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Bewegungsmangel ist laut WHO die Epidemie des 21. Jahrhunderts. Unzureichende körperliche Aktivität begünstigt nicht nur die Entstehung von Übergewicht, Adipositas und Diabetes, sondern schadet dem gesamten Herz-Kreislauf-System. Bewegung und Sport wirken als Gesundheitsressource protektiv, denn sie fördern die psychische, physische und soziale Gesundheit. Je nach Zielgruppe und gesundheitlichem Setting sind die Möglichkeiten der Bewegungsförderung vielfältig und mit unterschiedlichen Herausforderungen verbunden. Der Themenband ist daher bewusst ganzheitlich ausgerichtet und geht sowohl auf motivationsspezifische Aspekte, zielgruppenbezogene und -übergreifende aktuelle Ansätze (z. B. Apps, Nudging) als auch auf integrative Konzepte der Bewegungsförderung ein. Dabei richtet er zugleich einen kritischen Blick auf Themen wie Selbstoptimierung, Sportsucht und Qualitätssicherung von Bewegungsangeboten. Durch zahlreiche praktische Beispiele sowie Empfehlungen aus Forschung und Wissenschaft kann dieses interdisziplinäre Werk gewinnbringend in Studium, Lehre und Praxis eingesetzt werden.
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Seitenzahl: 590
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort (Ingo Froböse)
Einleitung: Gesundheit in Bewegung – Herausforderungen und Möglichkeiten körperlicher Aktivierung (Johanne Pundt; Viviane Scherenberg)
I.
Bewegungsmangel: Hintergrund
1 Gesundheitsbezogene Bewegungsempfehlungen und Epidemiologie der Bewegung in Deutschland
(
Eszter Füzéki; Winfried Banzer )
1.1 Allgemeine Bewegungsempfehlungen
1.2 Epidemiologie der Bewegung in Deutschland
1.3 Zusammenfassung
2 Bewegungskulturen im Wandel – zeitgemäße Perspektiven
(
Eckart Balz)
2.1 Eröffnung: Leitideen
2.2 Beiträge zur Sportentwicklung
2.3 Historische Bewegungskulturen
2.4 Sportive Bewegungskulturen
2.5 Alternative Bewegungskulturen
2.6 Trendige Bewegungskulturen
2.7 Das Vier-Felder-Modell des Sports
2.8 Gesundheitsperspektivische Bilanz
3 Empirische Befunde zu Bewegung und Sport als unterschätzte Gesundheitsressource
(
Andreas Petko)
3.1 Gesundheit im Kontext der Zeit
3.2 Sport und Gesundheit der deutschen Bevölkerung
3.3 Empirische Befunde im gesundheitsbezogenen Setting
3.4 Ausblick
II.
Motivationsspezifische Aspekte zur Förderung des Bewegungsverhaltens
4 Barrieremanagement: Körperlich aktiv sein trotz volitionaler Probleme
(
Jens Kleinert; Wiebke Dierkes; Angeli Gawlik)
4.1 Einleitung
4.2 Motivationale und volitionale Regulation von Sport und Bewegung
4.3 Barrieren und Misslingen als Probleme volitionaler Prozesse
4.4 Coaching bei volitionalen Problemen
4.5 Messenger-Coaching bei volitionalen Problemen
4.6 Die gute Seite von Barrieren
4.7 Fazit und Ausblick
5 Nudging: Der effektive Weg zur Bewegungsförderung
(
Mathias Krisam)
5.1 Was ist Nudging?
5.2 Warum sollte Nudging in der Gesundheitsförderung eingesetzt werden?
5.3 Anwendung von Nudging in der Primärprävention mit dem AEIOU-Modell
5.4 Nudging zur Bewegungsförderung im kommunalen Setting: zwei Fallstudien
5.5 Grenzen und Kritik des Nudgings
5.6 Fazit
6 Bewegungsmotivation via App: Hintergründe, Möglichkeiten und Grenzen
(
Viviane Scherenberg)
6.1 Hintergründe: Digitale Bewegungsinterventionen
6.2 Hintergründe: Motivationsanreize innerhalb von Bewegungs-Apps
6.3 Möglichkeiten und Grenzen der Motivation via App
6.4 Fazit und Implikationen für die Praxis
III.
Zielgruppenspezifische Interventionen
7 Mädchen im Sport fördern – eine systemtheoretische Reflexion der Minderung von sozialer Ungleichheit durch pädagogische Praxisprojekte
(
Heinz Reinders)
7.1 Einleitung
7.2 Soziale Ungleichheit
7.3 System-funktionale Theorie sozialer Teilhabe
7.4 Pädagogische Praxisprojekte zur Minderung sozialer Ungleichheit
7.5 Kriterien für Praxisprojekte zur Minderung sozialer Ungleichheit
7.6 Kritische Würdigung
8 Bewegungsförderung am Arbeitsplatz: Setting Universität
(
Patrick Zimmermann; Claudio R. Nigg)
8.1 Einführung
8.2 Modelltheoretische Ansätze bei der Entwicklung einer gesundheitsfördernden Universität
8.3 Konzipierung einer gesundheitsfördernden Universität
8.4 Vorgehen bei der Implementierung und bei der weiteren Umsetzung
8.5 Sport und Bewegung im Hochschulalltag: Praxisbeispiele und Anwendungsbezüge
8.6 Fazit
9 Bewegungsförderung für pflegebedürftige ältere Menschen: Das Lübecker Modell Bewegungswelten
(
Sonja Krupp; Christina Ralf; Anja Krahnert; Bettina Höhne; Martina Nachtsheim; Jennifer Kasper; Martin Willkomm)
9.1 Entwicklung des Lübecker Modell Bewegungswelten
9.2 Ziele der Durchführung des LMB
9.3 Argumente für das Konzept der Bewegungswelten
9.4 Variationen des Trainings in Bewegungswelten
9.5 Lübecker Bewegungswelten 30-Minuten-Interventionen (LB-30)
9.6 Lübecker Bewegungswelten 10-Minuten-Interventionen (LB-10)
9.7 Effekte des Trainings in Bewegungswelten
9.8 Faktoren, die zur langfristigen Teilnahme am LMB motivieren
10 Bewegungsförderung unter dem Aspekt der Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit
(
Jana Semrau)
10.1 Empirische Befunde zu sozial bedingten Ungleichheiten im Bewegungsverhalten
10.2 Ursachen für sozial bedingte Ungleichheiten im Bewegungsverhalten
10.3 Ansätze zur Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit in der Bewegungsförderung
10.4 Kommunale Bewegungsförderung mit Fokus auf Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit – ein Praxisbeispiel
10.5 Zusammenfassung
IV.
Themenbezogene Aspekte und Interventionen
11 Bewegungsförderung bei chronischen Erkrankungen/Rehasport
(
Christoph Raschka; Andreas Petko)
11.1 Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Herzsportgruppen
11.2 Periphere arterielle Gefäßkrankheit und Gefäßsportgruppen
11.3 Asthma, COPD und Lungensportgruppen
11.4 Diabetes Typ II und Diabetessportgruppen
11.5 Darm-, Prostata- und Brustkrebs sowie Krebssportgruppen
11.6 Fazit
12 Ja, warum laufen sie denn (nicht)? Eine Diskussion zu inklusiven Sportangeboten
(
Steffen Greve)
12.1 Die erste Einleitung – ein Fall
12.2 Die zweite Einleitung – der Anpfiff
12.3 Kinder und Jugendliche mit und ohne Beeinträchtigung im Sportunterricht
12.4 Inklusion im Breitensport
12.5 Inklusion im Leistungssport
12.6 Diskussion
13 Zunehmende Leistungsorientierung im Breitensport – zwischen Gesundheitsorientierung, Medikamentenmissbrauch und Sportsucht
(
Mischa Kläber)
13.1 Einleitung
13.2 Systemtheoretische Betrachtungen zu Sport, Gesundheit und Leistung
13.3 Ausprägungen des Gesundheitssports als sozialer Hybrid
13.4 Die zwei Seiten einer gesundheitssportlichen Gesellschaft
13.5 Körperkult in Fitnessstudios
13.6 Biografische Dynamiken
13.7 User-Netzwerke
13.8 Körperkult und damit einhergehende Suchtpotenziale
13.9 Schlussbetrachtung
14 Zwischen Bewegungslust und Datenfrust: Potenziale und Grenzen digitaler Selbstvermessung
(
Stefan Selke)
14.1 Einbettung von Prävention in Zahlenräume
14.2 Digitale Selbstvermessung zwischen Empowerment und Entfremdung
14.3 Auf dem Weg in eine metrische Gesundheitsordnung
V.
Qualitätssicherung und Evaluation
15 Evaluation von Bewegungsangeboten
(
Maximilian Köppel; Joachim Wiskemann)
15.1 Evidenzbasierte Medizin
15.2 Wirkspektrum körperlicher Aktivität
15.3 Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement
15.4 Evaluationsmethodik
15.5 Fazit
16 Erfassung von körperlicher Aktivität und Sedentariness – ein Überblick
(
Daniela Kahlert)
16.1 Anlass: Zielstellung, Zielgruppe und Qualitätsmerkmale
16.2 Konstrukte: Körperliche Aktivität und Sedentariness
16.3 Messmethoden – ein Überblick
16.4 Forschungsstand zur Erfassung von körperlicher Aktivität
16.5 Forschungsstand zur Erfassung von Sedentariness
16.6 Zusammenfassende Bewertung und Ausblick
Anhang
Autorinnen und Autoren
Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Sachwortverzeichnis
Fast alle scheinen es zu wissen, doch die wenigsten halten sich wirklich daran und bewegen sich ausreichend: Mehr als zwei Drittel der deutschen Erwachsenen wissen, dass für ein gesundes Leben neben einer ausgewogenen Ernährung regelmäßige Bewegung und Sport bedeutsam sind. Schaut man jedoch in die Statistik, dann erfüllen laut DKV-Studie 2021 nur maximal 50 % der Erwachsenen die Minimalempfehlungen für ausreichende Bewegung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (vgl. Froböse/ Wallmann-Sperlich, 2021)1. Noch sorgenvoller ist, dass sich zunehmend auch Kinder und Jugendliche viel zu wenig bewegen und nicht regelmäßig Sport treiben. Speziell im Jugendalter zwischen 14 und 17 Jahren sind gerade Mädchen nur noch zu 7 % ausreichend aktiv, während es bei den Jungen immerhin noch fast 20 % sind, die regelmäßig Sport treiben. Dabei starten viele Kinder ab dem vierten bis sechsten Lebensjahr recht aktiv ins Leben, denn in dieser Phase bewegen sich fast 50 % der kleinen Heranwachsenden zwar wenig, aber noch ausreichend (vgl. Finger et al., 2018)2. Spätestens ab dem zehnten Lebensjahr jedoch reißt scheinbar der Faden und wir verlieren die Kinder aus den Sportvereinen. Auch bei privaten Aktivitäten nimmt ab diesem Alter der zeitliche Umfang an Bewegung und Sport rasant ab; vieles wird wichtiger als der Sport, weil z. B. Vorbilder und Anregungen dafür fehlen, und Bewegung und Sport in nahezu allen Dimensionen und Bereichen an gesellschaftlicher Relevanz verlieren – außer im „Fernsehsport“! Speziell beim Thema Bildung spielen Bewegung und Sport leider kaum oder nur noch in Ausnahmen eine größere Rolle; gerade in den letzten Jahrzehnten seit Einführung der PISA-Studie ist der Sport als Nebenfach politisch und bildungsbezogen auf die Hinterbank gerückt. Wir setzen also schon viel zu früh andere, um nicht zu sagen falsche Schwerpunkte, die eine bewegungsarme Entwicklung unterstützen und das gesamte Leben „inaktiv“ prägen.
Mittlerweile ziehen sich die Bewegungsarmut und der sitzende Lebensstil vom Kindes- bis zum Seniorenalter durch unsere gesamte Gesellschaft. Dabei ist es wissenschaftlich völlig unbestritten und umfassend bewiesen – wie auch die Autoren und Autorinnen in diesem Band eindrucksvoll darlegen –, dass regelmäßige körperliche Aktivität und Sport eben nicht nur allein die körperliche Fitness fördern, sondern für sämtliche Lern- und Wachstumsprozesse in allen Lebensphasen eine ganz entscheidende Rolle einnehmen. Vielfältige zivilisationsbedingte Erkrankungen speziell in der Gruppe der Arbeitnehmer/-innen können durch Sport vermieden werden. Sport und Bewegung erhalten die Leistungsfähigkeit und Gesundheit in jener Lebensphase, in der die Produktivität und Leistungsfähigkeit in unserer so hoch gepriesenen Leistungsgesellschaft zwangsläufig notwendig ist und eigentlich Leitthema des Handelns sein muss. Durch Bewegung und Sport kann die Gesundheit deutlich länger gefördert und stabilisiert werden, was gerade bei einer länger werdenden Lebensarbeitszeit zukünftig noch wichtiger sein wird. Die seit Jahren stetig und rasant zunehmende Bewegungsarmut und körperliche Inaktivität im Arbeitsleben und in der Freizeit sowie die daraus resultierenden gesundheitlichen Folgen des sitzenden Lebensstils sind verantwortlich für die viel zu große Zahl an vorzeitiger Erwerbsunfähigkeit sowie die enorm hohen Kosten und Produktivitätsausfälle durch krankheitsbedingte Ausfalltage im Arbeitsprozess. Gerade vor dem Hintergrund der sich parallel so dramatisch verändernden Alterspyramide kann sich unsere Gesellschaft diese Entwicklung nicht mehr länger leisten; sonst läuft sie sehenden Auges in eine sozialökonomische Krise. Wir müssen schnell erkennen und in der Gesellschaft akzeptieren, dass regelmäßiges Aktivsein und nicht selten selbst zielgerichtetes Training für die meisten Funktionen unseres Körpers und für all unsere kognitiven Ressourcen ein „biologisches Lebensmittel“ ist, ohne dass wir Menschen nicht auskommen können. So geht es gerade in der zweiten Lebenshälfte darum, langfristig Wohlbefinden und Lebensqualität zu schaffen, um so lange wie möglich die Selbstständigkeit zu erhalten, Mobilität zu ermöglichen und damit Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder wenigstens hinauszuzögern. Angesichts der Überalterung der Gesellschaft, die wir derzeit in nahezu ganz Europa erleben, ist dabei die körperliche und geistige Fitness der einzige und wichtigste Garant für eine gesunde Gesellschaft, die wir brauchen, um eben nicht den bereits angedeuteten, drohenden sozialökonomischen Kollaps zu erleben. Geht es mit der körperlichen Inaktivität weiterhin so degressiv voran, dann können wir bereits heute davon ausgehen, dass wir statistisch gesehen innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Verdopplung der Ausgaben in unserem Gesundheitswesen stemmen müssen. Das ist eine Belastung, die die gesamten Staatsfinanzen sprengen wird. Genau deswegen müssen wir heute handeln und endlich erkennen, dass eine gesunde Gesellschaft mit voller Leistungsfähigkeit, hoher Lebensqualität und umfassendem Wohlbefinden für uns Menschen nur eine „bewegte“ Gesellschaft sein kann.
Bewegung und Sport sind somit der wichtigste nachhaltige Faktor, um unsere Gesellschaft auch in den nächsten Jahrzehnten vital und leistungsfähig zu erhalten, damit die darin lebenden Menschen nicht nur gesund bleiben, sondern auch einen Alltag erfahren, der durch Glück und Zufriedenheit geprägt ist.
Der vorliegende Band greift all diese gesellschaftspolitischen Aspekte auf und zeigt in eindrucksvoller Weise die Notwendigkeiten einer grundsätzlichen dauerhaften Bewegungsförderung in unserer Gesellschaft. Er beleuchtet dabei auch kritisch einige aktuelle Aspekte wie die Vielzahl an technologischen Veränderungen, sodass für die Leser/-innen ein umfassendes Bild von einer „Gesundheit in Bewegung“ geschaffen wird.
Ihr Prof. Dr. Ingo Froböse
Leiter des Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung sowie des Instituts für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule Köln
1 Froböse, I./Wallmann-Sperlich, B. (2021). Der DKV-Report 2021 – Wie gesund lebt Deutschland?https://www.ergo.com/de/Newsroom/Reports-Studien/DKV-Report (08.02.2022).
2 Finger, J./Varnaccia, G./Borrmann, A./Lange, C. et al. (2018). Körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Querschnittsergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. Journal of Health Monitoring, 3 (1). DOI 10.17886/RKI-GBE-2018-006.
JOHANNE PUNDT; VIVIANE SCHERENBERG
Bewegung hält gesund. Diese Aussage kennt jede/-r! Denn die positiven Auswirkungen von körperlicher Betätigung auf die subjektive und objektive Gesundheit sind unbestritten. Ob zur Gesundheitsförderung, als primär-, sekundär- und tertiärpräventive Maßnahmen oder bei physischen und psychischen Gesundheitsproblemen, immer lassen sich positive Effekte von körperlicher Aktivität feststellen. Auch wenn Bewegung und Sport an sich gerne als eine unterschätzte Gesundheitsressource betrachtet werden, gehört sportliches Aktivitätsverhalten zu den bekanntesten Einflussfaktoren auf die Lebenserwartung, die Lebensqualität und das allgemeine Wohlbefinden, zumal es auch eine relevante soziale Komponente beinhaltet. Die wissenschaftlichen Gründe dafür werden immer intensiver erforscht und zunehmend auch von Laien besser verstanden.
Mittlerweile existieren zu körperlicher Aktivität und deren Umfang zahlreiche internationale und nationale Empfehlungen, z. B. von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (vgl. Bull et al., 2020), von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (vgl. z. B. BZgA, 2017), von Expertenkommissionen (vgl. z. B. Froböse/Wallmann-Sperlich, 2021) und von bekannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern (vgl. z. B. Rütten et al., 2019, und Rütten, 2017). Somit ist die Verbindung von Bewegung und Gesundheit – und zwar integriert in den Alltag, damit sie zur individuellen Lebensgestaltung passt – für den Großteil der Bevölkerung eine allgemein bekannte Tatsache geworden, zumal sie in der Wissenschaft auf einer breiten Evidenzbasis abgesichert ist.
Umgekehrt formuliert, ist Bewegungsmangel „verpönt“, verursacht die bekannten chronischen Erkrankungen, wie Diabetes, Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vor allem muskel-skelettale Beschwerden, und ist damit ein dauerhaftes Public-Health-Thema. Diese Inaktivität wird zunehmend in Verbindung mit sitzenden Tätigkeiten gebracht, die nicht nur Erwachsene, sondern auch mehr und mehr Kinder und Jugendliche betreffen. Denn leider verhalten sich nicht alle Menschen so aktiv, wie es empfohlen wird und das kann ganz verschiedene Gründe haben. Diese liegen in den individuellen Lebensbedingungen, wie etwa dem Umfeld oder dem Alter, begründet oder es spielen schlicht persönliche Einstellungen eine Rolle, sodass sich dieses Konglomerat an Gründen gegenseitig verstärken kann.
Aktuelle Studien zeigen gerade im Hinblick auf die beiden Faktoren körperliche Aktivitäten und deren mögliches Unterlassen neue Erkenntnisse, die insbesondere das Thema Freude und Genuss am Sport in den Vordergrund rücken (vgl. Mahler/ Rhodes, 2017). Die Autoren akzentuieren, dass üblicherweise die Empfehlungen zu mehr Bewegung an den Verstand adressiert sind: Bewegt euch mehr, dann lebt ihr gesünder und auch länger. Zwar vermag der Verstand, einiges in Bewegung zu setzen, jedoch scheint das Gefühl hier stärker zu sein (vgl. Ekkekakis, 2017). Der Bewegungspsychologe Ekkekakis betont, dass das Gefühl entscheidet, ob wir eine körperliche Aktivität wiederholen wollen – oder eben nicht. Die WHO regt zu zweimal pro Woche zweieinhalb Stunden Bewegung an, plus zwei Einheiten Krafttraining. Die Realität sieht aber anders aus, denn diese Werte erreichen – je nach Studie – nur vier bis zehn Prozent der Menschen in der westlichen Welt (vgl. WHO, 2020). Jahrelang zeigten Untersuchungen, dass sportliche Aktivitäten die eigene Stimmung heben, da nach den Bewegungen das allgemeine Wohlbefinden der meisten Menschen anstieg. Allerdings stand das bessere Gefühl nach dem Sport nicht in Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit, sich nochmals aktiv zu betätigen. Was steckte dahinter? Sollten Menschen tatsächlich ein angenehmes Verhalten meiden? Das erschien den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern undenkbar. Neuen Ansätzen folgend lag es deshalb nahe, Menschen nicht nur vor und nach, sondern auch während der sportlichen Aktivitäten nach ihren Gefühlen zu befragen, und es zeigte sich: Je besser sich Sporttreibende während der Bewegungsübungen fühlten, desto eher nahmen sie auch an weiteren Aktivitäten teil (vgl. Ekkekakis/Brand, 2019). Dabei wurde deutlich, dass der Anstieg des Wohlbefindens nach dem Sport oft gar nichts mit dem Gefühlserleben davor zu tun hatte. Für Menschen mit einem bewegungsarmen Lebensstil, so die Ergebnisse der Untersuchung, erschien der Anstieg des Wohlbefindens nach dem Sport eher Ausdruck der Erleichterung darüber zu sein, dass die körperlichen Anstrengungen überstanden waren. Den Autoren Ekkekakis und Brand (2019) zufolge ist es somit notwendig, dass die Sportpsychologie bekannte Theorien überdenkt, die bis heute gern als Grundlage für Empfehlungen zur Verhaltensänderung dienen. Oft sind für den Menschen Ziele, Kontrollen und Pläne wichtig, um – in Anbetracht einer zukünftigen Gesundheit – bei der Entscheidung, Sport zu treiben, vernünftig und rational zu handeln. Doch aktuellere Theorien verstehen menschliches Verhalten als von zwei Seiten beeinflusst: einer langsamen, in der überlegt und abgewogen wird, sowie einer schnellen, quasi automatischen Seite, die sich auf frühere Erfahrungen im Hinblick auf körperliche Aktivitäten verlässt. In der Bewegungspsychologie wurden in diesem Kontext spezielle Verhaltensänderungen entwickelt, und zwar über die Theorie affektiver Ereignisse (affective-reflective theory, ART) (vgl. Brand/Ekkekakis, 2021). Dahinter steckt, dass jeder Reiz, der etwas mit körperlicher Bewegung zu tun hat – z. B. die Erinnerung an das nächste Laufmeeting –, zunächst und automatisch mit einer gefühlsgeladenen Bewertung, eben einem Affekt, in Verbindung steht, nämlich Genuss oder Unwohlsein. Dieser Affekt ist kein Gedanke an sich, sondern eine direkte körperliche Empfindung und zeigt sich im gesamten später einsetzenden Prozess des Abwägens für oder gegen eine körperliche Aktivität und speist sich aus Erinnerungen der Vergangenheit. War z. B. die Aschelaufbahn der Ort, an dem man aus der Puste hinter seinen leistungsfähigeren Schulkameradinnen und -kameraden herlief und schlechte Noten erntete, so wird diese – mitunter nicht bewusste – Erinnerung die Entscheidung für oder gegen das heutige Laufmeeting beeinflussen. Waren aber die letzten Laufabende eine wohltuende Erfahrung, gehen der affektive und der reflexive Prozess Hand in Hand. Generell handelt es sich bei dem Affekt und bei der Reflexion jedoch um zwei Antagonisten.
Wer also körperlich aktiver sein möchte, sollte nicht nur an gute Vorsätze, Ziele und an die Selbstkontrollen denken, sondern vielmehr versuchen, die körperlichen Bewegungen mit positiven Gefühlen zu verknüpfen, sie quasi lieben zu lernen. Um diesen Weg in die Tat umzusetzen und auf die eigenen Gefühle zu hören, sollte an vier Stellschrauben in Bezug auf die eigene Bewegung gedreht werden:
weniger Anstrengungen und mehr Minimaltraining (vgl. Biddle et al., 2021)
weniger Zeitaufwand mit mehr kleinen Bewegungseinheiten von wenigen Minuten (vgl. Fyfe et al., 2021)
eine abwechslungsreiche Umgebung schaffen, die einem gut tut (z. B. im Wald) (vgl. Jones/Zenko, 2021)
die Dauer und Intensität frei wählen, ohne strikte Planvorgaben (vgl. Jones/ Zenko, 2021).
Ob es nun um Bewegungsförderung oder Bewegungsmangel geht, eine Aufarbeitung bzw. Zusammenstellung der wichtigsten lösungsorientierten Perspektiven, spezifischen Interventionen und Innovationen und zwar zielgruppenbezogen und zielgruppenübergreifend rund um das Thema „Bewegung“ war dringend notwendig, insbesondere in der aktuellen Pandemie-Situation!
Zielsetzung
Für die Herausgeberinnen, die mit der vorliegenden Publikation eine inhaltliche Lücke schließen möchten, bietet es sich an, die unterschiedlichen Aspekte zur Bewegungsförderung in diesem Themenband genauer zu betrachten und die verschiedenen Sichtweisen der Autorinnen und Autoren in den Fokus zu rücken. Da in Zukunft die Forschung in diesem Themengebiet nicht stehenbleiben, sondern sich vertiefen und spezialisieren wird, lohnt es sich, die Bedeutung und die Relevanz von Bewegung und Sport gerade in den sich wandelnden Lebenswelten neu zu denken. Dabei sollen sowohl auf Basis der bestehenden empirischen Befunde und der bisherigen Praxiserfahrungen Bilanz gezogen als auch Perspektiven für mögliche Weiterentwicklungen im Kontext von Sport und Bewegungsförderung aufgezeigt werden. Um den skizzierten Entwicklungen und den damit verbundenen Impulsen adäquat zu begegnen, soll die vorliegende Publikation ganz bewusst eine umfassende inhaltliche Bandbreite aufzeigen und die verschiedenen Akteurinnen und Akteure in den unterschiedlichen wissenschaftlichen und praktischen Arbeitsfeldern ansprechen. Das Lesen der Beiträge soll motivieren, inspirieren und gemeinsam Schritt für Schritt mit Blick auf äußere Veränderungen und die laufende Pandemie die Zukunft von Gesundheit und Bewegung ausrufen.
Überblick über die einzelnen Beiträge
Fünf Themenblöcke strukturieren die insgesamt 16 Beiträge, die im Folgenden kurz vorgestellt werden. In Form einer Einstimmung in das Thema „Bewegung“ beginnt der bekannte Wissenschaftler Ingo Froböse mit einem Vorwort.
Den Auftakt des I. Abschnitts bilden drei Texte zum Bewegungsmangel sowie den Hintergründen und reflektieren damit breitere Entwicklungslinien und Trends. Eszter Füzéki und Winfried Banzer starten mit einem Einstieg in die Thematik, indem sie allgemeine Hinweise zu Bewegungsempfehlungen bieten und anschließend einzelnen Zielgruppen epidemiologische Grunddaten hinzufügen und das spezifische Bewegungsverhalten einordnen. Dabei kommen sie zu dem Schluss, dass sich – alters- und geschlechterunabhängig – die Mehrheit der Allgemeinbevölkerung nicht ausreichend bewegt. Dabei fallen insbesondere chronisch Erkrankte, ältere Personen und Menschen mit einem niedrigeren Bildungsniveau und minderen Einkommen ins Gewicht, für die spezielle Maßnahmen entwickelt werden sollten.
Es folgt Eckart Balz, der die positive Seite des Sports darstellt und demonstriert, wie unterschiedliche Sport- und Bewegungskulturen charakterisiert sind. Dabei analysiert er verschiedene Beiträge zur Sportentwicklung und zeigt historische, sportive sowie alternative Bewegungstrends auf, um Bewegungskulturen schlussendlich gesundheitsperspektivisch einzuordnen. Der nächste Einführungstext stammt von Andreas Petko, der den empirischen Zusammenhang von Sport und Gesundheit insofern veranschaulicht, als er zunächst Gesundheit und ihre gesamte Begrifflichkeit gründlich erklärt, den Paradigmenwechsel von der Pathogenese zu salutogenetischen Ansätzen beschreibt, Bewegung als Gesundheitsressource herausarbeitet und anschließend das Thema Evidenz in Zusammenhang setzt. Diese Verbindung schlüsselt der Autor detailreich auf, fragt nach der wissenschaftlichen Fundierung und den spezifischen Formen, unter denen diese Verknüpfung besteht, und legt schließlich Wert auf eine Aufwertung der unterschätzten Evidenz des Themas.
Der II. Abschnitt konzentriert sich auf umfassendere Fragen zu motivationsspezifischen Aspekten zur Förderung des Bewegungsverhaltens. Er startet mit dem Autorenteam Jens Kleinert, Wiebke Dierkes und Angeli Gawlik, die sich mit dem Barrieremanagement auseinandersetzen und dessen Potenziale herausarbeiten. Barrieremanagement hilft, Handlungen der Bewegung erst einmal zu beginnen und schließlich auch aufrechtzuerhalten. Verschiedene Phasen der Barrieren werden dargelegt, die physisch, kognitiv oder auch emotional bedingt und an denen dann bestimmte Trainingsformen ausgerichtet sein können. So bietet sich nach Meinung des Autorenteams das Messenger-Coaching als Lösungsansatz zur Unterstützung an, um Handlungsbarrieren im Alltag abzubauen. Wie sinnvoll dagegen verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse, nämlich der Nudging-Ansatz, zur Bewegungsförderung beitragen können, berichtet Mathias Krisam. Der Grundgedanke dahinter ist, dass mehr Zielgruppen mit speziellen Präventionsmaßnahmen auch tatsächlich erreicht werden können und so das Gesundheitsverhalten effektiv geändert wird. Der Autor präsentiert das Nudging-Modell AEIOU, das im Setting Betrieb die Bewegungsaktivitäten voranbringen soll, und ergänzt dieses mit Fallbeispielen, um am Ende die Vorteile, aber auch die Grenzen des Nudgings zu diskutieren.
Vor dem Hintergrund, dass Gesundheits-Apps inzwischen beliebt und oft im Kontext der Bewegungsförderung empfohlen werden, verweist der nächste Text auf spezifische Herausforderungen dieses Themenkomplexes. Denn welche digitalen Interventionsmöglichkeiten für bewegungsbezogene Gesundheits-Apps existieren überhaupt und vor allem, welche verschiedenen Anreizmöglichkeiten und motivationspsychologischen Ansätze lassen sich hierbei entdecken? Das analysiert Viviane Scherenberg in ihrem Beitrag und zeigt anhand zahlreicher Beispiele eindrucksvoll auf, wie Bewegungsförderung auch auf diese Weise erfolgskritisch gelingen kann.
Im Abschnitt III werden zielgruppenspezifische Interventionen betrachtet, denn in vielen Projekten wird untersucht, wie Angebote für bestimmte Zielgruppen gestaltet werden können und welche Erfolge sie schließlich haben. Erfahrungen und Diskussionen dazu finden sich in den vier Beiträgen dieses Abschnitts. Zuerst widmet sich Heinz Reinders Mädchen im Kinder- und Jugendalter im Bereich Sport. Er präsentiert unter systemtheoretischer Analyse anhand von zwei pädagogischen Praxisprojekten (Nachwuchsförderung für Juniorinnen im Fußball und Mädchen im Vereinssport in einer Großstadt), wie sich soziale Ungleichheit begründen lässt und was die Beispielprojekte zur Verringerung der Ungleichheit beisteuern können. Diese Verbindung erweist sich insofern als spannend, als das Prinzip der Asymmetrie durch die steigende Komplexität der Systeme anschaulich verdeutlicht wird, sodass sich beide aufgeführten Projekte in die Funktionslogik sozialer Ungleichheit einfügen. Die Projekte, so das Fazit des Autors, „allokieren nicht bzw. ermöglichen akut keine Aufwärtsmobilität im vertikalen Sozialgefüge“. Aber sie ermöglichen der Zielgruppe – u. a. aufgrund von sportdidaktischen Konzepten –, Ressourcen zur Kompetenzsteigerung und zur Steigerung des Fähigkeitsselbstkonzepts einzusetzen, also Maßnahmen, die die Mädchen ohne diese durchgeführten Projekte nicht gekannt hätten.
Patrick Zimmermann und Claudio Nigg werden im nächsten Beitrag den Arbeitsplatz Universität näher unter die Lupe nehmen und Sport und Bewegung unter gesundheitswissenschaftlicher Perspektive für Hochschulangehörige darstellen. Dabei skizzieren die Autoren, wie es gelingen kann, die Ansätze der betrieblichen Gesundheitsförderung mit modelltheoretischen Aspekten und im Kontext einer Aufbau- und Ablauforganisation umzusetzen, um im Ergebnis eine „gesundheitsfördernde Hochschule“ mit allen wichtigen Erfolgsfaktoren zu etablieren.
Das Autorenteam Sonja Krupp, Christina Ralf, Anja Krahnert, Bettina Höhne, Martina Nachtsheim, Jennifer Kasper und Martin Willkomm widmet sich pflegebedürftigen älteren Menschen. Die Autorinnen und Autoren stellen fest, dass gerade diese Zielgruppe, um aktiv an der letzten Lebensphase teilzunehmen, in Bezug auf Bewegungspotenziale und -verhalten sehr heterogen ist. Sie schlagen deshalb eine spezielle individualisierte Bewegungsförderung vor, damit positive und vor allem protektive Effekte wirken können, und veranschaulichen dazu das von der Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck erstellte Konzept „Bewegungswelten“ als passende Option.
Die Autorin Jana Semrau beschließt diesen Abschnitt mit einem Beitrag zur Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit. Sie legt empirische Befunde zur Verbreitung sozial bedingter Ungleichheiten im Bewegungsverhalten dar und analysiert mögliche Ursachen. Welche wirksamen und lohnenswerten Ansätze der Bewegungsförderung daraus folgen können, präsentiert sie anschaulich anhand eines Praxisbeispiels.
Themenbezogene Aspekte der Bewegungsförderung und Interventionen können im Abschnitt IV nachgelesen werden. Vertieft werden darin zudem individuelle Dimensionen der Bewegung.
Christoph Raschka und Andreas Petko beschreiben im ersten Beitrag den bewegungsspezifischen Umgang von Personen mit chronischen Erkrankungen. Diese Zielgruppen benötigen ein besonderes Training, ob es sich um Herzgruppen, Gefäß- und Venensportgruppen, Lungensportgruppen, Diabetessportgruppen oder um Sportgruppen zur Krebsnachsorge handelt, denen sich therapeutisch Expertinnen und Experten der verschiedensten Disziplinen widmen. Der folgende Beitrag erweitert die Diskussion um die Perspektive der Inklusion, wobei der Autor Steffen Greve sich damit auseinandersetzt, wie Sport für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam gelingen kann. Dabei analysiert er vorhandene Sportaktivitäten in den verschiedenen Settings mit den besonderen Bedürfnissen, zeigt aktuelle Forschungsergebnisse auf und gibt den Leserinnen und Lesern Handlungsempfehlungen für zukünftige Angebotsgestaltungen mit auf den Weg.
Mischa Kläber wirft schließlich einen Blick auf das Spannungsverhältnis von Leistung und Gesundheit im Breitensport und diskutiert dieses am Körperkult in Fitnessstudios. Dabei ist es dem Autor zunächst wichtig, die strukturellen Voraussetzungen differenzierungstheoretisch zu diskutieren, da in den verschiedenen Wissenschaften Konstrukte von Gesundheit und Leistung eindimensional hervortreten und deshalb wenig Ordnung der Begriffe untereinander herrscht. Im Folgenden richtet der Autor das Thema unter systemtheoretischen Betrachtungen aus und analysiert die zunehmenden Leistungsoptimierungen und -niveaus dahingehend, dass diese oft mit Überforderungen einhergehen und deshalb die Risiken des Gesundheitssports (Sportsucht, Medikamentenmissbrauch) – auch gesellschaftsbezogen – nicht zu vernachlässigen sind. Schlussendlich hält er fest, dass Sport – per se – nicht als gesund betrachtet werden kann, sondern auch die ungesunde Komponente eine zentrale Rolle spielt; beides richtet sich nach der jeweiligen Sportart, dem Leistungsniveau und den individuellen Bedingungen. Mögliche Lösungsansätze und Strategien empfiehlt der Autor am Beitragsende, um Forschung im Kontext der Sportsoziologie zu fördern.
Stefan Selke führt in das Konzept der digitalen Selbstvermessung ein und fragt, ob wir gegenwärtig auf dem Weg zu einer metrischen Gesundheitskultur sind, in der Zählen, Messen und Vergleichen zu neuen Selbstverständlichkeiten oder gar Tugenden werden. Die Sonnen- und Schattenseiten dieser Welle der Quantifizierung und Selbstoptimierung im Sport stellt der Autor differenziert dar. Er betont sehr präzise, dass ein wichtiges Kennzeichen des digitalen Zeitalters die Generierung und Weitergabe von Daten ist und damit auch Entlastung und Flexibilität verbunden sind. Nicht zu vernachlässigen ist dabei jedoch die andere Seite der Medaille, wenn die gesellschaftlichen Praktiken in den Blick geraten und beispielsweise ethische Themen oder Formen der Literacy (Gesundheitskompetenz, Technikkompetenz) ins Spiel kommen und damit eher neue Barrieren erzeugt werden, so der Autor. Zukünftige Ungleichheiten oder Diskriminierungen, externe Steuerungen und Regulationen des Datenverkehrs könnten die Folgen sein, sodass uns diese schwierige Verquickung von Selbst- und Fremdüberwachung noch lange im Kontext von Sport und Bewegung beschäftigen wird.
Der letzte Abschnitt V, Qualitätssicherung und Evaluation, wird die methodischen Seiten des Themas beleuchten.
Zunächst beschäftigen sich Joachim Wiskemann und Maximilian Köppel in ihrem Beitrag mit der Wirksamkeit von den inzwischen kaum mehr überschaubaren Bewegungsangeboten und bewährten Evaluationsstrategien. Sie gehen dabei den Fragen nach, ob es klinischer Experimente für Konzepte und Therapien überhaupt bedarf und wie konkurrierende Wirksamkeitsnachweise entsprechend ihrer Verlässlichkeit gewertet werden können, damit nicht nur die Bewegungsforschung davon profitiert, sondern auch im praktischen Alltag Nutzen generiert wird.
Abschließend befasst sich Daniela Kahlert in ihrem Überblicksbeitrag mit körperlicher Aktivität und sitzender Tätigkeit, der sogenannten Sedentariness. Die Forschungslage zum Thema ist umfangreich, sodass sich die Autorin auf verschiedene in den gesundheitsbezogenen Sport- und Bewegungswissenschaften typischerweise verwendeten Methoden(gruppen) konzentriert und Messmethoden analysiert. Bei der Diskussion über die Vor- und Nachteile von bestimmten Instrumenten legt die Autorin Wert darauf, zukünftig keine weiteren neuen Methoden in diesem Kontext zu integrieren, sondern auf vorhandene Optimierungen und auf eine verstärkte Orientierung an bisherigen Qualitätsstandards zu setzen.
Wir freuen uns über diesen weiteren Meilenstein in der Diskussion zum Thema „Bewegung“, der vielen Leserinnen und Lesern neue Impulse geben wird und der – so hoffen wir Herausgeberinnen – eine große Verbreitung der Beiträge zur Folge hat.
An der Erstellung des vorliegenden Themenbands haben an verschiedenen Stellen im Prozess unterschiedliche Personen mitgewirkt. Unser besonderer Dank gilt hier den Autorinnen und Autoren, die die Beiträge verfasst haben – und das oft unter schwierigen Bedingungen. Denn nicht nur inhaltlich hat COVID-19 z. T. seine Spuren in diesem Band hinterlassen – auch der Entstehungsprozess war von Mehrfachbelastungen und außergewöhnlichen Umständen und Verzögerungen geprägt. Allen Beteiligten möchten wir deshalb nochmals unseren herzlichen Dank für die besonderen Leistungen in der nicht ganz einfachen Zeit des Jahres 2021 übermitteln. Das Verzeichnis aller Autorinnen und Autoren ermöglicht ein direktes Nachschlagen der Expertinnen und Experten.
Aber auch ohne den Einsatz von Corinna Dreyer und Stefanie Lipke von der APOLLON University Press hätte diese Publikation nicht realisiert werden können. Für ihre versierte Unterstützung und das konstruktive Feedback danken wir sehr herzlich.
Biddle, S. J. H./Mutrie, N./Gorely, T./Faulkner, G. (2021). Psychology of Physical Activity: Determinants, Well-Being and Interventions. 4. Auflage, New York: Routledge.
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ESZTER FÜZÉKI; WINFRIED BANZER
Evidenzbasierte gesundheitsorientierte Bewegungsempfehlungen sind ein wichtiges Instrument in der Public Health und bieten eine Orientierung sowohl für die Allgemeinheit als auch für die Gesundheitspolitik und die Praxis. Die aktuell geltenden Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation liefern zielgruppenspezifische Angaben für Kinder und Jugendliche, Erwachsene, Ältere, Frauen vor und nach der Geburt sowie Personen mit Behinderungen. Dieses Mindestmaß an Bewegung, das neben Sport auch diverse Formen der körperlichen Aktivität (z. B. Alltagsbewegungen, Spiel, Tanz, Haus- und Gartenarbeit) beinhaltet, geht mit bedeutsamen Nutzen für die Gesundheit einher. Gleichzeitig gilt auch, dass selbst ungenügend aktive Personen niedrigere Gesundheitsrisiken aufweisen als vollkommen inaktive Menschen, d. h., jede Bewegung zählt.
Repräsentative Daten aus Deutschland zeigen, dass ein Großteil der Allgemeinbevölkerung, in jeder Altersgruppe und bei beiden Geschlechtern, die Mindestempfehlungen nicht erreicht. Dies trifft in besonderem Maße bei Personen mit chronischen Erkrankungen, Älteren und Menschen mit einem niedrigeren Bildungsniveau und Einkommen zu. Die zielgruppengerechte Förderung gesundheitsorientierter Bewegung bleibt eine Public-Health-Aufgabe ersten Ranges.
1.1.1 Bedeutung und Entwicklung
Aktuelle Bewegungsempfehlungen haben, im Gegensatz zu früheren Leitlinien, einen eindeutigen gesundheitlichen Fokus: Sie liefern wissenschaftlich gesicherte Angaben zur Art, zum Umfang, zur Intensität und zur Häufigkeit der Bewegung, die mit bedeutsamen gesundheitlichen Nutzen einhergehen (vgl. Oja/Titze, 2011). Bewegungsempfehlungen sind evidenzbasiert und gleichzeitig bündig formuliert und stellen somit ein wichtiges Instrument in der Public Health dar. Sie bieten nicht nur für die Allgemeinheit, sondern auch für die Gesundheitspolitik und die Praxis eine Orientierung.
Unter Bewegung werden in diesem Kontext neben Sport auch vielfältige Formen der körperlichen Aktivität, wie Alltagsbewegungen (zu Fuß gehen, Radfahren), Spiel, Tanz, Haus- und Gartenarbeit, verstanden.
Die Erfüllung der Bewegungsempfehlungen wird in der Wissenschaft häufig für die Operationalisierung von „Aktiven“ vs. „Inaktiven“ herangezogen. Die Existenz von Bewegungsempfehlungen an sich ist nicht ausreichend, um das Bewegungsverhalten der Bevölkerung zu verbessern. Diese Dokumente bilden aber eine solide Grundlage für Förderungsmaßnahmen und -strategien. Zudem dient die Erhöhung des Anteils der Bevölkerung, der gemäß den Bewegungsempfehlungen aktiv ist, als Benchmark für viele Ansätze und Strategien zur Bewegungsförderung.
Die gesundheitsbezogenen Bewegungsempfehlungen basieren auf einer sehr umfangreichen und systematischen Aufarbeitung der wissenschaftlichen Literatur zur Bewegung und bestimmten gesundheitlichen Endpunkten, wie biomedizinische Risikofaktoren, Morbidität, Krankheitsprogression, Wohlbefinden, Lebensqualität und Mortalität. Da sich die gesundheitsbezogene Bewegungswissenschaft ständig weiterentwickelt, werden – die notwendigen Ressourcen vorausgesetzt – die Bewegungsempfehlungen auch in regelmäßigen Abständen aktualisiert.
Die umfangreichste Literaturrecherche und -analyse weltweit liegt den Bewegungsempfehlungen des US-Gesundheitsministeriums und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zugrunde. Die US-amerikanischen Bewegungsempfehlungen wurden 2008 erstellt (vgl. Physical Activity Guidelines Advisory Committee, 2008) und 2018 aktualisiert (vgl. Piercy et al., 2018). Die WHO hat ihre Empfehlungen (Global recommendations on physical activity for health) 2010 veröffentlicht (vgl. WHO, 2010) und 2020 auf den neuesten Stand gebracht (vgl. Bull et al., 2020). Die beiden Dokumente sind im Einklang und bestätigen die Erkenntnisse der früheren Empfehlungen. Aufgrund der sich weiterentwickelnden Forschung ist es inzwischen möglich, teilweise differenziertere Informationen zu geben. So können nun das erste Mal Empfehlungen für spezielle Zielgruppen, wie Schwangere und Frauen nach der Entbindung, Personen mit chronischen Erkrankungen und mit Behinderungen, ausgesprochen werden.
Grundsätze der Empfehlungen (vgl. WHO, 2010; Bull et al., 2020):
Jede Bewegung zählt: Auch körperliche Aktivität unterhalb des empfohlenen Ausmaßes fördert die Gesundheit.
Neben Sport sind andere Bewegungsformen, wie aktiv zurückgelegte Arbeits- und Transportwege, Gehen, Fahrradfahren, Tanz, Spiel und Haushaltsaktivitäten, gesundheitswirksam.
Bewegungsperioden jeder Dauer (auch < 10 min) zählen und sind gesundheitsrelevant.
Die sitzend verbrachte Zeit sollte eingeschränkt (genaue Zeitangabe aktuell nicht möglich) und durch Aktivität – egal welcher Intensität – ersetzt werden.
Selbst Bewegung mit leichter Intensität ist besser als Inaktivität.
Wer viel sitzt, kann die negativen Effekte durch über die Empfehlungen hinausgehende Bewegung mit moderater bis hoher Intensität kompensieren.
Die Vorteile körperlicher Aktivität und der Reduzierung sitzend verbrachter Zeit überwiegen die möglichen negativen Effekte.
Diejenigen, die aktuell das empfohlene Bewegungsausmaß noch nicht erreichen, sollten mit kleinen Dosen körperlicher Aktivität anfangen und Häufigkeit, Intensität, und Dauer graduell steigern.
Intensität der Bewegung
Die Intensität der Bewegung beschreibt das Ausmaß der Belastung, das bei der Ausführung einer Bewegung entsteht. Die Intensität kann apparativ ermittelt und beispielsweise als Prozent der maximalen Leistungsfähigkeit operationalisiert z. B. als Herzfrequenz oder Sauerstoffaufnahme angegeben werden. Möglich ist auch, die Intensität subjektiv zu erfassen. Zur Abschätzung der empfundenen Anstrengung kann die Borg-Skala eingesetzt werden (vgl. Borg, 1982).
Als Faustregel gilt, Bewegung, die zu einer leicht erhöhten Herz- und Atemfrequenz führt, aber Sprechen noch erlaubt, ist moderat (vgl. CDC, 2020). Solche Aktivitäten sind z. B. zügiges Gehen, Nordic Walking, Tanzen, langsames Radfahren oder Schwimmen. Wenn Herz- und Atemfrequenz stark steigen und man nicht mehr in der Lage ist, sich zu unterhalten, führt man Bewegung mit hoher Intensität durch (vgl. CDC, 2020). Beispiele für intensive Bewegungen sind u. a. Joggen, schnelles Radfahren oder Schwimmen.
1.1.2 Kinder und Jugendliche
Bewegung im Kindes- und Jugendalter bringt zahlreiche, wissenschaftlich nachgewiesene Vorteile für die Gesundheit mit sich. So verbessert körperliche Aktivität die kardiorespiratorische und die muskuläre Fitness, unterschiedliche Marker der kardiometabolischen Gesundheit wie Blutdruck, Fettstoffwechsel, Glukose- und Insulinresistenz, die Knochengesundheit, die kognitiven Fähigkeiten operationalisiert als schulische Leistungen und exekutive Funktionen, die psychische Gesundheit sowie Übergewicht und Adipositas (vgl. Chaput et al., 2020).
Kinder und Jugendliche sollten über die ganze Woche hinweg durchschnittlich mindestens 60 Minuten pro Tag mäßig bis stark anstrengende, vor allem Ausdaueraktivitäten durchführen. An mindestens drei Tagen pro Woche sollten sie zudem aerobe Aktivitäten mit hoher Intensität sowie muskel- und knochenstärkende Aktivitäten durchführen (vgl. Chaput et al., 2020). Diese Aktivitäten können nicht nur in Form von organisierten Sport- oder Bewegungsangeboten, sondern auch in Form von freiem Spiel stattfinden. Kinder und Jugendliche sollten die sitzend verbrachte Zeit begrenzen, insbesondere die Zeit, die sie in ihrer Freizeit am Bildschirm verbringen (vgl. Chaput et al., 2020). Ein Wechsel von sitzender Tätigkeit zu mäßiger bis intensiver körperlicher Aktivität kann sich positiv auf die Gesundheit auswirken.
1.1.3 Erwachsene
Der gesundheitliche Nutzen der Bewegung bei Erwachsenen ist bei den folgenden gesundheitlichen Endpunkten zweifelsfrei nachgewiesen: Gesamtmortalität, Mortalität durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Krebserkrankungen, Typ-2-Diabetes, psychische Gesundheit, kognitive Gesundheit, Schlaf, Übergewicht und Adipositas (vgl. Bull et al., 2020).
Die für Erwachsene empfohlene ausdauerorientierte Bewegung sollte in der Woche mindestens 150 bis 300 Minuten mit moderater Intensität oder mindestens 75 bis 150 Minuten mit hoher Intensität betragen (vgl. Bull et al., 2020). Gleichwertig ist eine entsprechende Kombination aus moderater und intensiver Bewegung. Dieses Bewegungspensum geht mit bedeutsamen gesundheitlichen Vorteilen einher. Weiterhin sollten Erwachsene mindestens an zwei Tagen in der Woche muskelkräftigende Aktivitäten durchführen und dabei alle großen Muskelgruppen trainieren. Muskelkräftigende Aktivitäten können als Training an Geräten, mit dem eigenen Körpergewicht, mit Therabändern (vgl. Füzéki, 2020) oder z. B. in Form von Gartenarbeit stattfinden. Bewegung oberhalb dieser Empfehlungen bringt weitere gesundheitliche Nutzen mit sich.
Erwachsene sollten die Zeit, die sie in sitzender Tätigkeit verbringen, einschränken. Körperliche Aktivität jeglicher Intensität (einschließlich leichter Intensität) ist vorteilhafter als sitzende Zeit. Bewegung mit moderater bis hoher Intensität oberhalb der empfohlenen Dosis kann die schädlichen Effekte des langen Sitzens kompensieren (vgl. Bull et al., 2020).
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Der höchste Gesundheitsnutzen ist bei einem Lebensstil mit viel Bewegung und wenig Sitzen und die höchsten Gesundheitsrisiken sind bei einer Lebensführung mit wenig Bewegung und viel Sitzen zu erwarten.
1.1.4 Ältere Erwachsene
Auch bei älteren Erwachsenen verbessert körperliche Aktivität zahlreiche bedeutende gesundheitliche Endpunkte, wie die Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität, den Bluthochdruck, bestimmte Krebserkrankungen, Typ-2-Diabetes, psychische und kognitive Gesundheit, den Schlaf sowie Übergewicht und Fettleibigkeit (vgl. Bull et al., 2020). Weiterhin trägt körperliche Aktivität dazu bei, Stürze und sturzbedingte Verletzungen, die Verschlechterung der Knochengesundheit und der funktionellen Fähigkeiten zu verhindern (vgl. Bull et al., 2020).
Die Bewegungsempfehlungen und die Empfehlungen für die Meidung von sitzend verbrachter Zeit für Ältere sind ähnlich wie die für Erwachsene. Um die funktionelle Kapazität zu verbessern und Stürze zu verhindern, sollte ein Teil dieses Bewegungspensums aus Aktivitäten an mindestens drei Tagen in der Woche bestehen, die funktionelles Gleichgewichts- und Krafttraining beinhalten (vgl. Bull et al., 2020).
1.1.5 Personen mit chronischen Erkrankungen
Die wissenschaftliche Evidenz, dass körperliche Betätigung bei zahlreichen chronischen Erkrankungen bei Erwachsenen und Älteren gesundheitsrelevant ist, gilt als gesichert. So profitieren u. a. Krebsüberlebende von einer niedrigeren gesamt- und krebsspezifischen Mortalität sowie von einem verminderten Risiko eines Wiederauftretens von Krebs oder einem zweiten primären Krebs. Bei Bluthochdruckpatienten und -patientinnen mindert körperliche Aktivität die kardiovaskuläre Sterblichkeit, verlangsamt den Krankheitsverlauf, verbessert die körperliche Funktion und die gesundheitsbezogene Lebensqualität. Bei Typ-2-Diabetikern und -Diabetikerinnen senkt körperliche Aktivität die Sterblichkeitsrate bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verlangsamt den Krankheitsverlauf. Bewegung verbessert die körperliche Fitness und die psychische Gesundheit bei Menschen, die mit HIV leben (vgl. Dempsey et al., 2020).
Für Menschen mit chronischen Erkrankungen gelten die gleichen Bewegungsempfehlungen und Empfehlungen für die Meidung von sitzend verbrachter Zeit wie für Erwachsene. Wenn sie nicht in der Lage sind, diese Empfehlungen zu erfüllen, sollten sie dennoch versuchen, körperliche Aktivität entsprechend ihren Fähigkeiten durchzuführen.
1.1.6 Menschen mit Behinderungen
Grundsätzlich profitieren Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene mit Behinderungen von Bewegung ähnlich wie Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene ohne Behinderungen. Bewegung verbessert kognitive Funktionen bei Kindern und Jugendlichen mit kognitiven Störungen, inkl. Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, und verbessert die körperliche Funktion bei Kindern mit geistiger Behinderung (vgl. Carty et al., 2021). Zudem verbessert Bewegung die körperliche Funktion sowie die gesundheitsbezogene Lebensqualität bei Erwachsenen mit Multipler Sklerose. Menschen mit Rückenmarksverletzungen profitieren von einer verbesserten Gehfunktion, höherer Muskelkraft und der Funktion der oberen Extremitäten sowie einer erhöhten gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Bewegung steigert die körperliche Funktion und die Kognition bei Parkinson- und Schlaganfallpatienten und -patientinnen. Zudem wirkt sich körperliche Aktivität positiv auf die Kognition sowie die Lebensqualität bei Menschen mit Schizophrenie aus und trägt bei Erwachsenen mit schwerer klinischer Depression zur Verbesserung der Lebensqualität bei.
Grundsätzlich sollten sich Menschen mit Behinderungen an den allgemeinen Empfehlungen für ihre Altersgruppe orientieren. Menschen mit Behinderungen müssen aber möglicherweise einen Arzt bzw. eine Ärztin oder einen anderen Spezialisten bzw. eine andere Spezialistin für körperliche Aktivität und Behinderung konsultieren, um die Art und den Umfang der für sie geeigneten Aktivität zu bestimmen (vgl. Carty et al., 2021).
1.1.7 Schwangere und Frauen nach der Entbindung
Auch Schwangere, Frauen nach der Geburt und die Neugeborenen profitieren von körperlicher Aktivität während der Schwangerschaft. So zeigt sich bei aktiveren Frauen ein geringeres Risiko für Präeklampsie, Schwangerschaftsbluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes, übermäßige Gewichtszunahme, Entbindungskomplikationen und postpartale Depression. Die Neugeborenen weisen weniger Komplikationen auf, und Bewegung hat keinen negativen Effekt auf das Geburtsgewicht und bedeutet kein erhöhtes Risiko für Totgeburten (vgl. Bull et al., 2020).
Schwangere und Frauen nach der Entbindung, die keine Komplikationen haben, sollten während der gesamten Schwangerschaft und nach der Geburt regelmäßig körperlich aktiv sein und über die Woche mindestens 150 Minuten Ausdaueraktivität mit moderater Intensität durchführen (vgl. Bull et al., 2020). Auch muskelkräftigende Aktivitäten und sanftes Stretching sind von Vorteil. Frauen, die sich vor der Schwangerschaft bereits regelmäßig intensiv körperlich betätigt haben, können diese Aktivitäten auch während der Schwangerschaft und in der Zeit nach der Geburt beibehalten.
Ein tägliches Training der Beckenbodenmuskulatur kann zur Verringerung des Risikos einer Harninkontinenz beitragen (vgl. Bull et al., 2020). Auch Schwangere und Frauen nach der Entbindung sollten langes Sitzen meiden.
In der Schwangerschaft sollten zudem einige Hinweise beachtet werden (vgl. Bull et al., 2020):
Schwangere sollten körperliche Aktivitäten bei großer Hitze, insbesondere bei hoher Luftfeuchtigkeit meiden, und sich vor, während und nach der körperlichen Betätigung ausreichend hydrieren.
Aktivitäten, die mit Körperkontakt verbunden sind und ein hohes Risiko für Sturzgefahren darstellen, sollten vermieden werden.
Auf ausreichende Sauerstoffzufuhr soll geachtet werden (z. B. keine körperliche Aktivität in großer Höhe durchführen, wenn man nicht normalerweise in großer Höhe lebt).
Aktivitäten in Rückenlage nach dem ersten Trimester der Schwangerschaft sollten vermieden werden.
Nach der Entbindung sollte die körperliche Aktivität allmählich wiederaufgenommen werden. Im Falle einer Entbindung durch Kaiserschnitt sollte eine Gesundheitsfachkraft konsultiert werden.
1.2.1 Datengrundlage
Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit erhebt das Robert Koch-Institut im Rahmen des Gesundheitsmonitoring regelmäßig gesundheitsrelevante Daten in repräsentativen Stichproben. Diese Daten bilden eine wichtige Grundlage für die Gesundheitspolitik, um mögliche Maßnahmen zu ergreifen.
Die inzwischen unstrittige Bedeutung von körperlicher Aktivität als Gesundheitsressource spiegelt sich in der Tatsache wider, dass Informationen zum Aktivitätsverhalten und zur körperlichen Leistungsfähigkeit in regelmäßigen Abständen sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen erhoben werden. Zusätzlich zu den Untersuchungen des Robert Koch-Instituts werden unterschiedliche epidemiologische Studien durchgeführt, die auch Daten zur körperlichen Aktivität erheben. Zum Bewegungsverhalten bestimmter Personengruppen, wie Schwangere oder Menschen mit Behinderungen, liegen nach dem Kenntnisstand der Autorin und des Autors dieses Beitrags keine repräsentativen Daten vor.
Körperliche Aktivität, inkl. sitzend verbrachter Zeit, wird in epidemiologischen Studien grundsätzlich über zwei Methoden erfasst: gerätebasiert, vorrangig durch Akzelerometer (Beschleunigungsmesser) oder über Selbstangaben mithilfe von Fragebögen. Die Vergleichbarkeit der Daten ist strenggenommen nur bei der Anwendung von identischen Messmethoden und -instrumenten gegeben. Da sowohl Geräte als auch Fragebögen permanent weiterentwickelt werden, stellt dies eine methodische Herausforderung u. a. bei der Etablierung von zeitlichen Trends dar.
1.2.2 Bewegungsverhalten bei Kindern und Jugendlichen
Die „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS) liefert bundesweit repräsentative Daten zur Gesundheit der unter 18-Jährigen. Die zweite Welle der Studie wurde durch Modulstudien ergänzt, wobei ein Motorik-Modul (MoMo) die motorische Leistungsfähigkeit und körperlich-sportliche Aktivität erfasst.
Zur Anwendung kommt der MoMo-Fragebogen für körperliche Aktivität (MoMo-PAQ), der die selbstberichtete habituelle Bewegung in verschiedenen Settings (Sportverein, Freizeit und Schule) erfragt (vgl. Schmidt et al., 2020). Der MoMo-PAQ besteht aus 28 Items und misst Häufigkeit, Dauer, Intensität und Setting von körperlicher Aktivität in einer normalen Woche, ohne einen definierten Referenzzeitraum.
Die Daten der KiGGS Welle 2 (2014–2017) belegen, dass nur 22,4 % der Mädchen und 29,4 % der Jungen im Alter von 3 bis 17 Jahren mindestens 60 Minuten pro Tag körperlich aktiv sind und damit die Bewegungsempfehlung der WHO erfüllen (vgl. Finger et al., 2018). Der Geschlechtsunterschied ist in der Altersklasse von 14 bis 17 Jahren am deutlichsten. Die Prävalenz des empfehlungsgerechten Pensums nimmt mit dem Alter bei beiden Geschlechtern ab (vgl. Finger et al., 2018). Die Daten der MoMo-Welle 2 zeigen eine stabile Gesamtaktivität bei den 4- bis 17-Jährigen zwischen 2003 und 2017. Allerdings ist eine Verschiebung zwischen den Bewegungsformen zu beobachten: Während unorganisierte Bewegung abgenommen hat, hat organisierte körperliche Aktivität zugenommen (vgl. Schmidt et al., 2020). In den 15 Jahren zwischen der Baselineerhebung der MoMo-Welle 2 lässt sich ein Anstieg der Teilnahmequoten von 53,5 % auf 60,0 % in Sportvereinen feststellen. Somit sind Sportvereine nach wie vor die wichtigste Bewegungsumgebung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Die Teilnahmequote in Sportvereinen erreicht im Alter von sechs bis zehn Jahren ihren Höhepunkt und nimmt dann bis zum Erwachsenenalter langsam ab.
1.2.3 Bewegungsverhalten bei Erwachsenen
Die Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA 2014/2015-EHIS) hat körperliche Aktivität mithilfe der deutschen validierten Version des European Health Interview Survey – Physical Activity Questionnaires (EHIS-PAQ) bei Personen über 18 Jahren erfasst (vgl. Finger et al., 2017). Dieses Instrument ist kongruent mit den aktuellen WHO-Empfehlungen und erhebt, anders als viele gängige Fragebögen, explizit auch muskelkräftigende Aktivitäten.
Sowohl bei Frauen (42,6 %) als auch bei Männern (48,0 %) gibt weniger als die Hälfte der Teilnehmenden an, mindestens 2,5 Stunden pro Woche Ausdaueraktivitäten wie z. B. Laufen oder Radfahren durchzuführen. Bei allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern lässt sich ein sozialer Gradient beobachten. Ausreichende (mind. zweimal pro Woche) muskelkräftigende Aktivitäten werden von 27,6 % der Frauen und 31,2 % der Männer durchgeführt. Die kombinierten Empfehlungen erfüllen 20,5 % der Frauen und 24,7 % der Männer (vgl. Finger et al., 2017).
Aus den Daten der GEDA 2019/2020-EHIS stehen aktuell nur die Angaben zur Ausdaueraktivität zur Verfügung (vgl. Richter et al., 2021). Demnach erfüllen 44,8 % der Frauen und 51,2 % der Männer die WHO-Empfehlung zur Ausdaueraktivität, und dieser Anteil nimmt bei beiden Geschlechtern mit dem Alter ab. Personen in der höchsten Bildungsgruppe erreichen die Empfehlungen häufiger als Menschen in der unteren und mittleren Bildungsgruppe.
Eine gepoolte Analyse von 13 epidemiologischen Studien, die unterschiedliche Fragebögen angewendet haben, zeigt ebenfalls einen sozialen Gradienten bei der Sportausübung (vgl. Abu-Omar et al., 2021). Personen in höherem Alter, mit geringerem Einkommen, niedrigerem Bildungsniveau oder Migrationshintergrund haben durchweg ein höheres Risiko, keinen Sport zu treiben, und dies scheint sich über die Zeit zwischen 1998 und 2018 nicht geändert zu haben (vgl. Abu-Omar et al., 2021).
Im Rahmen der NAKO Gesundheitsstudie wurde 2012–2013 auch ein Pretest mit Akzelerometrie durchgeführt (vgl. Jaeschke et al., 2020). Nach diesen Daten erfüllt knapp ein Drittel der Teilnehmenden im Alter von 20–69 Jahren die WHO-Empfehlungen (vgl. Jaeschke et al., 2020). Gleichzeitig ist die mit Inaktivität verbrachte Zeit mit fast 17 Stunden am Tag sehr hoch (vgl. Jaeschke et al., 2020).
In der 2013–2014 durchgeführten KORA S4 Studie bei Teilnehmenden zwischen 48 und 68 Jahren lag der Anteil der Personen, die den WHO-Empfehlungen nachkommen, mit 17 % deutlich niedriger (vgl. Luzak et al., 2017).
Nach den Daten des repräsentativen DKV-Reports 2021 lässt sich feststellen, dass die durchschnittliche Sitzzeit in Deutschland mit 8,5 Stunden eine Stunde mehr beträgt als noch 2018. Mehr als die Hälfte (57 %) der Erwachsenen sitzt mehr als acht Stunden am Tag. Männer verbringen mehr Zeit sitzend als Frauen, und die stärkste Zunahme der Sitzzeit im Vergleich zu 2018 zeichnet sich bei den 18- bis 29-Jährigen ab. Die wichtigsten Settings für das Sitzen sind Arbeit und Fernsehen. Gleichzeitig berichten 35 % der Teilnehmenden, dass sie bei der Arbeit kaum oder gar nicht sitzen (vgl. Froböse/Wallmann-Sperlich, 2021)
1.2.4 Bewegungsverhalten bei Menschen mit chronischen Erkrankungen
Die Auswertung der GEDA-2014/2015-EHIS-Daten belegt, dass chronisch Kranke noch seltener als Gesunde körperlich aktiv im Sinne der WHO-Empfehlungen sind (vgl. Sudeck et al., 2021). Teilnehmende mit Adipositas, COPD, Schlaganfall, Diabetes mellitus, depressiven Symptomen, kardiovaskulären Erkrankungen sowie mit Rücken- und Nackenschmerzen erfüllen die Ausdauerempfehlungen noch seltener als die Allgemeinbevölkerung. Personen mit Adipositas, Diabetes mellitus und depressiven Symptomen liegen sowohl im Hinblick auf muskelkräftigende Aktivitäten als auch auf die kombinierten Empfehlungen unterhalb der repräsentativen Werte. Allerdings erfüllen Arthrosepatienten und -patientinnen häufiger die Empfehlungen als die Allgemeinbevölkerung. Selbstberichtete Multimorbidität steht in einem negativen Zusammenhang mit der Erfüllung der Bewegungsempfehlungen (vgl. Sudeck et al., 2021).
Die gepoolten Daten von 13 großen epidemiologischen Studien belegen, dass Menschen mit Übergewicht und Diabetes mellitus in der Freizeit häufiger körperlich inaktiv sind als Personen ohne diese Erkrankungen (vgl. Linder et al., 2021). Höheres Alter, niedriges Bildungsniveau und geringes Haushaltseinkommen sind hierfür Risikofaktoren (vgl. Sudeck et al., 2021).
Zusammenfassend muss man festhalten, dass die Mehrheit der deutschen Allgemeinbevölkerung in jeder Altersgruppe und bei beiden Geschlechtern ungenügend aktiv ist. Von Inaktivität besonders betroffen sind chronisch Kranke, Ältere und Menschen mit einem niedrigeren Bildungsniveau und Einkommen. Entsprechend bleibt zielgruppengerechte Bewegungsförderung eine dringende gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
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Sudeck, G./Geidl, W./Abu-Omar, K./Finger, J. D. et al. (2021). Do adults with non-communicable diseases meet the German physical activity recommendations? German Journal of Exercise and Sport Research, 51 (2), S. 183–193. DOI: 10.1007/s12662-021-00711-z.
WHO – World Health Organization (2010). Global recommendations on physical activity for health. Genève: WHO.
ECKART BALZ
Dieser Beitrag setzt sich mit den gesundheitlichen Potenzialen unserer Sport- und Bewegungskultur auseinander. In dem hier vorliegenden Band zu „Gesundheit in Bewegung“ hat der Beitrag (neben anderen des ersten Teils) die Funktion, mehrschichtige Zusammenhänge von Bewegung und Gesundheit zu grundieren. Das wird im Folgenden – ohne eine vorschnelle Engführung auf den sogenannten Fitness- und Gesundheitssport – versucht und mit Blick auf unterschiedliche, sich wandelnde Bewegungskulturen näher geprüft (vgl. u. a. Krüger, 2021). Dabei geht es in einem humanen Interesse an der Sport- und Bewegungskultur um die Frage, wie verschiedene Sport- und Bewegungsaktivitäten ausgeprägt sind und wie sie den Menschen perspektivisch zugutekommen können (vgl. Kurz, 2017).
Zur Analyse von sich wandelnden Bewegungskulturen soll zunächst ein Kontext bewegungskultureller Leitideen eröffnet werden (Kap. 2.1), um dann bisherige Beiträge zur Sportentwicklung zu sondieren (Kap. 2.2) und nacheinander historische, sportive sowie alternative und trendige Bewegungskulturen zu sichten (Kap. 2.3 bis 2.6). Diese werden anschließend in ein Vier-Felder-Modell eingeordnet (Kap. 2.7) und abschließend gesundheitsperspektivisch bilanziert (Kap. 2.8).
Verschiedene Bewegungskulturen repräsentieren nicht nur vordergründig betrachtet ein spezifisches Sich-Bewegen, sondern werden auch von dominanten, dahinterstehenden Bewegungsvorstellungen und bestimmten Leitideen mitgetragen (vgl. u. a. Balz/Krüger, 2009). Solche Vorstellungen und Leitideen können sehr unterschiedlich ausfallen, zumal Sport sich als Mittel für viele verschiedene Zwecke – nicht zuletzt für politische, ökonomische, kulturelle, pädagogische und persönliche Absichten – nutzen lässt: z. B. für das „Heranzüchten kerngesunder Körper“ durch eine entsprechende Körperertüchtigung im Nationalsozialismus oder für Menschenrechte, Fairplay und „Respekt“ inkl. entsprechender Vermarktung und Widersprüche im heutigen Spitzensport. An dieser Stelle konzentrieren wir uns auf drei exemplarische, gesundheitsrelevante und pädagogisch vertretbare Leitideen – im Sinne von demokratisch und auch sportpolitisch tragfähigen sowie praktisch bedeutsamen „Kursangaben“ für die gegenwärtige Sport- und Bewegungskultur (vgl. Balz/Krüger, 2009, S. 34).
Erstens – Lebenslanges Sporttreiben: Mit der großen Karriere des Sports und der Ausbreitung von zahlreichen Sportarten in Freizeit, Schule und Verein seit den 1970er-Jahren entwickelt sich Sportivität zu einer zentralen Leitidee (vgl. Kap. 2.4). Dahinter steht die Vorstellung von einem sportlichen Lebensstil möglichst aller Menschen, die etwas leisten und ein aktives Leben führen wollen bzw. sollen. Häufig wird hierfür die Formel der Hinführung und Motivation zum lebenslangen Sporttreiben verwendet. Das schließt die Ausbildung motorischer Fähigkeiten und Fertigkeiten für das Erlernen von gesellschaftlich verbreiteten Sportarten und damit eine Qualifikation zur Teilhabe am Kulturgut Sport ein (vgl. u. a. Hummel, 2001); für den sogenannten Ausdauer- und Fitnesssport geht es mit besonderen Möglichkeiten präventiven Trainings einher. Als sportimmanente Leitidee rekurriert die Formel vom lebenslangen Sporttreiben zugleich auf motivationale Zugänge und Bindungen an reizvolle Sportpraxen. Allerdings erweist es sich als problematisch, dass Sport im Sinne eines gesetzten Kulturgutes manifestiert und lebenslanges Sporttreiben quasi missionarisch transportiert wird, statt bewegungskulturelle Vielfalt und die Selbstbestimmung von Individuen zu fördern (vgl. Balz, 2006, S. 4 ff.).
Zweitens – Diätetik und Salutogenese: Mit der Relativierung gesellschaftlicher Leistungsorientierung und einem verbreiteten Wertewandel hin zu mehr Freizeit, Selbstverwirklichung, Gesundheit etc. entwickelt sich auch im Sport neben den primär agonalen Praxen ein gesundheitsbewusstes Sporttreiben im Kontext gesunder Lebensführung. In klassischen Ansätzen wie der Diätetik (inkl. des richtigen Maßes an Bewegung, Ernährung, Entspannung, Hygiene) und in gesundheitswissenschaftlichen Konzepten wie der Salutogenese (inkl. des zentralen Kohärenzsinns und weiteren Gesundheitsressourcen) werden „Sport und Bewegung“ als wichtiges Element gesunder Lebensführung identifiziert und adäquat ausgestaltet (vgl. u. a. Waller, 2006). Gesundheitsbezogene Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten sollen helfen, das eigene Sporttreiben (von der Körpererfahrung über das Joggen, Spielen, Radfahren bis zu Aerobic und Yoga) und auch das sonstige Leben möglichst gesundheitsgerecht zu formen. Hier kann es jedoch problematisch werden, wenn sportliche Aktivität vorrangig als probates Mittel nur dem gesundheitlichen Zweck dient und sich z. B. als funktionaler Fitnesssport eindimensional – statt mehrperspektivisch (s. u.) – auf diesen Zweck kapriziert.
Drittens – Handlungsfähigkeit und Lebenskunst: Mit der gewachsenen Vielfalt sportlicher Praxen, Beweggründe, Handlungsmuster und Organisationsformen weitet sich zusehends das Spektrum bewegungskultureller Orientierungen über Leistungszentrierung oder Gesundheitsförderung hinaus. Unter einer Leitidee der Handlungsfähigkeit geht es nun darum, die vielfältige Sport- und Bewegungskultur (inkl. ästhetischer, kooperativer und naturbezogener Bewegungspraxen) zu erschließen, eine Teilhabe an der jeweiligen Praxis zu ermöglichen und zugleich die persönliche (z. B. körperliche, soziale, gesundheitliche) Entwicklung von Menschen zu fördern. Insbesondere mit dem Schulsport ist damit das Prinzip der Mehrperspektivität bzw. des mehrperspektivischen Sportunterrichts verbunden (vgl. Ruin, 2019). Weitergehend wird hiermit auch auf die Fähigkeit gezielt, für sein eigenes Leben zu sorgen und es aus Einsicht und Erfahrung, möglichst mit Sport und Bewegung, im Sinne einer philosophisch begründeten Lebenskunst sinnvoll zu gestalten (vgl. Balz, 2006). Insofern relativiert sich die gesundheitliche Bedeutung sportlicher Aktivität und geht im größeren Zusammenhang eines vielseitigen Sporttreibens und bewegungsfreundlichen Lebens, ggf. mit Gartenarbeit statt Gymnastik, auf.
Solche Leitideen konturieren die jeweilige Ausübung, Vermittlung und Organisation von sport- und bewegungskulturellen Praxen, verleihen unserer Sport- und Bewegungskultur ein bestimmtes Profil und setzen Akzente für die Ausprägung von Bewegungs- und Lebenswelten. Dabei lässt sich idealtypisch zwischen einer sportimmanenten Leistungsorientierung, einer sportbezogenen Gesundheitsförderung und einer mehrperspektivischen Sport- und Lebensgestaltung unterscheiden (s. o.). Mit der Analyse historischer, sportiver, alternativer und trendiger Bewegungskulturen kann hier angeschlossen und die bewegungskulturelle Differenzierung vertieft werden (vgl. Kap. 2.3 bis 2.6). Das gilt es zunächst in den wissenschaftlichen Diskurs um Sportentwicklung einzuordnen (vgl. Kap. 2.2).
Das Leibliche ist, anthropologisch betrachtet, eine wesentliche Dimension des Menschseins. Die körperliche Verfasstheit und das individuelle Bewegungsvermögen erschließen uns spezifische Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten (z. B. beim Schwimmen) und eröffnen so bestimmte Spielräume in der Welt. Unterschiedliche Leibesübungen reichen, kulturell betrachtet, weit in die Geschichte der Menschheit zurück. Sie entstammen rituellen, ästhetischen und alltäglichen Bewegungspraxen (wie das Tanzen oder Speerwerfen), wurden gesellschaftlich kultiviert und immer wieder neu erfunden (wie Turnen oder Basketballspielen) und können als sich wandelnde und jeweils genauer ausgestaltete Bewegungskultur begriffen werden.
Der Wandel unserer Bewegungskultur wird neben intensiver sporthistorischer Zuwendung insbesondere auf dem sportwissenschaftlichen Feld der Sportentwicklung beleuchtet. Dabei geht es im Sinne einer Durchdringung der Bedingungen und Möglichkeiten von Sportentwicklung darum, potenzielle Veränderungen der Bewegungskultur(en) im Zeitverlauf genauer zu beschreiben und besser zu verstehen. Mit dem sportwissenschaftlichen Zugang auf eine so begriffene Sportentwicklung werden einerseits grundlegende Beiträge zur Einordnung, Steuerung und Theoretisierung von Sportentwicklung geleistet; andererseits werden exemplarische Konzepte, Projekte und Formate der Sportentwicklung – vom Schul- und Vereinssport über Spitzensport, Doping und Inklusion bis zur Sportstättenentwicklung und sexualisierten Gewalt – in zunehmend differenzierter Weise präsentiert und reflektiert (vgl. u. a. Balz/Kuhlmann, 2009).
Der bisherige Diskussionsstand zu einer auch sportwissenschaftlich reflektierten Sportentwicklung wurde zuletzt durch einige, nachfolgend skizzierte Beiträge bzw. Bände markiert:
So beleuchtet z. B. die Edition „Global-lokale Sportkultur“ mit Konferenzbeiträgen das Spektrum sportartspezifischer und systematischer Facetten nationaler wie internationaler Sportentwicklung unter dem Titel „Gesellschaftlicher Wandel und Sportentwicklung. Bilanz und Perspektiven“ (vgl. Schulze/ Marker, 2011).
Die Reihe „Sportsoziologie“ fokussiert kritisch ausgewählte Herausforderungen und gesellschaftspolitische Bedingungen der Sportentwicklung mit Beiträgen zu Olympia, zum Spitzensport, Wertewandel und Regelbewusstsein, zur Ökonomisierung, sozialen Ungleichheit und zur Medienmacht (vgl. Digel, 2013).
Die „Schriftenreihe des DOSB“ zur Sportentwicklung mit verschiedenen Themenschwerpunkten und Bänden nimmt vornehmlich die Sportvereinsentwicklung in den Blick und betrachtet sie mit Beiträgen zu gesellschaftlichen Funktionen und wünschenswerten Wirkungen, zu Teilhabechancen und Integrationspotenzialen, gelungenen kommunalen Beispielen und künftigen Möglichkeiten genauer (vgl. u. a. DOSB, 2014).
Die Reihe „Forum Sportpädagogik“ analysiert die „Sportentwicklung vor Ort“ mit konkreten Projekten aus unterschiedlichen Quartieren und stellt dabei für vier Felder des Sports (vgl. auch Kap. 2.7) exemplarisch z. B. eine kooperative Sportstättenentwicklung, eine informelle Laufbewegung und vernetzte Schulsportentwicklung oder kommerzielle Studioentwicklung vor (vgl. Balz/Kuhlmann, 2015).
Darüber hinaus lassen sich spezifische Beiträge zur Sportentwicklung identifizieren, die dann jeweils ausgewählte Personengruppen (z. B. Senioren), Regionen (z. B. ländliche Räume), Sportarten (z. B. Leichtathletik), Aspekte (z. B. Digitalisierung) oder Probleme (z. B. Missbrauch) betreffen. Gesundheitliche Fragen und Perspektiven werden in diesem Zusammenhang entweder eher implizit behandelt oder gesundheitsperspektivisch vom größeren Kontext der Sportentwicklung abgekoppelt. Die vorliegenden Beiträge bieten so lediglich einen Rahmen, in dem gesundheitsspezifische Facetten der Sportentwicklung akzentuiert und systematisch aufgearbeitet werden können, wie das etwa für die Dopingproblematik oder für den Fitnessstatus (insbesondere von Kindern und Jugendlichen) ansatzweise geschieht.
Im Folgenden geht es nun darum, zunächst retrospektiv gesundheitsrelevante Stationen bisheriger Sportentwicklung nachzuzeichnen (vgl. Kap. 2.3 bis 2.6) und dann introspektiv gesundheitsbezogene Fragen auf verschiedenen Feldern des Sports bzw. der Sportentwicklung zu platzieren (vgl. Kap. 2.7).
Nach einer vorherrschenden Gymnastik (bis Mitte des 19. Jahrhunderts) und einem dominierenden Turnen (in der Kaiserzeit) wird das bereits in der Weimarer Republik angelegte Spektrum unterschiedlicher Leibesübungen – auch mit tänzerischen Elementen, Wandern, Schwimmen und ersten Sportarten – in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg (insbesondere während der 1960er-Jahre) weiter kultiviert. Damit verbindet sich für die Leibeserziehung unter Vertretern und Vertreterinnen einer meinungsführenden bildungstheoretischen Didaktik die Vorstellung, bei der
