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Beschreibung

Seit dem Frühjahr 2022 führt Russland seinen brutalen Krieg gegen die Ukraine. Trotz Unterstützung durch EU und NATO und deren Partner gelingt es nicht, ihn zu beenden. Moskaus Strategien, den Westen zu spalten, fallen auf fruchtbaren Boden. Längst steht fest, dass es sich nicht um einen regionalen Konflikt handelt. Der Krieg ist Teil einer Welt, deren Machtgefüge im Umbruch begriffen ist.

Für die Ukraine selbst – für ihre Städte, ihre Infrastruktur, ihre Natur und alles Leben – heißt jeder neue Tag Zerstörung, Kampf und Erschöpfung. Wie arbeitet man unter Bedingungen des Zermürbungskrieges – als Lehrerin, als Drohnenoperateur, als Therapeut? Welche Strategien entwickeln die Ukrainerinnen, die Ukrainer, um gegen Müdigkeit und Verzweiflung anzukämpfen? Was bedeutet ihre Erfahrung für unsere gemeinsame Zukunft? Und was muss geschehen, damit der Krieg endet?

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Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cover

Titel

3Geteilter Horizont

Die Zukunft der Ukraine

Herausgegeben von Kateryna Mishchenko und Katharina Raabe

Mit 15 Fotografien von George Ivanchenko

Suhrkamp

Impressum

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Bildauswahl: Yuriy Hrytsyna

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2025

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2025.

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2025

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlag gestaltet nach einem Konzept von Willy Fleckhaus:Rolf Staudt

Umschlagfoto: © Dmytro Smolyenko/Avalon/picture alliance

eISBN 978-3-518-78166-1

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

I

Kateryna Mishchenko

:

Nebeneinander

Yuriy Hrytsyna

:

Ein Luftkrieg zum Mitmachen

Ivan Choopa

:

Sternenfabrik oder Der Kampf um ein namenloses Wäldchen

Feindliche Umgebung

Darya Tsymbalyuk

:

Krieg in der Steppe

Yulia Danylevska

:

Spionin in einer besetzten Stadt

Maryna Aleksandrovych

:

Uneindeutiger Verlust

Jurko Prochasko

:

Die lebendigen Seelen

Ksenia Marchenko

:

Anatomie des Abschieds

Der Tod als ein Grund zu leben

Leben als Pflicht

Zeremonien des Abschieds

Ritus und Friedhöfe

Nataliya Tchermalykh

:

Kriegskinder

II

Katja Petrowskaja

:

Ukrainischstunden Notizen einer Leserin

1. Hostomel

2. Initiation durch Lesen

3. Wohin der Zug fährt

4. Wie ich für eine Fahrt zweimal bezahlte

5. Wie ich zum ersten Mal das Wort

KRIEG

sagte

6. Was mir mit der Sprache geschah

Stanislaw Assejew

:

MÜLL

(

CH

. ‌

L

. ‌

A

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M

.)

Marci Shore

:

Der Niedergang

Wie kam es, dass die Welt so dystopisch wurde?

Ingo Petz

:

Widerstand und Terror in Lukaschenkos Aufmarschgebiet

Unfreiwillige Komplizenschaft

Der Kampf gegen die »Feinde im Inneren«

Verschärfte Repressionen

Effektive Einflussnahme Moskaus

Belarus – Russlands Aufmarschgebiet

Kriegsdienstleister in spe

Lukaschenkos Traum vom Friedensstifter

Ein amerikanischer Besuch und seine Folgen

Die Einsamkeit der Belarussen und die Hoffnung auf die Ukraine

Wilfried Jilge

:

Russlands Ausgreifen nach Süden. Die strategische Bedeutung der Schwarzmeerregion

Die Errichtung der »Russischen Welt«

Neurussland

Wo Ukraine war, soll Russland werden

Die Krim als Streitobjekt

Russlands hybrider Seekrieg

Russlands Scheitern im Schwarzen Meer

Russlands Kriegsziel

Angelika Nußberger

:

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine und das Völkerrecht

Putin und das Völkerrecht

Recht auf Eroberungen?

Recht zum Schutz vor Genozid?

Recht auf Selbstverteidigung?

Frieden ohne Recht?

Heidi Tagliavini

:

Chancen und Grenzen diplomatischen Handelns im Krieg

Gespräch mit Katharina Raabe

Minsk – eine gescheiterte Mission?

Warum wurde Russland vom Partner zum Gegner des Westens?

Das war natürlich fatal für die Entwicklung.

Verhandeln – aber wie?

Kann es mit Russland Frieden geben?

Welche Auswege gibt es?

Wenn schon kein Frieden – wie könnten Lösungsansätze aussehen?

Nachbemerkung

Bildlegenden

Kurzbiographien

Fußnoten

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Kateryna Mishchenko

Nebeneinander

Ermüdungskrieg, Ermüdungskrieg – das kann man sich beim Ein- und Ausatmen immer wieder vorsagen, um den Atem zu beruhigen, wenn man sich nur noch hinlegen, mitten im Wort einschlafen, den Gedanken nicht zu Ende denken und nie wieder etwas sagen möchte. Aber ich weiß, jegliche Ermüdung ist eine Chance, ein kleiner Pluspunkt für den Krieg. Er funktioniert wie ein Algorithmus, der alle ins Visier nimmt, die sich irgendwie mit ihm verbunden haben, und versucht, sie in den Strom der Gewalt hineinzureißen. Deshalb sollte man der Erschöpfung nur minimalen Raum geben, sie beiläufig als vertrauten Hintergrund wahrnehmen und nicht als allgegenwärtige Verarmung – des Körpers, der Psyche, der Hoffnung. Ein weiterer aufdringlicher Gedanke: Es bleibt rein gar keine Zeit mehr, buchstäblich nur noch für ein Ausatmen, als befände man sich in einer Spielart der mindfulness, maximal gegenwärtig, nur in diesem Augenblick – und ringsum Wüste. Vielleicht gibt es eine Zeit oder vielmehr ein Zeitgefühl, das man als genozidal bezeichnen könnte – wenn die ständige Gefahr der Vernichtung zu einem erdrückenden Rahmen wird, der nur kleine taktische Schritte erlaubt und keinen Blick darüber hinaus.

Die Nachrichten dieses heißen Sommers in Europa: Die UN-Beobachtungsmission in der Ukraine hat die höchste Zahl an zivilen Opfern seit drei Jahren registriert: Im Juni 2025 wurden 232 Menschen getötet und 1343 verletzt.[1]  Die russischen Luftangriffe erinnern tatsächlich immer mehr an Schwarmanflüge. Das Schwirren der Drohnen über den Köpfen der Menschen in ukrainischen 10Städten, die in Reichweite der Russen liegen, bezeichnet eine neue Phase des Krieges. Zu dem Geräusch der Shaheds, die im Volksmund auch als Mopeds bezeichnet werden, gesellt sich das Brummen kleiner Propeller. Sie wälzen die Luftmassen und produzieren ihren ganz eigenen »wind of change«. Die Luftschutzsirene war ein Signal der Gefahr, dessen Klang wir noch aus Filmen über den Zweiten Weltkrieg, also aus einer fernen Vergangenheit, kannten. Die Drohnenschwärme, die jetzt die Städte terrorisieren, erzeugen eine ganz neue Akustik, das aufdringliche Summen der Zukunft.

Die Bürgerrechtlerin Marija Berlinska, die den Maidan mitgemacht und seit der russischen Invasion 2014 die ukrainische Luftaufklärung wesentlich weiterentwickelt hat, schrieb kürzlich: »Zurzeit fürchten alle die Shaheds und Raketenangriffe, aber Shaheds und Raketen schlagen nach konkreten Koordinaten ein. Es gibt etwas viel Gefährlicheres – Tausende von Drohnen über den Städten, ständig auf der Jagd. Das könnte schon 2026 unsere Realität sein. Und es betrifft nicht nur Sumy, Dnipro oder Charkiw. Sondern auch Lwiw und Tscherniwzi. Das, was jetzt schon in Cherson und Kostjantyniwka passiert, obwohl dort noch Drohnen mit Funksteuerung oder Glasfaser zum Einsatz kommen. Ich spreche von einem Level-up – vollständige oder teilweise Autonomie. … Tausende von Mörderdrohnen … Das ist keine Frage von Jahrzehnten mehr. Es ist eine Frage von Monaten. Mir ist klar, dass das wie ein Science-Fiction-Horrorfilm klingt. Aber es ist unsere Realität, nach meiner Einschätzung schon nächstes Jahr, 2026.«[2] 

Weiter beschreibt Berlinska, was getan werden muss, um die Menschen vor einem solchen Szenario zu schützen, als wolle sie alle aus einem lähmenden Schlaf wecken. Die Luft ist dick – mit diesen Worten beschreiben Soldaten die große Anzahl von Drohnen über ihren Köpfen und die Unmöglichkeit, sich wegzubewe11gen. Berlinska formuliert ihre Botschaft als eine Art didaktischen Horrors, um die Dringlichkeit der Situation und notwendiger Maßnahmen zu vermitteln.

Wenn ich von den Mörder-Drohnen lese, denke ich an das berühmte Rätsel aus Alfred Hitchcocks Film Die Vögel: Warum fangen Vögel plötzlich an, Menschen zu töten, und hören dann plötzlich wieder auf? Slavoj Žižek beschreibt in seinem Text Welcome to the desert of the Real[3]  die Aufnahmen des herannahenden Flugzeugs beim Terroranschlag vom 11. September als ein Bild aus dem realen Leben, das das Bild eines Vogels vor dem Angriff wiederholt: Er erscheint zunächst als kleiner Fleck am Horizont. In welcher Beziehung stehen derzeit Horizontlinie und Frontlinie zueinander?

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In einem Bericht von Human Rights Watch vom Juni 2025[4]  werden Augenzeugen aus dem Gebiet Cherson zitiert, die berichten, dass Drohnen oft Antipersonenminen in den Städten verteilen. Die Überlebensregeln für die Menschen ändern sich: Mittlerweile muss man nicht mehr nur nach oben blicken und auf Geräusche achten, die von dort kommen, sondern auch genau beobachten, was sich direkt vor den Füßen befindet. Die Gefahr schafft ihre eigene physische Hülle und versucht, den Menschen darin einzusperren. Safari, Menschen als Zielscheiben, die Stadt als Schießstand – das sind die Metaphern, die die Augenzeugen verwenden.

Eine der Protagonistinnen des Dokumentarfilms Kherson: Human Safari von Zarina Zabrisky[5]  beschreibt, wie sich die Stadt durch die Drohnen verändert hat, dass sich immer mehr Leben, insbesondere das kulturelle, unter die Erde verlagert, wo al12les noch relativ sicher ist und man die Zeit ohne plötzliche Angriffe planen kann. Diese Erfahrung machen nicht nur die Einwohner von Cherson. Es findet eine vertikale Vertreibung der Bevölkerung ganzer Städte statt – als eine der Folgen davon, dass der Aufruf »Close the sky«, der seit dem ersten Tag der Invasion zu hören war, unbeantwortet blieb.

Derweil leben die Ukrainer in ihrer spezifischen Freiheit – der Freiheit, auf sich selbst gestellt zu sein. Der Alltag wird immer beengender, genauer gesagt, engt er dich ein zwischen einem gefährlichen Himmel und einem verminten Boden. In letzter Zeit stoße ich im ukrainischen Internet immer häufiger auf das Wort deblokada – Befreiung aus Trümmern – sowie auf Anleitungen zum Überleben unter Trümmern. Nicht nur das Tempo der Angriffe hat sich geändert, jetzt tragen die Shaheds neben ihren dreißig Kilogramm Sprengstoff auch Brandstoffe, damit nach der Explosion ringsum zusätzliche Feuer entstehen. Unter den Trümmern überlebt etwa eine Person von hundert, sagt Viktoria Ruban, Sprecherin des Staatlichen Katastrophenschutzdienstes im Kyjiwer Gebiet, in einem Beitrag von hromadske[6] . Im selben Artikel wird auch die Überlebende Maria aus Charkiw zitiert, die im Schlaf den Alarm nicht gehört hat, sondern erst den Lärm der Shahed: »Ich wusste, dass es entweder mein Haus oder das Nachbarhaus treffen würde. Instinktiv rollte ich mich in Embryonalstellung zusammen, zog die Bettdecke über mich und bedeckte mein Gesicht mit den Händen.«

Zwei Platten der Zwischendecke fielen auf Maria.

»Ich schob mit dem Kopf das Kissen ein Stück weg, um etwas Luft zu bekommen. Atmen konnte ich nur sehr schwer: Staub, Rauch, Brandgeruch, die Wohnung über mir brannte ja, und aus dem Loch in der eingestürzten Decke flogen brennende Trümmer auf mich. Auch meine Wohnung brannte. Auf dem Balkon hatte der künstliche Weihnachtsbaum Feuer gefangen und ich bekam den ganzen Ruß ab, das Feuer versengte mir den Rücken. Die 13Rettungskräfte löschten das Feuer, und das Wasser ergoss sich über mich. Durch die Explosion waren die Wasserleitungen beschädigt, dort lief auch Wasser aus. Alles gleichzeitig: das Feuer, Wasser, Rauch und die Platte, die mich erdrückte. Über mir schrien meine Nachbarinnen um Hilfe, die dann lebendig verbrannten …«

Der russische Terror versucht mit seinen Angriffen, einfach alle unter Druck zu setzen, ihnen ihr Zuhause konkret oder langfristig zu nehmen, er vergiftet die Wohngebiete, die schlaflosen Nächte, die Wohnungen von Bekannten und Freunden mit seiner Gewalt, er lässt die Luft in den Städten rauchig werden und füllt die Kalender mit Tagen der Trauer um die Opfer eines weiteren Angriffs. Dieser Terror weiß, wen und wie er zermürben will: Wenn du dich entscheidest, dein Zuhause im Krieg nicht zu verlassen, dann rechne damit, dass es eines Tages buchstäblich über dir zusammenbrechen wird.

Ich erinnere mich daran, dass der Mensch das Haus der Sprache ist. In jedem lebt die Sprache in ihrer einzigartigen Dynamik mit den Erfahrungen, der Seele und den Mitmenschen. Zwingt einen der Albtraum des Krieges, sich irgendwo zu verstecken? Oder auf neue Weise Zärtlichkeit, Mitgefühl und Liebe auszudrücken? Sich um die Metapher zu kümmern, Sorgfalt auf sie zu verwenden und auf die Körperlichkeit der direkten Bedeutung zu achten. Was spricht das nackte Leben? Dem fremden Schmerz einen Raum bieten.

Die Marineinfanteristin Inga, die die russische Gefangenschaft in Taganrog überlebt hat, einem der schrecklichsten Gefängnisse Russlands (vor allem für ukrainische Gefangene, für die eine besonders grausame Behandlung angeordnet ist), zitiert die Worte einer Kameradin[7] : »Sie brachten mich in einen Raum … und dort stand ein Ofen, riesengroß … in den man einen Men14schen einfach hineinstecken konnte, und dann war der Mensch einfach weg. Zuerst schlug er mir so vierzig Mal mit der Faust auf den Kopf. Und dann … sie waren zu zweit … einer packte mich an einem Arm und einem Bein, der andere an einem Arm und einem Bein, und sie fingen an, mich in diesen Ofen zu schieben.« Sie ergänzte: »Er brannte in jenem Augenblick, dieser Ofen.«

Was bedeutet es, in der Nachbarschaft solcher Worte zu leben?

Über die Menschen und die Menschlichkeit nachzudenken, ist schmerzhaft. Trotz der unermüdlichen Arbeit von Menschenrechtsaktivisten, Menschen, die Verbrechen dokumentieren, trotz internationaler Institutionen und der Einrichtung von Tribunalen scheint die Menschlichkeit immer fragiler zu werden. Vielleicht liegt es daran, dass Entmenschlichung nicht nur neokoloniale Kriege speist, sondern auch rechtsradikale Bewegungen dort, wo es keinen Krieg gibt. In zwei militärischen Konflikten, die eng mit Europa verbunden sind – dem russischen Krieg gegen die Ukraine und dem Krieg im Nahen Osten –, sind Terror gegen die Zivilbevölkerung, die Jagd auf sie, gezielte Erschießungen und höllische Folter zu einem Instrument geworden, das Rechte und Konventionen verletzt, aber nicht mehr überrascht. Die Grenze zwischen Kombattanten und Zivilisten wird durchlässig. Der Krieg brutalisiert, und Menschenhass und kompromisslose Gegnerschaft dringen tief in die Politik ein. Vielleicht ist der Frieden gerade deshalb in so weiter Ferne, weil hierarchische, koloniale und rassistische Vorstellungen vom Menschen nicht nur in Kriegsgebieten vorherrschen.

Anfang Juli tötete eine russische Drohne einen einjährigen Jungen auf einem Hof im Gebiet Cherson.[8]  Es muss nicht extra gesagt werden, dass dies kein Zufall, sondern vorsätzlicher Mord war. Kinder zu töten, Kinder zu entführen, entführte Kinder zu indoktrinieren – das ist das Konzept der Fortsetzung des Lebens, 15eine Art Überlebenstaktik, die uns das heutige russisch-putinistische Regime vor Augen führt. Welches übrigens gerade seine eigenen demografischen Daten zur Verschlusssache erklärt hat.[9] 

In ihrem Essay The rise of end times fascism schreiben Naomi Klein und Astra Taylor über den ultrarechten Regimes eigenen »supremacist survivalism«.[10]  Die Autorinnen analysieren das Regime in den USA, beschreiben jedoch zugleich auch ein universelles Modell des modernen Faschismus, der insbesondere Russland erfasst hat. Absolute Missachtung des universellen Wertes des menschlichen Lebens im Namen der eigenen Exklusivität. Die Freude an der Zerstörung ist Ziel und Mittel zugleich, sie dient der Produktion apokalyptischer Erwartungen als Voraussetzung für den erträumten Lebensraum, wo das Privileg zu leben nur Auserwählten vorbehalten ist.

Der Horizont dieses Lebensraums ist der »eroberte« Mars oder irgendein anderer eroberter Punkt im Weltraum, deshalb, wie Klein und Taylor schreiben, ist es die Aufgabe der heutigen Antifaschisten im weitesten Sinne des Wortes, den Horizont auf die Erde zurückzuholen. Und hier für den Erhalt des Lebens in all seinen Formen zu kämpfen. Natürlich hat diese große politische und existenzielle Aufgabe ihre konkreten Projektionen in den konkreten Kämpfen von heute, insbesondere im Kampf der Ukrainer, die sich der Vertreibung, Verdrängung und Zerstörung widersetzen.

In letzter Zeit stoße ich in verschiedenen Zusammenhängen auf die Mondlandschaft als Metapher – so bezeichnen Soldaten die verwüstete, verbrannte Erde in den Geschosskratern, sie wur16de auch in einem Vortrag der Forscherin Svitlana Matviyenko erwähnt[11] , als sie über Extraktivismus in den von Russland kolonisierten Gebieten sprach. Die Mondlandschaft ist das Ergebnis der Arbeit destruktiver Futuristen, die nicht das Leben in kosmische Dimensionen ausdehnen, sondern den Tod dorthin exportieren wollen. Manchmal gebe ich mich übrigens Fantasien hin über einen Kometen oder über Explosionen auf der Sonne, jedenfalls über eine kosmische Intervention, die diesen Krieg beenden würde. Und dann wird mir klar, dass das nur ein Signal ist – alles Wichtige wird auf der Erde geschehen.

Als ich einmal eine Berliner Straße entlangging, blickte ich auf den Boden und erinnerte mich plötzlich an die leuchtend schwarzen Flecken im Garten meines Vaters in der Ukraine. Ich hatte ihm damals etwas von Kompost erzählt und dass ich ihm Würmer schenken wolle, worauf er antwortete, das sei nicht nötig, »hier wächst doch alles auch so, sieh dir doch nur mal diese Erde an«. Sie war tatsächlich tiefschwarz.

Die Schwärze dieses Schwarzerdebodens ist für mich ein Bild meines Zuhauses im Krieg, des Zuhauses, das ich verlassen habe, wobei ich auch diejenigen verstehe, die weiter dort leben. Wie viele andere, die weit weg von zu Hause und/oder dem unmittelbaren Krieg sind, denke ich ständig daran, lese alles, was mit meinem Zuhause zu tun hat, um mental verbunden zu bleiben. Ich weiß, dass manche Menschen durch Videos von Drohnenabschüssen beruhigt werden. Mein Vater war beeindruckt von einem Video, wie sich ein von allen verlassener Soldat gegen einen feindlichen Angriff verteidigt. Die Bilder des Krieges sind in die Vorstellung eingedrungen und helfen, die eigenen Erfahrungen und Vorstellungen von sich selbst durchzuspielen. Mein Vater lebt allein und führt sein kleines Unternehmen ehrlich, was in der Ukraine nicht 17einfach ist, seine Mitarbeiter verstecken sich vor der Mobilisierung und kommen nicht zur Arbeit. Er glaubt, dass der Krieg enden wird.

Da ich sehr selten zu Hause bin, träume ich von Drohnen und Raketen ohne Ton, als wäre ihre Physis hier, so wie meine dort, nur eine unvollständige. Vor zwei Jahren wachte ich mit dem Gedanken auf, dass die Ukraine bald zu einer dystopischen Wüste werden würde, wo alle hinfahren, die zur Abwechslung mal ein bisschen kämpfen wollen. Sie wird zu einem Kriegsreservat, einem großen Schießplatz. Die Bewohner sind dem Untergang geweiht. Ich wünsche mir, dass diese Worte ein Hirngespinst bleiben. Oder eine Projektion ohne Verwirklichung für diejenigen, die die Ukraine in ihrer Bereitschaft, gegen Russland zu kämpfen, »unterstützen« und bereit sind, Geld, Technik und Waffen zu geben, nur damit die russische imperiale Aggression innerhalb unserer Grenzen bleibt. Ich weiß nicht, ob jemand von diesen Unterstützern an den Sieg der Ukraine glaubt und um das Leben der Ukrainer bangt, aber bestimmt nicht glauben möchte, selbst zur Armee werden zu müssen. Die Intensität der Kampfhandlungen in der Ukraine ist derart hoch, dass sich eine hervorragende Möglichkeit bietet, westliche Waffen zu testen, und die Entwicklung von Drohnen und die Investitionen in sie sind so rasant, dass ich nicht einmal Zeit habe, diesen Satz zu beenden. Und unsere Leute sind ja offensichtlich so mutig und standhaft, dass sie den Ermüdungskrieg immer weiterführen können.

Die Projektion des Schießplatzes wird von beiden Seiten befördert. Vitaly Portnikov, einer der bekanntesten ukrainischen Intellektuellen, vergleicht die Ukraine einer möglichen Zukunft mit der Nachtwache an der Mauer in der Fantasy-Serie Game of Thrones. Die Mauer trennt sozusagen die Westeros von den Zombies. Den Ukrainern kommt in dieser rassistischen Metapher eine fatale Rolle zu – die »westlichen Werte« zu verteidigen und für sie zu sterben. Und unsere Kinder müssen in der Schule lernen, FPV-Drohnen zusammenzubauen. Die Ukraine und Europa werden von einem militaristischen Futurismus erfasst, ohne eine klare 18Vorstellung, wie dieser konkrete blutige Krieg beendet werden kann, der in Echtzeit jedwedes Leben auf ukrainischem Boden zerstört.

In unserem öffentlichen Diskurs höre ich oft die Begriffe Humanressource oder Humankapital oder Humankapital im Gegensatz zu Ressource. Kapital ist offensichtlich angesehener, eine Art Aufstieg aus dem geringeren Status der Ressource. Die Auffassung vom Menschen wird in solchen Beschreibungen so sehr verwässert, dass ein Unterschied zur kolonialen Sichtweise, dem Blick auf die Ukraine als ein Territorium mit Schwarzerde und Mineralien und einer gewissen Anzahl loyaler Einheimischer, nur schwer erkennbar ist. Das Mineralienabkommen mit den USA, Inbegriff einer entmenschlichenden Deal-Logik, normalisiert die Vorstellung, dass die Ukrainer für die Möglichkeit, ihr Leben und die Zeit anderer zu verteidigen, bezahlen sollten.

Im Frühjahr dieses Jahres stellte der Minister für digitale Transformation Mykhailo Fedorov ein Belohnungssystem für Soldaten vor, das an das von Gamern erinnert.[12]  Es heißt »Drohnenarmee-Bonus«. Dort kann man Punkte für verifizierte Treffer feindlicher Ziele sammeln, um dann auf einem speziellen marketplace militärische Ausrüstung zu bestellen. Effizienz und Innovationspotenzial des ukrainischen Militärs werden zum Gegenstand des nationalen Stolzes und zum Exportgut. Die prekäre Situation der Soldaten wird verdrängt und das Innovationspotenzial entsprechend exotisiert.

Sind Soldaten und Menschen in der Ukraine Ressource oder Kapital? Und gibt es auch andere Optionen? Unsere Realität manifestiert sich im Modus der Juxtaposition, in zwei nebeneinanderstehenden Bildern: Da gibt es zum Beispiel die Rede unseres Präsidenten, dass das Leben in der Ukraine das höchste Gut sei, und die Aufstellung von Soldaten für eine sinnlose Zeremonie, auf die eine russische Rakete abgefeuert wird. Von solchen Aufstellungen mit tragischen Folgen haben wir in den letzten Jahren 19genug gesehen. Eine weitere Nebeneinanderstellung: die Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine in Rom mit ihrem stillschweigenden Verbot, das Verhalten der ukrainischen Führung zu kritisieren, und zeitgleich die Durchsuchungen bei Vitaliy Shabunin, einem der führenden Antikorruptionsaktivisten, in Kyjiw.

Während die einen vom Wiederaufbau sprechen, wird der Raum in der Ukraine der Gegenwart durch Täuschung konstruiert. Es ist schwer, dies zu problematisieren, wenn die Gesellschaft ausblutet. Denjenigen, denen Pathos wichtiger ist als das konkrete Leben konkreter Menschen in der Ukraine, fällt es leichter, über diese Dinge zu schweigen. Doch die Menschen in der Ukraine sollten nicht Objekt der Begeisterung von anreisenden Stars oder Ausländern sein, die nach Vitalenergie unter schrecklichen Bedingungen suchen. Die Bilder der unbeugsamen Ukrainer oder derer, die täglich sterben, dürfen nicht unsere Valuta für Hilfe sein. Diese Logik führt zu nichts anderem als zu weiterer Zerstörung.

Der vom Krieg bedrohte Raum wird enger, es fällt ihm schwer, die wachsende Trauer aufzunehmen. Kyjiw steht im Kontrast zu den Dörfern, aus denen praktisch alle Männer verschwunden sind, aber auch in der Landschaft der ukrainischen Städte muss die Abwesenheit auffallen – die Abwesenheit derjenigen, die sich seit Jahren verstecken und das Haus nicht mehr verlassen. Diese Unsichtbarkeit wiederum steht im Kontrast zum Schauspiel der »Busifizierung«: männliche Passanten werden einfach auf der Straße aufgegriffen und in einen Kleinbus verfrachtet. Neu entstanden ist der Begriff der politischen Mobilisierung – wenn diejenigen eine Einberufung erhalten, die die Regierung kritisieren. Die Zivilgesellschaft widersetzt sich dem russischen Krieg aktiv, ihre Vertreter kämpfen, sterben, helfen auf jede erdenkliche Weise und setzen sich für die Demokratie ein. Scherzhaft ist sogar von einem »ukrainischen Freiwilligen-Verteidigungskomplex« die Rede. Gleichzeitig wird die Zivilgesellschaft von der ukrainischen politischen Elite unter Druck gesetzt, die offen für ihre eigene Reproduktion und nicht für die institutionelle Stabilität des 20Landes arbeitet. Ohne Demokratie wird es keinen Sieg geben, nicht nur für uns nicht.

Durch den Krieg wird die Regierung zu einer Art Naturgewalt – sie entfaltet sich und lenkt sich selbst irgendwohin. So denke ich über die Metamorphose, die mit der realen ukrainischen Führung oder ihrer Wahrnehmung stattgefunden hat. Im Film gibt es ein recht verbreitetes, unheimliches Bild, wo sich ein Mensch vom Spiegel abwendet, das Spiegelbild ihn aber immer noch ansieht. So ließe sich die in konkreten Menschen verkörperte Macht beschreiben, gespalten zwischen dem, was sie sein wollte und nicht sein wollte, wogegen sie gekämpft und was sie schließlich in der Vergangenheit überwunden hat.

Wie vielerorts auf der Welt gleicht der Kommunikationsraum bei mir zu Hause einem Komplex von Echokammern. Solche Kammern sind schnell gebaut, wie die modularen Häuschen für Vertriebene. Sie werden vorübergehend errichtet (so wie auch die größte regierungsnahe Informationsplattform in der Ukraine »Einheitsmarathon« anstelle der traditionellen ukrainischen Kakophonie verschiedener Fernsehsender), aber dann lebt man auf einmal jahrelang dort und kann sich einfach keine andere Unterkunft leisten.

Die regulierte Landschaft zerfließt dennoch in verschiedene Geschichten. Der Grenzfluss Theiß wurde zum Symbol für die Flucht von Männern, die sich dem Kriegsdienst entziehen. Bis Ende 2024 sind in der Theiß offiziell etwa 50 Männer ertrunken, die versucht haben, die Grenze zu überqueren.[13]  Gehen sie in die Statistik der Kriegsopfer ein?

Die Ambivalenz des Redens und Denkens über die Lebensbedingungen unserer Gesellschaft würde ich metaphorisch als das Paradox der Katze beschreiben. Im Winter 2024 wollten drei junge Ukrainer die ukrainische Grenze durch die Berge überqueren. Im Maramureș-Gebirge stürzte einer von ihnen in eine 400 Meter 21tiefe Schlucht. Vor dem Erfrieren rettete ihn seine Katze, die sich an ihn schmiegte und ihn wärmte, bis rumänische Rettungskräfte eintrafen.[14]  In den Nachrichten wurde nichts über das weitere Schicksal des Flüchtigen berichtet. Er befand sich schon auf rumänischem Territorium. Diese Geschichte hat nichts von der kitschigen Katzensentimentalität, wie sie in den sozialen Netzwerken verbreitet wird. Die Tatsache der illegalen Grenzüberschreitung war hier eher der Hintergrund, um von Menschlichkeit zu berichten – von der gegenseitigen Unterstützung von Lebewesen, die sie vor dem Tod bewahrt hat.

Der Mensch darf nicht sich selbst überlassen werden oder grausamer Gewalt ausgeliefert sein. Was bedeutet es heute, an diese allgemeinen Worte zu glauben? Was bedeutet es, sich der Wärme eines Tieres anzuvertrauen? Wie kann man für andere da sein, existenziell und politisch? Wie müsste die Politik aussehen, damit die Ukrainer für nichts und niemanden mehr sterben müssen?

Ich bin überzeugt, Russland in diesem Krieg zu stoppen, heißt zu verstehen, wie man eine bessere Welt aufbauen kann und nicht mehr in Angst vor der kommenden Apokalypse leben muss. Manchmal höre ich, dass dies ein regionaler Konflikt sei, und für viele Menschen ist es bequemer, das zu glauben. Aber ich weiß genau, dass die Menschen in der Ukraine ehrlich für universelle Werte eintreten, auch innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft. Darin sind sie noch immer allein. Denken wir nur daran, wie lange die westlichen Länder nicht ins Innere von Russland blicken wollten, bis sich dessen Faschismus in alle Richtungen ausbreitete, wie sie nicht auf die Verdrängung der Central European University aus Ungarn reagierten … Beispiele gibt es genug.

Die Gewohnheit, die Augen vor der Ungerechtigkeit zu verschließen, solange sich noch etwas ändern lässt, wird immer verhängnisvoller. Aber es bleibt noch eine Hoffnung ohne Hoffnung. Der Motor des Handelns gegen das untätige Abwarten. Schmerz 22kann politisiert werden und Menschen vereinen, um aktives Mitgefühl zu erzeugen. Um auf das Bild der Mondlandschaft als unsere Dystopie zurückzukommen – wir müssen daran denken, dass wir immer, in allen Mondphasen, nur eine Seite sehen. Die Nebeneinanderstellung verschiedener Realitäten, Erfahrungen, Räume der (Selbst-)Täuschung und schmerzhaften Wahrheit muss in eine Nähe gemeinsamen Handelns übergehen, von dem Klein und Taylor schreiben, in eine Vereinigung übergehen, um überhaupt von einer Zukunft reden zu können. Die Chance gibt es. Das zeigt die Geschichte und auch die Geschichte meines Landes.

Aus dem Ukrainischen von Lydia Nagel

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Yuriy Hrytsyna

Ein Luftkrieg zum Mitmachen

Gewidmet Yevhen Hulevych

(21. ‌07. ‌1975, Lwiw – 31. ‌12. ‌2022, Bachmut)

Mein Kopf rollt von Wäldchen zu Wäldchen wie ein Steppenläufer oder ein Ball meine ausgerissenen Hände werden im Frühling mit Veilchen blühen meine Beine werden von Hunden und Katzen auseinandergezerrt

(…) Am 5. Januar 2024 postet der 33-jährige Dichter Maksym »Dali« Kryvtsov auf Facebook sein letztes Gedicht. Zwei Tage später, am 7. Januar, kommt er im Gebiet Charkiw bei einem Artilleriebeschuss seiner Stellung ums Leben. Kryvtsov beschreibt den Topos des Todes – eine posadka, ein Wäldchen, in dem sich Armeestellungen befinden. Der Tod ist sehr genau erkennbar, es ist ein Drohnentod. Die Bäume bieten keinen Schutz, der Tod kommt aus der Luft.

Jeder, der sich mit diesem Krieg beschäftigt, hat diesen Tod schon tausendfach in allen möglichen Formen gesehen. Denn er wird meistens von der Kamera einer Drohne festgehalten. Die Drohne ist nicht nur das Auge, sondern der Tod selbst. Sie wirft Munition ab oder ist zu einer Art gesteuertem Projektil umgebaut worden. Bei der First-Person-View-Drohne übernimmt der Pilot eine Egoshooter-Perspektive, es ist sein Auge, das zum Projektil wird. Eine FPV-Drohne ist eine Kamikazedrohne, sie explodiert beim Kontakt mit der Oberfläche. Der Zuschauer sieht, wie 24die Drohne sich dem Ziel nähert, doch die letzte Sekunde bleibt immer unsichtbar – die Drohne ist schneller als das Videosignal. Eine andere Drohne filmt die Explosion und das Resultat des Angriffs. Der französische Schriftsteller Jean Cocteau meinte einmal, im Kino zu sitzen bedeute, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen. Im Falle einer Drohne wird es zu einem kinematografischen Erlebnis grausamster Art.

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Als die zweite Etappe des russisch-ukrainischen Krieges, der Großangriff im Februar 2022, kurz bevorsteht, produzieren zahlreiche westliche Thinktanks Ideen, wie ukrainischer Widerstand nach einer russischen Okkupation aussehen könnte. Im Zusammenhang mit einem möglichen Partisanenkrieg ist immer wieder von Drohnen als Mittel der Aufklärung die Rede, ein Mittel, das eine Überlegenheit der irregulären Kampfgruppen sichern soll.

Nachdem die Forderungen der ersten Monate, den Himmel über der Ukraine zu schließen, leiser wurden und schließlich fast ganz verstummten und die Einsicht sich durchsetzt, dass westliche Luftabwehr niemals Ziele über der Ukraine abschießen würde, wird der Himmel zum Hauptaustragungsort des Krieges. Der Held der ersten Stunde heißt DJI Mavic 3, eine chinesische Hobbydrohne, die in jedem Elektronik-Fachmarkt erhältlich ist. Die Manipulation der Drohne verwandelt diese in eine Waffe und macht einen gezielten skyd möglich – den Abwurf von Granaten oder Munition. Nach dem 24. Februar 2022 überschwemmen in kürzester Zeit tausende Videos die sozialen Medien. Sie zeigen, wie millionenschwere modernste russische Technik innerhalb weniger Minuten von billigsten Drohnen zerstört wird. Für außenstehende Betrachter erscheint der Krieg leicht, fast wie ein Computerspiel. Die Drohne wird zu einem Versprechen und zu einer Illusion zugleich.

Nach zwei Monaten verbietet die chinesische Firma DJI den Verkauf und Betrieb der Drohnen in der Ukraine und in Russland. Doch dies hat keinen Effekt, denn auf Umwegen über Dritt25staaten wird die Drohne weiterhin massenhaft geliefert. Es sind die gleichen Parallelimporte, die die russische Wirtschaft am Leben halten. Die Originalfirmenware wird gehackt und manipuliert. Die Herstellerfirma hat keinen Einfluss mehr auf ihre Technologie.

Die Ukrainer werden für ihre Kreativität im Umgang mit Drohnen gefeiert. Die britische Zeitschrift The Economist bringt die Drohne auf die Titelseite: »Mörderdrohnen. Zukunftswaffen, in der Ukraine entwickelt.«

Tatsächlich wurden die ersten systematischen Einsätze der Hobbydrohne als Waffe vom ISIS während des Kampfes um Mossul im Jahr 2016 durchgeführt. Die Videos verbreiteten sich in den sozialen Medien, und auch die Ukrainer lernten dazu. Seitdem gilt die Drohne als Wahrzeichen irregulärer Truppen. Die Erfahrungen, die in der Ukraine gesammelt wurden, verbreiteten sich weltweit, und sie wurden von den Rebellen in Syrien und Myanmar aufgegriffen.[15] 

Als ukrainische Soldaten ab 2022 zum Militärtraining nach Europa kommen, werden Drohnen, trotz zahlreicher Vorschläge zum Erfahrungsaustausch, nie zu einem Teil der Ausbildung. Die westlichen Militärs sind fest davon überzeugt, dass man ohne westliche High-Tech-Lufthoheit keine Einsätze durchzuführen braucht. Eine Drohne wird immer noch hauptsächlich als ein Mittel der Aufklärung gesehen, ein teures Einzelstück.

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Die Videos von Drohneneinsätzen werden in den sozialen Medien gepostet, um Spendenaufrufe anzutreiben. Bereits 2014 wurden Drohnen von der ukrainischen Armee zur Aufklärung unsystematisch eingesetzt; beschafft hatten sie stets die Volontäre. Der Hobbydrohnenkrieg ist ein Krieg auf eigene Kosten, ein 26Luftkrieg auf Basis von Crowdfunding. Bis zum Frühjahr 2023 wurden umgebaute Hobbydrohnen vom ukrainischen Verteidigungsministerium nicht als Waffe anerkannt und somit auch nicht finanziert. Die Wende kam spät: Mitte 2024 kündigt die Regierung die Produktion von einer Million Drohnen jährlich an, 2025 erhöht sich die Zahl um das Vielfache. Bis dahin blieb es den Zivilisten überlassen, Hobbydrohnen für die Front aufzutreiben. Die Spenden kommen hauptsächlich aus der Ukraine; dank Spendenaufrufen in den sozialen Netzwerken, aber auch aus der ganzen Welt. Das reicht von der einzelnen Drohne für den Freund an der Front bis zu den einhunderttausend FPV-Drohnen, die der Aktivist Serhiy Sternenko innerhalb von drei Jahren mittels intensiver täglicher Spendenkampagnen finanziert hat.

Das Spenden hat viel mit schlechtem Gewissen zu tun, es wurzelt in einem Gefühl der Schuld, welches viele im vermeintlich sicheren ukrainischen Hinterland empfinden. Jede nicht gekaufte Drohne könnte entscheidend gewesen sein. Jede Hrywnia, die nicht für Drohnen gespendet wurde, könnte ein Leben gerettet oder die entscheidende Wende an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit gebracht haben. Es sind kleine Kämpfe, die für den Ausgang des Krieges aus langer Sicht vermutlich nichts bringen. Es sind jedoch Ereignisse, die über einzelne Schicksale entscheiden. Dinge, die jeder Einzelne beeinflussen kann, egal wie verloren er sich in dem großen Zusammenhang fühlt. 2014 wurde Geld für Schutzwesten und Combat Application Tourniquets gesammelt; 2025 für Drohnen und Drohnenabwehr. Von Marija Berlinska, die als eine der ersten Aktivistinnen in der Ukraine die militärische Rolle der Drohne noch 2014 entdeckte, stammt einer der bekanntesten Sätze dieses Krieges: »Wo es keine Drohnen gibt, werden Menschen zu Verbrauchsmaterial.« Das erinnert an Tschernobyl, wo auf dem Dach des explodierten Reaktors Menschen zu Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, wenn die westliche ferngesteuerte Aufräumtechnik auf dem Dach des explodierten Reaktors nicht mehr weiterkam.

Über die meisten Einsätze der gespendeten Drohnen werden die Spender nie etwas erfahren. Die meisten Drohnen erreichen 27ihr Ziel erst gar nicht, sie scheitern an der radioelektronischen Abwehr oder am schlechten Wetter und sind damit verloren. Doch der Zuschauer sieht nur die erfolgreichen Einsätze. Auf diese Weise macht sich im Hinterland irgendwann das Gefühl breit, dass sich der Krieg allein mit Drohnen gewinnen lässt. Doch es ist ein fragiles Gerät, und noch fragiler sind die Menschen, die es bedienen.

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Eine FPV-Drohne schafft es, fünf bis sieben Minuten zu fliegen. In dieser Zeit muss das Ziel getroffen werden. Eine begleitende Aufklärungsdrohne wird zur Zielsuche eingesetzt. Diese Drohne kann durchschnittlich zehn Kilometer weit fliegen, bis die Batterie sich entleert oder das Videosignal schwächer wird. Es sind jene zehn Kilometer Niemandsland zwischen den beiden Fronten, die tödlichste Zone dieses Krieges. Jegliche Bewegung am Boden ist in dieser Zone nur bei schlechten Wetterbedingungen möglich, wenn eine Drohne nicht fliegen kann: tagsüber, wenn man keine Rücksicht auf das Überleben der eigenen Infanterie und Technik nimmt; oder nachts, falls der Feind keine mit Nachtsicht ausgestatteten Drohnen verwendet. Die Drohne wird zur ultimativen Waffe der Abschreckung, die die Frontlinie aufrechterhält und jede Bewegung zum Erliegen bringt. Im Frühjahr 2024, als der ukrainischen Armee wegen der Blockade der Ukrainehilfen durch die Republikaner im US-Kongress fast komplett die Munition ausgeht, ermöglichen nur Drohnen eine halbwegs adäquate Verteidigung. Eine Drohne kann jedoch konventionelle Waffen nicht ersetzen; sie kann den Mangel an Panzern, Flugzeugen und Raketen niemals ausgleichen; in Ermangelung aller dieser Komponenten eignet sich die Drohne allein nicht für eine Offensive.

Drohneneinheiten gehören zur Elite des Militärs, wie einst der Scharfschütze oder Pilot. Man verspricht sich aufregende und präzise Teamarbeit, weit entfernt vom bekannten Elend der Infanterie. Außerdem sieht man das Ergebnis der Einsätze; in dieser 28Form des Artilleriekriegs kommt man dem Feind am nächsten. Drohnenpiloten sind die Augen und die Flügel einer Armee, die erst nach zweieinhalb Jahren die ersten westlichen F16-Flugzeuge bekommt. Jedoch gehören die Drohnenpiloten zu den wichtigsten Zielen an der Front, nach denen der Feind Ausschau hält. Sie können nur an der äußersten Linie zum Einsatz kommen, denn nur so können noch ein paar Kilometer Signalreichweite gewonnen werden. Es sind technisch aufwändige Einsätze, bei denen es vor allem um Tarnung und Täuschung geht: sich in die Erde eingraben, unsichtbar werden, sich wenig bewegen; wenig Radiosignale und Körperwärme ausbreiten, um von radioelektronischer Aufklärung und den feindlichen Wärmebildkameras nicht geortet zu werden. Der Himmel ist nie sicher, nicht einmal die Nacht bietet Schutz und Zuflucht.

Manchmal kann eine Drohne nur Bilder aufnehmen. Zerstörte und verlassene Städte, aufgegebene Stellungen, gefangen genommene Kameraden. In diesen Momenten ist sie kein Mittel des Kampfes, sondern der Dokumentation. Viele Fälle von Hinrichtungen ukrainischer Soldaten würden niemals bekannt werden, wäre da nicht eine Drohne, die die Szene aus der Entfernung filmt. Auf Telegram werden täglich mehrere Hundert Videos von Drohneneinsätzen gepostet; jede größere Drohneneinheit verfügt über einen eigenen Telegram-Kanal. Auf Twitter bilden sich Gruppen westlicher Open-Source-Intelligence-Aktivisten, die diese Einsätze auswerten und dann tägliche Statistiken der »visuell bestätigten« Technikverluste veröffentlichen. Die von Drohnen eliminierten Soldaten werden nicht mitgezählt; es heißt, »das würde den Rahmen sprengen«.

Das Video, das die feindliche Drohne aufgenommen hat, kann durch radioelektronische Aufklärungsmittel abgefangen werden. So werden Stellungen enttarnt, so kann auch die feindliche Taktik der Angriffe verstanden werden. Was begreifen wir, wenn wir sehen, wie eine Drohne über den Häusern von Nikopol fliegt und wahllos Brandmunition abwirft? Manchmal ist die feindliche Taktik kein Geheimnis, sie wird öffentlich zur Schau gestellt. Die Videos sollen gesehen werden, sie sind eine Warnung. Nach mona29telanger Jagd auf die Zivilbevölkerung im befreiten Cherson[16]  schreibt eine russische Drohneneinheit auf dem Telegram-Kanal »Von Mariupol bis zu den Karpaten«: »Jedes Fahrzeug im Gebiet ist ein Ziel. Jeder wird eliminiert. Als Nächstes werden wir anfangen, Häuser ins Visier zu nehmen.«

Die Drohne wird ständig weiterentwickelt, jedes einzelne Detail kann und soll verbessert werden. Es ist ein Feld, in dem sich Tausende Tüftler und Ingenieure betätigen, Hunderte ukrainische Kleinunternehmen decken jeden Aspekt der Hobbydrohnen-Produktion ab. Die Drohne soll langlebiger, einfacher, leichter, vor allem aber billiger werden. Es soll möglich sein, große Mengen an Drohnen innerhalb kürzester Zeit zu produzieren. In China werden Einzelteile bestellt, in der Ukraine werden sie zusammengesetzt. So können nicht nur maßgeschneiderte, schnell modifizierbare Drohnen produziert werden, sondern man wird immer autonomer.

Ende 2023 rief Marija Berlinska dazu auf, billige Kamikazedrohnen zu Hause selbst zusammenzustellen. Tausende folgen dem Aufruf. Im Internet findet man Dutzende Kurse und Anleitungen, die es Laien möglich machen sollen, auch ohne technisches Vorwissen die Drohnen zu Hause herzustellen. Die fertiggestellten Drohnen werden an die Armee übergeben. In dem Moment, in dem man sie mit Munition bestückt, sind sie etwas kategorial anderes geworden: eine Kampfdrohne, eine tödliche Waffe.

Macht dieser Schritt Zivilisten zu Kombattanten? Ist dies ein Anwendungsfall des Kriegsvölkerrechts? Auf den Telegram-Kanälen der russischen »Kriegskorrespondenten«, deren Funktion darin besteht, die Meinungen des Militärs inoffiziell zu verlautbaren, ist zu lesen, dass damit jede Wohnung als eine Militärfabrik einzustufen ist und somit zu einem Ziel wird.

Als ob sie es nicht ohnehin schon wäre.

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30Jedes Mal, wenn die alte Technologie um neue Elemente erweitert wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Feind das Know-how übernimmt. Verwendung der FPV-Drohnen als Luftabwehr zum Abschuss feindlicher Aufklärungsdrohnen in großer Höhe? Verwendung der »Drachen-Drohnen« mit Brandmunition zum Anzünden feindlicher Positionen? Alle diese von den Ukrainern entwickelten Neuheiten werden später vom Feind übernommen. In Hunderten privaten Telegram-Kanälen beider Seiten werden die abgeschossenen Drohnen seziert und analysiert, die gewonnenen Erkenntnisse für die eigenen technologischen Entwicklungen genutzt. Jeder lernt von jedem, es ist ein Wettlauf der Technologien und der Kreativität.

Bei gleichem Wissensstand gewinnt die Seite, die mehr Ressourcen schneller rekrutieren kann. Oft ist die Rede von Massenproduktion, doch meistens gilt das Interesse der Industrie den Langstreckendrohnen, nicht der Hobbydrohne. Die viel aufwändigeren Langstreckendrohnen werden von Start-ups entwickelt, die an Zusammenarbeit mit anderen Akteuren nicht immer interessiert sind. Es sollen schnell neue technische Lösungen gefunden und dem Militär vorgeschlagen werden. Neue Technologien werden von westlichen Start-up-Unternehmen unter Kriegsbedingungen erprobt, gleichzeitig übernehmen diese Unternehmen die neusten ukrainischen Entwicklungen. Viele feindliche Trophäendrohnen werden oft an Unbekannte verkauft; europäische Start-ups sind auch an den russischen Technologien sehr interessiert.

Die Drohnen-Materialschlacht verbraucht enorme Summen, die Militäreinheiten nicht aufbringen können. Wenn das Spendengeld ausgeht, wird aus eigener Tasche bezahlt, denn die Drohnen und die radioelektronische Abwehr gegen die Drohnen sind das Einzige, was die Überlebenswahrscheinlichkeit in einem umkämpften Wäldchen erhöht. Nichts ist langlebig an der Front. Eine Aufklärungsdrohne schafft im Durchschnitt drei Flüge, bis sie verloren wird. Ein Soldat muss oft mehrere Wochen in einem Wäldchen verbringen, bis eine Rotation stattfindet.

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31Wo immer die Zukunft der Militärdrohnen heute diskutiert wird, kommt die Rede wie in jeder Branche zwangsläufig auf die Künstliche Intelligenz. Wann wird die erste komplett autonome Drohne entwickelt werden, deren Einsatz auf den Menschen verzichten kann? Eine Drohne, die man nicht fernsteuern muss, die Ziele und Bewegungsmuster automatisch erkennt und somit gar nicht unterdrückt werden kann? Diese Fähigkeit soll zuerst trainiert werden, indem man Tausende von »reallife«-Videos mit identifizierten Zielen verwendet. Man könnte dafür die Videos von der ukrainischen Front verwenden, die täglich ins Netz gestellt werden. Mehrere Prototypen mit maschinellem Sehen wurden bereits an der Front gesichtet.

Angeblich ist dies das Thema, das Start-ups auf beiden Seiten der Front aktuell am meisten beschäftigt. Anfang 2025 wird der Drohnenkrieg jedoch nicht futuristischer, sondern archaischer. Um die radioelektronische Abwehr zu umgehen, kommen kabelgebundene Glasfaserdrohnen, die auf das Radiosignal verzichten, zum Einsatz. Die Wäldchen und Felder füllen sich mit Kilometern von Kabeln, die nach Drohneneinsätzen übrigbleiben und auf unheimliche Weise zwei Fronten verbinden.

Als die Front mit billigen selbstgebastelten FPV-Drohnen aufgefüllt wird, bedeutet das nicht nur einen Angriff auf schwere Waffen – jeder einzelne Soldat gerät ins Fadenkreuz einer Drohne. Immer weniger schweres Kriegsgerät taucht in der Niemandszone auf, teure Militärtechnik wird geschont. Russische Soldaten versuchen, ukrainische Stellungen zu Fuß oder auf Motorrädern zu stürmen. Als der weißrussische Machthaber Alexander Lukaschenko verlautbaren ließ, es sei »nachgerechnet worden, dass ein Soldatenleben fünfmal so teuer ist wie die Drohne, die ihn im Feld jagt«, wird die Arithmetik des Todes, die Russland betreibt, fassbar. Der Durchschnittspreis einer selbstgebastelten FPV-Drohne beträgt 400 Euro, mit einer befestigten Munition würde diese rund 1000 Euro kosten. Jeder Drohnentod ist aufgenommen, aber auch irgendwo veröffentlicht und gespeichert. Als ein Twitter-User aus Russland meint, er hasse alle Ukrainer, da sein Onkel in der »militärischen Spezialoperation« gefallen ist, fragt ihn der 32Drohnenaktivist Serhiy Sternenko sarkastisch, ob er ihm das Video davon schicken soll.

Präzisionswaffen werden oft als humanere Waffen vermarktet. Ist eine FPV-Drohne humaner als eine Cluster-Munition-Bombe? Sie hinterlässt keine nichtexplodierten Teile, zerstört nicht wahllos die umliegende zivile Infrastruktur. Es ist jedoch eine Waffe, bei der die Mensch-gegen-Mensch-Komponente erneut stärker in den Vordergrund rückt. Es macht sie gleichzeitig zu einer mittelalterlichen und zukünftigen Waffe. Eine FPV-Drohne gilt immer einem Ziel. Wenn man ins Visier einer Drohne geraten ist, sind die Überlebenschancen sehr gering. Man kann versuchen, sich totzustellen. Man kann versuchen, durch schnelle Bewegung mit häufigen abrupten Richtungswechseln der Drohne zu entkommen, Zeit zu gewinnen, bis die Batterie leer ist. Es existieren Videos von Soldaten, die Drohnen mit ihren Händen abfangen, mit Stöcken in der Luft treffen.

Eine Drohne ist eine zutiefst zynische Waffe. Wenn man über die Kriegsbilder spricht, sollte man womöglich zwischen zwei Realitäten dieses Krieges unterscheiden. Die von einer Drohne aufgenommenen Bilder können nicht mit den von der Infanterie im Wäldchen, auf dem Nullpunkt, gemachten Bildern verglichen werden. Die Handyaufnahmen, die von umkämpften Frontstellungen das Hinterland erreichen, zeugen von Zuständen, bei denen es nur noch um das nackte Überleben geht. Eine Drohne könnte mit einem Experten verglichen werden, der immer wieder die Geopolitik, das »große Bild« und die Zwecklosigkeit des Widerstands erklärt. Es ist jedoch immer noch der Soldat und sein Körper, der die Ausbreitung des Krieges Richtung Westen aufhält. Ein Soldat, der wenig sieht, wenig bewirken kann und dessen Aufgabe oft nur das Überleben ist. Überleben, um Zeit zu gewinnen. Bis Technik und Munition geliefert und Genehmigungen (100 Kilometer Reichweite? 300 Kilometer Reichweite?) erteilt werden und Wahlergebnisse in fernen Ländern nicht katastrophal ausfallen. Der Soldatenkörper wird zu einer Schnittstelle, bei der sich alle diese Entwicklungen und Fluchtlinien treffen. Es ist gerade dieser Körper, an dem archaischste und modernste Waffen 33ausprobiert werden. Wir können diesem Prozess täglich bis ins kleinste Detail auf unseren Bildschirmen folgen. Wie wir auf das Gesehene reagieren, hängt allein von uns ab. Die Bilder enden. Die Wirklichkeit beginnt.

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Ivan Choopa

Sternenfabrik oder Der Kampf um ein namenloses Wäldchen

Unsere Kompanie hatte den Auftrag, in der Nähe des Wäldchens Nummer 8, die bei der Siedlung N. ‌S. und dem Dorf Op. liegt, Stellung zu beziehen. Drei Tage zuvor war der Kompaniechef in Urlaub gegangen und ich wurde als Vertretung eingesetzt: Jemand, der erst seit zwei Wochen in der Einheit war. Was konnte da schieflaufen? Wie sich rausstellte, war das aber nicht das Schlimmste.

Nach dem Sturm auf das Dorf F. ‌K. war die Kompanie noch nicht wieder neu aufgestellt, als Kommandeure waren nur Kostja und ich da. In der Vergangenheit war er ein paarmal verletzt worden und wollte nicht das Kommando übernehmen, traf aber trotzdem Entscheidungen. Doch als er die Aufgabe bekam, an die Vorderlinie zu fahren, schwanden ihm plötzlich die Kräfte, und er weigerte sich. Damals hatte ich Mitleid mit ihm. Jetzt würde ich ihn nur noch zur Schnecke machen.

Die meisten Kompaniechefs und Zugführer waren Soldaten, die erst seit »vorgestern« auf ihren Posten waren. Die Kompanie hatte sechs Copter und keinen einzigen Piloten. Es gab drei Schützenpanzer. Auf die setzte der Bataillonskommandeur seine Hoffnung, ich also auch. Der Alkoholpegel war typisch mittlere Infanterie und unter Kontrolle. Wenn es drauf ankam, waren alle bei Verstand. Es gab zwar ein paar Exzesse, aber im Endeffekt wurden die besonders Auffälligen aussortiert.

Anstatt zur Erholung und Ausbildung ins Hinterland abgezogen zu werden, wurde unsere Brigade in die Nähe von Bachmut verlegt. Der Frontabschnitt war nicht schwierig, überschaubar, doch mit sehr vielen Tücken.

Wie an jedem wichtigen Frontabschnitt gab es dort super viele 36verschiedene Einheiten, und das Wort »Abstimmung« existierte nur auf dem Papier. Wenigstens ließen sich noch Kontakte aufbauen. Die Nachbareinheiten unserer Brigade kannte ich in etwa, und die Dinge entwickelten sich.

Gleich zu Anfang haben wir die linke Flanke stark befestigt (weil der Feind gerade erst die XYZ. Brigade aus der benachbarten Schonung rausgeschlagen hatte), die rechte Flanke wurde vom Nachbar-Bat gehalten. Der Feind brach sofort auf uns los, wurde aber mit Granatwerfern und SPG[17]  gefickt. Als dann zehn (nach anderen Quellen 38) ins Gras gebissen hatten, waren die Russen an der Schonung nicht mehr so interessiert.

Sie stürzten sich auf unsere Nachbarn rechts und schafften es in wenigen Tagen, das Bataillon fast komplett auszuschalten. Neben den Toten und Verwundeten gab es auch Gefangene und Deserteure.