Verborgene Kräfte - Wali Farmer - E-Book

Verborgene Kräfte E-Book

Wali Farmer

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Beschreibung

Für den voll im Berufsleben stehenden Thomas wird es immer schwieriger, ein normales Leben zu führen. Was er in der Jugend noch spielerisch zu seinem Vorteil benutzte, wird mit zunehmendem Alter immer mehr zu einer Belastung. Er nimmt ungewollt die Emotionen von Personen wahr, wenn er seinen Gegenüber betrachtet. Als sich nach einem Unfall diese Wahrnehmung noch gravierend verändert, gerät sein Leben endgültig aus den Fugen. Eines Tages ist er gezwungen, das bisher streng gehütete Geheimnis preiszugeben. Jetzt nimmt das Leben von Thomas eine krasse Wende. Er sitzt in der Falle, kann sich allein nicht mehr selbst helfen, geschweige denn, sich vor den Bedrängnissen schützen. Es beginnt für ihn ein Spiessrutenlauf zwischen Behörden, Medien und seinem Freundeskreis. Dabei wünscht er sich doch nur ein freies, ungestörtes Leben mit einer Partnerin und guten Freunden.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Zum Buch:

Thomas nimmt ungewollt die Emotionen anderer Menschen wahr. Was er in seiner Jugend nutzte, noch ohne tiefer nachzudenken, wird mit zunehmendem Alter immer mehr zu einer Belastung. Als sich nach einem Unfall diese Wahrnehmung noch verstärkt, gerät sein Leben endgültig aus den Fugen. Seine Probleme im Umgang mit anderen Menschen, vor allem im Freundeskreis, wachsen ihm über den Kopf. Als er gezwungen ist, sein bisher streng gehütetes Geheimnis gegenüber der Polizei preiszugeben, nimmt sein Leben eine krasse Wende. Wie er aus dieser verrückten Situation herausfinden und in ein normales Lebensumfeld kommen soll, ist ihm schleierhaft. Er sitzt in der Falle, kann sich nicht mehr selbst helfen, geschweige denn, sich schützen. Es beginnt ein Spießrutenlauf zwischen Behörden, Medien und seinem Freundeskreis. Dabei möchte er doch nichts weiter, als ein ungehindertes Leben mit einer lieben Partnerin und guten Freunden führen zu können.

~ ~ ~ ~ ~

Diese Geschichte ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

~ ~ ~ ~ ~

Der Autor:

Wali Farmer lebt mit seiner Frau im schweizerischen Wettingen. Seine beiden Kinder sind längst ausgeflogen. Das gibt ihm Zeit und Muße, unter diesem Pseudonym Geschichten zu erfinden und niederzuschreiben. Sein Ziel ist es, in unterhaltenden Romanen über Menschen zu schreiben, die in ihrem Dasein mit den üblichen Gepflogenheiten der Gesellschaft ihre liebe Mühe haben.

Dieses Buch ist meiner geliebten Maggie gewidmet, die, trotz ihrer Krankheit, mir immer sehr großzügig Zeit lässt für meine Schreibereien.

Inhaltsverzeichnis

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Eins

»Spiel, Satz und Sieg!«, schrie Peter den berühmten Tennissatz, stellte sich in Siegerpose und warf seinen Tennisschläger mit Schwung in die Höhe. Ihn gekonnt wieder auffangend lief er dann mit breitem Grinsen zum Netz vor.

Mit hängenden Schultern ging Thomas seinem Freund ans Netz entgegen. Er war froh, dass das Spiel zu Ende war.

Einmal mehr hatte er sich nicht richtig konzentrieren können. In seiner Freizeit empfand er das zwar als weniger schlimm, bei der Arbeit bekam er jedoch immer mehr Probleme deswegen. Es ärgerte ihn, dass er häufiger darüber in Grübeleien verharrte, warum sein Leben zunehmend unbefriedigender verlief. In was steigerte er sich da hinein? Und warum? In den letzten Wochen hatte ihn der Chef mehrmals zusammengestaucht. Leider jedes Mal zu Recht, wie er sich eingestehen musste. Er war häufig unkonzentriert, hatte dumme Fehler fabriziert. Diese blöden Empfindungen der Leute, mit denen er Kontakt hatte, verwirrten ihn. Dann hatte ihn auch noch Gerda versetzt. Hatte keinen Bock mehr, mit einem wortkargen Mann, ›einem stummen Fisch‹, wie sie meinte, auszugehen. Er sollte endlich mit seinem Freund über seine Probleme reden. Vielleicht konnte ihm das helfen, aus seinem Dilemma heraus zu finden.

Mit einem gezwungenen Grinsen schlug er auf die Hand, die ihm Peter über das Netz entgegenstreckte.

»Gratuliere. Hast fix gespielt«, brummte er und wandte sich ab in Richtung seiner Sporttasche.

Peter lief neben ihm her ebenfalls aus dem Feld. »Danke für dein begeistertes Lob.«

Als Thomas darauf nicht reagierte, fügte er ironisch an: »OK. Gehen wir unter die Dusche. Vielleicht erwachst du dann.«

Als sie nach dem Duschen ihre Siebensachen einpackten, blickte Peter auf und musterte den stummen Thomas. »Was ziehst du heute nur für ein griesgrämiges Gesicht? Geht es dir nicht gut? Oder bist du derart niedergeschlagen, weil ich dich in unserem Tennismatch endlich wieder einmal besiegen konnte?«, sprach er nun seinen Freund an. »Du kannst mir diesen kleinen Erfolg gönnen, ich verliere ja oft genug wegen deines harten Aufschlages.«

»Ach vergiss es«, erwiderte Thomas. »Ich gönn dir doch den Sieg. Aber ... du siehst das richtig. Mich beschäftigt etwas, das ich gerne mit dir bereden möchte.«

»Dachte mir, dass da was im Busch ist. Du warst heute beim Spielen nicht so konzentriert wie üblich. OK. Also raus damit, wo liegt der Hase im Pfeffer?«

»Nicht hier. Gehen wir noch auf ein Glas ins Bistro? Ich möchte das nicht so nebenbei bereden.«

»Ja gut, warum nicht, ich bin fertig.«

Peter stand auf, ergriff seine Sporttasche. Thomas packte seine letzten Kleidungsstücke ein und folgte Peter zum Ausgang.

Zum Glück war heute das Bistro nur schwach besucht, sodass sie einen Ecktisch fanden, an dem sie ungestört reden konnten.

Sie nahmen Platz und Peter blickte aufmerksam auf Thomas.

»Jetzt beginne ich neugierig zu werden«, sagte Peter. »Dass du es derart spannend aufziehst, kenne ich nicht von dir. Du machst doch sonst nie lange rum, sondern kommst direkt zum Punkt.«

Thomas ging nicht weiter darauf ein und winkte der Bedienung: »Zwei Bierchen bitte!«, rief er ihr zu. Sich Peter wieder zuwendend meinte er dann: »Dass du ein guter, verschwiegener Freund bist, wenn es um persönliche Dinge geht, weiß ich. Deshalb möchte ich das nur mit dir bereden, sonst mit niemandem.«

»Das ist klar, dafür sind gute Freunde da«, erwiderte Peter mit ernstem Gesicht. »Du machst mich aber langsam nervös. Was ist denn los? Bist du ernstlich krank? Hast du eine Bank ausgeraubt oder gar jemanden umgebracht?«

Thomas ergriff sein Glas, das die Bedienung soeben gebracht hatte. Nach einem tiefen Schluck daraus meinte er dann: »Ich habe noch nie in meinem Leben darüber geredet ... Komm, lass uns erst auf deinen Sieg anstoßen und darauf, dass wir immer gute Freunde bleiben.«

Peter hob ebenfalls das Glas und stieß mit verwundertem Gesicht an: »Prost, auf unsere Freundschaft.«

Nachdem sie getrunken hatten, räusperte sich Thomas und blickte den Freund ernst an. »Versprich mir bitte eines, lach mich bitte nicht aus, wenn ich dir von meinem Problem erzähle. Versprochen?«

»Versprochen«, erwiderte Peter ohne Zögern, »aber jetzt rück endlich raus damit, das ist ja nicht zum Aushalten.«

Thomas zögerte noch einmal einen Augenblick. Sollte er darüber reden, oder stellte er sich damit bei seinem engsten Vertrauten damit lächerlich hin. Das wollte er auf keinen Fall, aber er musste jetzt endlich mit jemandem darüber sprechen können, sich Luft machen. Also was soll es, entschied er sich schließlich, und begann zu erzählen.

»Ich nehme an, du weißt, was paranormale Fähigkeiten sind?«

»Ja, das sind abnorme Fähigkeiten, die Menschen nicht besitzen oder sich höchstens einbilden, sie zu haben. In Fantasy- und Zukunftsromanen wird so was gerne verwendet. Telepathie, Telekinese und so.«

Thomas zögerte nochmals kurz, blickte seinen Freund an: »Ich glaube, ich habe so etwas!«, platzte es endlich aus ihm raus. Im nächsten Augenblick fühlte er sich erleichtert, dass Peter nicht sofort loslachte.

»Du ... du meinst ... du ..., was kannst du denn?«, fragte Peter verwirrt.

»Ich weiß nicht, was es ist, oder wie man es nennen kann. Ich weiß nur so viel, dass ich bei einem Menschen, dem ich länger auf den Kopf blicke, etwas verspüre. Eine intensive Empfindung, wie sie von normalen Leuten, glaube ich, nicht gespürt oder mindestens nicht mit solcher Stärke gefühlt wird.«

»Du kannst die Gedanken lesen von einem ... nein!«, brach Peter seine Worte brüsk ab, da ihm offenbar bewusst wurde, dass Thomas erkennen könnte, was er gerade dachte.

»Nein, nein! Ich kann keine Gedanken lesen, auf jeden Fall nicht wörtlich. Wie soll ich es erklären? Ich kann die Stimmung erkennen, eine Art von Gefühlsmuster spüren. Also, ich meine jetzt nicht nur das, was das Gesicht ausdrückt, sondern in meinem Kopf entsteht eine Art Bild von einem emotionalen Gefühl. Sozusagen die Stimmung des anderen. Zum Beispiel: Wärme, Kälte, Hass, Zuneigung, Aufregung, einfach all das, was derjenige im Augenblick fühlt. Gleichzeitig sehe ich vor meinem inneren Auge eine Art Lichtschein um dessen Kopf. Stärker oder schwächer und in verschiedenen Farbtönen leuchtend ...«

»Entschuldige,«, unterbrach Peter jetzt mit besorgter Miene, »aber du bildest dir das nicht einfach nur ein?«

»Nein, ich bilde mir das nicht ein. Ich bin nicht durchgeknallt. Ich habe das schon bei vielen Personen getestet. Einige Bekannte hatte ich, nachdem ich die Empfindung verspürt hatte, direkt darauf angesprochen, wie sie sich gerade fühlen. Und bei den meisten, abgesehen von denen, die sich nie hinter die Fassade gucken lassen oder darüber reden wollen, wurde mein Gefühl bestätigt. Bitte, glaube mir, ich spinne nicht irgendetwas daher.«

Peter starrte Thomas eine ganze Weile verwirrt an. »Und du kannst jetzt, in diesem Augenblick, meine Gemütsverfassung erkennen?«

Thomas blickte kurz auf seinen Freund, bevor er zu reden begann. »Abgesehen davon, dass ich als dein langjähriger Freund den Ausdruck deines Gesichtes ohnehin gut lesen kann, bräuchte ich diese sonderbare Fähigkeit nicht, um zu erkennen, dass du jetzt aufgewühlt und ratlos bist. Aber es ist schon so, dein Bild, das ich am Ende unseres Trainings, gesehen habe, hat sich verändert. Das vorher ruhige, schwach leuchtende Weizengelb deiner Aura hat sich gewandelt in ein leicht nervös waberndes, schmutziges Gelb. Besorgt und entgeistert fühlst du dich im Augenblick. Stimmts?«

Peter wollte etwas sagen, bekam jedoch nichts raus. Er schien richtig geschockt. Nach einem verlegenen Schluck aus dem Bierglas, um die gespannte Stille zu überbrücken, brachte er endlich seine Frage heraus. »Seit wann hast du die ... diese Fähigkeit an dir entdeckt?«

»Eigentlich schon so lange, wie ich mich zurückerinnern kann. Bereits als Kind hatte ich dieses Sehen, es aber als ganz normal betrachtet. Erst in der Schulzeit wurde mir nach und nach bewusst, dass meine Art, jemanden wahrzunehmen, eine andere zu sein schien als die meiner Schulkameraden. Doch damals habe ich das nicht als Problem empfunden. Im Gegenteil. Ich lernte so schnell, schlechte von guten Kameraden auseinanderzuhalten und hatte es damit leicht, nicht auf falsche Freunde hereinzufallen.«

»Jetzt beginne ich zu verstehen,«, sinnierte Peter, »weshalb du Personen, mit denen du sprichst, meistens nur kurz ansiehst. Eine eigentlich eher unhöfliche Eigenart von dir, die mich aber nie gestört hat.

Ich erinnere mich an jene Zeiten, als ich oft die Freizeit bei dir auf eurem Bauernhof verbracht hatte. Deine Eltern hatten mich sogar mal gebeten, herauszufinden, warum du immer so abweisend zu anderen warst. Aber ich habe mich nicht getraut, denn für mich war dein Verhalten normal. Obwohl mein Vater mich vor Leuten gewarnt hat, die anderen nicht in die Augen sehen können, weil er meinte, dass solche immer etwas zu verbergen haben. Bei dir hatte ich dieses Gefühl aber nie. Du warst eben einfach der Thomas mit seiner typischen Art.«

»Ich bin mir dessen bewusst, dass ich mir mit diesem Verhalten keine sehr höfliche Art im Umgang mit den Leuten angewöhnt habe. Dass viele Menschen mich deswegen für unhöflich halten. Das hat sich ganz allmählich eingeschlichen. Damit habe ich mir das eine oder andere Mal ganz schön Nachteile oder Unannehmlichkeiten eingebrockt. Aber auf diese Weise kann ich mich ein wenig schützen, denn die Gefühle anderer zu erkennen, ist nicht immer angenehm zu ertragen.«

»Was mich erstaunt, wie du mit dieser emotionalen Belastung als bald achtundzwanzigjähriger Mann umgehst. Du hast Informatik studiert, denkst und handelst vorwiegend in realen logischen Bahnen. Hast du damit keine Schwierigkeiten?«

Thomas überlegte einen Augenblick. »Bis vor einiger Zeit nicht. Ich hatte das Ganze nicht als Problem in meinem Leben angesehen. Doch jetzt, ich weiß nicht warum, vielleicht durch das Alter, grüble ich immer öfter darüber nach. Die Gedanken drängen sich unbewusst vor, beeinflussen mein Denken und Handeln zunehmend. Ich habe immer mehr Mühe damit, Sachprobleme bei meiner Arbeit effektiv und analytisch anzugehen. Meine Konzentrationsfähigkeit leidet darunter. Ich träume herum, bin immer häufiger zerstreut.«

»Aber gelegentlich ein wenig träumen, ist doch nicht schlecht. Das macht das Leben bunter und gehört dazu. Lass es geschehen, dass dich auch mal Emotionen anstelle der kühlen Logik beherrschen.«

»Wenn das so einfach zu handhaben wäre, müsste ich dich nicht um deine Unterstützung bitten. Ich kann gut mit meinen Gefühlen umgehen, aber die Emotionswellen anderer können ganz schön zur Last werden.«

»Entschuldige Thomas, ich wollte dein Problem nicht verharmlosen. War eine dumme Bemerkung in diesem Zusammenhang.«

»Ich dachte mir, dass wenn ich mit dir darüber reden kann, es mir vielleicht helfen könnte, alles besser in den Griff zu bekommen. Es fühlt sich jetzt schon leichter an, weil ich mir endlich meine Sorgen von der Seele reden und mit dir darüber diskutieren kann. Ich bin froh, dass du mein Problem nicht ins Lächerliche ziehst. Du bist echt ein guter Freund.«

~ ~ ÷ ~ ~

Gedankenversunken schlenderte Thomas den Bürgersteig entlang und genoss die wärmenden Strahlen der langsam untergehenden Sonne. Als er an einem Straßenkaffee vorbeikam, hielt er kurz entschlossen inne und suchte sich ein freies Tischchen. Da drüben, rechts vorne gab es ein Leeres, das noch schön in der Sonne stand. Hinsetzen, ein Glas guten Wein trinken und eine relaxte Stunde genießen, das war jetzt das Richtige.

Einmal mehr hatte er sich dabei ertappt, wie er mit seinen Gedanken auf Wanderschaft war, anstatt sie auf das Arbeitsproblem zu konzentrieren. Seit er mit Peter über sein Problem reden konnte, ging es ihm um einiges besser, aber noch immer gab es diese Zeiten der Zerstreutheit. Er versuchte, damit umzugehen, sie unter Kontrolle zu bringen, aber es gelang ihm immer schlechter. Er bekam langsam den Eindruck, dass, je mehr er sich gegen diese Wahrnehmungsgabe sträubte, diese Unkonzentriertheit zunahm. Heute hatte es ihn im Büro wieder erwischt. Es machte keinen Sinn mehr, weiter zu arbeiten. Er hatte gelernt, sich nicht dagegen aufzulehnen. Daher hatte er, sehr zum Erstaunen seines Bürokollegen, kurzerhand einen frühzeitigen Feierabend beschlossen.

Es tat ihm gut, einfach hier zu sitzen und den Vorbeigehenden, oder eigentlich eher Vorbeihastenden, nachzusehen. Gelegentlich blieb sein Blick etwas länger auf einem Gesicht haften. Sofort drang dann ein Gefühlseindruck herüber. Wie dort bei jenem lethargisch dahergehenden Mann mit der dunkelgrauen, fast schwarzen Aura. Er schien tieftraurig zu sein oder sich in einer schweren Depression zu befinden. Vielleicht war eine ihm nahe stehende Person gestorben oder schwer erkrankt. – Oder hier, diese stolz vorbeilaufende Dame, die sich gekonnt im Griff zu haben schien. Äußerlich wirkte sie selbstbewusst und souverän, ganz über den Dingen stehend. Doch ihre leicht wabernde Aura, von aggressiven blauroten Blitzen durchsetzt, sprach von etwas ganz anderem. In ihrem Empfindungsmuster spürte er kurz ein Gemisch von Wut, Aufregung, aber auch Ungeduld. Wer oder was sie in diese Gemütsverfassung gebracht hatte, konnte er nicht erkennen. Auf jeden Fall schien sie darin geübt zu sein, ihre emotionale Verfassung nach außen hin gut zu verstecken.

Thomas schreckte aus seinen Betrachtungen auf, als das Handy in seiner Jackentasche zu vibrieren begann. Sollte er den Anruf entgegennehmen oder einfach ignorieren? Er war doch grad so schön im Entspannungstrend. Das Vibrieren setzte sich hartnäckig fort. OK, er könnte ja mal darauf schauen, wer es ist. Vom Geschäft wollte er aber heute nichts mehr wissen. Thomas zog das Telefon heraus, blickte auf die Anzeige. 'Peter Winkler', stand da. Der Freund rief an.

»Hallo Peter, wie geht’s dir?«, meldete er sich.

»Danke mir geht es bestens, und ich vermute mal, dir geht’s auch nicht schlecht.«

»Ja stimmt, ich genieße soeben einen frühen Feierabend«, gab Thomas zurück.

»Lass mich raten. Du ... sitzt wahrscheinlich bequem in einem Restaurant und genießt ein Glas Wein.«

»Volltreffer!«

»Siehst du. Als dein Freund habe ich doch auch ein wenig so was wie einen siebten Sinn. Nicht nur du. Aber jetzt im Ernst: Was denkst du? Gibt es für mich auch ein Glas, wenn ich gleich bei dir bin?«

Thomas ahnte etwas und schaute sich um. Auf der anderen Straßenseite winkte ihm sein breit grinsender Freund mit dem Handy am Ohr zu.

»Hallo«, rief Thomas ins Telefon, »was stehst du noch lange rum, komm herüber, du Wahrsager, setz dich zu mir in die Sonne.«

Während Peter die Straße überquerte, bestellte Thomas bei der vorbeigehenden Bedienung noch ein zweites Glas Wein. Peter trat an den Tisch.

»Na setz dich, du Hellseher.« Schmunzelnd streckte Thomas seinem Freund die Hand entgegen und begrüßte ihn. »Ich habe dir ein Glas prickelnder Chardonnay bestellt. Den magst du doch auch gerne.«

»Au fein«, fand Peter und setzte sich neben Thomas in die Sonne. »Schön, dieses milde Herbstwetter. Man muss diese, vermutlich nur noch wenigen schönen Tage, ausgiebig nutzen.«

Nach einem kurzen Augenblick, in dem beide ihre Gesichter genüsslich in die Sonne gehalten hatten, wandte Peter sich Thomas zu. »Was ist geschehen, dass du schon so früh am Abend den Müßiggang pflegst? Ist doch sonst nicht so deine Art?«

»Ach, ich hatte bei der Arbeit mal wieder einen Hänger. Konnte mich einfach nicht richtig in das Problem eindenken. So habe ich kurzerhand Feierabend gemacht. Auf dem Nachhauseweg hat mich dann das schöne Wetter dazu verleitet, hier einen Zwischenstopp einzulegen.«

»Das sind ja ganz neue Seiten an dir, gute Seiten. Was hat dich Workaholic dazu gebracht, ein so stinknormales Verhalten zu pflegen?« Mit einer Kopfbewegung auf die vorbeigehenden Fußgänger ergänzte er: »Hast du etwa Spaß daran bekommen, die Gemütszustände der Passanten zu studieren?«

»Nein, mit Spaß hat das nichts zu tun. Es ist nach wie vor einfach nur lästig und lenkt mich ab. Irritiert mich. Aber es ist jetzt so, dass ich langsam lerne, etwas entspannter damit umzugehen. Seitdem ich mit dir über das Problem sprechen konnte, hat sich meine Einstellung dazu gelockert. Ich kann schon etwas unverkrampfter mit meiner Fähigkeit umgehen. Sie erschreckt mich nicht mehr so sehr. Ich hoffe, es bleibt so.«

Die Serviererin brachte den Wein und die beiden Freunde prosteten sich zu.

»Auf einen schönen Abend und darauf, dass es dir wirklich dauerhaft besser geht«, wünschte ihm Peter. »Wahrscheinlich ist es ja manchmal auch angenehm, zu spüren, dass man so angehimmelt wird. Die Bedienung da hat dich ja fast verschlungen mit ihrer mehr als dienstlichen Freundlichkeit.«

»Unangenehm ist so etwas tatsächlich nicht«, schmunzelte Thomas, »da kam eine sympathisch weiche und warme Empfindung aus ihrer leicht orangefarbenen Aura. Wenn es nur derartige Gemütszustände gäbe, wäre es wirklich nur zu genießen. Zu schaffen machen mir aber Emotionen wie Trauer, Verlorenheit, Wut, Hass oder gar Gewaltbereitschaft. Solche Emotionsfeuer können dann schon mal richtig schockieren. Vor allem, wenn sie einen unvorbereitet treffen. Aber wie gesagt, ich spüre, dass ich allmählich wieder besser damit umgehen kann.«

Für ein paar Augenblicke saßen die Freunde in Gedanken versunken da, nippten an ihrem Wein und blickten den vorbeieilenden Menschen nach.

»Weißt du was?«, nahm Peter das Gespräch wieder auf. »Ich lade dich für nächsten Samstag zum Abendessen ein. Das kommende Wochenende soll noch angenehm warm bleiben. Also könnten wir das auf meiner Terrasse doch nochmals so richtig genießen. Christa wird auch da sein. Wir könnten zusammen in der Küche etwas Feines zaubern. Was meinst du?«

»Klingt verlockend. Aber ich möchte euch beiden nicht das Wochenende verderben. Ich komme mir immer ein wenig wie das fünfte Rad am Wagen vor, wenn ich mit euch beiden zusammen bin.«

»Das bist du auf keinen Fall«, protestierte Peter energisch. »Meine Christa mag dich sehr und freut sich mit Sicherheit, wenn wir den Abend zusammen genießen. Also, du kommst. Abgemacht?«

»Abgemacht, ich freue mich. Aber ich bringe den Wein mit.«

»Super!«, freute sich Peter und rieb begeistert die Hände. »Du kannst übrigens ohne Weiteres eine Begleitung mitbringen. Hast du noch Kontakt mit dieser, wie hieß sie doch gleich, Gerda? Wäre noch perfekter zu viert.«

»Greta meinst du? Nein, hat nicht gehalten. Wir haben den Kontakt abgebrochen. Sie hat sich verabschiedet, ich sei ihr als Freund zu langweilig. Vermutlich habe ich ihr zu wenig oft und intensiv in die Augen gesehen. Du weißt ja, meine Unart mit dem Vorbeischauen. Es ist so schwierig. Sie sieht gut aus und ich musste sie doch immer wieder anschauen. Aber dann kommen diese Gefühlsbilder rüber.«

»Schade. Tut mir leid für dich. Aber jetzt wo du dich langsam besser in den Griff bekommst, könntest du dich wieder ernsthaft nach einer Freundin umsehen. Trau dich. Wäre schön, dich nicht mehr so allein zu wissen.«

»Langsam, mein lieber Freund«, wehrte Thomas ab, »ich will nichts überstürzen. Ich versauere schon nicht als Single.«

Eine ganze Weile und ein weiteres Glas Wein später verabschiedeten sich die beiden Freunde schließlich und begaben sich bei untergehender Sonne entspannt auf den Nachhauseweg.

~ ~ ÷ ~ ~

Als Thomas an diesem Abend ins Bett ging, tat er dies um einiges erleichterter als in den vergangenen Monaten. Er fühlte sich erleichtert, weil er endlich mit jemandem über seine Fähigkeiten hatte reden können. Seit seiner Kindheit hatte er sein Geheimnis behütet, weil er Angst vor Spott hatte und sich schämte, so tief in die Seelen anderer schauen zu können. Mit niemandem hatte er je darüber gesprochen, noch nicht mal mit seinen Eltern. Als er allmählich bemerkt hatte, dass das, was er beim Betrachten eines Menschen verspürte, sich bei ihm auf eine ungewohnte, intensivere Art zeigte, als dies bei anderen scheinbar üblich war, hütete er das Ganze konsequent als sein ganz persönliches Geheimnis. Er hatte große Angst davor, dass man ihn sonst als komischen Sonderling ausgrenzen würde. In der Schule hatte er jedoch schnell gemerkt, dass er sich das Leben so auch angenehmer einrichten konnte. Seine Schulkameraden suchte er sich danach aus, ob deren Ausstrahlung ihm zusagte. Es war wie eine Art Spiel, bei dem er unbewusst den Freundeskreis nach seinen Empfindungen aussuchte und dabei diejenigen mied, die zu seinen augenblicklichen Ansichten und Gemütsverfassungen nicht passten. Gut, jeder sucht sich doch seine Freunde aus, mit denen die Chemie stimmig ist, bei denen man sich verstanden und akzeptiert fühlte. Was er aber als großen Vorteil empfand, war, dass er nicht mehrere Kontakte und Gespräche brauchte, um festzustellen, ob er mit jemandem auf der gleichen Wellenlänge war oder nicht. Ob er dem anderen vertrauen konnte. Ein einziger längerer Blick auf den Kopf genügte, um die Aura zu erkennen, und er wusste, ob sie gut miteinander auskommen würden.

Diese spielerische eher unbewusste Verwendung der besonderen Gabe benutzte er auch nach der Schulzeit, während der Ausbildung, ohne sich darüber weitere ernsthafte Gedanken zu machen. Erst seitdem er das Elternhaus verlassen hatte, eigenständig im Berufsleben stand, begann sich die Intensität der Empfindungen zu verändern. Immer stärker drängten sich die emotionalen Muster der Personen, mit denen er sich gerade unterhielt, in seinem Bewusstsein in den Vordergrund. Es fiel ihm immer schwerer, zumindest im beruflichen Umfeld, den Kontakt mit anderen Menschen selbst zu bestimmen. Nun war er gezwungen, mit Leuten umzugehen, die alles andere als ein angenehmes Emotionsmuster ausstrahlten. Es war nicht so, dass sich die Fähigkeit der Wahrnehmung verstärkt hatte. Viel eher schien es mit seiner persönlichen Entwicklung und der Art, wie er sein Leben einrichtete, zusammenzuhängen. Dadurch, dass er alleine lebte, außerdem kein vergnügungssüchtiger Mensch war, hatte er sehr viel mehr Zeit dafür, über das Empfundene der letzten Tage nochmals ausgiebig nachzudenken. Damit befasste er sich wohl mehr als notwendig auch mit den unangenehmeren Kontakten und Erlebnissen, die ihn ohnehin schon stärker belasteten. Vor allem, wenn er sich darüber nicht mit jemandem austauschen konnte, um es auf diese Weise vielleicht verarbeiten zu können.

Das war eindeutig das Richtige gewesen, sich Peter anzuvertrauen. Jetzt verstand er gar nicht mehr, weshalb er dies nicht schon vor Jahren getan hatte. Er fühlte sich heute deutlich leichter und freier.

Sollte er doch über seinen Schatten springen und, wie Peter es vorgeschlagen hatte, sich eine Freundin suchen? Sollte er vielleicht versuchen, den Kontakt mit Greta wieder zu aktivieren? Ihr zu zeigen, dass er nicht so ein Langweiler war, wie sie ihn sah? Aber irgendwas störte ihn an ihr, etwas in ihrer emotionalen Ausstrahlung hemmte ihn, war irgendwie nicht stimmig.

Verflixt noch mal, das war doch eigentlich gerade sein Hauptproblem. Ständig orientierte er sich an dem, was sein Gegenüber fühlte. Wie seine eigene Gefühlslage aussah, überging er einfach. So, als ob die Emotionen anderer seine eigenen Gefühle überlagerten. Das Empfinden anderer beeinflusste sogar seine persönliche Meinung und prägt sie ein Stück weit. Als ob seine Ansichten manipuliert würden, fühlte sich das an. Das störte und verunsicherte ihn. Vor diesem Hintergrund sperrte sich etwas in ihm immer stärker dagegen, eine engere Bindung mit einer Frau einzugehen. Sollte es eines Tages doch so weit kommen, dann müsste es sich aber wahrhaftig und echt anfühlen.

Auch wenn sich Thomas schwer damit tat, da musste er wohl noch tüchtig an seinem Gefühlsempfinden arbeiten. Immerhin hatte er den Eindruck, dass es aufwärtsging. Mal sehen, wie er diese emotionalen Einwirkungen irgendwie abblocken oder zur Seite schieben konnte. Dann würde sich seine Beziehungsbremse vielleicht auch lösen. Irgendwie musste es schon weitergehen, die Zeit wird es zeigen.

~ ~ ÷ ~ ~

Als Thomas den Weinshop betrat, meldete sich sein Handy. Er blickte auf die Anzeige. Ach, der Peter.

»Hallo, Peter!«, meldete er sich. »Du willst hoffentlich nicht absagen für heute Abend. Ich freue mich nämlich drauf.«

»Hallo, Tomas! Nein, auf keinen Fall, Christa und ich freuen uns auch sehr. Ich habe nur eine kleine Bitte. Ich hoffe, dass du den Wein noch nicht besorgt hast.«

»Grade eben bin ich in den Weinladen hinein gegangen. Du scheinst doch so etwas wie einen siebten Sinn zu haben«, grinste Thomas vor sich hin, »Also, was hast du auf dem Herzen. Einen besonderen Wunsch?«

»Ja, hab ich. Weißt du, ich hatte mir gedacht, weil es doch heute noch dermaßen warm ist, könnten wir ein leichteres Mahl zusammenstellen. Aber kein Fisch, Christa mag ja das Seegetier nicht wirklich. Zu einer leichten Speise passt ein würziger Weißwein viel besser als ein schwerer Roter, der uns bei diesem Klima doch nur stark zu Kopf steigen wird.«

»Du hast recht, da lasse ich mich doch gleich mal fachlich beraten. Da werd ich sicher etwas Gutes finden.«

»Super. Dann gibt es da noch was ...«, klang die Stimme von Peter nun zögernder.

»Ja, was denn?«

»Nun, wir sind heute Abend zu viert.« Peter sprach nicht sofort weiter, aber Thomas sagte nichts. »Es wird noch eine Frau da sein. Christa hat ganz überraschend eine alte Freundin von früher getroffen und hat sie kurzerhand eingeladen. Ich hoffe, das macht dir nichts aus. Du bist somit sicher kein fünftes Rad am Wagen, wie du gemeint hast. Oder bringst du doch diese Gerda mit?«

»Greta meinst du, nein. Ich hab dir ja gesagt, dass sie sich abgeseilt hat. Aber das ist kein Problem mit dieser Freundin von Christa.«

»Gut«, hörte Thomas einen erleichterten Peter. »Wer weiß, vielleicht passt dir ihre Aura und du bekommst Mut auf eine neue Beziehung«, frotzelte Peter und lachte.

»Du oller Kuppler, lass die Finger von solchen Spielchen. Wenn ich nicht will, kannst du gar nichts ausrichten. Aber ich lasse mich gerne überraschen. Wenn sie wirklich eine Freundin von Christa ist, kann sie ja eigentlich auch kein Drachen sein.«

»Super, dann besorge uns jetzt einen guten Wein. Bis heute Abend dann. Ich freue mich«, rief Peter nun wieder ganz aufgedreht und hängte ein.

~ ~ ÷ ~ ~

Vom Kirchturm gegenüber erklangen fünf Glockenschläge, als Thomas mit einer Tasche in der Hand an der Wohnungstür des Freundes läutete.

»Komm rein, es ist offen!«, ertönte von drinnen Peters Stimme. Thomas öffnete die Tür und trat ein.

Peter und Christa standen eifrig werkelnd an Rüsttisch und Herd. Thomas tippte den beiden auf die Schulter: »Hallo zusammen, hier kommt der Weinlieferant . Ich stelle die Flaschen in den Kühlschrank, dann ist er schön kühl zum Essen.« Er setzte die Tasche ab und versorgte die Weinflaschen.

»Grüß dich, mein Freund. Wir sind gleich soweit«, begrüßte ihn Peter.

»Erfreulich, dich wieder mal zu sehen«, Christa drückte ihm einen Kuss auf die Wange und meinte: »Du hast dich in letzter Zeit ziemlich rargemacht.« Sie zwinkerte ihm warmherzig zu.

Thomas blickte leicht verlegen zu Boden. »Man hat halt so seine Arbeit, die einem die Zeit stiehlt. Wie du ja weißt, bin ich kein großer Partyhengst. Schön, dich wieder mal zu sehen.« Er freute sich insgeheim einmal mehr über die herzliche Stimmungsaura von Christa. Etwas in der Art könnte ich mir bei einer künftigen Partnerin auch gut vorstellen, ging es ihm durch den Kopf.

»Komm, lenk meine Freundin nicht ab, die wird hier gebraucht. Nimm die Sektflasche aus dem Kühlschrank, der Kühlpott steht dort auf dem Tisch, und geh schon mal auf die Terrasse damit. Der Rest steht schon draußen. Wir kommen gleich nach«, forderte ihn Peter auf.

Thomas holte sich die Flasche und ulkte beim Verlassen der Küche: »Macht aber nicht zu lange, sonst müsst ihr eine zweite Flasche mitbringen.«

Auf der Terrasse stellte Thomas den Sekt auf den kleinen Tisch, auf dem die Gläser sowie allerlei Knabbereien bereitstanden. Einmal mehr genoss er die tolle Sicht von hier oben. Er war ja schon des Öfteren hier gewesen, aber die prächtige Lage dieser großen Terrasse im zweiten Stock überraschte ihn immer wieder. Über den ruhigen Hinterhof hinweg hatte man einen fast freien Blick auf den nahen Park. So richtig zum Ausspannen war es hier, vor allem an einem derart schönen Abend. Da beneide ich Peter darum, sinnierte Thomas, als er sich in den bequemen Korbsessel setzte.

Rechts vorne stand der große, stilvoll gedeckte Tisch. Thomas erkannte, dass hier Christas Hand am Werke gewesen war. Gleich hinten an der Außenwand gab es noch eine gemütliche Hollywoodschaukel. Einige große Blumentöpfe, geschickt verteilt, waren neu. Vermutlich ebenfalls auf Christas Einfluss zurückzuführen. Auch wenn die Frau bis jetzt immer nur besuchsweise hier war, bemerkte Thomas doch überall ihre Hand. Das ist schön, freute er sich für Peter.

Jetzt kamen Christa und Peter ebenfalls auf die Terrasse und setzten sich zu ihm.

»So, es ist alles bereit«, meinte Peter befriedigt und blickte auf die Gläser. »Aber du hast ja noch gar nichts getrunken. Komm, Flasche öffnen, wir sind durstig!«

»Ich musste erst mal wieder deine tolle Terrasse mit der schönen Aussicht bewundern«, entschuldigte sich Thomas, derweil er die Flasche entkorkte. »Und außerdem hattest du doch gesagt, dass noch jemand kommt.«

»Ja, diese Terrasse ist einer meiner Hauptgründe, warum ich so gerne hierher zu Peter komme«, bemerkte Christa mit einem schelmischen Lächeln.

»Ach, so ist das!«, konterte Peter sofort. »Der andere Hauptgrund ist dann wahrscheinlich die komfortabel eingerichtete Küche.«

»Dass du hier bist, ist natürlich auch sehr angenehm«, schäkerte Christa, kniff Peter leicht in die Nase und gab ihm einen zärtlichen Kuss.

»Also dann ihr Turteltauben, Prost und herzlichen Dank für die Einladung. Wenn ihr ungestört sein wollt, nur melden, ich bin dann sofort weg. Aber erst nach dem Essen, vorher lasse ich mich nicht vertreiben.«

Die drei Freunde prosteten sich mit ihren Gläsern zu.

»Eine alte Freundin, Barbara Berghoff, wird noch kommen. Sie hat noch einen Besichtigungstermin, bei dem sie nicht genau wusste, wie lange er dauern wird.«

In diesem Augenblick läutete die Wohnungsglocke. »Das wird sie wohl sein. Ich mach auf«, sagte Christa und ging Richtung Wohnungstür.

»Dann lassen wir uns mal überraschen, ich habe sie auch noch nicht kennengelernt«, meinte Peter. Aus der Wohnung hörte man die Stimmen der beiden Frauen, wie sie sich herzlich begrüßten. Dann trat Christa zusammen mit einer attraktiven Frau auf die Terrasse.

Thomas erhob sich höflich und musste sich zusammenreißen, die schöne Frau nicht anzustarren. Wow, was für eine tolle Erscheinung! Braunes, halblanges gelocktes Haar. Klare leuchtende, blaugraue Augen, edel geschnittenes Gesicht mit einem sinnlichen Mund, eine schlanke, wohlgeformte Figur. Für Thomas kam da eine Traumfrau daher. Hingerissen bemerkte er den ruhig fließenden, fast golden schimmernden Glanz über ihrem Kopf. Was ihm jetzt als Emotionswelle entgegenkam, war ganz einfach nur traumhaft. Mein Gott, darin könnte er sich mühelos versinken lassen. Thomas war völlig begeistert von dieser Frau.

»Das ist Barbara Berghoff«, stellte Christa die Frau vor. »Wir haben zusammen viele Jahre die Schulbank gedrückt, aber dann haben wir uns aus den Augen verloren. Erst vorgestern sind wir uns zufällig im neuen Kaufhaus am Marktplatz wieder begegnet.«

Peter stand jetzt ebenfalls auf, um Barbara zu begrüßen. »Ich bin Peter Winkler, der Hausherr und Christas Freund.« Er zeigte zu Thomas, der bewegungslos dastand. »Und das ist mein bester Freund, Thomas Feldmann. Ich schlage vor, wir sagen uns doch einfach du. Wir verzichten auf Förmlichkeiten. Einverstanden?«

»Ja, dann also: Hallo, Peter, guten Abend, Thomas«, grüßte Barbara mit einem warmen Lächeln, zu dem beim Anblick von Thomas eine leichte Verlegenheit hinzukam. Sie schüttelten sich gegenseitig die Hände.

Thomas hatte das Gefühl, als steckte ein Frosch in seinem Hals. Was für eine innige, erotische Stimme diese Frau hatte. Nach mehrmaligem Schlucken und mit einem verstörten Gesichtsausdruck bekam er doch noch eine Begrüßung heraus. »Gu... guten Abend, Frau Berghoff ... äh, nein, Barbara natürlich ... hakm ... entschuldige, ich ... ich habe mich an einem Nüsschen verschluckt«, versuchte er, sein Gestammel zu begründen.

Peter amüsierte sich über seinen fassungslosen Freund, kam ihm aber rasch zu Hilfe: »Komm Barbara, sei herzlich willkommen und setz dich hier neben Christa. Nimmst du auch ein Glas Sekt?«

Peter stellte ein Glas vor sie hin. Barbara nickte zustimmend und blickte danach sogleich etwas verlegen auf ihre Hände und bemerkten deshalb nicht, dass Christa und Peter sich beim Anblick der beiden verwirrten Freunde nur mit Mühe ein Schmunzeln verbeißen konnten.

Nachdem sich alle gesetzt hatten, entstand eine kurze Verlegenheitspause. Thomas sah betreten auf sein Glas, ärgerte sich ungemein, dass er sich dermaßen trottelig benommen hatte. Wie ein Erstklässler vor dem Herr Lehrer. Was soll das, ich bin doch kein grüner Junge mehr, der noch nass hinter den Ohren ist. Da habe ich mich ja gleich ganz tüchtig blamiert, ärgerte er sich. Diese Barbara wird sich insgeheim köstlich amüsieren über meine unbeholfene Dümmlichkeit, nicht mal ein paar wenige Begrüßungsworte fließend herauszubringen. Ich muss mich zusammenreißen.

»Und, hast du dich schon etwas eingelebt in unserer Stadt?«, brachte Christa das Gespräch in Gang. Zu den anderen gewandt: »Barbara ist erst seit zwei oder drei Wochen hier.«

»Ja, seit gut zwei Wochen«, bestätigte Barbara. »Ich habe zwar noch nicht sehr viel gesehen, aber das Wenige hat mir doch gut gefallen. Ich muss mich jetzt erst mal in meine neue Arbeit einfinden und dann auch noch eine Wohnung suchen.«

Was für ein schönes Timbre ihre Stimme hatte, da könnte ich stundenlang zuhören, schoss es Thomas wieder durch den Kopf.

»Dann hast du, bevor du herkamst, noch eine Wohnung besichtigt?«, versuchte nun Thomas, sein vermurkstes Image wieder aufzubessern.

»Ja, eine sehr schöne, ich hoffe, dass ich sie bekomme. Ich muss jetzt noch ein paar Tage warten, bis ich Bescheid bekomme. Der Vermieter will sich erst noch zwei weitere Interessenten ansehen. Aber er hat mir praktisch so gut wie zugesagt.«

»Aber wo wohnst du denn bis dahin?«, fragte Thomas neugierig. Er hatte sich etwas gefangen.

»In einer einfachen Pension. Aber das Leben aus dem Koffer ist nicht wirklich meins. Für länger wäre es mir auch zu umständlich, ganz abgesehen von den Kosten.«

»Falls du Hilfe brauchst beim weiteren Suchen oder beim Wohnungseinzug, sag’s ohne Hemmungen, ich könnte dir helfen«, bot ihr Thomas an.

»Oh danke, da komme ich gerne darauf zurück. Ich kenne ja hier bisher noch niemanden, außer euch Dreien jetzt.«

»Und falls du mal Lust auf eine Stadtführung hast, stehe ich gerne zur Verfügung. Ich kenne mich aus in dieser Stadt, bin ja hier aufgewachsen«, ergänzte Thomas eifrig.

»Du bist vorgemerkt, komme auch bei Gelegenheit darauf zurück. Aber erst mal hat jetzt meine neue Anstellung Priorität und natürlich eine Wohnung.«

»Was machst du denn in diesem Kaufhaus? Bist du Verkäuferin?«, ließ Thomas das Gespräch nicht aus den Händen.

»Nein. Ich arbeite im Backoffice, ich bin gelernte Einkäuferin.«

Thomas und Barbara schienen völlig vergessen zu haben, dass sie nicht allein waren. Sie hatten nur noch Augen füreinander.

»Nur um es klarzustellen«, meldete sich nun Christa energisch zu Wort. »Peter und ich sind auch noch da. Barbara ist meine Freundin und heute Abend mein Gast. Du machst sie ja ganz konfus mit deinen vielen Fragen, Thomas.«

Die beiden lehnten sich leicht beschämt zurück. Sie hatten sich offensichtlich schon ganz aufeinander eingestellt.

»Sorry, ihr zwei, auch dass ich dich, Barbara, so mit meinen neugierigen Fragen überfallen habe«, entschuldigte sich Thomas sofort. »Ich bin heute anscheinend kein sehr höflicher Gast. Ich reiß mich jetzt zusammen und halte mich zurück«, meinte er und blickte geknickt zu Barbara.

»Aber nur ein bisschen.«

Sie lächelte ihm herzlich, ja fast vertraulich zu.

Nun musste Thomas sich aber abwenden. Was da an Emotionen zu ihm überschwappte, haute ihn wahrlich fast vom Stuhl. Diesem Ansturm war er nicht gewachsen, noch nicht. Ganz einfach atemberaubend. Es kam überhaupt nicht dagegen an, es oder besser eigentlich sie, fühlte sich schlichtweg gewaltig, gigantisch an.

»Du brauchst dich gar nicht zu entschuldigen. Dein Interesse tut mir gut, ich finde es schön, hier neben Christa weitere sympathische Menschen kennenzulernen.« Wow, schoss es Thomas wieder durch den Kopf, während er Barbara kurz ins Gesicht schaute, sie ist so herrlich direkt, so unkompliziert. Das gefällt mir.

Peter räusperte sich: »Ja ... dann sollte ich mal nach dem Essen sehen. Kommst du mir helfen, Thomas?«, überspielte Peter die eintretende Pause und blinzelte ihm heimlich zu. An die Frauen gewandt fuhr er weiter: »Die Damen könnten ja schon mal zum Esstisch wechseln und einstweilen alte Erinnerungen auffrischen. Wir bringen dann die Vorspeise, wenn wir so weit sind.«

»Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Komm mit Barbara, verwöhnen ist angesagt. Nimm dein Glas, wir machen Platzwechsel«, kam es von Christa und erhob sich. Die beiden Männer standen ebenfalls auf und marschierten ab in Richtung Küche.

Kaum in der Küche angelangt, drehte sich Peter zu Thomas. »Hallo, mein Freund, da ist aber was in dich gefahren. So kenne ich dich gar nicht, so fahrig und aufgelöst. Mir scheint, diese Barbara hat dich ganz schön vom Sockel gehauen.«

Thomas strich sich mit der Hand über das Gesicht. »Das kannst du laut sagen. Diese Frau hat eine Ausstrahlung, die haut mich total um.«

»Sie sieht wirklich gut aus, kommt sehr sympathisch rüber. Das sieht man auch, ohne deine besonderen Fähigkeiten zu besitzen.«

»Ich finde sie bildhübsch, erfrischend direkt und herzlich. Vielleicht schwebe ich jetzt gerade ein wenig in den Wolken, aber ich spüre ganz deutlich, dass sie etwas ganz Besonderes ist. Ich weiß jetzt gar nicht, was ich machen soll. Wenn ich sie ansehe, rauscht es derart durch mich hindurch, dass ich mich kaum beherrschen kann, sie nicht einfach anzufassen, zu streicheln oder gar zu küssen. Sorry, ich klinge wahrscheinlich ganz schön einfältig, so gar nicht männlich überlegen, aber ich kann nicht anders. Ich möchte sie am liebsten pausenlos anstarren, aber ich stehe das nicht durch. Ich muss zum Entspannen wegsehen. Aber dann denkt sie womöglich, ich sei unhöflich oder würde mich langweilen. Sie sei nicht interessant genug für mich. Dabei ist es doch gerade umgekehrt. Bitte, hilf mir, Peter!«

»Ich möchte ja gerne, aber da kann ich dir leider kaum wirklich helfen, Thomas. Das musst du schon selbst in den Griff bekommen. Versuche, dich etwas herunter zu holen. Benutze deinen sachlichen, logischen Verstand. Vielleicht kannst du diese Gefühlsausstrahlungen von Barbara etwas abbremsen, in Grenzen halten. Genieße jetzt einfach den Abend mit dieser bezaubernden Frau. Danach schläfst du erst mal ordentlich zwei, drei Nächte darüber. Und dann diskutiere ich gerne mit dir, wie du fortfahren könntest.«

»Aber ich mache mich heute Abend sicher zum Trottel, so nervös, wie ich bin. So verkorkse ich mir alles, was vielleicht werden könnte zwischen uns.«

»Komm jetzt erst mal runter. Trink einen ordentlichen Schluck Wein, das lockert dich vielleicht ein wenig auf.«

»Diese verdammte Scheißantenne, die ich da habe, verdirbt mir noch mein ganzes Lebensglück.«

»Das passiert jedem, der vom Blitz der Liebe getroffen wird. Hör jetzt auf zu jammern«, herrschte Peter ihn an. »Hilf mir besser mal, die Vorspeisenteller bereitzustellen. Dann können wir endlich mit dem Essen beginnen. Hol bitte vier Teller aus dem Küchenschrank und stell sie hier auf den Tisch, dann können wir die Honigmelone und den Räucherschinken anrichten. Dann noch den Wein öffnen und es kann losgehen.«

Zur gleichen Zeit sprachen die beiden Frauen draußen auf der Terrasse mit gedämpften Stimmen. Sie genossen es, dass sie sich wieder getroffen hatten, und schwelgten in Erinnerungen. In einer Gesprächspause sah Barbara kurz zur Terrassentür, dann wieder zu Christa. Mit gesenkter Stimme meinte sie: »Bevor die Männer wieder herauskommen. Sag mal, kennst du den Thomas schon länger?«

»Eigentlich schon so lange, wie ich den Peter kenne. Warum fragst du?«

»Er ist ein anziehender, liebenswürdiger Mann und sieht gut aus. Ist er in einer Beziehung?«

»Hallo, du willst es aber wissen! Nicht, dass ich wüsste. Er arbeitet sehr viel und hat aber sonst irgendwie ein wenig Probleme im Umgang mit Menschen. Mit Frauen, die er mag, ganz besonders. Ich weiß aber nicht, weswegen. Wenn es dich interessiert, kann ich ja mal versuchen, dem Peter ein paar Würmer aus der Nase zu ziehen. Sie sind nämlich alte, ganz dicke Freunde.«

»Nein, nein, musst du nicht. Ich frage mich eben nur, warum er so schüchtern und verkrampft immer irgendwohin schaut. Kaum hat man einen kurzen Moment Blickkontakt gehabt, schon geht sein Blick wieder woanders hin. Das passt irgendwie so gar nicht zum übrigen Verhalten von ihm. Auch wenn er zu Anfang doch etwas aus der Rolle gefallen war«, hängte sie den letzten Satz schmunzelnd an.

»Das hast du richtig bemerkt. Das ist so eine komische Verhaltensart, die er schon immer hatte, mal mehr mal weniger. Vor allem, wenn Frauen zugegen sind. Ich habe auch keinen Reim darauf. Peter sagte mir einmal, dass er ihn nie anders gekannt hätte. Davon abgesehen ist er aber ein sehr guter, verlässlicher Freund. Hilfsbereit und ehrlich. Eigentlich ein richtiges Schnäppchen für eine Frau, wenn eben diese Marotte nicht wäre«, endete Christa mit einem Grinsen.

»Also ich muss schon sagen«, sprach nun Barbara ihre Gedanken laut aus, »ich bin ja nicht die Frau, die sich unbedacht in oberflächliche Abenteuer stürzt. Da bin ich mir, ohne jetzt überheblich sein zu wollen, zu schade dazu. Aber bei diesem Thomas, da ist so etwas, was mich reizt und fesselt, mich leichtsinnig machen könnte.«

»Dann lern ihn doch näher kennen. Nimm seine Hilfsangebote an. Wenn ihr zusammenkommen würdet, würde mich das mehr als nur freuen. Ich drücke dir beide Daumen, dass ...«

»Tatütata!, hier kommt die erfrischende Vorspeise à la Peter, verfolgt von einem wundervoll aromatischen, kühlen Wein aus dem Hause Thomas.«

Peter zelebrierte das Auftragen der Vorspeise und stellte die schön angerichteten Teller vom Tablett auf den Tisch, während Thomas die Gläser mit dem goldgelben Wein zu füllen begann.

»Der Wein kommt aus deinem eigenen Hause?«, staunte Barbara.

»Oh nein, ich habe ihn nur ausgesucht, beziehungsweise vom Weinhändler aussuchen lassen.« Thomas war froh, dass er einen legitimen Grund hatte, Barbara nicht anzusehen, sondern sich darauf konzentrieren musste, nicht daneben zu schütten. »Ich achte immer nur sehr darauf, dass es bei Peter einen trinkbaren Wein gibt. Wenn man es ihm überlässt, kann man nämlich nicht sicher sein, ob es sich nicht um einen leidlich guten Weinessig handelt.«

Er duckte sich schnell weg vor Peters ausholender Hand. Alle lachten.

Während des Essens wurde die Stimmung deutlich gelöster, sogar Thomas gab sich, dem Rate des Freundes folgend und dem Wein zusprechend, allmählich zwangloser. Es wurde ein langer vergnügter Abend für alle. Erst weit nach Mitternacht verabschiedeten sich Thomas und Barbara in entspannter Stimmung und machten sich gemeinsam auf den Heimweg.

~ ~ ÷ ~ ~

Als Thomas am späten Sonntagmorgen beim Frühstück saß, dachte er voller Freude an den vergangenen Abend zurück. Barbara und er hatten sich ein Taxi gerufen, da sie auf der anderen Seite der Stadt wohnte. Unterwegs war er dann ausgestiegen und sich artig, aber herzlich, mit Küsschen auf beide Wangen, von Barbara verabschiedet. Sie hatten ihre Handynummern ausgetauscht. Jetzt hoffte Thomas, dass Barbara ihn wirklich um Hilfe bitten wird, oder mindestens einfach so mal anrief. Er hatte sich vorgenommen, sie anzurufen und nachzufragen, ob sie gut nach Hause gekommen war, falls sie sich bis zum Abend nicht gemeldet hatte. Thomas fühlte sich sauwohl. Er könnte Bäume ausreißen. Dabei hatte er dem Wein doch ganz schön zugesprochen. Eine supertolle Frau, diese Barbara. Christa und Peter hatten alles dafür getan, dass er sich nicht noch weiter vor Babs blamierte. Ja Babs, so nannte er sie jetzt heimlich. Sie ist seine absolute Traumfrau.

Eigentlich war Thomas alles andere als ein Handyfreak. Für ihn war es ein praktisches Werkzeug, mit dem er bei Bedarf rasch jemanden anrufen konnte, oder für seine Freunde schnell erreichbar war. Doch an diesem Tag verhielt er sich wie ein Kommunikationsjunkie. Schon zahllose Male hatte er das Handy herausgeklaubt und nachgesehen, ob er einen Anruf oder eine SMS verpasst hatte. Aber nichts tat sich. Niemand hatte ihm etwas zu berichten, vor allem nicht die wunderbare Babs. Sie hätte sich doch melden können, dass sie gut nach Hause gekommen war, dass es ihr gestern Abend gefallen hatte oder was auch immer.

Unruhig lief er im Wohnzimmer hin und her und überlegte pausenlos, ob er sie einfach anrufen sollte. Sie getraute sich womöglich nicht, dachte vielleicht, dass es sich für eine Frau nicht schickt, den ersten Schritt zu tun. Aber sie schien doch eher eine modern denkende Frau zu sein.

Doch dann verließ ihn sein Mut wieder und er rief nicht an, wollte nicht aufdringlich erscheinen. Er wurde immer unruhiger. Wie ein verliebter Teenager lief er hin und her. Aber er wollte doch Gewissheit haben, ob es ihr gut geht, ob sie gut nach Hause gekommen war.

Als Thomas sein Abendessen zubereitete, hatte er noch immer keinen Anruf erhalten. So beschloss er, Peter anzurufen, ob der vielleicht etwas gehört hatte, und wählte die Nummer des Freundes.

»Winkler, wer stört meine Sonntagsruhe?«, erklang Peters Stimme gespielt mürrisch. Peter hatte vermutlich auf dem Display gesehen, dass es Thomas war.

»Hallo Peter, ich bin es. Um diese Zeit solltest du aber längst ausgeschlafen sein«, witzelte nun Thomas ebenfalls. »Hör mal, hast du oder Christa heute etwas von Barbara gehört?«

»Ach, um die tolle Barbara geht es! Nein, ich habe nichts gehört, aber warte mal, ich frage Christa.« Einen Moment blieb es ruhig, dann meldete sich Peter wieder: »Nein, sie hat auch nichts gehört, aber Christa kann dir die Handynummer geben, wenn du willst.«

»Brauche ich nicht. Die habe ich ja. Ich ...«

»Warum rufst du dann mich an?«, unterbrach ihn Peter. »Das darf doch nicht wahr sein. Ruf sie an!«

»Ich weiß nicht. Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen.«

»Ruf sie an! Ich glaub’s ja nicht. Du verhältst dich wie ein Schuljunge, der zum ersten Mal gemerkt hat, dass es zwei verschiedene Arten von Menschen gibt.«

»Ich möchte ja nur wissen, ob sie gestern gut nach Hause gekommen ist. Meinst du, das ist zu aufdringlich?«

»Nein! Ist es nicht. Bestimmt wartet sie ebenfalls auf deinen Anruf und ist traurig, dass sie nichts von dir hört.«

»Gut, wenn du meinst. Dann rufe ich sie jetzt an.«

»Tu das, du verknallter Hammel! Und bestell ihr schöne Grüße von Christa und mir«, sagte Peter mit amüsierter Stimme.

Mit zittrigen Fingern und pochendem Herzen wählte Thomas die Nummer von Barbara. Er stand auf und ging durch den Raum. Gespannt horchte er auf das Rufzeichen. Tausend Gedanken schwirrten durch seinen Kopf. Hoffentlich empfand sie es nicht als aufdringlich.

»Berghoff?«, ertönte die melodische Stimme von Barbara. Thomas fuhr es wie ein Stromschlag durch den Körper. Er stand vom Sessel auf, in den er sich soeben gesetzt hatte, und begann, wieder im Wohnzimmer herumzugehen.

»Hier ... hier ist Feldmann, ... der Thomas«, meldete er sich.

»Oh, hallo Thomas. Schön dich zu hören. Wie geht es dir?«, kam die Stimme Barbaras noch um ein Stück wärmer aus dem Lautsprecher.