Gewinnender Verlierer - Wali Farmer - E-Book

Gewinnender Verlierer E-Book

Wali Farmer

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Beschreibung

Andreas liebt seine Arbeit und einen verständnisvollen Umgang mit Menschen. Für seine Familie, vor allem seine Tochter tut er alles. Den Forderungen seiner Frau gibt er meist, dem Frieden zu liebe, klein bei. Doch sie will mehr und so sieht er sich unversehens konfrontiert mit markanten Veränderungen. Als auch noch Probleme beim Job aufkommen und seine Tante stirbt, ist es vorbei mit seinem friedlichen, geruhsamen Alltag. Ob er die Probleme meistert und dazu auf Hilfe aus seiner Umgebung zählen kann, ist mehr als fraglich. Einschneidend sind die Veränderungen auf seinem Lebensweg. Doch ein guter Freund aus jungen Jahren steht ihm bei, die Stolpersteine zu meistern.

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Seitenzahl: 381

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Zum Buch:

Andreas liebt seine Arbeit und einen verständnisvollen Umgang mit Menschen. Für seine Familie, vor allem seine Tochter tut er alles. Den Forderungen seiner Frau gibt er meist, dem Frieden zu liebe, klein bei. Doch sie will mehr und so sieht er sich unversehens konfrontiert mit markanten Veränderungen. Als auch noch Probleme beim Job aufkommen und seine Tante stirbt, ist es vorbei mit seinem friedlichen, geruhsamen Alltag. Ob er die Probleme meistert und dazu auf Hilfe aus seiner Umgebung zählen kann, ist mehr als fraglich. Einschneidend sind die Veränderungen auf seinem Lebensweg. Doch ein guter Freund aus jungen Jahren steht ihm bei, die Stolpersteine zu meistern.

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Diese Geschichte ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

~ ~ ~ ~ ~

Der Autor:

Wali Farmer lebt mit seiner Frau im schweizerischen Wettingen. Seine beiden Kinder sind längst ausgeflogen. Das gibt ihm Zeit und Muße, unter diesem Pseudonym Geschichten zu erfinden und niederzuschreiben. Sein Ziel ist es, in unterhaltenden Romanen über Menschen zu schreiben, die in ihrem Dasein mit den üblichen Gepflogenheiten der Gesellschaft ihre liebe Mühe haben.

Dieses Buch ist meiner geliebten Frau Maggie und meinen Kindern Sandra und Christian gewidmet. Sie bedeuten für mich meine Welt, mein Zuhause.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 1

Gestörte Sommeridylle

Leise ein Lied vor sich hin summend, saß Jule am leicht abfallenden Hang unweit einer friedlich grasenden Ziegenherde. In Gedanken versunken zupfte sie langsam ein Blütenblatt nach dem andern von der Margerite, die sie kurz zuvor gepflückt hatte, und sah hinunter auf den ausgedehnten Baumgarten. Bis hin zum Haus gegenüber erstreckte sich unter ihr das flache, mit zahlreichen Obstbäumen und Beerensträuchern bepflanzte Gelände. Das Wohnhaus und eine kleine Scheune, fast versteckt hinter den großen Bäumen. Was Tante Hanni hier besaß, war ein richtiges Paradies. Sie war glücklich, dass sie an diesem Ort wieder einen Teil ihrer Ferien hatte verbringen dürfen. Auch wenn ihre Mutter dagegen gewesen war, hatte es Papa aber zum Glück durchgesetzt. Laut hatten die Eltern sich angeschrien, bis schließlich Papa, mit einer keinen Widerspruch duldenden Stimme bestimmte: »Jule fährt zu Tante Hanni in die Sommerferien. Und damit basta!« Sie liebte ihren Papa, denn er merkte immer gleich, was ihr gefiel und was nicht. Leider ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter. Sie war sehr streng. Noch nicht mal ein Handy durfte sie haben. Und das obwohl sie doch bald vierzehn war. Fast alle ihre Freundinnen in der Schule hatten eines, nur sie nicht. Peinlich. Papa hätte ihr eines gekauft, aber Mutter hatte dieses 'Menschenverblödungsinstrument', wie sie es nannte, strikte abgelehnt. Ständig musste alles so sein, wie sie es für richtig hielt.

Aber wenigstens hatte sie jetzt dank Papa einen weiteren tollen Sommer im Landhaus von Tante Hanni verbringen können. Hatte gelernt, mit den verschiedenen Tieren umzugehen. Half der Tante, sie zu füttern, erntete die reif gewordenen Früchte und Beeren, um diese dann auf allerlei Arten zu verarbeiten. Es war für sie kurzweilig und spannend. Nicht wie zu Hause, wo sie meistens nur träge herumsaß, weil ihre Mutter keine Zeit hatte, mit ihr etwas zu unternehmen. Leider gingen jetzt ihre Ferien hier aber zu Ende. Auf die nächste, letzte Ferienwoche hatte sie gar keinen Bock. Zusammen mit den Eltern musste sie endlose Autofahrten durch Holland absitzen. Mutti wollte eine Museumstour absolvieren. So was Ödes. Einerseits war sie traurig darüber, dass es hier blöderweise zu Ende ging, aber andererseits freute sie sich auf ihren Vater, der sie abholen kam.

Ein leichtes Knacken und ein Schnuppergeräusch rissen sie aus ihren trüben Gedanken. Und schon schob sich ein Ziegenkopf von schräg hinten in ihr Blickfeld. Mit neugierigem Blick auf den Blumenstängel gerichtet, drängte sich eine junge Ziege heran. Sie erkannte sie sofort.

»Hallo Bettlerin, ich habe leider nichts für dich. Nur diese halbe Blume, wenn du möchtest«. Sie hielt ihr die zerzupfte Blüte auf der flachen Hand hin. Im Nu war sie im Maul des jungen Tieres verschwunden. Die Ziege schnupperte in Richtung des Armes, wo Jule ein aus kleinen Blumen geknüpftes Armband trug. »Oh nein, meinen Schmuck bekommst du nicht, sei nicht so gefräßig.« Mit einer Handbewegung scheuchte sie ihren Kopf weg. Gleich zu Beginn ihrer Ferien hatte sie sich mit dieser vorwitzigen Jungziege angefreundet. Kaum war sie in die Nähe der Herde gekommen, lief die Ziege immer sofort neugierig auf sie zu. Jule hatte dann angefangen, zuvor einige Kräuter abzureißen und ihr anzubieten. Damit hatte sie endgültig deren Aufmerksamkeit erhalten. Kaum erschien sie, kam die Kleine mit bettelndem Meckern auf sie zu. Deshalb hatte sie von ihr den Namen 'Bettlerin' bekommen.

»Juliane!«, ertönte die Stimme einer Frau aus der Ferne. »Wo bist du?«

»Hier oben, Tante, bei den Ziegen!« Sie stand auf und winkte der zwischen den Bäumen heraustretenden älteren Frau zu, die trotz Sommerhitze mit einem langen Arbeitsrock und einem Sonnenhut auf dem Kopf, bekleidet war.

»Ah, da bist du!« Die Hand wegen der blendenden Sonne über die Augen haltend, rief die Tante: »Ich brauche dich!«

»Ja, ich komme!« Jule kraulte der Ziege nochmals kurz den Kopf und lief den Hang hinunter zu ihrer Tante.

»Was möchtest du?«, fragte Jule kurz danach, als sie bei ihr ankam.

»Es gibt bald Mittagessen, sobald dein Vater da ist. Aber könntest du mir vorher kurz noch etwas helfen?«

»Klar.«

»Ich möchte gerne die Marmelade, die wir heute Morgen eingekocht haben, im Keller einlagern. Die Gläser sind jetzt abgekühlt. Du könntest sie mir auf die Ablage oben im Konfitürengestell einräumen. Du steigst da leichter hoch als ich.«

Als Jule etwas später, auf einem Hocker stehend, vorsichtig die gefüllten Konfitürengläser auf dem zweitobersten Ablagebrett aufstellte und zurecht schob, bemerkte sie, dass sich ein Ziegelstein in der Wand bewegte. Hatte sie sich das nur eingebildet? Sie drückte am Stein. Er ließ sich tatsächlich bewegen. Mit ihren Fingerspitzen bekam sie ihn an den Rändern zu fassen und konnte ihn aus der Wand ziehen.

»Tante Hanni, hier ist die Mauer kaputt!«, rief sie laut. Erschrocken starrte sie in das dunkle Loch. Hinter dem Platz, wo der Stein gewesen war, gab es eine Art kleine Höhle und darin schien etwas zu liegen. Fast wie ein Geheimfach, fand Jule.

»Wo ist die Mauer kaputt?«, fragte die Tante, die Treppe heruntersteigend. Jule zeigte ihr den Ziegelstein und das Loch in der Wand hinter den Marmelade-Gläsern.

»Ach, das meinst du. Nein, da ist nichts kaputt«, erwiderte die Tante mit einem Schmunzeln im Gesicht, »das war früher einmal mein geheimes Versteck. Da habe ich Schmuck und manch Anderes drin versteckt, damit es eventuelle Einbrecher nicht fanden. Später habe ich dann aber die wertvollen, wichtigen Sachen auf die Bank gebracht und das Geheimfach hier vergessen.«

Jule guckte angestrengt in das dunkle Loch. Beim schummrigen Licht hier im Keller war es schwer, etwas zu erkennen. »Aber ich glaube, da drin ist noch was. Sieht aus wie eine kleine Dose.«

»Das kann nichts Wichtiges sein, ich war da schon seit vielen Jahren nicht mehr dran. Hol sie doch mal raus.«

Aufgeregt von dem Fund, streckte sich Jule, wackelig mit den Zehen auf dem Hocker balancierend, um mit zitternden Händen bis nach ganz hinten ins Loch greifen zu können. Während die Tante sie von unten stützte, ertastete sie mit den Fingern das kleine Gefäß, kriegte es zu fassen, und zog dann eine flache Dose aus der Öffnung. Jule sprang herunter und streckte der Tante ganz aufgeregt die Dose hin. »Was ist da drin?« Jule sah mit großen Augen gespannt auf die Schachtel.

Die Tante schüttelte die Dose, aber nichts war zu hören. »Ach, die ist leer, hab sie wohl damals einfach da gelassen.« Sie öffnete den kleinen Verschluss und klappte den Deckel hoch. »Siehst du, leer.«

Enttäuscht guckte Jule in die mit Samt ausgelegte Dose, hatte sie doch einen richtigen Schatz erwartet. »Oh nein! Schade.«

»Tut mir leid. War leider nichts mit einer großen Entdeckung.« Die Tante wollte die Dose weglegen, hielt dann aber inne und streckte sie Jule entgegen. »Aber weißt du was? Du hast doch während der letzten zwei Wochen ein ganzes Säckchen voll von glitzernden Steinen aus der Höhle gesammelt. Du könntest doch alles da hineinlegen. Hier im Versteck aufbewahren, bis zum nächsten Mal.«

»Au ja, das ist eine gute Idee.« Jule war sofort begeistert. »Ich lasse alles hier. Zuhause würde mir Mama das sowieso wegschmeißen beim Aufräumen. So hab ich es noch, wenn ich wieder komme. Danke, Tante Hanni.« Schnell zog sie ihr Schatz-Säckchen aus der Hose, entleerte es in die Dose, verschloss sie und legte die Blechschachtel zurück ins Versteck. Dann schob sie den Backstein wieder fein säuberlich in die Lücke und baute die restlichen Konfitürengläser davor auf. Nichts war mehr vom geheimen Ort zu sehen.

»So, jetzt hast du ein Geheimfach nur für dich allein. Nur du weißt davon. Ich werde sofort total vergessen, dass es hier je so etwas wie ein Versteck gab«, meinte Tante Hanni verschwörerisch.

Gedämpfte Autogeräusche waren von oben zu hören und liessen sie aufhorchen. »Dein Vater scheint angekommen zu sein. Komm, gehen wir nach oben, um ihn zu begrüßen«, forderte sie ihre Großnichte auf.

Als Andreas Neumann aus dem Fahrzeug stieg, sah er seine Tochter und Tante Johanna auf die Veranda heraustreten. Die Tür auf der Beifahrerseite öffnete sich ebenfalls. Helga, die Mutter, war auch mitgekommen.

»Papa!«, rief Jule freudig, »Mama!«. Mit strahlendem Gesicht lief sie den beiden entgegen, während die Tante sich abwandte und im Haus verschwand.

Nach der stürmischen Begrüßung schritten alle drei die Stufen zur Veranda hinauf und Andreas rief: »Hallo Tante Hanni, da sind wir!«

Unschlüssig blieben sie stehen, wussten nicht so recht, ob sie einfach ins Haus treten sollten. Jule hatte sich bei ihrem Papa eingehängt. Hier draußen war doch bereits zum Mittagessen gedeckt.

Jetzt trat Tante Hanni, mit Geschirr in den Händen, aus der Tür und legte ein weiteres Gedeck auf. Dann wandte sie sich den Gästen zu.

»Andreas! Schön dich wieder zu sehen. Holst mir schon wieder meine Jule weg.«

»Unsere Jule meinst du«, warf Helga sofort berichtigend ein.

»Pardon, natürlich eure Jule«, sagte die Tante rasch und umarmte Andreas innig. »Sie könnte gerne noch etwas hierbleiben.«

»Oh ja, bitte«, rief Jule hoffnungsvoll.

»Das geht leider nicht«, meinte Andreas. »Du weißt doch, wir drei fahren ab Morgen gemeinsam kreuz und quer durch Holland.«

»Ja, ich weiß«, winkte die Tante ab. Sie wandte sich zu Helga, um ihr kühl und distanziert die Hand zu schütteln.

»Hallo Helga. Andreas hatte vergessen, mir zu sagen, dass du auch kommst. Aber ich habe genug gekocht. Es reicht für alle«, meinte sie mit unverbindlichem Ton, drehte sich sofort wieder ab und lief ins Haus zurück.

»Entschuldige Tante, da hatte ich nicht daran gedacht«, rief ihr Andreas nach.

»Schon gut Andreas, kein Problem. Setzt euch doch hin, ich trage gleich auf. Hilfst du mir kurz, Jule?«, erklang es aus dem Haus.

»Ja, ich komme«, antwortete Jule und lief ins Haus.

Mist, dachte Andreas, als er sich an den Tisch setzte, das sah nicht nach einem entspannten Mittagessen aus. Die zwei Frauen waren sich alles andere als grün. Das war eine mehr als frostige Begrüßung der beiden gewesen. Sie vertrugen sich einfach nicht. Eigentlich war Tante Hanni eine anspruchslose Frau. Mit ihr kam jedermann zurecht. Nur seine Frau nicht. Ständig hatte sie an der Tante was auszusetzen, ließ kein gutes Haar an ihr. Warf ihr jede Kleinigkeit immer sofort schonungslos an den Kopf. So wie eben die Redewendung von 'meine Jule'. Eine ganze Weile lang hatte die Tante stets alles geschluckt, doch eines Tages war es für sie offenbar genug und sie verlas damals seiner Frau die Leviten, wie's im Buche stand. Helga war sprachlos gewesen, hatte nicht mit einer solchen Gegenwehr gerechnet. Ab diesem Zeitpunkt war das Verhältnis zwischen den beiden tiefgefroren. Sie redeten nur noch das Allernotwendigste miteinander. Er hatte alles versucht, um die Wogen zu glätten, damit wenigstens für Jule die geliebten Besuche bei der Tante auf dem Lande möglich blieben. Aber je mehr es Jule hier gefiel, umso eifersüchtiger reagierte Helga. Mittlerweile wurden die Streitereien darüber immer häufiger. Es war ein Fehler von ihm gewesen, seine Frau mitzunehmen. Es war zu befürchten, dass dies möglicherweise Jules letzte Ferien bei der Tante waren. Wenn sie künftig einigermaßen Frieden in der Familie bewahren wollten, musste die Lösung wahrscheinlich sein, dass Jule auf weitere Besuche bei Tante Hanni verzichtete. Das würde traurig werden für Jule, aber vermutlich unumgänglich.

Als wenig später die Tante und Jule das Essen auftrugen, geschah dies wortlos. Doch kaum saßen alle am Tisch, begann Jule voller Freude von ihren Erlebnissen während der Ferien zu schwärmen. Mit leuchtenden Augen erzählte sie von den Tieren. Vom Ernten der vielen Früchte und Beeren und wie sie mit der Tante zusammen alles verarbeitet hatten.

»Sei still beim Essen. Du nervst mit deiner Plapperei«, unterbrach Helga ihre Tochter mit energischem Tonfall. Der freudige Ausdruck in Jules Gesicht erlosch schlagartig. Die Tante und Andreas blickten schockiert von ihren Tellern hoch, unterließen es aber beide, dazu etwas zu sagen.

»Es ist höchste Zeit, dass du nach Hause kommst. Es muss wieder Ordnung in dein Leben gebracht werden, wie es sich für ein bald vierzehnjähriges Mädchen gehört«, zeterte Helga weiter.

Jetzt sah Andreas zu seiner Frau. »Aber Jule hat doch hier bei Tante Hanni sicher eine tipptoppe Zeit verbracht. Sie sieht richtig gut erholt aus und strahlt jede Menge Energie aus.«

»Ach papperlapapp! Sieh sie dir doch an! Schmutzige Kleider, Arme und Beine. Am Ellbogen die Verletzung, diese Beule am Bein. Das nennst du gut erholt und tipptopp?«

Jule streckte den Arm hoch: »Das am Ellbogen ist, weil ich mal ausgerutscht bin, beim Steine meißeln in der Höhle am Hang oben. Tut aber schon lange nicht mehr weh. Die Beule ist von einem Wespenstich. Ist aber auch vorbei. Tante Hanni hat mir alles gut versorgt.«

»Ist ja gut Jule. Aber die Hände hättest du dir vor dem Essen wirklich waschen können«, meinte jetzt Andreas. Mit einer Kopfbewegung forderte er sie auf, dies nachzuholen.

Nachdem Jule im Haus verschwunden war, blickte Andreas auf seine Frau. »Bitte Helga, lass diese Bemerkungen. Tante Hanni hat sich sicher gut um Jule gekümmert. Ich bin froh, dass unsere Tochter nicht so ein verwöhntes, eigensinniges Stadtkind ist, sondern sich hier in der Natur mit den Tieren wohlfühlt.«

»Ach was verstehst du schon davon. Lässt sie in Felshöhlen herumhämmern, wo sie verschüttet werden kann. Ist doch offensichtlich, dass sie hier vernachlässigt worden ist.«

Tante Hanni erstarrte für einen kurzen Augenblick, starrte bewegungslos auf Helga. Dann schoss sie aus dem Stuhl hoch, stemmte die Hände in die Seiten und legte mit erhobener Stimme los.

»Vernachlässigt? Ich habe deine Tochter vernachlässigt? Das musst ausgerechnet du mir vorwerfen? Ich habe gut auf Jule geachtet. Zwar nicht darauf, dass sie ständig klinisch rein herumlief, aber dafür, dass das Mädchen sich zufrieden, aufgehoben und glücklich fühlen konnte. Darum gefällt es ihr bei mir eben immer gut. Aber davon verstehst du nicht wirklich viel. Zum Glück hat Jule wenigstens einen verständnisvollen Vater der verhindert, dass sie bei dir verkümmert.«

Mit offenem Mund starrte Helga auf die Tante. Sie war, was bei ihr nur selten vorkam, offensichtlich sprachlos. Eine solch klare Gegenwehr schien sie nicht erwartet zu haben.

»So! Das musste mal deutlich gesagt werden. Und jetzt fordere ich dich auf, dich zu entschuldigen oder mein Haus zu verlassen. Ich dulde nicht länger deine ungerechten, verletzenden Vorwürfe. Ich will endgültig nicht weiter immer nur streiten mit dir.« Mit weit ausgestrecktem Arm forderte sie Helga heraus.

Diese stand ruckartig auf, hob ihren Kopf, um zu einer Erwiderung anzusetzen, doch Hanni blockte energisch ab: »Ich habe überhaupt keine Lust mehr, mit dir zu diskutieren. Entschuldige dich oder gehe! Du kannst, wenn es sein muss, im Auto warten bis dein Mann und Jule kommen. Ich habe es satt, mich von dir dauernd so gemein niedermachen zu lassen.«

Helga schloss erschrocken ihren Mund, warf empört ihren Kopf hoch. »Ich? Mich entschuldigen? Niemals.« Sie packte ihre Tasche und lief los. »Andreas komm, bring Jule mit, wir gehen!«, befahl sie energisch.

Fassungslos über das, was soeben vorgefallen war, stand Andreas wie erstarrt da, blickte abwechselnd zu seiner weglaufenden Frau und auf die vor Wut zitternde Tante. Wie konnte Helga der Tante nur derart ungerechtfertigte Vorwürfe an den Kopf werfen. Wenn er sich das genau betrachtete, war die harte Reaktion der Tante nur verständlich und nachvollziehbar. Mist, jetzt war mit Sicherheit das letzte Porzellan zerschlagen worden. Und die Leidtragende bei der ganzen Sache war die unschuldige Jule.

»Aber …, Helga … Tante, können wir nicht …«, setzte Andreas in seiner Ratlosigkeit stotternd, zu einem halbherzigen Schlichtungsversuch an.

Tante Hanni winkte ab. »Lass mal, Andreas, das hat keinen Zweck. Es tut mir unglaublich leid, dass es so weit kommen musste. Aber versteh mich bitte, dass ich solche immer wiederkehrenden ungerechten Vorwürfe deiner Frau nicht einfach so stehen lassen kann. Einmal ist das Maß voll.«

»Warum schreist du denn so laut, Tante?«, kam mit fragendem Blick Jule aus dem Haus. Sie sah ihrer weggehenden Mutter nach: »Wo geht Mama denn hin?«

»Ach weißt du Jule«, dämpfte jetzt die Tante mit einem Seufzer ihre Stimme und legte dem Mädchen eine Hand auf die Schulter, »ich habe mich leider mit deiner Mutter gerade arg gestritten. Es tut mir leid, aber es ging nicht anders.«

»Warum habt Ihr ge...«, setzte Jule nach, doch ihr Vater unterbrach sie.

»Lass das Fragen, bitte. Wir sprechen beim Heimfahren darüber. Geh, hol all deine Sachen, wir fahren gleich los. Wir wollen Mama nicht zu lange warten lassen.«

Nur schwer verkniff sich Jule mit Blick auf den gedeckten Tisch eine Erwiderung, um dann zögernd ins Haus zu gehen.

Nachdem sie im Haus verschwunden war, trat die Tante zu Andreas und fasste ihn am Arm. »Bitte verzeih mir meine harsche Reaktion, aber ich konnte nicht anders. Ich hoffe, es wird daraus jetzt nicht ein handfester Familienstreit bei euch Dreien. Beruhige deine Frau, sonst muss es die Kleine ausbaden. Versuch, die Wogen zu glätten, damit ihr Morgen auf eine entspannte Reise gehen könnt.«

Andreas legte beide Händen auf die Schultern seiner Tante. »Ich werde alles versuchen, dass Frieden einkehrt. Es wird zwar nicht einfach für mich, denn ich teile die Auffassung meiner Frau gar nicht. Wir sind uns seit jeher uneinig darüber, was für Jule gut ist und was nicht. Aber der Harmonie zuliebe und vor allem für Jule, versuche ich mein Bestes. Ich mache dir keine Vorwürfe, Tante. Ich kann dich verstehen. Helga ist immer so impulsiv und lässt es oft an Fingerspitzengefühl mangeln. Sie als Mutter hatte leider nie einen so feinen Draht zu Jule aufbauen können, wie du das in kürzester Zeit geschafft hast. Das spürt sie vermutlich und treibt sie so schnell in ihre eifersüchtigen Ungerechtigkeiten. Aber ich werde jetzt energischer darauf achten, dass sich alles wieder beruhigt.« Liebevoll schloss er seine Tante in die Arme.

»Danke, Andreas. Du und Jule sind natürlich jederzeit herzlich willkommen bei mir. Ich freu mich über jeden Besuch von euch zwei. Aber Helga lass bitte zu Hause, wenn es möglich ist. Ich wäre dir dankbar.«

»Ich danke dir, Tante. Ach ja. Du willst ja nie, dass wir dir etwas geben für den Ferienaufenthalt von Jule. Aber hier …«. Andreas zog ein Kuvert aus der Beintasche seiner Hose. »Wir haben dir hier eine kleine Dankeschönkarte mit Glücksinhalt, dafür, dass du unserer Jule immer so schöne Ferienzeiten bescherst«, und übergab der Tante den Umschlag.

Er unterließ es, zu erwähnen, dass es die Idee seiner Frau gewesen war, als sie unterwegs an einem Kiosk haltgemacht hatten, weil sie sich Zeitschriften kaufen wollte. Helga hatte die Karte gesehen und steckte dann kurzerhand ein Lotterielos, das sie ursprünglich für sich genommen hatte, dazu. Andreas hatte gestutzt. Großzügigkeit gehörte nicht wirklich zu den Eigenschaften seiner Frau. Wenn er dies der Tante erzählt hätte, würde sie den Umschlag sicher abgelehnt haben, aber das brauchte er ihr ja nicht zu sagen.

»Ich habe alles, glaube ich«, kam Jule mit Rucksack und Tasche aus dem Haus. Mit traurigem Gesicht stellte sie sich vor ihre Tante.

»Falls ich noch was finden sollte, schicke ich es dir zu, oder besser, du holst es einfach zusammen mit deinem Vater bei mir ab. Das würde mich sehr freuen.«

Dann umarmten und drückten sie sich gegenseitig zum Abschied, bis die Tante sich mit feuchten Augen von den beiden abdrehte und meinte: »Nun geht schon, die Mutter wartet doch.«

Seit einer Viertelstunde fuhren sie wortlos zurück nach Hause. Andreas überlegte krampfhaft, was er unternehmen könnte, um die miese Stimmung im Auto zu beseitigen. So durfte das nicht bleiben, denn ab Morgen würden sie eine Woche lang täglich viele Stunden im Auto verbringen.

Bei einem Blick in den Rückspiegel konnte er Jule auf der Rückbank sehen. Sie fingerte lustlos, die Augen halb geschlossen, an ihrem Blumen-Armbändchen herum. Wahrscheinlich war sie in traurigen Gedanken zurück beim Landhaus, oben bei den geliebten Ziegen. Tränen glänzten in ihren Augenwinkeln. Das war heute ein harter Bruch für sie gewesen. Einerseits das Ende der Ferien bei der Tante, wo sie die Zeit sicher genossen hatte, andererseits der Streit zwischen Tante und Mutter. Einmal mehr hatte sie einen Tiefschlag zu überwinden. Andreas bewunderte die Stärke seiner Tochter, musste sie doch viel ungeliebtes in Kauf nehmen bei ihrer Mutter. Aber er versuchte alles und bot ihr die Gelegenheit, dass sich Jule bei ihm wieder aufbauen konnte.

Mit einem Seitenblick sah er seine Frau auf dem Beifahrersitz, die sich ebenfalls in Schweigen hüllte und stur aus dem Seitenfenster blickte. Sie war offensichtlich beleidigt über die Standpauke, die sie von der Tante entgegennehmen musste. So etwas war sie nicht gewohnt. Üblicherweise war es eher sie, die austeilte. Da konnte er ein Lied davon singen. Es wurde immer schwieriger, mit ihr ein einigermaßen friedliches Zusammenleben aufrecht zu erhalten. Ihr egoistisches Denken und Handeln wurde zunehmend ausgeprägter.

Es blieb nur zu hoffen, dass diese miese Stimmung nicht anhielt und sie Drei die nächsten Tage deswegen als schweigende Lämmer durch Holland kurven ließ. Er wollte versuchen, das Interesse von Jule auf die Fahrt zu lenken, zu dem, was sie unterwegs alles sehen und erleben würden.

»Jule? Freust du dich ein wenig auf unsere Entdeckungsfahrt durch Holland?«, probierte er ein Gespräch in Gang zu bringen.

»Jaaahaa«, kam ohne Begeisterung die lahme Antwort. Nach einiger Zeit fügte sie an: »Muss ich denn wirklich mitkommen?«

»Wir können dich nicht alleine zu Hause lassen. Das geht doch nicht«, hielt ihr Andreas entgegen.

»Aber ich könnte so lange bei Tante Hanni bleiben. Es macht mir Spaß bei ihr und den Tieren«, meinte Jule.

»Das kommt überhaupt nicht in Frage«, keifte Helga schrill und fuhr auf ihrem Sitz zu Jule herum. »Wir drei touren ab Morgen durch Holland. Ich will einige Ausstellungen besuchen und du gehst mit Papa in Parks, Zoos, ins Schwimmbad oder an den Strand.«

»Aber bei Tante Hanni wäre ich viel lieber.«

Helga zog empört die Luft ein: »Es gibt keine Diskussion, du kommst mit auf diese Reise und damit basta.« Sie drehte sich auf ihrem Sitz nach vorne, um sich sogleich nochmals zurückzuwenden. Mit dem Zeigefinger auf Jule deutend stieß sie heraus: »Und noch etwas: Ich will kein Wort mehr von dieser grässlichen Person hören. Diese Tante existiert für uns ab sofort nicht mehr. Merk dir das ein für alle mal.«

Mit aufgerissenen Augen starrte Jule erschrocken auf ihre Mutter. Andreas konnte sehen, wie jetzt Tränen über ihre Wangen kullerten.

»Helga! Das kannst du nicht verlangen«, widersprach Andreas. »Jule liebt ihre Tante über alles und fühlt sich sehr wohl bei ihr auf dem Land.« Ein solches Verbot konnte sie doch nicht wirklich wollen. Er ärgerte sich einmal mehr über das rücksichtslose Verhalten seiner Frau. Wie oft hatte er schon versucht, sie von dieser herzlosen Umgangsart wegzuführen. Aber wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, vor allem wenn sie glaubte, sich verteidigen zu müssen, war sie nur ganz schwer davon abzubringen.

Mit einer Handbewegung wischte sie den Einwand ihres Mannes weg. »Ach du hast doch gar keine Ahnung. Diese Hexe will uns doch nur unsere Tochter abspenstig machen, damit sie jemanden auf ihre alten Tage hat, der sie in ihrer Wildnis da draußen versorgt, bis sie abkratzt …«

»Helga! Lass das bitte! Nicht hier vor Jule. Wir zwei besprechen das in aller Ruhe zu Hause!«, fiel ihr jetzt Andreas mit energisch klingender Stimme ins Wort.

Helga verzog beleidigt ihr Gesicht, wandte sich ab, um demonstrativ wieder die vorbeiziehende Gegend zu betrachten. Auf der Rückbank hatte sich Jule die Hände vor das Gesicht gelegt. Ihr Körper zuckte.

Andreas bemerkte, wie schwer Jule die Worte ihrer Mutter zusetzten. Verdammt noch mal, was konnte er nur dagegen tun? Er kam einfach nicht gegen ihr herzloses Verhalten an. Für ihn selbst spielte es keine große Rolle mehr, er hatte sich daran gewöhnt, dass sie sich komplett auseinandergelebt hatten. Aber für Jule in ihrem jungen Alter waren diese kalten Umgangsformen mehr als nur abträglich. Er hoffte inständig, dass sie davon keinen Schaden nahm. Er musste alles versuchen, dies zu verhindern.

Sein Vorhaben, bessere Stimmung aufkommen zu lassen, war kläglich fehlgeschlagen. Im Gegenteil, er hatte es damit noch verschlimmert.

Die Fahrt ging wieder stumm weiter und daran wird sich für heute auch nichts mehr ändern. Es war nur zu hoffen, dass sich bis Morgen früh die Aufregung gelegt hatte. Er nahm sich fest vor, mit seiner Frau am Abend noch ein ernsthaftes Gespräch zu führen. So konnte es doch, wenigstens der jungen Jule zuliebe, nicht weitergehen.

Kapitel 2

Vier Jahre später; Beziehungsprobleme

Müde betrat Andreas an einem Freitagabend die Wohnung. Es war wieder eine anstrengende Woche geworden. Seit sein Chef, der Inhaber der Gartenbaufirma Lindner, einen Kreislaufkollaps erlitten hatte, hing das Meiste der organisatorischen Aufgaben an ihm. Die Arbeit machte ihm zwar Spaß, war aber auch sehr herausfordernd.

»Hallo mein Papa, schon zu Hause?«, begrüßte ihn Jule an der Garderobe stehend.

»Endlich Feierabend. Und du, mein Schatz? Wieder Ausgehen?« Mit Befriedigung betrachtete er seine Tochter. Sie war eine attraktive junge Frau geworden und was ihn ebenfalls freute, dass sie auch was im Kopf vorzuweisen hatte.

»Ja, meine Freundin Susanne hat Geburtstag. Heute wird gefeiert. Kann spät werden.«

»Okay. Aber um Mitternacht bist du zu Hause«, meinte er mit gestelzt forscher Stimme, jedoch mit einem Grinsen im Gesicht.

Jule, die ihm den Rücken zugewandt hatte, fuhr herum, wollte energisch etwas erwidern. Jetzt sah sie seine belustigte Miene, hob den Zeigefinger und meinte schlagfertig mit einem verschmitzten Lächeln: »Na gut, du hast ja nicht gesagt, welches Mitternacht.«

»Übertreib's aber nicht. Wenn du Transportdienst brauchst, ruf an, ich bin in der Stadt beim Kegeln. Hast dein Handy dabei?«

»So was musst du doch eine Achtzehnjährige nicht fragen. Ist ja fast eine Beleidigung«, meinte sie und zog die Jacke über.

»Upps, Entschuldigung. Aber pass bitte auf dich auf. So hübsche Käfer wie du laufen leicht Gefahr, dass sie gefressen werden.«

»Keine Angst, mein lieber Paps, ich pass schon auf.«

»Seid ihr bald fertig mit eurem Gesülze? Das Geplapper stört mich bei meiner Arbeit«, erklang die genervte Stimme von Helga aus ihrem Atelierzimmer.

Vater und Tochter blickten sich, ihre Gesichter verziehend, wie ertappt an. »Entschuldige. Ich muss los. Tschau Mama!«, rief Jule rasch und hob kurz ihre Schultern. »Tschüss Paps, dir auch viel Spaß beim Kugeln rollen.« Innig umarmten sie sich. Andreas drückte sie fest an sich, küsste sie auf beide Wangen.

»Viel Spaß, meine Kleine«, flüsterte er, schob sie Richtung Tür und wandte sich dann ab zum Wohnzimmer.

Unter der offenen Tür zum Atelierzimmer blieb er stehen, blickte kurz auf seine Frau, die undefinierbare Kleckse und Linien auf eine Leinwand malte. Er schüttelte den Kopf. Was immer das aussagen sollte, er verstand es nicht.

»Hast du bereits gegessen?«, getraute er sich mit der banalen Frage, ihre kunstvolle Arbeit zu stören.

»Schon lange. Ich hatte Hunger und mit knurrendem Magen kann man nicht kreativ wirken. Nimm dir irgend was«, brummte sie mit abwesend klingender Stimme ohne dabei ihre Tätigkeit zu unterbrechen.

»Entschuldigung, aber heute war mal wieder der Teufel los. Gerhard war nicht da, also blieb alles an mir hängen.«

»Ist mir schon klar, deine Arbeit ist dir das Wichtigste. Da vergisst du alles andere«, gab Helga jetzt bissig zurück.

»Aber du weißt doch, dass der Lindner meine Unterstützung braucht, seit er den Zusammenbruch gehabt hat. Ohne mich müsste er den Laden wahrscheinlich dichtmachen. Abgesehen davon, gefällt mir mein selbstständiger Job dort. Außerdem ist mein Gehalt deshalb gar nicht ohne und hiervon profitierst auch du.« Er biss sich auf die Lippen. Die letzte Bemerkung hätte er besser lassen sollen, aber manchmal wollte er schon versuchen, die Verhältnisse gerade zu rücken. Für sie gab es nur ihre künstlerische Tätigkeit. Um die Familie kümmerte sie sich überhaupt nicht mehr. Nicht mal zum Einkaufen ging sie, geschweige den Kochen, Putzen oder Waschen. Das blieb alles an ihm und Jule hängen.

Prompt fuhr Helga auf ihrem Hocker herum und funkelte ihn wütend an. »Ach, jetzt kommt wieder diese Leier. Du armer Mann und Ernährer arbeitest hart, um deiner Familie ein sorgloses Leben bieten zu können, während deine Frau als Heimchen am Herd zu Hause herumsitzt und so nebenbei das Geld ausgibt. Dazu bin ich nicht mehr bereit. Ich will mehr vom Leben als nur Kochen, Putzen und euch zu Diensten stehen.«

»Ich mein das doch gar nicht so, wie du das jetzt wieder hinstellst. Ich gönn dir doch deine Aktivitäten, die dir Spaß machen, das weißt du genau. Aber gelegentlich mal für Jule und mich da zu sein, ist doch wirklich nicht zu viel verlangt. Wir sind doch immerhin so was wie eine Familie«, versuchte Andreas, wie schon so oft in den letzten Jahren, seinen Standpunkt klar zu stellen.

Sein Handy begann zu summen. »Neumann«, meldete er sich. »Ah, hallo Gerhard, was gibt’s denn Dringendes?« Er wandte sich ab, während Helga sich mit einer verärgerten Handbewegung und einem Grunzlaut wieder ihrer Staffelei zuwandte.

Nach kurzer Zeit kam Andreas zurück an die Tür. »Der Chef war’s. Ich muss morgen Vormittag für Ihn bei einem Kunden eine Arbeit erledigen. Er schafft es nicht in seinem Zustand.«

»Na schön, dann bist du ja glücklich versorgt und musst dich nicht mit mir rumärgern.«

»Helga! Wir haben doch schon unzählige Male über all diese Probleme in unserem Leben gesprochen. Es läuft leider nicht immer so, wie wir es uns einmal vorgestellt hatten. Aber ich kann dir nur ein Weiteres mal erklären: Alles was ich will, ist, dass du und Jule ein unbeschwertes Leben führen könnt, nicht mehr und nicht weniger.«

Helga ließ demonstrativ ihre Schultern hängen. »Ja ja, ist ja großmütig von dir. Wir sind dir so dankbar«, rief sie ihm hinterher, als er sich, der Diskussion überdrüssig, zur Küche abwandte. Es ergab mittlerweile keinen Sinn mehr, ihr das immer gleiche Hunderttausendmal vorzukauen. Das war nutzloses Geplauder geworden, brachte nur Ärger und Frust.

Mal sehen, ob es was zu beißen gab in den Schränken. So wirklich was Brauchbares fand er aber nicht, es sei denn, er hätte frühstücken wollen. Na dann eben nicht. Würde er beim Kegeln was verputzen. Aber ihm fiel jetzt ein, dass er mit Helga Morgen Abend das Konzert der Philharmoniker besuchen wollte. Die Karten hatte er besorgt. Er fragte sich, ob sie angesichts ihrer Laune wirklich mitkommen wird.

Da definitiv nichts Vernünftiges, Essbares zu finden war, beschloss er, gleich loszuziehen. Vor der Tür zum Atelier stoppte er. Er überlegte, ob er Helga nochmals stören und sie womöglich noch misslauniger machen sollte. Aber falls sie nicht ans Konzert wollte, dann konnte er versuchen, die Karten jemandem weiterzugeben. Vielleicht hatte ein Kumpel vom Kegelklub Interesse. Er räusperte sich.

»Noch kurz eine Störung, dann bin ich weg.«

»Was möchte der Herr noch?«, kam die sarkastische Antwort von Helga, ohne dass sie sich ihm zuwandte.

»Gehen wir jetzt morgen Abend zu diesem Konzert der Philharmoniker?«

Nach einem kurzen Zögern meinte sie: »Eigentlich habe ich keine Lust drauf. Außerdem bin ich Morgen Nachmittag verabredet im Künstlertreff. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird. Es könnte sich hinziehen. Geh alleine oder wirf die Karten weg, viel Verlust ist es ja nicht.«

»Schade.« Die Jule musste er gar nicht erst fragen, die hatte schon was vor Morgen Abend. Er würde sich überlegen, was er mit den Karten anstellte. Notfalls ging er alleine hin, er brauchte etwas Zerstreuung. Mit einem Schulterzucken drehte sich Andreas weg und begab sich auf den Weg zur Kneipe, um erst mal seinen Hunger zu stillen.

’Karla Wegener' stand auf dem Schild der Türglocke. Andreas drückte den Knopf. Mal sehen, wer das war. Bis jetzt war diese Kundin nur von seinem Chef, von Gerhard Lindner, persönlich betreut worden. Er hatte bisher nichts zu tun gehabt mit ihr.

Die Tür öffnete sich und eine Dame in seinem Alter sah ihn fragend an. Mit ihren zu einem Knoten hochgesteckten Haaren, einer fleckigen Hose und einem alten, schlappen Pullover, die Ärmel hochgekrempelt, hatte er sie vermutlich beim Wochenendputz unterbrochen.

»Ja bitte?«, begrüßte sie ihn mit einer reserviert klingenden Stimme.

»Ich komme im Auftrag der Firma Lindner, Gartenbau. Mein Name ist Andreas Neumann. Sie sind Frau Wegener?«

Das Gesicht der Frau nahm sofort einen freundlichen Ausdruck an. »Ja, das bin ich. Danke, dass Sie es möglich machen konnten, heute herzukommen.«

»Ich soll Ihnen einige Büsche und Bäume instand setzen, die vom gestrigen Sturm beschädigt wurden.«

»Ja ich sorg mich um die Pflanzen. Ein Teil hat tüchtig was abbekommen. Darf ich’s Ihnen zeigen?«

Nachdem sie sich zusammen den Schaden angesehen hatten, machte er sich an die Arbeit, während Karla Wegener wieder im Haus verschwand. Andreas sah ihr kurz nach. Eine freundliche und höfliche Person. Das pure Gegenteil seiner Frau, schoss es ihm durch den Kopf und erschrak über den Vergleich aus dem Nichts.

Gedankenverloren verrichtete er die Arbeiten, wie er es mit ihr abgesprochen hatte, bemerkte gar nicht, wie dabei die Zeit verging. Er fuhr zusammen, als plötzlich hinter ihm ihre Stimme erklang.

»Und? Wie kommen Sie voran, Herr Neumann?« Karla Wegener trat, sich umblickend und dabei zufrieden nickend, auf ihn zu. »Da sieht man ja schon fast gar nichts mehr von den Schäden. Sie sind ein kleiner Zauberer. Kompliment.«

»Danke. Es war gar nicht so schlimm«, meinte er und zeigte in die Runde. »Einige mussten etwas ’Haare lassen', aber die kommen schon zurecht damit. Bald werden Sie gar nichts mehr vom Schaden feststellen.«

»Wie sieht’s aus? Haben Sie Hunger und Zeit für einen kleinen Mittagslunch? Es ist bereits halb eins, falls Sie das nicht bemerkt haben.«

Andreas sah auf die Uhr. »Tatsächlich. Wie die Zeit vergeht. Ja etwas Hunger verspür ich schon, aber ich möchte ihnen keine Umstände bereiten.«

»Kein Problem. Ich hab was vorbereitet, was sicher für uns beide reicht. Hätten Sie denn jetzt Zeit?«

»Wenn es ginge, dann in etwa zehn Minuten. Bis dann wäre ich fertig mit meiner Arbeit.«

»Perfekt. Dann kommen Sie da außen rum zum Sitzplatz. Ich richte uns was zurecht, Sie haben es verdient«, sagte Karla und ging zurück zum Haus.

Erfreut über die Komplimente dieser sympathischen Frau erledigte er den Rest seiner Arbeit voll Elan, um dann neugierig vor das Haus zum Sitzplatz zu gehen. Offenbar hatte die Besitzerin auf ihn gewartet, denn sie trat soeben aus der Terrassentür.

»Da sind Sie ja, bitte, kommen Sie«, und zeigte auf einen bequemen Stuhl. »Nehmen Sie Platz, ich hol das Essen.« Sie drehte sich beim Zurückgehen nochmals um und fragte: »Was möchten Sie trinken? Wasser, Bier, Wein? Ich schlage ein Glas Wein vor, als kleines Dankeschön, dass Sie meinen Garten im Handumdrehen wieder so schön hergerichtet haben.«

»Da sag ich nicht Nein, aber ein Wasser dazu gegen den Durst, bitte.«

»Kommt sofort«.

Andreas sah sich um. Einen geschmackvollen Wohnsitz hatte diese Frau. Ein gepflegtes Haus, die Umgebung Tipptop. Ganz die Handschrift seines Chefs. Aus dem Haus erklang nun dezente Orchestermusik. Ja, so war das Leben zum Genießen.

Die Hausherrin trat mit einem voll beladenen Servierbrett aus dem Haus und richtete alles auf dem Tisch an. Dabei fragte sie interessiert: »Wie geht es denn dem Gerhard Lindner? Er scheint krank zu sein. Ich hatte ihn zwar am Telefon gefragt, aber er rückte nicht raus mit einer Antwort. Die Tatsache, dass nicht er selbst heute gekommen ist, stimmt mich nachdenklich.«

»Seit einem Kreislaufkollaps ist er leider nicht mehr so aktiv.«

»Was? Ein Kollaps?« Sie blickte erschrocken auf Andreas.

»Ja, leider. Ich arbeite ja seit zwei Jahrzehnten mit ihm zusammen, aber so wie er jetzt noch kann, ist schockierend anzusehen. Er bekommt viel Therapie und muss sich total schonen. Aber ich kann ihn gut im geschäftlichen Unterstützen. Deshalb müssen Sie zur Zeit halt mit mir vorliebnehmen.«

»Ich hoffe, dass er sich erholen und sein Leben wieder genießen kann. Wir kennen uns seit der Schulzeit und hatten über die ganzen Jahre immer Kontakt gehalten. Er ist ein angenehmer Mann, ein feiner alter Freund.«

»Ja, ich arbeite gerne bei ihm. Wir haben ein schönes persönliches Verhältnis. Wir haben praktisch zusammen sein Geschäft aufgebaut.«

Für eine Weile assen sie wortlos. Beide hingen in den Erinnerungen an den Freund und Chef, bis Andreas die Stille wieder brach.

»Schmeckt ausgezeichnet, diese Terrine«, lobte er und hob das Weinglas, um mit ihr anzustoßen. »Dazu die schöne Musik. Was will man mehr. Herzlichen Dank.«

»Gern geschehen. Zum Wohle und Dankeschön, dass Sie für mich den freien Samstag geopfert haben.«

»Kein Problem. Dafür werde ich heute Abend solch schöne Musik, wie wir sie grade hören, genießen. Ich gehe ins Konzert der Philharmoniker.«

»Oh Sie Glückspilz. Sie haben eine Karte bekommen? Ich hatte leider Pech. Ich war zu spät dran.«

Andreas überlegte einen kurzen Augenblick. Keiner seiner Kegelkumpane hatte Interesse gezeigt für die Karten. Alleine hinzugehen, dafür hatte er nicht sonderlich Lust. Sollte er sie ihr einfach schenken, oder sie gar einladen? In Begleitung würde er gerne hingehen. – Ach, was soll‘s, Helga brauchte es ja nicht zu wissen. Außerdem wäre es nur ein harmloser Konzertbesuch. Er blickte auf die Gastgeberin.

»Wie wär’s denn? Ich habe zwei Karten. Ich möchte ja nicht aufdringlich wirken, aber, kommen Sie doch mit zum Konzert.«

Erstaunt und erfreut sah sie ihn an. »Echt? Sie haben noch eine freie Karte?«

»Meine Frau ist leider kurzfristig verhindert und kann nicht mitkommen. Jetzt lade ich Sie ein. Zu zweit ist es allemal unterhaltsamer und man kann danach noch über alles diskutieren.«

Karla Wegener blickte ihn erst erfreut, dann aber nachdenklich an, um dann intensiv ihren Teller zu betrachten. Sie schien zu überlegen.

»Na? Was meinen Sie? Kommen Sie doch mit. Einfach entspannt ein Konzert genießen. Ich beiße nicht, bin froh, wenn ich nicht gebissen werde«, versuchte er, ihre Zurückhaltung mit dieser albernen Bemerkung zu vertreiben.

»Ja, warum eigentlich nicht«, meinte sie etwas zögerlich und streckte ihm die Hand entgegen. »Vielen Dank, da machen Sie mir aber eine riesige Freude. Ich bezahle Ihnen selbstverständlich die Karte.«

»Kommt nicht in Frage. Betrachten Sie es als kleine Aufmerksamkeit der Firma Lindner«, wehrte er ab und drückte ihr die Hand.

Sie vereinbarten Treffpunkt und Zeit. Andreas freute es, nicht allein ins Konzert gehen zu müssen. Mit dieser netten Frau wird es sicher ein unterhaltsamer Abend werden.

Wie üblich begaben sich an diesem Mittwochabend alle Besucher im Kulturtreff, nach einem Vortrag über Maltechniken, an die Tische, um bei einem Glas Wein über das Gehörte zu diskutieren. Helga setzte sich, Karla nahm ihr gegenüber Platz. Sie kannten sich schon seit längerer Zeit. Als alte Kolleginnen aus der Berufsschulzeit waren sie später hier gemeinsam beigetreten. Sie, weil sie sich für Malerei und Töpferei interessierte, Karla einfach aus allgemeinem kulturellen Interesse.

»Zum Wohl, Helga!«, hob Karla ihr Glas, stieß mit ihr an und trank. »Na? Hat es dir für deine Malerei etwas gebracht heute?«.

»Ja, doch. Da waren einige Tipps und Tricks dabei, die mir weiterhelfen werden. Und dir? War's wissenswert für dich? Du malst ja nicht, oder hast du damit angefangen?«, gab Helga zurück.

»Nein, ich habe leider kein Talent zum Malen. Interessant war es trotzdem. Allerdings ...«. Sie brach zögernd ab.

»Allerdings ...?«, hakte Helga neugierig nach, weil Karla nicht sofort weitersprach.

»... an das tolle Konzert, das ich am letzten Samstag genießen konnte, kam es bei Weitem nicht heran.«

»Na ja, ein Vortrag ist ja was anderes als ein Konzert, das kann man doch nicht vergleichen.«

»Ja sicher«, erwiderte Karla und blickte nachdenklich zur Seite. Nach einem Augenblick setzte sie sich aufrecht hin, sah auf Helga und meinte zögernd: »Sag mal, Helga? Dein Mann heißt doch Andreas. Arbeitet beim Gartenbau Lindner?«

»Ja, warum?«

Karla zögerte wieder. »Ich hoffe, du springst mir jetzt nicht gleich an den Kragen.« Nach einem tiefen Schnaufer fuhr sie fort: »Dann war ich am letzten Samstag mit deinem Mann im Konzert.« Etwas besorgt blickte sie auf Helga.

»Ja, er war dort, hast du ihn gesehen?«, meinte diese ungerührt.

»Wir waren gemeinsam dort«, sagte Karla jetzt mit fester Stimme und sprach sofort weiter, »Er hatte mich eingeladen, als er am Morgen meinen sturmzerzausten Garten wieder hergerichtet hatte.«

Helga starrte jetzt entgeistert auf ihre Kollegin. Erst verspürte sie aufkommende Entrüstung, die sich jedoch schnell wieder legte.

»Ach sieh mal einer an ...«, brachte sie, angesichts dieses überraschenden Geständnisses, gedankenverloren hervor. Was war doch ihr Mann für ein Hinterrücksler. Das war neu an ihm. Kein Wort hatte er davon erwähnt, dass er in Begleitung im Konzert war.

»Ja, ehrlich. Ich hatte ihn zum Dank für seinen Samstagseinsatz zum Mittagessen eingeladen. Dabei hat er mir erzählt, dass er zwei Karten habe, du aber leider keine Zeit hättest, mitzugehen. Da hat er mich spontan gebeten, mitzukommen.«

Da Helga nicht darauf antwortete, fuhr Karla sofort mit gedämpfter Stimme fort: »Ich weiß, es ist mein Fehler. Ich hätte vorher mit dir reden müssen. Aber ich hatte mich so gefreut, dass ich doch noch dieses Konzert besuchen konnte. Ich hatte doch keine Karte mehr bekommen.«

Da Helga immer noch schwieg, sie nur weiter unverwandt ansah, fuhr Karla beteuernd fort: »Du kannst mir glauben, da war sonst gar nichts, wirklich nichts. Wir haben zusammen das Konzert genossen und danach ein wenig darüber diskutiert. Das war alles, glaub mir.«

Jetzt beugte sich Helga vor. Karla zuckte erschreckt zurück, wohl in Erwartung, dass nun ein gewaltiges Gewitter über sie hereinbrechen würde.

»Ich glaube dir«, kam es fast emotionslos von Helga, »Ich kenne dich schon lange. Ich weiß, dass du nicht der Typ Frau bist, die ihren Freundinnen die Männer abspenstig macht.«

Bei Karla war die Entspannung deutlich sichtbar nach diesen Worten. Für zwei, drei lange Minuten herrschte Schweigen zwischen den beiden Frauen. Helga überlegte sich, ob sie die Gelegenheit für sich Nutzen konnte. Da reifte ein Plan in ihrem Kopf. Schließlich gab sie sich einen Ruck.

»Ich will dir jetzt etwas gestehen, Karla. Du brauchst dir keinerlei Sorgen machen, dass du meinen Mann sozusagen ausgeliehen hast. Wir sind genau genommen schon lange kein Paar mehr. Wahrscheinlich hast du ihm damit über ein Stück Ärger hinweggeholfen, den wir seit längerer Zeit miteinander haben.« Sie legte eine kurze Pause ein, um dann fortzufahren: »Weißt du, in meiner Ehe klappt es leider schon seit Langem nicht mehr. Wir haben uns auseinandergelebt und es ist vermutlich nur der Existenz unserer Tochter Jule zuzuschreiben, dass wir uns nicht längst getrennt haben. Sie ist mittlerweile achtzehn und selbstständig. Deshalb trage ich mich jetzt mit dem Gedanken, meinen Mann zu verlassen. Ich kann mich nicht weiterentwickeln in dieser einengenden Beziehung mit all den Spannungen. Ich bin kein Hausmütterchen. Ich muss da raus aus dem spießbürgerlichen Familientramp.«

Karla griff sich betroffen an den Kopf: »Oh mein Gott, das klingt ja schrecklich. Aber deinem Mann habe ich gar nichts angemerkt. Er hat keine diesbezüglichen Bemerkungen gemacht. Hat nur von eurer Tochter in den höchsten Tönen geschwärmt.«

»Ja, das ist die angenehme Seite an ihm. Diskret und zuverlässig ist er. Jule ist für ihn das 'Ein und Alles', da steht er voll dahinter. Aber das ist auch schon alles, was er bei mir auf der Guthabenseite hat.«

Helga sah nachdenklich auf ihr Glas, um dann interessiert zu fragen: »Hast du ihm gesagt, dass wir uns kennen?«

»Nein, hab ich nicht. Erst hatte ich es vor, ließ es dann aber.«

»Gut.« Helga stockte kurz, um dann zögernd weiter zu sprechen: »Sag mal. Wärst du bereit, mich über meinen Mann auf dem Laufenden zu halten, wenn ich ihn verlassen habe? Ich plane, in eine Künstler-WG zu ziehen. Ich will die Scheidung so rasch wie möglich durchsetzen.« Dass sie Karla mit diesem Theaterbesuch dazu missbrauchen wollte, um dabei so viel als erreichbar, für sich herauszuschlagen, brauchte sie ihr ja nicht auf die Nase zu binden.

Karla klang etwas unsicher, als sie fragte: »Was erwartest du denn genau von mir?«

»Nichts Besonderes. Nur, dass wir beide weiterhin Kontakt halten, auch wenn ich nicht mehr zu diesem Treff hier kommen werde. Du wirst ja vermutlich immer mal wieder meinen Mann sehen oder sprechen, wenn er für dich arbeitet. So könntest du mich ein wenig auf dem Laufenden halten, was so läuft bei ihm.«

»Ach so? Ja das ist kein Problem. Wir bleiben natürlich in Kontakt.«

»Sehr gut. Lass dich von ihm hin und wieder Ausführen, Konzert, Theater, zum Essen. Andreas ist ein spendabler Typ.«

Das schien Karla zu gefallen, denn sie nickte erfreut.

»Dann habe ich jetzt nur noch den Wunsch an dich«, fuhr Helga weiter, »Verrate meinem Mann bitte nicht, dass wir zwei uns kennen. Das ist besser so für uns beide. Einverstanden?«

»Einverstanden«, willigte Karla erleichtert ein und trank ihr Glas zur Neige während Helga mit Elan zur Flasche griff, um nachzuschenken.