburtstag bekommen. Sie waren gerade von einer Rundreise durch England zurückgekommen und hatten mir ihre restlichen Pfundnoten, wie sie sagten, geschenkt.

   Ohne das Geld zu zählen, hatte ich es in die Schublade gelegt. Schließlich war ich damals auf Arbeitssuche, und in dieser Situation war Urlaub einfach nicht machbar.

   Jetzt zählte ich die Scheine und fiel aus allen Wolken, als mir klar wurde, dass ich damit locker vier bis fünf Wochen in Großbritannien hätte verbringen können, wenn ich nicht prasste. Mein Sparbuch wies ein gutes Polster auf, so dass ich damit die Hin- und Rückreisekosten bestreiten und für den Fall, dass ich ab Herbst arbeitslos wäre, mich zumindest einige Monate lang über Wasser halten könnte.

   Ich steckte das Kuvert, zusammen mit meinen anderen persönlichen Unterlagen, in meine Handtasche und packte alles Restliche ein.

   Erik hämmerte gegen die Schlafzimmertür. „Lena, mach doch auf und lass uns reden!“

   „Es gibt nichts mehr zu reden!“, schrie ich zurück.

   „Hör zu, wir hatten das nicht geplant. Aber nach der Weihnachtsfeier, an der du früher gegangen bist, habe ich Anna nach Hause gebracht und -“

   Ich glaubte, mich verhört zu haben. Zunächst blieb ich wie angewurzelt stehen, dann ging ich zur Tür und schloss auf. Ich sah Erik aus verweinten Augen an.  

   „Weihnachtsfeier? Du meinst, das mit euch geht schon seit letztes Jahr im Dezember?“ Er öffnete den Mund, aber ich gab ihm keine Chance, etwas darauf zu erwidern. „Und weder du noch Anna habt es für nötig gehalten, es mir zu sagen?“

   „Das wollte ich doch, aber irgendwie schien nie der richtige Zeitpunkt dafür zu sein, und -“

   „Für so etwas gibt es keinen richtigen Zeitpunkt, Erik, und das weißt du auch. Mein Gott, wie erbärmlich ihr doch seid! Ihr habt mich nicht nur betrogen, indem ihr miteinander im Bett wart, sondern auch, indem du so getan hast, als sei alles wie immer.“

   Ich drehte mich um und ließ ihn stehen. Es war ja noch schlimmer als ich gedacht hatte. Ein halbes Jahr lang schon hatte er mich mit ihr betrogen – jetzt wurde mir allmählich klar, warum wir kaum noch Sex gehabt hatten.

   Ich holte meine Kosmetikartikel aus dem Bad, stopfte sie in die Reisetasche und legte zwei Romane obendrauf, die ich am Tag zuvor als Lesestoff für die Frankreichreise bereit gelegt hatte.

   Erik war mir gefolgt. „Lena, jetzt dreh doch nicht gleich durch. Wo willst du denn so Hals über Kopf hin?“

   Ich fuhr herum. “Das geht dich ab jetzt einen feuchten Du-weißt-schon-was an!“ Ich schnappte mir meine Taschen, hielt ihm meinen Wohnungsschlüssel hin und ging zur Tür. „Meine Bücher und den anderen Kram lasse ich irgendwann abholen!“

   Eriks verdattertes Gesicht war mir wenigstens eine kleine Genugtuung. Dabei musste er doch eigentlich dankbar sein, dass ich so spontan das Feld räumte. Schließlich hatten er und Anna jetzt freie Bahn. Andererseits hatte er ab sofort keinen Deppen mehr, der ihm den Haushalt führte, und ich war nicht sicher, ob Anna das tun würde.

   Als ich zu der Parallelstraße ging, in der ich am Tag zuvor mein Auto geparkt hatte, sah ich wieder Annas SMS vor mir. „Ich bin eineWoche drüber…“

   Das versetzte mir einen Stich. Noch vor einem Jahr hatten Erik und ich beschlossen, spätestens in diesem Frühjahr zu versuchen, ein Baby zu bekommen. Aber wir hatten in letzter Zeit nicht mehr darüber gesprochen. Das fiel mir erst jetzt auf; wieso hatte ich nicht bemerkt, dass wir eigentlich keine richtige Beziehung mehr führten? War ich so auf meine Arbeit in der Schule konzentriert gewesen, dass mein Privatleben kaum noch existent war?

   Ich verstaute hektisch mein Gepäck im Kofferraum, dann fuhr ich einfach los. Bewusst hätte ich nicht sagen können, wohin ich eigentlich wollte. Meine Eltern waren zwar noch in Urlaub, aber eine Wohnung hatte ich ab sofort nicht mehr. Also fuhr ich in mein Elternhaus, schlich die Treppe in mein früheres Jugendzimmer hoch und verkroch mich im Bett.

Ich fühlte mich dort wie ein Fremdkörper. Die bunte Bettwäsche, die Poster an den Wänden, der Vorhang mit den Schmetterlingen – war das wirklich einmal ich gewesen? Und wer war ich heute? Eine, die im Frühjahr dreißig geworden war und von ihrem Partner betrogen wurde. Eine, die ihren Lover nicht halten konnte, deshalb hatte er sich eine Andere gesucht. Wieder kamen die Tränen.

   Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte, war ich durstig und hatte mächtigen Hunger.

   Ich wusch mir Gesicht und Hände und ging in der Vorratskammer auf die Suche nach etwas Essbarem. Ich befreite eine einsame Salamipizza von ihrem traurigen Dasein in der Tiefkühltruhe. Als ich später darauf herumkaute, dachte ich über meine Optionen nach.

   Auf keinen Fall wollte ich länger als nötig hier bleiben. Ich musste raus! Ich hatte mich so sehr auf unseren Urlaub gefreut. Und auf die Ferien. Wenn ich jetzt daran dachte, dass sich endlose sechs Wochen vor mir dehnten, machte sich Verzweiflung in mir breit. Fast jede Kollegin und Freunde, die ich hatte, fuhren irgendwohin. Ich wäre allein und wenn meine Eltern in einer Woche zurückkämen, müsste ich über meine Trennung von Erik reden.

   Meine Mutter mochte ihn und würde sicherlich versuchen, mich dazu zu bewegen, noch einmal meinen Spontanentschluss, ihn zu verlassen, zu überdenken. Nein, das würde ich nicht tun. 

   Ich ging rüber ins Wohnzimmer, erweckte den Fernseher zum Leben und zappte durch ein, zwei Programme. Im Zweiten fing gerade ein Liebesfilm an.

   Ich überstand die ersten zehn Minuten, dann liefen wieder die Tränen; dabei hatten sich der Held und die Heldin erst kennengelernt. Sie hatten sich noch nicht einmal geküsst, aber die Art, wie sie sich ansahen, diese aufkeimende Verliebtheit, dieses Gefühl, der andere sei das Beste, was einem passieren könne. Der Puls, der sich beschleunigt, wenn man diesen Menschen auch nur sieht, dieser starke Wunsch, immer in seiner Gegenwart zu sein, egal, was man tut, das gab mir den Rest.

   Einige verzweifelte Versuche, mich mit einer Talkshow, einer Gameshow oder einer Komödie abzulenken, gingen gründlich schief. Die Tüte Chips, die ich in einer Schublade im Essraum gefunden hatte, war halb leer und ich hatte zu gar nichts Lust. Doch, ich hätte einiges an die Wand hauen können.

   Allmählich baute sich Wut in mir auf. Wie konnte er es wagen? Wer, dachte er denn, war er, dass er so mit mir umspringen konnte? Kurz nach halb zehn strich ich die Segel und ging ins Bett. Ich fühlte mich ausgelaugt, platt und nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Es war schwül in meinem Zimmer. Ich riss das Fenster bis zum Anschlag auf, aber auch das half nichts. Ich warf die Bettdecke auf den Sessel in der Ecke und drehte und wälzte mich.

   In Gedanken ließ ich die letzten Wochen Revue passieren. Hatte es irgendwelche Anzeichen dafür gegeben, dass Erik mich betrog? Verhielt Anna sich mir gegenüber anders als zuvor? Naja, wenn ich so darüber nachdachte, war sie etwas zurückhaltender gewesen. Wir waren auch nicht mehr miteinander einen Kaffee trinken oder in eine Kneipe gegangen.

   Irgendwann schlief ich dann doch ein. Als ich am nächsten Morgen wach wurde, brauchte ich eine Weile, bis ich wusste, wo ich war und warum. Als die neuerliche Tränenflut versiegt war, schlich ich ins Bad und stellte mich unter die Dusche.

   Das lauwarme Wasser schien einen Teil meines blockierten Gehirns frei zu spülen, denn als ich mich abtrocknete,  sah ich plötzlich Bergrücken mit blühendem Heidekraut und Ginster vor meinem inneren Auge. Eine steinerne Kapelle stand inmitten einer graugrünen Landschaft, Schafe kauten gemächlich vor sich hin und von irgendwoher tönte der volle Klang eines Dudelsacks.

   Jetzt erinnerte ich mich: Ich hatte nachts von Schottland geträumt. Seit ich vor Jahren eine Dokumentation darüber gesehen hatte, hatte mich die mystische Atmosphäre, die der Film ausstrahlte, in seinen Bann gezogen. Ich wollte unbedingt dorthin, aber Erik wollte nicht. Da sei es kalt und es regne immer.

Kapitel 2: Reise mit Hindernissen

An einer Tankstelle an der A61 kaufte Lena sich eine Straßenkarte, denn auf den Navi allein wollte sie sich nicht verlassen. Er war schon älter und sie hatte ihn nie aktualisiert. Außerdem hatte sie keine Ahnung, von wo aus eine Fähre nach Großbritannien übersetzte. Die kurze Strecke von Calais nach Dover schied aus, denn da wäre sie zu weit südlich und müsste fast die gesamte Länge der Insel hinauffahren.

   Bei einem Kaffee konsultierte sie die neu erworbene Karte und entdeckte, dass von Amsterdam aus eine Fähre nach Newcastle fuhr.

   Das wäre natürlich ideal gewesen, denn Newcastle war nicht weit unterhalb der schottischen Grenze. Allerdings gab es einen Nachteil: Ihr Smartphone sagte ihr, dass die Fährüberfahrt etwa sechzehneinhalb Stunden dauern würde. Das war ein absolutes No-Go. Lena wurde schon übel, wenn sie nur auf einer Ausflugsfahrt in Küstennähe länger als eine halbe Stunde auf einem Schiff ausharren musste.

   Sie suchte weiter und entdeckte, dass von Rotterdam aus eine Fähre nach Hull übersetzte. Und diese Überfahrt dauerte immerhin nur elf Stunden. Hull war etwas südlich von York, also auch relativ nah an der schottischen Grenze.

   Und York hatte sie sich immer schon einmal ansehen wollen; es musste eine Kleinstadt mit mittelalterlichem Charme sein, und Lena liebte Städte, die noch die Atmosphäre vergangener Tage ausstrahlten.

   Aber die Strecke nach Rotterdam war zu weit, um sie an diesem Tag zu schaffen. Sie war nach dem Frühstück zunächst noch zur Bank gefahren und hatte von ihrem Sparbuch Geld abgehoben, um die Fahrtkosten damit zu decken. Den Koffer und die Reisetasche hatte sie direkt mitgenommen, damit sie nicht ins Wanken kam und die Reise doch nicht antrat. So kam sie dennoch erst gegen Mittag los.

   Sie suchte nach den Abfahrtszeiten der Fähre: Die letzte Möglichkeit einzuchecken war 19:30 Uhr, die Abfahrt wäre um einundzwanzig Uhr. So beschloss sie, sich in der Nähe von Köln eine Pension zu suchen und samstags weiterzufahren.

Nach einer unruhigen Nacht mit allerlei Alpträumen, die sie nach dem Aufwachen nicht mehr benennen konnte, fuhr sie weiter. Sie kam um die Mittagszeit in Rotterdam an, fuhr zum Hafen und sicherte sich ein Ticket für eine Einzelkabine. Sie hatte mit sich gerungen, ob sie sich das Geld für eine Kabine nicht sparen sollte, aber wenn sie den ganzen nächsten Tag Auto fahren wollte, musste sie ausgeschlafen sein.

   Sie ließ ihr Auto am Hafen stehen und fuhr mit dem Bus ins Stadtzentrum.

   Sie war noch nie in Rotterdam gewesen. Sie aß ein Stück Pizza aus der Hand und bummelte zunächst lustlos durch die Straßen. Sie wäre am liebsten zurück zum Hafen gefahren und hätte auf der Fähre eingecheckt, um sie ja nicht zu verpassen. Es war schließlich die erste Reise, die sie allein unternahm, und so konnte sie eine gewisse Nervosität nicht unterdrücken.

   Aber bald zogen sie die hohen, schmalen Häuser mit den beigen und hellbraunen Fassaden in ihren Bann. Es waren alte Kaufmannshäuser und sie erinnerte sich daran, einmal gelesen zu haben, dass Rotterdam Europas größten Handelshafen hatte. Bestimmt war die Stadt vor Jahrhunderten einmal reich gewesen, den schönen Gebäuden nach zu urteilen. Sie war auch überrascht über die vielen Hochhäuser, die es in dieser Fülle eher in amerikanischen Städten zu bewundern gab.

   Am Ufer der Rotte setzte sie sich in ein Café und trank einen Becher Kaffee. Sie schaute sich um und stellte fest, dass außer ihr noch einige andere, Männer wie Frauen, allein dort saßen. Dadurch fühlte sie sich etwas besser. Bald lenkte sie ihre Schritte in die Innenstadt zurück und fuhr mit dem Bus wieder zum Hafen hinaus.

   Es lagen mehrere Schiffe in der Bucht, die Masten hochgestreckt in einen blassblauen Himmel. Sie ging zu ihrem Auto und stellte fest, dass sich bereits eine große Schlange anderer PKWs vor der Auffahrt zur Fähre gebildet hatte. Es blieben noch zwei Stunden bis zur Abfahrt und sie war froh, daran gedacht zu haben, sich in einer Apotheke Tropfen zu besorgen, die gegen Seekrankheit helfen sollten.

   ‚Wenn es doch nur Tropfen gegen Liebeskummer gäbe‘, dachte sie traurig.

   Sie reihte sich in die Warteschlange ein und bemühte sich, nicht ungeduldig zu werden. Sie war an diesem Tag zwar nicht um sechs Uhr aufgestanden, aber allmählich machte sich eine lähmende Müdigkeit in ihr breit, die wahrscheinlich von der längeren Fahrt herrührte. Sie freute sich auf das Bett in ihrer Kabine und hoffte, dass sie die Überfahrt ohne Übelkeit hinter sich bringen würde.

     *

Lena hatte die Fährfahrt gut überstanden; die meiste Zeit hatte sie verschlafen, und war danach von Hull aus auf der A63 in knapp anderthalb Stunden nach York gefahren. Sie war erleichtert, dass sie die meiste Zeit auf der Autobahn hatte bleiben können, denn der Linksverkehr in einem deutschen  Auto, mit dem Steuerrad auf der linken Seite, war nicht ohne. Aber auf einer mehrspurigen Straße konnte sie sich allmählich an die ungewohnte Spur und die Ausfahrt auf der linken Seite gewöhnen.

   Sie ließ ihr Auto am Stadtrand von York auf einem kleinen Parkplatz stehen und fuhr mit dem Bus in die Innenstadt.

   Das York Minster, wie die größte mittelalterliche Kathedrale Englands genannt wird, war beeindruckend. Sie machte eine Führung mit, bestaunte die riesige Orgel und konnte sich gar nicht an den bunten und großen Fenstern satt sehen.

   Nach einem Snack ging sie durch die Gässchen der Altstadt, in denen sich ein Geschäft an das andere reihte. Die Häuser waren weiß, grau-schwarz und bunt, teilweise mit Blumen geschmückt, und sahen aus wie größere Puppenstuben. Lena hätte gerne mehr Zeit gehabt, um gemütlich da und dort einzukehren, denn die Geschäfte luden mit ihren diversen Auslagen zum Schmökern und Kaufen ein. Aber sie verkniff es sich, einen der interessanten Romane oder eines der Paar Ohrringe zu erstehen, die sie anlachten.

   In einem Sweetshop kaufte sie sich eine kleine Packung Toffees, aber dann trieb irgendetwas sie weiter. York war schließlich nur ein Punkt auf ihrer Reise in den Norden, und an ihrem dritten Tag wollte sie wenigstens die Grenze nach Schottland überqueren.

   Sie fuhr gegen drei Uhr weiter, die A1 hoch in Richtung Berwick-Upon-Tweed. Sie brauchte knapp drei Stunden und beschloss spontan, an diesem Tag nicht mehr weiterzufahren. So nahm sie sich ein Zimmer in einer Pension am Ortsrand und machte sich am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück auf. Sie wollte zunächst Edinburgh auslassen und an der Ostküste entlang nach Norden fahren. Eigentlich konnte sie die gesamte Küste abfahren, dachte sie, um dann im Südwesten bei Oban wieder nach Osten zu drehen, wo sie sich Glasgow und schließlich Edinburgh ansehen wollte.

   Sie nahm die A1 weiter, ließ Edinburgh wörtlich links liegen und fuhr über die Forth Bridge mit ihren drei mächtigen Pfeilern in die Grafschaft Fife.

   Den Nachmittag verbrachte sie in St. Andrews, wo sie sich die mächtige Ruine der Kathedrale ansah und einen  kurzen Strandbummel unternahm. Sie lenkte ihr Auto jedoch ein Stück aus der Stadt hinaus und blieb die Nacht in einer Pension in der Nähe, denn die Preise in St. Andrews selbst waren horrend. Sie würde auch beim Essen sparen müssen, wenn sie länger als drei Wochen hier bleiben wollte.

   In einem Supermarkt holte sie sich ein Truthahnsandwich, das sie im Gehen aß. Als sie in die Pension zurückkam, fragte die Wirtin, ob sie sich nicht zu den anderen Gästen setzen wolle.

   Sie hatte eigentlich keine Lust darauf, fremde Leute kennenzulernen und Smalltalk machen zu müssen. Aber die Aussicht, schon wieder den Abend allein in ihrem Zimmer zu verbringen, war noch weniger reizvoll. So ließ sie sich überreden.

In dem großen Wohnzimmer flackerte ein Feuer im Kamin, in dessen Schatten drei Paare beieinander saßen. Zwei waren aus den USA, das dritte Paar aus Frankreich. Sie saßen um einen niedrigen Couchtisch herum, vor sich hatten sie Whiskygläser stehen.

   „Probieren Sie mal diesen Scotch, junge Dame. Er schmeckt nach Früchten und ein bisschen nach dem Sherryfass, in dem er gelagert wurde.“

   Der Amerikaner auf dem Sessel neben ihr schenkte ihr ein gutes Maß ein. Die anderen erhoben ihre Gläser und die Wirtin sagte etwas, das wie „Slänschi Ma“ klang.

   Lena nippte an ihrem Glas und stellte fest, dass dieser erste Schluck Whisky, den sie in ihrem Leben trank, gar nicht schlecht schmeckte.

   Während der folgenden Stunde unterhielt man sich allgemein über die jeweiligen Pläne für die anstehende Urlaubsreise. Lena hörte meist nur zu. Sie bekam jede Menge Tipps, was sie sich unbedingt würde ansehen müssen in Schottland.

   Bevor ihr Glas zum zweiten Mal aufgefüllt wurde, zog sie sich jedoch zurück. Zum einen hatte der ungewohnte Whisky sie ganz schön benebelt, zum anderen wurde ihr zum ersten Mal seit Tagen bewusst, dass sie nicht nur allein unterwegs, sondern allein war.

   Sie zog sich aus, putzte ihre Zähne und schlüpfte unter die hellgrüne Decke, die sie wie schützend um ihre Schultern schlang, obwohl es in dem Zimmer angenehm warm war.

   Bisher hatte sie es während ihrer Fahrt vermieden, allzu lang über ihre Trennung von Erik nachzudenken, aber dieses Zusammensein mit den drei Paaren hatte ihr verdeutlicht, dass sie ab jetzt wieder Single war.

   Der Amerikaner, der ihr den Whisky eingeschenkt hatte, hatte offen mit ihr geflirtet, was seiner Frau natürlich nicht gefallen hatte. Lena hatte sich sehr zurückgehalten, denn sie hatte die Signale wiedererkannt.

   Schon einige Jahre zuvor, als sie noch nicht mit Erik zusammen gewesen war, hatte sie die Erfahrung gemacht, dass sie als alleinstehende Frau für etliche Männer Beute war, und für deren Frauen eindeutig eine potentielle Bedrohung für ihre eheliche Harmonie. Sie rutschten näher an ihre Männer heran, manche nahmen in einer Art besitzergreifender Geste ihre Hand und warfen Lena Blicke zu, die besagten: ‚Untersteh dich!‘, obwohl sie nicht den Eindruck vermittelte, dass sie auf Männersuche war.

   Dieses Verhalten verletzte sie so sehr, dass sie manchmal versucht war, ihre gute Erziehung zu vergessen und zu den Frauen zu sagen: ‚Ich bin zwar nicht auf Männerfang im Moment, aber wenn ich es wäre, Ihren Mann würde ich mir bestimmt nicht aussuchen‘! Aber natürlich tat sie das nicht.

   Sie musste plötzlich daran denken, wie sie Erik kennengelernt hatte. Sie waren sich an Fastnacht auf einer Party begegnet, und Erik hatte sie sehr bestimmt von dem Betrunkenen weggelotst, der die Faschingstage wohl als Erlaubnis, Frauen zu begrapschen, missverstanden hatte.

   Sie waren ins Gespräch gekommen und hatten sich spontan für den nächsten Tag zum Kino verabredet. Danach waren sie etwas trinken und landeten miteinander im Bett. Nach einem halben Jahr zogen sie schließlich zusammen.

   Und nun war dieser Lebensabschnitt vorbei. Sie war in einem Alter, in dem die meisten ihrer Freundinnen entweder ans Kinderkriegen dachten oder ihre Karrieren vorantrieben. Alle waren sie verheiratet oder hatten einen Partner.

   Lena schniefte und versuchte die Tränen zurückzuhalten. Aber die Aussicht, zukünftig allein ausgehen zu müssen oder ihre Freundinnen mit ihren Männern wie ein ungeliebtes Anhängsel zu Feiern zu begleiten, machte sie so fertig, dass sie sich schließlich ihrem Frust und ihrer Trauer hingab.

     *

Am nächsten Morgen setzte sie ihre Fahrt in den Norden später als geplant fort. Sie hatte einen ausgewachsenen Heulkrampf gehabt und war erst gegen Mitternacht eingeschlafen, nicht sicher, was sie hier eigentlich sollte. Fast war sie entschlossen, wieder zurückzufahren. Nur die Aussicht darauf, dass sie in den folgenden Wochen allein vor sich hinsitzen würde, weil ihre Freundinnen in Urlaub waren, ließ sie an ihrem Entschluss festhalten weiterzufahren.

Nahe Stonehaven legte sie nach eineinhalb Stunden Fahrt bei Dunnottar Castle eine Pause ein und besichtigte die wehrhafte Burgruine. Dicke Mauern trotzten den Winden der Nordsee, die Burg war direkt an einen Steilhang über dem Meer gebaut, und hunderte von Möwen hatten sie zu ihrem Wohnort erklärt. Lena musste aufpassen, dass sie nicht in ihre Losung griff, die überall die grauen Mauern bedeckte.

   Die Lage dieser Ruine war spektakulär, aber sie dachte mit Schaudern daran, dass ein paar Jahrhunderte zuvor in diesen wind- und wasserumtosten Mauern Menschen gelebt hatten, die weder Zentralheizung noch für die Frauen lange Hosen kannten.

Am frühen Nachmittag machte sie sich wieder auf, um irgendwo an der Nordostküste zu übernachten. In Frazerburgh trank sie einen Kaffee und sah auf der Karte, dass sie noch etwa drei Stunden von Inverness entfernt war.

   Die Stadt lag sehr zentral, um sich einige Sehenswürdigkeiten anzuschauen, und Lena beschloss, sich dort eine Pension zu suchen, in der sie ein paar Nächte bleiben wollte. Sie tankte und fuhr weiter.

Nach etwa einer halben Stunde wurde ihr Renault immer langsamer und blieb schließlich stehen. Auch mehrere Versuche, den Motor wieder zu starten, blieben erfolglos.

   Ein strammer Wind fegte über die Ebene, es war schon kurz nach fünf und die Chance, irgendwo noch ein Zimmer in einer Pension zu ergattern, schwand zusehends. Lena saß am Steuer und starrte vor sich hin. Zu diesem Zeitpunkt eine Autopanne zu haben, war äußerst ungünstig.

   Sie nahm die Straßenkarte vom Beifahrersitz, faltete das steife Papier auseinander und versuchte herauszufinden, wo genau sie war. Etwa hundert Meter zuvor war sie an einer Straße vorbeigekommen, die rechts zu irgendeinem Ort mit Cr führte. Sie suchte die Küste ab – da: Crovie. Das musste es sein. Alle anderen Ortschaften schienen weiter weg zu sein.

   Da ihr in der letzten halben Stunde nur wenige Autos begegnet waren, glaubte sie nicht, dass ihre Chance, von einem Autofahrer mitgenommen oder gar abgeschleppt zu werden, groß war. Also sollte sie versuchen, in diesem Crovie ein Zimmer für die Nacht zu bekommen oder zumindest in einem Pub in Erfahrung zu bringen, wo die nächstgelegene Autowerkstatt war.

   Sie überlegte, ob sie ihr Gepäck mitnehmen sollte. Aber ein Fußmarsch mit Koffer und Reisetasche schien ihr zu mühsam. Außerdem hatte sie keine Ahnung, wie weit dieses Crovie weg war. 

   Also schulterte sie nur ihre Handtasche und lief zurück zu dem Schild, auf dem Crovie 1 m. stand. Während sie forsch vor sich hin schritt, rief sie sich in Erinnerung, dass eine Meile etwa 1,6 Kilometer betrug. Das war ein netter Spaziergang, um einige Kalorien des fetten Burgers zu verbrennen, den sie sich mittags an dem Kiosk bei Dunnottar Castle einverleibt hatte.

Nach einer guten Viertelstunde sah sie einen Parkplatz vor sich, daneben einen kleinen Ort. Die Häuser standen dicht an dicht. Als sie dort ankam, stockte ihr der Atem: Eine schmale Straße führte vom Parkplatz nach rechts unten. Dort standen nur ein paar Dutzend Häuser, die vordersten  entlang eines schmalen Fußweges, der sich direkt an den felsigen Strand der wellenumtosten Nordsee klammerte.

   Sie fragte sich, wie oft die Keller dieser Häuser bei einem Sturm wohl vollliefen, schließlich standen die ersten höchstens vier, fünf Meter vom Wasserrand entfernt.

   Nach kurzem Zögern lief sie den Fußweg hinunter, in der Hoffnung, früher oder später auf eine Pension oder zumindest ein Pub zu treffen. Aber der winzige Ort schien nur aus Ferienhäusern zu bestehen. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis Lena das andere Ortsende erreicht hatte. Sie drehte um und ging den Weg zurück. Nun war guter Rat teuer.

   Am vorletzten Haus begegnete ihr ein Mann, der seinen Hund ausführte. Sie fragte ihn, wo denn das nächste Pub oder die nächste Pension sei. Zu ihrer großen Enttäuschung gab es in diesem Kaff weder das eine noch das andere. Aber immerhin erfuhr sie, dass in der Kleinstadt Nairn nebst beidem eine Autowerkstatt war.