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Die Geschichte der beiden deutschen Teilstaaten wird meist getrennt behandelt. Dieses Buch wählt hingegen eine gesamtdeutsche Perspektive auf die Gesellschaftsgeschichte der Teilung und Wiedervereinigung. Es fragt vor allem, wie Ost- und Westdeutschland auf zwei unterschiedliche Umbrüche reagierten: auf die neuen Herausforderungen und Krisen der 1970er Jahre und auf die Wiedervereinigung. Auf diese Weise zeigt es bisher wenig beachtete innerdeutsche Bezüge, aber auch lang wirkende Differenzen. Dabei spannt das Buch einen breiten Bogen, der vom Wandel des Politischen, der Arbeit und der Wirtschaft über Migration und Umweltfragen bis hin zur neuen Bedeutung von Medien, Sport und Bildung reicht.Obwohl beide deutschen Staaten in den 1970/80er Jahren mehr Eigenständigkeit entwickelten, blieben sie in vielen Bereichen aufeinander bezogen. Übergreifende neue europäische Trends, wie die Expansion des Sozialstaats, vollzogen sich in wechselseitiger Beobachtung und Konkurrenz. Umweltprobleme oder die Ölkrisen machten eben nicht an der Mauer halt und in beiden Teilstaaten entstand ein Massentourismus. Ebenso setzten westliche Innovationen, wie die Computerisierung oder die neuen Protestbewegungen, auch die DDR unter Druck. Deutlich wird dabei, dass besonders die DDR stark auf die Bundesrepublik bezogen blieb, was mit zu ihrem Niedergang beitrug. Zugleich zeigt das Buch die Differenzen und das Auseinanderwachsen von Ost und West, wodurch fortbestehende Unterschiede nach 1990 historisch erklärt werden.
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Seitenzahl: 954
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Geteilte Geschichte
Ost- und Westdeutschland 1970–2000
Herausgegeben von Frank Bösch
Vandenhoeck & Ruprecht
Mit 6 Abbildungen und 7 Tabellen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation inder Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99697-4
Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de.
Umschlagabbildung: Staffel-Einlauf von Renate Stecher (DDR) undHeide Rosendahl (Bundesrepublik) bei den olympischen Spielen 1972 in München.© picture alliance/Sven Simon
© 2015, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, 37073 Göttingen /Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällenbedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Lektorat: Jens Brinkmann, Waltraud Peters (ZZF Potsdam)Satz: textformart, Göttingen | www.text-form-art.de
Inhalt
Frank BöschGeteilt und verbunden.Perspektiven auf die deutsche Geschichte seit den 1970er Jahren
Frank Bösch / Jens GiesekeDer Wandel des Politischen in Ost und West
Ralf Ahrens / André SteinerWirtschaftskrisen, Strukturwandel und internationale Verflechtung
Frank UekötterÖkologische Verflechtungen.Umrisse einer grünen Zeitgeschichte
Winfried SüßSoziale Sicherheit und soziale Ungleichheit in wohlfahrtsstaatlich formierten Gesellschaften
Rüdiger HachtmannRationalisierung, Automatisierung, Digitalisierung.Arbeit im Wandel
Christopher Neumaier / Andreas LudwigIndividualisierung der Lebenswelten.Konsum, Wohnkultur und Familienstrukturen
Jürgen Danyel / Annette SchuhmannWege in die digitale Moderne.Computerisierung als gesellschaftlicher Wandel
Emmanuel Droit / Wilfried RudloffVom deutsch-deutschen »Bildungswettlauf«zum internationalen »Bildungswettbewerb«
Maren MöhringMobilität und Migration in und zwischen Ost und West
Jutta BraunWettkampf zwischen Ost und West.Sport und Gesellschaft
Frank Bösch / Christoph ClassenBridge over troubled Water?Deutsch-deutsche Massenmedien
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Frank Bösch
Geteilt und verbundenPerspektiven auf die deutsche Geschichte seit den 1970er Jahren
Die zeithistorische Forschung hat sich im letzten Jahrzehnt beträchtlich verändert. Sie hat sich thematisch und methodisch breiter aufgestellt, überbrückt Zäsuren wie 1989 und strebt transnationale Perspektiven an. Diese vielfältigen Erweiterungen führten jedoch bisher selten dazu, dass Historiker die deutsche Geschichte in Ost und West gemeinsam betrachteten. Vielmehr wurde die Entwicklung der Bundesrepublik vor allem in Beziehung zu den westlichen Industrieländern gesetzt, mitunter auch zur »Dritten Welt«. Die DDR blieb dagegen für die meisten westdeutschen Historiker ein »fernes Land«, das gesondert vornehmlich an ostdeutschen oder Berliner Universitäten untersucht wurde.1 Auch in den vielfältigen theoretischen Debatten um eine transnationale Geschichte, »shared history« oder »entangled history« spielte die deutsch-deutsche Geschichte keine Rolle.2 Zu unklar war vermutlich, welchen Status das »Nationale« hier überhaupt hatte – da es sich ja um eine »trans-staatliche« Geschichte einer später wiedervereinigten Nation handelt. Selbst die großen Überblickswerke zur deutschen Zeitgeschichte betrachteten zumeist die Bundesrepublik oder die DDR getrennt, auch wenn sie über die Wiedervereinigung hinausreichten.3 Deutsch-deutsche Perspektiven blieben vornehmlich dem Feld der innerdeutschen Beziehungen und Begegnungen vorbehalten – von Brandts Ostpolitik über Biermanns Ausbürgerung bis hin zu Kohls Wiedervereinigungspolitik.4
Dieses Buch wählt mit seiner deutsch-deutschen Perspektive einen anderen Ansatz. Statt der gut erforschten diplomatischen Ebene stellt es bewusst einen stärker sozialgeschichtlich akzentuierten Zugang in den Vordergrund und untersucht vergleichend den Wandel sozialer Strukturen in Ost und West – etwa der Arbeit, der Wirtschaft und sozialen Lagen, der Bildung, der Lebenswelten und des Politischen oder auch der Umwelt, des Sports und der Medien. Dabei betrachtet es nicht nur das Trennende und die Unterschiede zwischen den beiden Teilstaaten, sondern fragt auch offen nach Ähnlichkeiten und Interaktionen zwischen Ost und West. Der Titel »geteilte Geschichte« verweist somit im doppelten Sinne sowohl auf die Spaltung des Landes und die Unterschiede als auch auf mögliche gemeinsame Bezüge im Sinne einer »shared history«.5
Im Vordergrund steht besonders die Frage, auf welche Weise sich Ost- und Westdeutschland seit den 1970er Jahren veränderten. Bisher wurde der oft rasante Wandel im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts vornehmlich getrennt erklärt, sei es aus den spezifischen Problemen des Sozialismus, sei es aus den strukturellen Verschiebungen westlicher Industriegesellschaften im Zuge der Globalisierung »nach dem Boom«.6 Durch den vergleichenden Blick auf beide Seiten der Mauer lässt sich prüfen, inwieweit es Bezugspunkte gab oder doch systembedingte Pfade dominierten.7 Inwiefern reichten die markanten Veränderungen der Zeit über die Grenze hinaus – wie etwa die ökonomischen Krisen der 1970er Jahre, der Wandel des Politischen, die Umwelt- und Energieprobleme oder auch die neue Bedeutung von Medien und Computertechnik, von Konsum und Sport? Für die DDR geht dies mit der Frage einher, inwieweit mit dem Westen verbundene Herausforderungen bestanden, die den Niedergang des Sozialismus mit erklären können. Aber ebenso ist zu prüfen, ob die DDR im Systemwettstreit auch die Bundesrepublik beeinflusste.
Für die Zeit nach 1990 steht zum einen die Frage im Vordergrund, in welchem Maße sich Ostdeutschland an den Westen anpasste oder Unterschiede fortbestanden. Zum anderen ist zu diskutieren, inwieweit sich auch der Westen im Zuge der Wiedervereinigung wandelte und der Osten etwa ein Laboratorium für künftige Entwicklungen im Westen bildete.8 Von einer »geteilten Geschichte« können wir dennoch auch für die 1990er Jahre im doppelten Sinne sprechen: Denn trotz der Wiedervereinigung und der Annäherung von Ost- und Westdeutschland blieben zahlreiche Unterschiede sichtbar, die hier in einer längeren Perspektive erklärt werden.
Um parallele, verflochtene oder getrennte Entwicklungen auszumachen, nimmt das Buch oft eine vergleichende Perspektive ein, ohne dabei jedoch eine marktwirtschaftliche Demokratie und eine planwirtschaftliche sozialistische Diktatur gleichzusetzen.9 Denn schließlich wirkten die differenten Staatsformen in alle Lebensbereiche hinein und sind insofern immer wieder zu vergegenwärtigen. Fragen von Herrschaft und Macht werden allerdings auch durch den Blick auf die Gesellschaft nicht ausgeblendet. Vielmehr wird deren Reichweite so erst deutlicher.
Das Titelbild unseres Buches, das den Staffel-Einlauf von Renate Stecher (DDR) und Heide Rosendahl (Bundesrepublik) bei den olympischen Spielen 1972 in München zeigt, verweist exemplarisch auf diese im mehrfachen Sinne »geteilte Geschichte.« Das Bild steht zum einen für die Systemkonkurrenz und gesellschaftliche Unterschiede zwischen Ost und West: So versinnbildlicht es den Wettbewerb mit getrennten Staatswappen, die unterschiedlichen sportlichen Ausbildungssysteme oder auch den Doping-Vorwurf gegen die DDR-Spitzensportler.10 Ebenso visualisiert es übergreifende internationale und deutsch-deutsche Entwicklungen. So repräsentiert es die starke Aufwertung des Sports als Leistungsschau im Kampf um internationale Reputation, weshalb sich die Bundesrepublik nachdrücklich um die Austragung der Olympischen Spiele 1972 und der Fußball-WM 1974 beworben hatte.11 Der Sport ermöglichte auch in der DDR eine Kommunikation über die Mauer hinweg, sei es als (bewachter) Reisekader, sei es bei der medialen Rezeption. Dass in diesem Fall die bundesdeutsche Staffel gegen die DDR gewann, unterstreicht, dass auch der Westen in dieser Zeit auf eine intensivierte Sportförderung setzte, um bei den führenden Sportnationen mitzuhalten. Doping-Mittel waren seit 1970 auch in der Bundesrepublik zunehmend verbreitet und gerade die olympischen Spiele in München gelten dabei als ein Wendepunkt.12Auch rein optische Ähnlichkeiten stehen für die deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte: Beide Läuferinnen tragen Schuhe des bundesdeutschen Unternehmens Adidas, das in den 1970er Jahren auf dem Weltmarkt führend war, und der halblange Frauenhaarschnitt verweist auf übergreifende Trends im Lebensstil. Beide Frauen studierten an Sporthochschulen und waren anschließend im Sportbereich berufstätig. Und schließlich unterstreicht das Bild, welche große öffentliche Aufmerksamkeit Höchstleistungen von Frauen nun in Ost und West erhielten. Indirekt und in seiner späteren Gebrauchsweise steht das Foto schließlich auch für Probleme im wiedervereinigten Deutschland, wie die Debatten über den Rückbau ostdeutscher Trainingszentren, das Doping und gebrochene Biografien: Die Ostdeutsche Renate Stecher verlor nach der Wiedervereinigung ihre Stelle in der Sportausbildung, während die Westdeutsche Heide Rosendahl beruflich erfolgreich blieb.
Einzelne Plädoyers für eine integrierte deutsch-deutsche Geschichte kamen frühzeitig auf. Vor allem Christoph Kleßmann trat für eine asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte ein, die die Spannung zwischen Abgrenzung und Verflechtung aufgreift und dabei berücksichtigt, dass die DDR weitaus stärker die Bundesrepublik als Referenzgesellschaft sah als umgekehrt. »Die Bundesrepublik konnte problemlos ohne die DDR existieren«, so Kleßmann.13 Zu diskutieren ist, ob sich nicht ebenso auch die Bundesrepublik durch die Existenz der DDR in vielen Fragen fundamental anders entwickelte, allein schon, wenn man die prägende Bedeutung des Anti-Kommunismus in vielen gesellschaftlichen Bereichen berücksichtigt.14 Selbst der westdeutsche Konsum, Sport oder die Medienfreiheit gewannen durch die Teilung eine andere politische Bedeutung. Kleßmann schlug zudem sechs Phasen und Bezugsfelder vor, wie »die beginnende Blockbildung«, »die Eigendynamik der beiden Staaten« oder »die systemübergreifenden Problemlagen fortgeschrittener Industriegesellschaften« seit den 1970er Jahren. Ebenso plädierte Konrad Jarausch für eine »plurale Sequenzperspektive«, die die Entwicklung aufeinanderfolgender Problemfelder ernst nimmt. Besonders den 1970er Jahren sprachen sie beide eine Scharnierfunktion zu. Andere, wie Thomas Lindenberger, regten an, Grenzräume als einen durch politische Herrschaft konstituierten Raum zu betrachten, der einen besonderen Umgang mit dem »Anderen« und durch Abgrenzungen auch Verbindungen schafft.
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