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Ella ist Autorin. Um den Frust über ihre lieblose Ehe zu verarbeiten, lebt sie ihre Gefühle in ihren Büchern aus: Sie schreibt romantische Liebesromane. Ihr aktueller erzählt die Geschichte von Sarah aus Heidelberg. Die Übersetzerin besucht ihre Freundin Erin in Schottland, wo sie deren Schulfreund Logan kennenlernt. Er findet Sarah auf Anhieb attraktiv, benimmt sich ihr gegenüber jedoch zunächst wie ein arroganter Schnösel. Und Sarah beschließt spontan, dass sie mit diesem Typen nichts zu tun haben will. Logan jedoch hat Herausforderungen noch nie gescheut und wirft seinen ganzen Charme in die Waagschale, um Sarah davon zu überzeugen, dass sie wenigstens beruflich mit ihm zusammenarbeitet. Der Rest wird sich ergeben, denkt er.
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Seitenzahl: 436
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Copyright: © Februar 2018 Karin Firlus
Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung der Autorin reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Alle Bilder im Buch sind urheberrechtlich geschützt. Die Benutzung dieser Bilder ist nur mit schriftlicher Erlaubnis von Maria Knüttel gestattet, bei der alle Rechte liegen.
Umschlagabbildung und Umschlaggestaltung: Maria Knüttel, Limburgerhof. Kontakt: www.photography-mk.com
Website Karin Firlus:www.karinfirlus.com/
Karin Firlus
Kapitel 1
Sarah bestieg in Frankfurt die Maschine nach Glasgow mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
Sie hatte es geschafft: Das Studium lag hinter ihr, sie hatte sowohl die Übersetzerprüfung in Englisch als auch die in Französisch mit einer Zwei bestanden – angesichts der Tatsache, dass es bei diesen Prüfungen eine Durchfallquote von neunzig Prozent gab, war sie mit diesem Ergebnis sehr zufrieden.
Sie machte seit einigen Jahren Stadtführungen in diesen beiden Sprachen, auch auf Spanisch, was allerdings eher selten vorkam. Ihr Vater war Spanier gewesen, sie war zweisprachig aufgewachsen, und so schien ein Sprachenstudium von klein auf für sie optimal. Wenn sie Glück hatte, erwischte sie eine Gruppe von Touristen, die eine Flusskreuzfahrt auf dem Rhein gebucht hatten und von Mannheim aus einen Tagesausflug nach Heidelberg unternahmen.
Die wenigen Fragen der Menschen bei diesen Touren waren fast immer einfach, keiner versuchte, ihr Wissen zu testen, niemand wollte noch verweilen, wenn die Tour vorbei war. Sie drückten ihr einen Schein in die Hand, es gab von den meisten gutes Trinkgeld. Manche bedankten sich auch bei ihr.
Sarah war meist das ganze Jahr über mit ein bis zwei Führungen pro Woche ausgebucht. Nur im September, wenn sie ihren jährlichen Urlaub irgendwo in England, Frankreich oder Spanien verbracht hatte, war eine Kollegin für sie eingesprungen. Diese Führungen wollte sie jetzt, nach Beendigung ihres Studiums, weiterführen, denn sie brachten ein zwar kleines, aber stetes Einkommen. Sie wollte auf keinen Fall eine Festanstellung als Übersetzerin, aber Literatur zu übersetzen, wozu sie große Lust gehabt hätte, brachte nicht genug Geld ein.
Während sie mitten in den Vorbereitungen für die letzte Prüfung steckte, hatte ein Tourist, der mit seiner Frau eine Privattour gebucht hatte, ihr vorgeschlagen, als freie Übersetzerin für seine Immobilienfirma zu arbeiten. Er verkaufte vor allem Eigentumswohnungen und Häuser in Frankreich. Sarah hatte sofort eingewilligt. Sie würde etwa zwanzig Stunden pro Monat für ihn arbeiten. Zusammen mit den Stadtführungen und den fünfzehn Wochenstunden Unterricht, den sie ab diesem September an einer Sprachenschule hielt, würde sie fürs Erste einigermaßen zurechtkommen. Und wer weiß, wenn er mit ihrer Arbeit zufrieden wäre, würde er sie bestimmt weiterempfehlen.
Ihren Lebensunterhalt und ihr Studium hatte sie größtenteils von der Hinterbliebenenrente finanziert, die sie seit dem plötzlichen Tod ihrer Eltern sieben Jahre zuvor bekam. Diese achthundert Euro hatten ihre Miete und ihr Essen bezahlt. Alles andere bestritt sie durch die Nebenjobs, die sie hatte, und durch gelegentliche Entnahmen auf ihrem Sparbuch.
Sie hatte Glück und einen Sitzplatz in der dritten Reihe ergattert. Sie schnallte sich an und schloss die Augen.
Die Zeit nach dem Unfall ihrer Eltern war hart gewesen. Sarah hatte keine Geschwister, die Großeltern väterlicherseits lebten in Barcelona, also nicht gerade um die Ecke. Sie hatte auch keine enge Verbindung zu ihnen. Die beiden Spanier hatten es ihrem Sohn übel genommen, dass er diese Deutsche geheiratet hatte und mit ihr in ihr Heimatland gegangen war. Hätte er nicht in Barcelona bleiben und mit seiner Frau in ihrer Nähe leben können?
Die Großeltern mütterlicherseits lebten dort, wo ihre Mutter geboren worden war, bei Köln. Auf sie konnte Sarah auch nicht bauen. Sie waren beim Tod ihrer 49jährigen Tochter bereits Ende siebzig. Sie kamen zur Trauerfeier mit dem Zug nach Mannheim gefahren, zwei alte, von Kummer gebeugte Menschen, die gern ihr Leben für das ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes gegeben hätten. Den Verlust ihres einzigen Kindes hatten sie nicht lange überlebt. Innerhalb eines Jahres waren auch sie gestorben.
Sarah war in dem Sommer vor dem Unfall achtzehn geworden und das letzte Schuljahr vor dem Abitur hatte vier Wochen zuvor begonnen. Sie konnte einfach nicht begreifen, dass ihre Eltern vor der Steilküste der kleinen griechischen Insel Lefkada in einem Sturm gekentert und mitsamt Segelboot untergegangen waren. Irgendwo im östlichen Mittelmeer waren ihre Körper von aufgewühlten Wassermassen nach unten gezogen worden.
Gab es in dieser Gegend Haie? Von der Sorte, die Menschen fraßen? „Nein“, sagte ihr Vertrauenslehrer, „da gibt es nur kleine Haie, die Pflanzenfresser sind.“ Aber die Vorstellung, dass sie elend erstickt waren, machte die Sache auch nicht besser.
Sarah lag nachts im Bett und hielt die Luft an, bis sie den Druck nicht mehr aushalten konnte. Dann öffnete sie weit den Mund und atmete tief ein. Tränen liefen ihr über die Wangen bei der Vorstellung, dass sie anstatt Luft Wasser einatmen würde.
Eine Woche später wurden die Leichen bei Lefkada angespült. Ihre Großeltern aus Barcelona nahmen ihr die Identifizierung der Leichen ab; Sarah hätte das nicht gekonnt.
Sie brauchte drei Wochen, bis sie die Kraft hatte, in das Schlafzimmer ihrer Eltern zu gehen. Der ihnen eigene Geruch hing in den Vorhängen, in der Bettwäsche. Die Decken waren hastig zurückgeschlagen, die Schlafanzüge unordentlich hingeworfen, weil sie nachts hatten aus den Federn kriechen und zum Flughafen fahren müssen. Ihr Flug war um sieben Uhr morgens gestartet. Sarah hatte sich abends zuvor, nicht ahnend, dass sie ihre Eltern nie wiedersehen würde, von ihnen verabschiedet.
Über dem Stuhl neben dem Bett ihrer Mutter hing noch das blaue Seidenkleid mit den hellblauen Streifen, das sie in letzter Minute wieder ausgepackt hatte.
„Wenn wir segeln, brauchst du nur Shorts und Shirts!“, hatte ihr Vater gesagt.
„Aber wenn wir abends irgendwo anlegen und schön essen gehen, will ich mich hübsch anziehen“, hatte ihre Mutter trotzig erwidert.
„Dann nimm einen Rock und zwei Tops mit, das reicht völlig. Wir haben auf dem Boot nicht viel Platz.“
Also war das feine Kleid praktischen Überlegungen zum Opfer gefallen.
In ihrem Bad lagen die benutzten Duschtücher über dem Rand der Wanne. Der Spiegelschrank über dem Waschbecken war offen, die kleine Schale, in der ihre Mutter ihre Schminksachen aufbewahrte, stand auf dem Beckenrand. Nur der rote Lippenstift fehlte.
Es wirkte alles so, als kämen sie gleich zurück, seien nur für kurze Zeit weggewesen, um danach ihr gewohntes Leben wieder aufzunehmen. Eine Flasche Olivenöl im Gepäck, braun gebrannt, entspannt und überquellend von schönen Erinnerungen an die herrliche Landschaft, die Küsten, die Strände; begierig, die Bilder zu bearbeiten und dann ein weiteres Fotobuch anzulegen.
Sarah stand so unter Schock, dass ihre Eltern von einem Tag auf den anderen nicht mehr da waren, sie sie nicht mehr sehen, nicht in den Arm nehmen, mit ihnen reden und streiten, sie nichts fragen konnte, dass sie psychologische Betreuung brauchte.
Sie war quasi allein auf der Welt. Sie war nicht mehr fähig, ihr ganz normales Leben zu führen, in den Unterricht zu gehen und sich auf das bevorstehende Abitur vorzubereiten, so, als sei nichts geschehen.
Der Hausarzt ihrer Mutter verordnete ihr eine Kur, die nicht viel half. Man konnte nicht innerhalb von drei Wochen solch einen plötzlichen Verlust verarbeiten und danach da weitermachen, wo man aufgehört hatte. Sie ging zwar wieder zur Schule, aber sie konnte sich nicht konzentrieren, ihre Gedanken schweiften ständig ab.
Ihre Eltern hatten Jahre zuvor schon eine Lebensversicherung abgeschlossen. Zum Glück für Sarah konnten Totenscheine ausgestellt werden, da die Leichen aufgetaucht waren. Und so zahlte die Versicherung, so dass Sarah überhaupt Geld zum Leben hatte.
Kurz vor Weihnachten erzählte ihr eine Mitschülerin, dass eine Studenten-WG ein freies Zimmer hatte. Die ältere Schwester ihrer Freundin wohnte auch dort. Da kam sie unter. Das Haus ihrer Eltern bot sie zum Verkauf an. Der Vater ihrer Freundin Tanja wollte sich darum kümmern. Er arbeitete in der Immobilienabteilung einer Bank und nahm sich dieser Sache an. Sarah war dankbar darum.
Das erste Weihnachtsfest ohne ihre Eltern verbrachte sie bei Tanja und deren Familie. Sie überstand diese Tage irgendwie, wenigstens war sie nicht allein.
Aber sobald im Februar die Vorbereitung für das schriftliche Abitur anstand, bekam Sarah Angstzustände und konnte nicht mehr aus dem Haus gehen. Ihr Arzt wies sie in die geschlossene Psychiatrie ein, wo sie einige Monate bleiben musste.
Allerdings hatte sie Glück; sie hatte einen guten Mediziner erwischt, der sie nicht vollpumpte mit Psychopharmaka, sondern mittels Gesprächen, Workshops und täglichen Sportübungen ermöglichte, dass Sarah nach und nach endlich ihre Trauer verarbeiten konnte. Als sie entlassen wurde, war es Ende Mai und das Abitur ihres Jahrgangs fast vorbei. Sie würde die Dreizehnte wiederholen müssen.
In diesem Sommer machte sie ihre Ausbildung zur Stadtführerin und im Herbst, als die Schule wieder anfing, begleitete sie am Wochenende Touristen auf ihren Gängen durch Heidelberg. Im Oktober hatte der Vater von Tanja endlich Käufer für das Haus gefunden.
Zu dieser Zeit herrschte ein sogenannter Käufermarkt. Die Menschen wollten ein Eigenheim besitzen, doch sie wollten möglichst wenig dafür bezahlen. Bis die Schulden beglichen waren, blieb Sarah nicht allzu viel übrig. Aber zusammen mit der Lebensversicherung konnte sie etwas mehr als einhundertfünfzigtausend Euro ihr Eigen nennen – eine solide Basis für ihr Studium und die ersten Berufsjahre.
Bevor die neuen Besitzer ihr Haus entgegenahmen, musste Sarah es räumen. Sie hatte die Möbel aus ihrem Zimmer ein knappes Jahr zuvor, als sie in die WG gezogen war, mitgenommen. Auch den Fernsehapparat und einige Gebrauchsgegenstände aus der Küche, Handtücher und Bettwäsche hatte sie gut gebrauchen können. Den Keller hatte sie, zusammen mit einigen Mitschülern, in den Sommerferien ausgeräumt, die Wohnzimmermöbel von einem Sozialkaufhaus abholen lassen.
Aber im Schlafzimmer ihrer Eltern sah es noch genauso aus wie ein Jahr zuvor, als sie in den Urlaub aufgebrochen waren, aus dem sie nie wieder zurückkehren sollten. Sarah hatte das Gefühl, wenn sie ihre Kleidung aussortierte und weggab, waren ihre Eltern endgültig tot.
Aber es half nichts, jetzt musste es sein. Sie hatte Hilfe von ihrer Freundin Tanja, die pragmatisch zuerst Unterwäsche und Schuhe in einem blauen Müllsack verschwinden ließ. Sarah machte sich an die Kleidung ihres Vaters. Seinen Lieblingspullover, dunkelbraun, mit Flusen vom häufigen Tragen, am Bund ausgeleiert, und die Hausschuhe von beiden packte sie in eine Einkaufstüte. Auch das blaue Seidenkleid ihrer Mutter legte sie dort hinein. In der WG stellte sie sie später in die Ecke neben ihrem Bett. Sie würde sie immer aufbewahren. Einen letzten Rest Lebendigsein ihrer Eltern musste sie haben.
Als zwei große Mülltüten randvoll waren, fuhr Tanja damit zum Container drei Straßen weiter. Sarah wandte sich dem Teil des Schrankes zu, in dem die Kleidung ihrer Mutter hing. Als eine beige Seidenbluse vom Bügel rutschte, bückte Sarah sich und hob sie auf. Unter der Bluse lag etwas Hartes. Sie zog es hervor und hielt das dunkelrote Schmuckkästchen ihrer Tante in der Hand. Nach deren Tod hatte sie Sarahs Mutter ihren Schmuck und einiges an Bargeld vererbt, da sie selbst keine Kinder gehabt hatte.
Sarah setzte sich aufs Bett und öffnete die rote Lederschatulle. Zuoberst war ein niedriges Fach, in dem eine Bernsteinkette lag. Daneben steckten zwei Ringe: einer mit einem Amethysten und ein Perlenring, beide in Gold gefasst. Darunter in den beiden Fächern lagen diverse Armreifen, Ohrringe und weitere Ketten.
Es waren Schmuckstücke, die ihrer Tante wahrscheinlich wichtig gewesen waren. Aber ihre Mutter hatte keines davon getragen, sie hatte einen völlig anderen Geschmack gehabt. Sarah vermutete, dass sie die Schatulle bekommen und so, wie sie war, unten auf den Schrankboden gestellt hatte.
Sie zog eine Korallenkette aus dem unteren Fach heraus, die sie ganz hübsch fand. Dabei verhakte sich eines der unebenen Glieder und die Kette blieb stecken. Sarah fasste sie vorsichtig, damit sie nicht kaputtging, mit beiden Händen und ließ dabei den Schmuckkasten los. Ehe sie reagieren konnte, rutschte er über ihre Knie und fiel zu Boden, natürlich mit der Oberseite zuunterst.
Sarah bückte sich und hob sie auf. Dabei fielen die Fächer heraus, Ketten verhakten sich in Ohrringen, Ringe purzelten über das Parkett im Schlafzimmer und unter dem letzten Fach fielen Geldscheine heraus.
Sarah starrte sie an, dann hob sie sie auf: Es waren zwanzig Scheine zu je hundert Pfund. Sie nahm sie und steckte sie spontan in die obere Schublade des Nachttisches, weil sie hörte, wie Tanja unten die Haustür aufschloss. Ohne weiter darüber nachzudenken, wollte sie nicht, dass ihre Freundin von dem Geld erfuhr.
Sie bat Tanja, die Schuhe ihrer Mutter auch zu entsorgen, während sie die Kleidung aussortierte. Leider hatte sie Schuhgröße 39 gehabt und Kleidergröße 42. Sarah hatte eine Schuhgröße weniger und trug Größe 38. Dennoch schlüpfte sie in die hellbraune Jacke aus weichem Nappaleder hinein, die ihre Mutter vier Jahre zuvor auf einem Trödelmarkt in Lloret de Mar für wenig Geld erstanden hatte. Die Jacke war relativ eng geschnitten und ihre Mutter hatte sie nicht schließen können.
Tanja zuckte die Schultern. „Wenn du eine Bluse und darüber noch einen warmen Pulli trägst, dann passt sie dir.“
Sarah war erleichtert. Sie hob den Kragen an ihre Nase und schnüffelte. Das Parfüm ihrer Mutter war immer noch leicht auszumachen. Sie legte die Jacke zu den wenigen Dingen, die sie behalten wollte. Dann wandte sie sich wieder dem Kleiderschrank zu.
Plötzlich stutzte sie. In der linken Ecke, hinter einem marineblauen Blazer versteckt, hing ein langes schwarzes Kleid. Sarah nahm es heraus und hörte hinter sich Tanjas „Woah!“
Es war ein schlichtes Abendkleid, eng geschnitten, die Spaghettiträger waren Strass-Steine. Und es war definitiv nicht Größe 42. Darüber hing ein schwarzes kurzes Jäckchen, dessen einer Knopf oben auch aus kleinen Strass-Steinen bestand.
„Das passt dir! Probier’s doch mal an.“ Tanja beäugte das Kleid neidisch. „Sowas Schönes hätte ich auch gerne mal. Und vor allem die Figur, es tragen zu können.“ Ihre Freundin war eher etwas füllig und kämpfte ständig mit irgendwelchen Diäten gegen ihr Übergewicht.
Sarah zog Shirt und Jeans aus und den weichen Stoff über den Kopf – das Kleid passte wie angegossen. „Das muss Mama bei ihrem Abschlussball vom Tanzkurs getragen haben. Ich meine, ich hätte mal ein Foto davon gesehen.“ Sie betrachtete sich im Spiegel des Kleiderschrankes.
„Toll siehst du aus!“ Tanja strahlte. „Und jetzt zieh noch das Bolero drüber.“ Sie reichte es Sarah. Auch das passte und der Strassknopf funkelte im Nachmittagslicht.
„Das sieht wirklich schön aus, aber zu welcher Gelegenheit soll ich so etwas Feines denn tragen?“ Sarah drehte sich vor dem Spiegel hin und her.
„Wart’s ab. Irgendwann wirst du vielleicht dankbar sein, dass du es hast.“
Nach dem Hausverkauf konzentrierte sie sich auf ihr Abitur, büffelte und schloss ihre Schulausbildung mit 1,3 ab. Ihre Eltern wären stolz auf sie gewesen.
Bei der offiziellen Abiturfeier kam dieser Augenblick, wo die Eltern der anderen Schüler stolz die Zeugnisse ihrer Sprösslinge begutachteten, während Sarah bei der Familie ihrer Freundin stand. Was hätte sie darum gegeben, das glückliche Strahlen ihrer Mutter und den Stolz im Gesicht ihres Vaters zu sehen! Sobald sie ihr Zeugnis entgegengenommen hatte, fuhr sie in die WG zurück, vergrub sich unter ihrer Bettdecke und gab sich einem ausgewachsenen Heulkrampf hin.
Am nächsten Morgen beschloss sie, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie hatte keine Pläne wegzufahren, aber bis zum Studienanfang im Oktober musste sie irgendwie die drei vor ihr liegenden Monate überstehen. In dieser ganzen Zeit arbeiten wollte sie nicht, sie brauchte eine Pause von allem.
Ein längerer Auslandsaufenthalt steckte ihr in der Nase – nur wo? Alleine wegzufahren stellte sie sich nicht besonders amüsant vor. Und Tanja ging mit ihrem Freund auf Tour.
Sie fuhr in die Leihbücherei und gab die drei Wälzer zurück, die ihr bei der Vorbereitung aufs mündliche Abitur geholfen hatten. Danach streifte sie durch die Gänge und besah sich hie und da Romane und Biografien, fand aber nichts, was sie gereizt hätte. Sie ging gerade am Empfang vorbei, als eine Frau ein Buch zurückgab: Ich bin dann mal weg.
Sarah hatte von dem Buch gehört, es aber bisher nicht gelesen. Jetzt zog sie etwas Magisches zu ihm hin. Sie nahm es in die Hand, las den Klappentext und sagte: „Ich möchte das Buch leihen.“
In der WG kochte sie sich eine Kanne Tee und schälte sich ein paar Karotten. Dann kuschelte sie sich in ihren Lesesessel und tauchte ab. Als sie wieder auftauchte, war es drei Uhr morgens. Sie hatte das gesamte Buch gelesen und beschlossen, dass auch sie diesen Pilgerweg nach Santiago de Compostela gehen wollte. Es musste etwas Außergewöhnliches her, etwas, das sie aus dem bisherigen Einerlei herausreißen würde.
Und wer weiß, dachte sie, vielleicht habe auch ich das Glück und erfahre irgendetwas Spirituelles auf dem Weg. Wenn nicht, habe ich meinem Körper etwas Gutes getan, mein Spanisch aufgefrischt und bestimmt einige interessante Menschen kennengelernt.
Sarah öffnete die Augen, sah auf ihre Uhr und stellte fest, dass sie bereits eine Viertelstunde später in Glasgow landen würde. Sie war unterwegs zu einem dieser interessanten Menschen: Erin, die sie auf dem „Camino“ bei Inca getroffen hatte.
Die Schottin hatte sie drei Jahre zuvor in Heidelberg besucht und seither bekniete sie Sarah, doch zu ihr nach Schottland zu kommen. „Ich vermiete in Dingwall, wo ich lebe, einige Cottages. Ich mache dir als meine Jakobswegschwester einen guten Preis, und du kannst solange dort bleiben, wie du willst.“
Aber Sarah hatte bisher nicht die Ruhe gehabt, dieser Einladung zu folgen. Studieren und nebenher arbeiten war recht zeitintensiv gewesen. Doch jetzt, bevor sie ihr Berufsleben anging, wollte sie vier Wochen in diesem Schottland verbringen, von dem Bekannte ihr gesagt hatten, dass „wenn du einmal dort warst, dich die Sehnsucht packt und du immer wieder hin willst bzw. gar nicht mehr von dort weg“.
Kapitel 2
Ella lehnte sich zurück, schloss die Augen und lockerte die verspannten Schultern, so gut es auf die Schnelle ging. Für heute hatte sie wahrlich genug geschrieben. Außerdem musste sie dringend eine Maschine Wäsche waschen, sie hatte kaum noch Shirts und Blusen zum Anziehen. Ihre Bügelwäsche wartete auch geduldig darauf, dass irgendjemand sich ihrer erbarmte, und die Unterlagen vom ganzen letzten Jahr musste sie auch dringend einsortieren.
Ella hasste diese Augenblicke, wenn sie wusste, dass sie sich von ihrem Schreiben lösen, von ihren erdachten Charakteren abwenden musste, um ihre Pflichten zu erledigen. Die Personen in ihren Romanen waren für sie so real wie für andere liebe Bekannte oder Freunde. Sie lebte mit ihnen und in ihren Gedanken. Sie waren ihr vertrauter als manch anderer, den sie schon ihr Leben lang kannte. Sie hätte gern gleich weitergeschrieben und erzählt, wie das erste Wiedersehen von Sarah und Erin verlaufen würde.
Und es floss gerade so gut. Nach dem Anruf vom heutigen Vormittag waren ihr Flügel gewachsen. Sie hatte schon länger wieder einen Schottlandroman schreiben wollen. Jetzt war es endlich soweit, und sie hätte sich am liebsten eingeigelt und sich nur noch ihrer Geschichte gewidmet.
Als sie zum Anfang des Kapitels zurückscrollte, um wenigstens ein erstes Mal das Geschriebene zu überarbeiten, hörte sie, wie die Wohnungstür geöffnet wurde. Ein überraschter Blick zur Uhr zeigte ihr, dass es fast sechs war. Wo war denn die Zeit hingekommen? Sie hatte doch vor kurzem, als sie sich einen Kaffee gemacht hatte, noch auf die Uhr gesehen. Da war es vier.
Rasch speicherte sie die Datei ab und klappte ihren Laptop zu, als auch schon ihr Mann ins Arbeitszimmer kam.
„Ach, DA bist du! Ich dachte, das Essen sei so gut wie fertig.“
Innerlich total genervt, weil sie weiterschreiben anstatt kochen wollte, sagte sie: „Ich lege gleich los, aber ich musste zuerst noch dieses Kapitel beenden.“
Während sie an ihm vorbei zur Tür ging, murmelte er: „Pseudoarbeit.“
Sie drehte sich um. „Wie bitte?“ Ihr Blick war streng.
„Naja, ich mein ja nur, du solltest besser etwas Sinnvolles mit deiner Zeit anfangen, als diesen Mist da zu schreiben, den eh keiner lesen will.“
Sie ging in die Küche, holte den Eisbergsalat aus dem Kühlschrank und attackierte die harten Blätter verbissen mit einem scharfen Messer. „Erstens schreibe ich keinen Mist, sondern romantische Geschichten, die vielen Leuten gefallen. Und zweitens hat mich heute Morgen meine Literaturagentin angerufen, um mir zu sagen, dass ein mittelgroßer Verlag meinen dritten Roman angenommen hat. Ich werde zwar einiges ändern müssen, aber das ist doch eine gute Nachricht, oder?“
Klaus hatte sich ein Bier aus dem Kühlschrank geholt, dann war er damit zum Sofa geschlurft, hatte es sich liegend bequem gemacht und den Fernsehapparat, der den ganzen Tag lang ohne ihn hatte auskommen müssen, zum Leben erweckt. Eine schlanke, junge Moderatorin mit dem ewig gleichen gekünstelten Lächeln kündigte den neuesten Klatsch von B- und C-Promis an, während Klaus den Videotext aktivierte. „Mm“ brummte er nur. Und Ella wusste, dass er ihr mal wieder nicht zugehört hatte. So wie fast immer.
Sie legte das Schneidemesser zur Seite, ging zur Couch und pflanzte sich neben ihm auf. „Und was soll ich stattdessen Sinnvolles tun? Mich durch den Videotext lesen, die Nachrichten und danach irgendeinen Krimi oder eine Sportsendung anschauen, bei der ich dann einpenne und laut schnarche?“
„Mein Gott, ist ja schon gut!“ ereiferte sich ihr Göttergatte. „Da kommt man müde gearbeitet nach Hause, hat Hunger und will etwas Leckeres essen, bevor man sich ein bisschen entspannt. Stattdessen wird man angepflaumt!“
„Damit hast ja wohl du angefangen!“ verteidigte sich Ella, während sie in die Küche zurückging, um den Salat zu waschen.
„Ach, lass mich doch in Ruhe! Du bist heute wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden. Weiber!“
Ella stand vor dem Spülbecken und presste die Lippen zusammen. So lief es in letzter Zeit meist zwischen ihnen. Kaum war Klaus zuhause, gab es irgendeinen Grund zum Streiten. So war das früher nie gewesen. Sie hatten eine gute Ehe geführt, hatten Respekt voreinander gehabt und sich geliebt. Wann hatte sich das geändert?
Sie füllte den großen Topf mit Wasser, gab etwas Olivenöl und Salz hinein, dann stellte sie die Herdplatte auf Stufe 12. Im Vorratsschrank holte sie drei Dosen mit stückigen Tomaten, schnitt zwei große Zwiebeln in Würfel, hackte zwei Zehen Knoblauch, den rohen Schinken schnitt sie in dünne Streifen und die Oliven halbierte sie. Dann gab sie Olivenöl in die Pfanne, erhitzte sie, holte die Linguine aus dem Schrank und begann, den Parmesankäse oder das, was man als Parmesan hierzulande verkaufte, zu hobeln.
Sie hatten sich einmal geliebt, aber das war lange her. Seit über zwei Jahren hatte Klaus sie nicht mehr angerührt. Okay, sie hatte einiges an Gewicht zugelegt in den letzten Jahren. Dann kam noch diese OP am rechten Sprunggelenk. Nach der Physiotherapie hatte sie es versäumt, wieder ihre Joggingrunden zu drehen, die sie schon in den Jahren zuvor meist vernachlässigt hatte. Es hatte geschmerzt, sobald sie es versuchte. Und einfach so spazieren gehen brachte ihr keine Freude. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die im Februar die ersten Schneeglöckchen am Wegesrand entdeckten und darüber in Freudentränen ausbrachen.
Also hatten sich über die Jahre einige unerwünschte Fettpolster an ihren Hüften breitgemacht. Und sie hatten sich dort offensichtlich so wohl gefühlt, dass sie ihre Kameraden riefen, die dann die Oberschenkel, den Bauch und den Hintern besetzten. Ihre Brüste hatten daraufhin den jahrelangen Kampf, mehr oder minder stehen zu sollen, endgültig aufgegeben und sich gesetzt. Oder eher gesenkt.
Sie holte die große Salatschüssel und bereitete eine Vinaigrette zu, in die sie Kräuter, Käsewürfel und Mandarinenstücke gab.
Aber Klaus’ Bauch war auch nicht waschbrettmäßig. Im Gegenteil. Er hätte locker im neunten Monat sein können. Anstatt wie früher zweimal die Woche Tischtennisspielen zu gehen, hatte er es sich nach und nach auf der heimischen Couch bequem gemacht und Sport nur aus zweiter Hand, nämlich als Zuschauer, genossen.
Mit der Zeit war er immer träger und dicker geworden. Seine Freizeitgestaltung rotierte um das endlose Fernsehprogramm, und er hatte zu nichts anderem mehr Lust. Anfangs hatte sie gedacht, die Abstände, in denen wir Sex haben, werden eben größer. Das ist wohl so, wenn man älter wird. Aber nach ein paar Wochen, in denen Klaus immer öfter abends später ins Bett ging als sie und an den Wochenenden länger schlief, wurde sie ungeduldig.
Sie blieb an den Sonntagen nach dem Aufwachen extra im Bett, bis er allmählich wach wurde. Dann robbte sie zu ihm hinüber und kuschelte sich an ihn. Sie war mit den Händen seinen Oberkörper entlang gefahren, ein anderes Mal hatte sie ihn am Rücken gekrault. Das hatte ihn früher immer auf Touren gebracht. Und meist dauerte es nicht lange, bis er sich ihr zuwandte und sie Sex hatten.
Doch diese Zeiten waren jetzt wohl vorbei. Ein einziges Mal hatte er sich danach brummend zu ihr rüber gedreht, für ein paar Sekunden lustlos an einer Brustwarze herumgespielt und war dann über sie gestiegen und in sie eingedrungen. Nach kurzer Zeit, in der sie sich fragte, ob sie so tun solle, als gefiele ihr das Hin- und Hergeschiebe, obwohl sie nicht das leiseste Lustgefühl empfand, hatte er aufgekeucht, war von ihr heruntergerutscht, hatte auf seine Uhr auf dem Nachttisch gesehen und ausgerufen: „Oh Gott, jetzt hab ich den Anfang vom Autorennen verpasst!“ Danach war er sofort ins Bad geeilt, hatte sich notdürftig sein Teil gewaschen und war im Schlafanzug nach unten zu seinem geliebten Fernsehapparat gehastet.
Ella lag unbefriedigt im Bett und musste an die Bemerkung einer früheren Kollegin denken, die an ihrem Stammtisch letztens gesagt hatte: „Wenn du als Frau guten Sex haben willst, benutzt du am besten deine beiden gesunden Hände!“
Nein, sagte Ella sich, auf diese Art von Quickie konnte sie locker verzichten. Und das musste sie seitdem auch. Als sie Klaus in ihrem Italienurlaub in einer romantischen Vollmondnacht einmal darauf angesprochen hatte, wieso sie keinen Sex mehr hatten, hatte er gemeint, ihm sei nicht mehr danach. Jegliche weiterführende Diskussion hatte er abgeblockt, sie hätten ja früher oft genug miteinander geschlafen.
Früher, ja, da hatten sie guten Sex gehabt. Und wieso hatte er jetzt, mit gerade mal fünfundfünfzig Jahren, keine Lust mehr dazu? War das normal? Ella wusste es nicht. Aber sie vermisste es. Sie sehnte sich danach, wieder richtig erobert und begehrt zu werden.
Während das Nudelwasser überkochte, stellte sie sich vor, dass einer ihrer Romanhelden lebendig wäre und er sie mit diesem bestimmten Blick ansehen würde - diesem Blick aus „Ich-will-dich-und-zwar-hier-und-jetzt“, der ihr bei dem Gedanken allein weiche Knie bescherte. Sie wischte die kochende Brühe von der Herdplatte und gab die Linguine ins sprudelnde Wasser, während ihr heißer Lover aus ihrem Tagtraum sie stürmisch an sich zog und ihre Lippen küsste, bevor sein Mund ihren Hals hinunter wanderte.
Unwillkürlich stieß sie einen Seufzer aus. Vielleicht waren es ihre erotischen Träume, die nicht normal waren. Und sie konnte nun wirklich nicht erwarten, dass ihr seit über zwanzig Jahren angetrauter Ehemann sie noch begehrte. Er war schon immer sehr bodenständig gewesen und hatte jegliches romantische Gefühl, das er vielleicht irgendwann gehabt hatte, in dem Moment abgeschüttelt, in dem sie ihre gemeinsame Wohnung zum ersten Mal als Mann und Frau betreten hatten. Einer, der zu sehr ein Kerl war, um Blumen für sie zu kaufen, mit ihr tanzen zu gehen oder sie zu einem gemütlichen Abendessen bei Kerzenschein einzuladen. Geschweige denn, sie in den Arm zu nehmen und ihr zu sagen, dass er sie liebte. Lächerlicher Blödsinn!
Dennoch sehnte sie sich nach Zärtlichkeit und gelebtem Sex, das war nun einmal so. Und dass sie darauf für den Rest ihres Lebens verzichten sollte, tat einfach weh.
Darüber reden konnte sie mit niemandem. So etwas Intimes vertraute man nicht seiner über achtzigjährigen Mutter an. Und ihren Freundinnen auch nicht, das wäre ihr peinlich gewesen. Es half nichts, sie musste ihre romantischen Wunschträume den wehrlosen Seiten in ihren Romanen anvertrauen und sie quasi aus zweiter Hand leben.
Dass Klaus ihre Sehnsüchte je erfahren würde, war höchst unwahrscheinlich. Er hatte, sehr zum Verdruss ihrer besten Freundin, noch keine einzige Zeile von den drei Romanen, die sie bis jetzt geschrieben hatte, gelesen.
Während die Zwiebel-Schinken-Oliven-Tomatensauce vor sich hin blubberte und die Linguine dem Al-Dente-Zeitpunkt entgegensimmerten, nahm Ella sich das Fernsehprogramm vor.
Oh, dachte sie, die -zigste Wiederholung von Pretty Woman
Kapitel 3
Erin stand auf dem Gleis, als Sarah aus dem Zug stieg, und kam ihr dann entgegen. Die beiden jungen Frauen umarmten sich stürmisch.
„Céad Mìle fàilte!“ sagte Erin auf Gälisch. Es klang wie ‚Kiad mili fahlhi‘. „Tausendmal herzlich willkommen!“ wiederholte sie dann auf Englisch.
„Danke! Ich habe mich so sehr darauf gefreut, dich endlich wiederzusehen.“
„Das hättest du schon früher haben können. Aber jetzt hast du wenigstens genug Zeit mitgebracht!“ Erin nahm Sarah ihre Reisetasche ab, dann schlenderten sie zum Ausgang. Die Schottin strebte auf einen Land Rover zu, der schon bessere Zeiten gesehen hatte.
Erin arbeitete zehn Stunden pro Woche in der örtlichen Tourist Info und halbtags für den National Trust, der Schlösser, Abteien und Herrenhäuser verwaltete. In den Frühjahrs- und Sommermonaten vermietete sie noch die sechs Cottages, die ihre Großeltern ihr vererbt hatten. Ihre Schwester hatte das kleine Pub bekommen.
Der Land Rover fuhr in nördlicher Richtung aus Inverness hinaus. Bald hatten sie eine Brücke erreicht, die den Beauly Firth überspannt. Dingwall, wo Erin wohnte, war nicht nur der nächste größere Ort, es war auch immer noch das Zentrum aller Aktivitäten in der Region.
Die Zuglinie, die bis in den Norden hinaufführt, verläuft teilweise parallel zur A 9. Sarah sah ebenes Land und weiter weg Hügel und, je näher sie Dingwall kamen, auch die ersten Hänge der Highlands, grün bewachsen mit hellbraunen und weiter oben lilafarbenen Flächen.
Erin erzählte von der Gegend, durch die sie fuhren, und davon, dass die Überflutungen, bedingt durch die Oktoberstürme ein paar Jahre zuvor, einen Großteil der Highlands und Städte nördlich von Inverness unter Wasser gesetzt hatten. Da auch die A9 und die ‚Far North Line‘ der Bahn betroffen waren, war das gesamte Gebiet nördlich von Inverness für einige Zeit von der Welt abgeschnitten gewesen.
Sie brauchten gute zwanzig Minuten, bis sie den Ortseingang der ehemaligen ‚freien Stadt mit besonderen Rechten‘ erreichten. Sarah war enttäuscht, dass die Fahrt schon zu Ende war. Sie hätte gerne noch mehr Interessantes über die Stadt und die Gegend erfahren.
„Keine Bange!“ Erin grinste zu ihr herüber. „In den nächsten Wochen werde ich dich überfluten mit Infos und Geschichten. Wir Schotten lieben nämlich Geschichten über alles. Dir wird der Kopf brummen, wenn du hier wegfährst.“
Sarah lächelte. „Das glaube ich eher nicht. Ich finde es interessant, viel über die Geschichte eines Ortes zu erfahren. Schließlich bin ich ja nicht umsonst Stadtführerin bei mir daheim geworden.“
Erin nickte heftig. „Dieses Heidelberg, wo du lebst, ist auch ein schöner alter Ort.“ Sie fuhr auf den Parkplatz eines Supermarktes am Ortsrand. „Ich dachte, wir erledigen den Großeinkauf jetzt gleich, dann können wir die nächsten Tage über Interessantes unternehmen.“
So deckten sie sich mit allem ein, was man so braucht, und fuhren danach mit etlichen voll bepackten Taschen in den Ort hinein.
Sarah sah alte Häuser, vorwiegend in Beige und Hellbraun. Viele wiesen spitze Giebel auf, die mit Zacken verziert waren. Erin hatte ihr einmal erzählt, dass Dingwall zu den ältesten Orten in Schottland gehörte.
„Da drüben“, Erin wies zur Rechten, „ist das frühere Townhouse, also ein Stadthaus, aus dem 18. Jahrhundert. Heute ist dort das Städtische Museum untergebracht.“
„Das werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Und ich habe gelesen, dass ihr auch ein Schloss habt.“ Sarah sah ihre Freundin erwartungsvoll an.
Erin lachte. „Wenn du so eine große, alte Ruine meinst, wie bei euch in Heidelberg, die imposant auf einem Hügel steht, muss ich dich enttäuschen. Von Dingwall Castle steht nur noch ein Rundturm von etwa vier Metern Durchmesser. Wir sehen ihn uns die nächsten Tage mal an.“
Sie bog in eine ruhige Straße ein. Sarah sah auf der linken Seite schmale Häuser, die so eng nebeneinander standen, dass man auf den ersten Blick nicht sah, wo das eine aufhörte und das andere anfing.
„So, hier wären wir. Die sechs hier gehören mir.“
Sie parkte vor dem letzten der Häuser. „Ich habe im Moment vier davon vermietet. Ich habe dir das letzte gegeben, weil du von dort aus nur etwa 200 Meter weitergehen musst, um am Meer zu sein.“
„Das ist super. Ich danke dir!“
Sie holten die Einkaufstüten aus dem Kofferraum und danach Sarahs Gepäck. Erin schloss die Tür zu dem alten hellgrauen Steinhaus auf. Sarah folgte ihr in einen engen Gang.
Rechterhand lag eine gemütlich eingerichtete Wohnküche, vor der eine kleine Terrasse auf ein Minirasenstück von etwa vier Metern Länge und drei Metern Breite führte. Eine Garage stand neben dem steinernen Weg, der nach hinten in Richtung Feld führte.
„Rein theoretisch kannst du von hier aus die Hügel da vorne hochgehen und bist irgendwann oben mitten in den Highlands. Aber alleine solltest du keine Wanderung unternehmen. Man kann sich, wenn man sich hier nicht auskennt, leicht verlaufen. Und das Wetter schlägt manchmal sehr schnell um.“
Gegenüber der Küche lag ein recht großzügiger Waschraum, komplett mit Maschine und Trockner. Merkwürdigerweise waren an einer Seite eine Toilette und ein kleines Becken in die Wand eingelassen.
„Das ist die frühere Sommerküche, die alten Häuser hier hatten alle eine. Meine Großeltern haben sie dann zu einer Waschküche umfunktioniert, ich habe später die Toilette neben dem Becken einbauen lassen, sonst müsste man immer in den ersten Stock raufgehen, wenn man mal muss.“
Hinter der Küche war ein gemütliches Wohnzimmer. Die Sitzmöbel waren mit altrosafarbenem Chintz überzogen. In dem Wohnzimmerschrank aus schwerer Eiche stand ein moderner Flachbildschirm, daneben ein DVD-Rekorder. „Du kannst nichts damit aufnehmen, aber Filme abspielen. Wenn du Interesse daran hast, kann ich dir etliche DVDs mit Dokus aus Schottland leihen.“
„Das wäre toll, das interessiert mich.“ Sarah sah sich in dem Zimmer um. Der Kamin an der einen Seite gab dem Zimmer einen behaglichen Touch und der große Ohrensessel würde ihr Lesesessel werden. Sie nickte anerkennend. „Hier werde ich mich wohlfühlen.“
Erin führte sie in den Gang zurück. „Und damit sind wir im Erdgeschoss schon durch.“ Hinter der Waschküche führte eine schmale Treppe nach oben. „Der erste Stock wurde erst im 20. Jahrhundert draufgesetzt. Deshalb ist er moderner gestaltet.“
Vom Gang oben gingen drei Türen ab: eine in ein Schlafzimmer mit Doppelbett, eine andere in das Bad daneben. Wie meist üblich in Großbritannien, hatte es keine Dusche, sondern eine Wanne mit Duschvorrichtung und Vorhang.
Erin wandte sich der dritten Tür zu. „Und hier ist in den anderen Häusern noch ein Einzelzimmer. Aber ich dachte mir, da du keine zwei Betten brauchst, habe ich es ein bisschen anders eingerichtet. Ich habe nämlich im Frühjahr die Wände neu streichen und gleich einige Zimmer anders gestalten lassen. Und wenn ich mich richtig erinnere, hast du dir ein bisschen Arbeit mitgebracht.“
„Ja, stell dir vor, der Mann von der Immobilienfirma, für den ich arbeite, hat letzte Woche angerufen und mich gefragt, ob ich für einen Kollegen von ihm einen Teil des neuen Katalogs übersetzen könne. Es sind 100 Hochglanzseiten mit tollen Fotos von teuren Villen. Dahinter kommt ein Teil von zwanzig Seiten, die er auf Französisch braucht. Da werden Details der Häuser angeführt. Und ich bekomme pro Seite fünfzig Euro. Das sind tausend Euro und es ist gutes und leicht verdientes Geld. Allerdings muss ich das bis Ende August fertig übersetzt haben, also habe ich es mitgebracht.“
„Dann stell deinen Laptop hierher und stürz dich drauf – aber erst am Montag, wenn ich wieder arbeiten gehe. Die nächsten vier Tage will ich dich uneingeschränkt für mich!“
Sarah ging hinter ihr in den kleinen Raum, der schätzungsweise zwölf Quadratmeter hatte. Am breiten Fenster stand ein alter dunkelbrauner Schreibtisch aus massivem Eichenholz. Davor ein bequem aussehender Stuhl und linkerhand ein schmaler Aktenschrank.
„Wow!“ Sarah ging zum Schreibtisch und fuhr mit einer Hand über die Platte. „Es ist absolut spitze, dass ich den habe. Und wunderschön ist der!“ Sie drehte sich zu Erin um und umarmte sie. „Ich danke dir sehr!“ Dann sah sie zum Fenster hinaus und stellte fest, dass sie hinter den Nachbarhäusern, die etwas tiefer lagen, einen schmalen Streifen Meer sehen konnte.
Erin wies nach links. „Siehst du den kleinen Fußweg dort? Wenn du den an dem letzten Haus entlanggehst, kommst du ans Meer. Leider haben wir hier keinen Strand. Da musst du mit dem Zug oder dem Bus nach Dornoch fahren oder weiter nördlich nach Brora.“ Erin wusste, dass Sarah weder einen Führerschein noch ein Auto hatte.
„An einem so warmen Tag wie heute kann ich mir gut vorstellen, genau das zu tun.“ Schließlich hatte Erin sich von ihrem Jahresurlaub, der nur zwei Wochen betrug, gerade mal vier Tage frei nehmen können für Sarahs Besuch. Im August, der Hauptreisezeit, konnte sie ihre Kollegin in der Tourist Info nicht länger alleine lassen. Sie hatte die vier Tage auf zweimal zwei aufgeteilt: je am Anfang und am Ende von Sarahs Aufenthalt. Somit wusste sie, dass sie sich die meiste Zeit über allein würde beschäftigen müssen. Aber das war sie ja gewohnt.
Erin wies nach rechts. „Wenn du die Straße entlanggehst, die wir hereingefahren sind, und dann scharf nach links abbiegst, kommst du nach etwa hundert Metern zum Rosslair. Unsere Gegend hier ist das Easter Ross, ein lair ist ein Versteck oder Schlupfwinkel. Meine Großeltern haben ihrem Pub diesen Namen gegeben, eingedenk der alten Zeiten, wo die Männer sich abends auf ein Bier oder auch mehr im Pub quasi vor ihren Frauen versteckten, um ihre Ruhe zu haben.“ Sie grinste. „Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Allerdings gibt es immer mehr Frauen, die ihre Männer heutzutage ins Pub begleiten.“
„In Deutschland ist die Kneipenkultur nicht ganz so stark ausgeprägt wie bei euch hier. Aber ihre Ruhe wollen die deutschen Männer auch meist, allerdings eher vor dem Fernseher.“
Erin lachte. „Der kommt dann nach dem Pubbesuch zum Einsatz.“ Sie ging auf den Gang hinaus und sah auf ihre Uhr. „Ich würde vorschlagen, du packst erst einmal aus und machst dich mit deinem neuen Zuhause vertraut. Ich müsste dringend einige E-Mails beantworten. Aber ich dachte, wir treffen uns später so um sechs im Pub. Meine Schwester ist ganz gespannt auf dich, ich habe ihr viel von dir erzählt.“
„Klingt gut. Dann bis später!“
Sarah ging mit Erin nach unten und begann, ihre Lebensmittel einzuräumen. Dann kochte sie sich einen Tee und setzte sich an den Küchentisch. Sie war zwar erst seit einer knappen Stunde hier, aber irgendwie fühlte sie sich schon wohl. Das Häuschen war genau richtig für sie. Und da sie in Deutschland nur ein Zimmer ihr eigen nennen konnte, weil sie Küche und Bad mit zwei weiteren Mitbewohnerinnen teilen musste, empfand sie dieses Cottage als puren Luxus. Drei Zimmer ganz für sich alleine, das würde sie auskosten. Und das alles für nur hundert Pfund pro Woche … normalerweise verlangte Erin 550 Pfund inklusive Endreinigung. Die würde Sarah selbst übernehmen.
Sie dachte darüber nach, dass sie sich über die Geschichte des Landes informieren, etliche Romane auf Englisch lesen und sich vieles anschauen wollte. Die zwanzig Seiten aus dem Immobilienkatalog musste sie auch übersetzen. Und plötzlich verschmolzen die langen vier Wochen, die vor ihr lagen, zu einem sehr kurzen Zeitraum.
Als sie ihren Tee ausgetrunken hatte, ging sie nach oben und packte Koffer und Reisetasche aus. Dann platzierte sie ihren Laptop auf dem Schreibtisch, legte den Immobilienkatalog daneben und freute sich bereits darauf, hier zu arbeiten und zwischendurch aufs Meer hinauszuschauen.
Nach dem Duschen zog sie ein Kurzarmshirt und eine dünne Jeans an, dann nahm sie ihre Sommerjacke und den Lederrucksack, den sie anstatt einer Handtasche mitgenommen hatte, steckte den Hausschlüssel ein und ging durch den Garten aus dem Haus. Es war erst zwanzig nach fünf und irgendwie reizte sie der Weg durch die Hügel, obwohl Erin sie gewarnt hatte, dass sie dort nicht allein herumlaufen sollte.
Sie ging den schmalen Pfad entlang, öffnete die Gartentür und stand auf einem Feldweg, der offensichtlich am Ort entlang führte. Sie überquerte ihn und stieg den grasbewachsenen Hügel hinauf. Es gab keinen Weg, sie ging einfach querfeldein. Zwischen ruppigem Gras wuchsen lilablaue Disteln und kleine Erikastauden.
Nach einigen Minuten hatte sie den ersten Hügel erklommen. Vor ihr lagen wellenförmig noch weitere Hügel. Auch hier war kein Weg auszumachen. Als sie sich umdrehte, sah sie die Häuser des Ortes vor sich liegen. Mitten aus dem Häusermeer ragte ein Kirchturm. Er gehörte wohl zu der sogenannten Free Church, von der sie gelesen hatte.
Sie überlegte, ob sie auch den nächsten Hügel hinaufgehen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Erin hatte bestimmt ihre Gründe, wenn sie sie warnte. Und sie konnte sich gut vorstellen, dass sie weiter oben keine Häuser mehr sehen würde. Da es keinen erkennbaren Weg gab, konnte man sich wirklich verirren.
Also ging sie wieder nach unten und von ihrem Cottage aus die Straße zurück, die sie mit Erin zusammen hergekommen war. Dann bog sie an der Kreuzung nach links und sah schon weiter vorne das bunte Schild, auf dem Rosslair stand.
Vor einem gelben Hintergrund zeigte es ein typisches Pintglas mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit. Sarah tippte darauf, dass es Guinness, das bekannte irische Bier, darstellen sollte. Auf ihr erstes Pint freute sie sich. Sie war zuletzt zwei Jahre zuvor in Großbritannien gewesen und hatte Appetit auf den würzig, leicht süßlich-herben Geschmack des dunklen Gebräus.
Kapitel 4
Ella hatte endlich die Kurve gekriegt und sich ihrer Bügelwäsche angenommen. Verbissen schob sie das Eisen über das schwarze Herrenhemd, das Klaus am nächsten Abend anziehen wollte.
Er arbeitete als Filialleiter eines großen Drogeriemarktes und am nächsten Abend würde ein neuer Markt in Seckenheim eröffnet werden. Man erwartete von ihm, dass er dort erschien.
Ella fragte sich, ob ihm sein dunkelgrauer Anzug nicht zu eng war. Er hatte ihn seit Jahren nicht mehr getragen und sie war sich ziemlich sicher, dass er den Blazer nicht würde schließen können, die Hose erst recht nicht. Als sie ihm zwei Wochen zuvor vorgeschlagen hatte, beides vorsichtshalber anzuprobieren, hatte er abgewunken. „Das passt schon.“
„Wenn nicht, hast du ein Problem. Jetzt hättest du noch Zeit, dir einen neuen Anzug zu kaufen und vor allem die Hosenbeine kürzen zu lassen.“
„Du immer mit deiner Besserwisserei!“
Ella hatte zunächst vernünftig mit ihm reden wollen, aber dann sagte sie sich: Bin ich seine Mutter? Nö. Alt genug ist er auch, soll er sehen, wie er mit der Situation zurechtkommt.
Sie bügelte vorsichtig den Kragen und überlegte sich, wie es nach der Szene im Pub weitergehen würde mit Sarah. Sie könnte sich zusammen mit Erin einige Sehenswürdigkeiten in Dingwall ansehen. Dazu muss ich einiges recherchieren, dachte sie. Aber zum Glück konnte man heutzutage relativ schnell und unproblematisch im Internet fast alles nachlesen. Wikipedia war immer eine gute Möglichkeit, sich zu informieren. Und bei Google Earth konnte sie sich alles genau ansehen.
Sobald sie das Nötigste gebügelt hatte, kochte sie sich einen Kaffee, nahm ihn mit in ihr Arbeitszimmer und informierte sich über den alten Ort im Norden Schottlands. In der folgenden Stunde scrollte sie durch die diversen Informationen, schrieb sich einiges heraus und wollte gerade an ihrem Roman, den sie Schottische Romanze genannt hatte, weiterschreiben, als das Telefon klingelte.
„Mist, verfluchter!“ Wer riss sie denn jetzt aus ihrer Konzentration?
Ihre Mutter. „Hallo, ich wollte nur mal fragen, wie’s dir geht.“
„Mir geht’s gut, Mama. Und dir?“
„Naja …“ Stille am anderen Ende. Und Ella wusste, was als nächstes käme. „Ich bin halt so allein. Immer sitze ich den ganzen Tag nur herum. Und mir ist langweilig.“
„Mama, ich kann heute nicht schon wieder kommen.“
„Du warst ja schon eeewig nicht mehr bei mir!“
Ella sah auf die Uhr. „Es ist etwas mehr als zwanzig Stunden her, seit ich bei dir war. Erinnerst du dich – gestern war ich für dich einkaufen, habe deinen Müll rausgebracht, dir die Tabletten für die kommende Woche gerichtet und die gewaschene Wäsche mitgebracht.“
„Ach so, ja, hab ich vergessen. Wann kommst du?“
„Mama, heute nicht, ich muss auch mal meine Arbeit erledigen.“
Ella brauchte nur zehn Minuten mit dem Auto bis zur Wohnung ihrer Mutter. Sie war 84 und baute in letzter Zeit geistig ab. Sie vergaß vieles, konnte nicht mehr so gut sehen wie früher, und wenn sie las, musste sie nach knapp einer Stunde aufhören, weil ihre Augen tränten oder juckten. Dann saß sie in ihrem Sessel und langweilte sich. Nachmittags schaute sie zwei Soaps nacheinander, dann löste sie Rätsel. Aber nach fünf Uhr kam noch nichts im Fernsehen, was sie interessierte, also rief sie dann meist bei Ella an, wenn die nicht gerade bei ihr war, was jeden zweiten Tag der Fall war.
Für die alte Frau waren die Besuche ihrer Tochter nicht lang und nicht häufig genug. Für Ella waren sie Stress pur. Ihre Mutter hatte zwar eine Putzfrau, die alle zwei Wochen saubermachte und jedes zweite Mal ihr Bett frisch bezog, aber den ganzen Rest, einschließlich Arzttermine und den gesamten anfallenden Schriftverkehr, erledigte Ella. Sie tat es vom Prinzip her gern, aber in letzter Zeit wurde ihr dieses ständige Zur-Verfügung-Stehen und Präsent-sein-müssen manchmal zu viel.
Außerdem fand sie es nicht in Ordnung, dass ihr Bruder sich aus der Betreuung ihrer Mutter komplett heraushielt. Er ging zwar arbeiten, und Ella hatte vollstes Verständnis dafür, dass er unter der Woche keine Zeit hatte. Aber am Wochenende hätte er durchaus an einem Tag seine Mutter besuchen können, und Ella hätte somit nicht die ganze Verantwortung für ihr Wohlergehen allein tragen müssen.
Hans besuchte seine Mutter, wenn überhaupt, höchstens einmal im Monat. Dann kam er sonntags am Nachmittag für eine knappe Stunde vorbei, aß den Kuchen, den Ella gebacken oder gekauft, und trank den Kaffee, den seine Mutter gekocht hatte. Er erzählte von seinem Alltag, dann sah er gehetzt auf die Uhr, sagte, er müsse dringend noch einiges erledigen, und weg war er. Dennoch ließ die alte Dame nichts auf ihren Sohn kommen.
Es hätte vom Prinzip her eine Lösung für das Problem der Langeweile gegeben, aber ihre Mutter wollte davon nichts wissen. Ella beschloss spontan, sie zu überrumpeln.
„Weißt du was, Mama, morgen komme ich schon um neun zu dir und dann machen wir einen kleinen Ausflug.“
Ihre Mutter konnte zwar kaum noch gehen, und das auch nur langsam und mithilfe ihres Rollators, weil sie seit Jahren von schwerer Arthritis geplagt wurde, aber etwas unternehmen wollte sie dennoch immer. Da war der Kopf mobiler als der Körper.
„Oh schön. Und wohin?“
„Das ist eine Überraschung. Wie gesagt, morgen früh um neun bin ich bei dir.“
Ella hatte vier Wochen zuvor den Prospekt einer Seniorentagesstätte im Briefkasten vorgefunden. Sie war im Januar eröffnet worden und was in dem Prospekt von Haus Sonnenschein stand, klang gut. Es handelte sich um eine Tagesbetreuung für ältere Menschen.
Sie bekamen Frühstück, Mittagessen und Nachmittagstee mit Kuchen. Für ihre Siesta waren sogar Liegen mit Decken vorhanden. Aber was das Wichtigste wäre: Ihre Mutter wäre endlich nicht mehr allein. Sie hätte Ansprache, würde beschäftigt werden. Von Zeitung vorlesen, Rätsel lösen und einfache Spiele machen bis zu gelegentlich basteln war die Rede. Und die so nötige Mobilität käme auch nicht zu kurz. ‚Wir gehen bei trockenem Wetter jeden Tag zu einem kleinen Spaziergang raus‘ stand da.
Ella fand, dass dies ideal wäre für ihre Mutter. Sie könnte ja zunächst an einem Tag pro Woche dort hingehen, und wenn es ihr gefiele, auch öfter. Finanziell wäre es kein Problem. Ihre Mutter hatte eine gute Rente von Ellas Vater.
Am nächsten Tag wollte sie endlich ausprobieren, wie es ihrer Mutter dort gefallen würde. Es wurde ein kostenloser Schnuppertag angeboten, und da ihre Mutter sich bisher kategorisch geweigert hatte, ihn wahrzunehmen, würde Ella sie jetzt eben quasi zu ihrem Glück zwingen.
~
Am nächsten Tag schien eine kräftige Märzsonne. Ella war pünktlich um neun bei ihrer Mutter, die sie verwundert ansah. „Was machst du denn um diese Zeit schon hier? Du kommst doch immer erst mittags.“
Ella erinnerte sie an ihren Plan. Es lag ihr auf der Zunge zu sagen: „Aber Mama, hast du denn seit gestern Nachmittag schon vergessen, dass wir heute einen Ausflug machen?“ Doch das hatte keinen Sinn, denn ihre Mutter konnte ja nichts dafür, dass sie zunehmend die einfachsten Dinge vergaß.
Nach einigem Hin-und-Her verfrachtete sie die alte Dame schließlich auf dem Vordersitz ihres Autos, den Rollator klappte sie zusammen und schob ihn in den Kofferraum. Sie hatte dafür den Rücksitz ihres Kleinwagens seit Monaten auf einer Seite nach vorne geklappt, denn für die regelmäßigen Fahrten zum Arzt oder zum Essen gehen brauchte Hannelore Schmitz ihre Gehhilfe immer.
Sie fuhren ein Viertelstündchen, dann hielt Ella vor einem weiß getünchten Haus mit roten Balkons an der Vorderseite. Sie schnallte ihre Mutter ab, sagte: „Komm!“ und stieg aus. Sie holte den Rollator aus dem Kofferraum und schob ihn ihrer Mutter vor die geöffnete Autotür.
Sie brauchte zwei Anläufe, bis sie mit Ellas Hilfe endlich stand. Verunsichert sah sie ihre Tochter an. „Was wollen wir denn hier? Ich dachte, wir machen einen Ausflug.“
„Genau. Und der fängt hier an!“
Sie gingen langsam nebeneinander her. Ella öffnete die breite Glastür und hielt sie ihrer Mutter auf. Sie hatte das Ehepaar, das die Tagesstätte betrieb, am Nachmittag zuvor darüber informiert, dass sie ihre Mutter bringen würde und die wahrscheinlich nicht nur überrascht, sondern auch abweisend wäre.
„Das kennen wir schon!“, hatte die freundliche Frau gesagt. „Die alten Leute wollen zunächst alle nicht zu uns kommen, weil sie denken, ihre Angehörigen wollen sie abschieben. Aber wenn sie bemerken, dass sie nicht mehr allein sind und beschäftigt werden, gefällt es ihnen bei uns.“
Ella hoffte, dass dies bei ihrer Mutter auch der Fall wäre.
Nun kam die Leiterin der Tagesstätte in den Vorraum hinaus. „Hab ich doch richtig gehört, wir bekommen Besuch!“ Sie lächelte der alten Dame freundlich entgegen. „Guten Tag, ich bin Brigitte Metzger. Kommen Sie herein!“
Hannelore Schmitz war so überrascht, dass sie der Aufforderung folgte. Als Ella hinter ihr den großen Raum betrat, sah sie weiter vorne vor dem breiten Fenster einen langen Tisch, an dem sieben alte Menschen saßen. Zur Linken stand ein breiter Schrank, der als Raumteiler diente und allerlei Utensilien enthielt, wie sie später erfuhr: Spiele, Scheren, Klebstoff und andere Dinge, die sich zum Basteln eigneten.
Die Leiterin bugsierte ihre Mutter samt Rollator zu dem Tisch, wo auch eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm saß. Sie lächelte Hannelore Schmitz freundlich entgegen, und die setzte sich auch prompt neben sie. Ella schien sie vergessen zu haben.
Die blieb unschlüssig nahe der Tür stehen. In dem Moment kam ein etwa fünfzigjähriger Mann aus der Küche neben dem Eingang. Er verbeugte sich lächelnd und reichte ihr die Hand. „Guten Morgen. Ich bin Herbert Metzger und leite hier zusammen mit meiner Frau die Tagesstätte.“
Ella schüttelte seine Hand und ließ sich von dem freundlichen Mann über einiges informieren. Zwischendurch warf sie immer wieder bange Blicke zu dem Tisch hinüber, wo Brigitte Metzger ihre Mutter gerade den anderen alten Leutchen vorstellte.
Hannelore Schmitz saß mit zusammengepressten Lippen auf einem Stuhl in der Mitte und sagte kein Wort.
Ella hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie sie nicht vorgewarnt hatte. Sie kam sich wie eine Rabenmutter vor, die ihr Kind am ersten Tag im Kindergarten ablieferte, obwohl es eigentlich nicht hin wollte.
„Wann ist die Betreuung zu Ende?“, fragte sie den Mann.
„Um halb fünf werden die Leute wieder abgeholt oder wir bringen sie heim, je nachdem, ob ein Familienmitglied sie fahren kann oder nicht.“
Ella nickte zögernd. Ob ihre Mutter freiwillig so lange hier bleiben würde? Sie nahm einen Zettel aus ihrer Handtasche und kritzelte ihre Festnetz- sowie ihre Handynummer darauf. „Für den Fall, dass sie zuvor heim möchte“, sagte sie und gab dem Mann den Zettel.
Er nahm ihn, sagte aber: „Ich glaube nicht, dass dies nötig sein wird. Sehen Sie mal!“ Er wies zu dem Tisch. Ella sah, wie ihre Mutter dem Baby auf dem Arm der jungen Frau liebevoll über die Wange strich. Und sie strahlte dabei!
„Die Frau kommt ab und zu mit ihrem Kind hier vorbei. Eine andere hat einen kleinen Terrier, mit dem sie uns besucht. Den Leuten gefällt das.“
